Nr. 15 Erscheint tSgkkch außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kesstschen Landwirt die Siebener Zamtlien- Nätter viermal in der Woche beigelegt. Notationsdruck u. Verlag der Brüh l'schen Unioers.-Buch- u.Stein- druckerei lPietsch Erben) Nedaktion, Expedition und Druckerei: Schulstratze 7, Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. FernsprcchanschlnßNr.bl. Erstes Blatt. 152. Jahrgang Samstag 18. Januar 1903 _ Bezugspreis: Je, 'Tg'T Ä monalllch7bPf.,viertel- Gießener Anzeiger W F General-Anzeiger w äsl-jä. v für den pont. u. allgem. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW *9 zeigenteil: Hans Beck. Bekanntmachung. ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Dnrchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Äuf' schlags von Fünf vom Hundert pro Monat Dezember 1901 für den Licferungsverband Gießen pro 100 Kg. betragen: Hafer Mk. 17,40, Heu Mk. 10,00, Stroh Mk. 7,90. Gießen, den 16. Januar 1902. Großherzogliches Kreis amt Gießen. v. Bechtolds Bekanntmachung. Der von mir unterm 14. ds. Mts. (Gießener Anzeiger Nr. 12) curgekündigte Vortrag des Herrn Oekonomierats Leithiger zu Alsfeld wird am Dienstag dem 21. d. Mts., nachmittags 2x/2 ttfjfc, in der Konrad Düringer'schen Wirtschaft zu Ober- Hörgern abgehalten werden. Gießen, den 17. Januar 1902. Der Direktor des Kreiszuchtvereins Gießen. ________________Dr. Heinrichs._________________ Bekanntmachung. Christian Ferber in Gießen hat die Konzession als Dienstmann mit der Nr. 15 erhalten. Gießen, am 16. Januar 1902. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Hechler. Parlamentarisches aus Hessen. Der Zweiten Kaan m er der Land stünde ist wieder eine Anzahl neuer Zuschriften zugegangen. Zum Antrag des Abg. Kööhler (Langsdorf), betreffend Umgestaltung der ländlichen Fortbildungsschulen zu Acker- b a u - V o r s ch u l e n, liegt das Gutachten eines hessischen Volksschullehrers über die Erteilung landwirtschaftlichen Unterrichts in den ländlichen Fortbildungsschulen vor. Wie der „Gieß. Anz." bereits mitteilen konnte, sind in Langsdorf bereits nach dieser Richtung hin Anfänge gemacht worden stnd weitere Versuche stehen bevor. Eine Vorstellung des Vereins der Dentisten des Großherzogtnms wünscht, daß durch das neu zu erwarterrde Gesetz, die Standesordnung und die Ehrengerichte für die Aerztc des Großherzogtums betr., die Möglichkeit gegeben werde, daß Aerzte mit Dentisten zusammen Behandlung von Zahnt'id.nden übernehmen dürfen. Sie nehmen darin Bezug auf die geringe Zahl von Zahnärzten im Lande, und verwahren sich dagegen, mit der Kurpfuscherei in einen Topf geworfen zu werden. Zu dem Antrag der Abgg. Ulrich und Genossen betreffend die Eisenbahutarife der preußisch-hessischen Gemeinschaftsverwaltung beantragt die eine Hälfte des vierten Ausschusses über den Antrag zur Tagesordnung überzugehen. Die andere Hälfte des Ausschusses beantragt: Die Kammer wolle an die Regierung das Ersuchen richten: 1. in der preußisch-hessischen Gemeinschaftsverwaltung eine die Ver- biUigung des Verkehrs bezweckende Reform der Personentarife in Anregung zu bringen; 2. dahin zu wirken, daß die Sonn tags fahr kart en im früheren Umfange wieder ausgegeben und die Schülerfahrkarten zu den früheren mäßigen Preisen zur Ausgabe gelangen; 3. dafür einzutreten, daß den Arbeitern, insbesondere auch zum Zwecke der Arbeitsvermittelung, eine möglichst große Fahrpreisermäßigung gewährt werde. Zum Antrag des Abg. Schönberger betreffend Artikel 88 des Gesetzes vom 17. Juni 1899, die Ausführung des Bürgerlichen Gesetzbuches beantragt der vierte Ausschuß, die Kammer wolle die Regierung um Einbringung einer Gesetzesvorlage ersuchen, durch welche an Stelle des Artikel 88 Nr. 2 des heffischen Ausführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch folgende Bestimmung gesetzt wird: 2) auf Bäume und Sträucher eines Grundstücks, das zur Zeit des Erlasses des hessischen Gesetzes vom 23. Januar 1861 mit Wald bestanden ist, soweit die herüberragenden Zweige sich mehr als 3,75 Meter über den Boden befinden, jedoch nur bis zur nächsten Verjüngung des Waldes. Der Antrag des Abg. Schönberger soll für erledigt erklärt werden. Die Vorstellung der Gemeindevertretung von Dieburg betreffend die Errichtung eines Amtsgerichts daselbst hat keine Gnade vor den Augen des vierten Ausschusses! gesunden. Mit der Arbeitslosenfrage hat sich der Vierte Ausschuß infolge des Antrags der Abgg. Ulrich und Gen. eingehend beschäftigt. Der Ausschuß hat von der ganzen einschlägigen Litteratur usw- Kenntnis genommen und steht namentlich dem im Reichstage vingebrachten Antrag der Abgg. Rosicke-Dessau und Dr. Pachnicke sympathisch gegenüber, der den Reichskanzler ersucht, eine aus Vertretern der verbündeten Regierungen, aus Mitgliedern des Reichstags und sonstigen auf diesem Gebiete erfahrenen Männern zusammengesetzte Kommission zur Prüfung der bisher von Berufsvereinen, einzelnen Unternehmern und Gemeinden gegen die Folgen der Arbeitslosigkeit geschaffenen Ver- sicherunaen einzusetzen. Gleichzeitig soll die Kommission Vorschläge zur zweckmäßigen Ausgestaltung dieses Versicherungszweiges machen. Man darf, so meint der Ausschuß, erwarten, daß der Reichstag diesen Antrag annehmen wird, und die Sache der verbündeten Regierungen wird es dann sein, dem Reichstage auf diesem Wege zu folgen. Es liegt daher für die Hess. Kammer um so mehr Veranlassung vor, der Großh. Regierung die Prüfung dieser Frage zu empfehlen. Der Ausschuß stellt daher folgenden Antrag: 1. Hohe Zweite Kammer wolle die Großh. Regier- una ersuchen, der durch die rückläufige Konjunktur unserer Industrie hervorgerufenen Arbeitslosigkeit fortgesetzt ernsteste Aufmerksamkeit zu widmen und alle " zur Milderung des Mißstandes erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, erforderlichen Falls den Ständen entsprechende Vorlage zu machen. 2. Hohe Zweite Kammer wolle die Großh. Regierung ersuchen, in Erwägung zu ziehen, welche Mittel seitens des Reiches oder des Landes zwecks dauernder wirksamer Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und ihrer Folgen anzuwenden sind, insbesondere auf sachgemäße Ausgestaltung der Arbeiter st atr st it und der kommunalen Arbeitsnachweise, sowie auf Einführung einer Versicherung gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit Hinzuwirten und ihrem Bundesratsbevollmächtigten die dieserhalb erforderlichen Instruktionen zu geben. 3. Den Antrag der Abgg. Ulrich und Genossen für erledigt erklären. Ein neuer Antrag des Abg. Ulrich wünscht den Bau eines Gymnasiums in Offenbach. Der Hteichseisenvayngedanke. Fortsetzung. Die Erträgnisse der Eisenbahnen aber hängen, wie die Erfahrung lehrt, aufs engste mit den wirtschaftlichen Konjunkturen zusammen. Das Auf- und Absteigen der Kurven des wirtschaftlichen, namentlich des industriellen Lebens lassen sich ohne weiteres und ohne Schwierigkeiten aus der Finairzstatistik der Eisenbahnen ablesen. Die wirtschaftlichen Konjunkturen aber nehmen an unvermitteltem Auf. und Absteigen mit zunehmendem großkapitalistischen Betriebe zu und führen, zumal in einem Lande, wo wie in Deutschland so stark mit kreditiertem Kapital in den Großbetrieben gearbeitet wird, zu einem raschen Wechsel von Hausse und Krisis. Die großkapitalistische Wirtschaftsordnung — das läßt sich einmal nicht leugnen — mit ihrer Produktion und chrem Absatz auf riesenhafte Weltmärkte, unterstützt durch den zunehmenden Protektionismus der Großindustriestaaten, zeitigt einen gewissen regellosen, ja anarchistischen Zustand. Man wird das bedauern können, aber nicht ändern; denn es liegt in der Natur der Sache. Das einzig Regelmäßige in diesem Zustande ist der Wechsel von Hausse und Baisse, von Hochkonjunktur und Absatzkrisis. Diese Regelmäßigkeit ist eine so augenfällige, daß es nationalökonomische Autoren gab, die sich verführen ließen, eine gleichsam mechanische (zehnjährige) Periodizität wenigstens in den Produktions- krisen zu konstruieren. Das sind natürlich wertlose Spiele- reien, die schon um deswillen unbrauchbar sind, weil sie auf Zufälligkeiten beruhen und ganz verschiedenartige Typen von Krisen gleichartig behandeln. Will man das Auf- und Absteigen der wirtschaftlichen Konjunktur in solche feste Regeln mit einer gewissen Glaubenszuversicht bringen, so läge es eigentlich noch näher, an die Träume Pharaos! im 1. Buche Mose, die eine siebenjährige Periodizität verkünden, anzuknüpfen. Doch, Scherz bei Seite! Jedenfalls ist soviel gewiß und offensichtlich, daß wir in gewissen Zeiträumen mit Krisen von mehr oder minder verheerender Wirkung, die mehr oder minder auch einen allgemeinen Wirtschaftscharakter annehmen, zu rechnen haben. Soweit die Hausse und der darauf folgende Rückgang und die Stagnation nicht alle Erwerbszweige gleichmäßig und gleichzeitig erfassen, so sind wenigstens in den einzelnen großen Industrie grupp en analoge Kurven zu verfolgen. Gießener Stadtchcater. Goethes „Faust", erster Teil. Das Lebenswerk Goethes, dessen Entstehung in den brausenden Jugendjahren begann, das den Mann durch die Jahrzehnte der Reise hindurch geleitete und von dem Greise seinen Abschluß und seine letzte Weihe erhiell, hat dem Dichter, seitdem es gedruckt ist, die Liebe und Verehrung der Welt erworben. Für uns ist es mehr als ein Werk eines Dichters; cs ist für uns etwas wie dre Verkörperung der deutschen Volksseele. Alle chre Züge finden wir hier wieder. Alles, was unser Leben bewegt, was in unserer inneren Ent- wickelung mitspricht, hier sehen wir es in wundervollem Bilde. Die inneren Kämpfe, die wir mit uns auszufechten haben, unser Hoffen und Sehnen, unser Irren und Zweifeln i— hier wirst es uns ein blanker Spiegel llar und treu zurück. Es gicbt kaum eine Situation, eine Wendung in unserem Erdengange, wo wir nicht in dieser Dichtung den höchsten Ausdruck für das finden können, was unser Herz bewegt. Man hat den Faust eine „weltliche Bibel" genannt. Und mit Recht. Denn wie die Worte des heiligsten Buches, so sprechen seine Verse zu jedermann im Volke, zum Höchsten wie zum Niedrigsten, gleich ergreifend, dem einfachen Menschen durch die schlichte poetische Schönheit die Seele packend, dem Welterfahrenen und dem Denker eine reiche Fülle köstlicher, höchster Wahrheit offenbarend. Neun Wochen vor des Dichters 70. Todestage präsentierte sich uns am Freitag die Aufführung des Hauptstückes der Faust-Tragödie, die mit all ihrem grenzenlosen Gehalt und Tiefsinn wieder einmal die Herzen aller Hörer zwingt. Die Tragödie gliedert sich innerlich in fünf Teile: den Doppel-Vrolog und die vier Phasen im Leben Fausts, die durch die Worte Weltschmerz, Sinnenlust, Künstlerschaft, Gemeinwohl und Ende sich kennzeichnen lassen. Die Bühnenbearbeitung, auf die die Wahl unseres Spielleiters Herrn G e r l a ch fiel, gab uns von der Dichtung das Faustmonodrama und die Gretchentragödie. Vielleicht entschließt man sich im Anschlüsse daran, nach den großen Mühen dieser Einstudierung, nun auch zur Aufnahme des Doppelvorspiels und von Fausts Ende ins dieswiüterliche Repertoire, etwa in der Devrientschen oder L'Arrongeschen Bühneneinrichtung, unter Verteilung des ganzen Dramas auf drei Abende. Eine respektable Gretchen-Darstellerin hätten wir jedenfalls in unserem Frl. Hohenfels. Gestern traten wir ohne das „Vorspiel auf dem Theater" und ohne die feierliche Eingangspforte des „Prologs im Himmel" gleich in das eigentliche Werk hinein, in jenes uns allen so wohlvertraute poetische Wunderwerk, das mit dem Faustmonodrama beginnt. Nun ist frellich das szenische Bild, das malerisch Bckdliche, die Oertlichkeit, der räumliche Um- und Ausblick bei kaum einem anderen Drama für die Bühnenwirkung so wesentlich, wie gerade beim „Faust", wo alles örtlich empfunden ist und das Bild der jeweiligen Lokalität mit der seelischen Stimmung auf das Allerengste zusammenhängt. Selbst die Gedankenprozesse des Faust sind anschaulich oder knüpfen an Anschauungen an, und gleich in seinem Studierzimmer in Wittenberg spüren wir jene ganz unvergleichliche poetische Raumempsindung, aus der Goethe Bilder von unvergänglichem malerischen Reiz gestaltete. Hier haben wir ja in szenischem Betracht nichts Besonderes zu gewärtigen und nur dankbar anzuerkennen, daß die Dekoration dieser Zelle ein charakteristisches Bild dieses „dumpfen Mauerlochs" gewährte. Dann aber kommt die wundervolle Landschaftsdichtung der Szene vor dem Thore am Ostertag, wo der Blick über das Gewimmel schweift, das „aus dem hohlen, fünftem Thor" dringt — eme Landschaftsdichtung, die an malerisch-poetischer Weite des Horizonts wohl in keiner Litteratur ihres Gleichen hat. Hier sind unsere Bühnenverhältnisse gegenüber dem Phantasiebild, das Goethe vor unser inneres Auge gezaubert hat, unzulänglich. Aber vielleicht ließe sich doch auch hierzu etwas mehr und Besseres geben, wenn man die vorgeschlagene Tellung auf drei Abende zur Ausführung brächte. Keiner der drei Abende würde dann eine so unheimliche Zeitdauer erfordern, wie der gestrige Theaterabend, der erst lange nach Mitternacht sein Ende nahm, man könnte der Ausgestaltung der einzelnen Szenen eine liebevollere Sorgfalt widmen und brauchte nichr gar so sehr an dem Goetheschen Worte die Bereitwilligkeit des Regie-Rotstiftes auszunützen. Nachdem Faust und Mephisto die enge Zelle in Wittenberg verlassen haben, folgen zwei Szenen, die gewissermaßen zwischen das Faustmonodrama und die Gretchentragödie als Intermezzi sich einschieben: die Szene in Auerbachs Keller und die in der Hexenküche. In der ersteren ist der Schau- > platz von Wittenberg nach Leipzig verlegt. Für den weltberühmten Keller haben wir eine Dekoration, durch die dem Saufgelage des Studentenquartetts ein nicht übler Rahmen geschaffen ist. Und dieses Quartett war auch nicht Übel. Der dicht besetzten Galerie schien es sogar mehr als alles Uebrige zu gefallen. Die Herren Ramseyer, Woisch, Sandor und Zoder zechten und randalierten mit urkräftigem Behagen, sodaß die feuchtfröhliche Wirkung der Szene voll erreicht wurde. Freilich that man nach meinem Empfinden ein wenig mehr an „kannibalischer Wohligkeit" als nötig; es giebt auch eine feinkomische Drastik. Der Szene in der Hexenküche fehlte der rechte Zauber- und Gespensterspuk. Der wüste Hokuspokus blieb steif und gezwungen, sodaß das rechte Hexenelement nur dürftig zur Geltung kam. Auch hier läßt sich an charakteristischer und malerischer Wirkung leicht etwas mehr machen, durch wolfsschluchtartige Dekoration, durch Verdüsterung der Szene, gelegentliche grelle Lichteffekte :c. Und nun kam die Gretchentragödie. Man trat an diesen rührendsten Teil des Werkes um 1/211 Uhr heran, 2j/2 Stunden nach dem Beginne der Vorstellung. Gretchen! Ter Inbegriff aller zarten Weiblichkeit ist für uns in dieser Gestalt verkörpert. Selbst heute noch, da das Frauenideal allmählich ein anderes zu werden beginnt und die scheue Hilflosigkeit, die hingebungsvolle Schüchternheit nicht mehr als notwendiges Ingrediens der Jungfräulichkeit gemeinhin angesehen zu werden pflegen, selbst heute noch übt dies in seiner Einfachheit und Beschränktheit so liebenswerte Geschöpf einen Zauber auf uns aus, dem sich schwerlich jemand entziehen kann. Friederikens Bild, tief in der Seele des Dichters haftend, findet sich hier in poetische Form gegossen, verklärt und zum Typus des schlichten, lieblichen Bürgermädchens erhoben, das mit seinen unschuldigen Kinderaugen und seinen arbeitsharten kleinen Händen durch die Straßen wandelt wie eine Mensch gewordene taufrische Hagerose. Unser Gast, Frl. Franziska Hesse vom Stadttheater in Stettin, hatte mit ihrem Gretchen bei uns einen großen Erfolg. Frl. H. hat eine schlanke, biegsame Figur. Sie ist für ein Jdeal-Grethchen — wo findet man das überhaupt auf unseren deutschen Bühnen! — ein wenig zu groß und auch nicht mehr jugendlich genug. Aber sie hat ausdrucksvolle Züge und vor allem viel Empfindung. Was das Beste an Ich will nur ein Beispiel erwähnen: Am Schluß des vergangenen Jahrhunderts standen wir unter dem Zeichen einer überraschend glänzenden Konjunktur. Sie zeigte sich auf fast allen industriellen Gebieten. Eine Ausnahme in der Aufwärtsbewegung machte die Textilindustrie. Die Periode der Prosperität wurde durch eine Krisis, in deren Mittelpunkt wir noch jetzt stehen, abgelöst. Ob ihr Höhepunkt bereits überschritten ist, ist bestritten. Es gehört aber jedenfalls feine besondere Prophetengabe dazu, um schon jetzt zu sagen, daß die Zeichen der Gesundung und Aufbesserung sich aller Wahrscheinlichkeit auf demjenigen Gebiete zuerst zeigen müssen, dessen letzte Hausse am längsten zeitlich zurüctliegt, d. h. in der Textilindustrie. Der Jahreswechsel, den wir jüngst begangen haben, brachte eine Reihe solcher ökonorni scher Neujahrsbetrachtungen, von denen wohl die wertvollste diejenige des Reichsbanl'prasidenten, dessen Institut so ungemein segensreiche Hilfsaktionen für die Milderung der Krisis gewährt hat, ist. Der bekannte Fachmann, der einen Einblick in unser wirtschaftliches Leben wie kein anderer haben muß, erklärt auf eine Anfrage, daß er unter aller Reserve sagen zu dürfen glaube, daß das Schlimmste wahrscheinlich überwunden sei. Mit größerer Sicherheit fügt er hinzu, daß sich namentlich in der Textilindustrie die Zeichen mehrten, die auf eine Aufbesserung ihrer Lage schlleßen lassen. Tiefes Beispiel bestätigt allgemeineErsahrungsthatsachen, nämlich, wie schon gesagr, diejenigen, daß wir ün gegenwärtigen wirtschaftlichen Leben mit ziemlich regelmäßig sich wiederholenden Perioden des Aufschwunges und des Rückgangs zu rechnen haben und zwar mit solchen, die ziemlich unvermittelt einsetzen. Ein Kraut gegen oiefe Störungen der ruhigen Gütererzeugung und des ungehinderten Absapes ist nicht gewachsen; den fetten Jahren folgen die mageren und umgekehrt. Diesen Thatsachen, nicht der Verkehrsbesteuerung überhaupt, gegenüber hat eine weise Eisenbahnpolitik mit ihren Reformen einzufetzen. Das tritt heißen, daß man den Eisenbahneinnahmen' das Element der Festigkeit, das ihnen in so bedauerlichem Umfange fehlt, künstlick) einfügt. Das ursprüngliche Garantiegesetz von 1882 ist vollständig veraltet. Die damaligen Gesetzgeber hatten keine Ahnung von der finanziellen Bedeutung, welche die Ueberfchüsse der Staatseisenbahnen in unserem Staatshaushalt erlangen sollten. Sie rechneten auch mit ganz anderen Finanzzuständen, als sie heute vorhanden sind. Bei der von verschiedenen Seiten schon seit Jahren geforderten Reform des Garantiegefetzes würde es sich im wesentlichen um folgendes handeln: Die jeweiligen Jahresüberschüffe sind nach einem gewissen Jahresdurchschnitt in zwei Teile zu zerlegen, in einen beweglichen und einen festen. Der bewegliche wird einesteils zur Berzinfung und Arnortifation der Eisenbahn schuld verwendet und andernteils stellt er die Mittel bereit für allgemeine Staatszwecke, für die einmal erhebliche Summen aus den Eisenbahngewinnen nicht zu entbehren sind. Das zweite, feste Stück der Ueberschüsse wird zur Ansammlung eines Reservefonds verwendet, welcher die Bestimmung hat, die mageren Jahre mit den fetten auszugleichen. Dieser Reservefonds soll ähnliche Funktionen versehen wie der Spezialreservefonds für Dividenden einer Aktiengesellschaft. Er soll in ungenügenden Ertragsjahren die Mittel zur Deckung der nach dem Gesetze auf die Eisen- bahnüberschüfse verwiesenen Ausgaben liefern. Nur auf diesem Wege kann der Staatshaushalt gegen die störenden Wirkungen der Ertragsschwankungen geschützt werden. Ein solcher Sicherheitscoefsizient erscheint mir unentbehrlich, und die gegen die Ansammlung eines derartigen Staatsfonds erhobenen konstitutionellen Bedenken dürften kaum gegenüber den finanziellen Vorteilen einer solchen Einrichtung ins Gewicht fallen. Die weitere Forderung, daß der Fonds auch der Bestreitung der Kosten für außerordentliche Neuerungen und Ergänzungen dienen solle, geht dagegen meines Erachtens zu weit. Für solche Zwecke hat der Etat die notwendigen Mittel bereitzustellen. Dagegen hat der Eisenbahnetat an anderen Stellen recht schwache Punkte. Wenn beispielsweise durch Neubauten und Verlegungen von Bahnhöfen große und wertvolle Terrains frei und verkauft werden, so verrechnet man den Kauffchilling als ordentliche Eisenbahneinnahme. Dieses Verfahren ist fehlerhaft. Es handelt sich hier um Teilstücke von Eisenbahngrundstücken, für deren Anlage bezw. Erwerb die Mittel im Anleihewege beschafft worden sind. Bei diesem Verfahren wird eine unrichtige Verzehrung deZ Staatsvermögens geschaffen. Nichtigerweife müßten solche Summen zur außerordentlichen Schuldentilgung verwandt werden. Eine weitere unabweisbare Forderung ist die, daß die Eisenbahnüberschüsse zur wirklichen Tilgung der im Interesse der Eisenbahnen auf genommenen Staatsschulden verwendet werden. Fortsetzung folgt. Aus Stadl und Land. Nachrichte»» von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen »uld werden augcmeffen honoriert. Gießen, den 18. Januar 1902. * * Die Gemälde-Ausstellung im Turmhaus am Brand ist von morgen, Sonntag, an wieder geöffnet. Unter den 50 neu ausgestellten Gemälden befinben sich auch zwei große von Pros. Werner Schuch-Berlin „Kosaken, aus einem Hinterhalt fallend" und „Motiv von der Teufelsmauer im Harz", sowie das bereits erwähnte Portrait Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs von Ernst Kretschmar-Gera. Ferner hat die Ausstellung mit Werken der Bildhauerkunst Christian Lehr-Gießen beschickt und zwar mit einer „Portraitbliste" Rudolf Leuckharbts, bes bekannten Leipziger (früher Gießener) Zoologen, sowie bem fein mobeUiertcn „Neliefportrait" einer Dame. Der Besuch ber Ausstellung kann daher angelegentlich empfohlen werben. * • Vakanzen für Militäranwärter im Bereiche des 18. Armeekorps. Biebrich, Magistrat, Polizeisergeant, Anfangsgehalt 1000 All. sowie Dienstkleidung und 30 Mk. Stiefelgeld. — Königl. Eisenbahnbirektion in Frankfurt a. M., ber Dienstort wirb bei ber Einberufung bestimmt, 40 Anwärter für den Weichenstellerbienst, zunächst je 900 Mk. biätarifche Jahres- besoldung, bei ber Anstellung als etatsmäßiger Weichensteller 900 Mk. Jahresgehalt unb ber tarifmäßige Wohnungsgelbzuschuß (jährlich 60 bis 240 Mk.) ober Dienstwohnung; eine Aenberung ber vorstehenben Besoldungssätze nach ben jeweilig geltenden Vorschriften bleibt vorbehalten. — Frankfurt (Main), Königl. Eisenbahn-Direktion, Bureaubiener, zunächst 1000 Mk. diätarische Jahresbesolbung, bei ber Anstellung als etatsmäßiger Bureaubiener 1000 Mk. Jahresgehalt unb ber tarifmäßige Wohnungsgelbzuschuß (60 bis 240 Mk. jährlich) ober Dienstwohnung; eine Aenberung der vorstehenden Besoldungssätze nach den jeweilig geltenden Vorschriften bleibt vorbehalten. — Hanau, Königl. Polizei-Direktion, 2 Schutzmänner, während der Probedienstzeit 1200 Mk. Remuneration und freie Dienstkleidung; bei definitiver Anstellung 1200 Mk. Gehalt und 144 Mk. Wohnungsgeldzuschuß. — Kaiser!. Ober-Postdirektion Darmstadt, Briefträger unb Postschaffner, je 900 Mk. Gehalt unb der gesetzmäßige Wohnungsgelbzuschuß jährlich. — Katzenelnbogen, Amtsgericht, Kanzleigehilfe, 15 bis 20 Mk. monatlich. * * Unentgeltliche Benutzung der deutschen Patentschriften. Seit bem Jahre 1877 befinbet sich in ben Räumen ber Großh. Zentralstelle für bie Gewerbe, Darmstadt, Neckarstraße 3, eine Auslegestelle der vom Kaiserlichen Patentamt in Berlin herausgegebenen Patentschriften über die in den Patentklaffen 1—89 vom 1. Juli 1877 ab erteilten Patente, beginnend mit Nr. 1, die an jedem Werktage in der Zeit von 10 bis halb 1 Uhr und 3 bis halb 6 Uhr (Samstag-Mittag ausgenommen) von jedermann unentgeltlich benutzt werden kann. Durch die Auslegung ber Patentschriften wirb jebermann Gelegenheit gegeben, sich über ben Inhalt eines Patentes zu unterrichten. Um auch auswärts wohnenben Personen bie Einsicht ber Patentschriften zu ermöglichen, ist bie leihweise Abgabe einzelner Nummern auf kürzere Zeit gestattet. Die neu erscheinenden Patentschriften werden den Auslegestellen vom Kaiserlichen Patentamt in Berlin in einwöchentlichen Zwischen- räumen überwiesen und bem Publikum alsbalb nach ihrem Erscheinen zugänglich gemacht. * * Zur 6. Klasse der Landes-Lotterie. Die Erneuerung der Loose soll planmäßig bei bem Kollekteur vor Ablauf bes 17. Januar erfolgen. Eine Reklamation nach bem Loose muß bei Verlust aller Ansprüche spätestens am 20. Januar 1902 vor 6 Uhr nachmittags unter Beifügung des LooseS dec 5. Klasse unb bes Erneuerungsbetrages bei der Direktion eingehen. Die Einlegung und Mischung der Gewinnbetragszettel zur 6. Klasse erfolgt öffentlich im Saale des Schützenhofes zu Darmstadt am 23. Jan. nachmittags 3 Uhr. w. Bad Nauheim, 17. Jan. Die Bauthätigkeit in unserem Badeorte ist seither, Dank dem gelinden Winter, sehr rege gewesen. Viel Interesse bietet der Brückenbau über die Ufa, die an der Stelle der alten Brücke in der Parksttaße errichtet wird. Besondere Schwierigkeiten boten die Fundamentierungsarbeiten, die bei der alten Brücke sehr mangelhaft waren. Auf der einen Seite stieß man erst in einer Tiefe von 3 Meter unter ber Ufasohle auf tragfähigen Grunb. Die Brücke wirb von einer Frankfurter Firma in Beton mit Eisen-» stabeinlagen hergestellt. Sie wirb vom Staat gebaut. Derselbe läßt ferner ein neues Inhalatorium in Holzfachwert errichten, bie beiben alten Sprubel neu fassen, ein Bassin zur Aufnahme für Soolwasser zu Bäbern in der Nähe der Sprudel errichten und die Decke im Festsaal des Kurhauses neu Herstellen. Außerdem wird fleißig an dem Umbau des Bahnhofs gearbeitet, und da auch die private Bauthätigkeit nicht ruht, ist bei uns in dieser Zeit, in der man aus so vielen Gegenden Klagelieder über Arbeitslosigkeit hört, Arbeit und lohnender Verdienst genug vorhanden. a. Geiß-Nidda, 17. Jan. Die hiesige Jagd wird am nächsten Montag vormittags auf 9 Jahre verpachtet werden. x Burkhards, 17. Jan. Dieser Tage fand in ben Walbungen der hiesigen Forstwartei die erste Brenn- und Nutzholzversteigerung statt. Fichtenstammholz wurde im Durchschnitt mit 16 Mark pro Festmeter, Fichtenderbstangen mit 10,75 Mark, Fichtennutzknüppel mit 6,50 Mark pro Raummeter, Buchenscheitholz mit 5,40 Mark, Knüppel mit 3,80 Mark, Reisig mit 50 Pfennig unb Stockholz mit 3 Mark pro Raummeter bezahlt. Die Beteiligung an der Versteigerung war ziemlich rege. Darmstadt, 16. Jan. Der „Darmst. Ztg." wird zu Mitteilungen einiger Blätter, über das Ergebnis der vorjährigen Künstler-Kolonie, die das Blatt als unrichtig und wissenschaftlich falsch bezeichnet von beteiligter Seite zur Richtigstellung geschrieben: 1) Es ist richtig, daß einige Prozesse schweben; dieselben haben aber nicht in der angeblichen Zahlungsunfähigkeit der Kolonie ihre Ursache, sondern in Differenzen anderer Natur, welche die Oeffentlichkeit nicht interessieren können und wie sie in jedem bestfundiertem Geschäfte vorkommen. 2) Die Mitteilung, daß Mobiliarpfändungen vorgenommen worden seien, ist eine niederträchtige Lüge und Verleumdung, die allem Anscheine nach wissentlich und mit einer bestimmten Absicht in die Welt gesetzt worden ist. Schritte zur Ermittelung des Urhebers dieser Infamie sind eingeleitet. 3) Ebenso unwahr ist es, daß seitens Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs 100000 Mark eingefchossen werden mußten. 4) Ob einer und wer von den 7 Künstlern Darmstadt verläßt, ist bis jetzt noch nicht definitiv bekannt. Alle derartigen Gerüchte sind völlig unverbürgt. 5) Richtig ist e§ leider, daß die Ausstellung mit einem beträchtl ichen Defizit abschließt, wofür aber die jetzige Ausstellungsleitung keine Schuld trifft Duse.n Defizit gegenüber, dessen Höhe aber bis zur Stunde noch nicht feststeht, kommen die Zeichnungen zum Garantiefonds in Betracht, so daß genügend Deckung vorhanden sein dürfte. — Hier hat sich eine Vereinigung der Immobilien-Makler gebildet, die sich zur Aufgabe gestellt hat, das Ansehen des Standes zu heben, sowie Sorge zu tragen, daß einheitliche Provisionssätze festgesetzt werden, um das Publikum vor lieber* üorteiUmgen zu schützen. Mainz, 16. Jan. Mit Rücksicht auf den die hessische Ständekammern demnächst beschäftigenden Gesetzentwurf, bett, die Standesordnung und die Ehrengerichte für die Aerzte des Großherzogtums Heffen, hat letzter Tage eine Zusammenkunft des Vorstands des ärztlichen Kreisvereins Mainz mit den hier wohnenden Landtagsabgeordneten stattgefunden. Es handelte sich bei der Zusammenkunft, die auf Einladung des Aerztevereins erfolgt war, hauptsächlich darum, seitens der Aerzte die Ueberzeugung zum Ausdruck zu bringen, ihrem Gretchen ist: sie fand den ganzen Abend über den rechten echten Naturlaut, der zu Herzen geht und für die keusche Anmut des armen Kindes so rührend Zeugnis legt. Aeußerst schwierig zu treffen ist gleich zu Anfang der rechte Ton in ihrer ersten Replik. Hier und auch in ihrer zweiten Szene noch, wenn auch in dieser schon weniger, hatte die Naivetät ihrer Gestalt doch einiges Reflektterte, man merkte, freilich nur sehr gelinde, ihr Bemühen um den rechten süßen Ton zartester Kleinmädchenhaftigkeit. Das aber verlor sich dann in den Liebes- und Qualszenen ganz und gar, in denen Frl. Hesse das Gretchen in unangreiflicher und ergreifender, mitleidender Natürlichkeit and wahrhaftiger Unaffektiertheit, mit schönem Feingefühl für die Schätze der Dichtung darstellte. Hier traf sie mit ihrem weichen, schönen Organ — das r macht ihr leider einige Schwierigkeiten — den rechten Ton für das feine Gemisch von bürgerlicher Schlichtheit, sinnender Verliebtheit, mädchenhafter Lebensfreude und inniger Zärtlichkett. Und die dem Ende sich zuneigenden Szenen ließen annehmen, daß ihr auch die tragische Kraft und die erschütternde Beredsamkeit für die letzte, die Wahnsinnszene voll zu Gebote steht. Da es schon nach der, mit der Valentinepisode zusammengezogenen Domszene nach Mitternacht geworden war, verzichtete ich auf den marternden Anblick der entsetzlichen Vorgänge im Kerker. Jedenfalls beschenkte uns Frl. Hesse 1 mit einem sehr sympathischen, feinen, anmubgen und poesieverklärten Grethchen, das namentlich die wundervolle Goethe'sche Lyrik so behandelte, daß ihr köstlichster Zauber zu sehr schöner Geltung kam. Als Mephisto übertraf Herr Leß mann unsere Erwartungen. Er brachte sowohl das „Diabolische", wie auch ba5' Humoristisch-Satirische, das Goethe in die Rolle des Mephisto gelegt hat, zur Darstellung. Vorzüglich, der Glanzpunkt in seiner Darstellung ist die Szene mit dem jungen Schuler. Sie spielt er unter Ausbeutung nahezu aller in ihr steckenden Pointen in einem köstlichen angenommenen Biedermeiertone. Eerade aber in dieser Szene folgt er zum Schlüsse einer in. E. falschen Tradition. Der große Effekt mit dem Stamm- bucheinttag ist meines WisienS eine von Friedmann herrührende übergeistteiche Rüancc, die für mein Empfinden ins Komödiantenhafte hinüberschweift und von anderen geschmackvollen Mephistodarstellern nachgerade abgethan ist. . Anerkennung verdienen auch die Unterredungen mit Faust, in denen der Zauber immer neuer Lebensoffenbarungen eingeschlossen ist. Den hohen Geist, der in diesen Versen weht, weiß Herr L. vielfach zu recht guter Wirkung zu bringen. Er hat ein gutes Recht, den Mephisto zu seinen besten Rollen zu zählen. Herr Hertz og ist als Wagner von der trockenen Langweiligkeit, mit der der Dichter, den Philister ausgestattet hat, und spricht im ganzen verständig und wohl gegliedert; er ist zudem auch zu der Hexe verdammt, mit der die lächerlichsten Sprünge zu machen ihm ein Vergnügen zu sein scheint, lieber den Geschmack läßt sich bekanntlich schlecht streiten .... Fran Kruse als Martha und Herr Zoder als Schüler leisteten Brauchbares. Gut setzte Herr Schneider als Valentin ein, wenn auch vielleicht mehr schwungvoll als mit natürlicher soldatischer Barschheit. Anzuerkennen ist, daß er in der Sterbeszene nicht zu naheliegenden Uebertreibungen sich hinreißen ließ. Verständig war es von der Regie, den bösen Geist unsichtbar zu lassen. Aber er hätte halblaut, fast flüsternd dem zusammenbrechenden Mädchen die von dem Text des Requiems unterbrochenen Worte ins Ohr raunen, nicht aber sie pathetisch im Tone eines Strafpredigers deklamieren sollen; ist es doch deS armen Kindes innere Stimme selbst, die Stimme ihres eigenen, geängstigten bösen Gewissens, die unter den Klängen des Diee irae in ihr laut wird, bis sie, von einer mitleidigen Ohnmacht umfangen, lautlos an der Mari en - Säule zusammenbricht. Und nun zum Schluß der Titelheld. Herr Gerl ach hatte sich diese schwerste aller darstellerischen Aufgaben zu seinem Benefiz selber auLersehen, obwohl sie seiner Individualität nur zum Teil gemäß ist. Um so mehr ist öS hervorzuheben, daß er sich ehrenvoll zu behaupten wußte und daß er mit Fleiß und Energie die Riesenarbeit zu bewältigen sich bemüht hat. Freilich soll der Faust, der es uns Deutschen allen recht macht, erst noch geboren werden. Jeder Ver§, jedes Wort klingt uns im Ohre — es wäre ein Wunder, wenn sich die Wiedergabe auf der Bühne auch Knur zum größeren Teile mit dem deckte, was vor unserem inneren Auge schwebt und in unserem inneren Ohre wiederklingt. Doch ist rühmend anzuerkennen, daß Herr G. im ersten Monolog an geistiger Beseelung, an logischer Gliederung, an Klarheit und Deutlichkeit nicht weniges zeigte. In dec Gartenszene aber vermißte man echte Herzenstöne und echte Herzenspoesie. Und namentlich in dem pantheistischen Credo und auch sonst noch hätte mancher Satz anders gesprochen werden müssen. Doch es sei ferne von mir, diese gewaltige Rolle in ihre einzelnen Atome zu zerlegen; in Auslegung der Wort- und Gedankenmalerei Goethe'scher Sprüche wird unter Dreien einer immer anderer Ansicht sein. Herrn Gerlachs Hauptleistung des Abends war die überaus schwierige und unter den gegebenen Verhältnissen durchaus wohlgelungene Bewältigung der Regie. Die Lorbeer- und Blumenspenden, die ihm zuteil wurden, waren die schönen Beweise best- verdienter Anerkennung für seine mühenreiche und meist so wenig dankbare Thätigkeit als Spielleiter. Herr Ramseyer schreibt mir übrigens heute, daß Herr Gerlach nicht erster Regisseur sei, wie ich annahm, sondern daß er sich mtt den Herren Woisch und R. in der Spielleitung ohne Unterschied zu teilen hat. In ihrer Gesamtheit und im einzelnen fand die Darstellung sehr lebhaften Beifall. Die unsterbliche Dichtung ergoß von unserer Bühne herab über einen weiten Kreis von Zuhörern ihre unvergleichlichen, begeisternden Strahlen. Lobenswert war das Unternehmen an sich und um so lobenswerter seine erfolgreiche Ausführung, der man, wie Gott nach Erschaffung der Welt, ein herzliches Bravo zurufen darf. Es wäre schade, wenn so viel Mühe für nur einen Abend verschwendet wäre. Unfern Darstellern aber seien die Worte Goethes an§ Herz gelegt: „ ES trägt Verstand und rechter Sinn Mit wenig Kunst sich selber vor." Aus vollem Herzen sich selbst erschöpfen und vortragen, ohne Künstelei, daZ ist dar'tellende Kunst. P. W. daß eg ihnen fern liege, bei den Ortskrankenkassen die Minimal- taxe der Gebührenordnung zu erzwingen und es bei dem gegenwärtigen befriedigenden Zustand bei den Kasten verbleiben soll. Ferner wurde den Landtagsabgeordneten seilens der Aerzte nahegelegt, den Artikel 46 des Gesetzentwurfes, der Ärztliche Schiedsgerichte vorsieht, zu streichen. Frankfurt, 16. Jan. Eine neue Erscheinung im Frankfurter Straßenbild sind die Automaten-Restaurants. Eine große Einrichtung dieser Art wird eben unter dem Namen „Kaiser-Automat" von einem Großkaufmann auf der Kaiserstraße vorbereitet nnd soll Ende dieses Monats übergeben werden. Die automatische Bedienung des Publikums erfolgt auf elektrischem Wege. Für gering Bemittelte sind derartige Institute eine Wohlthat, denn ohne Trinkzwang und ohne Trinkgeld können sie für wenige Pfennige warme Fleischspeisen genießen.__ Vermischtes. " Dchiffsunfälle. Bei den zwischen Swine- münde und Danzig stattgehabten Torpedobootsübungen am 16. d. M. erlitt das Boot G 89 einen Maschinenschaden. Es sollte vom Torpedoboot S 8 in den hiesigen Hafen geschlepvt werden- Infolge des heftigen Nordweststurmes wurde G 89 von S 8 losgerissen und mußte auf der Hohe von Jernhoeft sich selbst überlassen bleiben- S 8 traf am Freitag in Swinemünde ein und ging nach Kohleneinnahme sofort wieder in Soe, um G 89 zu suchen- Inzwischen lief die Nachricht ein, daß G 89 aus eigener Hilfe den Hafen von Kolberg erreicht habe. — Bei P i l l a u strarrdete der Stettiner Dampfer „Luise", der die Sch raub en welle gebrochen und eine Schraube verloren hat- Fünf Leute wurden durch den Raketenapparat an Land gebracht- Me übrige Besatzung, bestehend aus dem Kapitän und neun Mann ist an Bord geblieben. Ter hintere Rumpf und der Maschinenraum des Schiffes ist mit Wasser gefüllt- Die Verbindung mit dem Lande durch den Raketenapparat wird aufrecht erhalten. — Gerichtssaal. M- Gießen, 17. Jan. (Strafkammer.) Den Vorsitz führte Landgerichtsrat Müller, die Anklagebehörde vertrat Oberstaatsanwalt Dr- Güngerich. Der Fcchrbursche Ludwig Schäfer aus Gießen ist der fahrlässigen Körperverletzung angeschuldigt. überfuhr am 22. Nov. v. I. einen Knaben, der von der Straßenmitte nach dem Fußsteig lief. Er wurde von dem Vorderrad des Wagens erfaßt, und an Wange und Bein verletzt- Hätte der Angeklagte die Aufmerksamkeit beobachtet, zu der er vermöge seines Berufes als Fahrbursche besonders verpflichtet war, so hätte sich der Unfall vermeiden lassen. Diesen Umstand als erschwerend, die Uubestrastheit und die Fugend des Angeklagten andererseits als Strafmilderungsgründe in Rücksicht ziehend, gelangte das Gericht zur Verhängung einer Geldstrafe von 10 Ntart, ev- zwei Tage Gefängnis. — Die in Gießen bedienstete Christiane Geller kam am 27. Nov. v. I. mit einem Petrolenmlämpchen einem Fenstervorhange so nahe, daß dieser in Brand geriet; auch der Fensterrahmen und der Fußboden wurden angekoylt- Naa) ihrer glaubwürdigen Aussage geriet der Fenstervorhang durch einen Luftzug — das Fenster stand offen — in Bewegung und alsdann durch Annäherung an die Lampe in Brand- Bei dieser Sachlage war es zweifelhaft, ob die Ursache des Brandes in einem Zufall oder in einer fahrlässigen Handlungsweise der Angeklagten zu sehen war- Dem Anträge der Anklagebehörde entsprechend sprach das Gericht dieselbe von Strafe und Kosten frei. — Der Kaspar Wagner von Büdingen Hal Berufung gegen ein Urteil des Großh. Schöffengerichts dortselbst eingelegt, das ihn wegen Diebstahls zu einer sechwöchentlichen Gefängnisstrafe verurteilt hatte. Er soll in einer Wirtschaft in Büdingen einem neben ihm Sitzenden das Portemonnaie aus der Tasche gezogen und sich seinen Inhalt angeeignet haben. Ter Zeuge, der allein von allen Gästen dies wahrgenommen haben will, verwickelte sich bei seiner heutigen Vernehmung derart in Widersprüche, und feine belastende Aussage verlor durch die Angaben mehrerer Entlastungszeugen derart an Glaubwürdigkeit, daß das Gericht sein Zeugnis nicht für eine ausreichende Unterlage zu einem verurteilenden Erkenntnis betrachten konnte, und daher in Uebereinftimmung mit der Anklagebehörde zu einem Freispruch mangels Beweises gelangte. — Auch die zuletzt verhandelte Anklage wegen Verbrechens gegen § 175 Str. G-B. ergab kein hinreichendes Belastungsmaterial und endete mit Freisprechung. Eisenbahn Zeitung. Berlin, 17. Jan. Im Anschluß an eine Mitteilung, daß die Direktion der pfälzischen Bahnen einem Spediteur geheime Fracht-Rückoergütung bewilligt habe, hatte die „Franks. Ztg." seiner Zeit behauptet, daß auch andere deutsche Eisenbahnen sich der gleichen Verfehlungen schuldig gemacht hätten. Die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt nunmehr, dieser unverbürgte und unbewiesene Vorwurf kennzeichne sich als eine völlig haltlose, aus der Lust gegriffene Behauptung, die nicht im Stande sein könne, dem begründeten Ansehen, besten sich die deutschen Eisenbahn-Verwaltungen überall erfreuen, den geringsten Ab- bruch zu thun._________________________________________________ Auszug ÜÜS dkll Stsudksauttsrkgistnu der Stadt Gitßru. Aufgebote. Am 28. Dez. August Zipp, Oberkellner in Niedershause mit Christine Katharine Wertber dahier. 11. Jan. Kaspar Rang, Dienstknecht dahier mit Anna Katharine Schröder, geb. Völker, Hierselbst. 13. Johann Georg Kraft, Metzgermeister und Wirt dahier mit Marie Schmidt Hierselbst. Julius Hermann Grote, Kaufmann in Marburg mit Emma Friederike Ratjen dabier. Wilhelm Johannes Wisker, Schlosser dahier mit Johanna Weisel Hierselbst. 14. Adam Arnold, Schneidermeister in Brebach mit Wilhelmine Worch dahier. Johann Georg Leinbach, Dienstknecht dahier mit Emilie Katharine Margarethe Hermine Gabriel Hierselbst. 15. Dr. Karl Philipp Theodor Raiser, probt Arzt in Worms mit Anna Kraft dahier. 17. Adam Wettach, Kaufmann dahier mit Marie Melchior in Frankfurt a. M. Eheschließungen. Am 11. Jan. Karl Ludwig Stock, Kutscher dahier mit Mcu> garethe Mootz Hierselbst. Martin Lampe, Fußgendarm dahier mit Anna Amalie Rill in Mosbach. Hans Beck, ZcitungsexpedimL babier mit Dorothea Henriette Waag Hierselbst. 14. Josef Hermann Bick, Kellner dahier mit Anna Richter Hierselbst Geborene. Am 6. Jan. Dem Spenglermeister Georg Dahmer ein Sohn, Karl. 7. Dem Metzger und Wirt Hermann Hammel eine Tochters 8. Dem Wirt August Felsing eine Tochter. 9. Dem Tapezier Otto Bingel eine Tochter, Maria. Dem Sattler .Karl Diebel eine Tochter^ Auguste Elise. Dem Kausmann Ferdinand Bär ein Sohn, Erich Ferdinand. Dem Wirt Joseph Stein eine Tochter. 10. Dem Viehhändler und Metzger Nathan Günther ein Sohn, Karl. 11. Dem Fabrikant Emil Horst em Sohn, Heinrich August Dem Universt- tätsprofessor Dr. Albrecht Tieterrich ein Sohn, Hermann Albrecht Dem Monteur Walter Wille eine Tochter, Dora. 12. Dem Spengler-. meister Christian Arnold ein Sohn- 15. Dem Taglöhner Wilhelm Schneller i, ein Sohn, Hermann. Gestorbene. Am 14. Jan. Peter Ruckstuhl, 69 Jahre alt, Dachdeckermeister dahier. Richard Friedrich Weise, 64 Jahre alt, Proviant- meister t P. dahier. Was isi „Paidol“? Man verlange überall: . t— M . T loell’s vorzügliche Kronen-Papier-Wäsche H md achte beim Einkauf auf die nebenstehende Schutzmarke. GM Bei Katarrh, Husten, rauhem Halse, Heiserkeit, Verschleimung. lOjähr. überrasch.Erfolge d.Apothel er Albrechts Acpfelsäure-Pastilleu. In d Apothcken u. bess. Drog. ä 80 Pfg. Haupt-Depots: Kirsch u.Anioelsttäts ^potyeke, Drog. Hust. 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Januar von vormitt. 9 Uhr ab aus Distrikt Scheid: Stämme: 8 Eichen = 3,03 im, 8 Nadel = 0,99 fm: Derbstangen: 103 Nadel — 3,49 km; Scheiter Rmtr.: 47 Buche, 5 Eiche, 2 Kiefer; Knüppel Rmtr.: 1 Eiche, 7 Kiefer; Reisig Rmtr.: 65 Buche, 110 Eiche, 101 Nadel; Stöcke Rmtr.: 13 Buche, 2 Nadel. Zusammenkunft auf dem Steinweg im Distrikt Scheid. Nachmittags von 2 Uhr ab aus dem Distrikt Ohnewäld- chen und Ober-Seilbach: Stämme: 16 Eichen ----- 9,44 im (Schnittholz), 16 Eichen — 7,32 fm (Bauholz); Scheiter Rmtr.: 4 Buche, 10 Eiche; Knüppel Rmtr.: 92 Buche, 16 Eiche, 20 Nadel, 22 Aspe; Reisig Rmtr.: 510 Buche, 160 Eiche, 90 Nadel, 205 Aspe; Stöcke Rmtr.: 17 Buche, 11 Eiche, 2 Nadel. Zusammenkunft am Jagdhäuschen im Distr. Ober-Seilbach. Nähere Auskunft erteilen die Gr. Forstwacke Schick und Mandel zu Trais. 617 Trais a. d. Lda., 17. Januar 1902. Großherzogliche Oberförsterei Trais. Schneider. Hravstein-HeMst Karl Ki Wieseck bei E Anfertigung von Denkmälern in allen Stern arten. 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Die Eröffnung findet au demselben Tage des nachmittags 2 Uhr aus hiesigem Rathaus statt, wozu die Interessenten eingclaben sind. Die Gemeinde behält sich aber vor, die Gebote so auszusuchen, wie ihr zur Erzielung der höchsten Gesamteinnahme, und der größtmöglichsten Sicherheit für Eingang des Kaufpreises am günstigsten erscheint. Der Kaufpreis ist alsbald nach dem Zuschlag mit Bürgschaft oder durch Wertpapiere sicher zu stellen. Hattenrod, den 16. Januar 1902. 611 Großherzogliche Bürgermeisterei Hattenrod. Rock. Prenss. Renten-Ver Sicherungs-Anstalt (Versicherungsverein auf bepenseitigkeit j Gegründet 1838. Berlin, KaiSCrhOfStT. 2, Gegründet 1838 Renten- und Kapital-Versicherung auf den JL. bensfall besonders empfehlenswert zur Erhönung des Einkommens, zur Altersversorgung und zur Sicherstellung der Mittel für Aussteuer, Studium und Militärdienst 584 Vertreter: Chr. Emil Derschow, Frankfurt a.M., Kaiserstr. 14,Kaiserpl. Für Vog-elliebn aber. 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