Freitag, 17 Oktober 1902 152, Jahrg. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. an* (Hört! Zustandekommen von Handelsverträgen noch möglich erscheint. Verantwortlich für den allgemeinen tdü P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch« Universtlätsdruckerei (Pietsch Erben), Bich«. quellen für unsere Produkte für uns zu erhalten. Aber höher und weiter dürfen wir mit den Mindestzöllen nicht gehen. Der Entwurf ist das Ergebniß eines Kompromisses nach langer und mühevoller Berathung unter den verbündeten Regierungen. Bei seiner Aufgesteigerte Preis in Widerspruch geräth mit dem Ernährungsinteresse der arbeitenden Klassen. Ein solcher Widerstreit sollte nach Ansicht der verbündeten Regierungen vermieden werden. Hier sind die Rücksichten auf die Konsumenten und insbesondere auf die Lchnarbeiterklasse eine unüberbrückbare Schranke. So hoch aber dürfen die Getreidepreise nicht bemessen sein, daß, wenn plötzlich einmal mit ihrer Aufhebung gerechnet werden müßte, dies für die Finanzen des Reichs ein bedenkliches Moment der Unsicherheit bilden würde. Die Erfahrungen haben gelehrt, daß die Sätze, die wir Ihnen Vorschlägen, die äußer st e Grenze zeigen, bis zu der gegangen werden kann. In voller Kenntniß der Tragweite meiner Worte sage ich, daß eine Erhöhung oder Erweiterung der Mindestsätze das Zustandekommen von delsverträgen unmöglich machen würde Ich will auf die vielerörterte Frage, ob Deutschland in absehbarer Zeit im Stande sein wird, seinen Bedarf an Getreide selbst zu decken, nicht eingehen. Gegenwärtig ist das jedenfalls nicht der Fall. Diejenigen Staaten, mit denen wir im Vertragsverhältniß stehen, haben ein gerade so großes Interesse an der Erhaltung des deutschen Marktes, wie wir cm solches haben, unsere bisherigen Absatz- ^^Am^31 Dezember 1903 wird der Zeitpunkt fern, für den Die Wichtigsten Zoll- und Handelsverträge des deutschen Reichs mit AKren Staaten gekündigt werden können. Damit bietet sich für As die Möglichkeit, unsere handelspolitischen Beziehungen zum AuslAde neu zu regeln. Dabei glauben die Regierungen den- ^nigA Faktor fn den Vordergrund stellen zu sollen der nach ihrer oftifirfif tindi immer am meisten leidet, die Landwirthschaft. diesem Ä”« En,Wickelung s° wichen Erwerbszweige wollen die Regierungen einen erneuten Zollschutz Agedeihen zu lassen, ihm in seiner schwierigen Lage Helsen und Anen Waa/cnalAtz steigern. Di- verbündeten Regierungen wollen Aer al^ckMitig Asere hoch entwickelte Industrie nicht nur auf dem inländischen Markt gegenüber dem Andrangen fremder Maaren halten, sondern daneben ihr auch diejenigen .^I?Ks?z^^^?obe^ sich unter dem Schuhe unserer bisherigen ^th,chaftspolit,k erobert hat, sichern und sie thunlichst erweitern. Damit Kuben die verbündeten Regierungen auch unserem Außenhandel wieder werthvolle Dienste zu leisten. An diesem hohen Hause wird es liegen, zu ent* stellung haben wir daran festgehalten, daß der Entwurf ein Instrument sein soll, um wieder zu Handelsverträgen gelangen zu können. Von diesem Gesichtspunkte aus war von mehr als einer Seite die Einfügung von Mindestzöllen in den Tarifentwurf als ein erschwerendes Moment der Handelsverträge bezeichnet worden. (Hört! Hört!) Die verbündeten Regierungen sind trotzdem m dieser Richtung den von mir vertretenen und befürworteten Wünschen der Landwirthschaft entgegengekommen, aber mit dem Vorbehalt, daß dadurch der Abschluß von Handelsverträgen nicht vereitelt werden dürfte. Es ist auch gesagt worden, die Industriezölle seien im Dcrhältniß zu den Agrarzöllen zu hoch gegriffen, aber in der Begründung ist ja ausdrücklich hervorgehoben, daß es nur der Zweck des Enrwurfs sei, die Schutzzölle für die Industrie den veränderten Verhältnissen anzupassen, die sich während der letzten Dezennien auf industriellem Gebiete vollzogen haben. Ein klares, übersichtliches Bild von dem Niveau der Jndustriezölle kann man sich zur Zeit überhaupt nicht machen. Daß aber die Jndustriezölle im Vergleich zu den Agrarzöllen zu hoch gegriffen sind, können die verbündeten Regierungen nicht einsehen. Wir sind überzeugt, daß der Entwurf im Wesentlichen eine richtige Abmessung der berechtigten Forderungen der drei Haupterwerbszwcigc: Industrie, Handel und Landwirthschaft enthält. Und wir hoffen, daß cS auf Für eine mehr oder minder ersprießliche Entwickelung 3n' dusrrie sind andere Momente ausschlaggebend, als eine Erhöhung der Getreidezölle in dem von der Regierung vorgeschlagenen Umfange. Wir glauben, daß durch die Erhöhung der Getreidezolle in den Grenzen des Entwurfs kein anderer Berufsstand geschädigt wird. Zu einer solchen Schädigung würden die verbündeten Regierungen auch niemals ihre Hand bieten können, denn die deutsche Wirthschastspolitik hat mir den Interessen einer leistungsfähigen Industrie nicht weniger zu rechnen, als mit denen der Landwirthschaft. Für unsere Industrie kommt es namentlich darauf an, daß wir ihr einen gesicherten Absatz ihrer Produkte nach dem Auslande erhalten durch angemessene Normirung, vor allen Dingen durch Bindung der Eingangszölle nach den Ländern, wohin ihre Produkte gehen, und besonders daß diese Festsetzung für längere Zeit erfolgt. Eine solche, für eine günstige Entwickelung von Industrie und Handel unerläßliche Vorbedingung können wir schaffen durch den Abschluß langfristiger Handelsverträge. Daß die Landwirthschaft kein Interesse daran hat, können wir nicht zugeben, denn eine blühende Industrie bedeutet für die Landwirthschaft das beste Absatzgebiet; mich die Landwirthschaft hat also Interesse an der Entwicklung der Industrie. Wir bestreiten nicht, daß das Hauptinteresse der Landwirthschaft sich darauf konzentrirt, für ihre Produkte gegenüber der Konkurrenz des Auslandes einen erhöhten Zollschutz zu erhalten. Hier erwächst für die verbündeten Regierungen die Pflicht, ausgleichend einzugreifen und zwischen diesen verschiedenen, an sich berechtigten Interessen die mittlere L i n i e zu finden (Lachen bei den Soz.), und wir werden uns durch keine Angriffe, weder von links noch von rechts von dieser Linie, die im Interesse des Staatswohls geboten erscheint, abbringen lasten. Denn diese Linie beruht nicht auf einer Vorliebe für dieses oder jenes System der Handelspolitik, sondern auf zwingenden Gründen der Staatsraison. Deutschland ist eben weder ganz ein Agrar-, noch ganz ein Industriestaat, sondern ein Agrar« und Industriestaat. Und beide Erwerbszweige fordern bei einer Neuregelung unserer Handelsbeziehungen zum Auslande die größtmögliche Wahrung ihrer Interessen. Das Ziel, das wir erstreben, können wir nur erreichen dadurch, daß wir einen Ausgleich auf einer mittleren Linie schassen. (Zuruf links: Auf welcher?) Auf der Linie deS Ihnen vorgelegten Entwurfs. Parlamentarische Perhandlnugc». Hochdruck ohne Vereinbarung nicht gestatt»!. Deutscher Reichstag. 195. Sitzung vom 16. Oktober, 1 Uhr. Das Haus ist g u t besetzt Am Bundesrathstisch: Graf von Bulow, Graf Posa- vowsky und Podbielski, von Rheinbaben, Moller, Frecherr von Thielmann u. A. Auf der Tagesordnung steht zunächst die Interpellation der Abgg. Dr. Müller-Sagan (freif. Vp.j und Dr. Barth (fretf. Bga ) ■ „Welche Maßnahmen gedenken der Reichskanzler bezw. dre verbündeten Regierungen Angesichts der herrschenden Fleisch- thcuerung zu treffen, insbesondere in Bezug auf bte Grenzsperre und die schleunige Beseitigung oder Herabsetzung von Futtermittel- zöllen?" ~ , „ ,. . . _. Verbunden damit wird eine Interpellation der Sozialdemokraten Albrecht und Gen., die lautet: „Welche Maßregeln gedenkt der Reichskanzler zu ergreifen, um der Steigerung der Fleischpreise, die seit geraumer Zeit eingetreten ist, und in steigendem Maße eine Kalamität für immer weitere Schichten der Bevölkerung wird, entgegenzuwirken?" , . Auf die Frage des Präsidenten, ob die Regierung die Interpellation zu beantworten gedenke, erwidert: Staatssekretär Graf Posadowöky: Der Herr Reichskanzler ist bereit, die Interpellation zu beantworten. Aber sowohl die preußische, wie eine Anzahl anderer Bundesregierungen haben über die in Betracht kommende Frage eingehende Erhebungen an- gestellt, die bis jetzt noch nicht beendigt sind. Sobald dies der Fall sein wird, werde ich die Ehre haben, dem Herrn Präsidenten mitzutheilen, an welchem Tage der Herr Reichskanzler bereit fein Wird, die Interpellation zu beantworten. Damit ist dieser Gegenstand von der heutigen Tagesordnung 01,6 ^Es folgt die zweite Berathung deS Zolltarif-Ge- f $ Die Berathung beginnt beim § 1, der die Minimalzölle enthält. Die Regierungsvorlage bestimmt, daß die Zölle für Roggen und Hafer nicht unter 5 Ml., Weizen und Spelz 5,50 Mk., Gerste 3 Mk. pro Doppelcentner heruntergehen dürften. Die Kommission hat einmal die Mindestzölle für Roggen, Gerste und Hafer auf 5,50, für Weizen und Spelz auf 6 Mk. erhöht und außerdem auch Mindestzölle für Vieh und Fleisch, ausschließlich Schweinespeck, eingeführt. , Hierzu haben Abg. von Wangenheim (kons.) u. Gen. den schon in der Kommission gestellten Antrag wieder eingebracht, der die Mindestzölle für Getreide auf 7,50 Mk. erhöht und überhaupt hohe Mindestzölle für fämmtliche landwirthschastlichen Produkte einführen will. Zur Geschäftsordnung bemerkt Aba. Dinger (Soz.): Ich möchte das HauS bitten, dre Diskussion zunächst über den Tarif zu eröffnen. Wie kann biefer § 1 deS Tarifgesehes angenommen werden, wenn noch gar nicht fest- gestellt ist, welcher Tarif überhaupt für das Gesetz gelten soll. ES liegt, wenn tn der jetzt vorgeschlagenen Weise verfahren wird, die Gefahr vor, daß in Betreff des Gesetzes und des Tarifs einander widersttebende Beschlüste gefaßt werden. Präsident Graf Ballestrem bestrettet, daß eine solche Gefahr Abg. Dr. Barth (freif. Vgg.): Mir ist viel wichtiger das Bedenken, daß so verschiedene Gegenstände, wie die Zölle auf Brod- getreide und diejenigen auf Gerste und Hafer zusammen behandelt werden sollen. Dadurch wird die Berathung sehr erschwert. Präsident Graf Ballestrem: Wenn Herr Barth bei den Ge- treidezöllen für die Berathung zwei Unterabteilungen schassen will, für Brodgetreide auf der einen und anders Getreide auf der zweiten Seite so steht dem von meinem Standpunkte aus nichts entgegen. Abg. Dr. Spahn (Etr.): Ich habe auch keinen Anlaß, Herrn Dr Barth zu widersprechen. Die Hauptsache ist doch die, daß wir uns von vornherein darüber klar werden, ob und in welcher Höhe Mindestsätze erhoben werden sollen. ~ Präsident Graf Ballestrem: Ich frage Herrn Dr. Singer (große Seiterfett — Zuruf: Doktor kann er ja noch werden. — Abg. inner macht eine abwehrende Handbcwcgung. — Heiterkeit.) Abg. Singer (Soz.): Ich halte meinen Antrag aufrecht Der Antrag wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten a b g e l e h n t, und es wird beschlosten, zunächst über die B r o d - getreidezölle zu verhandeln. Das Wort nimmt nunmehr Reichskanzler Graf Bülow: Ich mochte Zunächst den Mit- aliedern der Zolltarifkommission den Dank der verbündeten Regierungen aussprechen (Lachen links.) für die hingebungsvolle Arbeit mit welcher sie sich der Berathung des Tarifgesehes und des Tarifes selbst mtt seinen 946 Positionen unterzogen haben. Auch wenn man mit dem Ergebniß dieser Arbeit nicht in allen Punkten einverstanden ist, so verdient die Arbeit selbst doch volle Anerkennung. Umso mehr hoffen die verbündeten Regierungen, daß diese Arbeit keine vergebliche sein wird, sondern daß sie die Basis bilden wird für eine Verständigung zwischen den verbündeten Regierungen und diesem hohen Hause über die künftigen Grundlagen unserer Zoll- und Wirthschaftspolitik. Wir stehen vor der zweiten Lesung der Tarifvorlage, die voraussichtlich im Wesentlichen entscheidend sein wird für bte end- ailtiae Gestaltung derselben. Ich will deshalb nochmals im Namen der verbündeten Regierungen und unter ausdrücklicher Zustimmung der verbündeten Regierungen auf die Gesichtspunkte Hinweisen und die Gesichtspunkte zusammenfasten, welche für bte gesetzgeberische Aktion der verbündeten Regierungen maßgebend gewesen sind und maßgebend bleiben. Es läßt sich naturgemäß über das vielfach erörterte Thema nicht viel Neues sagen, und so will ich mich mog- Am umstrittensten sind die Sätze bc5 Entwurfs auf die Getreidearten; es sind einem dringenden Wunsche unserer Land- wirthschast entsprechend Maximal- und Minimalsätze eingestellt werden. Keine Position im ganzen Tarif ist der Gegenstand so lebhafter Angriffe gewesen, wie diese, mit welcher das hohe Haus die zweite Lesung zu beginnen beschlossen hat. Es ist behauptet worden, die Getteidesähe seien viel zu hoch gegriffen, sie belasten die nothwendigcn Lebensmittel, sie bedeuten eine schwere Schädigung für unsere Exportindustrie. Andere wieder sind der Meinung, die Getteidcsätze seien zu niedrig, noch andere erblicken in der Durchbrechung des Systems des Einheitstarifs eine Bevorzugung der Landwirthschaft, welche das Zustandekommen von Handelsver- trägen unmöglich machen. Die verbündeten Regierungen halten in ihrer großen Mehrheit diese Befürchtungen für un- begrüiidet, sie glauben, daß die Höhe der Getreidesähe gerade richtig bemessen ist, um einerseits unsere Landwirthschaft in ihrer bisherigen Umfange zu erhalten, andererseits den Abschluß langfristiger Handelsverträge noch möglich erscheinen zu lasten. (Zuruf bei . . vv_.. den Soz.: Noch!) Ja, noch möglich erscheinen zu lassen! 2M5|£ört!); die verbündeten Regierungen sind in puncto Mindestsätze die Landwirthschaft eure schwere Krisis durchgemacht hat, kann nicht: an $ u fj c r ft e Grenze gegangen (Hört! Hört!), wo das bestritten werden, und ebenso wenig darf berechtigter Wei,e be- - -■ • - - • - - - - ’ " ' ' stritten werden, daß es Pflicht der Verbündeten Regierungen und dieses hohen Hauses ist, der Landwirthschaft zu helfen, soweit es im Rahmen des Gesammtinteresses möglich ist, d. h. ohne unbillige Schädigung anderer Erwerbsquellen und ohne den Abschluß lang: triftiger Handelsverträge unmöglich zu machen. In diesem Rahmen wollen die Verbündeten Regierungen der Landwirthschaft helfen, nicht im Jntereste des Großgrundbesitzes, nicht in dem be§ mittleren uns kleineren Besitzers allein, obwohl uns deren Schicksal am Herzen liegt, sondern mit Rücksicht auf das nationale Gesammt- intercsse, das es uns zur Pflicht macht, die Ernährung des deutschen Volkes nach Möglichkeit vom Ausland unabhängig zu machen. DaS ist nur möglich durch eine verständige Schutzzollpolitik und deshalb haben toir eine Erhöhung bet Getreidezölle vorgeschlagen. Gegenüber den Angriffen, die gegen eine angeblich zu niedrige Bemessung der Getteidezölle gerichtet sind, will ich zunächst nur darauf Hinweisen, daß der Landwirthschaft durch die F e st s e tz u n g einer Mindest grenze ein Reckt eingeräumt worden ist, wie keinem anderen der bei der Revision der Zollgesetzgebung betheilig- ten Interessenten. Ich weise ferner darauf hin, daß der Gesetzentwurf gegenüber früher sehr wesentliche Erhöhungen enthält. Denjenigen, die den Tarif ausgearbeitet haben, mag ja mancher Vorwurf gemacht werden, Mangel an Wohlwollen für die Landwirthschaft kann man ihnen nicht vorwerfen. (Sehr richtig! bei den Soz.) Es ist gesagt, durch die Erhöhung der Getteidezölle würde die Lebenshaltung der arbeitenden Klaffen ungebührlich bertbeuert werden Die Regierungen, denen die fortschreitende Lebenshaltung der arbeitenden Klaffen durchaus am Herzen liegt (Lachen bet den Soz.), halten diesen Einwand für thatsächlich unbegründet Die Einführung der Getteidezölle im Jahre 1879 und ihre spatere Erhöhung hat keine Steigerung der Preise der Lebensmittel zur Folge gehabt; — im Gegentheil. Weiter wird gesagt, daß die erhöhten Getteidezölle die Industrie schädigen. Auch das trifft nicht zu. scheiden, ob das vom deutschen Reich während des letzten Dezenniums befolgte System der Handelspolttik, ich meine das System der Tarife im Gegensatz zu dem System der Tarifautononne, für uns das richtige ist. Ich möchte hier auf diesen Standpunkt nicht näher eingehen, aber daran möchte ich doch erinnern, daß während der ersten Lesung der Vorlage auch die Anhänger der Tanfauto- nomie sich unter gewissen Bedingungen einverstanden erklärt haben mit dem Abschluß von Hanbclsverirägcn, und zwar für längere Zeit. Das haben sie gethan, weil unsere Jndusttie langfristige Handels- oerträge braucht, wett sic die Stabilität des Absatzes ihrer Produkte nach dem Auslande für eine fundamentale Bedingung ihres Gedeihens erachtet. Auf diesem Standpunkt stehen auch die verbündeten Regierungen. Die verbündeten Regierungen halten den Abschluß langfrifttgcr Handelsverträge für unsere winhschaftliche Weiterentwickelung für Wünschenswerth und für ersttebenswerth, und zwar nicht allein für Jndusttie und Handel, sondern auch für die Landwirthschaft. Aber selbswerständlich wollen^ die verbündeten Regierungen nicht Handelsverträge um jeden Preis, sondern nur auf einer für uns annehmbaren Basis, auf der Basis voller Gegenseitigkeit unter Wahrung unserer berechtigten Jnteresten. Um aber mit Aussicht auf Erfolg in Handelsverttagsunterhandlungen eintreten zu können, müssen wir eine geeignete Grundlage schaffen. Deutschland hat die Sätze in seinem autonomen Taris mit wenigen Ausnahmen auf dem Stande von 1879 belassen. Eine gewisse Anzahl von Positionen ist sogar in späteren Verhandlungen herabgesetzt worden, insbesondere die Getteidezölle. Dagegen haben sich in anderen Staaten, mit denen wir im Handelsvertrags- ober boch im Meiftbegünstigungsverhältmß stehen, wesentliche Verschiebungen in der Gestaltung dieser Tarife vollzogen. Rußland und Italien haben Erhöhungen vorgenommen, sie haben außerdem eine Reihe von Positionen in den geltenden Handelsverttägen, bte nicht ausdrücklich gebunden sind, dirett erhöht, darunter solche, an denen unsere Ausfuhr nicht unwesentlich bethciligt ist, Amerika hat schon 1897 den Dingley- tarif mit seinen Zollschranken errichtet, die Schweiz hat bereits vor Abschluß des Handelsvertrages mit uns ihren autonomen Tarif fast durchgängig erhöht und sie hegt jetzt wieder die gleiche Absicht; Oesterreich-Ungarn fängt an, den Zolltarif heraufzusehen, dasselbe hat Rumänien mit einer großen Anzahl seiner Positionen schon Anfangs der neunziger Jahre gethan; auch sonst haben sich bte wirthschaftlichen Verhältnisse vielfach geändert. In manchen Ländern, z. B. in Rußland und in der Schweiz ist in den letzten Dezennien die heimische Jndusttie erstarkt und man wird, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend, jetzt mehr als ftüher besttebt sein, dort den inländischen Markt der inländischen Jndusttie zu erhalten. Wir werden also in diesen Fällen für die Zulassung unserer Maaren größere Zugeständnisse zu machen haben. Um so mehr ist es nothwendig, daß wir unsere handelspolitischen Beziehungen wesentlich verstärken, wenn wir als ebenbürtige Gegner auf Dem Kampfplatze erscheinen wollen. Zu diesem Zweck haben die Regierungen einen autonomen Tarif aufgestellt, der sowohl hinsichtlich der Anordnung wie der Höhe der einzelnen Positionen vielfach von dem alten Tarif abweicht. Der neue Tarif unterscheidet sich von dem alten zunächst durch seine größere Spezialisirung. Diese Spezialisirung bedeutet nicht einen Bruch mit den zollpolitischen Grundsätzen, die vor zehn Jahren zum Abschluß von Handelsverttägen geführt haben, sondern sie soll nur eine wirksamere Waffe für die Vertragsverhandlungen bilden. Abgesehen von diesem veränderten technischen Aufbau enthält der Tarif eine größere Anzahl erhöhter Posttionen, namentlich solcher, die bei den bevorstehenden Vertagsverhandlungen voraussichtlich eine Rolle spielen werden. Diese Positionen sind so bemeffen, daß, auch wenn den betreffenden Artikeln ein erhöhter Zollschutz gewährt werden soll, doch auf dem Vertragswege Zugeständnisse gemacht werden können. Bei der Aufstellung De5 Tarifs ist sorgsam darauf geachtet worden, daß derselbe diesen Positionen für Verttagsverhandlungen einen hinlänglichen Spielraum giebt. Für die Arbeiter kommt cs nach Ansicht der Verbündeten RegiL- rungen in der Hauptsache auf sichere und lohnende Arbeit an. Für die Jndusttie ist die Hauptsache, daß ihr ein gesicherter Absatz ihrer | Produtte erhalten bleibt durch einen angemessenen Schutzzoll urch durch eine richtige Handelspolitik. Ties Ziel zu erreichen, ist die Absicht der verbündeten Regierungen. Von einer Erhöhung der Agrar zolle in den von den verbündeten Regierungen vorgeschriebe- nen Grenzen ist eine Benachtheiligung der Industrie nicht zu ex- totn-ten. Wir haben in den Jahren 1887 bis 1892 einen Zoll von 5 Ml. auf Roggen und Weizen gehabt, ohne daß die Entwickelung unserer Industrie dadurch gehemmt worden wäre. Wenn toir den Weizenzoll jetzt um 50 Pfg. höher halten, so ist davon weder eine Schädigung der Jndusttie noch eine Benachtheiligung der Arbetter zu erwarten, zumal da Weizen nicht die Hauptnahrung deS deutschen Arbeiters bittet. In Frankreich besteht, wenn ich nicht irre, feit 1894 ein Weizenzoll von 5,60 Mk., und ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß die sehr ausgezeichneten Minister, die aus den Reihen der sozialdemokratischen Partei hervorgegangen sind (Heiterkeit) eine Herabsetzung dieses Zolls auch nur angeregt haben. In England, dem größten Industriestaat der Welt, hat man kein Bedenken ae# tragen, zu Zöllen auf Weizen und Mehl zurückzukehren, und die Erfahrungen haben in beiden Ländern gezeigt, daß diese Zölle nicht im Stande gewesen sind, die Bewegung der Inlandspreise unabhängig von der Preisbewegung des Weltmarktes zu gestalten. Nur ganz vorübergehend haben Abweichungen stattgefunden. Unsere ! Industrie würde also bei der Ihnen vorgeschlagenen Höhe der Getreidezölle im Wesentlichen noch unter denselben Bedingungen arbeiten, wie das Ausland, wenngleich sie den Bettag des Zolls natürlich in Rechnung ziehen müßte. Je höher aber der Gettcidezoll bemessen wird, umsomehr wächst die Möglichkeit, eine vom Weltmärkte unabhängige Bewegung der Inlandpreise herbeizuführen, und dadurch entsteht die Gefahr, daß der durch den Getteidezoll «eschetot tt-Nch mit Ausnahme bet GometagS. ▲ AA A AA ▲ A A M AA Die „fieftener SamMeablStler" werden dem I || 3. | IZ| Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Vf EV,|lfL|LV> B bl I VIUVv „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. «tttndlatze der im Tarif enthaltenen Zollsätze gelingen wird, eine Limgung herbeizuführen. _ Auf eine Erhöhung der Mrndeftsatze für Getreide können die verbündeten Regierungen sich aus von mir und meinen Stellvertretern mehr als einmal betonten Gründen ebenso wenig einlassen, wie auf eine Ausdehnung derselben auf andere Artikel des Tarifs. (Bewegung.) Wenn von Freunden der Landwirthschaft erwidert werden sollte: „Sann wollen wir den ganzen Gesetzentwurf aülehnen und wieder zum Freihandel zuruck- kehrenl", so ist das eine Ansicht, die für Jeden schwer verständlich (ein mutz, der sich im Hader der Parteien kaltes Blut und damit die Mögichkeit bewahrt hat, ein einfaches Rechenexempel auf zu- stellen. Die Mindestsätze des Entwurfs sind doch recht wesentliche, recht erhebliche Erhöhungen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Sollte der Entwurf abgelehnt werden, so bliebe den verbündeten Regierungen nur übrig, entweder die bisherigen Handelsverträge fortbeslehen zu lassen, oder auf Grund des alten Tarifs in Vertragsverhandlungen einzutreten. Auch im letzteren Falle würden wir nach Kräften bemüht fein, die Interessen der Landwirthschaft wahrzunehmen. Daß uns das aber beim besten Willen nicht in dem Maße möglich sein würde, wie auf der «afis des neuen Tarifs, das brauche ich wohl nicht zu versichern. Das sind, wie mir scheint, doch sehr naheliegende und recht schwerwiegciide Erwägungen, uiid deshalb richte ich an diejenigen Parteien, denen der Schutz der Landwirthschaft am Herzen liegt, im Namen der verbündeten Negierungen die Aufforderung, nicht zu vereiteln, was die verbündeten Regierungen in mühsamer Arbeit für die Landwirthschaft erstrebt haben, und die Landwirthschaft nicht um Vortheile zu bringen, welche die verbündeten Regierungen ihr zugedacht haben, sondern sich auf dem Boden der realen Thctt- sachen zu halten. Ich richte weiter im Namen der Regierungen die ehrlich gemeinte Aufforderung an Sie, unsere Verhandlungen nicht durch künstliche Mittel aufzuhalten oder in die Länge zu ziehen. Ich wüßte in der parlamentarischen Geschichte kein einziges Beispiel, wo die Obstruktion, möge es sich nun um offene oder versteckte Obstruktion handeln, nicht schädigend auf das Ansehen, die Stellung und das Schwergewicht der Parlamente gewirkt hätte. (Lebhafte Zustimmung rechts und bei den National- Liberalen. Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Es hieße die Axt an die Wurzel des Parlamentarismus legen, wenn eine so wichtige Vorlage wie diese nicht in gemeinsamer, ganz loyaler Weise behandelt würde. (Erneute Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Es ist endlich Zeit, daß einmal Klarheit geschaffen wird über die künftigen Aussichten unserer Handelspolitik, damit unser Erwerbsleben weiß, woran es ist, und damit die Ungewißheit beseitigt wird, die auf Handel und Wandel lastet. Die verbündeten Regierungen hoffen, daß der E n t w u r f im Wesentlichen die Zustimmung des Hauses findet; sie glauben, daß ein Nichtzustandekommen für viele Erwerbsstände, namentlich für die Landwirthschaft, mannigfache Mißstände und Unzuträglichkeiten mit sich bringen iirirb. Die verbündeten Regierungen hoffen, daß sie nicht vergeblich an die oft bewährte Einsicht und Vaterlandsliebe dieses hohen Hauses appelliren. Dann werden wir auch zu einer Verständigung kommen, die dem Gesammtinteresse des Landes entspricht. (Beifall bei den National-Liberalen.) Referent fürs Gesetz Abg. Speck (Centr.) berichtet unter großer Unruhe des Hauses über die Verhandlungen der Kommission. Der Präsident muß Ruhe schaffen. Die Abgeordneten entfernen sich zum Theil; der Saal leert sich sichtlich. Referent für die Tarifposition Getreide Abg. Graf v. «chwenn- Löwitz (kons.) berichtet hierauf über di- Beratungen hinsichtlich der Roggen- und Weizenzölle. Die Abgeordneten, soweit ste sich noch im Saale befinden, stehen in kleinen Gruppen zusammen und unterhalten sich mit leiser Stimme. Abg. Gothein (freif. Vergg.): Der Hinweis des Reichskanzlers auf die Schweiz und Oesterreich-Ungarn war nichts weniger als stichhaltig. Wenn ein Umschwung in der Zollpolitik anderer Länder sich vollzieht, so ist jedenfalls gerade Deuffchland daran nicht unschuldig. Es ist übrigens noch sehr zweifelhaft, ob der schweizerische Zolltarif beim Referendum durchgeht. Wo stnd denn die großen Gefahren, denen die deutsche Industrie durch die des Auslandes ausgesetzt ist? Der Zolltarif soll nach dem Reichskanzler ein Rüstzeug für uns abgeben. Ja, ich fürchte, es wird für uns schließlich heißen, wie in dem Citat, das wohl auch dem Herrn Reichskanzler bekannt ist: „Mit Arm und Fuß er rudert und ringt. Der schwere Panzer ihn niederzwingt." Besonders bedenklich ist das System der Mindestzölle, daS zum ersten Male bei uns eingeführt wird. Der Herr Reichskanzler hat allerdings betont, daß dieses ja nur auf vier Positionen beschränkt bleibt. Ja, aber diese vier Positionen bilden 27 Prozent der ge- fammten Einfuhr, von der Einfuhr aus Rußland sogar 45 Prozent und au? Dänemark 62 Prozent. Das hat uns denn Dänemark gethan? Wir können mit chm sehr zufrieden sein. Dänemark fühlt sich bei seinem unglaublich veralteten Zolltarif trotzdem ganz wohl, und auch die dänische Landwirthschaft fähn ohne das schwere Rüstzeug viel besser, als die deutsche Landwirthschaft Der neue Zolltarif bildet eine schwere Gefahr für den Abschluß von Handelsverträgen. Nach dem Herrn Reichskanzler ist letzterer allerdings „noch möglich". In der Begründung des Erüwurfs war man in dieser Hinsicht durchaus noch nicht so sicher. Wenn heute immer von Seiten der Agrarier auf die Disrnarckjche Handelspolitik hingewiesen wird, so möge man sich doch gefälligst daran erinnern, daß Bismarck bereit war, für günstige Handelsverträge auf einen Getreidezollsatz von 1 Mk. herabzugehen. Und ihni lag doch das Wohl der Landwirthschaft wahrhaftig am Herzen. Die Zeiten der hohen Getreidezölle von 5 2)11. haben auf die deutsche ^>olkswirth- schaft außerordentlich ungünstig eingewirkt. Schaarenweise gingen die Leute über die Grenze, um billiges Brod zu laufen, und wurden dann wegen (Sontrebanbe bestraft. Erst 1894, beim Abschluß der Handelsverträge, begann eine bessere Konjunktur. Man steht die Tarifsätze als Kompensationsobjekt an Es ist doch lehr naiv, anzunehmen, daß das Ausland auf Erhöhungen unsererseits nicht sofort seinerseits mit Erhöhungen antworten wird, so daß die ganze Kompensation illusorisch wird. Wenn wir keine oder schlechte Handelsverträge bekommen, so wird das ein schwerer Schlag für unsere Großindustrie sein: aber er trifft sie nicht unverdient. Die Großindustrie hat durch ihre thörichten Zollwunsche, vor Allem aber durch die Begünstigung der unsinnigen Ansprüche der Agrarier die Repressalien des Auslands selbst verschuldet. Heute, nachdem wir die industrielle KrisiS bereits seit 2*4 Jahren haben und ein Ende derselben noch nicht ab^usehen ist, wäre man in diesen Kreisen recht froh, wenn man statt des neuen Zolltarifs eine Verlängerung der bestehenden Handelsverträge hätte. Ich bin dem Reichskanzler sehr dankbar für feine Erklärung, daß er bei Scheitern des Entwurfs entweder die Verlängerung der bestehenden Verträge oder den Abschluß neuer auf Grund des alten autonomen Zolltarifs zu erlangen trachten wird. Ich hoffe, daß das zur That werden wird. Und ich bin überzeugt, daß die meisten Länder, vor Allem Rußland, Italien und Oesterreich, uns keine Schwierigkeiten machen werden. Aber ffeilich: unsere Landwirthschaft bedarf ja angeblich des erhöhten Zollschutzes I Nun, eine der ersten Autoritäten, Professor Conrad, hat sich bekanntlich dahin ae- äußert, daß unsere Landwirthschaft überhaupt viel besser dastände, wenn gar keine Getreidezölle existirten. (Hörtl hört! links.) Von den Zöllen hat nicht die Landwirthschaft als solche einen Vortheil, sondern nur die gegenwärtigen Besitzer. Der Generalsekretär der national-liberalen Partei in Hannover konstatirt in seinem sehr lesenswerthen Buch, daß die Klagen der Gutsbesitzer auf den guten Höfen in Hannover größer sind als die auf den schlechten, weil die ersteren zu theuer gekauft haben. Daß man dann nicht fertfommen kann, ist klar, aber deshalb braucht man doch nicht den Zoll zu erhöhen. Solche Fälle kann man doch nicht als Beweis für die Nothlage der Landwirthschaft anführen. Niedrige Getreidepreise sind ein Segen für den Landwirth, denn hohe steigern nur den Werth des Grund und Bodens, von dem nur die gegenwärtigen Besitzer Vortheil haben, alle andern nachfolgenden Besitzer aber Nachtheil. Auch Prof. Ruhland führt aus, daß alle künstlichen Mittel, das Einkommen der Landwirthe zu erhöhen, nur die Schuldenlast steigern. 80 Prozent der kleinen Landwirthe müssen überhaupt Getreide zukaufen, ihnen bringen also die hohen Getreidepreise schon direkten Schaden. In der Zeit der höchsten Getreidevreise fand noch stets die größte Entvölkerung des platten Landes statt, weil der Großgrundbesitz, dem die hohen Getreidepreise Vortheil brachten, den kleinen Besitz mehr und mehr auf- tauftc. Wo kein Schutzzoll ist, wie in Holland und Dänemark, da slorirt die Landwirthschaft. Auch wir wollen den deutschen Bauernstand erhalten, und zwar deshalb sagen wir manchem Landwirth: Freund, du wirthschastest nicht rationell, deshalb geht es dir schlecht. (Sin allgemeines Urtheil über die Lage der Landwirthschaft kann man jetzt noch gar nicht fällen, denn c5 fehlt noch immer eine eingehende Enquete über die Lage der Landwirthschaft, so oft wir auch schon eine beantragt haben. Wenn eS vielen Landleuten schlecht geht, so liegt das vielleicht auch daran, daß vielen, namentlich größeren Besitzern, die nötigen technischen Kenntnisse fehlen. Ein bekannter Landwirthschaftslehrer hat gesagt, daß 90 Prozent der größeren Besitzer die nöthigen Kenntnisse zur Bewirthschaftung ihrer Güter fehlen. Die Herren sind Assessoren oder Offiziere gewesen, haben als solche dem Vaterland gewiß große Dienste geleistet, und übernehmen bann daS väterliche Gut, ohne vorher die Landwirthschaft erlernt zu haben. So kommen viele in einen Nothstand hinein, weil ihnen die Vorkenntnisse fehlen. Auch diese Frage müßte einmal genau untersucht werden. Gerade die Konservativen hätten alle Ursache, hier für Besierung zu sorgen. Statt desien aber haben sie mich angegriffen, als ich im preußischen Abgeordnetenhause zum ersten Mal auf diesen Hebelst and hinwieS. Die Dauern müssen «e» Haupt sich mehr und mehr der Viehzucht widmen. Redner versucht hierauf, eingehend die Frage der Viehzölle 3^ besprechen. — Präsident Graf Ballestrem: lieber die Viehzolle dürfen »te jetzt nicht sprechen. Das kommt später. (Hstierkeit.) Abg. Gothein (forrfahrend): Dann will ich hierauf nicht werter eingehen, obwohl der Reichskanzler auch darüber gesprochen hat Präsident Graf Ballestrem: Der Reichskanzler kann reden, worüber er will, die Mitglieder des Hauses aber sind an bte Tagesordnung gebunden. (Heiterkeit.) Abg. Gothein (fortfahrenb): Ich stelle hiermit den formellen Antrag, eine eingehende parlamentarische Enquete über die «-age der Landwirthschaft zu veranstalten, und Arnar durch eine besondere Kommission, damit der Gang der Verhandlungen hier nicht gestört wirb. Dann "bitte ich Sie noch, für eine bessere Bildung und Vorbildung der Landwirthe zu sorgen, denn in dem Wettkampf bet Nationen hat die den Vorsprung, die die beste Bildung hat. Die Agrarzölle mit den theuren Lebensrnitteln schaffen nur em schwaches, verkümmertes Geschlecht, die Politik der Nahrungsmittel» vcrtheuerung gefährdet die Gesundheit der Arbeiter. Die gesunde, billige Ernährung schafft den kräftigen amerikanischen und englischen Arbeiter, durch die Brodvertbcuerung befördert män nur die Verbreitung von Krankheiten, wie Lungenschwindsucht u. s. w. Ter Reichskanzler wandte sich audi gegen die Obstruktion. Vielleicht meinte er die Herren vom Bunde der Landwirthe damit. Wir treiben keine Obstruktion, wir meinen auch, daß diese dem Ansehen des Parlaments Abbruch thut. Aber das Parlament wird auch in der Achtung des Volkes siiiken, wenn ein so wichtiges Gesetz wie dieses ohne gründliche Berathung verabschiedet wird. Von so hohe« Sätzen wußte man im Lande früher nichts, kein Mensch wußte beim Beginn dieses Reichstages, daß die Zölle in dieser Weise erhöht werden würden. Ja, man sprach von Verleumdung, als zuerst von solchen Sätzen die Rede war. Deshalb muß man auch erst den Wahlkreisen Gelegenheit geben, Stellung zu diesem Tarif zu nehmen und deshalb darf nicht dieser, sondern cd muß der folgende Reichstag über dies Gesetz entscheiden. (Beifall links. Zischen rechts.) . t Abg. v. Klirdorff (Np.): Wäre ich so weise, wie der Abg. Gothein zu fein glaubt, so wäre ich der weiseste Mann. (Heiterkeit.) Daß diesem Reichstag der Zolltarifgesetzentwurf vorgelegt werben würbe, haben bie Wähler sehr wohl gewußt. Ich bin anderer Meinung als Herr Gothein über die Pflichten eines Abgeordneten, ich glaube, daß meine Wähler mich gewählt haben, weil sie mit ein Urtheil über wirthschaftliche Fragen zutrauen. (Ruf: Sehr unvorsichtig! Große Heiterkeit.) Die Herren von der Linken wollen immer nur für die städtischen Arbeiter sorgen, die Land- wirthe sind in ihren Augen die Parias. (Oho! links.) Dem Reichskanzler erkläre ich, baß wir bei den Kommissionsbeschlüssen stehen bleiben. (Ruf links: Wie lange?!) Denn nach unserer Meinung stellen biefe Sätze gerade die mittlere Linie bar, bie der Kanzler als bie richtige bezeichnet hat Be- benken Sie boch, daß die von der Kommission geforderte Erhöhung nur 50 Pfg. mehr beträgt als die des Regierungsentwurfs! Der Reichskanzler hat in feiner Rebe vergeßen, daß wir auch unter bet überseeischen Konkurrenz zu leiden haben, da sich bie überseeischen Frachten erheblich verbilligt haben. Daß bieses Sinken ber Frachten eine vorübergehenbe Erscheinung sei, wie ber Minister Möller in der Kommission meinte, ist ein Jrrthum. Zieht man diese überseeische Konkurrenz in Betracht, so wirb man zu bem Schluß kommen, baß wir mit ben Vorschlägen ber Kommission kaum daerreichen, was wir vor ben Caprivisa, .i Handelsverträgen besaßen. Trotzdem verzichten wir bar auf, für die Anträge der Kollegen Frhr. v. Wangenheim und Hahn zu stimmen, denn sie bedeuten eine bloße Demonstration, und die machen wir nicht mit. Die Herren wissen ja ganz gut, baß sie auch bei ben nächsten Wahlen nicht bie Mehrheit erlangen. Landwirthschaft und Industrie haben bad größte Interesse, sich zu verständigen. Kommt es nicht dazu, so ist Der tertius gaudens das internationale Handelskapital. Der Kanzler sprach davon, baß die Regierung über bie vorgeschlagenen Sätze nicht hinausgehen würbe, und er sprach wefter von einer Obstruktion, die bas Ansehen deS Parlaments herabsetze. Aber das Parlament wirb auch in ber allgemeinen Achtung herabgesetzt, wenn eS so bebanbeli wird, daß man sagt: Friß ober stirb. (Heiterkeit unb Zustimmung.) Das Parlament ist ein gleichberechtigter Faktor, eS hat denselben Anspruch wie die Regierung darauf, daß seine Ansichten ernstlich geprüft werden. Ich hoffe, daß bie Regierung boch noch nach» giebt. (Beifall rechts.) Hierauf vertagt daS HauS dietveitereBerathuaganf Freitag 12 Uhr. Schluß 52 Uhr. .«■ i um—■!■!! 1—■■■ ,■ -in ■■■ m in m i jrrr ~~r-: • ttnB’twrwernrnn-rarsMixr.tr7jr■.swjHZBT.dCBiy■ Vlstitilche Lirgi'Mml. Tie Fraktionen des Reichstages flaben angesichts her zweiten Beratung des ZolltariscS ihre Standpunkte gekennzeichnet. Tie konservative ReiLstagsfraklion trat am Donnerstag unter dem Borsitz des Abg. Rettich zusammen. In mehrstündigen Beratungen wurden alle Fragen erörtert und die Fe st Haltung an den Beschlüssen vom 22. September von verschiedenen Seiten proklamiert. Man einigte sich schließlich dahin, in Unterhandlungen mit anderen Parteien, namentlich dem Zentrum, treten zu wollen. Bindende Beschlüsse wurden sonst nicht gefaßt. Die Verhandlungen sollen fortgesetzt werden. Das Zentrum hat den Zolltarif einige Stunden beraten und dem Vernehmen nach sich dahin entschieden, die Kommissionsvorschläge zweiter Lesung aufrecht zu erhalten. Tte freikonservative Partei har eine neue Sitzung zur Stellungnahme für die zweite Lesung des Zollrarifes nicht abgchalten. Sie steht auf dem Boden der Beschlüsse vom 23. September d- I. Die Polen Haven in einer dritten Fraktionssitzung die Beratungen über ihre Stellungnahme zum Zolltarif beendet. Sie Haven sich dahin geeinigt, größtenteils den Kommissionsbesch lüss en zweiter Lesung zuzusrimnwn Dem „Rh. Rur." wird aus München telegraphiert: „Ich kann Ihnen aus ganz sicherer Quelle mitleilen, daß ein Einschwenkcn des Zentrums auf dem Boden der Regierungsvorlage so gut als sicher ist. Ter bayerische ZentrumSvorsrand hat den bayerischen Bauernverein wissen lassen, daß das Zentrum sich nicht durch ein Versprechen vmden könne, über die Regierungsvorlage hinaus höheren Zöllen zuzustimmen. Ans Stadt unb Land. Gießen, 17. Oktober 1902. ** Hofnachrichlen. Aus Darmstadt wird uns telegraphisch gemeldet: Gestern abend wurde im Großh. Hoftheater auf Allerhöchsten Befehl Humperdincks Märchenoper .Hänsel und Grell)cl* gegeben. Anwesend waren: der Groß Herzog, Prinz und Prinzessin Heinrich, die übrigen prinzlichcn Herrschaften, sowie Prinzessin Elisabeth und die Kinder des Prinzen Heinrich. Besonders die letzteren gaben ihrer Freude Ausdruck durch lebhaftes Händeklatschen, vor allem bei der Szene: Der Hexenritt. Man versichert, daß sich bereits eme allerliebste Intimität zivischen ben „kleinen hohen Herrschaften" heraus- gebildet habe. K. B. Darmstadt, 17. Okt. (Eigener Trahtbc- richt.) Ain Dienstag Vormittag 11*/, Uhr findet in der Technischen Hochschule die Ucbergabe des Rektorats seitens des Geh. Hofratß Prof. Tr. Scherings an den neu ernannten Geh. Baurat Pros. Pfarr statt. Gleichzeitig sollen dabei die Ergebnisse der im letzten Jahre gestellten Preisaufgaben bekannt gegeben werden. Mainz, 16. Okt. Gestern tagte hier zum ersten Male die gesetzlich vorgeschriebene ordentliche Ge nera l o e rsamm- lun g der Notare des Großherzoglums. Zum Vorsitzenden der Nolarskammer wurde Justizrat Wolf-Mainz gewählt. Als weitere Mitglieder wurden gewählt die Notare Jusliz- rat Schüler-Darmstadt, von Brentano-Offenbach, Justizrat Jöckel-Friedberg, Justizrat Rietz-Gießen, Justizrat Köhler-Osthofen und Hubert-Oppenheim. Gerichtssaäl. Mainz, 16. Okt. Der 3öjährige Musiklehrer Franz Schreiber aus Bingen ivar un Jahre 1889 hier zum Jnf.-Regt. Nr. 88 ausgehoben worden, flüchlete aber nach Lausanne und heiratete dort ein Mudchen von hier, mit dem er schon vor seiner Aushebung zum Militär verlobt war. Nun wollte Schreiber seine Kinder m bessere Schulen nach Deutschland dringen und zu diesem Zwecke hierherkommeu. Vorher aber fragte sein Schwager, em hiesiger Kaufmann, auf dem Kretsamt bei dem Eivilvorlitzenden deS Aushebungsbezirkes an, ob Schreiber ungefährdet zurückkehren könne. Die früher gegen ihn erkannte Geldstrafe von 3000 Mk. war längst an den MilitärsiskiiS entrichtet. Der Eivilvorsitzende erklärte dem Kaufmann, daß fern Schwager ruhig nach Deutschland zurückkehren dürfe. Nach dem 31. Jahre habe er keine Strafe mehr zu gewärtigen, er könne auch nicht in die Front eingestellt iverden, nur müsse er sich beim Bezirkskommando melden, da er dem Landsturm überwiesen werden müsse. Der Mnsiklehrer kam daraufhiu am 28 Juli nach Mainz und begab sich mit feinem Schwager auf das Kreisamt, um sich zu vergewissern, daß er wirk- lich ungefährdet hierbleibeu könne. (Sm Assessor, der sich erst Jn- formationen holte, gab ihm die gleiche beruhigende Verncherung, wie sie dem Schwager erteilt war. Auf feine Anmeldung aber beim Bezirkskommando wurde Schreiber am 4. August dennoch wegen Fahnenflucht verhaftet und gestern dem Kriegsgericht zur Aburteilung vorgeführi. Das frühere Urteil wurde aufgehoben »zu gleicher Zett aber mitgeleiü, daß der Fiskus die gezahlte Strafe von 3000 Mk. nicht mehr herausgebe), und der 'Jliigcflagte unter Berücksichtigung der falschen Ratserteilung zur Mmimalstrafe von f e ch s Monaten Gefängnis verurteilt. Wenn die Strafe verbüßt ist, muß der 3öjährige Mann seine zivei Jahre beim Jnfantcrie-Regt. N r. 117 avdienen. Mit dem 39. Jahre erst häkle er ungehindert zurückkehren können. Arbeiterbewegung. Washington, 16. Okt. In einer heute früh veröffentlichten Erklärung über die Beendigung b e 8 Kohlenarbe i^t er- ausstandes wurde mitgeteilt, daß zur Regelung der Streitfragen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern eine Kommission eingesetzt wird. Mitglieder der Kommission sind der pensionierte General Wilson, Ingenieur Parker als Bergwerksfachverständiger, Richter Gray, der Großmeister des Ordens der Eifenbahnzugführ«, Clark als Sachverständiger für soziale Fragen, ferner WatkinS ali Sachverständiger bezüglich der Gewinnung und des Vertriebs von Kohle, der Bischof Spalding von Peoria. Letzterer wurde au'Betreiben Roosevelts in die Kommission aufgenommen. Zum Schriftführer der Kommifsion wurde der Kommiffar des Arveilsdeparte- ments, Wright, bestimmt. Wie verlautet, sind sowohl Arbeitgeber als Arbeitnehmer mit der Zusammensetzung der Kommission zufrieden. Mitchell erklärte feine Zustimmung zur Einsetzung derselben namens der Arbeiter, Bacon und Perkins namens der Arbeitgeber. Der Zusammentritt der Kommission soll in wenigen Tagen erfolgen. Neueste Meldungen. Originaldrahtmelduugeu de» Gießener Anzeiger». Berlin, 17. Ott. Die Morgenblütter melden: Die Burengenerale werden heute mittag an ben Denl- mälern Kaiser Wilhelms I. und BiSmarcks Kranze nwberlegen. — Ter Präsident des Kaiser!. Patentamtes v. Huber, der sich aus Gesundheitsrücksichten nach dem Süden begab, will sich pensionieren lassen. — Tas Befinden des Reichstagsabg. Tr. v. Levetzow giebt zu BZorgnrssen Anlaß. New York, 17. Ott. Nach einem Telegramm aus Ärng- sionc befand sich der Soufsriöre in voller Eruption von morgens 1 bis nachts 4 Uhr. — Weitere Depeschen aus Basseterre ('Guadeloupe) besagen, daß zwischen 12 und 3 Uhr Detonationen gehört und ein schwacher Feuer« schein in der Richtung auf Marttniaue zu gesehen würbe. Wilkesvarre, 17. Okt- Tas Ende des Kohlenarbeiter-Ausstandes kann erst erklärt werden, wenn eine Versammlung der Grubenarbeiter ihre Genehmigung erteilt hat. Die ausführenden Ausschüsse der einzelnen Distrikte haben heute Beratung. — Beschlossen wurde, am Montag eine Versammlung abzuhalten. Wrlkcsbarre, 17. Okt.* In der heutigen Beratung der ausführenden Ausschüsse der Grubenarbeiter der verschiedenen Distrikte tcurb: einstimmig beschlossen, am Mcantag der Kommission zu empfehlen, zur Arbeit zu rückzukehren und dte schwebenden Fragen der Kommission zur Ent- icheidung zu üb er lassen.