Donnerstag, 16 Oktober 1902 152, Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme be8 Sonntags. Die „Sleheser Samiltenblärter“ werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hessische Landwirt'' erscheint monatlich einmal. Giehener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teü: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gieße«. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Urei; Gietzen. zum Parlamentarische Verhandlungen. Redgbr ud ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 194. Sitzung vom 15. Oktober, 1 Uhr. rgelegt hat, auf Vorschlag des Mg. Bassermann Abg. Frese Schriftführer gewählt. Es folgt die Fortsetzung der am 20. Januar abgebrochenen Besprechung derJnterpellationAlbrecht (Soz.) u. Gen.: „Welche Mahregeln gedenkt der Reichskanzler zu ergreifen, um den Folgen der wirthschaftlichen Krisis, die sich in Betriebseinschränkungen, Lohnkürzungen und vornehmlich in Arbeiter- entlassungen bemerkbar machen, zu begegnen und dem dadurch hervorgerufenen Nothstand weiter Volksschichten entgegen zu wirken r" Da- HauS ist schwach besetzt. Am Tische des Bundesraths: Graf PosadowSkhu. A, Zunächst wird an Stelle des Abg. Pachnicke, der sein Amt ktieder, ' ' ' -** ‘ ' * Abg. Molkenbuhr (Soz.j: Die Regierung hat den von uns behaupteten Umfang der Arbeitslosigkeit bestritten, aber die von der Berliner Gewerkschaftskommission vorgenommene Arbeitslosenzählung hat bewiesen, daß wir mit unserer Darstellung im Rechte waren. Auch die Arbeitslosenunterstützung der Gewerkschaften hat einen großen Umfang angenommen, es sind im letzten Jahre weit größere Summen ausaezahlt worden, als in früheren Jahren. Einen Theil der Schuld an der Arbeitslosigkeit trägt der Umstand, daß die Eisenindustriellen durch Lieferung billigen Rohmaterials an das Ausland eine Konkurrenz für uns heranzogen. Noch schlim- losenversicherung eingeführt werden kann, so kann man wenigstens das Eine verlangen, daß das Reich schon heute den Gewerkschaften Zuschüsse gewährt, damit sie diese den Arbeitslosen und deren Familien zuwenden können. Ferner müßte endlich einmal eine Arbeitslosenzählung für das ganze Reich von Reichswegen veranstaltet werden. Graf Posadowsky hat davor bisher zurückgeschreckt. Er meint, das geht nicht. Nun was den Gewerkschaften in Berlin möglich war, dürfte doch, sollte ich meinen, auch den Neichsbehördcn möglich sein. 18 482 Arbeiter haben allein in Berlin im vorigen Jahre in Folge von Arbeitslosigkeit Noth gelitten, leiden Ncth und werden auch im nächsten Winter Noth leiden müssen. Welche Maßnahmen hat denn die Regierung gegen die Arbeitslosigkeit für den nächsten Winter getroffen? Nichts hat sie gethan. Sie beschäftigt sich nur mit der Bekämpfung der Sozialdemokratie und sucht nun noch durch den Wuchertarif die Noth zu vergrößern. Die jetzige Musis wird so bald nicht vorübergehen namentlich nicht im Kohlen- und Eisenmarkt. Auch im Baugewerbe, in der Ccment- imd in der Textilindustrie schreitet der Rückgang noch immer weiter vor. Deshalb ist es unter allen Umständen Pflicht des Reiches, die Mittel zu benutzen, die wir ihm an die Hand gegeben haben. Der preußische Kriegsminister hat sich nicht gescheut, Hunderte und Aberhunderte von Arbeitern auf die Straße zu werfen, und der Eisenbahnminister hat es ebenso gemacht. Ich bitte nunmehr den Staatssekretär um eine eingehende Antwort. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Roesicke-Desiau (b. k. P): Wenn auch eine allgemeine Besserung gegen ftüher auf dem Gebiete der Arbeitslosigkeit noch nicht eingetreten ist, so ist doch eine solche schon an vielen Stellen zu verzeichnen. Immerhin ist es Pflicht der Volksvertretung sowohl wie der Regierung, nach Mitteln zu suchen, um dem Uebel zu steuern. Namentlich ist auf dem Gebiete des Arbeitsnachweises noch lange nicht genug geschehen. Einzelne Staaten haben sich ja zu die industrielle Entwickelung ab, und dann warten Sie ab, was die industriellen Arbeiter sagen, wenn e§ Ihnen gelingt, den Zolltarif zu Fall zu bringen. (Lachen bei den Soz.) Es ist gesagt worden, man befördert die Arbeitslosigkeit, wenn man den Zolltarif durchbringt, weil der durch die Lebensmittelzöllc belastete Arbeiter dann kein Geld mehr für Jnduftrieprodutte ausgeben kann. (Sehr richtig I links.) Ja, das würde sehr richtig sein, wenn im Zolltarif nichts weiter stände, als die Getreidezölle. Diese werden von den Herren Sozialdemokraten ungebührlich in den Vordergrund geschoben. Der deutsche Arbeiter wird gut daran thun, die Frage der Jndustriezöllc um so sorgfältiger zu prüfen, je mehr die Agitation draußen im Lande die Aufmerksamkeit einseitig auf die Agrarzölle lenkt. Mit der Politik der Sozialdemokratie in der Zollfrage wird man die Arbeitslosigkeit nicht beseitigen, man wird sie damit nur fördern. Lebhafter Widerspruch bei den Soz.) Die Sozialdemokraten beantragen ja überall Zollfteiheit. (Abg. Singer ruft: Schauderhaft I) Ja, das ist in der That schauderhaft (Lachen und Lärm links), daß man sich einbildet, dem Arbeiter könne durch Zollfteiheit geholfen werden. Selbst für Austern, Hummern und Caviar beantragen die Herren Sozialdemokraten Zollfreiheit. (Heiterkeit.) Gerade die Herren von der Sozialdemokratie, die uns immer auf Luxussteuern verwiesen haben, hätten doch, wenn sie konsequent fein wollten, die Verdoppelung dieser Steuern beantragen müssen (Sehr wahr! im Centrum und rechts); sie haben aber Zollfteiheit beantragt. (Lärm bei den Soz. Rufe: Ist nicht wahr!) Ja, das ist wohl war. (Rufe bei den Soz.: Sie waren ja garnicht in der Kommission!). Allerdings war ich nicht Mitglied der Kommission, ich habe aber die Verhandlungen sehr genau verfolgt. Der Kollege Stadthagen hat doch große Reden darüber gehalten. (Heiterkeit, Widerspruch bei den Soz.) Ja, sogar für Champignons haben die Sozialdemokraten Zollfteiheit beantragt, ebenso wie für Sekt, Ball- chuhe, feine Seidenwaaren und Smhrnateppiche. Wären diese Maaren zollftei, so würden sie massenhaft aus dem Ausland einge- ührt werden und der deutsche Arbeiter, der in der Sektindustrie be- chästigt ist, der Seidenwaaren, Ballschuhe oder dergleichen fabri- zirt, würde durch die Zollfteiheit kolossal geschädigt werden. (Sehr wahr! ) Es wird immer gesagt, ich sei nicht dabei gewesen; ich bin aber wohl dabei gewesen, als die Sozialdemokraten für sämmtliche Seidenwaaren von Anfang bis zu Ende Zollfteiheit beantragten. Hört! hört!) Jeder Arbeiter wird Ihnen sagen, daß, wenn dieser Antrag durchgegangen wäre, die Seidenindustrie Deutschlands in die schwierigste Lage gekommen wäre; sie würde geradezu kaput ein, und eine ganze Reihe von Arbeitern würde nicht durch die Fabrikanten, wohl aber durch die Politik der Sozialdemokraten auf )ie Straße geworfen fein. (Sehr gut! im Centrum und rechts.) Auch bei Dem Eisen haben ja die Sozialdemokraten Zollfteiheit beantragt. Wenn dieser Antrag durchgegangen wäre, würde er eine Katastrophe herbeigeführt haben, wie sie noch nie in der Welt da war. Wir würden dann von der Konkurrenz des Auslandes, namentlich von Amerika erdrückt werden. Es würden dann massenhaft deutsche Arbeiter entlassen werden müssen. Die Industriellen setzen nicht ohne Noth ihre Arbeiter auf die Straße. Es ist keineswegs Bosheit von ihnen, wie die Sozialdemokraten es dar- tellen. Sie thun es erst bann, wenn sie selbst ihr Vermögen bereits )aran gesetzt haben. Der Zolltarif enthält nicht nur Agrar- sondern doch auch Jndustriezölle, und um der Jndustriezölle willen, können die Arbeiter sehr wohl die Agrarzölle in den Kauf nehmen. Nichts ist so nothwendig, wie die Annahme des Zolltarifs, wenn man wirklich der Arbeitslosigkeit steuern will. Ich hoffe, es wird zum Wohle der deutschen Arbeiter, der deutschen Industrie und Landwirthschaft, kurz des ganzen deutschen Vaterlandes gelingen, den Zolltarif zu verabschieden. (Lebhafter Beifall im Centrum; ironischer Beifall bei den Sozialdemokraten.) meiner großen (SeAigtfiuung schon mit der Frage beschäftigt, aber das Reich müßte hier auch selbst eingreifen. Nothstandsarbeiten tönnen sehr segensreich fein, aber sic werden ohne eine gründliche Statistik darüber, wann und wo die Gelegenheit für solche Noth- tandsarbeiten gegeben ist, nicht ausführbar fein. Das wirksamste Mittel, der Arbeitslosigkeit zu steuern, wäre die schleunige Jn- angriffnahme des Mittellandkanals. (Sehr richtig! links.) Wenn die Regierung den Muth hätte, energisch aufzutreten, dann würden auch die Konservativen nachgcben. Wenn man aber die Sache so langsam unter den Tisch fallen läßt, nur um nicht viel Spektakel zu machen, ja, wie will man bann etwas erreichen? Bezüglich des Zolltarifs theilc ich die Ansicht des Abg. Molkenbuhr. Wer die hohen Zölle des Tarifs will, der will sie in seine eigene Tasche 'recken. (Sehr richtig! links.) Wer ist es denn eigentlich, der einen neuen Zolltarif will? Das sind doch die Agrarier und andere Hach- chutzMner. Alle Anderen sind mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden. Da sollte die Regierung doch lieber den Tarif zurückziehen. Sie ist durch die von ihr mit dem Zolltarif geschaffene Unsicherheit selbst zum großen Theile schuld an der Arbeitslosigkeit. Die Handelsverträge müssen auf bas Schleunigste erneuert werden. Herr Bachem stellt es so bar, als ob man, wenn man einige Zölle ermäßigt wissen will, gleich allgemeine Zall- reiheit verlangt. Freilich, die Sozialdemokraten haben ja lieses Gespenst an die Wand gemalt, aber es war ein taktisches Manöver und sie werben mit sich reben lassen. Die Arbeitslosigkeit ist zweifellos auch für die Leistungsfähigkeit der Arbeiter von höchstem Nachtheil, weil sie sich in der Zeit der Arbeitslosigkeit sehr harte Entbehrungen auferlegen müssen. Deshalb ist ein Arbeitslosengesetz dringend geboten, und zwar sollte die Arbeitslosenversicherung im Anschluß an die Arbeitsnachweise aufgebaut werden, ebenso wie umgekehrt die Arbeitslosenversicheruna auf eine Verbesserung der Arbeitsvermittelung binar beiten sollte, durch Einführung des gesetzlichen Zwanges. Tas Kölner Shstem, das auf Freiwilligkeit beruhte, ist für eine Verallgemeinerung nicht brauchbar. Was die Arbeitslosenversicherung betrifft, so kann diese, meiner Ansicht nach, nur von Reichswegen geschehen. An die gewerkschaftliche Arbeitslosenversicherung mit Staatshilfe, wie sie von den Gewerkschaftern propagirt wird, glaube ich nicht. Oder glauben Sie (zu den Soz.) etwa daran, daß wir im Laufe der nächsten 10, 20, 50 Jahre eine Regierung bekommen, die den sozialdemokratischen Gewerkschaften solche Mittel zur Verfügung stellen wirb? (Staatssekretär Graf Posadowsky lächelt.) Was jetzt schon durchführbar n?äre, das ist ein Gesetz, das den Kommunen das Recht giebt, in ihrem Bezirk eine obligatorische Arbeitslosenversicherung einzu- siihren. Auf jeden Fall haben wir dafür zu sorgen, daß diese ganze Materie nicht mehr von der Tagesordnung verschwindet. (Beifall links.) Staatssekretär Gras v. Posadowsky: Die Herren Interpellanten haben an die verbündeten Regierungen die Frage gerichtet, was das Reichsamt des Innern zu thun gedächte, um der Arbeitslosigkeit entgegenzutrctcn. Ja, wenn der Staatssekretär des Innern die Arbeitslosigkeit abschaffen könnte, wenn er em so mächtiger Mann wäre, baß er die Produktion reguliren könnte, bann wäre er ein sehr glücklicher unb erfolgreicher Mann, denn bann könnte er den größten Thcil der sozialen Frage mit einem Federstriche aus der Welt schaffen. Der Herr Vorredner verlangt vom Reich, daß cs der Arbeitslosigkeit steuern solle. Was kann das Reich aber thun? Man kann der Arbeitslosigkeit nur steuern, indem man Arbeit schafft. Und Arbeit schaffen kann man nur, wenn man die Mittel dazu hat. Diese Mittel müßten also dem Reich im Etat bewilligt werden. Ich kann dem Herrn Vorredner nur versichern, baß jcbes Mal, wenn von den berbünbeten Regierungen ber Etat aufgestellt wirb, ein heftiger Kampf sich entspinnt über eine Anzahl Posten, bie in ben Etat eingestellt werben sollen. Wir würden sehr glücklich sein, wenn wir die Posten, die eine Vermehrung ber Arbeitsgelegenheit mit sich bringen unb bie wir in ben nächsten Etat eingestellt haben, vom Reichsschahamt bewilligt erhalten könnten. Ich bitte aber bie Herren, nicht zu vergessen, daß bie einzige produktive Verwaltung, welche große Aufgaben auf dem Gebiete ber Landeskultur hat, sich nicht in Den Händen bc5 Reichs, sondern der Einzelstaaten befindet. Abgesehen von der Postvcrwaltung hat behanntlich das Reich gegenüber den Einzelstaaten nur einen ganz verschwindenden Beamtenorganismus. Es sind also vornehmlich Die Einzelstaaten, die Provinzen, bie_ Kommunen, bie hier helfen könnten. Ich habe mich schon vor längerer Zeit an bie einzelnen berbünbeten Regierungen mit der Frage gewandt, wie bei ihnen gegenwärtig die Lage auf dem Arbeitsmartte ist. Ich habe Nachrichten erhalten, daß sie, soweit es in ihren Kräften steht, bemüht sein werden, innerhalb ihrer Ressorts Ar- beitsgelegenhett zu schaffen unb baß sie namentlich in diesem : Sinne auch auf bie Kommunen hinwirken würben. Ich habe noch kürzlich von einer Kommune, ich glaube es ist Frankfurt a. M.» erfahren, daß man sich bort eingehend mit der Frage beschäftige, in welcher Weise der Arbeitslosigkeit im nächsten Winrer zu steuern sei. Die Arbeitslosigkeit schon jetzt mit dem Zolltarif zu verbinden, halte ich für total verfehlt. (Sehr richtig! rechts.) Tie Krisis, in der wir uns befinden, ist — das pfeifen die Spatzen von den Dächern — dadurch entstanden, daß man auf manchen Gebieten eine vorübergehende Konjunktur irrthümlich für eine dauernde gehalten hat. (Sehr richtig!) Wenn man zu jener Zeit, als unsere Industrie einen rcchiden Aufschwung nahm, warnend den Finger hob, bann hieß es immer gleich, man sei ein Gegner der Jnbusttie, man habe ganz rückstänbige Auffassungen. Unb boch ist es gerade diese vorübergehende Konjunktur gewesen, ber man auf einigen Gebieten viel zu schnell gefolgt ist, inbem man zu große Arbeiter- maffen in Bewegung setzte. Es ist eine alte Erfahrung, daß Arbeiter, bie sich einmal an stäbtische Verhältnisse gewöhnt haben, wenig gewillt sind, toieber auf bas Land zurückzukehren. Die Landwirthschaft hat sich damals, als so viele Arbeiter vom Lande weg- zogen, unter großen Opfern anders einrichten müßen, sie hat andere, zum Theil misländische Arbeiter heranziehen müßen, und es ist jetzt nicht so leicht, den Wechsel zwischen Stadt unb Land auf einmal wieder rückgängig zu machen. Es tritt ja jetzt eine gewiße Rückwanderung ein, sie vollzieht sich aber noch außerordentlich langsam. In Betreff des Arbeitsnachweises bin auch ich der Ansicht, baß noch unenblich viel geschaffen werben kann, unb baß mit Ernst an bie Regelung bieser Frage herangetreten werben muß. Ich habe bie entsprechenbe Resolution bes Reichstages ber arbeiterstatistischen Abtheilung bes Statistischen Amts überwiesen. Tort wird sie berathen werben, ich nehme an, unter Zuziehung be8 Arbeits- unb Sachverstänbigenbeiraths. Zu ber Frage ber Arbeitslosenversicherung werben bie Regierungen in allernächster Zeit insofern Stellung nehmen, als man prüfen wirb, ob unb welche wissenschaftlichen und praktischen Wege gegeben sinb, um der Frage näher zu treten: Ist überhaupt eine Arbeitslosenversicherung möglich unb unter welchen Voraussetzungen ist sie durchführbar? Bei unzweifelhaften Nothstänben ist man verpflichtet, die Anwendbarkeit eines solchen Mittels zu prüfen, und daß dies seitens der verbündeten Regierungen geschehen wird, dessen können Sie versichert fein. (Lebhafter Beifall.) tner wird die Arbeitslosigkeit nach Annahme des neuen Zolltarifs zu ■ Tage treten, und das Uebel wird dann um so schwerer empfunden 1 werden, da zugleich die Lebenshaltung der breiten Massen sich dann , erheblich verschlechtern wird. Der Lohndruck, eine der Folgen ber Arbeitslosigkeit, wirb sich bann um so schwerer fühlbar machen, und es wird eine Unterlonfumption an Lebensmitteln zu Tage treten. Die Konservativen haben in einer früheren Sitzung behauptet, daß ■ auf dem Lande von einer Arbeitslosigkeit nicht bie Rede ist. Das stimmt nicht, die Statisttk der Jnvalidttätsmarken beweist das Gegen- theil. Oder will Graf Kanitz behaupten, daß die Gutsbesitzer zu wenig Marken kleben? Die Landarbeit wird immer mehr zu einer kurzen Saisonarbeit. Deshalb sollten die Agrarier die Arbetts- kosigkett nicht so von oben herab behandeln unb sich nicht einreden, daß, wenn bei ihnen einmal Mangel an Arbeitskräften herrscht, es auf dem Lande überhaupt keine Arbeitslosigkeit giebt. Die Arbeitslosigkeit ist eine Folge des Raubbaues, der mit Der menschlichen Arbeitskraft getrieben wird. Mit den Summen, die heute für bie durch bie Krisen vermehrten Armenlasten verausgabt werden, ließe sich schon eine Arbeitslosenversicherung durchführen. Man wendet ein, die Arbeitslosen-Versicherung sei eine Prämie auf die Faulheit. Ja, ist denn die Feuerversicherung eine Prämie auf die Brandstiftungen? (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ich bin der Meinung, daß eine allgemeine Arbeitslosenversicherung sehr gut durchführbar wäre. Es würden an Arbeftslosenrenten etwa 219 Millionen Mark pro Jahr zu zahlen fein, wenn man für jeden arbeitslosen Tag pro Person 2 Mk. rechnet. Das ist ja keine direkt kleine Summe. Immerhin, wenn man bedenkt, welche Summen der Reichstag für andere Forderungen anstandslos bewilligt, so läßt sich das ertragen. Und ein Mißbrauch ist hier weniger zu fürchten, als in anderen Versicherungszweigen. Denn nirgends kann man bessere Kautelen verlangen, als hier. Allerdings, das müßte man von vornherein verlangen, daß die Versicherung die gesammte Arbeiterschaft umfaßt. Eine Beschränkung auf die Industriearbeiter würde zur Entvölkerung des platten Lärmes beitragen. Und diese wünschen ja unsere Agrarier nicht. Uebrigens würde die Arbeitslosenversicherung noch allerhand wohl- thättge psychologische Wirkungen zeittgen. Freilich schafft man mit der Versicherung noch nicht das Uebel selbst aus der Welt, so wenig wie man durch Korrekttonshäuser ba§ Verbrechen beseitigt. Wenn man systematisch Kulturarbeiten vornehmen wollte, so würbe man bet Arbeitslosigkeit zu einem großen Theile vorbeugen. Die sogenannten Nothstandsarbeiten, mit denen man bei uns manchmal beginnt, sind nicht mir ungenügend, sind sind in ben meisten Fällen auch unprobukttv. So etwas läßt sich eben nicht überstürzt unb ohne weitausschauenden Plan durchführen. Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit ist aber von größter Bedeutung für unsere gesammte Volkswirthschaft, nicht nur für die Arbeiterklasse. Man muß den Arbeiter konsumfähig erhalten, sonst nützt nachher die vermehrte Produttion gar nichts, da der Jnlandsabsatz dann nicht genügt. Wir sind der Ansicht, daß unsere Gesellschaft sich selber den besten Dienst erweist, wenn sie energisch der Arbeitslosigkett vorbeugt. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Bachem (Ctr.): Es ist zweifellos eine der beklagens- werthesten Erscheinungen unseres sozialen Lebens, daß wir zur Zett nicht genügend Vorkehrungen haben, um dem arbeitsfähigen und arbeitswilligen Arbeiter Gelegenheit zur Arbeit au geben. Herr Kollege Hitze hat schon im Januar ausgeführt, daß bas vornehmste Präventivmittel in ber Ausbildung der Arbeitsnachweise gesucht Werden muß. Der Ausbau der Arbeitsnachweise allein kann die Grundlage für alle weiteren Versuche auf Diesem Gebiete bilden. Es ist allerdings in dieser Beziehung schon Manches geschehen. Sehr wichtig wäre die Organisation des Arbeitsnachweises auf dem Lande. Dieser könnte einen Rückfluß der in die Industrie hinein- gelommenen ländlichen ungelernten Arbeiter bewirken und damit beiden Kategorien nützen. Auch die Naturalverpflegungsanstalten müßten wieder mehr beachtet werden. Wir muffen auf jeden Fall danach ftreben, daß der arbeitsfähige Arbeiter der Armenunter- ftützunq nicht anheimfällt. Wenn er Unterstützung erhalten muß, bann nicht in der Form von Almosen sondern in der von Vorschüßen, wie sie jeder Geschäftsmann erhalt und in besseren Zetten zurückerstattet. Was die Arbeitslosenversicherung anlangt, so ist diese eine der wichtigsten, aber auch eine der schwierigsten Fragen. Gerade in den Kreisen der Sozialdemokratie gehen ja die Meinungen durchaus auseinander. Besonders in ben Kreisen Der Gewerkschaften steht man ben Molkenbuhrschen Vorschlägen keineswegs zustimmend gegenüber. Auf dem Münchener Parteitag hat sich gleA- falls gezeigt, baß über bie Ansichten, to t e bie Arbettstosenversiche- rung ourchgcführt werben soll, noch vollständige Unklarheit herrscht. Versuche sind ja gemacht worden, so in Bern und m Köln Doch hat es sich da gezeigt, daß ber reine Versichernngsgebanke nicht durchgeführt werden konnte. Also muß man ba noch ruhig abwarten. Im Uebrigen aber mochte ich bas Eine betonen: ber Arbeitslosigkeit steuert man nicht burch eine Versicherung, sonbem am bejtc daburch, daß man der Industrie hilft, wodurch der Arbeiterschaf ständige Arbeitsgelegenheit gesichert wird. Und totr stehen za. letzt gerade vor einer wichtigen Entscheidung, die für das Schicksal unserer Jndusttie von der größten Bedeutung ist, vor der Entscheidung über den Zolltarif. (Lachen links und Lärm bei den Soz.) Ja, den Herren von der Sozialdemokratte scheint das, was ich sage, sehr unangenehm zu fein. (Erneutes Lachen links.) Mer Herr Molkenbuhr hat doch auch vom Zolltarif gesprochen. Also warten Sie nunmehr doch auch ab, was ich sage, dann warten Sie Mg. Zubeil (Soz.): Die Argumentation des Abgeordneten Bachern steht auf sehr schwachen Füßen. In England giebt es viele von unseren Jndusttiezöllen nicht; insbesondere keine Textilzölle, und doch werden dort die Arbeiter ganz unvergleichlich besser bezahlt, als bei uns. Die Arbeitslosigkeit hat bei uns ganz unerhört zugenommen. Auch in den Staatsbetrieben werden zahlreiche Arbeiter entlaßen. Die Behauptung des sächsischen Bundesrathsbevollmächtigten, baß in ber sächsischen Eisenbahn- verwaltung keine Entlassungen vorgekommen sind, widerspricht dirett der Wahrheit. Wie Graf Kanitz die Ursache der Arbeitslosigkeit lediglich in der Gewissenlosigkeit von Agenten suchen kann, verstehe ich nicht. Gewissenlos handeln vielmehr die ostpreußischen Großgrundbesitzer, die galizische und Russische Arbeiter annehmen und dadurch tue Zahl der Deutschen Arbeitslosen vermehren. Bei den geringen Löhnen ist es ganz unmöglich, daß ber Arbeiter währenb seiner Thättgkeit für bie Zeit ber Arbeitslosigkeit etwas sparen kann. Angesichts bieser Thatsachen ist es ganz selbstver- ständlich, baß ber Arbeiter die Hilfe des States in Anspruch nehmen muß, denn er selbst hat die Arbeitslosigkeit nicht verschulbet, und es wäre Pflicht und Schuldigkett des Reiches, endlich die Klinke ber Gesetzgebung in bie Hand zu nehmen, um ein brauchbares Arbeitslosengesetz zu schassen. Wenn enblich ber achtstünbige Arbeitstag eingeführt würde, bann könnte die Jndusttie erheblich mehr Arbetter beschäftigen; heute aber giebt es Fabriken, wo 14, 16 und 17 Stunden lang gearbeitet wird auf Kosten der Gesundheit der Arbetter! Wenn auch nicht von heute auf morgen eine Arbeits- — tog. Graf Kanitz (totf.): Eine erhebliche Verschiebung deS Är- beitsmarktes ist in den letzten Monaten nicht eingetreten. Zu meinem Bedauern ist der Kollege Fischbeck nicht anwesend, der bekanntlich in der Berliner Stadtverordnetenversanunlung Zahlen über den Umfang der Arbeitslosigkeit mitgetheilt hat, die denen der Sozialdemokraten direkt widersprachen. Der Abg. Fischbeck hat be- karmtlich für Berlin eine Arbeitslosigkeit in Abrede gestellt. Wie mir mitgetheilt wird, will ja auch die preußische Forswerwaltung mit Rücksicht auf die schlechte Finanzlage mit erheblichen Arbeits- einschrcrnkungen vorgehen. Ich wurde das lebhaft beklagen. Der Bau des Mittellandkanals wurde die Arbeitslosigkeit nicht einschränken, es ist ja bekannt, daß zu Kanalbauten fremde Arbeiter zugezogen werden, die sich besser dafür eignen als deutsche. Beim Dau früherer Kanäle wurden auch italienische Arbeiter verwendet. Gegen Nothstandsarbeiten habe ich gewiß nichts einzuwenden, aber der Mittellandkanal hat mit der Arbeitslosiakeit nichts zu thun. Die Vorwürfe des Kollegen Molkenbuhr gegen die ländlichen Arbeitgeber sind unberechtigt, wir beschäftigen gewöhnlich un Winter Ebenso viel Arbeiter wie im Sommer. Allerdings bringen wir da gewisse Opfer, wir suchen die Arbeiter zu halten, obwohl wir sie nicht brauchen. Von ftivolen Arbeiterentlassungen ist bei unS keine Rede. Allerdings, wenn die schwierige Lage der Landwirthschast anhält, können wir dies Opfer nicht mehr bringen. Wir sollten das Schwergewicht unserer Wirthschaftspolitik auf den heimischen Markt legen. Die Sicherung des heimischen Marktes wird zur Sicherung der Erwerbsfähigkeit der Industriearbeiter beitragen. Arbeiterentlassungen sind gewiß bedauerlich. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit unserem früheren Kollegen Hammacher, der sich für solche Dinge sehr interessirt. Er wies darauf hin, daß die Bergarbeiterbewegung jetzt einen ganz anderen Charakter habe wie 1889. Damals war eine aufsteigende Konjunktur, die Arbeiter klagten, daß sie zu viel arbeiten müßten. Heute ist es umgekehrt, heute beklagen sie sich über die vielen Feierschichten, über zu wenig Arbeit. (Ury= ruhe links.) Und das nicht mit Unreckt. Schuld daran sind die Syndikate, die sich bemühen, die Förderung einzuschränken, um möglichst hohe Kohlenpreise zu erzielen. Leider befindet sich ja auch die preußische Eiscnbahnverwaltung in völliger Abhängigkeit von dem Kohlensyndikat. Ein Bruch mit dem Syndikat ist durchaus nothwendig. Ich freue mich, daß Graf Posadowskh eine Enquete über Syndikate und Trusts in die Wege geleitet hat. Die Wiederkehr gesunder wirthschaftlicher Zustände ist das beste Mittel zur Verhinderung der Arbeitslosigkeit. Diesem Zweck dient der neue Zolltarif (Aha! links); an höheren Zollsätzen hat auch die Industrie levhastcS Interesse, sie bedarf einer Revision der Zollsätze ebenso dringend wie die Landwirthschast. Ich kann Sie daher nur bitten, Herr Bachem: Thun Sie das Ihrige, damit der Zolltarif zu Stande kommt und wieder gesunde wirthschaftliche Zustände bei uns einkehren I (Beifall rechts.) Abg. von Elm (Soz.): Die Ursache der Krisis ist begründet in der Tendenz des Kapitalismus, die Lohne zu drücken. Um dieser Tendenz zu begegnen, müßen die Arbeiter vor Allem das uneingeschränkte Koalitionsrecht haben. Die Unterkonsumtion, die jetzt schon besteht, wird, wenn der Zolltarif Gesetzeskraft erlangt, zweifellos noch zunehmen. Es freut mich, daß Herr Bachem jetzt selbst zugiebt, daß hohe Getreidezölle die Lebenshaltung des Arbeiters vertheuern. Der Kollege Bachem wirst uns vor, daß wir in der Kommission für jede Position Zollfreiheit beantragten. Das geschah aus taktischen Gründen, damit wenigstens die Antragsteller zu Worte kamen. Wir wollen uns nicht mundtodt machen lassen. (Lachen rechts und im Centrum.) Es ist gesagt, die Löhne der Arbeiter seien in Folge der Syndikate gestiegen. Ja, Dividenden sind in kolosialcr Höhe ausbezahlt worden, aber die Arbeiter haben keinen Vortheil gehabt. Gegen Preistreibereien muß energisch vor- gegangcn werden, aber nicht in einseitiger Weise, denn sonst wird die Krisis nur noch vermehrt. Wenn es in Deutschland keine Gewerkschaften gäbe, die diesen kapitalistischen Tendenzen entgegenarbeiten, so würde eS noch viel schlimmer stehen. Die Arbeirslofigkeit ist ein Produkt der kapitalistischen Wirth- schaftsordnung und wird wohl so lange Vorkommen, wie diese steht. Don Seiten meiner Parteisteunde wird die staatliche Versickerung gegen Arbeitslosigkeit verlangt. Der Staat schützt das todte Eigentum, wie viel mehr sollte er das lebendige schützen! Die Arbeitskraft ist das lebendige und das einzige Kapital des Arbeiters. Sie muß geschützt werden gegen ihren Ruin durch Elend und Entkräftung, die im Gefolge der Arbeitslosigkeit auftritt. Man sagt, man hätte noch kein brauchbares Material zur Beurteilung der Arbeitslosenversicherung. Das ist nickst richtig. Die Arbeitslosenunterstützungseinrichtungen der Gewerkschaften bieten brauchbares Material zur Genüge. Hier muh eingesetzt werden, die Gewerkschaften müfien gefördert und für die Erfüllung ihrer Aufgaben leistungsfähiger gemacht werden. Die Frage der Arbeitslosenversicherung wird am besten dadurch gelöst, daß die Gewerkschaften diese völlig in die Hand nehmen und von Reichswegen ein Zuschuß gewährt wird. Die von Herrn Dr. Bachem vorgeschlagene Vorsckuß- wirthschaft ist nicht acceptabel. Woher soll denn jemals der Arbeiter die Vorschüsse zurückzahlen? Dadurch würde ja die Noth.des arbeitslos gewesenen Arbeiters nur verewigt werden. Derartige Vorschläge können wir nicht als Vorschläge zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit ansehen. Wir glauben freiltd) überhaupt nickst, daß es Ihnen mit alledem wirklich ernst ist. Die deutschen Arbeiter wißen, daß sie von einem Reichstag, der ihnen den Bißen Brod, den sie eßen, vertheuern will, eine Linderung ihrer Noth nicht zu erwarten haben. Und demgemäß werden sie handeln. Bei den Wahlen sprechen wir uns wieder. (Lebhafter Beifall bei den Soz.) Abg. Hilbck (natl.J: Seit Januar haben sich die Verhältniße wesentlich geändert. Im Westen ist die Arbeitslosigkeit geringer geworden, wie aus den Berichten der Arbeitsnachweise hervorgeht. Die großen Eisenwerke sind allerdings mit wenigen Ausnahmen heute nicht in Der Lage, den Aktionären auch nur einen Pfennig zu zahlen. Bester sind nur die Eisenwerke an den Wasterstraßen gestellt, ein Beweis, wie nothwendig die Errichtung neuer Wasserstraßen ist. Das preußische Abgeordnetenhaus sollte wirklich den Westen nicht länger so mißhandeln und ihm die nöthigen Wasterstraßen versagen. Ein Jrrthum ist es, zu glauben, daß die Eisenindustrie nur Rohprodukte ausführt. Nein, meist werden fertige Fabrikate ausgeführt. Wir haben es verstanden, den Arbeitern ihren Verdienst zu erhalten, wenn auch in etwas verringertem Maße. Wenn die Industriellen in schlechten Zeiten cm das Ausland billiger verkaufen, so thun sie es nur im Interesse ihrer Arbeiter, die sie sonst entlasten müßten. (Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Für eine Arbeitslosenversicherung sind meine Freunde im Prinzip zu haben, aber die Ansichten Darüber sind in allen Parteien noch so getheilt, daß die Frage noch nicht spruchreif ist. Ein Reichszuschuß an die Gewerkschaften ist so lange unmöglich wie diese Kampforganisationen sind. Von anderer Seite ist die kommunale Versicherung empfohlen, wieder von anderer Zuschläge zu den Krankenkassenbeiträgen. Sie sehen also: Soviel Köpfe, soviel Sinne! Nun zu den Syndikaten! Es giebt Leute, die nichts vergesten und nichts lernen wollen, und zu ihnen gehört in der Frage der Syndikate der Kollege Graf Kanitz. (Oho! rechts.) Seine Ansichten über die Syndikate sind durchaus falsch. Erwünscht wäre es mir, Auskunft darüber zu erhalten, ob seitens der preußischen Eisenbahnverwaltung Llrbeiter entlassen und dadurch die Arbeitslosigkeit vermehrt ist. Geh. Rath Koch: Daß die Eisenbahnverwaltung Arbeiter auf die Straße gesetzt und dadurch die Arbeitslosigkeit erhöht hat, ist nicht richtig. Die Eisenbahnverwaltung hat keine Arbeiter entlasten, sondern sogar daraus hingewiesen, daß sie auch über das Be- dürfniß hinaus weiter beschäftigt werden sollen. Wenn auch einige DieiMellenvorsteher hier und da Arbeiter entlaßen haben, so sind doch im Ganzen etwa 1400 Arbeiter über daS Bcdürfniß hinaus gehalten worden. Außerdem sind von der Verwaltung reichliche Summen für Eisenbahnbauten verwendet worden. Hierauf vertagt sich das Haus. Persönlich bemerkt Abg. 2tabthagen (Soz ), es sei unrichtig, daß er in der Kommission Zollfreiheir für Austern und Kaviar beantragt habe. Herr Bachem habe also keinen Vorgang aus der Kommission, sondern aus der Phantasie zur Sprache gebracht. (Heiterkeit.) Tie Sozialdemokraten hätten für die Zollerhöhung in diesen Positionen gestimmt, und zwar aus folgenden Gründen. Präsident Graf kallcstrem: Sie dürfen nicht alle Gründe aus der Kommission anführen, das ist nicht mehr persönlich. (Heiterkeit.) Abg. Stadthagen (sortfährend): Es sind nur ein paar Kleinigkeiten Präsident Gras Ballestrem: Die Kleinigkeiten können aber sehr lang werden. (Große Heiterkeit.) Avg. Bachem (Centr., persönlich) erwidert, ihm sei von drei Kommissionsmitgliedern bestätigt worden, daß seine Ausführungen, abgesehen von kleinen Differenzen bezüglich der Hummern, richtig waren. Er könne zum Beweis dafür die Berichte der „(Germania"' aus der Zollkommission anführen. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Es habe also Niemand das Recht, an seiner bona licke» zu zweifeln. Abg. Roesicke (Deßau, persönlich) erwidert dem Staatssekretär, er habe nicht verlangt, daß das Reicksamt des Innern für die Arbeitslosen Arbeit schaffe. Der Staatssekretär sollte aber seinen Einfluß auf die preußische Regierung aufbieten, um Den Bau des Mittellandkanals zur That werden zu laßen. _ Abg. Stadthagen versucht nochmals in einer persönlichen Bemerkung, auf die Vorgänge in der Zollkommißion einzugehen, wird aber vom Präsidenten unterbrochen. Er fährt fort: Ich gebe ja zu, daß es schwer ist, im Rahmen einer persönlichen Bemerkung zu erwidern. Präsident Graf Ballestrem: Es ist Manches schwer im Parlament (große Heiterkeit) und eS muß doch ertragen werden. (Erneute große Heiterkeit.) Abg. Bachem: Mich haben die Kollegen Paasche, Müller - Fulda und Sittart autorisirt, zu erklären, daß die Sozialdemokraten in der Kommission für Zollfreiheit auf Champignons, Austern und Kaviar eingetreten sind. Abg. Stadthagen häst seine Behauptung auftecht. Der Abg. Bachem sei einer Belehrung nicht zugänglich. Damit sind die persönlichen Bemerkungen erledigt. Präsident Graf Ballestrem schlägt vor, die nächste Sitzung am Donnerstag 1 Uhr abzuhalten und auf die Tagesordnung die beiden Interpellationen über die Fleischnoth und den Zo lltar i f • gesehen twurf zu setzen. Abg. Singer beantragt, am Donnerstag an zweiter Stelle nicht den Zolltarifgesetzentwurf zu bcrathen, sondern die Interpellation über die Arbeitslosigkeit weiter zu verhandeln. Es handle sich um eine wichtige Frage, die erledigt werden müsse ; eine neue längere Pause in der Besprechung dürft nicht wieder eintreten. Präsident Gras Ballcstrem erwidert, über einen Gegenstand wie diese Interpellation könne man 14 Tage und noch länger reden. Ein Abschluß der Besprechung einer Interpellation finde überhaupt nicht statt. Eine längere Besprechung würde auf die Sache selbst keinen Einfluß haben. Er werde aber über den Antrag Singer absttmmen lassen. Der Antrag Singer wird abgelehnt, eS bleibt beim Vorschlag des Präsidenten. Nächste Sitzung also : Donner st aa 1 Ubr, Fleischnoth- Interpellation und Zolltarif-Gesetz. Schluß 7 Uhr. Die Buren-Kenerale. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Nachdem sich die Audienz der Burengenerale beim Kaiser aus den bekannten Gründen zerschlagen hat, werden auch die amtlichen Kreise von der Anwesenheit der Generale in Berlin keine Notiz nehmen. Das ist klar und deutlich und jede optimistische Hoffnung auf eine Sinnesänderung an höchster Stelle zwecklos. Die Vorgeschichte des Audienzgesuches, das die Buren- zenerale s. Z. mit sicherer Aussicht auf Gewährung an den Kaiser richten konnten, wenn sie den ihnen durch das Entgegenkommen des Monarchen vorgezeichneten Weg ohne Schwanken und Zaudern betreten hätten, wird inzwischen fortgesetzt durch vielfache, sich auch untereinander widersprechende Meldungen au§ dem Haag, Brüffel, Amsterdam re. verdunkelt. Niemand mag trotz aller in den Depeschen enthaltenen Berufungen auf angebliche eigene Aeußerungen Dewets, Deloreys und Bothas diese selbst für den Wust von ungenauen oder geradezu falschen Angaben verantwortlich machen. Die Thatsache aber, daß die Generale von Kaiser Wilhelm nicht unter seiner, sondern unter ihrer Bedingung empfangen sein wollten, steht fest, und dies machte den Empfang unmöglich. Die Bedingung der Generale war, daß der Kaiser den Wunsch ausdrücke, sie zu sehen. Diese Forderung ist erst nachträglich aufgestellt worden. Aus der an sie gelangten Mitteilung über die deutschen Empfangsbedingungen konnten die Generale einen solchen Wunsch des Kaisers schlechterdings nicht entnehmen und haben ihn daraus auch nicht entnommen. Gerade weil sie in der ihnen gewordenen Eröffnung jeden Hinweis auf eine Einladung durch den Kaiser vermißten, machten sie diese zur conditio sine qua non für die Abgabe eines Empfangsgesuches an den britischen Botschafter. »Falls der Kaiser es wünscht" — diese Klausel kehrte in den von burischer Seite kommenden Preßmeldungen immer wieder. Die Generale können nicht ex post in Abrede stellen, daß sie durch den lediglich auf Bezeichnung des richtigen Weges für die Audienz gerichteten deutschen Jnitiativschritt sehr befriedigt waren und sich bereit erklärten, diesen Weg zu betreten. Die amtlichen deutschen Stellen waren hiernach zu der Erwartung berechtigt, daß ihnen die Abgabe des burischen Gesuches an den britischen Botschafter angezeigt werden würde. Statt deßen wurden sie durch eine Mitteilung überrascht, welche die Erftillung der durch den Kaiser vorgeschriebenen und durch die Burcnführer schon angenommenen Empfangsbedingungen von einer weiteren kaiserlichen Willensäußerung abhängig machte, d. h. die Generale suchten England gegenüber Deckung hinter dem Kaiser und wollten an die britische Vermittelungsstelle nicht ohne gleichsam entschuldigenden Hinweis auf einen von deutscher Seite ausgeübten Druck herantreten. Ein solches Drängen aber lag von vornherein außerhalb der deutschen Absichten. Der Kaiser und seine Regierung haben sich in dieser Sache von Anfang an auf den Standpunkt des beneficia non ob- truduntur gestellt. In der am Dienstagabend im neuen Theater zu Paris abgehaltenen Versammlung hielt der Vorsitzende des Pariser Burenkomitees eine glänzende Rede auf nie Buren-Generale, worin er speziell Temet als einen Helden ersten Ranges feierte. In seiner Antwort sagte Dewet:,,Denken Sie nur nicht, ich sei ein Napoleon L; ich bin ein einfacher Butt', worauf aus dem Saale der Ruf erscholl: „Sie sind ein Riese." Dewet entgegenete, er habe nur seine Pflicht gethan. Telarey schilderte die Not des Burenvolkes und sagte, die Franzosen haben wegen ihrer Verwandtschaft mit den aus Frankreich nach Südafrika ausgewanderten Hugenotten die moralische Pflicht, das Fleisch ihres Fleisches und das Blut ihres Blutes zu retten. Eine am Schluß der Versammlung abgehaltene Kollekte ergab 5000 Francs. — Am Mittw och mittag trafen die Burengenerale auf dem Pariser Nordbahnhvse ein, in dessen Innern nur mit Fahrkarten versehene Reisende Zutritt gefönten hatten, und bestiegen sofort den für sie reservierten. Abteil. Sie stellten sich dann an die Thür des Wagens. Botha dankte nochmals in einer Ansprache für den ihnen zu Teil gewordenen Empfang und "betonte, die Mission der Generale sei rein philanthropisch gewesen. Sie habe keinerlei politischen Charakter haben können und dürfe einen solchen auch nicht haben. Tie Generale seien durch ihr Wort ge- bunben und wollten es nicht brechen. Sie seien entschlossen, alle Bestimmungen des Friedensverttages auf das gcwiffen- hafteste zu erfüllen; was sie in Paris gesucht hätten, sei lediglich eine materielle Unterstützung gewesen. Nach Botha nahm auch noch Dewet das Wort und erklärte, er stimme allem, was Botha gesagt habe, zu und habe nichts hinzuzufügen. Um 1 Uhr 50 Min. setzte sich der Zug in Bewegung, während die Anwesenden wiederholt Hochrufe auf die Buren ausbrachten. Kurz nach 11 Uhr trafen die Burengenerale auf ihrer Reise nach Berlin in Köln ein, empfangen von der Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes, vor allem aber von einer vieltausendköpfigen Menge, die allerdings auf dem Bahnhofe zum feierlichen Einholen infolge eines starken Polizeiaufgebotes keine Gelegenheit fand, draußen aber durch unaufhaltsames Heil, Hell! den tapferen Generalen die Gewißheit gab, daß sie, wie zur Zell des Krügerempfanges, in der gleichen Liebe den bewundernswerten Männern zu- gethan sind. Herrlich begrüßende Worte sprach Oberleutnant der Landwehr, Braumann, in deren Entgegnung Dewet der Freude Ausdruck gab, zu später Abendstunde noch so zahlreiche treue Freunde anzutreffen. Blitzenden Auges sprach der Redner zu den anwesenden Freunden, daß er mit Freude deutschen Boden betrete, und versicherte, daß sie die Europareise nur aus philanthropischen Gründen unternahmen. „Dankbar erinnern wir uns der Unterstützung, die uns Deutschland für die Konzentrationslager angedeihen ließ. Politik treibe n wir nicht- Polllik zu treiben, liegt außerhalb unserer Sendung. Das, was wir versprachen, werden wll halten, indessen hoffen wir, daß unsere neue Regierung mehr geben wird, als was sie in Aussicht gestellt hat. Warum wir den Kamps ausgehalten? Tre Freiheit war uns lieber als das Leben." Wie eine dänische Zeitung mllteilt, hat Dewet einem in Kopenhagen lebenden ftüheren Mitkämpfer auf Seiten der Buren mitgeteilt, daß er und die übrigen Buren sichrer beabsichtigen, nach Dänemark zu kommen, sofern ihnen eine Audienz beim zlönig Christian im voraus zugesagt werde. Wie indes aus London berichtet wird, meldet ter Brüsseler Berichterstatter des „Standard", es sei mehr als wahrscheinlich, daß die Burengenerale die weitere Rundreise gänzlich aufgeben und nach lurzem Aufenthalt in London nach Südafrika zurück« kehren werden. Aus Stadt un- Kan-. Gießen, 16. Oktober 1902. * Personalien. Der Großherzog hat den provisorischen Lehrer an dem Realgymnasium und der Realschule zu Gießen Franz Bender zum Oberlehrer an dieser Anstalt ernannt. •H* Lollar, 15. DFL Unter dem Verdacht, den Brand in Staufenberg angezündet zu haben, wurde am Montag ein junger Mann von dort oerhasteü Im Ucbermut soll derselbe mit mehreren anderen jungen Leuten dem Schmiedemeister Schwalb zuerst den Wagen auseinander genommen, die Räder in den Teich geworfen und schließlich ba8 Feuer angelegt haben. Weitere Verhaftungen stehen noch bevor. Darmstadt, 15. Okt. Prinz Heinrich von Preußen traf heute nachmittag gegen 4 Uhr mit Automobil hier ein und nahm im Residenzschloß Wohnung. Aßmann8Hausen, 15. Okt. Gestern abend 10 Uhr traf Prinz Heinrich von Preußen auf seiner Auto- mobllsahrt Kiel—Darmstadt auf Schloß Rheinstein, das er bekanntlich von dem verstorbenen Prinzen Georg von Preußen geerbt hat, ein. Der Prinz kam unerwartet und trommelte einen Schiffer am Fuße des Rheinstein auS dem Schlaf, der sehr unwirsch über die Störung war, sich aber doch bereit erklärte, das Gepäck nach der Burg zu tragen. Auch auf der Burg war der Empfang kein fteundlicher. Erst als der Prinz auf die Frage, wer da sei, seinen Namen nannte, wurde das Thor geöffnet. Prinz Heinrich soll sich über den Empfang sehr amüfiert haben. ।■ ■ Ilcucjtc Meldungen. Lriginaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Berlin, IG. Okt- Tie hiesige Turnerschaft ver- anftaltete gestern abend vor dem Zahndenkmal in der Hasenheide einen Fackelzug zum Gedächtnis des fünfzigjährigen Todestages Jahns. Am Denkmal wurden Kränze niedergelegt. Später fand ein Feftkom - mers statt. Hamburg, 16. LkL Bon 250 nach Druhnshausen gefahrenen Feuerwehrleuten kehrten nur 20 zurück, die anderen waren schwer an Vergiftungserscheinungen erkrankt, die man auf den Genuß von verdorbenem Fleisch zurückführt. Sofia, 16. Okt- Tas Wiener Korr.-Bureau meldet: Eine von Zo n ts ch e w am Sonntag nach Sofia einberufene Versammlung diskutierte bie Ereignisse in Macedo n i e n. Es wurde beschlossen, bei den Vertretern der Mächte in Sofia vorstellig zu werden, daß sie sich Mazedoniens annehmen. Erne Rundreise bei den europäischen Mächten ist geplant. Washington, 16. Ott Präsident Roosevelt lud den Vorsitzenden des Grubenarbelterverbandes Mitchell zu sich, der der Aufforderung folgte und gestern zwe' längere Unterredungen mit dem Präsidenten hatte.