Nr. 88 Mittwoch, 16. April IVOS ISS. Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme btt Sonntag«. Die , Werter Lamilienblätttr" werden dem Anze i viermal wöchentlich beigelegt. Der „hesstsche Landwirt'erscheint monatlich einmal. Eichener Anzeiger verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» UniversilLtSdruckerei (Pietsch Erben), Gießen General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 165. Sitzung vom 15. April. 2 Uhr. Das Haus ist mäßig beseht. Am Bundesrathstisch: Bei Beginn der Sitzung nur Kommissare. Präsident Graf Lallestrem eröffnet die Sitzung mit den Sorten: Ich begrüße die Herren auf das Herzlichste und hoffe, daß Sie sich nach der längeren Erholungspause an den Arbeiten des Reichstags recht lebhaft betheiligen werden. Meine Herren! Der Reichstag hat eines schmerzlichen Verlustes zu gedenken. (Die Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen.) Am 31. v. M. starb zu Eamberg, in seiner Hcimath. unser College vr. E r n ft Maria Lieber. Mitglied des Reichstags für den 3. Wahlkreis des Regierungsbezirks Wiesbaden. welchem er ununterbrochen seit Bestehen des Reichstags angehört hat. Was der Verstorbene mit seinen ihm von (Sott verliehenen großen Gaben in der Arbeit für das Wohl und die Größe des Vaterlandes geleistet hat, lebt in unserer Erinnerung dankbar fort. Ungeachtet der schweren Krankheit, welche ihn seit Jahren ergriffen hatte, hat er mit der größten Selbstlosigkeit und unter schwersten körperlichen Schmerzen mit Muth und Kraft gearbeitet und gerungen für des Vaterlandes Herrlichkeit, und zwar bis zum letzten Hauch. Sein Andenken wird bei uns in hohen Ehren bleiben.' Meine Herren. Sie haben sich zu Ehren dcS Verstorbenen von Ihren Plätzen erhoben; ich konstatire dies. Darauf tritt das Haus in die Tagesordnung ein. Auf der Tagesordnung steht die zweite Bcrathung der Seemanns-Ordnung. Dieselbe beginnt mit dem § 54, der nach der Kommissionsfassung von der Verpflichtung des Rheders bezüglich der Haftung bei Erkrankungen und Unfällen der Seeleute handelt. Die Haftung des Rheders, die Kosten der Verpflegung und Heilbehandlung zu tragen, erstreckt sich, wenn der Schiffsmann die Reise angetreten hat: a) bis zum Ablaufe von drei Monaten nach dem Verlassen des Schiffs in einem europäischen Hafen mit Ausschluß eines Hafens der Türkei, des Schwarzen oder Asowschcn Meeres; b) bis zum Ablauf von sechs Monaten nach dem Verlassen des Schiffs in einem außereuropäischen Hafen oder in einem Hafen der Türkei, des Schwarzen oder Asowschen Meeres. Abg. Eahensly (Eentr.) beantragt, überall die Worte „mit Ausschluß eines Hafens der Türkei, deS Schwarzen Meeres und des Asowschcn Meeres" zu st r e i ch e n. Die Sozialdemokraten Albrecht und Gen. haben einen Antrag Jicstellt, der die Haftpflicht des Rheders bedeutend erweitert und ie überall auf 26 Wochen sich erstrecken laßt. _______ Die Abgg. Kirsch und von Savigny (Eentr.) beantragen, daß, die Haftpflicht sich erstreckt „bis zum Ablaufe von 3 Monaten nach dem Verlaßen des Schiffes in einem deutschen Hafen und bis 6 Monate nach dem Verlassen des Schiffes in einem anderen Hafen." Abg. Stadthagen (Soz.) begründet den sozialdemokratischen Antrag. Eine Haftpflicht von 26 Wochen sei keineswegs etwas so Ungeheuerliches, wie der Regierungsvertreter in der letzten Sitzung gemeint habe, sondern stelle nur das dar, was früher bis 1860 schon Rechtens war. Abg Kirsch (Eentr.) befürwortet seinen Antrag. Abg. Molkenbuhr (Soz.) bittet dringend um Annahme des sozialdemokratischen Antrages, für die Seeleute sei bisher noch so gut wie gar nichts geschehen. Neu cingegangen ist ein Antrag Kirsch (Eentr.). wonach die Verpflichtung des Rheders durch die Seeberufsgenossenstchaft ab» gelöst werden kann.. Unterstaatssekretär Rothe: Gegen den letzten Antrag Kirsch habe ich kein Bedenken, muß im Ucbrigen aber für die Kommissionsfassung eintreten und Sie bitten, die Anträge, die sich sehr weit von den Beschlüssen der Kommission entfernen, abzulehncn. Es ist nicht wahr, daß für die Seeleute nichts geschehen sei; das Gesetz enthält sehr viele Verbesserungen, auch in Bezug auf die Krankenfürsorge. Die Antragsteller wollen mit der Ausdehnung auf 26 Wochen die Lücke zwischen der Kranken- und Unfall-Fürsorge ausfüllcn. Sie weisen auf das Krankcnversicherungsgesetz hin. von dem schon fcststehen soll, daß da die Lücke durch die nächste Novelle beseitigt werden wird. Vorläufig aber haben wir doch noch das Kranlen-Versicherungsgesctz von 1892; wir können uns doch nicht jetzt schon auf den Boden eines Gesches stellen, von dem man noch nicht weiß, ob. wie und wann cs zu Stande kommen wird. Erhält das Krankcnversicherungsgesetz künftig eine Gestaltung. die eine Aenderung der Seemannsordnung nöthig macht, dann wird es an der Zeit sein, vorzugehen. Uebrigens besteht die Lücke, die hier ausgcfüllt werden soll, auf dem Gebiet der See-Unfall-Ver- sicherung gar nicht, denn nach § 9 des See-Unfall-Versicherungs- gesehes schließt sich an die Fürsorge des Rheders unmittelbar die Unfall-Fürsorge-Pflicht der 'Bcrufsgenossenschaft an. Man kann überhaupt nicht die Krankenfürsorge der Scemannsordnung und das Kranken-Vcrsicherungsgesetz über einen Leisten schlagen; denn der Seemann bezahlt für die Kranken-Fürsorge nichts, während nach dem Kranken-Versicherungsgesctz der Versicherte % selbst bezahlen muß. Das darf man nicht außer Acht lassen. Wg. Borgmann (freis. Vp.) tritt für den sozialdemokratischen Antrag ein. Abg. Lcnzmann (freis. Vp.) erklärt sich für eine Bestimmung, durch die festgesetzt wird, daß solche Schiffsleute, die sich der Heilbehandlung ohne berechtigten Grund entziehen, den Anspruch auf 1 kostenlose Verpflegung und Heilbehandlung verwirken, sofern sie auf diese Folgen hingewiesen worden sind und dem SeemannSamt nach- gewiesen wird, daß sie die Heilung vereitelt oder wesentlich erschwert haben. Abg. Herzscld (Soz.) meint, cs läge gar kein Grund vor. den sozialdemokratischen Antrag abzulehncn. Die Haftpflicht müßte in allen Fällen 26 Wochen dauern. Tas Gesetz dürfe nicht nur nach den Interessen der reichen Rheder gemacht werden. Abg. Schwarz-Lübeck (Soz.) meint, daß man Alles ganz genau gesetzlich firiren müsse, auf die Güte der Rheder allein dürfe mau sich nicht verlasicu. wer zur See gefahren habe, wisse genau, wie der Hase laufe. (Heiterkeit.) Die Verhältnisse auf den Schiffen hätten sich nicht verbessert, besonders sei noch das Logis der Matrosen sehr schlecht, von einer Fürsorge der Rheder sei hier noch nichts zu merken, seit 1872 seien nur ganz minimale Verbesserungen vorgenommcn. Abg. Dr. Stockmann (ReichSp.) tritt für den Antrag Kirsch ein, daß die Haftung dcS Rheders aufhöre, wenn die BerufS- gcnossenschaft die Sache übernehme. An der Debatte betheiligen sich noch die Abgg. Kirsch und b, Savignh (Eentr.). Hierauf wird der sozialdemokratische Antrag und der Antrag Cahensly abgelehnt. Angenommen wird ein weiterer Anwag Kirsch, daß die Haftung des Rheders schon nach der A n m u st e r u n g und nicht, wie cs in der Kommissionsfassung stand, nach Antritt de- Dienstes des Seemanns beginnt. Angenommen werden ferner der Antrag Kirsch bezüglich Ucbcrnahme der Haftung durch die Seeberufsgenossenschaft und der Antrag Kirsch-Savigny. Sodann wird noch folgender Antrag Kirsch angenommen : „Der Schiffsmann, welcher sich einer ärztlich angeordneten Heilbehandlung ohne berechtigten Grund entzieht, und hierdurch nach ärztlichem Gutachten die Heilung vereitelt oder wesentlich erschwert hat. verliert den Anspruch auf kostenfreie Verpflegung und Heilbehandlung. Ucbcr die Berechtigung des Grundes sowie über Beginn und Dauer des Verlustes entscheidet vorläufig das Seemannsamt." Mit diesen Aendcrungen wird der § 54 angenommen. § 55, wonach der in einem deutschen Hafen geheuerte SchiffS- mann unter gewissen Voraussetzungen, für den Fall, daß der Hafen der Ausreise außerhalb des Reichsgebiets liegt, die Rückbeförderung auch nach dem Hafen, an welchem er geheuert ist» verlangen kann, wird ohne Debatte unverändert angenommen. Hierauf vertagt daS Haus die weitere Derathung auf Mittwoch 1 Uhr. Schluß 5H Uhr. Politische Tagesschau. Eine amerikanische Bilanz der Prinzeureise. Gin in Amerika ansässiger Deutscher, Henry F. Urban, entwirft in der „3 u fünf t" (Nr. 28 vom 12. April, 50 Pffl.) ein so lebenswahres Bild der Verhältnisse, wie sie in Bezug auf den Besuch des Prinzen Heinrich bestanden, daß wir einige der interessantesten Stellen daraus mitteilen: Ter Prinz ist, als star des Ausstattungsstückes, enthusiastisch begrüßt worden; besonders im Westen, wo das Deutschtum dichter, stolzer und mächtiger ist als in Newyork. Tie in Berlin „Maßgebenden" scheinen eine Heidenangst vor einem allzu imposanten Hervortreten des deutschen Elementes gehabt zu haben. Tas konnte die „reinen Ban- kees" ja verschnupsen! Prinz Heinrich hat aber wohl gemerkt, daß die Deutschen in Amerika keine qiumtite nsgli- geable sind, und darüber hoffentlich auch seinen Bruder aufgeklärt. Seine Mahnung, die Pflicht gegen die neue Heimat nicht yt vergessen, war überflüssig; ost wäre es beider nötiger, an die Pflicht für die alte Heimat zu erinnern. Jedenfalls: die Reise hat dazu beigetraaen, die Machtstellung der hier lebenden Deutschen zu stärken. Und sie hat ferner gezeigt, daß Deutschland den besten Willen hüt, mit Amerika in Freundschaft zu leben. Mehr hat von der Reise niemand erwartet, der den Amerikaner wirklich kennt. Nur fromme Kindergemüter und die im Solde der Exporteure stehenden Hurraschreier bekamen das Kunststück fertig, als Hauptergebnis der Reise eine dicke Freundschaft zwischen Sam und Michel zu prophezeien. Sic weisen immer wieder auf die glänzende Aufnahme hin, die der Prinz gefunden habe. Dem Kenner von Land und Leuten ist damit gar nichts gesagt. Zunächst ist der Amerikaner ungemein gastfreundlich und stets bereit, sein haus auf den Kopf zu stellen, um einen Besucher zu ehren. Wie begeistert wurden 1893 die Infantin Eulalia von Spanien, die Tante Alfonsos des Dreizehnten, und der Herzog von Veragua, der Nachkomme des Kolumbus, ausgenommen! Dem Herzog wollte man, vor Rührung darüber, daß sein Ahnherr so freundlich gewesen war, Amerika zu entdecken, sogar die Schulden bezahlen. Und doch hegte man schon damals gegen Spanien unfreundliche Gefühle wegen der Mißwirtschaft auf Cuba. Auch durch die Leistungen amerikanischer Nachtischredner läßt sich der Kenner nicht täuschen. Die Loblieder auf alles, was Amerika Deutschland schuldet, haben wir oft genug lächelnd gehört: am Morgen nach dem Festmahl sinü sie wieder vergessen Den Zeitungen aber war der Prinz in erster Linie news, etwas Neues; die amerikanische Zeitung heißt nicht umsonst news- paper. Er war ihnen Lesestoff. Ein Schiffbruch, ein Brand flieht höchstens zwei oder drei Extrablätter, allenfalls noch einige Spalten in der Morgenausgabe; Prinz Heinrich: das reichte für zahllose Extrablätter. Tas füllte selbst an Sonntagen die Spalten und bot Gelegenheit zu unzähligen Illustrationen. Ein glänzendes Geschäft. So etwas stimmt auch das wildeste Jingoblatt mild und fast deutschfreundlich. Als das Geschäft nachließ, hatte der Prinz seine Arbeit gethan und tonnte gehen. Statt der „Wacht am Rhein" übte man wieder die deutschfeindliche Jingo-Melodie The Dutch be damned! Ter Prinz war noch nicht in Plymouth angekommen, da begann die fröhliche Deutschenhetze von neuem. Herr v. H o l l e b e n und Professor M ü n st e r b e r g wurden vom Gerald" als Spion der deutschen Regierung gebrandmarkt und das „Journal" hetzte fleißig mit Des Prinzen Liebenswürdigkeit, hieß es, sei nur Komödie gewesen; an Bord der „Deutschland" sei er gleich wieder un* nahbar geworden. In Deutschland hat man auf diese neuen Ausbrüche des Hasses nicht viel Gewicht gelegt. Sehr mit Unrecht. Hier ist gerade der Einfluß deck schlechten, der „gelben" Presse besonders groß^ Tie Politik wird hier mehr als anderswo von der gw^ert' Masse gemacht, und die große Masse schöpft ihre weltpolitische Bildung hauptsächlich aus den schlechten Zeitungen, die unter allen Umständen einer europafeindlichen Jingo- Politik das Wort reden. In den „Times"' las man am 7. März: „Ms Nation haben wir den Prinzen gern; und wenn unsere Gefühle einer Analyse unterzogen würden, so ergäbe sich die Thatsache, daß wir ihn persönlichhöher schätzen als das, was er repräsentiert." Das ist doch deutlich genug. Nicht weniger bezeichnend ist, was Poultney Vigelow am 19. März bei seiner Rückkehr aus England sagte: „Amerika kann sich auf manche Unannehmlichkeiten gefaßt machen. Der Besuch des Prinzen Heinrich ist ohne Bedeutung. Er wird in keiner Weise unsere Beziehungen zu Deutschland ändern und keinerlei Einfluß auf irgend eine Möglichkeit eines Krieges mit Deutschland haben." Dann wies er auf die Gefahren deutscher Kolonisierung in Südamerika hin und betonte die Freundschaft Amerikas mit England, deren Interessen eng mit einander verknüpft seien. Und Herr Vigelow ist ein bekannter Publizist, der mit Wilhelm II. in Bonn studiert hat und sich mit Vorliebe den Freund des Kaisers nennen läßt. Seine Auffassung wird hier allgemein geteilt. Des Prinzen Besuch war ein persönlicher Erfolg; politisch hat er nicht das Geringste geändert. Die Bloßstellung des geliebten John Bull triurch Holleben und Bülow hat in Amerika gar keinen Eindruck gemacht. Trotz der Verwandtschaft sind der Angelsachse und der Teutone von heute einander fremd. Ein Franzose und ein Deutscher befreunden sich eher, als ein Angelsachse und ein Deutscher. Nur eins könnte vielleicht etwas angenehmere Beziehungen zwischen Amerika und Teutschland herbeiführen: der Sturz der republikanischen Partei, die von deutsch-feindlichen Jingos beherrscht wird." Der Ausschuß des Deutschen HandelStages hat am 9. und 10. April in Berlin eine Sitzung abgehalten, in welcher u. o. verschiedene Verbehrsfragen besprochen wurden: In Bezug auf die Aufhebung verschiedener Sonntagskarten infolge der Einführung der 45tägigen Giltigkeit der Rückfahrkarten wurde beschlossen, es den Handelskammern zu überlassen, für ihre Bezirke für die Beibehaltung »oder Wiedereinführung dieser Vergünstigungen ein» Lutretcn, unter dem durchaus berechtigten Hinweis darauf, daß kein Zusammenhang zwischen den verlängerten Rückfahrkarten und den Sonntagskarten zu erkennen sei. Ein Antrag, daß die auf sämtlichen preußischen Eisenbahnstationen an den Sonn- und Feiertagen gelösten Fahrkarten zur freien Rückfahrt am Lösungstaae berechtigen sollten, wurde dagegen als zu weitgehend abgelehnt. Ein Antrag des Verbandes reisender Kaufleute, daß für die Beförderung der Mufterkofser der Handlungsreisenden eine Frachtermäßigung von 50 Prozent eintrete, wurde als berechtigt anerkannt und soll an zuständiger Stelle befürwortet werden. Nachdem die Anträge zum deutschen Zolltarif aus dem Kreise der Mitglieder des Deutschen Handelstages zufammeng:stellt find, beschloß der Ausschuß nunmehr auch in Bezug auf Wünsche zu den Ha«>4 delsverträge eine Umfrage bei den Mitgliedern des! Teutschen Handelstages zu veranstalten, wobei sich diese nicht nur über die Sätze der fremden Zolltarife, sondern «cmchf über den sonstigen Inhalt der Handelsverträge werden gtt äußern haben. Ale AolltarifLommisstou. Berlin, 15. April. Ter Vormittagssitzung der Zolltarifkommission wohnten die Staatssekretäre Graf Posadowsky und Frhr. v. Thiel- mann, sowie Landwirtschaftsminister v. Podbielski bei. Turch den Beschluß über die Position Schafe sind auch, erledigt der Antrag Müller-Sagan, 1 Mark vro Stück, und! der Antrag Gradnauer auf Zollfreiheit. Zm Laufe der! Tebatte führte Gradnauer aus, Deutschlands Ausfuhr? an Schafen überwiege bedeutend die Einfuhr an Schafen. Schwerin-Loewitz (kons.) legte dar, die Fleischzölle bewirkten keinen Rückgang im Fleischverbrauch und keine Tetailpreiserhöhung. Die Fleischpreise seien in London höher als in Berlin. Stadthagen bemerkt, der Schafzoll nütze nur den Großgrundbesitzern, nicht dem Bauernstände. Schrader (freis.) befürwortet den Antrag Müller-Sagan. Teutschland brauche einen fleischessenden Arbeiterstand. Reimer bemängelt das Schweigen der Regierung. Graf Posadowsky führt aus, die Regierung habe ihre Stellung bereits dargelegt. Sie könne nicht täglich Einzelheiten erörtern. Die von Gamp beantragte starke Zollerhöhung fei zu verwerfen, da es in diesem Falle weder gelte, eine Produktion des Inlandes zu schützen, noch ein Kompensationsobjekt zu schaffen. Tic Zolltarislommission beriet ferner Position 105, Schweine Doppelzentner 10 Mark, lehnte diese Position ab und nahm statt dessen auch hier den regierungsseitig bekämpften Antrag Gamp und Genossen an: Doppelzentner Lebendgewicht 18 Mk. nebst der Bestimmung, daß dieser Zollsatz vertragsmäßig nicht mehr al5, 20 Prozent ermäßigt werden darf. Tie Zolltarif-Kommiflion lehnte auch den Antrag Müller-Sagap ab, welcher verlangt: Schweine pro Stück 3 Mk., Spanferkel 1 Mk. sowie den Antrag Gradnauer auf Zollfreiheit. Im Laufe der Debatte begründete Haase den sozialistischen Antrag und betonte, Schweinefleisch sei ein Hauptnahrungsmittel des Volks, dessen Preis bereits sehr gestiegen fei. Gamp betont, die Verzollung solle die bestehenden großen Preisschwankungen beseitigen. Der hohe Preis rühre von den Viehseuchen und den hohen Maispreisen her. Er werde übers Jahr sinken. Tr. Müller- Meiningen begründet den Antrag Müller- Sagan. Am besten diene man den Schweinezüchtern mit der Schaffung billiger Futtermittel. Tie hohen Preise rührten von der Grenzsperre her. Graf Posadowsky stellt fest, Deutschland führte im letzten Jahre nur 77 000 Schweine ein. Er vermisse den Nachweis, daß der Regierungsvorschlag nicht ausreiche. Er bekämpft nochmals die Minimalbindung aller ViehLölle als unannehmbar. Landwirtschaftsminisler v. Podbielski weist die Nützlichkeit der deutschen Veterinärmaßregeln nach und betont die Notwendigkeit, eine deutsche Schweinezucht zu erhalten, welche fähig ist, den Inlandsbedarf zu decken. Ter Antrag Gamp überschreite das Annehmbare. Dänemarks Beispiel sei nicht maßgebend. Dort herrschten andere Produktionsbedingungen. Graf Kanitz befürwortet den Antrag Gamp, der auch den Schweine aufziehenden ländlichen der Finsternis macht in der untergehl; es finsterte Mond v n e r s ch i e d. Petersburg, 15. April. Der Mörder des Mi- i st e r s S s i p j ä g i n giebt an, B a l s ch a n e f f zu heißen. Kunst und Wisscnschast. Das Koch'sche Tuberkulin unterliegt der staat- ichen Aufsicht und darf nur von Apothekern in amtlich rlombierten Fläschchen verkauft werden. Der preuß. Kultusminister hat jetzt die Prüfung des Tuberkulins dem Institut für experimentelle Therapie zu Fran kfur t am Main übertragen und ungeordnet, daß vom 1. Juni d. I. ab die Fläschchen nur noch mit dem staatlichen Prüfungszeugnis (Plombcnverschluß mit Datum der Prüfung, Kontrollnummer rc.) versehen, seilgehalten und abgegeben werden dürfen. Aus Stadt und Larlö. Gießen, den 16. April 1902. ** Eine vollständige Mondfinsternis, die während des größten Teiles ihrer Dauer auch bei uns beobachtet werden kann, tritt am 22. d. M. ein. Anfang der Finsternis 6 Uhr 0,3 Minuten mitteleuropäische Zeit, Anfang der vollständigen Verfinsterung 7 Uhr 10,2 Minuten, Mitte der Finsternis 7 Uhr 52,8 Minuten, Ende der vollständigen Verfinsterung 8 Uhr 35,4 Minuten, Eit de gleichzeitig über dem Horizont, eine Folge der Refraktion, welche beide Gestirne in größerer Nähe erscheinen läßt, als sie in Wirklichkeit sich befinden. ** Frühling und Radfahren. Im Frühling erwacht auch der Radfahrer von seinem schattenhaften Winterdasein. Das ist doch noch etwas, was der Rede überhaupt 9 Uhr 45,3 Minuten. Bcrberich ...—... — „Naturw. Rundschau" darauf aufmerksam, daß die Sonne an jenem Abend erst um 7 Uhr 13 Minuten stehen also die Sonne und der total ver- Vermischtes. * Berlin, 15. April. Tie Wassernot nimmt auch heute noch die Hilfe der Feuerwehr und vieler Privatleute in Anspruch. Gestern abend ereignete sich beim Auspumpen eines Kellers in der Jnvalidenstraße, der anderthalb Meter unter Wasser stand, ein schwerer Unfall. An einer Tampspumpe lockerte sich die Befestigung des Schwungrades, sodaß dieses auf das Straßeichflaster flog und in tausend Stücke zerchrang. Ein Stück schlug eine Laterne um, ein anderes flog gegen das Gesims des zweiten Stockwerkes, sodaß die unten Stehenden mit herabfallendem Kalk überschüttet wurden. Während diese mit geringen Verletzungen davonkamen, wurden durch andere Eisenstücke vier Personen schwer, zum Teil lebensgefährlich verletzt. Ein 2Ojähriges Mädchen und ein Lehrling wurden am Kopfe so schwer getroffen, daß sie besinnungslos zusammenbrachen. An dem Aufkommen des Mädchens wird gezweifelt. Das Geleise des überschwemmten Fahrdaniines in Pankow stand noch 11/2 Meter tief unter Wasser. Der durch das Unwetter angerichtete Schaden beziffert sich auf.mehrere Millionen Mark. Nicht nur zahllose Keller, sondern auch höher gelegene Räume sind arg mitgenommen. Im Zentrum von Berlin sind Manufakturwarenlager in hohem Werte durch das Wasser beschädigt worden. Auch der Schaden an den öffentlichen Gebäuden, Anlagen ufw. ist sehr groß. Hart betroffen sind viele Bäckereien und Schlächtereien, denen die Vorräte in den Kellern verdorben sind. Bemerkenswert ist noch, daß auch viele Brunnen durch das eingedrungene Wasser zum Teil unbenutzbar geworden, zum Teil eingestürzt sind. Berlin, 15. April. Die Eisenbahndirektion macht bekannt: Die durch die Überschwemmung am 14. April eingetretene Sperru ng der Bahn st recke zwischen BerlinundStettinerBahnhof und Gesundbrunnen sür den Personenverkehr wird voraussichtlich am 16. April vormittags beseitigt sein, sodaß Fern- und Vorortszüge Bernau-Stettin und Oranienburg-Stralsund vom 16. April vormittags 11 Uhr ab bis Stettiner -Bahnhof verkehren können. Die auf dem Nordringe am 14. April eingetretene Unterbrechung des Personenverkehrs ist vom 15 .April an auf die Teilstrecke Gesundbrunnen-Beuselstraße beschränkt. Letztere Strecke kann für den Personenverkehr voraussichtlich am 18. April nachmittags wieder in Betrieb genommen werden. Für den Güterzugverkchr ist seit dem 15. April mittags die Unterbrechung auf beiden Strecken wieder beseitigt. i * Kassel, 15. April. Wie die „K. Allg. Ztg." meldet, sind heute im Dorfe Rengersfeld auf der Hohen Rhön sechs Anwesen mit 20 Gebäuden durch Feuer zerstört worden. Stuttgart, 15. April. Heute vormittag wurde im Walde bei Kleinhohenheim eine Botenfrau durch einen Schuß und mehrere Stiche getötet. Tas Motiv der That soll persönliche Rache sein. Meratur. Theaterliebespärchen — wer interessiert sich' nicht für ihre Darsteller und Darstellerinnen? Die „Moderne Kunst" (Verlag von Rich. Bong, Berlin 2L 57. — Preis des Einzelheftes 60 Pf.) hat den Gedanken gehabt, sie uns in Bild und Wort vorzuführen. In Heft 16 des 16. Jahrgangs macht sie den Anfang damit und bringt zunächst die „Liebespaare" des Berliner Kgl. Schauspielhauses: Rudolf Christians, Hermann Böttcher, Ludwig Hertzer — Vilma von Mayburg, Ilona Sperr, Bertha Hausner, Sophie Wachner, Elfriede Mahn. Julius Norden hat einen amüsanten Text dazu geschrieben. Eine psychologische Skizze von Ernst Wechsler: „Ter neue Pygmalion", Wolters Roman „Siebenschön", eine illustrierte Schilderung des Besuches Kaiser Wilhelms in Hannover von Generalleutnent Frhrn. von Tincklage-Campe seien sonst noch von dem Text hervorgehoben. Die Kunstbeilagen bieten Lucien Simon's.Gemälde „Im Zirkus", dazu Otto Kirberg's holländisches Theekränzchen und A. Lübens Gang zum Kranken. Viel Freude werden auch )ie Bunbdruckbilder von Cairati und Duphorn machen, die von Frühlings- und Sommerlust erzählen. Dazu eine Fülle von Illustrationen und kleinen Beiträgen im Zick- Zack-Bogen und in der Beilage auf dem Gebiete der Kunst, des Theaters, des Kunstgewerbes, des öffentticheu Lebens und des Wissens.' Er behauptet, als Student der Universität Kiew bei den vorjährigen Unruhen gemaßregelt und deshalb zu dem Racheakt gegen den Minister bestimmt worden zu sein. Bei einer Verhaftung leistete er keinen Widerstand. Ssipjägin wurde aus nächster Nähe zweimal tödlich getroffen. Der Mörder näherte sich dem Minister in der Unifor-n eines russischen Adjutanten mit dem Bemerken, er habe im Auftrage des Großfürsten Sergius ein Schriftstück zu über? bringen. Während der Minister danach griff, gab der Mörder fünf Revolverschüsse ab. Ssipjägin starb nachmittags 21/2 Uhr. UnwrrslMs-Nachrichten. Stuttgart, 13. April. Tas Württemberg! sche Mädchengymnasi m erfreut sich eines stetigen Zuwachses. Tie Anstalt hatte das dritte Jahr ihres Bestehens vollendet und weist einen Besuch von 30 Schülerinnen im letzten Semester auf, nachdem es vor drei Jahren mit nur drei Schülerinnen begonnen hatte. Da sich für das neue Schuljahr zwölf neue Schülerinnen angemeldet haben, so wird die Anstalt mit vier Klassen und 42 Schülerinnen das neue Semester beginnen. Zu der Enthüllung des deutschen Bur- chenschaftsdenkmals zu Eisenach werden nicht nur die Burschenschaften aller deutschen Universitäten vertreten sein, sondern es werden auch einige Tausend alte Herren mit ihren Tarnen zu den Festlichkeiten erwartet. Tie alte rot-schwarz^rote Burschenschaftsfahne wird dem Festzug der Burschenschafter voranwehen. Sie ist ein wohl- gehütetes, teures Kleinod, das nur bei besonders festlichen Anlässen entfaltet wird. Als am 31. März 1816 der zweite Jahrestag der Einnahme von Paris gefeiert wurde, ist sie als Zeichen der Anerkennung der Burschenschaft übergeben worden. Auf dem goldbefranzten rot-schwarz- roten Fahnentuch liegt ein goldgestickter Eichenlaubzweig; an der Seite ist zu lesen: Von den Frauen und Jung- rauen zu Jena am 31. März 1816. Beim Wartburg fest, am 18. Oktober 1817, wurde sie vom Grafen Eduard von Keller getragen, und am 5. Juli 1818 wehte sie bei der Taufe des verstorbenen Großberzogs Karl Alexander an der Spitze von 500 Jenaer Studenten auf dem Schloßhof in Weimar. Als auch in Jena die Burschenschaft der' Auflösung verfiel, wurde das Banner, auf das von den Behörden gefahndet wurde, einem alten Burschenschafter, der bei Kamburg a. Saale als Pfarrer angestellt war, zur Aufbewahrung übergeben. Erft nach dem Jahre 1848 ist es wieder in die Hände der Jenaer Burschenschaft gelangt. Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Accumulatorenwerke System Pollak Frankfurt a. M. Der Vcrwaltungsrat hat ein neues Communiquä ausgegeben in-wel- chem ziffernmäßig die Lage der Gesellschaft geschildert und einige Eommentare gegeben werden. Die Bilanz ergiebt nach den üblichen Abschreibungen auf den Anlagekosten, ferner nach Absetzung von 30 000 Mi. auf Effeetenkonto und von 60 000Mk. sür Dubiose einen Bc rlustsald o von 548 590 Mk. Demgegenüber betragen die Re- erven 277 322 Mk. sodaß die Bilanz mit einem Fehlbetrag von 271 268 Mk. abschließt. Unabhängig von den vorbezeichneten Reserven verbleibt das Garantieeonto mit 297150 Mk. gegen 269 248 Mk. am 31. Dezember 1900. Bei der Bilanz für 1900 ist ein in seiner Entstehung nicht aufgeklärter Bnchfehler von ca. 224000 Mark vorgekommen, durch den der Betriebsausfall verborgen blieb. Der bisherige erste Direetor hatte bis in die letzten Tage für das ahr 1901 - eine Sümbenbe von ca 4 Procent in Aussicht geteilt. Daun wird mitgeteilt, daß an den Verlusten die ungünstige Eonjunktur die Schuld trug, desgleichen kostspielige 93er- uche, die aber reichen Gewinn versprechen. Daun heißt es weiter: „Herr Direktor Treier, der seit Mitte Oktober 1901 Mitglied des Vorstandes ist, hat^jetzt die Bilanz aufgestellt. Die Revision Nimmt ihre n Fortg ang; auf Grund derselben wird der Aussichtsrat in der demnächst einzuberufenden Generalversammlung weiter berichten. Die pro 1900 erhaltenen Tantiemen zahlt der Aufsichtsrat selbswerständlich zurück und wird auch das Vermögen des Herrn Direktor Masienbach in Anspruch genommen. Mit der infolge des erwähnten Bnchungsfehlers im vorigen Jahr ausgeschütteten Dividende wird er ebenso verfahren, wenn dre Generalversammlung dies für richtig imd der Billigkeit entsprechend erachten sollte." — Das Communiguü läßt noch manches dunkel und der Buchungsfehler ist der dunkelste Punkt in der traurigen Angelegenheit, über den allein Direktor Massenbach, der als Selbstmörder endete, hätte Ausschluß geben können. Uebrigens ist es nicht begreiflich, daß die salsche Buchung nicht schon früher aufgedeckt werden konnte. Das Aktiengesctz hat doch für Stellung der Bilanz besonders strenge Maßnahmen. Jedenfalls ist es angezeigt, daß die Generalversammlung so bald als möglich etn= berufen und daß den Aktionären erschöpfender Ausschluß erteilt wird. Daß für das Rechnungsjahr 1900 schon eine gefälschte Bilanz vorgeleat wurde, ist ganz unzweifelhaft; daß dies ausschließlich nur aus falschem Ehrgeiz geschah, kann jedoch nicht gut angenommen werden. Es muß ganz bestimmt festgestellt werden, wer die unrichtige Bilanz verschuldet hat. Was nun den Schlußpassus betreffs der ausgeschütteten Dwidende betrifft, so kann er doch nur so aus- gefaßt werden, daß die Aktionäre die Dividende, die sie auf ihre Aktien erhielten, wieder zurückzablen. Uebrigens fordert bereits ein Mainzer Rechtsanwalt in einer Annonce die Aktionäre auf, sich zu gemeinsamen Schritten zur Geltendmachimg von Regreßansprüchen gegen Vorstand und Aufsichtsrat zu melden. Märkte. Gießen, 15. April. Viehmarkt. Der gestern abgehaltene Markt hatte einen Vorrat von ca. 1200 Stück Milchvieh und etwa 300 Stück Kälbern. Der Handel ging überaus flott, so daß der Markt gleich nach 10 Uhr geräumt war. Zahlreich hatten sich Käufer vom Rhein und Alain eingesunden, welche größere Transporte aufkauften, besonders machten Frankfurter und Wiesbadener Käufer den Markt. Der Vorrat von Kühen wies diesmal überaus schöne Simnrenthaler, Niederurchen, Vogelsberger und hessische Rassen auf; auch waren eine Anzahl 2'Jährige Färsen vorhanden, während fette Rinder nur ganz vereinzelt zu haben waren. Der Kälberhandel zeigte sehr hohe Preise, so daß unsere heimischen Metzger sich beim Kauf zurückhaltend verhielten, während Frankfurt, Nauheim und Wiesbaden starke Einkäufe machten. Die Milchviehpreise stiegen noch gegen die schon hohen Preise des letzten Marktes, wohl infolge der günstigen Futteraussichten. Es würben gehandelt Kühe frischmelkend und tragend 1. Qual. 425—500 Mk., 2. Qual. 350—400 Alk., 3. Qual. 275 bis 325 Mk., 2häährige Färsen 300—350 Mk. pr- Stück. Abmelkkühe, die wieder schwer verkäuflich waren, waren nur wenig am Mattt. Fette Rinder hatten pr. Ztr. Schlachtgewicht den Preis von 60 bis 62 Mk. Kälber wurden verkaust 1. Qual, (über 50 Pfd. schwer) 65—68 Mk., 2. Qual, (zwischen 40—50 Psd.) 57—62 Mk., 3. Qual, (leichtere Tiere) 52—54 Alk. pr. Ztr. Schlachtgewicht. Der Markt blieb nicht überständig. Auswärtige Handelsleute aus der nächsten Umgebung, welche ihr Vieh nicht rechtzeitig abgetrieben hatten, wnrden von den Schutzleuten zur Bestrafung ausgeschrieben. Die Leute schienen jedoch über die Marktordnung in Unkenntnis zu sein. wert ist! Tie frohesten Kinder des Frühlings find heutzutage nicht die Liebenden, sondern die Radfahrer, liebende Radfahrer natürlich einbegriffen. Frühling und Radfahren — schon der Klang der Worte muß glücklich und heiter machen, der Gedanke beseligt, und in der That, Radfahren im Frühling ist der Himmel auf Erden. Diitr vermeide man dabei, aus dem Himmel auf die Erde zu fallen. Der Mann zu Rade kann momentan nur einen Gedanken haben: Tas Gleichgewicht zu halten. Und darum fühlen sich alle anderen Gehirnzellen wunderbar entlastet. So ist der Marin zu Rade von Sorgen frei oder, wenn er welche hat, ist „Gleichgewicht halten!" nicht ein trefflicher Wahlspruch, deren das Leben heute mehr denn je bedarf? So könnte man dem Radfahren auch einen höheren erzieherischen Wert zuschreiben! Der Radfahrer lernt rasch beobachten und eben so schnell den zwech mäßigster, Entschluß fassen. Den Mut lernt er wieder fühlen, diese edle Eigenschaft, die so leicht abhanden kommt, in diesen „sonnigen Tagen", und sein Angstgefühl wird behoben! Selbst den Zaghaften erkennt man nach einiger Zeit nicht wieder. Die scheinbar so harmlose Landstraße erfordert eben einen ganzen Mann, und eine Tourenfahrt wird zum Ritt ins romantische Land. Beherzt greife der Anfänger zum Rade und schlage hypochondrische Bedenken in die Flucht! Bei der Unzahl von Nervösen wird es diese Leute gewiß sehr freuen, daß auch viele Nervenärzte in das Lob aufs Rad einstimmen. Und nun — All Heil'. —t. Hartm annshain, 15. April. Hepte nach- mtttag brannte die Hoftraite des Schneiders Adolph, bestehend aus Wohnhaus, Scheuer und Stallungen, nieder. Das Feuer, dessen Entstehungsgrund man nicht bis jetzt angeben kann, ergriff in kurzer Zeit die ganzen Räumlichkeiten, wurde aber bald durch das thatkräftige Eingreifen der hiesigen und Herchenhainer Feuerwehr auf seinen Herd beschränkt. Das Vieh, sowie wertvolle Gerätschaften konnten gerettet werden. Der Abgebrannte war versichert. §! Gedern, 15. April. Der „Lieder kränz" feierte am Samstag abend im Bergwirtshause sein 60jähr. Stiftungsfest. Zahlreiche Gönner aus Gedern sowie der Umgegend waren erschienen, um an der Festtafel teilzunehmen. Tie Vorstände des Krieger- und Turnvereins, ebenso der Gesangverein „Männerchor" waren bei der Feier anwesend. Tie Gäste wurden vom festgebenden Verein mit dem Chor: „Willkommen" begrüßt. Der Präsident Köppe hielt eine schwungvolle Festrede und brachte ein Hoch auf das Blühen und Gedeihen des Vereins aus. Tann folgte noch eine Reihe von Toasten, Gesangsvorträgen beider Vereine, welche von dem Tiri- genten Lehrer Schaad geleitet wurden, humoristische Vorträge, und fröhlich blieb man bis gegen Morgen beisammen. Frankfurt, 15. April. Tie Stadt hat der Internationalen Baugesellschaft, die auf städtischem Gelände im Erbbaurecht Häuf er baut, die Zinsgarantie für 3 400 000 Mark vierprozentige Obligationen gegeben — doch gewiß ein bedeutendes Risiko für die Stadr. Und die Mieten? 360 Mark für 2 Zimmer, 540 Mark für 3 Zimmer. 656 solcher Wohnungen sollen gebaut werden. Was nützen nun solche Wohnungen einem Arbeiter mit 1000, 1200 oder 1500 Mark Lohneinkommen? Ter Gesellschaft „Frankenallee", die 544 Wohnungen von 1 bis 4 Zimmern bauen will, hat die Stadt ebenfalls für ein Kapital von 500000 Mark garantiert, der Erbbauzins ist auf 70 Pf. Pro Quadratmeter festgesetzt (was zu 4y2 Prozent ungefähr dem ungewöhnlich billigen Preise von 15 Mark pro Quadratmeter entspricht); und die Mietpreise? Für 1 Zimmer 108 Mk., für 2 Zimmer ohne Küche 210 Mk., für 2, 3, 4 Zimmer mit Küche 318 bis 336, 486 bis 510, 720 bis 750 Mk. Und das für Wohnungen an der Peripherie der Stadt! Das ist der Segen des Erbbaurechts! Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungeu des Gießener Anzeigers. Berlin, 16. April. Nach der „Tägl. Rdsch." soll die Vorlage betr. Diätengewährung an die Mitglieder der Zolltarifkommission in den nächsten Tagen dem Reichstag zugehen. Wiesbaden, 15. April. Heute vormittag wurde der 2 0. Kongreß für innere Medizin im Kurhause eröffnet. Tie Beteiligung ist äußerst lebhaft, zahlreiche Koryphäen der medizinischen Wissenschaft sind hier versammelt, darunter Geheimrat Professor Tr. v. Leyden, den die Stadt Wiesbaden anläßlich seines bevorstehenden 70. Geburtstages zum Ehrenbürger ernannte. — Ter Kommunal- Landtag wählte in seiner heutigen Sitzung den bisherigen Landesbankrat und Mitglied der Landesbank-Direktion Keßler mit 25 Stimmen zum Direktor der nassauischen Landesbank. Sein Gegenkandidat war der Landesbankrat Krekel, der 21 Stimmen erhielt. Coburg, 15. April. Die Rückkehr der Groß her-« zogin Viktoria Melitta wird kurz vor dem 1. Juni erwartet. Die Nachricht, daß sie den Ankauf einer Besitzung in der Nähe der Stadt beabsichtige, ist unrichtig. London, 15. April. Die gestern dem Parlament in Verbindung mit dem Finanzgejetz vorgeschlagenen Einfuhrzölle für Getreide und Mehl werden provi- orisch unmittelbar i n Kr a f t g e s e tz t. — Die Abendblätter nelden, dem Ministerium ging gestern die Antwort der Buren zu, über die heute beraten wird. Die Lage bezüglich der Friedensverhandlungen sei ermutigend. London, 16. April. Kitchener meldet aus Pretoria: Tie Kolonne Bruee Hamilton ist am 14. April abends bei der Blockbauslinie bei Standerton angetommen. Er .hat während oer Operationen von Middelburg nach Süden insgesamt 145 Buren gefangen genommen, getötet oder verwundet. Brüssel, 16. April. Die Zahl der Aus ständigen in dem Hauptgebiet der Großindustrie wird in Charlenoi auf 15 000, in Bad St. de Centre auf 25 000—30 000, in Bo- rinage auf 25 000, in Lüttich auf 3000, in Vervier auf 78 000 geschätzt. Antwerpen, 16. April. Die Diamantenschleifer treten heute in den Aus st and. Petersburg, 15. April. (Bereits durch Anschlag gestern bekannt gegeben.) Um 1 Uhr nachmittags wurde eia Attentat auf den Minister des Innern, Ssipjägin, in der Vorhalle des Reichsratsgebändes verübt. Der Attentäter berührte mit der Waffe fast die Person des Ministers, welcher um 2 Uhr Arbeitern nütze. Herold und Dchwerin-Loewitz befürworten den Antrag Gamp. Graf Schwerin-Loewitz fragt an, ob es wahr sei, daß die Regierung bezüglich der Veterinärpolizei dem Auslande Zugeständnisse zu machen geneigt sei, was schlimmer wäre als Zollfreiheit. Graf Posadowsky erklärt, ihm sei von solchen Absichten der Regierung. nichts bekannt, und fügt hinzu, man solle die taktische Position der Regierung nicht durch weitgehende Anträge fortgesetzt erschweren. Die Regierung wünscht im Zolltarif ein Mittel zu erhalten zur Erzielung guter Handelsverträge. Erst nach Vorliegen der Handelsverträge sei zu beurteilen, ob die Regierung klug oder unklug operierte. Heim (Ztr.) erklärt, das Zentrum halte an der Bindung der Viehzölle fest. Die Haltung Posadowsky's sei nach Zustandekommen des Zolltarifs unmöglich. Nach der Abstimmung wird die Sitzung geschlossen.