Mittwoch, 15. Oktober 1903 153. J-Hrg. Erscheint tägNch mft Ausnahme LeS Sonntags. Die „Gießener LamillenbiStter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »4J n*ld)e Landwirt" erscheint monatlich einmal. Gietzener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. BeL Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universitätsdruckerei (Pietsch Erben), Dießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giehen. Parlamentarische Lerhandlnngeu. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 198. Sitzung vom 14. Oktober, 2 Uhr. DaS Haus ist schwach besetzt (etwa 90 Abgeordnete). Am Tische des Bundesraths: Bei Beginn der Sitzung: Kommissare. Präsident Graf Ballcstrem eröffnet die Sitzung mit folgenden Worten: Zunächst erlaube ich mir nach längerer Pause zu Beginn des neuen wichtigen Sessionsabschnitts die Herren Kollegen auf das Herzlichste zu begrüßen. Zu Ehren des am 2. Oktober verstorbenen Abg. Kauffmann erheben sich die Anwesenden von den Plätzen. Präsident Graf Ballcstrem theilt ferner mit, daß König Georg von Sachsen ihn beauftragt habe, dem Reichstag herzlichsten Dank auszusprechen für die Theilnahme, die er im Namen des Reichstags anläßlich des Hinscheidens des Königs Albert, des letzten großen Heerführers aus großer Zeit, Ausdruck gegeben habe. Der Auftrag sei ihm in besonderer Audienz ertheilt worden. Ferner habe er auf den Sarg des Oberpräsidenten von Goßler einen Kranz namens des Reichstags niedergelegt. Weiter habe der ftanzösische Botschafter dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Freiherrn von Richthofen, in Erledigung eines ihm ertheilten Auftrages, den auftichtigsten Dank der Regierung der ftanzösischen Republik für die Theilnahmskundgebung des Reichstages anläßlich des Unglücks auf der Insel Martinique ausgedrückt. Der Botschafter habe dem Staatssekretär mitgctheilt, daß das ftanzösische Volk für die sehr sympathische Theilnahme des deutschen Reichstags erkenntlich sei. Das Haus tritt hierauf in die Tagesordnung, deren einziger Gegenstand die Bcrathung von Petitionen bildet. Eine Reihe von Petitionen betrifft die Beschaffung eines einheitlichen deutschen Vereins- und Versammlungsrechts und die Gewährung der gleichen Rechte bezüglich desselben an Frauen. Die Kommission beantragt, die Petitionen, soweit sie sich auf die Schaffung eines Reichs-Vereins- und Versammlungsrechts beziehen, dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen, dagegen die die Gleichstellung der Frauen mit den Männern bezweckenden Petitionen nur insoweit zur Berücksichtigung zu überweisen, als den Frauen die Theilnahme cm Vereinen und Versammlungen gestattet werden solle, in welchen die Berufsinteressen derselben zur Verhandlung gelangen, im Uebrigen aber über die Petitionen zur Tagesordnung überzugehen. Die Abgg. Rickert sfreis. Vergg.) und Dr. Crüger (fteis. Vp.) beantragen, sämmtliche Petitionen zur Berücksichtigung zu überweisen. Abg. Baffermann (nat.-lib.): Meine Freunde haben stets auf dem Standpunkt gestanden, daß ein einheitliches Reichs-Vereinsund Versammlungsrecht ein Bedürfniß sei. Freilich mag es ja schwer fein, dazu zu kommen, aber trotzdem werden wir bei jeder Gelegenheit unsere Stimme erheben und ein solches Gesetz fordern. Auch die Gesellschaft für soziale Reform hat in verschiedenen Schriften die Nothwendigkeit eines einheitlichen Vereinsgesetzes dar- gethan. Wir werden daher für Ueberweisung der Petitionen zur Berücksichtigung stimmen. Wie nothwendig eine Regelung dieser Materie auch hinsichtlich des Versammlungsrechts der Frauen ist, daS beweist unter Anderem da§ an Frl. Helene Simon ergangene Verbot, auf der letzten Versammlung der Gesellschaft für soziale Reform ein Referat zu erstatten. Abg. Trimborn (Centr.): Die Schaffung eines einheitlichen Vereins- und Versammlungsrechts für das deutsche Reich ist nach Ansicht meiner Freunde eine überaus dringende Aufgabe. Wir schließen uns der Ansicht Professor Hcrkners an, der ein einheitliche? Vereins- und Versammlungsrccht für eine nothwendige Ergänzung des einheitlichen Wahlrechts erklärt. Bei der bunten Verschiedenheit in den verschiedenen LandeSgesehgebungen kann auch von einer gesunden Praxis in der Handhabung der bestehenden Vereinsgesehe nicht die Rede sein . Das liegt in der Natur der Beziehungen, wie sie zwischen den verschiedenen Landestheilen im Reichsganzen obwalten. Die Koalitionsfteiheit ist reichsgesetzlich normirt, das Vereinsrecht aber landesgesehlich; an diesem Widerspruch ftankt die Rechtsprechung und Verwaltung. Die Folge ist eine gewisse Polizeiwillkür, die gegen aller Interesse verstößt. Es leiden darunter insbesondere die sozialen Bestrebungen. Und zwar handelt es sich hier nicht etwa um ein parteipolitisches Interesse: die Arbeiterorganisationen aller Schattirungen verlangen Aufhebung der Chikanen und Drangsalirungen, die aus jener Willkür folgen. Nicht nur die sozialdemoftatischen Gewerkschaften werden davon betroffen, sondern ganz ebenso die christlichen und die Hirsch- Dunckerschen Gewerkvereine. Ein wirkliches Koalitionsrecht ist überhaupt ohne ein einheitliches Vereins- und Versammlungsrecht ein Ding der Unmöglichkeit. In dieser Beziehung stimmen wir den Petitionen bei. Ein Anderes ist e? aber mit der Forderung auf Gleichstellung der Frauen mit den Männern in Bezug auf das Vereinsrecht. Dieser können wir nicht zustimmen. Allerdings muß der Frau das Recht zugestanden werden, soweit sie selbst wirthschaftlich in einem Beruf thätig ist, diese ihre Berufsinteressen in Fachvereinen wahrzunehmen. Dagegen sind wir gegen die Vetheiligung der Frauen am politischen Vereinsleben. Wir wollen nicht die Frauen in die Wahlagitation hineinziehen (Sehr richtig! rechts und im Ccntrum). Die Vertretung der Berufsinteressen schließt freilich eine gewisse sozialpolitische Betätigung auch in sich. Und in dieser Hinsicht dürfen die Grenzen nicht allzu eng gezogen werden. So z. B. muß durch die Gesetzgebung es unmöglich gemacht werden, daß, wie bei der Tagung der Gesellschaft für soziale Reform, das Referat einer Dame verboten wird und diese ihr eigenes Referat, von einem Andern verlesen, anhören muß. Da habe ich mich wirklich als Preuße vor den anwesenden Ausländern beinahe geschämt. Wir können nur wünschen und hoffen, daß wir im Allgemeinen in sozialpolitischer Beziehung mehr auf den Standpunkt kommen, der durch den Geist der Februar-Erlasse bestimmt war. (Bravo! im Centrum.) Abg. Rickert (frcif. Vergg ): Der Herr Vorredner verlangt ein einheitliches und freiheitliches Vereinsrecht, will aber die Frauen von der Betheiligung an der Politik ausschließen. Dieser Standpunkt ist mehr als inkonsequent. Die Hälfte der Reichsangehörigen soll entrechtet bleiben, und das nennt man dann freiheitlich! (Sehr richtig! links.) Redner befürwortet den Antrag auf Ueberweisung der Petitionen, betreffend die Gleichstellung der Frauen, zur Berücksichtigung. Abg. Dr. Müller-Meiningen (frei). Vp.) beleuchtet einige Einzelfälle aus der Praxis der Vereinsgesetzgebung. Wenn man die Verhältnisse in Weimar-Eisenach und Sachsen etc. sich ansiehl, dann ist es schwer, eine Satire nicht zu schreiben. (Sehr gut! links.) Und doch ist dieses Sachsen noch freiheitlicher als Preußen. Es muß mit aller Schärfe dagegen protestirt werden, daß man in Preußen noch eine Bestimmung aus absolutistischer Zeit anwendet, das präventive Versammlungsverbot, das aus § 10 des alten preußischen Landrechts hergeleitet wird, wie dies gegen den Grafen Pückler geschehen ist. Es geht nicht, daß man es dem Ministerium und der Polizei überläßt, das ganze Versammlungsrecht in präventiver Weise außer Kraft zu setzen! (Sehr richtig! links.) Und dieselbe Willkür finden wir bei der Anwendung des § 8 des preußischen Vereins- und Versammlungsrechts, der ganz verschieden gegen den Bund der Landwirthe und gegen Sozialdemokraten an- gewendet wird. Dieses preußische System ist nur ein vorzügliches Agitationsmittel für die Sozialdemokratie, ich verweise auf die vorzüglichen Ausführungen des Abg. Ledebour auf dem sozialdemokratischen Parteitag. Was die Gleichstellung der Frauen anlangt, so wollen wir, daß dieselbe uneingeschränkt durchgeführt wird. Der Herr Kollege Trimborn sagt, er hätte sich geschämt, als das Referat der Dame in Köln verboten wurde. Aber nach seinem Standpunkt soll ja Alles gerade beim Alten bleiben. (Sehr xfchtig! links.) Wie soll man denn den Begriff „Verufsinteressen" umgrenzen? Fräulein Helene Simon ist keine Arbeiterin, die ihre eigenen Berufsinteressen wahrnimmt, sondern eine Wissenschaftlerin, die für die Berufsinteressen der Arbeiterinnen eintritt. Das würde also nach Herrn Trimborn verboten bleiben müssen. Ueberhaupt will Herr Trimborn die Sache auf ein sehr niedriges, rein materialistisches Niveau herab- drücken, während feine Partei doch sonst so viel von idealen Interessen s'".ichtl Man will auf manchen Seiten immer noch nicht ein- feficn, daß die Verhältnisse der Frauen sich in den letzten Jahrzehnten von Grund auf geändert haben. Wir haben heute z. B. in Deutschland 6,6 Millionen alleinstehende Frauen. Wenn die Regierung den Frauen absolut nicht entgegenkommen will, dann darf sie sich nicht wundern, daß diese immer mehr Anschluß an die Sozialdemokratie suchen. Vorläufig steht die große Mehrzahl noch auf bürgerlichem Standpunkt; eine solche Politik aber treibt sie der Sozialdemokratie in die Arme. (Sehr richtig! links.) Abg. Bebel (Soz.): Bis jetzt haben nur Redner, die mehr auf der linken Seite stehen, sich zu dieser wichtigen Frage geäußert. Es wäre doch auch wichtig, zu erfahren, wie die Rechte darüber denkt. Daß die Herren, die bisher gesprochen, vor Allem der Herr Kollege Bassermann, einen solchen Eifer für die Schaffung eines einheitlichen Vereinsrechtes an den Tag gelegt haben, freut mich. Früher war davon wenig zu merken. Ich will hoffen, daß nicht die nahen Reichstagswahlen diese Stimmung jetzt hervorgerufen haben. Freilich ist die Polizeiwillkür so offen zu Tage getreten, daß man sich nicht gut mehr dieser Aufgabe entziehen kann. In Sachsen ist ganz offiziell durch den Minister von Metzsch erklärt worden, daß das Versammlungsrecht nach zweierlei Maß gehandhabt wird, je nachdem es sich um Sozialdemokraten ober Ordnungsparteien handelt. Der Herr Kollege Trimborn hat heute betont, daß seine Partei auch gerade auf die Freiheitlichkeit des Vereinsund Versammlungsrechtes Werth legte. Aber gerade feine Partei hätte oft Gelegenhett gehabt, diese ihre Ausfastung zu bethätigen. Ich erinnere nur an die Haltung der Centrumsftaktion im bairischen Landtag, wo sie ja ausschlaggebend ist, und wo sie die fteiheit- lichen Anträge meiner Parteigenossen zu Fall gebracht hat. Ich erinnere an die Versammlung des Grafen Hoensbroech in München, wo die Versammlungsfreiheit mit Hilfe von ultramontanen Maßkrügen durchbrochen wurde. Ja, in Köln hat das Centrum, das dort direkt unter dem Abg. Trimborn steht, es bewirkt, daß meine Parteigenossen für ihre Versammlungen keinen größeren Saal bekommen können. (Hört, hört!) Und da tritt Herr Trimborn hier im Reichstag für ein freies 'Versammlungsrecht ein! Allerdings sind die Zustände in dieser Hinsicht so ftandalös, daß man nicht gut anders kann. Ist es nicht unglaublich, daß ein Gendarm, der an Bildung, Urtheil und Wissen nicht entfernt an die Versammlungsbesucher hercmreicht, einfach 500, 600 erwachsene Menschen nach Hause schicken kann, weil ihm das, was geredet wird, „nicht gefällt"! (Sehr gut! links.) Ist es doch kürzlich sogar passirt, daß eine Versammlung aufgelöst wurde, weil der überwachende Beamte erklärte, ihn friere es an den Füßen, und das könne er nicht aushalten. (Hört, hört!) Man verweist uns freilich immer auf das Beschwerderecht! Als ob es uns irgend nützt, wenn nach 4—6 Wochen der Beamte, der willkürlich vorgegangen, rektifizirt wird! Dann ist ja der Zweck der Versammlung längst vereitelt! Unerhört ist es, daß die Polizei die Listen der Mitglieder sozialdemokratischer Vereine dazu benutzt, um die Leute aus der Arbeit zu bringen. Es kommt überhaupt nicht selten vor, daß die Polizei diese Listen in ungehöriger Weise verwendet, insbesondere auch, um sozialdemokratische Mitglieder aus Kriegervereinen zu entfernen Es ist in Folge dessen dringend nothwendig, daß wir endlich ein Reichsvereinsgefetz erhalten, in dem diese einzelstaatlichen Ueber- griffe zur Unmöglichkeit gemacht werden. Bei uns möchte man jetzt ja am liebsten eine Strafe darauf setzen, wenn überhaupt Jemand in eine Versammlung geht. Was ist es für eine ungeheure Ungerechtigkeit, daß den Frauen noch immer das Vereinsund Versammlungsrecht entzogen wird. Bei der Audienz, die 35 Frauen bei dem Reichskanzler hatten, sagte dieser in Beziehung auf das Vereinsrecht der Frauen, er sei nicht allmächtig. Also der Reichskanzler selbst will den Frauen das Vereinsrecht einräumen. Nun, wenn er es ernstlich will, bann kann er es auch. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Herr Trimborn will ftci- lich von der Theilmchme der Frauen an politischen Geschäften nichts wissen. Er vergißt dabei aber ganz den früheren Centrumsführer Dr. Windthorst. Der ljat es den Frauen ausdrücklich ans Herz gelegt, auf ihre Männer bei den Wahlen einzuwirken, daß sie Centrumsleute wählen. (Heiterkeit.) Ich gebe ohne Weiteres zu, mit dem FrcmenUmmrecht würden wir zu Anfang schlechte Erfahrungen machen, aber das würde sich bald ändern, und jetzt bei der Zolltarifsftage würden wir die Frauen sogar von vornherein auf r vrer Seite haben. (Sehr richtig! links.) W11 vollen, daß die F' len nicht länger der Willkür ausgesetzt werd . andern daß sie b Recht haben, sich zu versammeln. Die bnung deS Preus :n Ministers des Innern, daß Frauen bann zuz :assen feien, wenn m getrennten Saalabtheiluugen untergebrach: mürben und sich c . r Debatte nicht betheiligten, widerspricht büch dem Gesetz. Wenn 5 in Preußen einen Staatsanwall gäbe, der seine verdamm ie Pflicht und Schuldigkeit thäte, so müßte er Anklage gegen den Minister erheben wegen Verletzung des § 8 des VereinsgcsetzeS. denn dieser verbietet die Anwesenheit von Frauen überhaupt. Diese ungesetzliche Konzession des Ministers zeigt am klarsten, daß mit dem bisherjgen Vereinsgesetz nicht länger auszukommen ist. Ter Antrag der Kommission ist unpraktisch, man weiß danach überhaupt nicht, welche Frauen an den Versammlungen theilnehmen sollen, denn der Begriff „Berufsinteressen" ist denn doch allzu unbestimmt. Wir wollen kein Flickwerk, sondern ganze Arbeit, ein einheitliches deutsches Versammlungsrccht, das mit allen veralteten Vorurtheilen gründlich aufräumt. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ist die Zahl der Eheschließungen im Rückgänge begriffen. Deshalb hat die Gesetzgebung die Pflicht, die Frau im Kampfe ums Dasein zu unterstützen. Wollen Sie etwa behaupten, daß die Frauen nicht mindestens ebenso stark an Ihrem Zolltarif interessirt sind, wie die Männer? Es wird so viel unklares Recht geschaffen, daß der Reichstag sich wenigstens auf einem Gebiete, dem des Vereinsund Vcrsamrnlungsrechts, bemühen sollte, endlich Klarheit herbei- zuführen. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Sächsischer Ministerialdirektor Dr. Fischer: Zu meinem großen Bedauern muß ich heute in der ersten Sitzung schon wieder zum so und so vielten Male Angriffe gegen das Vereins- und Versammlungsrecht meines engeren Vaterlandes zurückweisen. Daß es mit diesem Vereinsrecht doch nicht ganz so schlimm steht, wie es von fozialdemokratischer Seite behauptet wird, dürfte schon daraus erhellen, daß selbst Herr Dr. Müller-Meiningen anerkannt hat, daß Sachsen sich eines verhältnißmäßig liberalen Vereinsrechts erfreue. (Lachen links.) Alles Recht muß doch seinem Geiste nach gehandhabt werden, und wenn es nun einmal verboten ist, daß Minderjährige sich an politischen Versammlungen betheiligen, dann darf man es auch nicht übel nehmen, wenn die Polizei eine Versammlung schließt, der Minderjährige an absichtlich geöffneten Fenstern und Thüren von außen beiwohnen. (Sehr richtig! rechts.) Wenn es einmal vorgekommen ist, daß ein sächsischer Polizeibeamter auf die Bemerkung eines Redners „Ich komme zum Thema" bemerkte: „Von dem Thema darf nicht gesprochen werden", so ist es klar, daß er sich nur versprach, daß er meinte, von dem Thema dürfe nicht abgewichen werden. (Lachen bei den Sozialdemokraten,. Wenn die Sozialdemokraten sich über die Schranken des Vereinsrechts hinwegsehen, dann dürfen sie sich nicht wundern, daß man sich dagegen zur Wehr setzt, denn Druck erzeugt Gegen- druck. Geheimrath Dr. Paulssen vertheidigt mehrere von ihm vertretene thüringische S.aaten gegen Angriffe auf deren Vereins- unb Versammlungsrccht, wird aber hierbei andauernd von sozial- demokratifcher Seite unterbrochen. (Präsident Graf Ballcstrem bittet wiederholt, diese Unterbrechungen zu unterlassen.) Redner bemerkt unter Anderem, daß bas neue Vereinsrecht, bas sich Schwarzburg-Sonbershausen gegeben habe, keinesfalls schärfer sei, als bas irgenb eines anberen deutschen Staates. Auf die einzelnen Angriffe könne er nicht eingehen, da man es Unterlasten habe, ihn vorher über das Vorbringen derselben zu benachrichtigen und er sich in Folge dessen nicht habe informiren können. Abg. Chrzanowski (Pole): Bei dem Einfluß der preußischen Regierung wäre es Wohl möglich, daß bei einem Reichsvereinsgefetz die Bestimmungen ebenso umgangen werden, wie jetzt die des preußischen Vereinsgesetzes. Deshalb müssen wir ganz klare Bestimmungen schaffen, damit den Chikauirungen ein Ende gemacht wird. Heute werden z. B. die polnischen Turnvereine als politische angesehen, die deutschen aber nicht, obwohl auf deren Festen hochpolitische Reden gehalten werden. Auch bei der Genehmigung von Aufzugen wird mit zweierlei Maß gemessen, je nachdem, ob es sich um polnische oder deutsche Vereine handelt. Abg. Trimborn (Ctr.): Der Abg. Bebel hat gegen die bürgerlichen Parteien den Vorwurf erhoben, daß sie dieser Materie gegen» über sich sonst sehr kühl verhalten hätten. Ich muß die bürgerlichen Parteien, soweit sie heute hier zu Worte gekommen sind, gegen diesen Vorwurf entschieden in Schutz nehmen. Der Reichstag hat sich wiederholt mit dieser Materie beschäftigt. Und die bürgerlichen Parteien sind stets für die Wahrung des Koalitions- rechtes emgetreten. Die gegen meinen Standpunkt von Seiten der Herren der Linken erhobenen Angriffe treffen mich nicht. Ich setze als selbstverständlich voraus, daß, wenn man sich auf den Boden der Kommifsionsbefchlüsse stellt, man den Begriff der „Berufs- interesscn" so weit faßt, daß z. B. Vorfälle, wie der in Köln, Nm nicht wiederholen können. Im Allgemeinen aber, meine ich, sollte man sich doch, wenn man wirklich das Vereinsrecht verbessern will, mit dem Erreichbaren begnügen. Es hat feinen Zweck, tn den Forderungen zu weit zu gehen. Die Angriffe des Herrn Bebel gegen meine Fraktion sind haltlos. Nicht wir haben durch Saalabtreiberei die Versammlungsfreiheit durchbrochen, sondern seine Parteigenossen, die gegnerische Versammlungen sprengen. Was das Frauenstimmrecht betrifft, so sollte Herr Bebel nicht vergeffen, daß gerade seine Parteigenossen in Belgien dasselbe abgelehnt haben. Ein Antrag auf Vertagung wird angenommen. Der Präsident theilt noch mit, daß von den Abgg. Müller- Sagan (fteis. Vp.) und Gen. eine Interpellation, betreffend die Fleischnoth, eingegangen ist. Dieselbe wird auf die Tagesordnung einer der nächsten Sitzungen gesetzt werden. Nächste Sitzung: Mittwoch, 1 Uhr. (Wahl eines neuen Schriftführers an Stelle des Abg. Pachnicke. Interpellation Albrecht und Gen. (Soz.), betreffend die Arbeitslos i g (c i t. Rest der heutigen Tagesordnung.) Schluß 5% Uhr, Jul. Bach Seltersweg - Blockstrasse Spezial-Abteilunff für Porzellan, Glas und Haushaltungsartikel Kohlenkasten | Ofen-Vorsetzer *<**£ V Fass-Säcke grosser Auswahl ""“X S^CllC VoAMe Tagesschau. Der Seuioreu-Kouveut des Reichstags unter dem Vorsitz des Präsidenten Grafen Ballestrem trat am 14. d. Mts. zusammen, der vorschlug, den 16. bezw. 17. Oktober als Anfangstermin für die zweite Beratung der Zolltarifvorlage anzusetzen, zuerst aber das ganze Tarifgesetz zu beraten. In der eingehenden Debatte wurde der zweite Vorschlag des Präsidenten bekämpft und bezüglich deö ersten Punktes eine Einigung dahin erzielt, am 15. Oktober die früher eingebrachte Interpellation der Sozialdemokraten über die Arbeitslosigkeit und am 16. Oktober die von den Freisinnigen angekündigte In- terpellation über die Fleischteuerung auf die Tagesordnung zu setzen. Sollte die Regierung die Beantwortung der letzteren Interpellation ablehnen, so würde die zweite Beratung der Zolltarifvorlage noch am 16. Oktober beginnen, andernfalls am 17. Oktober. Beraten werden soll zuerst der Rest des Gesetzes in Verbindung mit den Getreide- und Viehzällen im Tarif selbst, dann der ganze Tarif und zuletzt der Rest des Gesetzes. Die erste Lesung deS Etats soll vor Weihnachten und erst nach Fertigstellung des Etats die weitere Beratung des Zolltarifs erfolgen. General Louis Botha hat aus Paris an den Empsangsausschuß in Berlin dic telegraphische Nachricht gesandt, daß er und seine Kameraden Donnerstag nachmittag 5 Uhr 23. Mm. auf dem Bahnhofe Zoologischer Garten eintreffen, jedoch nur bis Samstag n ach t bleiben werden, da wichtige Geschäfte sie nach England rufen. Sie kehren aber nach kurzer Zeit zurück und gedenken dann in mehreren deutschen Städten zu sprechen, werden indessen hierbei nicht mehr gemeinsam auf treten, sondern einzeln für ihre Ausgabe thätig sein. Infolge dieser Mitteilung muß die für Montag den 20. d. M. geplante zweite Versammlung in der Philharmonie unterbleiben. Jedoch ist ins Auge gefaßt worden, Samstag abend in Berlin noch eine zweite Versammlung abzuhalten, bei der aud) den Minderbemittelten Gelegenheit geboten werden soll, die Burenhelden zu begrüßen und zu ehren. Tem Vernehmen nach werden die Burengenerale heute (Mittwoch) nachmittag von Paris nach Berlin ab reisen. Tas „Berl. Tagebl." verbreitet die Angabe, es sei nicht ausgeschlossen, daß das Auswärtige Amt ein Audienzgesuch der Buren, das ihm auf unmittelbarem Wege zuginge, dem Kaiser unterbreiten wurde. Bon zuständiger Stelle wird dem Wolssschen Bureau dies als irreführend und grundlos bezeichnet. Tie Frage des Empfanges der Burengenerale durch den deutschen Kaiser ist, wie die „Nordd. Allg. Zto." schon früher feststellte, im negativen Sinne en t s ch i e d e n und erledigt. Aus der französischen Kammer. Tie Kammer trat unter dem .Vorsitze Bourgeois am Dienstag zusammen. Basly brachte einen Antrag ein, betreffend die Arbeiteraltersversicherung, und verlangte die Dringlichkeit, welche beschlossen wurde. Bau- dry d'Asfon beantragte die Versetzung des Ministeriums ind en Anklagezustand. Dasselbe habe durch Schließung der k o n g r eganistis ch en Schulen das Gesetz verletzt. Die Tringlichreit hierfür wird mit 414 gegen 53 Stimmen abgelehnt. In seiner Jnter- pellationsrede über die Schließung der Kongregationsschulen fö}te der gemäßigt-republikanische Deputierte Aynard, ß das MinisteriunOnicht blos den geistlichen Schulunterricht, sondern den christlichen Glaube^ überhaupt bekämpfte. Tie Regierung möge sich doch vor Augen halten, daß die Burengenerale, welchen Paris einen so begeisterten Empfang bereitet habe, nur in ihrem unerschütterlichen christlichen Glauben die Kraft zur Vollführung so bewundernswerter Heldenthaten gefunden hätten. (Stürmischer Beifall rechts und im Zentrum.) Tie Schließung der Schulen sei der erste Scl)ritt zur vollständigen Unterdrückung der Freiheit des religiösen Unterrichts. (Zurufe auf der äußersten Linken.) Redner legt des Näheren dar, daß seiner Ansicht nach die Schließung der Schulen gesetzwidrig und gegen die Freiheit gerichtet fei. Graf de Mun jagt, die Bevölkerung der Bretagne habe nicht allein ans Rechtsgesühl, sondern vielmehr aus dem Gefühl der Auflehnung gegen einen solchen Angriff auf ihre Freiheit Widerstand geleistet. Er protestiere gegen die Behauptung, daß die Bewegung einen royalistischen Charakter hatte. Redner beschwert sich schließlich über die Verwendung des Milltärs. Allgemeiner Deutscher Aädervervaud. (Schluß-Sitzung.) 6. Bad-Nauheim, 14. Okt. Heute dauerten die Sitzungen von 9 Uhr früh bis nachmittags 5 Uhr, mit einer Frühstückspause von einer Stunde. Tie Verhandlungen brachten zu Anfang zwei interessante Themata: Hofrat Tr. Bö ch lin -Misdroy sprach über „Di e Vergünstigungen der Aerzte und ihrer Angehörigen in den Badeorten" und Geh. Sanitätsrat Dr. Michaelis-Bad Rehburg über: „Die Stellung der Badeärzte zueinander und zu den Bade Verwaltung en". Tie beiden Vorträge wurden zusammen in einer sehr ausführlichen Diskussion behandelt. Es wurde hervorgehoben, daß gerade die Badeärzte eine bedeutende Stellung in der Wissenschaft einnehmen, denn sie haben das Verdienst, die großen Hellmittel, die Bäder, für die leidende Menschheit nützlich gemacht zu haben. _ Auch die jetzige Bewegung zur Heilung der Tuberkulose ist von einem Badearzt ins Leben gerufen worden. sJä>tiöenbig sei ein festes Zusammenschließen der Aerzte zu Vereinen, und bann ein gemeinsames Arbeiten mit den Kurverwaltungen. Tie Gewährung von Freikarten, die man besser Aerzte-Karten nenne, in den Kurorten müsse als ein Entgegenkommen und als eine Ehrung des ganzen Standes, nicht aber der einzelnen Person, angesehen werden. Angenommen wird ein Antrag, wonach den approbierten Aerzten für ihre Person freie Kurtaxe und freie Bäder zu gewähren seien, die Frauen und Kinder dagegen sollten nur vvn der Kurtaxe befreit werden. Bon den Berliner Herren wurde bemerkt, daß der Antrag dort keinen Beifall finden werde. Als ein großer Mißstand wird es empfunden, daß manche Aerzte der Großstadt, sogen. „Koryphäen" nur in einen Badeort reifen, um dort eine ausgiebige Praxis für einige Wochen auszuüben. Ter Vorstand soll sich mit der Ange- legenhell befassen, auch bannt, daß viele ausländische Aerzte in di wisseuschasiliche Bor träge. Zuerst sprach T i i r o n c Tod: moos über ^W intet tut e h •'< den. n Kur- und Büdeotken". Er führte aus, daß es ganz gut möglich wäre, auch die deutschen Kur- und Badeorte für die Winter- iür einzurichten; dadurch würde sich die Saison auf das ganze Jahr verteilen. Den Ansichten wird entgegengetreten, mit der Einwendung, daß ein wirklich kalter Winter die । icn^e Sache sehr in Frage stellen könne. — Dr. Hirsch- ! Zad-Nauheim hielt bann einenVortrag „UcberSranfen- kost in den Kurorten". Tie Kurorte sollen eigentlich Sanatorien fein, führt der Redner aus. Tie TicU sei so wertvoll wie die Kurmittel. In jedem Kurort müßte dem Patienten Gelegenheit gegeben werden, so zu speisen, wie es der Arzt vorschreibt, jetzt aber herrsche in den Hotels der Brauch, daß Speisen ohne Getränke mehr kosten und das erste, was dem Kurgast entgegenkomme sei die Frage: „Hell oder "bfunfel?" nämlich Bier. Auch die Tadle d'hvte gebe den Pattenien letner Gelegenheit, zuviel zu essen und dadurch Gelegenheit zu Beschwerden. Es liege in der menschlichen Natur, mehr zu essen, als notwendig ist, und ein Sprichwort besage: „Lieber den Magen verrenkt, als dem Wirt einen Heller geschenkt." In der Familie ließe man ja auch nicht die Kranken an Festtafeln mitessen und das sei doch eine Table d'hote. In Nauheim habe man bereits in einem Hotel die Einrichtung getroffen, daß man dort ganz nach ärztlicher Vorschrift speisen kann, auch herrsche kein Weinzwang. Auch die Alkoholfrage in den Kurorten wird von dem Redner eingehend beljanbelt, mit dem Motto: der erste Grundsatz ist das Wohl des Kranken! Tie Versammlung beschließt "* einstimmig, daß die eingeführten Grundsätze und Anschauungen des Herrn Tr. Hirsch veröffentlicht und von dem Bäderverbande energisch vertreten werden sollen. — Tr. Ach er t-Bad-Nauheim sprach alsdann über „Massage des Herzens mit Temon- tratioTien." Ter Redner hat einen Apparat erfunden und behandelt in seinem Vortrage besonders die Maschinenmassage, deren große Vorteile vor der Handmassage er zeigt. Namentlich bei der Therapie der Herzkrankheiten pielt die neue Methode eine große Rolle und wird der Ein- luß derselben durch Abnahme der Pulsfrequenz sichtbar. Es kommt eine Tonisierung des Herzmuskels zu stände, zugleich mit einer Vertiefung und Verlangsamung der Atmung. — Dr. Schacht-Bad Elgersburg erörtert kurz: „Statistische und soziale Randbemerkungen zur Neurasthenie." Zum Schlüsse folgen geschäftliche Mitteilungen und die Wiederwahl des Gefamtvorstandes. Da ans keinem Kurort eine Einladung für den nächsten Ort der Verbandssitzungen vorliegt, wird beschlossen, im nächsten Jahre in einer Großstadt im Mittelpunkt Teutsch- lands zu tagen, dem Vorstand soll die Wahl überlassen bleiben. — 9tad) den Sitzungen folgte eine BesichtiMUZ, der Bademittel und Anlagen Nauheims, geführt von Baurat Tr. Es er und abends ein Bierabend im „Sprudel- hotel". Aus Stadt und Kand. Gießen, 15. Oktober 1902. — Hofnachrichten. Der Großherzog und die Prinzessin Elisabeth trafen gestern nach 12 Uhr von Jagdschloß Wolfsgatten im Residenzschloß zu Darmstadt ein. Im Gefolge befanden sich Schlüsseldame Freiin v. Senarclens- Grancy Exzellenz, Hofdame Freiin v. Rotsmann und Flügeladjutant Oberstleutnant Freiherr Röder v. Diersburg. — Im Lause des Tages trafen zum Besuch Prinzessin Ludwig von Battenberg nebst Kindern in Darmstadt ein. Im Gefolge befand sich Hofdame Miß Kerr. — Prinz Heinrich von Preußen macht bekanntlich eine Automobilfahrt von Kiel nach Darmstadt. Er benutzt einen großen amerikanischen Kraftwagen und reifte unter dem Namen eines Herrn v. Achenbach, wurde aber alsbald erkannt. In Osnabrück wurde neues Benzin genommen. Der Prinz half selbst tüchtig mit, als es galt, einige Ausbesserungen auszuführen, und als er nach gethaner Arbeit ein ihm dargebotenes Glas Wein entgegennahm, sagte er scherzend: „So, jetzt kommt Benzin für den Magen." ** Die Prinzessin Heinrich kam heute morgen mit dem 8 Uhr l>-Zug, von Kiel kommend, mit Gefolge und Kindern auf dem hiesigen Bahnhofe an und nahm in der Bahnhofcestauration das Frühstück ein. Nach kurzem Aufenthalt fuhr die Prinzessin Heinrich nach Darmstadt weiter. ’• E ntsprungener Zuchthäusler. Heute morgen gegen 5 Uhr sprang ein Zuchthäusler, der sich in Begleitung eines preußischen Gendarmen befand, bei Ruttershausen aus dem in voller Fahrt befindlichen Zuge. Er siel auf einen Stein, wo er anscheinend tot liegen blieb. ** Der Marin e-Verein Gießen feiert am Samstag, den 18. Oktober, sein zehnjähriges Stiftungsfest. Näheres ist aus dem Inseratenteil ersichtlich. ? Lich, 14. Okt. Wie selten in einem Jahre sind diesmal die Feldfrüchte geraten, auch in hiesiger Gegend. So sind Kartoffeln von zwei Pfund und darüber leine Seltenheit. Gestern wurde sogar eine Gelb- rübe eingebracht, die das schöne Gewicht von 3*/s Pfund zeigte. § Sichenhausen, 14. Okt- Seit 1899 hat sich an der hiesigen Schule ein steter Lehrerwechsel vollzogen infolge unseres schlechten Schulhauses. Während der Schulsaal einigermaßen den Bedürfnissen entspricht, läßt die Lehrerwohnung nach jeder Hinsicht viel zu wünschen übrig und daher macht sich unsere Ortsbehörde auf Anraten des Kreisamtes Sck)vtten mit dem Gedanken vertraut, ein neues Schulhaus zu bauen. Vor mehreren Jahren hatte unsere Gemeinde einen bedeutenden Erlös beim Abtrieb eines Fichtenbestandes, und daher ist eine Anleihe zum Bau kapital, wenn der Staat einen Zuschuß leistet, nicht nötig; auch wirft das alte Schulhaus beim Verkaufe eine annehmbare Summe ab. )( Eberstadt, 14. Ott- Unsere Kirche, die den Sommer über im Innern wieder neu hergestellt wurde, ist nun seit einigen Tagen fertiggestellt. Tie Arbeiten, von der Firma Nikolaus in Gieren ausgeführt, find sehr gut ausgefallen, namentlich die Deckengemälde. Auch wurde bei dieser Gelegenheit unsere Orgel nachgesehcn und von Orgelbauer Aug. Förster in Lich wieder hergestellt- Kermischtes. • Siegburg, 14. Okt. Gestern wurde bei Spich der Dampfzylinder des Automobils des Prinzen Heinrich, der sich auf der Fahrt von Kiel nach Darmstadt be- findet, defekt. Der Prinz mußte die Reise unterbrechen und übernachtete bei dem Besitzer der Maschinenfabrik Gebrüder Krämer, wo baS Automobil repariert ward. Heute Vormittag erfolgte über Königswinter die Weiterfahrt nach Darmstadt. ♦ Kiel, 14. Oktober. Wie die „K. N. N." aus Wtjen- bürg melden, sind gestern nachmittag beim Kentern ewe6 Bootes drei Schiffer aus Hohwacht ertrunken. - Petersburg, 14. Ott- In der Nacht vom 10. zum 11. d. M. fand an der Tampfer-Landu üelle bei Nimbirsut an der Wolga ein Erdrutsch statt 5urch ein Eisenbahndamm in Länge von 400 Metern sowie die Straße und Brücke zerstört wurden. Tie Getreidespeicher drohen einzustürren. Als Urfache wird eine Untergrabung des Bodens beim Eisenbahnbau bezeichnet. * Orel, 14. Ott Bei der Station Karatschew fand ein Zusammenstoß eines Eisenbahnzuges mit einer Lokomotive statt. Fünf Personen wurden getötet, mehrere Waggons zertrümmert. ' TifliS, 14. Okt. Am letzten Sonntag wurde hier ein schwaches Erdbeben verspürt. Kunst und Msscnschüst. — Tic Kochsche Theorie von der Nichtübertraabarkeit der Tnberttllojc. Aus Kopenhagen wird telegraphiert: In einer Versammlung von Landwirten zu Aarhuus teilte der Vetermär-Physikus Bang beute mit, Professor Fibiger-Kopenhagen habe durch feine Obduktion an 12 an Tuberkulose gestorbenen Kindern, von denen drei absolut durch tuberkulöse Milch angesteckt und nur am Verdauungskanal von der Tubettnlose angegriffen waren, feftgeftellt, daß die Theorie des Prosessors Robert Koch von der Nichtübertragbarkeit der Tubettnlose von Tieren auf Menschen nicht stichhaltig fei. Auch Kälber, denen von Kindern stammende Tuberkulose eingeimpft worden fei, feien von der Tuberkulose ergriffen worden. Gerichtssaal. Eine Berliner Schulgcschichte, die unter der Spitzmarke „Der geohrseigte Volks jchullehr er" Aussehen in Lehrerkreisen erregt hatte, beschönigte am Montag die 7. Straf- fammer des Landgerichts I zu Berlin. Wegen Beleidigung des lädtischen Schulinspektors Tr. Kaute hatte sich der Redakteur Karl Schneidt zu verantworten. Ter,,Nörgler", deffen Redakteur der Angeklagte war, brachte am 9. November v. I. einen Artikel unter der Ueberschnst „Tie Erziehung zur Botmäßigkeit", in welchem mitgeteilt wurde, daß der Stabtschulinspektor Tr. K.... in dem Konferenzzimmer einer Gemeindeschule einen Lehrer H., dem er eine Rüge zu erteilen hatte, geohrseigt haben solle. Damit konnte nur ber Schulinspektor Dr. Staute gemeint gewesen fein, für den der Magistrat von Berlin Strafantrag stellte. Ter als Zeuge vernommene Lehrer Johann Heinrich, um den es sich bei Der Affäre handelte, bestritt unter feinem Eide, daß er vom Schulmspektor eine Ohrfeige erhalten habe ober fonstwie in beleibiaenber Weise körperlich berührt worden sei. Er habe eme Rüge im Amtszimmer der Gemeindeschule durch Dr. Kaute erhalten. Letzterer habe ihn zwar in scharfen Worten Vorhaltungen gemacht, aber durchaus nicht geohrieigt oder sonstwie ihm körperlich wehe gethan. Die Beweisaufnahme ergab, daß das Gerücht in Lehrerkreifen verbreitet mar. Insbesondere bekundete der Lehrer Max Pflug mit aller Bestimmtheit, daß ihm der Lehrer Heinrich seine Frage ausdrücklich dahin beftätigt habe, daß ihn der Schulinipeklor Dr. Kaute geohrseigt habe. Er habe ihn darauf gefragt: .Bist Du denn Dem Herrn nicht sofort an die Kehle gejprungen ?" und von Heinrich die Aiitwott erhalten: „Wenn ich das gethan hätte, hätte ich keine Handhabe gegen ihn." Auf die weitere Frage, ob er nicht Anzeige erstattet habe, habe Heinrich dies bejaht und bemerkt, daß die Anzeige schon beim Stadtschulrat Dr. Gerstenberg ruhe. Wenige Tage )araui habe ihm Heinrich einen Bries geschrieben und darin alle diese Angaben abgeftritten. Der Gerichtshof verurteilte den Slnae- klagten zu sechs Wochen Gefängnis und sprach dem Tr. Kaute die Publikationsbefugnis zu. Arbeiterbewegung. New-York, 14. Oft. Die Beendiguna der Kohlen- treiks auf der vom Präsidenten RooseveÜ vorgejchlagenen Grundlage der Wiederaufnahme der Arbeit und eines SchiedSge- richtes scheint gesichert zu sein. Kandel und Verkehr. Volkswirtschaft. Mannheim, 14. Oft. Wie die „Neue Bad. Landesztg." meldet, ergiebt ber nunmehr ausgestellte Status ber Aktien-Ge- ellschaft für chemische Inbustrie in Rheinau- Mannheim i. Conc. eine Unterbilanz von brei Millionen. Wie bafielbe Blatt melbet, sand eine Versammlung bet Gläubiger mit Ausschluß ber Obligationäre der Rheinau-Gesellschaft m. b. H., ber Betriebsgesellschaft für ben Rheinauhafen m. b. £>., ber Neuen Immobilien-Gesellschaft m. b.H. unb der Terraingesell- chast Spomvörth m. b. H. statt, die lauter Böhm'sche Gründungen sind. Nach dem vorgelegten provisorischen Status scheine Aussicht auf volle Befriedigung bei ruhiger Abwickelung vorhanden zu sein. Es wurde ein Gläubiger-Ausschuß gewählt mit der Befugnis, zwei Vertreter der Obligationäre zu cooptieren. — Farbwerke vorm. Meister, Lnciu» u. vrÄntna, Höchst a. M. Nach der „Fttf. Ztg." beabsichtigt die Gesellschaft, ein Mittel zum Ersatz des Alkali in ben photographischen Entwicklern unter bem gesetzlich geschützten Namen .Pinakol- alz" unb eine Reihe, mit Hilfe bieses Satzes hergestellte photographische Entwickler unter bemNamen .Pinakol" m ben Hanbel zu bringen. Dieser Entwickler, ber Pyrogallol, amiboessigsaureS Salz unb Sulfit in paffenbem Verhältnis enthält, soll angeblich viel chneller unb trotzbem bebeutenb kräftiger arbeiten als bie bisher Üblichen Pyro-Entwickler. Die Gefellfchaft hat ihr neues Verfahren in allen Kulturstaaten zum Patent angemelbeh Suömisstons-Kalender. — 20. Oktober. Darmftabt Direktion der Hefsifch-Thür. (Mittelbeutfchen) Staalslotterie. Herstellung und Lieferung von 100 000 bis 125000 Losen für die Heff.-Thür. (Mitteldeutsche) Staat 8- lottcric in Voll- unb Klassenlosen. Bebingungen für 1 Mk. — 23. Oktober. Gießen. Großh. Tirektion ber psychiatrischen Klinik. Lieferung von 5 Zentner guten Tafeläpfeln, 300 Ztr. Kartoffeln unb 10 Ztr. Weißkraut für bie psychiatrische Klinik hier. Bedingungen durch das VerwaltungSbureuu. Neueste Weldungeu. Originaldrahtmeldungcn deö Gießener Anzeiger». B e r l i n, 14. Ott Tas Wvlffsche Bureau erfährt: Zum Oberpräsidenten derPrvvinzHannoverist der Regierungspräsident W e n tz e l - Wiesbaden, zum Ober- Präsidenten der Provinz West Preußen der Oberbürgermeister De lbrück-Tanzig und zum Regierungs- Präsidenten in Wicsvaden der Lberpräsidialrat Hengsten- derg-Breslau ernannt worden. St. Etienne, 15. Okt. Tie Vereinigung der Buchdrucker erklärte, es fei unrichtig, daß ihre Mü- glichet in den Ausstand zu treten beabsichtigten, sie beschränkten sich vielmehr darauf, den auSständigen Grubenarbeitern ihre Unterstützung zu leihen. WilkeSbarre, 15. Okt. Mitchell übermittelte der Preffe folgende Erklärung: Tie Grubenarbeiter wandten sich nicht an die MmerSunion oder deren Beamte. Ich kann für mich z. Z. nur die Erklärung abgeben, daß eine Mitteilung über bie Stellungnahme der Grubenarbeiter bann erfolgen wird, sobald uns bie volle Bedeutung deS Vorschlags der Grubenbesitzer klar geworden sein wird.