Nr. 13 Mittwoch, 15. Januar 1903 153. Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Gießener Zainilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Giehener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universüätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. * Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 117. Sitzung vom 14. Januar. I Uhr. Das Haus istäußerstfchwach besetzt. Am Bundesrathstisch: Gras Posadowsky, von Goßler und Andere. Die erste Lesung des Etats wird fortgesetzt. Abg. Dr. Sattler (nl.): Ich begebe mich mit einer gewissen Furcht oder Scheu auf diesen Platz (Heiterkeit); ich fürchte nämlich, daß Sie mich für unbescheiden halten können, weit ich zum zweiten Male das Wort ergreife. Nachdem aber die Abgg. Fürst Radziwill und Bachem so schwere Vorwürfe gegen mich erhoben haben, mutzte ich diese Furcht und Scheu überwinden. Ich finde dazu um so eher den Muth, als ich sehe, daß Herr Bachem nach mir wieder auf der Rednerliste notirt ist, obgleich er bereits zweimal in der Debatte gesprochen hat. Fürst Radziwill wirst mir eine Entgleisung vom Wege der objektiven Wahrheit vor. Ich habe mich bei meiner Rede vom 10. Dezember bemüht, nur ein ganz zuverlässiges, objektives Quellenmaterial zu beschaffen; ich habe mich auf die Behauptungen von Männern gestützt, die diese mit ihrem eigenen Namen unterschrieben hatten, der Herren Franko und Sembratovic. Hätte Fürst Radziwill diese Behauptungen widerlegt, so würde ich der Erste sein, der dies anerkennt. Er hat das aber nicht gethan, sondern seine Kritik überhaupt an einem einzigen Punkt angcsetzt, nämlich an meinen Angaben über die Zahl ruthenischer und deutscher Volksschulen in Galizien. Auf Grund eines reichen Materials aber, das mir meine Gewährsmänner hierüber zur Verfügung gestellt haben, bin ich in der Lage, auch in diesem Punkt meine Behauptungen vollständig austecht zu erhalten. Es sollen in Polen 22 deutsche Volksschulen bestehen. In Wirklichkeit sind das Militärschulen, die die österreichische Militärverwaltung eingerichtet hat; die Zahl der ruthenischen Schulen soll über 2000 betragen und etwas größer sein als die der polnischen. Die Stattstik bestätigt dies allerdings ; sie ergiebt aber nicht, daß diese sogenannten ruthemschen Volksschulen keine ruthenischen, sondern utraquistische, d. h. polnisch-rnthenische Schulen sind. Im Jahre 1868 bestanden in Galizien 1293 rein ruthenische und 1055 rein polnische Volksschulen ; damals gab es auch noch ruthenische Lehrerbildungsanstalten, sogenannte Präparandenanstalten, während es jetzt nur noch polnische Präparandcnanstalten giebt. Auch an den sogenannten ruthenischen Volksschulen unterrichlen in vielen Fällen nur polnische Lehrer, die ihreThätigkeit zurPolonisirung der ruthenischenJugend benutzen. AußerdemmußdieZahl dieser„ruthenischen" Volksschulen deshalb erheblich herabgesetzt werden, weil sich darunter viele Hunderte „nicht aktive" Schulen befinden, bei denen entwederdas Schulgebäude oder der Lehrer fehlt. Im Jahre 1871 waren nach dem Bericht des Landelschulraths nur noch 572 rein ruthenische und dafür 787 utraquistische Voltsschulen vorhanden. Dagegen erhoben die rufheni- schen Abgeordneten im Reichsrath Widerspruch und deshalb erschienen 1874 wieder 1537 ruthenische und keine einzige utraquistt- sche Schule in der Stattstik. Mer 1876 finden wir schon wieder 1340 ruthenische und 260 utraquistische Schulen. Und nach dem Bericht für 1900/01 existtren 2121 polnische, 2157 ruthenische, d. h. utraquistische Volksschulen. Mttv sind aber nur 2033 polnische und 1926 utraquistische Schulen. Herr Sembratowic, auf dessen Angaben ich mich stütze, hat mir mitgetheilt, daß er feine Ansichten in zahlreichen österreichischen Blättern, wie „Die Zeit", die „Waage", „Der Kyfthäuser", und zwar fast immer mit Namcns- unterschrift, vertteten habe und daß ferner die Artikel, die in reichsdeutschen Blättern unter der Bezeichnung „von einem galizischen Slawen" erschienen seien, von chm herrührten. Man habe ihm wegen dieser Artikel wohl Drohbriefe geschickt, ihn auch zum Duell gefordert, aber niemals ihm Gelegenheit gegeben, die Wahrheit seiner Behauptungen vor Gericht zu erhärten. Unter diesen Umständen habe ich keine Veranlassung, von meiner Rede vom 10. Dezember irgend etwas zurückzunehmen. Uebrigens wird mir mitgetheilt, daß in diesen „ruthenischen" Schulen offiziell das Lied eingeführt sei: „Noch ist Polen nicht verlorqn". Die Rede des Staatssekretärs von Böller war nicht gegen mich gerichtet, sondern ging neben meinen Ausführungen her. Tas formale Recht der Negierung zu ihrem Vorgehen in Straßburg habe ich nicht bestritten und auch anerkannt, daß bei der Berufung der Professoren ein Ausschluß der Katholiken nicht berechtigt sein wurde. Wir wollen, daß die Lehrstühle lediglich nach Maßgabe der wissenschaftlichen Tüchtigkeit besetzt werden; eine Zurücksetzung der Katholiken liegt also nicht in unserem Sinne. Uebrigens Warin Straßburg schon einmal ein katholischer Geschichtsprofessor, nämlich Herr Schcffcr-Voichhorst. Herr Bachem hat mir Aufgeregtheit vorgeworfen. Nein, nicht ich war aufgerecst, sondern der Herr Bachem, der sich in die reine Kulturkampfstimmung hineinredete. Ich habe mich nicht darüber aufgehaltcn, daß überhaupt ein Katholik berufen worden ist; ich habe auch nicht die Verdienste der römischen Kirche um die Wissenschaft angezweifelt. Die „National- Zeitung" hat aber mit Recbt darauf hingcwicscn, daß es eigentlich auffallend ist, wenn die Herren Dr. Bachem und Groeber über die Verdienste der Kirche um die Wissenschaft immer auf so weit zurück- liegndc Zeiten Rücksicht nehmen. (Sehr gutl) Herr Groeber hat in Osnabrück Kolumbus und Gutenberg zittrt. Durch solche Exemplikationen könnten wir versucht werden zu fragen, ob denn der Prozeß gegen Galilei (sehr gut! bei den National-Liberalen und links. Ach! im Centtum) gerade einen Beweis dafür gebe, daß die Frecheit der Forschung in der katholischen Kirche immer anerkannt worden fei. Herr Bachem erklärte mit Emphase, die katholische Kirche beeinträchtige die Freiheit der Forschung durchaus nicht. Ich erinnere ihn an einen Artikel der „Kölnischen Volkszeitung" über die katholische Kirchcngeschichte des Professors F. 3E. Kraus. Es heißt da, rein wissenschaftlich genommen sei das Werk eine Glanzlcisttmg, die alles Frühere in den Schatten stelle; Kraus habe aber auf Verlangen des heiligen Stuhls die 2. Auflage durchgreifend geändert. Also gewisse Schwierigkeiten, ihre wissenschaftliche Ueberzeugung mit den Forderungen der Kirche in Einklang zu bringen, bestehen sicher; und mehr habe ich nicht behauptet. Die Zitirung der protestatio fidei in dem Buch von Huber war Hrn. Bachem offenbar unbequem. Er meinte, nicht jeder Priester könne beurtheilen, ob nicht irgend etwas in seinem Buch gegen das Dogma der Kirche verstoße und für dieseEventualität habe sich Huber vorsehen wollen. Ich habe allerdings bisher eine größere Meinung von der Ausbildung der katholischen Theologen gehabt und muß diese Leute gegen Herrn Dr. Bachem in Schutz nehmen. Den Ausdruck Voraussetzungslosigkeit habe ich absichtlich vermieden, weil man sich darüber ohne längere Diskussionen nicht einigen kann. Wenn £>crr Bachem also so that, als ob seine Polemik ^geg-n diesen Begriff sich gegen mich richtete, so war das wieder einer seiner Kunstgrifte. Herr Bachem hat mir überhaupt Manches vorgeworfen, was ich gar nicht behauptet hatte; diese Methode gewinnt doch leicht den Charakter der Rabulisttk. Ich kann ein solches Verfahren, mir Worte zu unterstellen, die ich gar nicht gesagt habe. weder für höflich, noch für kollegialisch, noch für schon, ja nicht einmal kür loyal erklären., Abg. Dr. Bachem lCtr.): Herr Dr. Sattler hat heute die VorauSsctzungslostgtcits-Professorcn so von seinen Rocksck)ößen abgeschüttelt, daß ich eine lebhafte Genugthuung darüber empfinde. Ich las heute einen Vers, den ich dem Abg. Sattler angelegentlich empfehle. Der Vers lautet: So Mancher hält sich für ein kluges Haus Und bleibt Nachbeter bis zum Tode, Er sagt: Ich setze nichts voraus. Vorausgesetzt, daß dies jetzt Mode. Auch wir wollen, daß nur die wissenschaftliche Tüchtigkeit entscheidend fein soll. Aber gerade das hat man in Straßburg nicht gethan, dort ist ftühcr nur die Konfession entscheidend gewesen, dort hat man nur Protestanten ernannt. Die katholische Wissenschaft zählt auch heute noch bedeutende Vertreter. Denken Sie nur an den Papst Leo XIII., Der allen Gelehrten die Archive des Vatikans geöffnet hat, ohne Unterschied der Konfession. Wenn man überall so gehandelt hätte, wie Papst Leo XIII., würden wir uns nicht zu beschweren haben. Gerade die katholische Geschichtsforschung zählt heute hervorragende Gelehrte, wie die Professoren Schulte, Finke u. f. w., denen die Protestanten nur den alten Mommsen entgegen zu stellen haben. (Widerspruch bei den National-Liberalen). Wenn ein Katholik einst protestatio fidei macht, thut er es nur, um sich bei einem etwaigen Exkurs auf das theologische Gebiet zu sichern. Was kümmert denn überhaupt den Abg. Sattler das Verhältniß der katholischen Historiker zur Kirche? Wir kümmern uns auch nicht darum, wie die evangelischen Historiker zu ihrer Kirche stehen. Man muß streng die historische und die theologische Seite unterscheiden. Niemals hat die Kirche ein Anathema ausgesprochen, wenn historische Thatsachen festgestellt wurden. Nun wirft mir der Abg. Sattler das Wort Gallilei entgegen. Aber dadurch bringt er mich nickst in Verlegenheit. Alle katholischen Gelehrten sind sich heute darüber einig, daß das Gerücht gegen Gallilei ein Fehlgericht war. Im Etat werden 400 000 Mk. als Zuschuß für die Universität Straßburg gefordert. Wenn man die Katholiken dort so vom Lehramt ausschließt, wie bisher, werden wir uns nicht scheuen, gegen diese Position zu stimmen. Abg. Wetterte (Elsässer): Viele Studenten unseres engeren Heimathslandes mutzten in die Fremde gehen, weil es in Stratz- burg an katholischen Professoren fehlte. Bisher war Straßburg die Hochburg des Protestantismus im Elsaß. Der Staat hat das Monopol der Anstellung, er muß dafür aber auch die Bedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigen. Das letzte Vorgehen der Regierung scheint einen Bruch mit dem bisherigen System zu bedeuten, und wird von der ganzen Bevölkerung mit Freuden begrüßt. Abg. Schlumberger (Hosp, der Nat.-Lib.): Herr Bachem hat sich darüber beklagt, daß alle Abgeordneten aus dem Elsaß feit Langem nicht hier waren. Bei der Zolltarisberathung aber waren alle 15 Elsässer da, und haben sich für die Forderungen der Regierung ausgesprochen. Ich habe meinem Freund Sattler ge- rathen, den Fall Spahn in der Debatte nicht zu erwähnen. Ich bin für absolute Freiheit der Wissenschaft. Bei uns haben sich bis jetzt Die Verhältnisse ruhig entwickelt, doch ist es gefährlich, wenn man die religiösen Streittgkeiten ansacht. Nun sagt man, in Straßburg giebt es zwei Drittel evangelische und nur ein Drittel katholische Studenten. So viel ich aber weiß, halten sich alle elsässischen Studenten, welcher Konfession sie auch angehören mögen, von Straßburg fern. Das Kohlensyndikat, das hier so scharf angegriffen ist, muß ich in Schutz nehmen, das Syndikat hat sehr wohlthätig gewirtt. Seit dem Bestehen des Syndikats haben wir nicht mehr solche Schwankungen wie ftüher. Tie Negierung sagt immer, daß sie die Wasser- straßen begünstigen will, weshalb werden denn die meisten Saar- kohlen per Bahn befördert? Für soziale Reformen bin ich auch, aber man muß nickst zu ungeduldig sein. Von einem sozialpolitischen Stillstand ist nicht die Rede, es bedarf der größten Arbeit, um nur die jüngsten Gesetze durchzuführen. Durch das Verbot der Kinderarbeit hat man den Arbeitern keinen Dienst erwiesen, das Geld, das früher Die Kinder verdienten, fehlt jetzt den Arbeitern. Mit solchen Gesetzen dient man dem sozialen Frieden nicht. Abg. Schrader (frcif. Vgg.): Der Fall Spahn ist durch den Nedekampf darüber nicht klarer geworden. Auch wir wollen, daß nicht die Konfession, sondern nur Die wissenschaftliche Tüchtigkeit entfcyeidet. Dabei muß man ober auch verschieDene Meinungen hören, ich hätte selbst nichts gegen sozialDemokratische Professoren einzuwenDcn. Eine rein mechanische Abgrenzung nach Der Zahl Der Konfessionen ist zu verwerfen. Prof. Spahn ist nur ernannt, weil er Katholik ist unD so lehren soll, wie es Die katholische Kirche will. Und nur gegen diesen Zwang haben sich die Universitäten gewahrt. Abg. Dr. Müller-Meiningen (freif. Vp.): Im Falle Spahn stehe ich ganz auf dem Standpunkt, den gestern Herr Dr. Hermes hier entwickelt hat. Die Berufung aus konfessionellen Gründen ist ebenso zu verwerfen, wie jeder Protelttonismus bei der Anstellung. Die deutsche Profefforenbewegung hat ganz das Nichtige getroffen. Wenn man den Grundsatz, den man hier bei der Geschichte angewandt hat, auch bei der Jurisprudenz und bei Den Naturwissenschaften antocnDen wollte, was toürDe Dann wohl aus unseren Universitäten werden! Prof. Mommsen hätte lieber das Wort Vorurtheilslosigkeit anstatt Voraussetzungslosigkeit brauchen sollen. Daß die katholische Wissenschaft minderwerthtg sei, hat Keiner hier behauptet. Mit der Erwähnung des Buches Des Dr. Huber ist Herr Bachem hereingefallen, seine Ausführungen haben außerhalb Des Hauses in Gelehrtenkreisen nur Heiterkeit erregt. Die protestative Unterwerfungsklausel ist erst nachträglich Dem Buche zugefügt worden. Die Wiener Akademie hat nichts davon gewußt. Wie stimmt der index librorum prohibitorum zu der Freiheit der Wissenschaft? Wie weit die Katholiken gehen, be- wcißt, daß ihnen der konfessionelle Tanzlehrer und die konfessionelle Landrattzsköchin noch nicht genügen. (Heiterkeit.) Dogma und Forschung verhalten sich wie Feuer und Wasser. Der Himmel behüte uns davor, daß konfessionelle Rücksichten für die Forschung maßgebend werden. Erinnern Sie sich des Wortes des Kaisers Friedrich, daß die heuttge Zeit der Aufklärung bedarf. (Beifall.) Abg. Dr. Gradnauer (Soz.): Der Reichskanzler hatte keine Veranlassung, meinem Parteigenossen Bebel den Vorwurf zu machen, daß er das deutsche Heer beleidigt hätte. Hat der Reichskanzler doch selbst zugegeben, daß in jedem Krieg Grausamkeiten und Ausschreitungen vorkämen; damit hat er selbst weit Schlimmeres über unser Heer gesagt als Bebel. Die Behauptung Chamberlains, daß die englische Armee sich durch Humanität ausgezeichnet habe, ist Unwahrheit und Heuchelei. In anderen Parlamenten wird das eigene Heer weit schärfer angegriffen, als es die Sozialdemokraten hier gethan haben. Denken Sie nur an die Angriffe Campbell-Bannermans gegen ba§ jetzige englische Kabinett Auch rührt das Anklagematerial, das man hier gegen die englische Kriegführung braucht doch nur aus englischen Quellen. In England tritt aber auch die ü. urgeoisie für eine humane Kriegführung ein, bei uns thun das nicht mal die Liberalen, trotzdem viele unter ihnen den Friedensvereinen angehören. Keiner unserer Liberalen ist für eine menschlichere Kriegführung in China eingetreten. Aus Paris haben wir 1870 71 nichts mitgenommen, aber jetzt haben wir diese Enthaltsamkeit nicht geübt. Wir sind jetzt nicht mit leeren Händen heimgekehrt, wir haben , Die astronomischen Instrumente mitgenommen. Wie man, wie der Kriegsminister, noch zweifelhaft sein kann, ob die Beschlagnahme gerechtfertigt war, verstehe ich nicht. Unser Verhalten war einfach völkerrechtswidrig. Wir müssen es sühnen und die Instrumente kostenlos nach China zurückführen. Die Hunnenbriefe darf man nicht so leicht nehmen. Die Ausführungen des Kriegsministers über diese Briefe litten an Seltsamkeit und Hilflosigkeit. Es soll ja eine Brieffabrik entdeckt sein, aber geraoe das Entscheidende, die Adressen, hat man nicht gefunden.. Der Verfasser des Flugblattes, Schumann, scheint der bekannte Polizeispitzel Normann - Schumann gewesen zu sein, den man in allen Ministerien kennt, blos nicht im Kriegsministerium. Er soll erst kürzlich in Berlin gewesen fein, man soll diesen notorischen Lumpcn hier ganz unbehelligt gelassen haben. Nur bei einem Hunnenbrief ist der Wahrheitsbeweis angetreten, und das ist der Brief, wegen dessen Hauptmann von Feilitzsch nicht mehr in die bairische Armee aufgenommen wurde. Das Verhalten des Kriegsministers im Falle Feilitzsch war betrübend, er hat ja beinahe die Mißhandlungen des Fe'litzsch beschönigt. Major v. Kettler hat in China 22 Chinesen erschießen lassen nur auf das Zeugniß von einigen chinesischen Christen hin, die ihrer Sache nicht einmal recht sicher waren. Dieser Fall kann wohl als typisch bettachtet werden. Gefangene sind in China garnicht gemacht worden. Das ist doch iu einem Kriege noch niemals dagewesen. Wir haben uns dort die Konzentrationslager gespart, während doch die Engländer in Transvaal wenigstens die Gefangenen, die Frauen und Kinder, in solche Lager gebracht und ernährt haben. Wir sind also noch inhumaner gewesen als die Engländer. Wenn der Abg. Bebel Reichskanzler gewesen wäre, würden wir sicher nicht eine solche Politik in China getrieben haben, die zur Ermordung unseres Gesandten und zu den späteren Vorkommnissen geführt hat. Der Reichskanzler hat gesagt, in nationalen Dingen verstehe er keinen Spaß. Ja, was sind denn nationale Dinge? Die Einen verstehen darunter die Bedrückung der Polen, die Anderen hohe Getteidezölle. Wir Sozialdemokraten verstehen keinen Spaß in Fragen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Abg. Stockmann (Np.) billigt die Haltung der Negierung in der Chamberlain-Frage und erkennt es an. daß die Kriegervereine in dieser Frage sich Selbstbeschränkung auferlegt hätten. Staatssekretär v. Posadowsky: Der Abg. Schlumberger hat mit vollem Recht gesagt, daß man in der Sozialpolitik nicht zu schnell vorgehen dürfe. Seine Bemerkungen über das Verbot der gewerblichen Kinderarbeit waren jedoch nicht berechtigt. Schon 1869 hat die Regierung Bestimmungen zum Schutz der jugendlichen Arbeiter vorgeschlagen, als es hier noch fast gar keine Sozialdemokraten gab. Kinder dürfen nicht gewerblich gemitzbraucht werden, daß ihre Ge» sundheit leidet. Wir werden diese Frage weiter verfolgen und rechnen dabei auf Ihre Unterstützung. (Beifall.) Abg. Liebermann von Sonnenberg (Reichsp.) Meine letzte Rede wird im Lande nicht so beurtheilt, wie Herr Hasse sie beur- theilte. In Folge dieser Rede liegen heute wieder 311 Telegramme und Briefe hier auf meinem Platze, die alle mir zustimmen. Die offiziöse Preffe ist natürlich über mich hergefallen, obwohl ich doch gar nicht Chamberlain angegriffen, sondern nur. dessen Angriffe abgewehrt habe. Heber den Fall Krupp, der wohl England, aber nickst dem Oranje-Freistaat Waffen liefern durfte, hat der Staatssekretär nichts gesagt. Auf meine Rede ist der Reichskanzler wie ein strahlender Friedensengel aufgetreten, in England wird das aber noch immer nicht gewürdigt. Ter „Standard" schrieb sogar, Graf Bülow müßte Abbitte leisten, lieber die Rede Chamberlains herrscht unter den alten Kriegern im Lande noch immer große Erregung. Wenn der Reichskanzler, wie es in dem alten orientalischen Märchen geschildert ist, mit dem Kalifen im Lande herumziehen würde, würde er Wunderdinge hören. Ich hielt es für meine Pflicht, gegen Chamberlain vorzugehen, wie es unsere Krieger unter einem anderen Bülow bei Dennewitz machten, die mit dem Kolben dreinschlugen und sagten: Dat flutscht beter I Staatssekretär Frhr v. Nichthofen bemerkt, es sei gänzlich unwahr, daß Die deutsche Negierung Krupp erlaubt habe, den Engländern Waffen zu liefern. Dem Oranje-Freistaat aber nicht. Es sei in keiner Weise irgcnD ein Ausfuhrverbot erlassen, in Folge dessen konnten die deutschen Firmen liefern, wohin sie wollten. Abg. Fürst Radziwill (Pole): Wie es mit den ruthenischen Schulen aussieht. Darüber toirD sich ja später bei einer anDeren Gelegenheit reDen lassen. Genau wird Herr Dr. Sattler die Verhältnisse so wenig wie ich übersetzen. Aber er muß zugeben, daß er heute etwas anderes gesagt hat, als am 10. Dezember. Worauf es ankommt, ist, ob in Den galizischen Schulen Die Sprache Der Nuthe- nen genügend berücksichtigt wird und das ist in den utraquistischen Schulen der Fall. Abg. Lenzmann (freif. Vp.): Die Aeußerung des Ministers Chamberlain hatte gewiß feinen Gran von Berechtigung; aber der große Lärm deswegen und die theatralische Scene, die hier aufgeführt worden ist, war nickst nöthig. — Ter Abg. Stockmann hat neulich in feiner Vertheidigung der Kriegervereine meine Partei verunglimpft (Präsident Gras B a 11 e ft r c m erklärt diesen Ausdruck für unzulässig). Ich weise diese Vorwürfe zurück. Die Kriegervereine sind nicht allein patriotisch. Der Llbg. Müller- Sagan hat keineswegs die Kriegervereine im Allgemeinen „Kriechervereine" genannt. Abg. Schlumberger (Hosp. Der Nat.-Lib.) führt aus, daß er sich keineswegs gegen das Kinderschutzgesetz ausgesprochen, sondern nur darauf hingewiesen habe, daß das (besetz in feinen Folgen den Arbeitern vielfach nicht zum Segen gereiche. Abg. Stockmann weist darauf hin, daß Herr Müller-Sagan direkt gesagt habe, die Kriegervereine oder richtiger Kriechervereine. Das gehe deutlich aus dem Stenogramm hervor. Hirmit schließt die Debatte. Persönlich bemerkt Abg. Dr. Sattler: Ich habe keineswegs die Voraussetzungslosigkeits-Professoren von meinen Nockschößen abgeschüttelt, sondern lediglich den Ausdruck „Voraussetzungslosigkeit" vermieden, weil er zu Mißverständnissen führen könnte. Hierauf werden die wickstigslen Theile des Etats, aber im geringeren Umfange als sonst der Budget-Kommission überwiesen, und das Haus v e r tag t sich auf Mittwoch 1 Uhr (Interpellationen über die Kriegsinvaliden und die Arbeitslosigkeit.) Schluß 5¥a Uhr. Politische Tagesschau. Zn dem Duell in Jena. Nähere Mitteilungen über die Verhandlungen vor dem Kriegsgericht, vor dem die Duellaffaire Thieme-Held verhandelt wurde, enthalten noch einige nicht nninteressnnte Momente. Da sich am 1. Januar, an dem sich das Reniontre ab- fpielte, die Offiziere zur Cour beim Großherzog in Weimar befanden, konnte Thieme erst am 2. Januar Meldung erstatten. Zugleich bat er seinen Vorgesetzten, Hauptmann v. Seebach, nachdem eine Verständigung über die zu unternehmenden Schritre vorausgegangen war, dem Held eine Pistolenforderung unter folgenden Bedingungen zu überbringen: Distanz 10 Sprungschritte (etwa 13 bis 13V2 Meter), gezogene Pistolen mit Korn und Visier, Ku gelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit. Nach Ansicht der Offiziere galt es, keine Zeir zu verlieren, und so machte sich Hauptmann v. Seebach, ohne den Spruch des militärischen Ehrenrats abzuwarten, auf den Weg, um sich seines Auftrags zu entledigen. Es bedurfte erst des Einspruchs und der dringenden Vorstellung ider Burschenschafter, um erst noch eine gemeinschaftliche Ehrengerichts-Sitzung zu stände zu bringen. Das Ehrengericht, das aus zwei ehemaligen Studenten und zwei Offizieren als Mitgliedern und einem dritten Offizier als unparteiischem Vorsitzenden bestand, tagte am Freitag den 3. Januar, abends, im Kasino. Während im Ehrengerichte die Burschenschafter abermals und wiederholt auf mildere Bedingungen hinwirkten, proponierten die Offiziere, die ein Säberduell energisch zurückwiesen, anfänglich einen Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit mindestens des einen Teilesl. . Hiergegen sträubten sich in ebenso entschiedener Weise die Vertreter der Studentenschaft, die höchstens einem dreimaligen Kugelwechsel zu stimmen wollten Nachdem schließlich der Vorschlag der Offiziere auf einen siebenmaligen Kugelwechsel nicht angenommen wurde, kam eine Vereinbarung über einen fünfmaligen Kugelwechsel auf 10 Schritte Distanz zu stände. Zugleich wurde daraus gedrängt, daß das Duell bereits am nächsten Morgen stattfände. Die Offiziere lehnten es ab, daß nach jedem Kugelwechsel ein ernstlicher Sühneversuch gemacht würde. Leutnant Thieme galt als der sicherste Pistolenschütze des Bataillons, während die Schießkünste des Studenten, der wohl als Fechter einen guten Rus besaß, nicht hervorragend sein konnten, da chm zu Uebungen die Gelegenheit fehlte. Die Katastrophe trat erst beim dritten Kugelwechsel ein; die ersten beiden Male schossen beide Duellanten in die Luft. Vermischtes. • Worms, 14. Jan. In ea. 20 Schreinerwerkstätten haben heute die Möbelpolirer wegen Lohndifferenzen die Arbeit eingestellt. * Jena, 11. Jan. Wie dem „Jenaer Volksblatt" von vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt wird, forderte ein Angehöriger der Burschenschaft Arminra gestern abend zwischen 11 und 12 Uhr im „Eafs Passage" einen hiesigen Assistenzarzt, der sich in Begleitung seiner Braut und zweier Herren befand, jedenfalls wegen „Fixierens", auf Säbel mit schweren Bedingungen. Diese Forderung wurde dem Arzte später durch einen Kartellträger, ebenfalls Angehöriger der Burschenschaft Arminia, offiziell im Abort des Eafvs zugestellt. Der Geforderte hat die Angelegenheit dem Universitätsamt zur Untersuchung und B estrafung unterbreitet. * Wien, 14. Jan. Zu den englffchen Blattern- Erkrankungen im hiesigen Allgemeinen Krankenhause wird offiziell mitgeteilt, daß die Diagnose bei einer in dem Allgemeinen Krankenhaus internierten Patientin noch nicht mit Sicherheit ergeben habe, daß es sich um einen Fall von schwarzen Blattern handelt. Ein weiterer verdächtiger Er- krantüngsfall sei nicht vorgekommen. Die Vorlesungen an der Klinik des Prof. Neußer wurden wieder ausgenommen. Gerichtssaal. S. Darmstadt, 13. Jan. Wegen Gefährdung eines Eisenbahntransportes hatten sich heute vor der Strafkammer der Stationsassistent Hch. Triebert, 33 Jahre alt, von Kirschgarten, wohnhaft in Bensheim, sowie der Stellwerkswärter Georg Rüster, (51 Jahre alt, aus Egelsbach, wohnhaft in Neu-Isenburg, zu verantworten, da sie beschuldigt sind, am 13. April in Neu-Isenburg durch falsche Signale und Zeichen, sowie durch falsche Weichensteltung die teilweise Entgleisung eines Güterzuges verursacht zu haben. Triebert hatte an dem Tage den Rangierdienst in den südlichen Rangiergleisen der Station Isenburg zu beaufsichtigen und Rüster das Stellwerk zu bedienen. Nachdem der nach Sachsenhausen bestimmte Güterzug Nr. 124 zusammeugestellt war, wurde dem Rüster von dem Beamten im Stationsbureau das Signal zur freien Ausfahrt nach Sachsenhausen gegeben. Rüster legte darauf die Weichen richtig und stellte das Signal auf freie Fahrt. Der Zug fuhr an dem Signal D. 1 vorbei nach dem Hauptgeleis. Der Stellwerkswärter Rüster hatte nun entgegen seiner Instruktion, ehe der Zug die ganzen Weichen durchfahren hatte, das Signal wieder auf Halt gestellt, wodurch ein Wagen umgeworfen und ein Stück mitgeschleift wurde. Der Materialschaden betrug etwa 300 Mk. Den Angeklagten wurden mildernde Umstände zugebilligt und Tr. zu 30 Mk., R. zu 50 Mk. Geldstrafe verurteilt. Groß-Umstadt, 13. Jan. Ein eigenartiger Fall von Sachb eschädigung beschäftigte am Mittwoch das hiesige Schöffengericht. Im Dezember vorigen Jahres hat der aus Sachsen stammende Viehschweizer Hermann Lieske während seines Dienstes bei Oekonom Georg Lutz in Lengfeld einer wertvollen Kuh den Schwanz, vermutlich aus Bosheit, buchstäblich abgebrochen. Für diesen Akt grenzenloser Rohheit erkannte das Schöffen- gegen ihn aufle ine Gefängnisstrafe von fünf Monaten. Berlin, 14. Jan. Das Schwurgericht des Landgerichts 2 verurteilte den Arbeiter Albert Jänicke wegen Mordes, schweren Raubes und Körperverletzung, verübt an der Dachdeckersfrau Rühlicke, zum Tode, 4 Jabren Gefängnis und dauerndem Ehrverlust. Der mitangeklagte Arbeiter Arthur Steinke wurde wegen Beihilsc zum qualifizierten Raube, Begünstigung und Hehlerei zu sechs Jahren Zuchthaus und Ehrverlust von der gleichen Dauer verurteilt. Karlsruhe, 13. Jan. Der ehemalige sozialdemokratische Abgeordnete Opificius in Pforzheim, der von der hiesigen Strafkammer wegen Unterschlagung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, Hal die Mitteilung erhalten, daß er die Strafe unter dem Gesichtspunkt der bedingten Spaft nicht zu verbüßen haben wird, sofern er sich innerhalb fünf Jahren keiner weiteren strafbaren Handlung schuldig macht. Die Pariser Jury hat eine neue Variante, die verblüffendste, des „VerbrechensausLeidenschaft", gefunden. Sie hat nicht nur dem betrogenen Gatten und der verlassenen Geliebten das Recht zu töten zuerkannt,, sie giebt nun auch dem Zuhälter einen Freibrief für denM 0 rd. Louis Martin, ein Bengel von 25 Jahren, der, obwohl aus einer ehrenhaften und arbeitsamen Familie stammend, keinen anständigen Erwerb ergreifen wollte, stieß der Tingeltangel-Tänzerin Grielons, von der er häufig „Unterstützungen" erhielt, ein Messer bis zum Stiel ins Herz, weil sie ihm den Abschied gab, um fortan bezahlt zu werden, anstatt selber zu bezahlen. Sie hatte endlich einen „ernsthaften" Verehrer gefunden, und aus diesem Umstande zog der Verteidiger sein Hauptargument. Denn, sagte er, wenn Martin ein Zuhälter wäre, hätte er seine Freundin nicht in dem Augenblick getötet, wo der Besitz eines wohlhabenden Gönners sie in die Lage versetzt hätte, ihn noch ausgiebiger zu unterstützen; Martin hat folglich nicht aus Eigennutz, sondern aus Liebe gehandelt. — So, sagten die Geschworenen, aus Liebe! Das ist freilich eine andere Sache, da müssen wir ihn freisprechen. Und sie sprachen ihn frei! Den Kommentar kann sich jeder selber machen. Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Berlin, 13. Jan. Der Leiter des Handelsteilsder „Nal.-Ztg." Dr. Julius Barsch ist heute unerwartet in einem Anfall von Herzschwäche gestorben. — Ein hiesiges Bankenkoasortium übernimmt 115 Millionen Mark Reichsanleihe und 185 Millionen Preußische K 0 ns 0 ls, welche demnächst zum Kurse von 89,80 Mk. zur Subskription gestellt werden sollen. — Wie die „Nat.-Ztg." hört, sind die Rückflüsse zur Bank auch in der zweiten Januarwoche erheblich, sodaß schon in nächster Zeit mit einer Ermäßigung des Banksatzes zu rechnen ist. — Bon der Reichsbauk. Am 1. Februar wird tn Cöth en (Anhalt) eine von der Reichsbankstelle in Halle a. S. abhängige Reichsbanknebenstelle mit Kaffeneinrichtuüg und beschränkem Giroverkehr eröffnet werden. — Die Aktien - Gesellschaft für Glasindustrie, vormals Friedrich Siemens in Dresden, ergriff von der Fabrik feuerfester und säurefester Produkte in Vallendar am letzten Samstag Besitz und übernahm den Betrieb. Kunst und Wissenschaft. Frankfurter Oper. Eine gute Aequisition hat die Intendanz der Frankfurter Oper mit dem Engagement der Frau Beatrix Kernic -München gemacht, die schon während ihrer Gastspiele die Aufmerksamkeit der künstlerischen und musikverständigen Kreise auf sich lenkte. Als Antrittspartie sang Fran Ster nie die Rose Friquet mit bestem Erfolg, und aud) ihr zweites Auftreten als Nedda geschah unter günstigen Zeichen- In der neu gewonnenen Kraft vereinigen sich neben schönen stimmlichen Mitteln nicht innbedentende darstellerische Talente, sowie eine gewisse künstlerische Intelligenz, welche der Verkörperung einzelner Gestalten ein charakteristisches Signum aufprägt. Konventionelle Art und Schablone scheinen hier zu kurz zu kommen, und wenn es außer einer schönen Stimme noch der Erwähnung eines besonderen Vorzuges bedarf, so ist es diese Selbständigkeit im künstlerischen Denken und Schaffen, welche das neu gewonnene Mitglied der Oper in den Vordergrund der Interessen gerückt hat- Monatliche Ukbcrfilht her Todesfälle in Ließen. Monat Dezember 1901. Kinder Es starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom 1. Lebensiahr: 2. -15. Jahr Diphtheritis im Wochenbett 1 2 (1) 2 (1) 1 — Tuberkulose der Lungen Tuberkulose anderer 5 (1) 2 3 (1) Organe 3 (1) 2 (1) — 1 Lungenentzündung 1 (1) 1 (1) — — Stimmritzenkrampf 1 — 1 —— Schlagfluß 1 1 — — Herzleiden 1 1 — bösart. Neubildungen 0 (0) 6 (5) — Altersschwäche 2 2 — — anderen Krankheiten 11 (4) 9 (4) 1 1 Verunglückung 4 (3) 4 (3) — — Summa: 38 (16) 30 (15) 3 5 (1) Anm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke konunen. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Berlin, 14. Jan. Znm Zolltarif hat Abg. Frhr. v. Heyl folgenden Antrag eingebracht: 29) Tabakblätter, unbearbeitet oder nur gezogen, fermentiert oder über Ranch getrocknet, auch in Büscheln, Bündeln oder Puppen an Stelle des vorgeschlagenen Satzes von 85 Mk. per 1 Doppelzentner zu setzen: 125 Mk. per Doppelzentner. Brom berg, 15. Jan. Die Regierung beabsichtigt, hier eine landwirtschaftliche Hochs chule zu errichten. München, 15. Jan. Kommerzienrat Bassermann- Jor dan in Deidesheim vermachte der bayrischen Akademie der Wissenschaften 3 5 0 0 0 Mk. zur Fröderung der Ausgrabungen ans der Insel Aegina. Barcelona, 15. Jan. Der Streik hat sich verschlimmert. Die Ausständigen, die mit Waffen, Messern, Stöcken und Revolvern versehen sind, griffen verschiedene Fabriken an, bemächtigten sich der Werkzeuge und zerstörten die Maschinen. Bürgergcwde rückte gegen die Ausständigen vor. Brüx, 14. Jan. Gegen Mittag ist ein Wassereinbruch im Jupiterschacht. Von 116 Mann der Belegschaft werden 43 vermißt, darunter den Betriebsleiter, Ingenieur Seemann und 2 Aufsichtsbeamte, Der Jupiterschacht ist wegen des hohen Wasserstandes unzugänglich. Die Verunglückten dürften infolge der Unmöglichkeit jeder Hilfeleistung rettungslos verloren sein. Melbourne, 15. Jan. (Reuter.) Im Bundes- Parlament brachte der Bundespremierminister Barton eine Resolution ein, in der erklärt wird, das Haus ergreife im Hinblick auf die Absendung desau st ralisch en Kon- tingents nach Südafrika die Gelegenheit, um der Entrüstung über die im Ausland gegen die Ehre des britischen Volkes, sowie gegen die Menschlichkeit und den Wert der britischen Soldaten erhobenen Beschuldigungen Ausdruck zu geben. Das Haus erkläre, daß Australien bereit sei, dem Mutterlande alle erforderliche Hilfe zu leisten; und wenn bezüglich des Verlangens Großbritanniens Truppen vom Bunde die Regierung vom Parlamente angewiesen worden wäre, sie zu verweigern, so würde die Regierung zurückgetreten sein. Wenn man von der Regierung statt 1000 Mann 2000 bis 3000 verlangte, so würde sie diese ebenso bereitwillig senden. Hierauf wurde der erste Teil der Resolution einstimmig, der zweite mit allen außer fünf von Arbeitervertretern angenommen. KedenLet der frierenden, hungernden MgeN Gießen, den 14. Januar 1902. Menn Schnee und Eis Wald und Flur bedecken, dann tritt bei unfern lieben Sängern, den Vögeln, die bitterste Not ein. Einzelne Tistelstöckchen und einzelne Sameimhren des Wegerichs, die aus der Schneedecke hervorragen, oder die wenigen Beeren, welche noch vereinzelt an den Büschen hängen, vermögen nicht den Hunger der armen Vögel zu stillen. Die Not treibt die sonst so scheuen Tierchen in die Nähe unserer Wohnungen. Aus ihren Augen spricht gleichsam die stille Bitte: „Gebt ihr uns doch zu essen!" Die Tierschutzvereine betrachten es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben, fiir die Linderung der Not unserer Vögel einzutreteu. Nicht allein dadurch, daß sie geeignete Futterplätze anlegen, oder Futterbretter an geeigneten Orten anbringen und mit Futter beschicken, das den Vögeln zusagt, sondern auch dadurch, daß sie suchen, andere zur Mithilfe zu bewegen. Und in erfreulicher Weise wird von vielen edlen Ätenschen der darbenden Vögel gedacht und für sie gesorgt! Da aber manche Gabe, die den Vögeln dargereicht wird, sogar schädlich für sie sein kann, so erachten wir es für angebracht, in nachfolgender Ausführung über die geeignetste und den Vögeln zuträglichste Winterfütterung das Notwendigste mitzuteileu. Die Anlage der Futterplätze und das Anheften von Futterbrettern muß au solchen Plätzen geschehen, wo sich Zuleitungen vorfinden (Gärten, Zäune, mehrere Bäume, Ufer mit Gebüsch usw Auch dürfen in der Nähe nicht Vorgänge ftattfiiiben, die den Vögeln Furcht einjagen. So stört z. B- gleichförmig fortdauerndes Geräusch weniger, als von Zeit zu Zeit erschallendes; vorübergehende Menschen weniger, als stehenbleibende u. dergl m. Auch nvfiehlt es sich, die Futterplätze mit Dornen und an- -cm Gehölz zu umzäunen, und zu bedecken, weil dies t- -leinen Vögeln das Gefühl der Sicherheit giebt und sie vor Raubvögeln uub anderen ungebetenen Gästen haben. Auch ,ist es viel wert, wenn die Futterstelle sich in der Nähe eines Gewässers befindet. Wo dieses nicht möglich zu machen ist, da darf man es nicht versäumen, den Vögeln mit Wasser gefüllte, flache Gefäße neben an zu stellen; denn wenn Teiche, Bäche und Flüsse zugefroren sind, haben die Vögel oft mehr unter den Qualen des Durstes als unter den Qualen des Hungers zu leiden. Für alle Maisenarten, die kleineren Spechte, Baumläufer, Finken usw. auch Amseln empfiehlt sich für die Winterfütteruug: Küxbis-, Gurken-, Sonnenblumenkerne, ganz kleine Stückchen Nußkeme, Hanfkörner, , kleinzerschnittenes, gekochtes, aber nicht gesalzenes Fleisch (etwa erbsengroß), kleine Krümchen von Talg oder ungesalzenem Speck (nur nicht Stearin oder Paraffin). Oft sieht man Speckschwarten oder Speckstreifen für die Meisen angenagelt. Es sieht wohl schön aus, wenn die Meisen daran ihre Turnkünste üben; doch wird dieses Herumflattern an genanntem Futter für dieselben oft sehr gefährlich, weil sie dabei die Schwungfedern leicht fettig machen, und dann schlecht fliegen, und so leicht eine Beute ihrer Feinde werden können. Zeisige, Goldammer, Hänflinge, Haubenlerchen, Stieglitze usw. nehmen fürlieb mit Heufamen, Scheunenabfall, alten, übrig gebliebenen Gartensämereien, Rapsabfälle, Mohn-, Hanfsamen u. dergl. m. Amseln, Drosseln, Stare usw. werden herangezogen durch getrocknete Hollunder- und Heidelbeeren, Trauben von wildem Wein, Hagebutten, durch kleinzerschncktene Aepfel oder Birnen, fein geschnittene Stückchen Fleisch (gekochtes und womöglich ungesalzenes). Rohes Fleisch sollte man nie geben, einerseits, weil dies den kleinen Vögelchen schädlich werden kann, andererseits, weil sich die Amseln dadurch verwöhnen, und im Sommer junge Vögelchen als Leckerbissen betrachten. Kleine Mehlwürmer mit eingedrückten Köpfen, Ameisenpuppen uni) etwas Mohnsamen sind für den Zaunkönig ein Leckerbissen. Bei Verabreichung von Schwarz^ und Weißbrotkrümchen (nicht Stückchen) an die Vögel und klein zerdrückten Kartoffeln muß beachtet werden, daß dieselben, sobald sie feucht geworden sind, nicht länger als höchstens einen Tag auf der Futterstelle liegen bleiben dürfen, weil sie leicht Säure erzeugen, unseren Schützlingen den Magen verderben, und den Tod derselben herbeiführen können. Mill man nicht besondere Futterplätze einrichten oder Futterbretter anbringen, so streue man doch wenigstens auf einen, von Schnee gereinigten Platz in dem Garten, auf dem Hofe, vor oder hinter dem Hause von vorgenannten Futtermitteln, und man wird wahrnehmen, daß sich bald die gefiederten Gäste einfinden. Bisweilen hört man die Meinung, daß die insektenfressenden Vögel durch die Anlegung von Futterplätzen u. dergl. verwöhnt würden, und sich mit weniger Eifer an die Aufsuchung der an den Bäumen klebenden Jn-- sekteneier und Larven hermachten. Wer solches behauptet, der hat noch nicht beobachtet, daß die Vögel, so lange noch im Winter das Wetter gelinde ist, die für sie her- gerichteten Futterplätze nicht besuchen, und wenn sie mit dem auserlesensten Futter bestreut wären; sie kommen nur dann zur Futterstelle, wenn Schnee und Eis die Baumrinden bedecken, und ihnen das Aufsuchen ihrer Nahrung unmöglich gemacht wird. Eine Fütterung der Vögel braucht überhaupt nur bei Schneefall, Reif oder Glatteis einzutreten. Indem wir annehmen dürfen, durch vorstehende, im Interesse der bei uns überwinternden Vögel gemachte Ausführung das Mitleid und die Mithilfe weiter Kreise angeregt zu haben, wollen wir noch an füg en, daß wir uns Vorbehalten, in einem späteren Artikel über die Anlage von Futterplätzen, das Anbrmgen von Futterbrettern und dergleichen Ausführlicheres mitzuteilen. Nur sei noch bemerkt, oaß von den, in diesem Winter neu hergerichteten Futterbrettern noch einige ununtgeltlich abgegeben werden können. Man wolle sich dieserhalb, sowie auch wegen weiteren Bezugs von Futterbrettern und Futterhäuschen an den Vorsitzenden des Gießener Tierschutzvereins wenden. Anfragen werden im Stadt - Knabenschulhause entgegengenommen. H.