Nr. 162 Erstes Blatt. 152. Jahrgang Montag 14. Juli 1903 Erscheint tLgNch außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien» blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag bi. Brüh lssche Untoerl. Buch-u.Stei. bt aderet (Pietsch Erben) Yredakr । c. Expedttio.» um Druckerei: Schnlstratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Fernsprechanschluß Nr. 51. A Q mo^alUch75P^,vieNel- Siebener Anzeiger General-Anzeiger " ** ML" Amts- und Alyeigeblatt für den Kreis Sichen MZZ V zeigenteil: Hans Beck. Gießen, den 1L Juli 1902. Betr.: Die Ablieferung dw Vakanzüberschüsse erledigter Schulstellen an den Provinzialschulfonds. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises. Diejenigen von Ihnen, welche mit Erledigung unjerer Verfügung vom 18. April d. Js. — G. A. Nr. 94 — sich noch im Rückstände befinden, werden an deren umgehenden Befolg hiermit erinnert I. V.: Dr. Wagner. Gießen, 11. Juli 1902. Betr.: Ablieferung der Erträgnisse des Einkommens der evangelischen Pfarrstellen hier für 1901/02. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die evang. Kirchenvorstände des Kreises. Nach einer Mitteilung Großh. Oberkonsistoriums sind eine große Anzahl Pfarreien noch mit Ablieferungen auf Ertragnis des Einkommens der Pfarrstellen für 1901/02 im Rückstand. Wir empfehlen Ihnen daher, die alsbaldige Ablieferung der Beträge an den Rechner des evangelischen Zentnrlkirchenfonds bewerkstelligen zu lassen. I. V.: Dr. Wagner. Kekanntmachung. Der Vorstand des Geflügel- und Vogelzuchtvereins für Lich und Umgegend beabsichtigt mit der am 9., 11. und 12. August d. Js. daselbst stattfindenden Geflügelausstellung eine Verlosung von Geflügel aller Art und Geräten zu verbinden. Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Bedingung erteilt, daß nicht mehr als 1500 Lose zu 50 Pfg. das Stuck, ausgegeben werden dürfen und mindestens 60 Prozent des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind. Zugleich ist der Vertrieb der Lose in den Kreisen Alsfeld, Büdingen, Friedberg und Gießen gestattet worden. Gießen, den 11. Juli 1902. Krohherzogliches Kreisamt Gießen. I. V.: Dr. Wagner. Gießen, den 12. Juli 1902. Betr.: Die Remunerierung des Feldschuhpersonals. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien des Kreises. Von Großh. Ministerium des Innern ist uns auch in diesem Jahre zur Belohnung des Feldschuhpersonals ein Kredit zur Verfügung gestellt worden. Sie wollen uns daher binnen 14 Tagen über die Dienstführung derjenigen Feldschützen Ihrer Gemeinde, welche sich durch treue Pflichterfüllung ausgezeichnet haben, nach folgendem Schema berichten: Name Aller Dienst- jahre Anzahl der pro 1901/02 vondemFeld- schützen erhobenen Anzeigen befolge der Anzeigen erfolgten Beftrastmgen Aeußerung über die Dienst- sührung Wir machen noch darauf aufmerksam, daß es weniger auf die Zahl der zur Anzeige gebrachten Feldfrevel ankommt, als auf den von den betr. Bediensteten betätigten Diensteifer, insbesondere in Verhütung von Freveln durch stete Anwesenheit im Felde, und daß ferner auch das außerdienstliche Verhallen (nüchterner Lebenswandel) mit in Betracht zu ziehen ist. Gleichzeitig werden Sie uns diejenigen Feldschützen, welche Sie einer Belohnung nicht für würdig hallen, unter Angabe der Gründe benennen. I. V.: Dr. Wagner. Politische Wochenschau. -tt- Gießen, 14. Juli. Der hessische Landtag ist am Freitag mit freundlichen, anerkennenden Worten des Großherzogs geschlosien worden. Die Thronrede, mit welcher unser Landesherr im Residenzschloß den 31. Landtag schloß, spricht zunächst den Abgeordneten den Dank für ihre Pflichttreue m der anstrengenden Arbeit während der abgelaufenen Tagung aus und zählt sodann bte zum Abschluß gebrachten Gesetzesvorlagen auf, darunter die Vorlage betr. Ergänzung des Art. 5 der Verfassungsurkunde, wodurch die Grundzüge über die Regentschaft festgestelll worden sind, den Mam-Neckar- bahn-Vertrag, die Reform der Staatssteuern, das Gesetz über die öffentlichen Sparkassen, die Bewilligung reichlicher Mittel für landwirtschaftliche Zwecke, besonders zur Förderung der Viehzucht, das Gesetz über die Handelskammern und Schaffung des hessischen Handelskammertages, die Vorlage betr. Aufbesserung der Gehälter der Volksschullehrer und Erhöhung der Bezüge der Witwen und Waisen derselben, den Gesetzentwurf über die Denkmalpflege, Bewilligung verschiedener Neu- und Ergänzungsbauten für Zwecke der Gießener Universität und der Darmstädter Hochschule re. Die Thronrede bedauert, daß infolge der Kürze der Zeit die Verhandlungen betr. Revision des Wahlgesetzes, namentlich durch Einführung direkter Wahlen, nicht zum Abschluß gebracht seien, und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die ebenfalls nicht erledigten Vorlagen betr. bauliche Einrichtungen und Ergänzungen m der Technischen Hochschule sowie den Umbau des Hoftheaters, durch den künftigen Landtag verabschiedet werden. Dem künftigen Landtage bleibt also ein gut Teil Arbeit zu thun übrig, die zu leisten Aufgabe des verflossenen Landtags war. Obendrein bleibt die Thatsache bestehen, daß die Kammern ihre Thätigkett beendet haben unter dem Eindrücke charfer Differenzen mit einander und auch mit der Regierung in vielen wichtigen Dingen. Das hessische Volk sieht seine Verttetungen auseinander gehen mit dem Gefühl, daß von chnen in vielem Wesentlichen nur halbe Arbeit geleistet worden ist. Das giü in erster Linie in Sachen der Wahlreform. Obwohl in der zweiten Kammer Stimmen aller Parteien mit der Regierung in dem Wunsch zusammengingen, daß wir die direkte Volksvertreter- Wahl erhalten, ist doch jetzt die Aussicht darauf nur gering. Das badische Herrenhaus hatte am 8. d. Mts. eine charakteristische Probe seines Geistes gegeben, indem es das nähere Eingehen auf die Frage der Landtags-Wahlreform mit dem Hinweis auf den bereits am nächsten Tage folgenden eierlichen Schluß der Session ablehnte. Flugs ahmte am 11. d. M. die hessische Erste Kammer dieses Beispiel nach, und gab der Well kund und zu wissen, daß weder ihr Anschuß noch gar etwa sie selber „wegen des späten Einlaufens )es Berichtes über den Beschluß der Zweiten Kammer zur Wahlrechtsvorlage in die Behandlung dieser wichtigen Materie eintreten" könnten — obwohl die Vorlage seit vielen Monaten im Druck vorlag. Es war allerdings klar, daß eine Einigung doch nicht mehr würde erzielt werden, und so hat man denn anzuerkennen, daß die Erste Kammer wenigstens Zeit und Geld gespart hat. Die Zweite Kammer hat dann aber gleich darauf, als Pendant zu ihrer unlängst feierlich erklärten Daseinslosigkeit, das unsäglich klägliche Schildbürgerkunststück fertig gebracht, infolge ihrer so schwer bedauerlichen Uneinigkeit das außerordentlich wichtige Notgesetz zum bestehenden Wahlgesetz unerledigt zu lassen, das wegen der Steuerreform erforderlich geworden war. So ist denn keine Grundlage vorhanden für die Wahl der unseligen Wahlmänner bei der bevorstehenden Neuwahl! Der Weg, den der verflossene Landtag dem neuen andeutete für die Erledigung der Wahlrechtreformvorlage der Regierung, kann unmöglich zu einem Ziel, zu einer Verständigung führen, und hoffentlich erblickt der neue Landtag vor ihm eine Warnungstafel mit der nach berühmten Mustern verfaßten Inschrift: „Dieser Weg ist kein Weg! Wer es aber dennoch thut, fällt ab!" Daß es bei uns in Hessen, wie in Baden, Württemberg und wohl auch in Bayern, noch etlichen Kamp absetzen wird, bis die indirekte Wahl endgiltig gefallen ist, unterliegt keinem Zweifel. Das ist nun einmal so. Ein so bedeutendes Ziel wird nicht erreicht ohne zähe, ausdauernde Ansttengung, es braucht Kampf. Aber daß um ein derartiges Ziel überhaupt gekämpft wird, daß unsere Regierung selber in so liberaler Weise eine solche Angelegenheit in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stellte, und daß es möglich war, die starken vorhandenen Widerstände wenigstens zum guten Teil zu bezwingen, das dürfen wir doch als ein erfreuliches Zeichen registriren. Und es verdient auch Beachtung, daß neuerdings sogar die Frage der Reform des preußischen Wahlrechts zum Landtage wieder mehr in der Oeffentlichkett ventiliert wird, dieses „elendesten aller Wahlsysteme", wie es Bismarck nannte, mit seiner Klassen- wähl, seiner öffentlichen Abstimmung, seiner immer mehr sich unmöglich machenden praktischen Brauchbarkeit, seiner Wahl- münnerwahl. Unbegreiflich bleibt uns indes die von anderen hessischen Blättern leider richttg beobachtete lethargische Gleichgiltigkeit der großen Masse des hessischen Volkes gegenüber dieser unermeßlich wichtigen Angelegenheit. Es ist nur zu wahr, daß das hessische Volk, abgesehen von geringen Ausnahmen, um die Art des Wahlrechts und um das neue Wahlgesetz sich fast gar nicht gekümmert hat und kümmert. Mit großer „Wurschtigkeit" hat es dem Schauspiel der Zweiten Kammer zugesehen. Und nur zu recht hatte auch jenes Darmstädter Blatt, das dieser Tage klagend schrieb: In keinem deutschen Landtage haben sich die Gegensätze zwischen Land und Stadt so verschärft, rote im (Sroß- Herzogtum Hessen. In keinem Landtage ist aber auch ein so niedriger Ton der parlamentarischen Verhandlung emaeriffen. Der Austausch von Gründen und Gegengrunden artet manchmal in das niedrigste persönliche Gezanke aus, und schwere Beleidigungen wurden nicht unterdrückt. Wohin soll das führen? Die Würde der Kammer steht mit der Tätigkeit der Kammer und dem darin zum Ausdruck kommenden konstitutionellen Leben überhaupt. Wir bedauern, daß die Zweite Kammer zur Zeit nicht ans der Hohe ihrer verfassungsmäßigen Stellung steht. An unterem Volke liegt es, an seiner Rührigkeit und dem Pflichtbewußtsein jedes Einzellien gegenüber sich selber und der Allgemeinhett, demnächst eine Zusammensetzung der Kammer herbeizuführen, die einer besseren Zensur sich würdig zeigt als der obigen. Die Erste Hess. Kammer hat sich nicht, wie in 23abi.i, im wesentlichen darauf beschränkt, den Vorlagen nach den Beschlüssen der Zweiten Kammer zuzustimmen. Sie hat vielmehr in mehreren mehr oder minder wichttgen Fragen einen anderen Standpunkt eingenommen als die Zweite Kammer. Sie hat vor allem den Jnitiativ-Anttag Haas auf Bewilligung einer Landwirtschaftskammer zu Fall gebracht, ähnlich wie in Baden, wo eine bezügl. Regierungs- Vorlage von der Ersten Kammer abgelehnt wurde, mit weil ie ihr nicht agrarisch genug war. Ebenso stehen sich gegenüber die Beschlüsse der beiden Kammern bezüglich des Antrags Möllinger, die Wirtschaftskonzessionen betr., des Antrags Ulrich und Gen., die Eisenbahn-Tarife der Preußisch- Hessischen Eisenbahngemeinschaft betr., des Antrags Schönberger, den Ueberhang des Waldes über landwirtschaftlich benutzte Grundstücke betr., bezüglich der Entschädigung für an Maul- und Klauenseuche • eingegangenes Rindvieh, bezüglich des Ausbaues der Realschulen zu Butzbach und Großumstadt in O berrealschulen 2c. ic. In dieser Angelegenheit waren wieder die Ausführungen vom Regierungs- ttsche aus sehr bemerkenswert und auch für uns Gießener lehrreich. Eine lange Debatte entspann sich in der Ersten Kammer noch über den schließlich angenommenen Gesetzentwurf, der das Eigentumsrecht an Kir chen, Pfarr- Käufern usw. regelt. Die hauptsächlichsten Bestimmungen des Gesetzes besagen: Gebäude, welche gottesdienstlichen Zwecken gewidmet sind, wie Kirchen, Kapellen, Bethäuser oder Pfarrhäuser und ebenso das die Kirche umgebende Gelände, die zum Pfarrhaus gehörigen Hofraiten und Hausgärten, die Glocken und sonstigen Zubehörstücke, welche bisher im Eigentum der bürgerlichen Gemeinde stehen oder auf den Namen der bürgerlichen Gemeinde im Grundbuch eingetragen sind, gehen in das Eigentum der betr. Kirchengemcinde über, wenn letztere vor der Zeit, in welcher das Grundbuch als angelegt gilt, mit Genehmigung des Kreisamtes und der höheren Kirchenbehörde den Eigentumsübergang beantragt und binnen drei Monaten von Zustellung des Antrages kein Widerspruch geschieht. Erfolgt kein Widerspruch, so wird die Eigentumsbescheinigung erteilt; im Falle eines Widerspruchs ist der Klageweg zu beschreiten. Mit dem Eigentum geht auch die aus ihm entspringende Baulast auf die Kirchengemeinde über. Den Gemeinden werden durch eine besondere Bestimmung an den Kirchen diejenigen Rechte gesichert, die sie in Bezug auf Kirchtürme, Glocken, feuerpolizeiliche Lokale re. zu allgemeinen Gemeindezwecken haben. Ziehen wir aus den Ergebnissen der beendeten Landtagssession ein vorläufiges Resümee, so müssen wir gestehen, daß die unter unfern Landboten Recht hatten, die wieder und immer wieder die Uneinigkeit, Unklarheit, die „unwürdige Komödie" der Wahlrechtsreformberatung, die Herausforderung von Spott und Hohn im ganzen Lande beklagten. Unser zu Grabe gegangener Landtag war längst wie ein überreifes Saatfeld der Totensichel verfallen, und das Todesurteil, das er in den letzten Tagen zweimal über sich selber gefällt hat, wurde allenthalben mit gebührender Lustigkeit aufgenommen. Die nächsten Landtagswahlen werden — darüber ist kein Zweifel — unter dem Zeichen der Wahlreform stehen, und alle Parteien werden alsdann Gelegenheit haben, den Ernst ihres Wahlreformeifers zu erproben. Sie haben nichts roeiter nötig, als ihren Kampf gegen jeden Reformgegner zu richten. Die „Wormser Ztg.", die auf dem rechten Flügel der nationalionalliberalen Partei ziemlich vereinsamt sinnt und trachtet, wird es schwerlich fertig bringen, die Gesamtpartei der Nationalliberalen zu ihrem mittelatterlichen Feudalstandpunkt herüber zu ziehen. Immerhin ist die Gefahr vorhanden, daß ihr reaktionärer Standpunkt in der nächsten Kammer in irgend einer Gestalt wieder austauchen wird. Darum ist heute schon die zugkräftige Wahlparole klipp und klar. Man wird es auf eine Kraftprobe ankommen lassen müssen, ob unser Großherzogtum Hessen nach Württemberg der nächste deutsche Staat sein wird, der das indirette Wahlrecht durch das direkte ersetzt, oder ob ihm Bayern und Baden hierin den Rang ablaufen. Europas Monarchen sind zum Tett zur Zett auf Reifen. Kaiser Wilhelm durchkreuzt mit der ,„Hohenzollerrr" das Meer und besucht, wie alljährlich, das herrliche Nor- wegland zur Zeit der Mttternachtsonne. Dort empfing er am 11. d. M. den früheren französischen Kabinettschef Waldeck-Rousseau an Bord der „Hohenzvllern". Pariser Blätter sehen darin mit Recht eine Zunahme der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich. Waldeck-Rousseau hatte an jenem Tage im ganzen drei Unterredungen mit Kaiser Wilhelm, vormittags auf der Hohenzollern, auf der er sich infolge besonderer kaiserlicher Einladung einfand, nachmittags auf der GastonMenier- schen Nacht „Ariadne", an deren Bord der Kaiser längere Zett verblieb und auch mit Meuter sich angelegentlich st über französisches Nachtwesen unterhielt und endlich abends beim Gast mahl auf der hohenzollern". Hier dauerte die Unterhaltung zwischen dem Kaiser und dem ehemaligen französischen Conseils-Chef volle vier Stunden. Obwohl die Unterredung durchaus privaten Charakter trug, wird ihr mit Rücksicht auf die Sonderstellung Waldeck-Rousseaus unter den Staatsmännern Frankreichs erhebliche Bedeutung beigemessen. Der „Fiaaro" berichtet, daß das Wesen Waldeck-Rousseaus aus den Kaiser einen vorzüglichen Eindruck machte. Waldeck-lliousseau begab sich später nach Ebriltianla und wie verlautet, wird er von dort einen Das Pettoleummouopol. Die Wormser Handelskammer hat in ihrer letzten Sitzung verwunderlicherweise dem Antrag 'der Handelskammer Gießen, die deutsch-amerikanische Petroleumgesellschast, insbesondere die Errichtung von Tankanlagen zu bekämpfen, abgelehnt. Dagegen wehrt man sich in Württemberg mit aller Macht gegen d?e Amerikaner. Dort beabsichtigen diese, auf Bahnhöfen Petroleumtanks zu errichten, von denen aus dem Zwischenhandel auf Kesselwagen der Bedarf an Petroleum von Zeit zu Zeit zugeführt werden soll. Um dieses System zu erreichen, machen zur Zeit Reisende jener Gesellschaft alle Anstrengungen; sie suchen den gesamten Zwischenhandel durch Anbietung aller Vortelle, billige Preise, alle möglichen Be- quemlichkellen, aber unterschriftlich auf Jahre hinaus zu verpflichten, dem Unternehmen beizutreten. Bedingung hierbei ist, daß das Petroleum nur so verkauft werden darf, wie es die Gesellschaft vorschreibt. Ist dies erreicht, d. h. sind die Wiederverkäufer in der Mehrzahl gebunden, so werden diejenigen, welche nicht freiwillig bellreten, durch' jede Art von Druck gezwungen, entweder beizutreten oder den Artikel aufzugeben. Selbstverständlich werden nachher, wie wir schon mehrfach ausführten, sofort die Preise höher werden, und der Konsument muß bezahlen, was die Gesellschaft verlangt. Wer hier nun unterschreibt, ist willenlos auf Jahre hinaus einer Geld- geselljchaft, die über ein Kapital von 50 Millionen verfügt, und im Jahre 1896: 27,5, 1897: 27,8, 1898: 45, 1899: 45, 1900 : 30 und 1901: 37,6 Prozent Dividenden verteilte, ozusagen als Handlanger ausgeliefert. Damll haben wir das Petroleummonopol. Es ist Pflicht des Zwischenhandels, sich gegen solche Ausbeutungen energisch zu verteidigen; einer kann hier nichts erreichen; dies muß durch Zusammenhalten aller Interessenten, die sich nicht willenlos dem Großkapital ausliefern wollen, mit Unterstützung der Handelskammern, der Regierung und den Ständen erreicht werden, denn ein^ Ausbeutung, wie sie hier beabsichtigt, ist noch nie vorgekommen. Zur Liquidation der Importfirma von russischem Petroleum und Mineralölen Gehlig, WachenheimL Co. in Mannheim wird noch berichtet: Die Firma'wurde vor drei Jahren gegründet zu dem Zwecke, der Deutsch-russischen Naphtaimportgesellschast Konkurrenz zu machen. ' Sie hatte in Rußland (Baku) eine eigene Raffinerie. Die Firma C. W. Gehlig in Lodz, bei der das Mannheimer Unternehmen bedeutend engagiert war und die übrigens zu den bedeutendsten der Mineralölbranche gehörte, ist im vorigen Jahre an mißglückten Spekulationen zusammengebrochen. Der Verkauf des Mannheimer Geschäftes, resp. der Tankanlage in Hamburg, erfolgte durch Vermittelung der Berliner Bank an ein deutsch-englisches Konsorttum, dem die Berliner Bank, owie die Rheinische Kreditbank und die Süddeutsche Bank in Mannheim angehören, und zwar steht nach einer Ber- rner Meldung noch dahin, ob das Konsorttum eine deutsche oder englische Gesellschaft koustlluieren wird. Das Kapital, >as in der Mannheimer Firma investtert ist, wird auf 4—5 Mill. Mark beziffert. Die Liquidationsquote wird mit IQ bis 25 Prozent angegeben. Die Ausgestaltung der Wohuungsstatistik durch Reich, Svntt und Gemeinde. In einer vom Verein „Reichswohnunasgesetz" herausgegebenen Schrift Dr. Kart Sentemanns wrrd die Fvige erörtert, was Reich, Staat und Gemeinde für die Wohnungs- tatistik und für die einzelnen Zweige typischer Wohnungs-, Untersuchungen thun können und sollen. Daß das Reich' eine Wohnungsaufnahme selbst zu veranstcllten habe, bekämpft Dr. Sentemann deswegen, weil die Verschiedenheiten der ländlichen und der städtischen Wohnuugsverhältniise zu groß seien. Eine solche Wohnungsaufnahme müßte sich! Uolitische Tagesschau. Eine polnische Beschimpfung des deutschen Kaisers. Ein Telegramm unserer Samstagnummer gab berells Kunde von der neuesten unerhörten polnischen Frechheit. Es tertte mll chaß an die Prager Polizesidirektron aus einer galizischf-polnischen Gemeinde an der russischen Grenze eine autographierte Postkarte anlangte, in der um Veröffentlichung eines Steckbriefs im „Polizeianzeiger" ersucht wurde. Die Polizei druckte diese Einsendung ab und gewahrte erst nach dem Erschieinen des „Polizeianzeigers", daß der „Steckbrief" sich aus dien deutschen Kaiser beziehe. Sofort wurde telegraphisch von allen Behörden, an welche der Polizeianzeiger gesendet worden war, die betreffende Nummer von der Polizei zurückver- laugt. Von der Prager Polizei sind zugleich auch die Berliner Behörden verständigt worden. Die strengste Untersuchung wurde eingeleitet. Die betreffende Korrespondenzkarte, die den Steckbrief enthielt, war laut Poststempel in Podwolvczyska an der galizisch-preußischen Grenze aufgegeben. Man ist überzeugt, daß die Mystifikation von polnischer Seite aus- üht. Der Prager Polizei-Direktor sandte eine ausführ- iche Eingabe w das Ministerium des Innern in Wien in der ausgeführt wird, daß nur infolge des V e r s e h e n s eines Beamten der Seckbries im Polizeianzeigert abgedruckt wurde. Der „Steckbrief", sowell er sich wiedergeben läßt, lautet: „Kaiser Wilhelm, Sohn des in Charlotten- burg bei Berlin wohnhaften Kaiser Friedrich, der iu der........des Professors Dr. Büclow (soll wohl heißen Bülow?) in Berlin........war, ist vor einigen Wochen von dort......... und wird seit dieser Zeit, vermißt. Vor einigen Tagen wurde er zu Marienburg . gesehen. Nach demselben ist eifrigst zu forschen und ein Resultat anher bekannt zu geben." K. K. Polizei-Direktion in Prag, 23. Juni 1902. .Wrr wollen kein Wort weller an diese Niedertracht verschwenden, auf deren Niveau bisher denn doch noch im niedrigsten Völkerhaß so leicht niemand herabgestiegen ist Wir find überzeugt, daß österreichische RegierungS- organe keinerlei Schuld trifft Eine indirekte Schuld würde allerdings mindestens die österreichische Verwaltung treffen, die entweder des Deutschen unkundige (oder böswillige!!) Tschechen zu freiwilligen oder unfteiwilligen Helfern an »iesem Bubenstück gemacht hat. — Wir wollen jedenfalls bringend hoffen, daß unser Auswärtiges Amt Sorge trägt, daß die schmutzigen Fluten slawischer Pöbeleien sich nicht wieder in die Nähe des deutschen Kaiserthrones wagen! Die ,Ireuzztg." berichtet, daß der Steckbrief auch ihr im Wortlaut zugesandt worden ist und zwar als Abdruck in der in Reichenberg erscheinenden „Deuffchen Volksztg." vom 1L Juli. Danach ist er in der Nr. 27 vom 3. Juli im Polizeianzeiger, der von der k. k. Polizeidirektton in Prag heraus- gegeben wird, erschienen. Nach einer Depesche aus Prag leidet der Beamte, den das Verschulden der Veröffentlichung trifft, sett längerer Zell an hochgradigerNer- vosität. Qx wurde von seinem Amte als Redakteur des „Polizeianzeigers" suspendiert. Kitcheners Rückkehr. £orb Kitchener wurde am Samstag bei seiner Landung in Southampton mit einem wahren Beifallssturm empfangen. Der ayor der Stadt hieß ihn wlllkommen, worauf Kllchener oen Ehrenburgerbrief von Southampton überreicht wurde. Um 10.45 Uhr vormittags fuhr .Kitchener nach London ab. Alle Züge brachten Tausende von Menschen aus den Provinzen nach der Paddington Station, wo Kitchener ankam. Der Bahnhof war prächtig geschmückt. Pünktlich aus die Minute traf der Zug auh dem Paddington-Bahnhofe ein. Brausende Hurrarufe ertönten, als Kllcheners Kopf sich salutterend am Wagenfenster zeigte. Sobald der Zug zum Stehen gekommen war, begab sich der Prinz von Wales, gefolgt von den beiden anderen königlichen Herzögen auf die Wagenthür zu und begrüßte den Aussteigenden, der höflich dankte, mit herzlichen Worten und lebhaftem Händedruck. Kitchener wurde dann von seiner Schwester, General French von seiner Frau unter Freudenthränen bewillkommnet. Der Prinz von Wales verließ zuerst den Bahnhof, danach folgte Kitchener. Ein Orkan von Hurrarufen erhob sich- als der Wagen Kllcheners vor dem Bahnhofe erschien, und pflanzte sich aus der Fahrt durch die nach Zehntausenden zählende Menschenmasse zu beiden Sellen des Wagens fort. Die Königin erschien einen Augenblick mit ihrer Tochter aus einem großen Ballon des Buckingham-Palastes, blieb jedoch nicht, bis Kitchener in Sicht kam. Um 2.45 Uhr langte Kitchener im St. James-Palast an, wo im großen Bankettsaal ein Frühstücksttsch für etwa 50 Personen gedeckt war. Bei Schluß des Bankettes brachte der Prinz von Wales nach dem Toast auf den König die Gesundhell Kllcheners aus. Er beglückwünschte chn im Namen des Königs zu der erfolgreichen Art, wie er diesen langen und schwierigen Feldzug beendigt habe. Er sei sicher, daß das ganze Reich die Gefühle des Herrschers teile, der mit Bewunderung die Ausdauer, die Geschicklichkeit und die Geduld Kllcheners beobachtet habe, in denen ihm die ganze Armee nachgeeifert habe. Kitchener dankte in einfacher, jedem Wortschwall abholder Weise. Bald nach 3 Uhr verließ er den St. James-Palast und begab sich nach dem Buckingham-Palast zum Königspaar. Er wurde von dem Hauptportal alsbald nach dem Krankenzimmer des Königs geführt. Dieser empfing den General in halb liegender Stellung auf einer Chaiselongue lang aus- gestreckt. Er begrüßte Kitchener mll herzlichen Worten, dankte ihm im Namen des ganzen Reiches für die hervorragenden Dienste, die er dem Vaterlande geleistet habe, und überreichte ihm die Insignien des neuen Ordens „Pour le merite". Die Illumination hatte hunderttausende von Menschen auf die Straßen gelockt, jedoch ist nur ganz vereinzell von Klubs, Bierlokalen und einigen Hoflieferanten illuminiert worden. Auch der von Canada errichtete Triunwhbogen war erleuchtet. Am Sonntag früh reifte Lord Kitchener zum Besuche Lord Salisburys nach Hatfield ab. Loubet gelangen Taffen. Der Grotzherzvg von Oldenburg ist auf seiner 9)ad)t ^Lehuscm" in Peterchof zum Besuch, eingetroffen, und ben Sfinifl von Italien, Viktor Emanuel HL führcke der Eil- Lug durch Deutschland nach Rußland. Wie erwähnt, ist der Besuch des jungen Königs an der Newa nicht ohne politische Bedeutung. Seine Ankündigung erfolgte fast unmittelbar auf die Veröffenllichung des neuen, unveränderten Dreibund-Verttages, und wenn König Viktor Emanuel nunmehr seine Reise unternahm, so zeigt er sich damll gleichfalls als ein Friedensfürst. Zu den Auslassungen einiger italienischer Blätter, die in der Abwesenheit des österreichisch-ungarischen Botschafters während des Besuches des Königs in Petersburg einen feindseligen Akt erblicken wollen, wlld an Wiener zuständiger Stelle versichert, daß die Abwesenhell des Botschafters Baron von Aehrenthal lediglich, aus dessen bevorstehende Vermählung zurückzu- führen sei. Wie der ,/ßoft" aus Wien gemeldet wlld, verlautet in dortigen maßgebenden Kreisen mll Bestimmtheit, daß Kaffer Wilhelm dem Könige von Italien im November einen Gegenbesuch, abstatten und aus seiner Reise nach Rom vom Reichskanzler Grasen Bülow begleitet sein wird. König Edward VII. erholt sich thatsächlich und man darf heute wohl alle allarmierenden Gerüchte über seinen Gesundheitszustand afö eitle Sensattonsmacherei bezeichnen. Die Krönung fft infolgedessen für Anfang August in Aussicht genommen, bis zu welcher Zell sich Chamberlain von seinem „Sturz" wohl auch erholt haben wird. In den nächsten Tagen wlld er auch die Freude haben, den lorbeer- gekrönten General Kitchener wiederzusehen. Er hat den Wunsch ausgedrückt, den Lord, sobald die Aerzte es ihm gestatten, empfangen zu dürfen. Am gestrigen Sonntag Abend waren in London aus Anlaß der Ankunft Kllcheners zahlreiche Gebäude illuminiert. Am Samstag traf der Dampfer „Orotawa" mit Lord Kllchener an Boü) in Southampton ein. Kllchener dankte in einer kurzen Rede für den Willkommen und erklärte, alle seine Erfolge in Südafrika seien den Mannschaften zu verdanken. Auf lautes Verlangen der Versammelten hielten auch die Generale French und Hamilton, die Kllchener begleiteten, fnr§€ Ansprachen. French erklärte, fte seien stets durch, das Beispiel chres Vorgesetzten angefeuert worden. Kllchener fuhr um 10 Uhr 45 Min. mit Extrazug nach London, wo die Ankunft auf dem Paddington-Bahnhof um 1 Uhr erfolgte. Darüber an ^anderer Stelle Ausführlicheres. Schließlich, ist noch die Meldung von Bloemfontein interessant, daß der Kurator der ehemaligen Burenregierung sämtliche in feinen Händen befindliche Papiere, darunter auch die vertraulichen Berichte über die Beziehungen Krügers zu den auswärtigen Mächten, den Engländern übergeb en hat Da können unter Umständen nette Überraschungen zu Tage kommen! Hoffentlich nicht solche, die den einzelnen Mächten zu stark auf die Nerven fallen! wieder zu erlangen. Der unschuldig Verdächtigte schildert seine Erlebnisse jetzt folgendermaßen: „Am 26. Mai kam ein Kriminalbeamter zu mir ins Geschäft und stellte an mich die Aufforderung, ich möchte ihm zur Polizei folgen. Dort wurde mir gesagt, es laufe ein Steckbrief gegen mich. Als mir derselbe verlesen wurde, erwiderte ich, daß er nicht stimme. Ich wurde hierauf gefragt, ob ich einen Fuß kürzer habe. Ich konnte dies verneinen, da ich vollständig gesunde Füße und normalen Gang habe. Daraufhin wurde ich entlassen mll dem Bemerken, am nächsten Tage vormittags wieder zu kommen. Als ich daraufhin erschien, wollte man mich photographieren; ich übergab aber dem Beamten ein Büd von mir.' Am 6. Juni kamen ein Kriminalbeamter und ein Kommissar zu mir und zeigten mll ein Telegramm, mich sofort zu verhaften. Dies geschah, und ich blieb bis nächsten Tag nachmlltags 4 Uhr in Haft. Am Tage daraus, als ich mich abermals bei der Polizei einfand, wurde mir gesagt, daß acht Zeugen in Stade in meiner Photographie den Betrüger erkennen und ich auf Veranlassung des Staatsanwaltes in Stade zu verhaften sei Nachdem ich noch eine Nacht im Gefängnis blieb, fuhr ich am nächsten Morgen in Begleitung eines Detektivs ab. In Stade angekommen, wurde ich dem Gefängnis überliefert, bat aber, sofort dem Staatsanwall vorgeführt zu werden. Ich wurde mit gefesselte n Händen durch die Straßen ins Gerichtsgefängnis geführt. Dort angekommen, trat mir ein Herr entgegen. Er sagte zu mir: „Also Sie wollen der Betrüger nicht fein?" Als ich behauptete, ich sei es nicht, sagte er zu mir: „Lügen Sie nicht. Sie sind es!" Ich sagte daraus: „Herr, ich habe mein Geld zu dieser Reise deponiert und wünsche, den Zeugen gegen» über gestellt zu werden. Im übrigen habe ich nicht Sie zu sprechen, sondern den Staatsanwalt", woraus der Herr dann etwas besänftigt erwiderte, der Staatsanwalt wäre noch nicht da. Ich mußte wieder zurück in das Gefängnis. Nach Verlaus von ungefähr einer Stunde kam ich vor den Untersuchungsrichter. Dieser fragte mich dann, wodurch ich beweisen könne, daß ich im Jahre 1896 in New York war. Ich gab ihm die Belege dafür. Während dieser Unterredung kam der Staatsanwalt. Ich bat'ihn, die Zeugen kommen zu lassen, worauf mir der Bescheid wurde, dieselben seien in Launstadt, zwei Stunden von Stade entfernt. Dieselben wurden telegraphisch für den nächsten Vormittag berufen. Ich mußte die Nacht über im Gefängnis bleiben, und trotzdem ich bat, man möchte mir für Geld etwas Besseres zu essen geben, wurde mir dieses unter allen Umständen verweigert. Ich wartete den nächsten Tag bis yzll Uhr vormittags, dann wurde ich dem Amtsrichter vorgeführt. Nun wurden die Zeugen hereingelassen." Die Zeugen verneinten, den Herrn aus München zu kennen, der nunmehr freigelassen wurde. Wenn diese Angaben richtig sind, dann wäre ein ungleich wesentlicher Grund vorhanden zu einer neuen Interpellation des preußischen Justtzminifters, und wir hätten dann allerdings wieder einen Beweis dafür, daß die Bestimmungen über Verhaftungen einer bedeutend schärferen Fassung bedürfen, um endlich zu verhindern, daß immer wieder Leute ohne gan^ zwingende Gründe der Seelenqual und den sozialen gesellschaftlrchen Schädigungen ausgesetzt werden, die jede, auch die Verhaftung ohne Schuld mit sich bringt. polizeiliche Mißgriffe? Die ,M. Pr." veröffentlicht die Beschwerdeschrist eines .Geschäftsmannes an das Polizeipräsidium in Darmstadt, der dort am 23. Juni abends 111/2 Uhr in einem Hotel von einem Kriminalbeamten und einem Schutzmann verhaftet und zur Wache geführt wurde. Der Wortlaut der Beschwerde erzähll die nun folgenden Vorgänge also: „Durch meine von der königl. Regierung in Köln ausgestellte Legttimattonskarte legitimierte ich mich, ferner wollte ich mich durch in Darmstadt wohnhafte Verwandte und Freunde legitimieren lassen, es wurde mir die Antwort: „Auf Papiere geben wir nichts." Auch> meine Bemerkung, daß ich doch nicht der steckbrieflich verfolgte Simon Lion fei, sondern Moses Lion heiße, blieb erfolglos. Auf langes Bitten hin, die Akten durchzu- seyen, um daraus den Irrtum zu beweisen, begab sich der Kriminalbeamte nach den Bureaus, wo sich dieselben befanden; es war indischen 1 Uhr geworden. Nach Ver- ürus einer halben Stunde fragte er dann per Telephon bei dem mich bewachenden Schutzmann Nr. 62 an, ob ich in Freiburg längere Zeit krank gelegen, und welcher Arzt mich behandelt hätte, ferner ob ich in Göttingen (kann auch Göppingen geheißen haben) gewesen sei, welche drei Fragen ich verneinte. Auf Befragen nach dem Namen meiner Mutter gab ich an, daß dieselbe seit fünf Jahren verstorben sei. Die Frage, ob ich llr Offenburg und Karlsruhe gewesen sei, beantwortete ich mll „Ja", da ich diese Plätze vorher geschäftlich besucht hatte, worauf der Kriminalbeamte dem Schutzmanne telephonisch bedeutete, daß ich emzusperren sei. Ich versuchte, dem Beamten gleichfalls telephoittsch zu verstehen zu geben, daß man sich bei der Firma Dreyfuß & Salomon, Strohhutfabrik, Darmstadt, Wendelstadtstraße, ferner bei der Firma Meyer, Hartoch Nachf., Juwelier, Darmstadt, über mich informieren könne, falls meine Legittmationskarte nicht genüge, jedoch darauf erhielt ich keine Antwort. Man sperrte mich in eine Zelle trotz wiederholten Bittens, doch^ dann die Nacht auf der Wachtstube verbringen zu dürfen. Am anderen Morgen bat ich den Schließer, mich doch vorführen zu lassen, worauf ich die Antwort erhielt, ich müßte warten, bis ich an der Reche sei. Ich gab demselben einen Zettel mit den Namen vorstehend genannter Verwandten mit der Bitte, dieselben doch holen zu lassen, welchem Wunsche jedoch nicht entsprochen wurde. Um 9 Uhr wurde ein Handwerksbursche in meine Zelle gebracht. Um 4.40 Uhr wurde ich dem Herrn Amtsrichter vorgeführt,welcher alsbald t>-en Irrtum feftfteHte, da der Gesuchte 55 Jahre all, aus Rhena gebürtig, ferner auf dem Nacken eine Narbe von 5—6'Centtmeter trug, was bei mir nicht der Fall war. Ich bin 38 Jahre alt, aus Köln. Mll einem anderen Kriminalschutzmann fuhr ich in einem Wagen zu verschiedenen Firmen, welche dem Beamten über meine PmHon genaue Auskunft gaben. Nachdem diese Vorgänge meinem Wunsche gemäß den Akten des untersuchenden Amtsrichters beigefügt worden, wurde ich entlass en, es war 6 Uhr nachmittags. Dann wäre affo der Mann unschuldig 18 Stunden in Haft gehalten worden, wenn man den Angaben dieser Beschwerde glauben darf, was ja wohl bald behördlichersells öffentlich klargestellt wlld. Dorläuftg zweifeln' wll stark an der Richtigkeit des Jnhalls dieser Beschwerde. Unsere hessische Polizei kennt glücklicherweise nicht die übertriebene preu^sche Schneidigbell, und Uebergriffe sowie Unbedachtsamkeiten, tote sie z. B. in dem bc faimten Elberfelder Fall Kuhlenkampff von preußischer Polizei geübt wurden, find bei uns in Hessen bisher unbekannt gewesen. Gleichzellig kommt eine zweite Meldung von einem polizeilichen Mißgriff". In München wurde der Leiter eines Geschäftes wegen eines angebliche in der preußisch- hannöverschen Stadt Stade verübten Se trug es verhaftet, und erst nach mehreren Tagen gelang es ihm, die Freihell tiiyo carf Städte von eurer bsstimrllterr Grötze beschxärrkerr unb kömrte über grundlegende Ermittelungen wegen der lokalen Besonderheiten nicht hinausgehen. Damit erhielten freilich auch^ diejenigen Städte eine solche Statistik, die sie heute noch entbehren. Aber dieser Vorteil wurde dadurch aufbewogen, daß die Reichserhebung die blühende städtische Wohnungsstatistik vernichten würde, die wegen der totalen Besonderheiten allein wahrhaft Ersprießliches leisten kann. Einer Wohnungsstatistik der Bundesstaaten,, mindestens der größeren Bundesstaaten, kann aus denselben ^Gründen nicht das Wort geredet werden. Doch sollten Reich oder Staat bei der Amurgi isfnahme einer umfassenden WoPrungsgesetzgebung aus eine weitere Ausbreitung der lokalen Wohnungsstatistik hinwirken. Da eine solche Ausdehnung des Wirkungskreises der kounnunal- statistischen Aemter metft aus praktische Schwierigkeiten stoßen wird, müssen die staatlichen statistischen Aemter ein- fpringen. Es wäre daher für ein ReichKwohngesetz eine dankbare Aufgabe, folgende Bestimmungen zu treffen: Jede politische Gemeinde ist berechtigt, mit der Volkszählung eine Grundstücks- und Wohnungszählung zu verbinden, ohne daß die Aufgaben der Volkszählung und die Einrichtung der freiwilligen Zähler darunter leiden; die Art der Erhebung Unterliegt der Genehmigung der bundesstaatlichen Regierung. Diejenigen Gemeinden, die keine eigenen statistischen Aemter besitzen, dürfen verlangen, daß die bundes-- staatlichen statistischen Aemter die Grundstücks- und Wohnungszählung im Einvernehmen mit der Gemeinde vor- Lereiten, das Material sachgemäß bearbeiten und herausgeben; die Gemeinden sind zum Ersatz aller entstehenden, Kosten an das bundesstaatliche statistische Amt verpflichtet. An die Stelle der bund es staatlichen Aemter tritt eventuell die sozialstatistische Abteilung des Kaiserlichen Statistischen Amtes. Wird hier ein direlles Eingreifen des Reiches in die Wohnungsstatistik nicht empfohlen, so erscheint es als eine Hauptaufgabe des Reiches, typische Wohnungszustünde Methodisch zu untersuchen. Ein Ueberblick über alle gesetz- geberiscyen und Verwaltungsmaßregeln betreffs des Wohnungswesens, eine Sammlung aller Wahrnehmungen über Wohnungsverhältnisse mit Rücksicht auf bestimmte, gesetzgeberische Pläne — all dieses gehört zum Arbeitsfelde der sozialstatistischen Abteilung des Kaiserlichen Statistischen Amtes. Die Krönung des Ganzen würde die .Vernehmung von AuskmrMperfouen, Mietern sowohl wie Hausbesitzern, aus verschiedenen Landestellen bilden. Ein solches Vorgehen des Reiches würde die private Arbell und die Arbell der Lommunalstatistischen Aemter anregen und befruchten. Das wäre um so erfreulicher, als die Mitarbeit Der ver-, schiedensten Stellen wegen des unzureich>enden Standes der Erforschung nirgends erwünschter ist, als auf diesem Gebiete. Aus Stadl und Kund. Gießen, den 14. Juli 1902. • * Provinzialdireetor Dr. Breidert. Die „Darrnst. Ztg." giebt bekannt: S. K. H. der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 12. Juli den Ministerialrat im Ministerium des Innern Dr. Andreas Breidert zum Provinzialdirektor der Provinz Oberhessen und Kreisrat des Kreises Gießen, mit Wirkung vom 16. l. Mts. zu ernennen. * * Personalien. Dem Gymnasiallehreri. P. Dr.Roese hier ist das Prädikat „Oberlehrer i. P." verliehen worden. * * Die neuen Provinzialsiech en Häuser werden ebenso wie das neue Kreisamtsgebäude eine elektrische Licht- und Kraftanlage erhalten. Wie im Kreisamtsgebäude ist auch hier die Installation dein Ingenieur Paul L. Mulert hier übertragen worden. Das Großh. RegierungsblattNr. 37, ausgegeben am 12. Juli d. I., enthüll: 1. Bekanntmachung, den Staatsvertrag über die Bereinigung der Hessischen Landeslotterie und der Thüringisch-Anhaltischen Staatslotterie betreffend, vom 15. März 1902, vom 21. Juni 1902. — 2. Bekanntmachung, den Staatsvertrag zwischen dem Großherzogtum Hessen und dem Großherzogtum Oldenburg über die ausschließliche Zulassung der Großh. Hess. Landeslotterie in dem Großherzogtum Oldenburg betteffend. Bom 21. Juni 1902. — 3. Bekanntmachung, die Besteuerung des Schaumweins betteffend. Dom 28. Ium 1902. § § Heuchelheim, 13. Juli. Trotz der vielen für den gesttigen Sonntag festgesetzten Festlichketten und Vergnügungen der Umgegend, wie in Wreseck, Lollar, Krofdorf, Wißmar, Leihgestern und Königsberg, übte jedoch die Heuchel» Heimer Kirmes ihre althergebrachte Anziehungskraft. AnZ der Stadt und den benachbarten Ortschaften hatte sich eine- große Menschenmenge eingefunden, denn einen so nahe gelegenen Kirmesort besuchen selbst diejenigen gern, welche sonst dem Festttubel fern stehen. Im Großen und Ganzen bot die Kirmes dasselbe Bttd wie in früheren Jahren. In derbreiten Dorfftraße laden die verschiedensten Buden zum Be» such ein. In nicht weniger als sechs Wirtschaften lockte bie, Musik fast unaufhörlich zum Tanz, welchem die Jugend fleißig Folge leisttte. Die vielfarbigen Toiletten der städtischen, und ländlichen Trachten boten dem Zuschauer ein hübsch^, feffelndes Bild. it Krofdorf, 13. Juli. Erst in später Stunde hatte, sich der hieftge Gesangverein „Germania" entschlossen, benachbarte Vereine zu seiner Jubiläumsfeier, verbunden mit Fahnenweihe, einzuladen. Da jedoch für den gesttigen Sonntag der Gesangverein zu Königsberg zu seiner Feier bereits ftüher Einladungen hatte ergehen lassen, so konnte» viele Vereine unserer Einladung nicht Folge leisten. Aber ttotzdem hatte sich eine große Menschenmenge hier eingefunden und die Feier nahm einen fröhlichen und ungetrübten Verlauf. Darmstadt, 13. Juli. Der Großh erzog empfing am 12. Juli u. A. den Generalleutnant von Perbandt, General-Inspekteur der Fußartillene, den Oberslleutnant Frhrn! v. Zedlitz-Neukirch vom Stabe des Jnf.-Regts. Kaffes Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, den Leutnant Kretsch- mar von demselben Regiment, kommandiett zum Traindepot der Großh. (25.) Division; den Kaiserlich russischen Minister- residenten Fürsten Koudascheff und den Kgl. Großbritannischen Geschäftsträger Mr. Johnstone. L-eibniz Biscuits Zu haben bei HofL J. Koux, Marktplatz No. 6. 3535 KWfNlillischk KMk. Staatlich anerkannte Unterrichtsanstalt. Wtt bringen hiermtt zur allgemeinen Kenntnis, daß bei genügender Beteiligung in unserer Schule am 15. Juli, abends 9 Uhr, in diesem Schuljahre ein zweiter UlltmWs-Knrsils m Maschimslhmbeil eröffnet werden soll. Anmeldungen hierzu können bei unserer Schulleitung, Schillerstraße 5, erfolgen. 4982 Die Zchslkommistm der Kaafm. Fachschule. Alice-Kochschule. -• DnEiumchKillsiisbeginnt m16. Ni Anmeldungen nimmt die Lehrerin Frl. R e n n er entgegen. E Zrali«s, MOmchickkni Wetzsteinstraße 45 empfiehll Wetzsteinstraße 45 echt -mautschmrze Auien- uni Kin-er-StrüinO (Schulstrümpfe) in Wolle u. 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