Wr.«2 General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen »52. Jahrg Erscheint tSglich mit Aufnahme bH SanntagS. Die „ile|titr K-miIi«nbIStter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigekegt. Der ^Hejßsche Ceii6*lrt* erscheint monatlich einmal. Verantwortlich für den allgemeinen Teilt P Wttlko: für den Anzeigenteil: H. Beek. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Unlversitätsdruckerei tPieijch Erben), Lieben. .-.t» s... m......m einen anderen Standpunkt, a!3 der Vorredner. Die Verfassung ist meines Er- t tn ausZulegen, daß Baiern und Würtemberg Reservat- rechte haben, aus die zu verzichten wir nicht verlangen können. ■ s obvL’n Würtemberg auch zugegeben worden, daß man dort m dem Jbfommen keine Beschränkung des Rcservatrcchts erblickt. Vti fann oen Staaten doch nicht verwehrt werden, solche Ab- kommen mit uns abzuschließen. Die Verrechnung, die in dem Abkommen vorgesehen ijt, fiiidet mit allen Postvcrwaltungcn statt, mit denen wir Verkehr haben. Ein anderes Verfahren ist gar mcht möglich. Was die Frage anlangt, ob Würtemberg von dem Abkommen finanziellen Vortheil hat, so köniien wir natürlich beim ^Erlrags,chluß nicht wissen, ob Krisen komnien lverden, die die Verhaltnche andern Wir können nicht alle solche Abkommen erst dem Reichstag vorlegen: toir haben doch mit ausländischen Regierungen Verträge geschlossen, ohne den Reichstag zu befragen. °?un-9 un5 Wenfalls nicht, die Genehmigung deS Reichstages einzuholen. * .... ^g. Dr Hieber snat.-lib.): Ich will nicht auf alle Au-, fuhrungen des Abg. Grober eingehen-, es handelt sich ,a doch um F/;,nmt c^C mc*ne' wir müssen der würtem- bcrgischen Regiening Dank wissen, daß sie diesen Fortschritt in ÄrCm ^^kelwswesen ermöglicht hat. Selbst wenn durch das S^°dCn Neservatrecht verletzt würde, so brauchte der Reichs- lein als die Würtemberger seilst, dec Reichstag muf; doch selbstverständlich einem solchen Ab- tommen mit Freuden feine Zustimmung geben, (WbL ©r^er nt^ ,0rlr,ann '"ich den Ausführungen des Staats- ekrotacs nur ansch ießen. Durch den Vertrag wird die S?Mt- standlgkeit der wurtembergischen Verwaltung in keiner Beziehung D.c Selbständigkeit der Tarif-Festsetzung Würtem? t 6cm5.^lcr l°9 ausdrücklich gewahrt. Auch 'die Selbst. stand,gleit und das ist die Hauptsache — der wurtembergischen Postemnahmen wird nicht tangirt. Handelt es sich in der Be. ziehung doch nur um einen Vertrag, wie er auch mit au§IänbiMi mi« d°r°uf. au fugen, d-ch »riieö)“""* ®r“f ie"“E,l"‘n: TaS to« persönlich. (Große Stoi^d-z ?irb b-willizt. ebenfo ebne Debatte d-r tee 9t e i di 3 - *e h*,“m-‘b-r U - b er w e i su n g e n, t i f Fn'b a^n ”m MerY' ° ‘ ®‘Ot M Sn^einir fühb^Sl0 unb unter Anderem den Ge- St bÄ r L ? meine gefammten Freunde wollen 'rneoer eine Mamlime errichtet wird Dieser Gedanke 6aietmanUflu» i^QhrPu6Meben\ ?■" bct würtembergischen Kammer schwer b,e bairifrf)e Eisenbahnverwaltung angegriffen. Ich wundere mich nur bnk hie Herren nnn süddeutschen Volkspartei nicht hier im Reichstag ihre Angriffe wiederholen. Die ganze Entwickelung der Düme treibt uns ae- 3U- etHfteitlidfjen Eisenbahnpolitik ‘ Ebenso gut wie 1 Handelspolitik und eine einheitliche Zoll- und i 13 aud) eine einheitliche Eisen- i rin Steg6 (&ifan)ne f beUtMe «il-nbahng-mrinschast wär- ; bunAs hJ; 2ch st-S- auf einem anderen Stand- • über 'hie hMrarfe Landtage hat man auch über die preußisch-sach,ischen Eisenbahnverhältnisse geklagt, und I ; uv bei ass ei. Dem Vcdurfmste ist Damit genügt. Ich bin bereit, den Diainren. Die eine längere als sechsjährige Dienstzeit hinter fid) haben, hie Diäten zu erhöhen, und zwar von 4 aus 4,50, unD von 4,50 auf 5 Mart Es ist ferner Absicht der Verwaltung, in Den nächsten Jahren möglichst viele Assistenten anzustellen unb lo bas nachzuholen, was in diesem Jahre nach Lage der Verhält* Nisse unterbleiben muß. Die Reichspostverwaltung billigt Sammlungen unter Den Beamten nicht. Als Mensch wünsche ich, daß die Sammlungen für das Denlmal des großen Kanzlers so reichlich aussallcn mögen wie möglich Als Beamter kann ich aber den Erlaß der Oberpostdirektion in Polen nicht billigen. Heber die Arbeitszeit und Besoldung Verkäuferinnen unb Telephonistinnen werde ich Erhebungen anstellen Staatssekretär Freiherr von Tlnelmann: Ich kann betätigen, daß auch von mir beabsichtigt wird, die Zahl der Assistcntenstellen in dem nächsten Etat so zu erhöhen, daß die Diatmzeit in Zukunft nicht langer als fünf Jahre Dauern wird. Abg Dr Wicmcr (freif Vp ) hält dies Entgegenkommen der Regierungsvertretcr zwar für einen Fortschritt, aber noch nicht für genügend Die Beamten könnten immer noch entlassen werden, wahrend sie als etatsmäßige Beamten fest angestellt wären. Mit Rücksicht auf die Geschäftslage werde er jedoch jetzt auf die Stellung eines Antrags auf Vermehrung her Assistentenstellen verzichten. Redner bemängelt cs sodann, daß Beamte, die bet Der ostasiatischen Expedition als Sekretäre hmgtrt hätten, jetzt wieder zu Assistenten gemacht seien. Dies fei hoch eine unverdiente Degradirung. Abg Werner lAntis.) befürwortet eine Aujbesserüna der Asststenten-Diaten um 75 Pf anstatt 50 Pf Staatssekretär Krnctke erklärt eine solche Erhöhung für nicht angängig, weil dadurch ine ersten Diatare mehr bekommen würden als die angesicllten Beamten. Die Beamten der Ostasiatischen Expedition feien nur als Feldpostsekretäre ongestellt. keiner könne verlangen, daß ihm nun der Titel Sekretär verbleibe, ebenso wenig wie hie Assessoren, die in China als Auditeure jungtet hätten. Den Titel Auditeur behalten Dürften. Abg. Schmidt-Frankfurt (Svz ) kommt wieder auf den Fall emeö. Beamten auS Frankfurt a M. zurück, der angeblich widerrechtlich pcnsionirt sei. Direktor Wittko habe diesen Beamten für einen Querulanten erklärt, der feine Ansprüche auf Grund von Gutachten des iozialhemokrattschcn ArzteS Dr. Schreiber ausgestellt habe. Er lRednerj wisse nicht, ob Dr. Schreiber Sozialdemokrat ict. offiziell sei er es nicht. Allerdings glaube er, daß jeder vernünftige Mensch Sozialdemokrat werden müsse. (Großes Gelächter.» Abg. Frhr von Waldow-Rcibenstein (fonf.) bedauert es, baß Die Postverwaltung nicht eine größere Zahl von Postassistenten etatsmaßig angestellf höbe, wie cs der Reichstag in Der zweiten Lesung in einer Resolution verlangt habe. Nunmehr wendet Hch die Diskussion der Resolution des Centrums betr das Abkommenmit Würtemberg zu Berichterstatter Frhr. von Hertling (Ctr.s. referirt über die Verhandlungen der Kommission und weist darauf hin, baß ein Antrag, ber dasselbe wolle, wie der vorliegende Antrag, in der Kommission abgelehn« fei. » Durch den Antrag soll durchaus nicht Der Inhalt des Uebcremkommens mit Würtemberg angefochten werden. ES soll nur die Frage geprüft werden, ob der Reichs- rag zu dem Abkommen seine Zustimmung zu geben hat. Die Frage hangt ab oon der Auslegung der Bestimmung der Rcichsverfassung. wonach Wu^emberg nicht zum Gebiet der Reichspostverwaltur^ gehört. Nach dem Hebereinkommen bekommt Würtemberg in Zu- lunft nicht die wirkliche Gebühr für die Beförderungen, sondern eine Pauschalsumme, die nach einem bestimmten Modus abgc- l , dadurch wird ein wichtiges Neservatrccht eines Bun- desstaates berührt, wozu die Zustimmung des Reichstages nöihia ist. DaS ijt auch die Ansicht des verstorbenen würtembergischen 2'cmljters Sarwey und anderer Staatsmänner. Ebenso hat der nat,cnal.liberale Dr. Geß in Der würtembergischen Kammer cr- ilart, er sehe in dem Abkommen eine Aenderung des würtemberai-- schen Reservatrechts Aehnlich hat sich der jetzige bairische Minister von Cro.lshcim früher geäußert. Man darf sich hier nicht auf frühere Abkommen berufen, bei denen die Zustimmung des Reichstages nicht emgeholt worden ist: denn damals hmidelte e§ sich nur um Den Wechsel- und Durchgangsverkehr, wobei ein Zusammen- wirken verschiedener Postverwaltungen nöthig ist. Hier aber steht der interne Verkehr innerhalb der einzelnen Postverwaltungen in ü-rage. ^as ist etwas gaiiz Neues. Sicher ist, daß in den ersten fahren nach dem Abkommen Würtemberg mehr bekommt, als es so einnchmen würde: nm diese Summe wird der Reichssäckel ge- derttch ' uuj) baju b‘c Genehmigung des Reichstages erfor- Parlamentarische Berttandlnnijeu. Aschdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Dcutscher Reichstag. 46 4. Sitzung vom 13 März, 1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt. Elm Bundesrathstisch: Dr, Nieberding u. A. Die dritte Etatsberathung wird beim Etat des ReichSjustizamts fortgesetzt. Abg. Baffermann InatL): Dem Bundesrath ist ber Entwurf betr. Aufhebung des fliegenden Gerichtsstandes der Preffe zugegangen. Ich muß meiner Befriedigung darüber Ausdruck geben, bah dieser Nothstand nun endlich beseitigt werden soll. Hoffem- lich gelangt die Vorlage nach Ostern an das Haus und wird dann nach kurzer Berathung erledigt. Dagegen hört man noch Nichts von einer definitiven Vorlage zum Schutze der Forderungen der Bauhandwcrker. Es ist das eine sehr wichtige Materie: auch der Juristentag hat sich mit der Frage beschäftigt Wie bekannt, sind zwei vorläufige Entwürfe ausgearbeitet, ich will daher im gegenwärtigen Moment auf die einzelnen Punkte nicht eingchen. sondern nur ber Hoffnung Ausdruck geben, daß die Vorarbeiten nicht auf einen tobten Punkt gelangen, sondern eifrig gefördert werden, Leider hat sich der preußische Justizminister im Abpeordnetenhause über die Aussicht ber Vorlage sehr pessimistisch geäußert, weil sie die Bauthätigkeit erschweren würbe unb bie gegenwärtige wirth- schaftliche Lage für ein solches Gesetz nicht günstig sei. Dann noch ein Wort über die Handwerkerprozesse: diese werden augenblicklich in den Kammern für Handelssachen von «nein Juristen und zwei Kaufleuten erledigt. Das ist ein unbefriedigender Zustand. Ich glaube, es wäre durchaus angebracht, daß, wenn Handwerkerprozesse vor Sonderkammern zur Entscheidung kommen, bann auch Handwerker in diesen Kammern sitzen. Ich bitte den Staatssekretär, der Frage näher zu treten, ob man hier nicht den Wünschen der Handwerkerkammern entsprechen kann. Staatssekretär Dr. Nielierbing: Ich bestätige zunächst, daß ber Entwurf eines Gesetzes, welches bie Bestimmung hat, ben fliegenden Gerichtsstand aufzuheben, im Namen des Kaisers dem Freitag, 14. März 1902 Gießener Anzeiger tn der NebergmigSzeit gegenüber falschen Frankirungen nicht allzu rigoros zu verfahren; es ist ja Ilar, daß durch Strafporto die Freude an der neuen Marke nicht gerade vermehrt würde. Ich freue mich, daß mit dem Abkommen ein Hemmniß des Verkehrs beseitigt worden ist. Wir erblicken in der einheitlichen Marke ein Zeichen der wirthschaftlichen Einheit Deutschlands, und insofern hat die einheitliche Marke allerdings eine nationale Bedeutung. Ich schließe mit dem Wunsch: Vivat sequens! (Beifall.) Staatssekretär Kraetke: Ich freue mich, die Mittheilung machen zu können, daß in Folge eines Uebereinkommens der Reichspostverwaltung mit Würtemberg im heutigen „Amtsblatt" eine Bestimmung Aufnahme gefunden hat, daß die vor dem 1. April mit neuen Marken frankirten Sendungen allgemein, die nach dem 31. März mit alten Marken frankirten Sendungen bis aus Weiteres ohne Nachtaxe befördert werden. (Beifall.) Aba. Eickhoff (frei). Vp.) erklärt, daß seine Freunde gegen die Resolution stimmen würden. Das Budgetrecht des Reichstages dürfe allerdings nicht angctastet werden. Der Staatssekretär habe ja auch in der Kommission erklärt, daß dies auch nicht in seiner Absicht liege, und daß er die nachträgliche Genehmigung des Reichstages cinholen werde. Abg. Hegelmaicr (Rp.) giebt seiner Genugthuung über das Abkommen Ausdruck und bemerkt, daß auch seine Partei gegen die Resolution stimmen werde. Abg. Dr. Bachem ((Str.) vertheidigt nochmals den Standpunkt des Centrums. Abg. Teinhard (nat.-lib.): Ich kann nur wünschen, daß Baiern bald dem Beispiele Würtembergs folgen möge. Ich meine allerdings, man kann ein guter Deutscher sein auch mit der bairischen Marke, Ich habe aber der bairischen Regierung keine Vorwürfe wegen ihrer Haltung gemacht; unter einer Regentschaft müssen Reserbatrechte natürlicher Weise besonders sorgfältig behandelt und dürfen nicht aufgegebcn werden. Aber darum handelt es sich auch nicht. Nun ist bei der zweiten Lesung Herr von Hertling gekommen und hat gesagt, die bairische Volksseele sei erregt. (Heiterkeit.) Der verehrte Herr, der das ausgesprochen hat, ist allerdings von Geburt Hesse (Heiterkeit); er bat das aber doch konstatiren zu können gemeint. Ich muß dem entgegen treten. Das Gebühren gewisser Kreise in Baiern erinnert allerdings an dos laute Zirpen der Zikaden, wenn der gefährliche Mensch sich ihr nähert 1 (Heiterkeit). Aber von einer Erregung der Volksseele habe ich nichts gemerkt. Es handelt sich durchaus nicht darum, daß man in Baiern etwa sagte: „Völker Europas, wahrt Eure heiligsten Güter!" (Heiterkeit.) Wir sehen vielmehr in Baiern der Sache ruhig entgegen. Wir sind ganz ruhig darüber, daß uns keine Reserbatrechte entrissen werden sollen, es ist uns ja heute nod) erklärt worden, daß Preußen die kleineren Staaten ruhig an sich herankommen läßt; wenn sie kommen, werden sie allerdings freundlich ausgenommen, aber genöthigt werden sie nicht. Nun ist wiederholt der Vorschlag gemacht worden, die Briefmarken an den einzelnen Schaltern austauschen zu lassen. Aber das wäre keine Verkehrserleichterung, wenn man permanent zum Schalter laufen muß, um die Marken umzutauschen. (Heiterkeit.) Damit ist nicht geholfen. In Baiern wünschen alle Kreise, die für den Markenkonsum wesentlich sind — und halten es auch für möglich —, daß auch Baiern mit der Reichspostverwaltung ein ähnliches Abkommen schließen möge, unter voller Wahrung seiner Reservatrechte. Das wünscht man nicht nur im linksrheinischen Baiern, sondern auch in ganz Franken in allen größeren Städten. Ich mußte das einmal sagen, um darzulegen, daß eigentlich der große Lärm wegen der bairischen Marken überflüssig ist. (Beifall.) Hierauf wendet sich die Debatte den Postverhältnissen in Posen und Westpreußen zu. Abg. Dr. von Dziembowski beschwert sich in längeren Ausführungen über die Poswerhältnisie in den polnischen Landestheilen. Briefe mit polnischer Adresse würden nicht bestellt, sondern gingen an die Uebersetzungsämter, die oft das Briefgeheimniß verletzten. Redner verließt sodann eine Anzahl Schreiben zum Beweise seiner Behauptungen und zeigt zahlreiche Briefadressen vor. Staatssekretär Kraetke: Ob in den einzelnen Fällen ein Brief zu Recht oder Unrecht nicht bestellt ist, läßt sich von hier aus nicht beurtheilen. Tie Herren sollten dann stets Nachforschungen anstellen lassen und sich an die Verwaltung wenden, bevor sie derartige Anklagen hier erheben. Absichtlich behalten die Briefträger die Briefe nicht, sie sind froh, wenn sie sie los sind. Aber vergessen Sie nicht, daß manchmal die Bestellung von Briefen wegen der eigenartigen Adressirung unmöglich ist! Die Postbeamten können die Adressen manchmal nicht entziffern; manche Adressen bilden eine Herausforderung, die man den Beamten nicht zumuthen kann. Wir bekommen Tausende von Briefen, die Räthsel aufgeben. Solche Räthsel können und wollen wir nicht lösen. Die polnische Sprache und die polnische Geographie können wir den Beamten nicht zumuthen. (Lärm bei den Polen.) Leute, die sehr gut Deutsch schreiben, schreiben btc Adressen polnisch. Wir werden Ihnen auf Ihren Wegen nicht folgen. (Beifall.) Abg. Dr. von Glebocki (Pole) verlangt von den Beamten so viel Kenntnisse der polnischen Sprache, daß sie die Adressen lesen können. Tie polnische Bevölkerung habe das Recht, sich ihrer Landessprache zu bedienen. Redner zeigt eine Karte vor, die nicht befördert wurde, und bemerkt, daß ein Brief mit derselben Adresse in griechischer Sprache prompt befördert wurde. Durch solche Maßnahmen stärke die Regierung die Agitation, die sie bekämpfen wolle. Es sei charakteristisch, daß shstematisch polnische Postbeamte nach dem Westen versetzt werden. Noch ein Wort gegen Dr. Sattler. (Unruhe.) Ja, es ist schwer, eine Polenrede zu halten, ohne Dr. Sattler zu nennen. Herr Dr. Sattler sprach von einem deutschen Irland. Aber jeder Ire kann irisch, gallokeltisch in England adressiren. Ich kann nur bitten, daß die deutsche Postverwaltung sich die englische zum Muster nimmt. Staatssekretär Kraetke: Den Vorwurf der Verletzung des Briesgeheimnisies hat der Vorredner zurückgenommen. (Abg. Dr. v. Glebocki: Ist nicht wahrlj Die Postverwaltung hat durch Gesetz die Pflicht, jede Sendung entgegenzunehmen, aber sie braucht nur die zu befördern, deren Adressen entziffert werden können. Adressen in fremder Schrift lassen wir übersetzen, denn die Postbeamten können nicht alle Sprachen kennen. Wenn mal ein Brief, in fremder Sprache prompt befördert wird, so ist das eine Seltenheit. Wir billigen keineswegs Alles, was unsere Beamten thun. Der Fall, in dem ein Beamter auf einem Brief vermerkt hat „Königreich Polen giebt es nicht" ist von uns gemißbilligt. Die Versetzung von Beamten erfolgt im Interesse ihrer Ausbildung und in dem des Dienstes. Darüber lassen wir uns keine Vorschriften machen. Präsident Gras Ballestrem gestattet mit Zustimmung des Hauses, dem nächsten Redner, dem Abg. Dr. Sattler, mit Rücksicht auf seinen Unfall, von dem er noch nicht wieder hergestellt ist, sitzend zu reden. Mg. Dr. Sattler (nat.-lib.) dankt dem Hause und dem Präsidenten für diese Erlaubniß und polemisirt sodann gegen den Mg. vcn Komierowski, der gegen ihn kürzlich unerhörte Angriffe gerichtet habe, ohne es der Mühe für Werth zu halten, ihn davon zu benachrichtigen, obwohl er ihn im Hause gesehen hätte. Die Pflicht der Kollegialität hätte ihm gebieten müssen, ihn von feiner Absicht in Kenntniß zu setzen. Der Hofrath Szmolka habe jüngst eine Broschüre gegen ihn geschrieben, in der er ihn mit den heftigsten Vorwürfen überschüttete. Er könne das nur als eine Anrempelei bezeichnen, die gar nicht zu der Vorstellung paßt, die er bisher von der Umgangsform der Polen gehabt habe. Auf diese Broschüre habe sich der Abg. v. Äomierowski hauptsächlich gestützt. und so sei es wohl erklärlich, daß er in denselben Ton verfalle« sei. Ich tbue den Polen nicht den Gefallen, mich über diese Anwürfe zu ärgern; ich sehe sie als einen Beweis dafür an, daß meine Angriffe gesessen haben. Meine Angaben über die galizischen Schulen kann ich durchaus aufrecht erhalten, wie ich das schon in der zweiten Lesung ausgeführt habe. Wenn die Herren meine Reoe vom 10. Dezember so bekämpfen, warum halten sie sich denn lediglich an diesen einen Punkt? Es ist doch lediglich ein rhetorisches und advokatorischeS Kunststück, wenn man so durch Eingehen auf einen einzigen Punkt den Eindruck abzuschwächen sucht, den die übrigen Punkte gemacht haben. Präs. Graf Ballestrem: Herr Abgeordneter, ich habe Ihnen bisher Redefreiheit gewährt, weil Sie in einer Sitzung, in der Sie nicht anwesend waren, angegriffen worden waren. Mer ich möchte Sie doch darauf aufmerksam machen, daß wir bei der dritten Lesung des Postetats stehen. (Lebhafte Zustimmung.) Was Sie zuletzt gesagt haben, steht in keinerlei Zusammenhang mit dem Postetat. Abg. Dr. Sattler resnmirt sich dahin: Ich habe von dem, was ich am 10. Dezember gesagt habe, nichts zurückzunehmen. Ich werde mich auch durch derartige heftige Ausfälle nicht abhalren lassen, wenn es mir gut scheint, einen Blick auf die Verhältnisse in Galizien zu werfen (Beifall.) Aus eine Bemerkung des Abg. von DziembowSIi erwidert Sraatssekretär Kraetke, daß in keinem Falle ein Unterschied zwischen deutschen und polnischen Firmen gemacht werde. Nach kurzer weiterer Debatte wird hierauf der Poste tat bewilligt. Die Resolution Aichbichler ((Str.) wird, da nur das Centrum für sie stimmt, abgelehnt. Bei dem Etat der Zölle und Verbrauchssteuern, Titel „3uif c r (teuer ", fragt Abg. Richter (frei). Vp.), wann die Brüsseler Zuckerkonvention dem Reichstage zugehen würde. Staatssekretär Freiherr von Thielmann erklärt, hierüber noch nichts mittheilen zu können. Der Etat wird bewilligt. Der R e st des Etats und das Etatsgesetz werden ohne Debatte angenommen, ebenso gegen die Stimmen der Sozialdemokraten der Etat im Ganzen. Die Resolution Gröber ((Str.) und Genossen betreffend die Bekämpfung des Duells wird hierauf nachträglich abgelehnt. Zur Geschäftsordnung bemerkt Abg. Dr. Müller (Sagau, freis. Vp.): Herr Präsident, die Resolution ist nur in Folge eines Mißverständnisses abgelehnt worden; wir haben gedacht, es handele sich um eine andere Resolution. Ich bitte Sie, die Abstimmung zu wiederholen. Präsident Graf Ballestrem: Ich kann dem Wunsche nicht entsprechen: Ich habe laut und deutlich angekündigt, worum es sich handelte. Wenn die Herren dabei nicht zuhören, so thut mir das leid. Damit ist die 3. Lesung des Etats beendet. Die Tagesordnung ist erledigt. Präsident Graf Ballestrem: Bevor ich die Sitzung schließe, wünsche ich Ihnen Allen noch eine rechte Erholung während der Ferien und ein fröhliches gesegnetes Osterfest. (Beifall.) Nächste Sitzung: Dienstag, IS. April. 8 Uhr (2. Lesung der Seemannsordnungj. Schluß 8 Uhr. Aus Stadt und $aui. Gießen, 14. März 1902. ** Warnung! Dem Vernehmen nach hat ein Schwindler, der die Dien ft mütze der Telegraphenarbeiter trug, unter dem Borgeben, daß er 'Telegraphenarbeiter sei und als solcher Arbeiten an den Fernsprech-Dachjgestängen auszuführen habe, wiederholt Zutritt zu den Dachräumen von Hotels erhalten und diese Gelegenheit zur Ausführung von Diebstählen benutzt. Auch in Mannheim hat ein verwegener Mansaridendieb auf solche Weise sein Unwesen getrieben. Indem wir vor dem Schwindler warnen, machen wir darauf aufmerksam, daß die von der Reichs-Telegraphenverwaltung mit der selbständigen Ausführung von Arbeiten an den Fernsprech? anlagen betrauten Telegraphenarbeiter amtliche Aus- weisrarten besitzen, in denen der Name des Arbeiters und die Nummer seines Mützenabzeichens vermerkt sind. Man lasse sich in allen Fällen, in denen Telegraphenarbeiter um das Betreten von Gebäuden nachsuchen, immer die Ausweiskarten vorzeigen . ** Auszeichnung. Ter Großherzog hat dem Geschäftsführer Fel dH aus und dem Zuschneider Gerhard zu Mainz, in Diensten der Schuhfabrik Josef Schuhmacher Sohn zu Mainz, das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für treue Arbeit" und zwar dem Feldhaus am Bande des Philippsordens verliehen. ** Von der Eilenbahn. Durch Minifterialerlaß ist kürzlich bestimmt worden, daß jedesmal, wenn ein Eisenbahnangestellter in den Ruhestand tritt, genau geprüft werden soll, ob der Ausfcheidende eine Aller- h ochste Auszeichnung verdient hat. Die Inspektions- Vorstände sollen jedesmal die Gründe angeben, weshalb eine solche Auszeichnung befürwortet oder nicht befürwortet wird. 7 Wißmar, 12. Ntärz. Die durch die Koblenzer Handelskammer unterstützte Eingabe der hiesigen Einwohnerschaft um Errichtung einer Postagentur, hat die Oberpostdirektion zu Darmstadt nunmehr genehmigt. Mährend bisher alle Postsachen durch einen Landbriesträger von der Postagentur Krofdorf aus bestellt wurden, finden wir nunmehr Anschluß an das Postamt Lollar. Wißmar ist von Lollar nur zwei Kilometer entfernt, zählt 1300 Einwohner und hat sich einer ausgedehnten Industrie zu erfreuen, der die langersehnte Neueinrichtung, die am 1. April in Kraft tritt, gewiß zu noch größerer Blüte verhelfen wird. , . Darmstadt, 13. März. Prinzessin Heinrich von Preilßen reiste kurz nach 8 Uhr' nach Kiel zurück. Sie wurde vom Großherzog zum Bahnhof geleitet. — Großherzogin Victoria Melitta legte nunmehr auch das Protektorat über den nach ihr genannten Heimstättenverein für das Großherzogtum Hessen nieder. Vermischtes. Berlin, 13. Mürz. Der vorbestrafte Schlächtergeselle Leps gab nachts auf der Strafje aus Ueberfinut Revolverschüsse ab und feuerte auf zwei ihm entgegentreteni>e Schutzleute drei Schüsse ab, durch die ein Schutzmann erheblich im Gesicht verwundet wurde. _ Der Thäter wurde durch Säbelhiebe über den Kopf widerstandsunfähig gemacht und verhaftet. — Die Polizei verhaftete abends in der Linkstraße drei Äusläuder und Mitglieder einer Falsch- MÜnzerdande. Es wurden falsche Markstücke bei den Verhafteten vorgefunden. — In der vergangenen Nacht I stahlen Einbrecher in einem Juwelierladen der König-1 straße Juwelen im Werte von 60 000 Mk. Die Diebe entkamen. Paris, 13. März. Nach einer Blättermeldung aus Warschau ist Oberst Grimm zwei Stunden nach feiner Verurteilung erschossen worden. Er starb wie ein Feigling und bat umu Gnade. 18 Offiziere sind in derselben Asfaire zu Gefängnisstrafen von 10 bis 20 Jahren verurteilt worden. Die drei Damen, welche dem Oberst Grimm zur Vermittelung seiner Korrespondenzen dienten, gehören der polnischen Arrftokratie an lind hatten sich durch ihre verschwenderischen Ausgaben verdächtig gemacht. *Selbstmord eines 71jährigen Arztes. Der Selbstmord des Sanitätsrats Dr. W. in Berlin ist geeignet, wegen der Motive, die dem 71jährigen hochgeachteten Arzt zu der That Veranlassung gaben, Aufsehen zu erregen. Als Sanitätsrat W. vor einigen Tagen in seiner Wohnung vergiftet ausgefunden wurde, haben die sofort angestellten Nachforschungen über die Motive des Selbstmordes ergeben, daß den alten Herrn Nahrungs sorgen in den Tod getrieben haben. Dr. W. war Junggeselle und besaß in früheren Jahren eine ausgedehnte Praxis. Später hatte er außer über Vermögensverluste auch über~ geringer werdenden Zuspruch von Patienten zu klagen. Seine trostlose materielle Lage, die Furcht vor gänzlicher Verarmung und manches körperliche Ungemach Haden den alten Apzt in den Tod getrieben. Gerichtssaal. Gtogau, 13. März. Der vor der hiesigen Strafkammer für heute angesetzte Termin gegen den Grasen Pückler-Klein- Tschirnc, dessen Inspektor Kirchner und vier Dominialarbeiter wegen Vergehen gegen § 305 des' Reichsstrasgesetzbuches ist auf den 20. März vertagt worden, da Graf Pückler trotz ordmmgsmäßiger Ladung nicht erschienen war. Der Gerichtshof beschloß, den Grafen Pückler verhaften zu lassen._________________________ Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Gießen, 12. März. V i e h m a rk t d e r i ch t. Der Biehmarkt fand an zwei Tagen statt und hatte einen Austrieb von ca. 1300 Stück Rindvieh und 700 Schweinen. Außer der sonst imseren Markt besuchenden Kundschaft von Main und Rhein waren diesmal and) zahlreiche Käufer von der Mosel gekommen, welche besonders gutes Milchvieh suchten und dadurch in btefer Ware einen ungemein lebhaften Handel herbeiführten. Der Kälberhandel schloß dieses Mal nicht so günstig für die Verkäufer ab, wie auf dem letzten Markt, trotzdem der Austrieb an Kälbern nicht sehr stark war und trotzdem Wiesbaden starke Einkäuse in dieser Ware machte. Es glückte, die hohen Kälberpreise des letzten Marktes diesmal erheblich zu drücken. Der Ochsenhandel war, was gute Preise au= langt, für die Verkäufer ausgezeichnet. Wenn mich nur schwere Ware gesucht war, die hoch bezahlt wurde, so wirkte dies doch auch auf die Preisbildung für die mittleren Ochsen günstig ein. Es wurde erzielt: für außergewöhnlich schweres Milchvieh (wovon nur einzelne Exemplare am Markt waren) 475—525 Mk., Kühe frischmelkend und tragend 1. Qualität 400—450 Mk., 2. Qualität 825—375 Mk., 3. Qualität 240—275 All. pr. Stück. — Bezahlt wurden für den Zentner Schlachtgewicht fetter Kühe 55 Mk., fetter Rinder 58—61 Mk. Tie Kälberpreise gestalteten sich 1. Qualität (über 50 Pfund Schlachtgewicht) 59—62 Mk., 2. Qualität (zwischen 40 und 50 Pfund Schlachtgewicht 53—57 Mk., 3. Qualität (leichtere Tiere) 48—51 Mk. für den Zentner Schlachtgewicht. Für Ochsen (Gangvieh) nmrbe bezahlt pro Paar, besonders schwere Gespaime, über 900 Mk., 1. Sorte 800—850 Mk., 2. Qualität 700—750 Mk. Fährst iere 550—600 Mk. — Da die Auffahrt von Gangochsen irrtümlich nilweise bereits am Dienstag, also am ersten Markttage stattgefun- den hatte und viele Reflektanten auch wieder irrtümlich annahmen, am nächsten Tage sei überhaupt kein Ochsenmarkt mehr, jo zersplitterte sich das Geschäft nicht nur zum Nachteil der Verkäufer und der Käufer, sondern infolge dessen unterblieb manches Geschäft, so daß der Ochsenmarkt am zweiten Tage über» ständig blieb. An der seitherigen Gepflogenheit unserer Märkte soll indessen nichts geändert werden d. h. der erste Markttag bleibt zum Auftrieb unb Handel von Kühen und Kälbern besttmmt, während der zwette Tag für Iahr- und Fettvieh und zum Handel mit Schweinen da rst. — Das Geschäft in Schweinen war trotz der hohen Preise, die die Verkäufer für die Ware forderten unb von denen sie auch nicht ab« gingen, recht lebhaft, so zurückhaltend sich auch anfänglich die Käufer verhielten. Ter Bedarf in Magervieh ist eben vorhanden und muß gedeckt werden. Besonders gesucht und recht hoch bezahlt waren Mitteltiere, in denen der Markt allerdings schwach beschickt war. Bezahlt wurden per Paar Ferkel 8—10 Wochen alt 36 bis 40 Mk., 12—14 Wochen alt 50—66 Mk., 18—20 Wochen alt 75 dis 100 Mk. Der Ueberftanb war unerheblich. - Nächster Markt am 1. und 2. April. ' . Neueste Meldungen. Origittaldrahtmeldungerr des Gießener Anzeigers. Berlin, 13. März. Nach einer New-Yorker Kabel- Meldung der „Bert. Ztg." kündigen dortige Blätter die Demission des deutschen Botschafters von Holleben an. Es seien geheime Briefe in die Hände der amerikanischen Negierung gefallen. (??) — Der Bundes-- Geheim-Agent Flynn erklärte, der Journalist Witte habe ihm gewisse Papiere übergeben, von deren Inhalt er indeß nicht Kenntnis genommen habe; er habe vielmehr die Papiere sofort nach Washington weitergesandt. Die deutsche Botschaft erklärt, Witte habe v. Holleben mit Ermordung gedroht. — Witte gab heute an die Sensationspresse ein langes Dokument, welches besagt, daß v. Holl eben und Graf Bülow durch Profesior Blumentritt eine Korrespondenz mit den Filipinos unterhielten (!) und daß Prof. M ü n st e r b e r g mit in die Sache verwickelt sei; weiter heißt es dann noch in dem Dokument, daß v. Holleben ein vollständiges Spionagesystem hier unterhalte. Thorn, 14. März. Nach starkem Schnee sturm herrscht hier seit zwei Tagen strenge Kälte. Nachts sank das Thermometer auf —15 Gr a d Celsius. Auf der Weichsel herrscht neues starkes Grundeistreiben, wodurch die eben eröffnete Schiffahrt wieder unterbrochen ist. Aachen, 14. März. Von der Maschinenhalle der Fabrik Neumann & Esser stürzt en drei Dachdecker ab. Einer war sofort t'ot. Die beiden anderen sind schwer verletzt. London, 14. März. Das Kriegsamt veröffentlicht folgendes Telegramm Lord Kitcheners aus Pretoria von gestern: Lord Methuen wurde heute nach Klerks- d o r p gebracht. Er befindet sich gut. New-York, 14. März. Vor der Abreise der „Hohen- zottern" richtete Gras Baudissin folgendes Dankschreiben an den Mayor von New-Pork: Infolge eines Krankheitsfalles an Bord der „Hohenzollern" sehe ich mich genötigt, diesen Weg einzuschlagen, um Ihnen namens der Mannschaft der Pacht vor der Abreise den tiefgefühlten und aufrichtigen Dank sowohl für die freundliche Aufnahme, die uns zuteil geworden ist, als auch für die mannigfachen hochherzigen und glänzenden Beweise der Gastfteundschaft auszusprechen, die jeder einzelne von uns empfing.