Nr. 11 Dienstag, 14. Januar 1902 152. Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags. Die „Gießener Zamllienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wrltto; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brü hl'schen Universttätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Preußischer Landtag. 'Abgeordnetenhaus. Sitzung vom 13. Januar 1902, 11 Uhr. Am Regierungstische: Graf Bülow, Studt, Freiherr 0, Rheinbaben, Schönstedt u. A. Auf der Tagesordnung stehen die beiden P.oleninter- ßellationen. Zunächst toirb die I n t e r p e l l a t i o n Hobrecht (nat.- lib.) verlesen, wie folgt: Welche Maßregeln beabsichtigt die Staatsregierung zu ergreifen, um den Worten der Thronrede gemäß „in den östlichen Provinzen dem Deutschthum die politische und wirthschastliche Stellung zu erhalten, auf die es durch seine lange, unter der weisen Führung der Hohenzollernschen Fürsten geleistete Kulturarbeit gerechten Anspruch erworben hat," das Deutschthum zu pflegen, staatsfeindliche Bestrebungen abzuwehren und das Zu- rücldrängen der deutschen Sprache und Sitte zu verhüten. Sodann wird folgende Interpellation Dr. v. Iazd- zewski (Pole) zur Verlesung gebracht: „Wir richten an die Staatsregierung die Frage, ob dieselbe in Anbetracht der bekannten Schulvorgänge in Wreschen und im öffentlichen Interesse überhaupt es nicht für geboten erachtet, die auf dem Gebiete des Religionsunterrichts in den Volksschulen der sprachlich gemischten Landestheile getroffenen Anordnungen einer Abänderung zu unterwerfen. Beide Interpellationen werden gemeinsam beharidelt. Nachdem sich der Ministerpräsident Graf Bülow zur sofortigen Beantwortung der beiden Interpellationen bereit erklärt hat, erhält zur Begründung der ersten Interpellation das Wort: Abg. Hobrecht (nat.-lib.): Es war vorauszusehen, daß die Vorgänge, die sich an den Wreschener Prozeß knüpften, zu einer Erörterung in diesem Hause führen würden, und da war cs der Wunsch meiner Freunde, bei der Wichtigkeit der Sache und im Interesse unserer gesummten Geschäftsführung zu verhüten, daß diese Angelegenheit mit anderen Gegenständen verquickt zur Besprechung käme. Das war der äußere Anlaß dafür, daß wir Die Form der Interpellation gewählr haben. Obwohl ich in der letzten Zeit nicht im Stande gewesen, den Konflikten, den Klagen und Gegenklagen unserer zweisprachigen Landestheile genau zu folgen, und obwohl ich, wie Sie sehen, mit Schwierigkeiten der Stimme zu kämpfen habe, habe ich es doch für meine Pflicht gehalten, dem Wunsche meiner Freunde entsprechend die Begründung der Interpellation zu übernehmen. Denn ich glaube, in diesem Hause werden sehr wenige sein, deren Erfahrung in diesen Dingen so weit reicht, wie die meinige. Ich habe schon im Jahre 1858 ein Landrathsamt in einem überwiegend polnischen Theil Oberschlesiens bekleidet, habe dann lange Jahre in Posen, Westprenßcn, Oberschlesien bei den Regierungen in Auseinander- setzungssachen gearbeitet und dabei mit den Betheiligten viel zu verhandeln gehabt. Seit mehr als drei Jahrzehnten bin ich Vertreter eines nationalgemischten Wahlkreises an der Weichsel. Sie sehen also, ich kann den Verlauf des nationalen Prozesses in den Ostpcovinzen für eine ziemlich lange Periode aus eigener Erfahrung übersehen. Die pessimistische Behauptung, daß das Deutschthum in dieser Zeit zurückgegangen sei, möchte ich nicht bestätigen. Unzweifelhaft aber hat die polnische Nation in außerordentlichem Maße zugenommen, sie hat zugenommen in der Einheitlichkeit und dem Geschick ihrer Führung. Sie ist gewachsen in der Ausdehnung ihrer Mittel, und sie ist vor allen Dingen leider entschieden deutschfeindlicher geworden, als sie es ftüher war. und damit auch für unfern inneren Frieden gefahrvoller. (Sehr richtig I) Die verschiedenen polnischen Erhebungen in früherer Zeit — ich denke dabei namentlich an die aus dem Jahre 1856 — hatten, wenn auch damals schon ein gewisser innerer Zusammenhang zu erkennen war, dennoch im Ganzen einen überwiegend lokalen Charakter. Vorgänge, wie wir sie im Anschluß an den Wreschener Prozeß erlebt haben, daß in kürzester Frist von den Karpathen bis zur Ostsee in gleicher Weise wie auf eins Parole hin die Bevölkerung sich erhebt, oder eine Bewegung in der Bevölkerung entsteht, solche Vorgänge waren früher einfach unmöglich. Die Erklärung liegt nun nicht darin, daß die preußische Negierung unzweckmäßige Maßregeln ergriffen HÄte — das ist ein Jrrthum, an welche Maßregeln man dabei auch denken mag. Diese Maßregeln haben weitaus nicht die Bedeutung, um eine so außerordentliche Erscheinung zu erklären, nein, die Erklärung liegt in den ungeheuren Umwälzungen, die die Welt in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erfahren hat. Diese Umwälzungen haben die Völker in einem ftüher ganz unbekannten Umfang einander nahe gerückt; es ist wichtig, die Bedeutung dieser Entlrickelung zu erkennen. In dieselbe Zeit ist die nationale Neugestaltung des deutschen Reiches gefallen und die Entwickelung unseres Verfassungslebens; unser Vereins- und Versammlungsrecht ist wesentlich umgestaltet worden. Durch alles dies sind der polnischen Bewegung neue Hilfsmittel zugeführt worden, die ftüher nicht existirten. Wir haben gesehen, daß letzthin die Agitation, die sich an den Wreschener Prozeß anschloß, sich bis in die österreichischen Parlamente verpflanzt hat. Oesterreich befindet sich da in einer schwierigen Lage. Die Aufgabe des österreichischen Staates, eine große Zahl verschiedener Völkerschaften und Nationalitäten, unter denen keine die unbedingte Vorherrschaft hat, fest zusammenzuhalten, ist eine der schwersten und interessantesten Ausgaben, die je einem Staate gestellt worden sind. Wir können die Bemühungen der österreichischen Regierung zur Lösung dieses Problems nur mit der lebhaftesten Theilnahme und den besten Wünschen für den Erfolg begletten. Aber ein Vorbild für uns kann damit nicht gegeben fein. (Lebhafte Zustimmung.) Denn wie jedes Lebewesen, so muß sich auch jedes Staatswesen nach den Bedingungen entwickeln, auf die es angelegt ist. Der preußische Staat ist gewachsen und groß geworden als ein nationaler, einheitlicher Staat. Er ist an den Rand des Verderbens gekommen, als er in Verkennung dieses seines Lebensprinzips sich über seine nationalen Grenzen hinaus nach Osten hatte ausdehnen wollen, und es ist sein Glück und das Verdienst seiner Führer gewesen, daß bei der Wicderauftichtung des preußischen Staates nach den Freiheitskriegen von den polnischen Landestheilen nur ein ver- hältnißmäßig kleines Stück beibehalten worden ist, nur so viel, als zur Sicherung feiner Ostgrenzen und zur Verbindung seiner alten Provinzen unerläßlich war. Vor Allem hat er nur solche Landstriche behalten, in denen die polnische Bevölkerung seit altersher mit einer starken deutschen Minorität durchsetzt ist (Sehr richtigI) In dieser Geschlossenheit hat der preußische Staat stets seine Kraft gefunden; sie befähigte ihn auch, die Wiederauftichtiing des deutschen Reiches in die Wege zu leiten. Und nach meiner Ueber- zeugung beruht auch heute noch die Kraft des Reichs wesentlich auf dieser einheitlichen Geschlossenheit Des preußischen Staates. ..(Sehr richtigI) Was die Polen erstreben, ist in letzter Linie — das kann nicht geleugnet werden — die Wiederherstellung des national-polnischen Reichs. Dadurch sind wir in die eiserne Noth- wendigceit versetzt, Abwehr zu treffen. Nicht irgend eine Ucber- spannung des Nationalgedanlens, nicht irgend ein Anflug von .Chauvinismus, nein, diese eiserne NMwendigkeit ist es, die unsere Polenpolitik in Die festen Gleise führt, aus Denen sie nicht heraus kann, ohne Daß wir unter Die Räder kommen. (Lebhafte Zustimmung.) Die Erkenntnitz dieser Sachlage zwingt uns in allen Differenzen über Einzelfragen zu einer Vorsicht, Die wahrlich nicht nöthig wäre, wenn wir zu Den Herren (zu Den Polen) in einem anderen Verhäliniß ständen (sehr richtig I), sie zwingt uns. uns immer gegenwärtig zu halten, daß jede Konzedirung einer national-polnischen Forderung eine Etappe ist zu Dem Ziele Der Polen, gegen das wir uns nun einmal mit aller Macht wehren. In diesem Sinne müssen wir auch die polnische Interpellation beur- theilen. Ich gehe nicht auf Die Rechtsfrage bei Dem Wreschener Prozeß ein. Das kann ich nicht; dazu bin ich nicht hinreichend infor- mirt. Meines Wissens schwebt der Prozeß noch, ich habe Das Verttauen, Daß unsere Gerichte das Rcchi finden werden, und sollte das formale Recht zu einem Urtheil führen, das menschlich zu hart erscheint. Dann wirD sich auch in Preußen ein Weg Der Milde finden. Aber das gehört nicht hierher. Wir haben es hier allein zu thun mit Den Maßregeln der Regierung. Das Bestreben der Polen, ihre Muttersprache zu erhalten, erkenne ich durchaus an; ich habe auch nichts dagegen, wenn die Polen sich da, wo sie m größerer Zahl beisammen sind, einen eigenen Gottesdienst schaffen. Ich gehe sogar so weit, daß ich sage: es ist mir unverständlich, wie dre Behauptung jenes polnischen Weibes, Christus habe polnisch gesprochen, Heiterkeit erregen konnte. Aber die polnische Sprache wird ja auch gar nicht vernichtet im Osten. Tie Kinder erhalten ihren Religionsunterricht zu Hause, in der Kirche und im Allgemeinen auch in der Schule- in ihrer Muttersprache. Nur ein Theil des Religionsunterrichts, nur in Den oberen Klassen, und soweit Die Kinder Der deutschen Sprache vollkommen mächtig sind, wird deutsch ertheilt. Es ist mir ganz unbegreiflich, wie man behaupten kann, daß dadurch das religiöse Gefühl der Polen verletzt würde. Wer jemals einer gottesdienstlichen Handlung seiner Konfession in der Fremde, in fremder Sprache beigewohnt hat. Der weiß, daß es eins der schönsten und erhebendsten Gefühle ist, da Dadurch geweckt wird. Es ist ganz undenkbar, daß dadurch der Glaube beeinträchtigt werden könnte (sehr richtig!); nein, er wird gestärkt. Die Forderung, daß Der Religionsunterricht in beschränktem Umfang Deutsch gegeben wird, Die hat keinerlei religiöse, sondern nur politische Gründe. (Sehr richtig!) Es würde mich mit Der schwersten Sorge erfüllen, wenn Der Minister hier nachgäbe. Unsere Interpellation bezweckt nicht, die Regierung zu gesetzgeberischen neuen Thaten, am allerwenigsten zu Ausncchinegesetzen, anzuregen. Sie bezweckt, daß uns hier im preußischen Landtage — Denn es handelt sich hier um eine preußische Domäne — Die Zusicherung gegeben wird, daß wir auf die Beibehaltung Des seit einigen Jahren glücklicher Weise eingeschlagenen Kurses mit Sicherheit zu rechnen haben. Namentlich kommt dabei die Unterrichtsverwaltung in Betracht. Es handelt sich hierbei ja häufig um Zweckmäßigkeitsfragen, und es wäre unbegreiflich, wenn über solche Fragen im Einzelnen nicht, namentlich in Deutschland, manche Meinungsverschiedenheiten beständen, auch unter den Männern, Die das gleiche Ziel verfolgen. Demgegenüber wünschen wir von Der Unterrichtsverwaltung Die Zusicherung zu bekommen, daß sie auf dem beschrittenen Wege weiter gehen wird. Es ist ja möglich, daß dies oder jenes ohne Schaden anders gemacht werden könnte; aber trenn irgendwo, so gilt hier, daß das Bessere der Feind des Guten ist. Es würde kaum möglich fein. Den schweren Schaden wieder gut zu machen, der entstehen würde, trenn das Verttauen der deutschen Bevölkerung zu der Festigkeit und Stetigkeit der Polenpolitik der Regierung erschüttert würde. (Lebhafte Zustimmung.) Zuletzt ist es doch die Ausdauer und Zähigkeit unseres Volkes, die in diesem nun einmal unerbittlichen und unvermeidlichen Kampf Den Ausschlag geben muß. (Beifall.), Das ist das erste Ziel unserer Interpellation. Ich habe bereits berührt, wie erschwert dieser Kampf in neuester Zeit durch Die Mitwirkung des Auslandes, geworden ist; ich denke dabei namentlich an Oesterreich. Ich enthalte mich jeder Kritik an den Maßnahmen der Regierung dieses uns so befreundeten und nahestehenden Staats. Aber offizielle Erklärungen, wie die des galizischen Landtages, dürfen nicht gleichgiltig aufgenommen werden. Die Wiederholung solcher Extravaganzen kann unter Umständen zu einer ernsten Gefahr für unfern innern Frieden werden. Ich würde mich daher freuen, wenn der Ministerpräsident auch in dieser Beziehung für die Zukunft beruhigende Zusicherungen geben könnte. Endlich wollen wir hoffen, daß uns auch die Zusicherung gegeben werde, daß die Fürsorge für Die Wohlfahrt der östlichen Provinzen fortdauern und sich steigern werde. Zu den Wirkungen der großen Umwälzung, die uns das vorige Jahrhundert, wie ich sagte, gebracht hat. gehört auch eine außerordentlich starke Auswanderung, eine Auswanderung, die sehr viel stärker ist. als sie in den Zeiten der Völkerwanderung war. Diese Auswanderung aus den östlichen Provinzen hat den Deutschen nur Nachtheile gebracht, da sie vom Osten her keinen Nachschub erhielten wie die Polen. Nun bin ich freilich überzeugt, daß dieser Sttom von Osten nach Westen seinen Höhepunkt überschritten hat; es zeigen sich jetzt Symptome einer Umkehr: ich erkenne dankbar an, daß die Regierung seit einer Reihe von Jahren diese Umkehr ihrerseits zu unterstützen bestrebt ist. Auch hier möchten wtt von der Negierung die Zusicherung erhalten, daß diese Fürsorge für den Osten fortbauern und sich steigern toirb. Unsere Zukunft liegt auf Dem Osten, in Der kraftvollen Wiederaufnahme und der energischen Fortsetzung Der uralten deutschen Kulturarbeit im Osten, mit Der toir — davon btn ich überzeugt — auch für das Beste unserer polnischen Mitbürger arbeiten. (Lebhafter Beifall.) Die von den Polen eingebrachte Interpellation begründet Abg. Dr. von Jazdzewsti (Pole): Es ist bekannt, daß die polnische Frattion des Reichstags Dort eine ähnliche Interpellation ein- gcbracht hat, toie hier, und daß am 10. Dezember darüber verhandelt tourbe. Wir wollten bie Regierung ursprünglich barüber inter- pelliren. toie ber gegen bie Polen gerichtete Passus bet Thronrebe mit ben Bestimmungen ber Verfassung unb Den Grunbsätzen ber Gerechtigkeit in Einklang zu bringen ist. (Lachen.) Wir haben aber davon Abstand genommen, toeil inzwischen bie Interpellation Hobrecht eingelaufen war. Viel Neues werben wir nicht borbringen können, unb Neues toirb auch bie Regierung kaum erfahren, nach- bem wir uns alljährlich mit biefem Thema befaßt haben. Wir haben eine Volksschule, eine Volksschule ohne Volkssprache. (Hört! hört! bei ben Polen.) Ist bas nicht ein Unsinn, ist bas nicht ein Widerspruch? Gegen den ausgesprochenen Willen sämmtlicher Seelsorger und der meisten Familienhäupter wird der Religionsunterricht nicht in der Muttersprache ertheilt. Die Religion der Liebe, gelehrt von einem Lehrer mit dem Stock in Der Hand, Der blutige Striemen schlägt, das nennt Die ganze gesittete Welt eine Barbarei. (Unruhe rechts und bei ben National-Liberalen, Beifall bei ben Polen unb im Centtum.) Ich komme nun zu ben Wreschener Vorgängen. Die Bewohner Wrcschens haben Die Regierung gebeten, ihre Verorbnung, ben Religionsunterricht in bcutscher Sprache zu ertheilen. toieber zurückzunehmen, ba Die Kinber ber deutschen Sprache nicht mächtig genug seien. Als dieser Wunsch nicht erfüllt wurde, blieb ben Eltern nichts Anberes übrig, als ihren Kindern zu verbieten, an dem in deutscher Sprache ertheilten Unterricht cheil- zunchmen. Die Eltern fühlten sich verpflichret, der Staatsgewalt in dem Punkte, wo sie nichts zu befehlen har, entgegengutrcEcn, unb mm wurden Die Kmder, Die Dem Befehl ihrer Eltern Folge leisteten, körperlich gezüchtigt. Die weiteren Vorgänge sind bekannt. Es ist auch bekannt, wie hohe Strafen das Gericht über die Angeklagten verhängt hat. Gewöhnlich wird ja die Gerechtigkeit mit verbundenen Augen bargestellt; in diesem Falle hat sie aus Scham, wie cS scheint, das ganze Gesicht bedeckt. (Lebhafte Pfut-Rufe bei den National-Liberalen und rechts) Präsident o. Kröchcr: Diese Bemerkung, die gegen ein Gericht gerichtet ist — anders kann ich sie nicht auffassen — geht zu weit. Ich rufe Sie zur Ordnung. (Beifall rechts und bei Den National- Liberalen.) Abg. Dr. v. Jazdzewski (fortfahrend): Die körperliche Züchtigung ber Schulkinber werde ich bei einer anderen Gelegenheit erörtern; ich bemerke aber jetzt schon, daß in Wreschen die Lehrer das Züchtigungsrecht überschritten haben. Daß der Religionsunterricht in ber Muttersprache zu ertheilen ist, war die Ansicht aller früheren Kultusminister, ich erinnere nur an ben Erlaß bes Ministers Bosse vom 17. März 1894. Der jetzige Minister hingegen übt einen Gc- wissensbrang aus. ber um so verwerflicher ist, als gleichzeitig der Schulzwang besteht. Die Unzufriedenheit wirb dadurch nur noch vermehrt, unb die Unterrichtserfolge werden noch geringer werden, als sie jetzt sind. Nun zu der politischen Seite ber Frage I Polen ist burch Verträge an Preußen gekommen. Bei bem Notenaustausch zwischen Preußen, Oesterreich unb Rußland und in ben Wiener Verträgen ist ben Polen bie Erhaltung ihrer Sitten, Gebräuche, Religion unb Sprache garantirt. Heute barf selbst der Religionsunterricht nicht in der polnischen Sprache ertheilt werden. Da darf man sich über die Unzufriedenheit wirklich nicht wundern. Wer verlangen, baß wir gerecht behandelt werden. (Beifall bei den Polen.) Ministerpräsibent Graf Bülow: Ich bin biefem hohen Hause dankbar, baß es Die beiben Interpellationen zusammeiigelegt und mir dadurch bie Möglichkeit geboten hat mich über ben Gegenstand, welcher den Interpellationen au Grunde liegt, im weiteren Rahmen auszusprechen. Ich darf es bem Kultusminister überlassen. Ihnen über die Vorgänge in Wreschen eingehenbe Aufklärung zu geben. Was ich meinerseits soforr feststellen möchte, ist, tote maßlos ber Wreschener Vorfall nicht nur von ber polnischen Presse, sonbern zu meinem Bedauern auch von bem Abg. v. Jazdzetoski übertrieben unb aufgebauscht ist. (Hort! hört! bei ben National-Liberalen unb rechts, Widerspruch bei Den Polen.) Man hat diesen Vorfall nicht nur zum Gegenstand politischer Demonstrationen in der Presse und in Versammlungen gemacht, sondern man har sogar versucht — glücklicherweise ohne Erfolg — diesen Vorfall auszunutzen, um uns internationale Schwierigkeiten zu bereiten. (Hört! hört!) Nun wird aber ber Kultusminister nachweisen, daß bas Vorgehen unserer Schulverwaltung in Wreschen in keiner Hinsicht etwas Neues war. In den Schulen der Stadt Wreschen sind nur diejenigen Bestimmungen über die Unterrichtssprache bei Ertheilung des Religionsunterrichts zur Anwendung gebracht worden, welche in den gemischtsprachigen Provinzen fett 30 Jahren bestehen, unb von ber ihnen gesetzlich zustehenben Befugniß haben bie Regierungen in Posen und Bromberg einen sehr vorsichtigen unb sehr allmählichen Gebrauch gemacht. Wenn insbesondere bie Negierung in Posen Kinbcr ber katholischen Stadtschule in Wreschen ber Kenntniß ber beutschen Sprache so weit fähig hielt, daß sie bem Unterricht folgen konnten, so bewegte sie sich bei Einführung ber beutschen Unterrichtssprache in ben Religionsunterricht durchaus im Rahmen ber bestehenden Bestimmungen unb hat ihre Zuständigkeit in keiner Weise überschritten. Wenn es trotzdem zu jenen bedauerlichen Vorgängen gekommen ist, die zu Landfriedensbruch und zu Besttafungen einer Anzahl von Leuten geführt haben, so liegt die Schuld nicht an Den Organen ber Regierung, sonbern an einer planmäßigen Agitation (Oho! bei ben Polen), welche darauf abzielte, Kinder gegen Lehrer, die Eltern gegen bie Obrigkeit aufzuhetzen. (Lärm bei ben Polen, „Sehr richtig!" rechts und bei den National-Liberalen). Die preußische Schulverwaltung ist von Grausamkeiten gerade so weit entfernt. wie die deutsche Rechtspflege, und wenn es, was ich tief bedauert habe, in Wreschen Opfer gegeben hat, so waren das Opfer der Agitation jener Leute, Die sich nicht Damit abfinden können, daß bie ehemals polnischen Lanbestheile in Westpreutzen unb Posen un- wiberruflich deutsche Lande geworden sind. (Beifall rechts und bei ben National-Liberalen.) Auch die Lehrer in Wreschen haben sich, wie Die Gerichtsverhandlungen ergeben haben, tm Rahmen bes den Lehrern zustehenben Züchtigungsrechtes gehalten. Trotzbem will ich keinen Anstand nehmen, zu erklären, daß gerabe im vorliegenden Falle, gerade im Religionsunterricht, die Anwendung körperlicher Strafen, auch wenn sie, toie es thatsächlich der Fall toar, in zulässigen und sehr unschuldigen Grenzen geblieben ist (Oho! bei ben Polen), nicht toünschenstocrth erscheint. Es ist Vorsorge getroffen, baß körperliche Züchtigung als Disziplinarsttafmittel im Religionsunterricht nicht mehr zur Antoendung gelangen soll. Die Schul- ccrtoaltung in Posen, die ich vollständig in Schutz nehmen muß gegen die Angriffe, die der Abg. v. Jazdzetoski soeben gegen sie gerichtet hat, unb bereu Haltung höchste Anerkennung berbient, besitzt auch andere Mittel, um renitente Kinder zur Ordnung und zum Gehorsam anzuhalten. Nun hat Der Abg. v. Jazdzetoski behauptet, daß unsere Schulpolitik im Osten im Widerspruch zu ber Verfassung stehe. In Wirklichkeit befinden toir uns durchaus auf verfassungsmäßigem Boden. .Der Artikel 24 Der preußischen Verfassungsurkunde stellt in seinem ersten Absatz Den Leitsatz auf: „Bei Der Errichtung Der öffentlichen Volksschulen sind Die konfessionellen Verhältnisse möglichst zu berücksichtigen," und er spricht im Weiteren von ber Leitung bes religiösen Unterrichts, ben äußeren Angelegenheiten Der Volksschule und von Der Anstellung Der Lehrer. Wenn unsere Schulpolitik also dahin geht, daß Der Religionsunterricht, soweit es das Verständniß Der Kinder polnischer Zunge gestattet, in Deutscher Sprache ertheilt toirb, so liegt Darin keine Verletzung Der Verfassung, Denn Die Verfassung enthält kein Wort über Die Sprache, in welcher Der Unterricht ertheilt toerDen soll, unb Sie haben nicht bas Recht, etwas in bie Verfassung hineinzuttagen unb hineinzu- interpellircn, was nicht barin steht. (Sehr richtig!) Nun toirb weiter von ben Polen behauptet, baß Die preußische Regierung sie Der Muttersprache berauben wolle. Das ist eine völlig unbegrünbete Beschuldigung, welche ich mit ber größten Entschiedenheit zurück- weise. Die preußischen Staatsbürger polnischer Zunge bebienen sich ihrer Muttersprache in ber Familie, bei geselligen Zusammenkünften, im Verkehr unter einanber. (Lachen bei ben Polen.) Kein Mensch hinbert sie Daran, zu reben, toie ihnen bet Schnabel gewachsen ist. (Heiterkeit.) Aber bie Polen sollen auch bie Deutsche Sprache kennen lernen (Zuruf bes Abg. v. Jazbzcwski: Das wollen wir ja selbst), weil sie im Verkehr mit ben Behörden, beim Dienst im Heere, im geschäftlichen Leben Der beutschen Sprache mächtig sein müssen. (Erneuter Zuruf bes Abg. v. Jazbzewski.) Ich habe ben Abg. b. Jazbzewski,, währenb er sprach, nicht ein einziges Mal unterbrochen, unb ich würde ihm sehr dankbar fein, wenn er jetzt auch mich ausreden ließe. (Beifall.) Ich sage, weil bie Polen theil- nehmen sollen an ben beutschen Kultureinrichtungen, barum toirb ber Unterricht in ber Volksschule in bcutscher Sprache ertheilt. Der Religionsunterricht soll nicht ein Mittel ber Germanisirung sein, dazu ist er nach meiner Ansicht nicht bestimmt, dazu ist er nicht Da, Die Bcbeutung Der Ertheilung Des Religionsunterrichts in Deutscher Sprache, wo sie angängig ist. liegt vielmehr Darin, Daß auf Diese Weise Der Schule Der einheitliche Deutsche Charakter gewahrt wirb. Daß toir so nicht gcnöthigt sinb, ben gelammten Unterricht polnischen Lehrern anzuvcrttaucn, bereu Zuverlässigkeit oft zu wünschen übrig läßt. .(Sehr richtig!), Wir werden diese Grundsätze, die mit der Verfassung in Einklang stehen und sich in länger Praxis bewahrt haben, auch fernerhin durchführen ohne Kleinlichkeit, ohne überflüssige Härte, aber auch ohne Zögern und Schwanken. (Beifall.) Insbesondere werden wir es nicht dulden, datz der Ncligionsunter- , richt gemißbraucht wird, um deutsch-katholische Kinder zu polonisiren. (Beifall.) Es ist unsere Pflicht, die deutschen katholischen Minoritäten gegen die Polonisirung zu schützen. (Sehr richtig!) Das ist ein Gebot der Gerechtigkeit und ein Gebot der Staatsraison, dem wir uns nicht entziehen werden. Man sucht auf polnischer Seite, die Begriffe polnisch mit katholisch und deutsch mit protestantisch zu identifiziren. Darin liegt eine Irreführung der öffentlichen Meinung (sehr richtig!), und damit werden der Regierung Tendenzen imvutirt, welche ihr in Wirklichkeit völlig fern liegen. Die Regierung verlangt und kann verlangen, und sie mutz verlangen, daß sich die Geistlichkeit fern halte von der nationalpolnischen Agitation, da sie sich gegen den preußischen Staat und gegen das deutsche Reich richtet, aber die Regierung denkt nicht daran, den Rechten der katholischen Kirche und den Empfindungen der katholischen Staatsbürger im Osten zu nahe zu treten; die Regierung wird diese Rechte und Empfindungen auf das gewissenhafteste respektiren. Nach einseitigen konfessionellen Gesichtspunkten werde ich die Politik des Landes niemals zurechtschneidcn, ich werde ebenso wenig eine protestantisch-konfessionelle und eine katholisch-konfessionelle Politik machen, wie ich eine liberale ober konservative Parteipolitik machen kann. Für mich als Ministerpräsidenten und Reichskar'.zlcr giebt es weder ein katholisches noch ein protestantisches, weder ein liberales noch ein konservatives Preußen oder Deutschland, sondern vor meinen Augen steht nur die einheitliche und untheilbarc nationale Politik. Wenn cs eine Lehre giebt, die für mich resultirt aus der deutschen Geschichte der letzten vier Jahrhunderte, so ist cs die, daß jeder Versuch der einen Konfession, die andere — ich will nicht sogen zu vernichten, das ist unmöglich und ausgeschlossen — aber auch nur zu unterdrücken, nie zu einem praktischen und dauernden Resultat geführt, wohl aber jedes Mal Schaden über das gemeinsame Vaterland gebracht hat. Nach allem Kampf und Streit kam es jedesmal doch darauf hinaus, datz alles ungefähr beim Alten blieb und man sich in einander fügen mußte. Mag sein, daß die Verschiedenheit der Konfessionen Deutschland in seinem inneren Leben nur zum Segen gereicht hat, aber, vom politischen Standpunkt betrachtet, ist die Verschiedenheit der Konfessionen für Deutschland eine Quelle großer Leiden gewesen, und wir missen daher von jedem leitenden deutschen Staatsmcmne verlangen, daß er in konfessionellen Dingen mit vorsichtiger und behutsamer Hand zu Werke gcht. Sich über prizipielle Fragen prinzipiell zu verständigen, ist überall schwierig, und das ist in Deutschland doppelt schwierig aus Gründen, die mit der Stärke und den Schwächen des deutschen Nationalcharakters zusctmmenhängen, ich bin aber überzeugt, datz es möglich ist, weil es möglich sein mutz, bei voller Wahrung der verfassungsmäßigen Rechte des Staates doch ein friedliches Zusammenleben der Staatsbürger unter einander und im Verhältniß zum Staate zu erzielen, wenn nur allseitig festgehalten wird am Geiste der Mäßigung und Billigkeit. (Sehr richtig!) Deutschland kann nur eine Weltmacht werden, wenn ivir keinen Riß aufkommen lassen in dem Gefüge unserer nationalen Geschlossenheit. (Beifall.) Ich versichere Sie als ehrlicher Mann, datz mir jeder Gedanke einer Zurückdrängnng, einer Zurücksetzung, einer Kränkung der katholischen Kirche auch in den ehemals polnischen Landestheilen vollständig fern liegt. Ich stehe auf dem Boden der Gleichberechtigung der Konfessionen und wünsche, daß jedem die Religion erhalten bleibt, in der er sich glücklich fühlte, in nationalen Fragen aber verstehe ich feinen Spaß. Es handelt sich im Osten nicht um die Vertheidigung der katholischen Kirche und des katholischen Glaubens, sondern darum, daß deutsches Nationalgefühl, deutsche Sprache und. deutsche Sitte dorr nicht zu Grunde gerichtet werden, also nicht um konfessionelle sondern um nationale Fragen, und in solchen sollen die Vertreter aller Konfessionen übereinstimmen. '.(Sehr wahr!) Wie liegen denn heute die Verhältnisse in unseren östlichen Provinzen? Früher kam in politischer Hinsicht dort fast nur der polnische Adel in Betracht, er nahm in der Bevölkerung die führende Stellung ein, er leitete die polnische Agitation, das Proletariat in Land und Stadt war ihm gehorsam und nahm keinen Antheil am politischen Leben und den kulturellen Errungenschaften. Diese Situation hat sich in den letzten Jahren vollkommen verändert, dank dem Schutze und dem befruchtenden Segen der deutschen Verwaltung. (Sehr richtig!) Dank ihr ist in den Städten des Ostens ein polnisches Bürgerthum herangewachsen, das jetzt schon im Gegensatz zu dem Adel vordrängt, in einer ähnlichen Weise, wie ein Gegensatz zwischen Tschechen und Alttschechenthum besteht, welches die Füh- rungin national-polnischem Sinne übernommen hat. Polnische Aerzte, polnische Rechtsanwälte, polnische Bauunternehmer, Handwerker und Kaufleute wenden sich gegen die Bestrebungen des Ostmarken-Ver- eins und haben sich unter rücksichtsloser Boykottirung deutscher Gewerbetreibender ihre Stellung geschaffen, durch Agitation, die sie in fanatischer, national-polnischer Weise betreiben. Sie erringen mit großer Zähigkeit sich eine feste gesellschaftliche und wirthschaftliche Stellung in ehemals polnischen Landestheilen und suchen jedes durch die Deutschen verlorene Terrain wiederzugewinnen. Wo im Osten nur Stellen für einen Rechtsanwalt oder Arzt frei werden, die von Deutschen besetzt gewesen sind, suchen sie sich festzusetzen. Wo ein städtisches oder ländliches Grundstück verkauft wird, stellt sich ein polnischer Käufer ein, Hand in Hand damit geht die Thätigkeir der polnischen Ansiedelungsbanken. Trotz der Thätigkeit der deutschen Ansiedelungskommission sind weit mehr Grundstücke aus deutschen Händen in die der Polen übergegangen, als aus polnischen in deutsche Hände. (Hörtl hört!) Gegenüber dieser planmäßigen Agitation, der es nicht an den nöthigen Mitteln fehlt und die die Wiederherstellung des national-polnischen Reiches wiederanstrebt, ist die deutsche Bevölkerung in den östlichen Provinzen in große Schwierigkeiten gerathen, sich in ihrem Besitz zu erhalten. Die Urtheile. die die Leiter unserer deutschen Verwaltungsbehörden darüber abgeben, bestätigen uns leider, daß der Deutsche vielfach in dem wirthschaftlichen und politischen Kampf nachgiebt, das Feld räumt, um sich in einer rein deutschen Gegend eine neue Heirnath zu suchen. Ich habe hier zwei Briefe liegen, von den Oberpräsidenten in Posen und Westpreußen, aus denen ich Ihnen mit Erlaubniß des Präsidenten Einiges vorlesen möchte. Unter dem 4. Januar theilt der Oberpräsident von Posen u. A. Folgendes mit: Die Gesammtbevölkcrung hat sich von 1890 bis 1900 um cirka 7% Prozent vermehrt. Der Zuwachs der polnischen Bevölkerung betrug 10% Prozent, während der der deutschen nur 3% Prozent, und nach Abzug der durch die An- siedelungskon,Mission herangezogenen Bauern sogar nur 1% Prozent war. Dabei hat die Gesammtbevölkerung des preußischen Staates in derselben Zeit um etwas mehr als 15 Prozent zugenommen. Hand in Hand mit diesem überwiegenden Zuwachs der Polen in den preußisch redenden Landestheilen auf Kosten der deutschen Bevölkerung geht auch die Vermehrung des polnischen Besitzes. Der Verlust der Deutschen an Grundbesitz betrug in derselben Zeit 1752 Grundstücke mit einem Flächeninhalt von 159 097 Hektar, also ungefähr 5 Quadratmeilen. In der Stadt Posen ist während der letzten Jahre so viel mehr Grundbesitz von Deutschen auf Polen, als von Polen auf Deutsche übergegangen, daß sich ein Wcrthverlust von 116 000 Mk. herausstellt. Ten Rückgang des deutschen Gewerbes, insbesondere des. Mittelstandes in den Städten, beleuchtet noch besonders der Wechsel der Apotheken. Damals waren 98 Apotheken in deutschen, 27 in polnischen Händen. Jetzt sind nur noch 85 deutsch und 45 polnisch. Aehnlich ungünstig liegen die Verhältnisse für die deutschen Handwerker. Früher überwogen sie mit Ausnahme vielleicht der Schuhmacher in den Städten durchaus. Jetzt mag der deutsche Handwerkerstand ziffernmäßig vielleicht dem "polnischen noch die Waage halten, aber er hat keinen Nachwuchs mehr. Selbst in der Stadt Posen ist das Verhältniß deutscher Meister ungünstig. Die auf die Bohkottirung der deutschen Geschäfte gerichteten Bestrebungen haben sich bon, Jahr zu Jahr verstärkt, und es ist kein Zweifel, daß die polnischen Führer es auf eine Bedrohung und völlige Zurückdrängung des deutschen Gewerbes daselbst abgesehen haben. Der Natur der Sache nach lassen sich hierfür alleroings Zahlcn- bewcffe schwer beibringen. In viel schnmmerer Lage befinden sich noch die kleineren Geschäfte. Tie polnischen werden nach dieser Richtung hin von ihren Landsleuten unterstützt. Am härtesten trifft der Boykott das Baugewerbe. Die deutschen Geschäftsleute werden polnischerseits streng überwacht. Der Oberpräsident von Westpreußen, Herr von Goßler, ein überaus tüchtiger und kenntnißreicher Verwaltungsbeamter, berichtet unter dem 3. d. M. ganz ähnlich über die Ansammlung von deutschem Grundeigenthum in polnischen Händen. Dort ha: der Verlust der Deutschen 1154 Grundstücke und 14 000 Hektar betragen. Zahlreiche polnische landwirthschaftliche Vereine und Korporationen für die wirthschaftlichen Interessen verstärken btc Macht des polnischen Elementes. In den kleinen und mittleren Städten mache sich eine Verdrängung des Mittelstandes auffällig bemerkbar. Auch die polnischen Aerzte und Rechtsanwälte mehrten sich. In Könitz ständen drei polnischen nur noch drei deutsche Aerzte gegenüber. Jede Vakanz werde sofort von den Polen erobert. Selbst in Danzig wachse die Zahl der Aerzte und Anwälte polnischer Herkunft. Ten Polen sei es gletchg:ltig, ob die Deutschen, die sie verdrängen wollten, evangelischer oder katholischer Religion wären, die Deutschen würden durch den Boykot: schließlich zum Verkauf der Geschäfte gezwungen. Die Polen würden auch sonst nicht so stark sein. In den Flugblättern wird davon gesprochen, daß die Deutschen ein Unglück für die polnische Nationalität und den polnischen Glauben seien. — Wie sind also die Verhältnisse in Posen und Westpreußen thatsäch- lich? In steigendem Maße wird das deutsche Volk zu Gunsten der polnischen Nationalität verdrängt. Mehr und mehr schreitet die Polonisirung der Grenzdistrikte vor. Gegenüber dieser Gefahr darf die königliche Regierung die Hand nicht tn den Schoß legen (sehr richtig I). sondern es ist ihre Pflicht, diesem Ansturm der Polen gegen das Deutschthum entgegenzutreten und die deutschen Elemente zu sammeln, zu stärken und widerstandsfähiger zu machen. Man kann es beklagen, daß die östlichen Provinzen der Schauplatz nationaler Kämpfe sind. Nachdem aber diese Kämpfe von den Polen eröffnet und mit steigender Erbitterung (Lachen und Oho! bei den Polen) geführt worden sind, haben wir nur zwei Möglichkeiten, nämlich entweder uns ohne Kampf besiegen zu lassen oder uns energisch unserer Haut zu wehren. (Beifall.) Wir leben nicht in einem Wolkenkukuksheim, wir leben auch nicht im Paradies, sondern wir leben auf dieser harten Erde, wo es heißt, Hammer oder Amboß sein. (Sehr richtig.) Wir können es nicht dulden, daß die Wurzeln unserer deutschen Volkskraft verdorren, daß unser Wetzen von dem Unkraut überwuchert, daß unser deutsches Volksthum von einem fremden Volke überfluthet wird. (Lebhafter Beifall.) Ich halte es nicht nur für eine der wichtigsten Fragen der Politik, wie Herr Hobrecht, sondern für diejenige Frage, von deren Entwickelung die nächste Zukunft unseres Vaterlandes abhängt. (Lebhafte Zustimmung und Unruhe.) Die geschichtliche Entwickelung hat uns in den Besitz jener Landestheile gesetzt, da sind wir und da bleiben wir (Beifall), ob es anderen Leuten angenehm ist oder nicht. (Erneuter Beifall.) Und um dort bleiben zu können, müssen wir die Mittel, die wir besitzen, durchführen (Zurufe), ohne Oscillation, darin bin ich mit dein ersten Herrn Vorredner einverstanden, in ruhiger, stetiger, sicherer Weise, um den preußischen Staatsgedanken in jenen Landestheilen aufrecht zu erhalten, um den unlöslichen Zusammenhang jener in heißem Ringen erworbenen Landestheile mit dem preußischen Staat fest zu behaupten, um die östlichen Provinzen als integrirenbe Bestandtheile unserer preußischen Monarchie für alle Zeiten sicher zu stellen, unb in bem Kampfe, der von ben Polen geführt wird, dafür zu sorgen, daß das deutsche Element gestärkt wird und nicht unterliegt. (Beifall.) In erster Linie werden wir darauf bedacht fein, die bereits dort vorhandenen Deutschen möglichst festzuhalten, ihre wirthschaftliche Leistungsfähigkeit zu stärken, ihren Zuzug zu fördern, ihren Abzug nach Möglichkeit zu verringern. Das Mittel zu diesem Zweck loirb die Fortsetzung einer zielbewußten Siedelungspolitik sein. Die Einsetzung deutscher Saliern in ben Ostmarken soll die Grundlage dieser Siedelungspolitik fein, die Scßhaftmachung deutscher Land- wirthe soll verhindern, daß das Nationalitätenvcrhältniß sich noch mehr zu Ungunsten des Deutschthums verschiebt; die Vermehrung einer planmäßigen Kolonisation soll dem Deutschthum weiteren Eingang verschaffen, an der planmäßigen Beförderung deutscher Ansiedelung in Westpreußen und Posen werden wir unentwegt festhalten, sie in beschleunigtem Tempo fort; setzen unb, sobalb unsere Fonds erschöpft sind, werden wir Ihre Genehmigung für eine Vorlage zur Bewilligung weiterer und noch reichlicherer Mittel erbitten. Wir werden neue Ansiedler schaffen unb die bestehenden in ihrem Besitz- und Nahrungsspielraum stärken, wir werden jede Bestrebung zur Stärkung dcs deutschen Bauernstandes daselbst fördern, die Bildung von Genossenschaften. von Kreditvereinen, die Förderung der Landeskultur, die Hebung des Verkehrs und der Produktion. Voii wesentlicher Bedeutung ist in denjenigen Provinzen naturgemäßer Weise der Großgrundbesitz, die Hebung der Art der Selbstverwaltung. In der Provinz Posen ist etwas über die Hälfte der landwirthschaftlichen Fläche in den Händen des Großgrundbesitzes, in dieser Provinz aber ist der Einfluß des Großgrundbesitzes in wirthschaftlicher und kultureller Beziehung verhältnißmäßig gering. Ter Grund liegt darin, daß der größere Theil des Großgrund- besitzes in Händen von Leuten ist, die außerhalb Posens wohnen. Der Besitz hat seit dem vorigen Jahrhundert sehr stark gewechselt. Wir werden den Großgrundbesitz zu stärken suchen durch Vermehrung des staatlichen Domänenbesitzes und durch die Gründung von Fideikommissen und Majoraten (hört! hört!) und dadurch, daß wir seine wirthschaftliche Leistungsfähigkeit stärken. (Erneuter Beifall.) Damit muß Hand in Hand die staatliche Fürsorge für die Städte des Ostens gehen, damit sie zu einem Mittelpunkt des deutschen Lebens unb der Kultur ausgestaltet werden. Dann muß das deutsche Bürgerthum gekräftigt unb ein tüchtiger deutscher Mittelstand geschaffen werden, der der Polonisirung einen unüber- steiglichen Damm entgegensetzt. (Lebhafter Beifall.) Es lvird sich hier namentlich um Die Hebung und Unterstützung der deutschen Handwerker und Kleingewerbetreibenden handeln, um die Förderung des Fortbildungsschulwesens, um die Schaffung deutscher Vereine als Sammelpunkt der deutschen Bewegung. Von großer Bedeutung wird auch die Belegung der Städte mit deutschen Garnisonen fein, und ich bin in der erfreulichen Lage, mitzutheilen, daß S M. der Kaiser und König durch eine Kabinetsordre vom 2. Januar verfügt hat, daß Wreschen und Schrimm je ein Bataillon Infanterie als Garnison erhalten. Im Großen und Ganzen glaube ich, unseren deutschen Beamten im Osten das Zeugniß ausstellen zu können, daß sie sich durch Pflichttreue, Gewissenhaftigkeit unb Hingabe an die anvertraute Stellung auszeichneten. Aber nach meiner Auffassung — ich nehme keinen Anstand, das hier auszusprechen und aus dieser Auffassung die Konsequenzen zu ziehen — nehmen unsere Beamten in ben östlichen Provinzen eine besonbers ehrenvolle, aber auch besonders verantwortliche Stellung ein, und wir dürfen dort nur solche Beamten dulden, die sich auch dieser Verantwortung immer bewußt sind. (Lebhafter Beifall.) Diese Beamten müssen sich nach meiner Auffassung dort im Osten nicht etwa bloß als Bureaukraten, als Mandarinen aufspielen, fonbern sie sollen da als Menschen unter Menschen leben, sie sollen sich an der Gesellschaft beteiligen und mir den Menschen verkehren, ohne jeden Unterschied des Standes. Ich betrachte eine Anstellung in ben östlichen Provinzen als ehrenvoll für jeben Beamten, als eine Auszeichnung, als eine Anwartschaft auf Beförderung. Wir werden aber nur solche Beamten wählen, die sich ihrer Verantwortung auch bewußt sind, die Erfahrung über Land und Leute gewinnen und dorthin sich auf längere Zeit begeben. (Beifall.) Gerade im Osten müssen wir die Beamten im Hinblick auf die Kontinuität der Verwaltung anstellen. Aber anderseits müssen wir diese Beamten auch entsprechend stellen und sorgen, daß ihnen ihr schwieriger Dienst erleichtert wirb, wir müssen für Dienstwohnung unb Logis sorgen, da es im Osten vielfach gerabe an geeigneten Wohngelegenbeitcn fehlt. Wir werben die Bestrebungen der Beamten unterstützen, im Wege der Genossenschaften sich Wohnungen zu beschaffen, um das Heimathsgefühl, das Gefühl provinzieller Zugehörigkeit zu stärken und sie an die Ostmark zu fesseln. Ich will gern die Hand zur Erreichung dieser Ziele bieten. (Beifall.) Aber auch die kulturelle Hebung unserer östlichen Provinzen ist von allergrößter Bedeutung; sie ist das beste Mittel, um die von uns beklagte Abwanderung aus dem Osten zu verhindern unb deutsche Elemente nach bem Osten zu ziehen. Ein kleiner Anfang ist, wie Sie wissen, gemacht worben, mit der Errichtung des Museums und dem Bau der Kaiser Wilbelm-Bibliothek in Posen. Ich weise ferner hin auf bi" Errichtung einer landwirthschaftlichen Anstalt in Ver- bmdung mit einer Bibliothek in Bromberg. Gerade B.romberg eignet sich vermöge seiner geographischen Lage zwischen den beide« Provinzen Posen unb Westpreußen zur Aufnahme eines solchen Instituts. Auch ist btc Vermehrung der Realanstalten der Provinz Posen in Aussicht genommen. Ich weiß sehr wohl, daß von anderer Seite diese Bestrebungen zur kulturellen Hebung des Deutschthums im Osten verspottet sind, ich halte aber diese Ironie für durchaus ungerechtfertigt. Wohin kein geistiges Leben führt, wo Kunst und Wissenschaft fehlen, da verkümmert der Deutsche. Wo der Deutsche aufblühen soll. Da muß er seine Ideale pflegen Das schließt nicht aus, daß Daneben auch die realen und praktischen Seiten die ernsteste Berücksichtigung finden werden. In einer solchen kulturellen und wirthschaftlichen Hebung des Deutschthums auf allen Gebieten des Lebens, tn der Kräftigung des Deutschthums in den östlichen Provinzen, glaubt Die Regierung den Weg für eine gesunde Ostmarken- volitik zu finden, unb sie wird dies Ziel unentwegt weiter verfolgen. Besonderer gesetzgeberischer Maßnahmen bedarf cs — und Darin stimme ich mit dem Abg. Hobrecht überein — zur Zeit nicht, w o m i t i ch mir jedoch in keiner Weise Die Hände für Die Zukunft binden will. Wir hoffen, mit der zielbewußten Anwendung der bestehenden Gesetze und Verwaltungsvorschriften auskommen zu können. Von großer Bedeutung ist cs natürlich auch, daß uns reichliche finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, und wir hoffen, daß das Haus, wenn wir im Sraatsintcresse weitere Mittel fordern, seine Mitwirkung nicht versagt. (Lebhafte Zustimmung rechts und bei ben National-Liberalen.) Vorläufig ist bie Erhöhung des Disvositionsfonds für Die OberpräsiDenten bis zu einem Gesammtbctrage von einer Million vorgesehen, Dieser Fonbs soll, wie Sie wissen, zur Kräftigung unD Stärkung Des Deutschthums Dienen. Die OberpräsiDenten sinD in Der Verfügung über Diesen Fonds unbeschränkt, sie werden auf Grund ihrer genauen Kenntniß Der lokalen Verhältnisse am besten entscheiden können, welcher Gebrauch mit diesen Fonds zu machen ist. Sollten Die Summen in Der Folge als nicht ausreichend anerkannt werden, so werden wir eine weitere Erhöhung Des DispositionssonDs im nächstjährigen Etat beantragen. Schließlich DcDarf nach meiner Meinung auch bie Frage einer sehr ernsten Erwägung, ob nicht ben Beamten in ben gemischtsprachigen Gegenden eine Gehaltszulage zu gewähren ist. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich möchte, Daß wir Dieser Frage recht balD näher treten. Daß wir, wie Der Vorredner meint, durch unsere Maßnahmen die Grundsätze Der Menschlichkeit, Der Gerechtigkeit und Billigkeit verletzen, heißt Doch Die Thatsachen auf Den Kopf stellen. Die nichtdeutschen Nationalitäten erfreuen sich innerhalb Der preußischen Monarchie aller verfassungsmäßigen Rechte, sie haben ihre Presse, ihr Parlament, ihre Vereine unb sie benutzen in vollstem Umfange Diese Vehikel Des moDernen Verkehrs. Aber es giebt eine Grenze, Die gezogen wird Durch Das Interesse, diesen Provinzen Den Deutschen Charakter zu wahren. Solange Das von Der anderen Seite nicht anerkannt wird, können auch wir nicht die Waffen niederlegen, die uns das Gesetz verleiht. Es ist auch Der Rechtstitel an unseren östlichen Provinzen angezweifelt. Wir haben unsere östlichen Provinzen mit Dem Schwerte erobert auf Den Schlachtfeldern von Möckern, Dennewitz und Waterloo, wir haben sie in harter Arbeit kolonisirt. unb zu ihrer Einverleibung in das preußische Staatsgebiet die völkerrechtliche Sanktion erhalten. Unser Recht an diesen Provinzen ist ebenso geheiligt wie bas anderer Völker an ihrem Besitzstände. Niemand denkt daran, anderen Staaten zuzumuthen, frühere Eroberungen preiszugeben oder aufzugeben ober fremben Nationalitäten zuzu- rnuthen. Daß sic etwas gestatten, was mit Dem Interesse ihrer Staatseinheit im krassesten WiDersprucb steht. Nur uns Deutschen werden manchmal solche Znmuthnngen gestellt; das ist eine gute, alte Gewohnheit anderer. Sie werben unsere Konnivenz verstehen, wenn Sie an bie Demonstrationen zurückdenken. Die hier an der Universität Berlin, in der Hauptstadt des Landes von polnischen Studenten gegen einen deutschen Professor der Geschichte hervorgerufen worden, weil er die Geschichte Der polnischen revolutionären Bewegung in einer Den Herren nicht genehmen Weise vorgetragen hat. Ich möchte einmal wisien. was sich ereignet hätte, wenn diese Demonstrationen in Paris. Oxford, Pavia, oder sagen wir auch in Lemberg oder Krakau geschehen wären, wenn ein englischer, französischer, italienischer ober polnischer Professor die Geschichte seines Volkes von seinem Standpunkt vorgetragen hätte. Es sind sogar geschichtliche That- sachen. auf welche man sich hierbei berufen kann. Würden wir die polittschen Forderungen hinsichtlich Posens und Westpreußens bewilligen, so würde man die Hände nach Schlesien und Ostpreußen ausstrecken. Ich entsinne mich eines kleinen persönlichen Erlebnisses, das mir ein Freund erzählte; er hatte in Zürich eine Unterredung zwischen dem deutschen Dichter Kinkel und dem polnischen Grafen Platen, Der allerdings mehr Dichter als Politiker war. Kinkel machte in dieser Unterredung schließlich eine Konzession nach der anderen, bis er in den schmerzlichen Ruf ausbrach : Aber Königsberg am Pregel. das sollten Sie uns doch wenigstens lassen. (Große Heiterkeit.) Aber das ist lange her. Daß die polnischen Ansprüche seitdem noch geftiegen, kann ich beweisen. (Widerspruch und sehr richttg!) Ich werde mir gestatten, einen Passus vorzulesen aus einem Lemberger Blatt. Der Slbg. v. Jazdzewski möge mich nicht falsch verstehen, idi zweifle nicht an der Loyalität der polnischen Mitglieder dieses Hause?, aber ich mochte Sie dringend bitten, ebensowenig an der Illoyalität bergroßpolnischenAgitation zu zweifeln. In bembetr. Artikel heißt es: .Wir müssen nicht nur mit Preußen, fonbern mit ganz Deutschland, nicht mit einzelnen Parteien, sondern mit Der ganzen deutschen Gesellschaft einen Kampf auf Leben und Tod fübren. Das Lebensinteresse beider Nationen kommt hier in Betracht, wir müssen uns im Nahmen Der deutschen Verfassung, so lange es möglich ist, bewegen. Ohne Königsberg und Danzig könnte das künftige Polenreich nicht bestehen. Von einem Kompromiß in der Sache kann bei uns keine Rede sein. Wir müssen fest und stets daran glauben, daß Polen zur Wiedergewinnung Der Provinzen Posen und Schlesien die nöthigen Schritte thun muß." Diese Maßlosigkeit in Der politischen Bewegung müssen wir mit unbeugsamer Energie bekämpfen, wir müssen Alles thun, was geeignet ist, das Deutschthum im Osten zu stärken. (Beifall.) Ich will nicht schließen, ohne einen Appell zu richten an die Deutsche Bevölkerung in den gemischtsprachigen Gegenden und sie aufzufordern zu Muth und Einigkeit. Als preußischer Ministerpräsident erkläre ich, daß unsere Ostmarkenpolitik die nationalen Gleise nicht verlassen wird. Die ihnen der größte beutfdje Staatsmann, Fürst Bismarck vorgezeichnet hat. (Lebhafter Beifall.) In Wankelmuth und Nachgiebigkeit werden wir nicht verfallen. Wir werden aber die Gefahr im Osten nur Dann abwehren können, wenn Der Deutsche im Osten selbst mit Hand anlegt, wenn er nicht Alles von der Regierung erwartet , sondern an Das Wort denkt: Selbst ist Der Mann. Ms erster Diener Der Krone mahne ich daher die Deutschen im Osten zur Einigkeit. Alle Momente, welche geeignet sind, diese zu zerstören, mag es sich um einseitig wirthschaftliche ober konfessionelle Bestrebungen handeln, sind vorn liebet Es Darf nur eine Parole sein, das ist die nationale. (Lebhafter Beifall ) Es gab eine Zeit, wo man von der Kriegssucht der Deutschen sprach. Wir denken nicht daran, diese feiten zurückzurufen, wir denken nicht daran, unsere Grenzen in irgend einer Weise vorschieben zu wollen. Es giebt fein friedliebenderes Volk als das deutsche, und keins. welches weniger auf Eroberungen ausgeht. Aber das Land, das uns die Vorsehung gewährt hat als Entschädigung für andere Verluste, das Land, dessen wirthschaftliche und kulturelle Ueberwachnng, dessen Wiedergewinnung und Verschmelzung mit dem Deutschthum der schönste Ruhmestttel der preußischen Könige ist, diesen unseren Besitzstand werden wir festhalten und ausbauen mit allen Mitteln, eingedenk des Wortes: Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es. um es zu besitzen! (Stürmischer Beifall rechts und bei ben National-Liberalen.) Minister Studt (schwer verstänblich) verliest zunächst eine Erklärung. wonach bie Schulverwaltung Alles thun wirb, um auch mit ftilfe Der Volksschule Das Deutschthum in den Ostmarken zu stärken. Wir werden auch in Zukunft Diejenigen Grundsätze befolgen. Die oon Der Unterrichtsverwaltung von jeher innegehalten worden sind. Die bisherigeArt des Vorgehens der UnterrichtSverwaltung hat zweifellos zur Hebung der Bevölkerung in Den polnischen Bezirken beigetragen. Die Einführung bet deutschen Sprache in den Reli- zu ihren Gunsten auslegen, iter der Voraussetzung, daß Kriegerverelne unter ruyen. untere atoionicn mujien ivuujiujuiuiuj “ c y ' . <* ; . ~cy m -2-., , ' selbständig werden, dann würden wir auch die hineingesteckten Mittel , 1'4 Herr Szell auf Informationen des deutschen Reichskanzlers ; diese . J y _ . „ m ... m«.........c. . QlortnittFinnrt ift nfior hnn hör OfTfn Q+n " filr itnrirfi+irt ni-f Wieder herausziehen können. Vor Allem mutz für Verkehrswege gesorgt werden; wer unfern Kolonien die Eisenbahnen veralt. versagt ihnen das tägliche Brod. Wenn Eiigland trotz des kost- picligen Krieges die Mombassa-Bahn bauen konnte, werden auch wir unsere Kolonien mit Eisenbahnen ausstatten können. (Bei- Vermuthuna ist aber von der „Nordd. Mg. Zig." für unrichtig erklärt worden. Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Herr v. Szell hat sich über Die erste Berathung des Etats wird fortgesetzt. Abg. Dr. Stockmann (Rp.): Es hieße die Reden des Reichskanzlers und des Kriegsministcrs abschwächen, wenn ich auf die letzten Aeußerungen des Abg. Bebel über die Haltung des deutschen Heeres in Frankreich und China noch etwas erwidern wollte. Das Wort Brodwucher. das man gegen den Zolltarif angcwendet hat. ist nichts als ein S ch l a g w o r t. mit dem man auf urtheilslose Kreise Eindruck machen will. Das ist ja zum Theil auch gelungen, glauben doch schon einige Frauen, daß sie später nicht mit ihrem Haushaltungsgeld auskommen können. (Heiterkeit.) Im Falle Spahn stimme ich mit dem Abg. Bachem nicht überein, kein Protestant wird seinem Buch eine protestatio fidei vorausschicken. Die Katholiken machen es sogar dem streng katholischen Prof Xaver Kraus zum Vorwurf, daß er in seinem Buch über Cavour die Mißwirth- chaft im Kirchenstaat getadelt und ihn einen galvanisirten Leichnam genannt hat. Die Angriffe, die der Abg. Südekum gegen die Kriegervereine gerichtet hat, zeigen nur. daß die Sozialdemokraten Angst vor dem Geist der Kriegervereine haben. Jeder, der es gut mit dem Vaterlande meint, müßte die idealen Bestrebungen der Kriegervereine unterstützen. Unsere Kolonien müssen wirthschastlich die Regierung das nicht zulassen. Selbstverständlich liegt dem Alldeutschen Verband eine solche Agitation durchaus fern. Herr Szell machte bahn aber weiter abfällige Bemerkungen über den Alldeutschen Verband, der bei den maßgebenden deutschen Stellen keinerlei Unterstützung stnde. wie die ungarische Regierung mit voller Bestimmtheit versichern könne. Das sah so aus, als stütze fall rechts.) Abg. Werner (Antis.): Das Vorgehen des General Spitz hat in den Kriegervereinen viel böses Blut gemacht. Auch Herr Balfour hätte besser geschwiegen, anstatt so ungehobelte Redewendungen zu brauchen. Die Engländer sollten uns ooch dankbar sein, denn ohne die preußische Hilfe wäre Wellington bei Waterloo besiegt worden. Erfreulich ist es. daß Graf Bülow anders über die Landlvirtbschaft denkt als Graf Caprivi Die Landwirthschaft, als der schwächste Theil. muß unbedingt geschützt werden. Bairischer Bundesbevollmächtigter Frhr. von Stengel (schwer verständlich)' Der Mg. Richter stellte es so dar. als ob nur die thüringischen Kleinstaaten schwer unter den Matrikularbeiträgen litten. Er sprach auch von der bairischen Ueberschußwirthschast. In Wirklichkeit verhalten sich die Sachen doch ganz anders. Auch Baiern kann- nicht nur so aus dem Vollen schöpfen. Wenn wir die Gelder aus unseren indirekten Steuern — Herr Richter erwähnte besonders unsere Brausteuer — zu Reichszloecken verwenden wollten, würden wichtige Landesbedürfnisse vernachlässigt werden, ober wir müßten au direkten Steuern ober Anleihen schreiten müssen. Die Zuschuß-Anleihe widerspricht keineswegs der Reichsverfassung, auch ist sie nicht ein vollständiges Novum. 1900 haben die Einzelstaaten schon 0 Millionen zugezahlt, für 1901 wird der Bettag noch größer werden, und für 1902 sollen die Einzelstaaten sogar 24 Millionen zuschießen. Wie da Herr Richter sagen kann, das Dichten und Trachten der Einzelstaaten gehe dahin, vom Reiche etwas herauszuschlagen, verstehe ick nicht. Ich kann nur davor warnen, direkte Reichssteuern einzuführen. Gegen diesen Vorschlag werden sich die Einzelstaaten immer wehren, damit ihre Rechte nicht leiden; denn wenn hier erstmal der erste Schritt gemacht ist. werden die Folgen gar nicht zu übersehen sein Den letzten Vorschlag der Regierung zu einer Reichsfinanzreform hat der Reichstag ja abgelehnt. Aber man hätte den „Automaten" nicht einfach abthun sollen. Wo ein Wille gewesen wäre, hätte sich auch ein Weg gefunden. Mg Stöcker (b. k. Fr.). Die Hauptschuld an der Krisis trägt nicht die Wirthschaftsordnung, wie Herr Bebel meint, sondern die Ueberproduttion. Da die Arbeiter am meisten darunter leiden, ist eine reichsgcsetzliche Versicherung gegen Arbeitslosigkeit nothig. Im Falle Spahn kann ich mich nicht auf die Seite des Abg. Sattler stellen. Es handelt sich nicht um eine zwiefache Wissenschaft, sondern höchstens um einen andern Standpunkt zu der Wissenschaft. Der atheistische Standpuntt weicht noch weit mehr ab, aber von dem sprechen die Liberalen natürlich nicht. An der Ernennung Spahns kann kein billig Denkender Anstoß nehmen. Ich glaube, daß Herr Spahn ein Mann ist, der unparteiisch urtheilt und auch das Gute an der evangelischen Entwicklung anerkennt. Nachdem wir einmal Kolonien erworben haben, müssen wir sie auch ausbauen und danach stteben, sie so zur Blüthe zu bringen, daß wir hinsichtlich der Kolo- nialprodukte vom Ausland unabhängig werden. Bedauerlich ist es nur, daß in West-Afrika die Bevölkerung durch den Branntweingenuß vollständig verdorben wird. Der Branntwein ist schlimmer für die Schwarzen als die Sklaverei. Der Reichskanzler hat durch seine scharfe Abweisung der Rede Chamberlains sich den Dank aller Deutschen verdient. Die ganze gebildete Welt verwirft die Politik Englands. Da diese Polttik auch in unsere Interessensphäre eingreift, müssen wir auch dazu Stellung nehmen. Die Leiden, die unsere deutschen Missionare in Ostafrika erduldet haben, sind grenzenlos. Ganz nutzlos sind alle Anlagen der Missionen verwüstet und zerstört worden. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, haben die Engländer mitgenommen und dann die Häuser angezündet. (Hört, hört!) Da sind dann die Schwarzen gekommen und haben das letzte, was noch zu retten war, den Missionaren gerettet. (Hört, hört!) Solche Fälle muthwilliger Zerstörung schreien doch zum Himmel. Eine Intervention wollen auch wir nicht, aber auf solche Thaten müßte doch ein kalter Wasserstrahl erfolgt sein. Wenn wtt in London wenigstens angefragt hätten, ob denn so etwas gestattet fei, wäre England vor aller Welt gebrandmarkt. Unsere Humanität haben 1870/71 auch unsere Feinde anerkannt, unsere Truppen sind christliche, liebreiche Soldaten gewesen. Aber Krieg ist nicht Liebe, ftrieg ist Tod und Verwüstung. Doch zeigen tausend kleiner Züge, wie sehr sich unsere Soldaten damals der leidenden französischen Bevölkerung angenommen haben. Wie kann Herr Bebel die Deutschen von 1870 mit den Chinesen vergleichen, die den Gefangenen die Augen aus- Deutscher Reichstag. 116. Sitzung vorn 13. Januar. 1. Uhr. Das Haus ist sehr schwach besetzt. Am Bundesrathstisch: Graf Posadowsky, von Goß- l e r , von Köller u. A. deutung ihrer Absichten zu Schritten treiben, die besser unterbleiben. Es wird und muß eine Versöhnung zwischen den beiden Nationalitäten eintreten, denn an der Ostgrenze ein unzufriedenes Volk zu haben, kann für uns in Zeiten der Gefahr sehr verhängnißvoll werden. (Beifall bei den Polen und im Centtum.) Minister Studt: Die Ausführungen des Redners über das Recht der Eltern sind dazu angetlian, jede Ordnung und Schul- disziplin zu untergraben. (Unruhe im Centrum.) Abg. Dr. v. Hehdcbrand (kons.): Wir freuen uns über die Rede des Ministerpräsidenten. Es ist lange her, daß wir eine so deutsche Sprache vom Ministertisch gehört haben, und ich kann versichern, daß meine Freunde einstimmig hinter ihm stehen. (Beifall rechts.) Zurück darf die Regierung auf keinen Fall; das wäre das Verkehrteste, was sie thun könnte. Ich danke dem Grafen Bülow zunächst Namens meiner Freunde für die Erklärung, die er im Reichstage anläßlich der polnischen Interpellation abgegeben hat Es geht nicht an, daß preußische Angelegenheiten im Reichstage behandelt werden. Auch der galizische Landtag hätte besser daran ge- than, vor seiner eigenen Thür zu lehren, anstatt deutsche und preußische Verhältnisse zu ttitistten. (Sehr richtigI rechts.) Der Abg. v. Jazdzewski bat mit keinem Wort anerkannt, daß Preußen au4 eine deutsche Mission hat, daß Ordnung und Disziplin im Staate herrschen müssen, er hat lediglich Klagen und nichts als Klagen vorgebracht. Und er durfte auch mit Rücksicht auf die Polen außerhalb dieses Hauses gar nicht anders reden. Bezüglich der Volksschule unterschreibe ich die Ausführungen des Ministerpräsidenten. In Preußen haben wir vorläusig noch die Staatsschule, und so lange die Schule eine staatliche Einrichtung ist, wird und muß sie deutsch bleiben. Das gebe ich allerdings zu. daß der Religionsunterricht kein Gebiet zur Germanisirung ist, aber der Religi onsunterricht kann sehr wohl unter bestimmten Umständen in deutscher Sprache ertheilt werden. Es kommt nur darauf an, daß das norhige Verständniß für die Lehren der Kirche auch in deutscher Sprache bei den Kindern vorhanden ist. Die Strafen, die den Kindern diktirt sind, sind ihnen wegen Ungehorsam diktirt worden; sie waren nothig im Interesse der Aufrechterhaltung der Disziplin. Dahingestellt lasse ich, ob es richttg ist, die Strafen klassenweise zu verhängen und damit die Kinder zu Märtyrern zu machen und der ganzen Sache ein gewisses Relief zu geben, das von anderer Seite .agitatorisch ausgebeutet -vird. So viel über die Jnterpellatton der Polen. Was die national-liberale Interpellation betrifft, so findet Alles, was die Regierung zur Hebung des Deutschthums vorge- Magen hat, durchaus die Billigung meiner Freunde. Aber sie AiHHÄnnterritit geschah nur unter der Voraussetzung, daß die Kinder 5?nüaend deutsch können. und in dieser Voraus, eyung haben toir uns nicht geirrt. Es ist mit der giotzn.- Mäniaung, ja mit dem größten Wohlwollen vorgegangen worden ?stb^^Wrefchener Urtheil ist ausdrücklich Migeitcßt. das das &,ri*t sich überzeugt hat, daß die.Kander vollkommen deniich sprechen konnten. (Hort, hort!) In Posen hatten zuerst. d,e »inder einige Wochen willig am deuftchen Religionsunterricht theil- aenommen; dann kamen einige Weigernnaeu von Kindern «ch QUf einen Befehl des Vikars beriefen. Das Gericht Bat festgestellt, daß dieser Vikar tbatsächlich auf die Weigerung der Kinder maßgebenden Emflub geübt hat. Es is, nickt richtig. d°b mir die Polen „so schnell als möglich germanipren" wollen ; aber toit müssen uns wehren gegen die systematischen Polomsirungs- beftreüungen der polnischen Agitationen. Die,e Agitationen Baben hinter den Coulissen auch die Vorgänge veranlaßt, "zu dem Wreschener Prozeß geführt haben. Auf hi«» Kiicbtianngen der Kinder kann der Ausdruck „Mißhandlung" nicht angewandt werden; in keinem Falle ist das ^Ägungsr-cht Übcrickritten worden. Es sollte nber -,ne theatralische Demonstration hervorgerufen werden und dazu wurde daä Märchen von der Massenzüchtigung erfunden. Dagegen finden wir in den polnischen Blättern kein Wort des Tadels dafür, daß man die Kinder gegen die Lehrer, die Lehrer gegen die vorgesetzten Behörden aufgehetzt hat, daß man der Regierung unlautere Motive unterschiebt u. s. tv. Die Regierung hat nur ihre mrlicht gethan und sieht der Entwickelung mit Ruhe entgegen. Ke Lehrer in Dreschen haben — zur Ehre unseres gejammten LebrerstandeS sei es gesagt — trotz aller Schwierigkeiten ihre Aufgabe vollkommen erfüllt. Die Kinder, die sich andauernd wider- wenstig verhalten, werden die Schule weiter zu besuchen haben, bis sie die nötige sittliche Reife haben. Die Regierung erhebt Widerspruch dagegen, daß man diese Kinder als Helden und Märtyrer hinstellt. Die das thun, mögen £ie Folgen tragen; die Regierung kann sich dadurch nicht von dem als richtig erkannten Dege abbringen lassen. Die Polen berufen sich immer auf frühere Aussprüche preußischer Könige, die sie zu ihren Gunsten ausleaen. Aber diese Aussprüche waren gethan unter der Vorausietzung, daß die Polen sich nicht in der Weise absondern würden, wie es, besonders in den letzten Jahren, geschehen ist. Es geht ein Zug der Unbotmäßigkeit und Verleumdung durch die polnischen Agita- tionen; dagegen müssen wir uns wehren. (Beifall.) Auf Antrag des Abg. von Cynern (nat.-lib.) wird einstimmig die Besprechung der Jiiterpellarion beschlossen Abg. Fritzen (Ctt.): Nach unserer Auffassung haben die Polen biefelben Rechte und Pflichten, wie die anöeren Bürger. Ihre Gebräuche und Muttersprache müssen ihnen gewahrt werden, dagegen haben andererseits die Polen die Pflicht, treue Staatsbürger zu fein und alle Bestrebungen auf Losreihung von Preugen aufzugeben. (Hört! hört!) Wir bedauern, daß in der letzten Zeit mehrfache Exzesse vorgekommen sind und sprechen der Regierung das Recht zu, gegen alle landesverräthcrischcn Umtriebe nut den schärfsten Mitteln anzukämpfen. (Beifall.) Andererseits bedauern wir die maßlose Agitation gewisser deutscher Vereine aufs Tiefste, zumal diese Agitation zuweilen weniger gegen das Deuftch- thum, als gegen den Katholizismus geht. Wir freuen uns, daß der Reichskanzler hierüber beruhigende Versicherungen gegeben hat; aber die unteren Behörden haben nicht immer in diesem Sinne gehandelt. Es wird über die Stärkung des Polenthums geklagt. Diese liegt zum Theil an der stärkeren Bevölkerungszu- .lahme der Polen. Die kann lein deutscher Verein hindern. (Heiterkeit.) Ferner liegt sic an dem Ansiedelungsgesetz. Die Thätigkoit der Ansiedelungskommission hat den Polen Millionen auf Millionen zugeführt. Auch die Schulpolittk der Regierung hat viel zur wirthschaftlichen Stärkung des Polenthums beigctra- gen. Die Deutschen sollten in größerem Umfange die polnische Sprache erlernen, dann können sie besser mit den Polen konkurriren. Das gilt auch von den Beamten, die den Polen näher treten werden, wenn sie polnisch können. Was die national-liberale Interpellation anlangt, so erkläre ich: wir sind nicht absolut abgeneigt, Mittel zu bewilligen zur Hebung deutscher Kultur und Kunst. Ich habe hohe Achtung vor der polnischen Kultur. Aber die deutsche ist umfassender und reicher, und deshalb haben wir nichts dagegen, daß die deutsche Kultur, unter Berücksichtigung der Konfession, auch unter den Polen verbreitet wird. In gewissen Grenzen sind wir damit prinzipiell durchaus einverstanden. Die Erklärung, daß eine Züchtigung in Zukunft sich nicht wiederholen solle, hat uns sehr erfreut. In dieser Erklärung liegt eine Desavouirung der ganzen Wreschener Vorgänge. Ich will auf die Einzelheiten nicht eingehen — sie werden ganz verschieden dar- gestellt —, jedenfalls ist es Thatsache, daß die Schule hier auf einen tobten Punkt gekommen ist. Sie verlangte von den Mildern, daß sie sich dem Befehl ihrer Eltern widersetzen sollten. Denken Sie sich doch, daß Ihren Kindern etwas Achnliches passirte. Sie würden dann auch verlangen, daß die Kinder in erster Linie den Eltern gehorchen sollen. (Widerspruch rechts und bei den National-Liberalen. Beifall im Centrum und bei den Polen.) Daß der Vikar sich so zurückgehalten hat, dafür sollten Sie ihm Dank wissen: er verdient den Tadel nicht, mit dem er überhäuft worden ist. Meines Erachtens hätte der Schulinspcktor den Kindern sofort rathen müssen, daß sie dem Befehl der Eltern folgen sollten. (Zustimmung im Centrum.) Ich erkenne an, daß der Mg. Hobrecht die Frage sehr sachlich behandelt hat, aber ich kann ihm darin nicht beipflichten, wenn er sagt: Niemals einen Schritt zurück! Wenn verkehrte Schritte gethan sind, so ist es am besten, sie wieder rückgängig zu machen. (Sehr richtig! im Centtum.) Unrichttg ist cs, zu behaupten, daß der Erzbischof feine Einwilligung zur Ertheilung des Religionsunterrichts in deutscher Sprache gegeben hat. Das ist nicht der Fall. Und lvas wird mit den ganzen Maßnahmen erreicht? Genau das Gegentheil von dem, was die Regierung erreichen will. Wir können doch nicht unsere polnischen Mitbürger durch Mißdie deutschen polittsirenden Studenten aufgehalten. Warum nicht über die ungarischen, die in den Tingeltangeln politisiren? Die Ungarn brüsten sich mit einem angeblichen Ausspruch unseres Kaisers, daß das Bündniß mit Ungarn für uns um so werthvoller sei, je mehr Ungarn ein einheitlicher Nationalstaat werde. Ich halte es für unmöglich, daß ein deutscher Kaiser in dieser Weise Millionen von Deutschen preisgegeben haben sollte Es giebt keine „ungarische" Nation und keine ungarische Sprache, so wenig tote es Österreichische Sprache giebt. Staatssekretär Frhr von Richthoscu; Die Aerzte haben deshalb keinen Paß bekommen, weil niederländische Aerzte schon vorher ttotz eines Passes zum Kriegsschauplatz nicht zugelassen worden waren; es war vorauszusehen, daß es den deutschen Aerzten ebenso gehen würde. Wtt haben daher dem Alldeutschen Verein ger athen, keine Aerzte zu entsenden. Die Stellung der Militärbevollmächtigten verkennt Herr Hasse; diese sind nicht etwa eine Art Richter über die Kriegführung der betheiligten Mächte Es freut mich, daß Herr Hasse unsere Bemühungen für die Ausgewiesenen anerkannt hat. Wir werden in diesen Bemühungen fortsahren, bitten Sie aber, nicht allen Zeitungsnachrichten zu glauben. Nicht alle Beschwerden sind berechtigt und die Rechtsfrage ist oft sehr verwickelt. Mg. Dr. Hahn (B d L.): Wenn der Präsident Krüger vor einem Jahre empfangen worden wäre, hätte sich im deutschen Volke nicht eine so große Erregung geltend gemacht und eine so nachdrückliche Zurückweisung Chamberlains seitens des Reichskanzlers wäre nicht nothig gewesen. Die Bemerkung des Reichskanzlers über den Dreibund hat im Lande Unbehagen erregt. Hoffentlich geht es bet den nächsten Handelsverträgen nicht wieder so wie in der Aera Caprivi, daß wir um der ausländischen Freundschaft willen uns selbst schädigen. Die neuesten Liebenswürdigkeiten, die man Amerika erweist, dürfen keineswegs uns veranlassen, Amerika günstige Handelsbedingungen zuzubilligen. Wenn wir früher eine andere Wirthschaftspolitik eingeschlagen hätten, würden die Sozialdemokraten nie so angewachsen fein. Die jetzige Krise hat der Bund der Landwirthe lange schon vorausgesagt; unseren Freunden sind dadurch große Verluste erspart worden. Leider ist unsere Warnung an der Regierung spurlos borübergegangen. Denn die Regierung nimmt viel zu viel Rücksicht auf die haute finance. Den Arbeitern kann nur dauernde Arbeit auf dem Lande Vortheil bringen, werHandelsbeziehungen eingeht, die auf die Dauer nicht aufrecht erhalten werden können, versündigt sich an den Arbeitern. Bei der Schaffung neuer Mittel muß man zunächst die Steuerschraube für die Surrogat-Industrie anspannen. Die Gescllschast gleicht einer Insel, deren festester Fels die Landwirthschaft ist, gegen den die Wogen der Sozialdemokratte vergebens branden. Deshalb muß man beim Zolltarif Alles thun, um diesen Fels zu schützen, Abg. Dr. Arendt (Reichsp.). Der Etat zwingt uns zur Sparsamkeit, die wollen meine Freunde auch üben, nur nicht da, wo es sich um die Wehrkraft des Landes und die Wahrung der nationalen Ehre handelt. Die ostafrikanische Bahn muß gebaut werden, die Behauptung des Abg. Richter, daß die ganze Gegend bis Korogwe sumpfig ist, ist unrichtig. Es handelt sich nur um das versumpfte Ufer eines Flusses. Wenn kein Sumpf dort wäre, würde Herr Richter sagen: „Aber wie kann man nur durch eine steppenlose Wüste bauen!" (Heiterkeit.) Die Sozialdemokraten sind jetzt gegen die Schutzzollpolitik. Aber in ihrem Zukunftsstaat kann doch von Freihandel und Handelsverttägen gar nicht die Rede fein, denn da nähern sie sich doch dem Grafen Kanitz, da sie die ganze Produktion und den ganzen Handel verstaatlichen wollen. Ihr ganzes System steht also im diametralen Gegensatz zum Freihandel und zu Handelsverträgen. Auch beim Reichsbankgefetz haben die Sozialdemokraten ihre Prinzipien verleugnet und gegen die Verstaatlichung gestimmt. An dem niedrigen Börsensteuer-Erträgniß ist nur die Krisis, aber nicht bet hohe Stempel schuld. Daß der Schatzsettetär der letzteren Ansicht huldigt, nimmt mich Wunder, das ist eine Verwechslung von propter hoc und post hoc. Die Drohung mit der Obstruktion beim Zolltarif schreckt mich nicht. Die Verantwortung für eine erfolgreiche Obstruktion trägt die Regierung. Sobald diese die Handelsverträge kündigt, ist der Obstruktion Der Boden entzogen. Der Zolltarif ist kein Hungertarif, sondern ein Tarif gegen den Hunger, da er Tausenden Arbeit schaffen soll. Der Schatzsettetär hätte von Bier- und Tabaksteuer gar nicht reden sollen. So unerfreulich die Rede des Schatzsekretärs war, um so erfreulicher war die Red-' des Reichskanzlers gegen Herrn Chamberlain. i (fachen und die leeren Augenhöhlen mit ungelöstem Kalk aitSt füllten In allen Parlamenten der Welt giebt es keinen Mann, der io die -.Tdirung *oor dem eigenen Vaterland herabfetzt, wie es die Sozialdernotraten hier gethan haben. Die Leute sind eben durch die 'o:-.aldemottatische Presse um das Nachdenken gebracht. Bei allem c .cnb in es doch das größte in Deutschland, daß wir hier so eine Partei haben. (Beifall rechts.) Staatssekretär Frhr. von Nichthofen: Der Vorwurf, daß wtt uns unsere deutschen Missionare nicht angenommen haben, ist uns richtig. Wir find andauernd und nicht ohne Erfolg in London vorstellig geworden und haben erreicht, daß eine Anzahl gefangener M'.söcnare wieder in Freiheit gesetzt wurde. Außerdem ist in vielen Fallen Schadenersatz gewährt und den Missionaren ein Schutz zugesagt worden Ein Hinderniß war allerdings vielfach der Umstand, daß viele Missionare ihre deiusche Staatsangehörigkeit aufgegeben oder die der Boeren erworben haben. Abg Hone (nat.-lib): Der Abg. von Liebermann hat den Reichskanzler veranlaßt, eine zweite Rede zu halten, die im Ausland den Glauben erwecken konnte, als sollte dadurch der Eindruck der ersten Rede verwischt werden. Meine alldeutschen Freunde, die der allerschärfsten Tonart huldigen, sind durch die Rede des Reichskanzlers sehr erfreut und bedauern nur, daß sie drei Monate zu spät kam. Ich bin auch sehr erfreut, daß der Reichskanzler anerkannt hat, daß die Protestbewegung berechtigt und nicht gemacht war. Leider hat die offiziöse Presse wochenlang das Gegentheil behauptet. Ich bedauere lebhaft, daß man den Versuch gemacht, den Vh iegerbereinen in die Arme zu fallen Im gegenwärtigen Augenblick halte ich es nicht für richtig, das Verhalten der Engländer in §ödifrika näher zu beicudjtcn. Die Engländer haben alle Puntte des Haager Aolönnnein- '-ht. Die entsetzlichsten Dinge sind uns aus Südafrika gemeldet Inorden. lunnen wir diese Me^H düngen nicht fontrolircn. aber bisher hat sich noch immer gezeigt, daß die englischen Behauptungen unrichtig sind. Bedauerlich ist, daß die anderen Mächie ihre Militärbevollmächtigten abberufen und dadurch sich der Möglichkeit beraubt haben, sich über die Kriegführung der Engländer zu informiren. Das Verhaften der Engländer hat in allen Ländern des Festlandes das Empfinden für Recht und Gerechtigkeit und das monarchische Gefühl erschüttert. Das ist in einem Buche ausführlich dargestellt, das sich betitelt: „Die Sozial- demottatie, die glückliche Erbin des südafrikanischen Krieges." (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Ich habe vor einiger Zeit daS Auswärtige Amt um einen Paß für deutsche Aerzte.gebeten, die wir nach den Konzentrationslagern senden wollten. Das wurde abgelehnt, weil der Paß höchstwahrscheinlich doch nichts nützen würde. Dankbar zu begrüßen ist es, daß endlich den aus Südafrika ausgewiesenen Deutschen eine Entschädigung zugesprochen worden ist. Verschiedene Symptome sprechen glücklicher Weise dafür, daß wtt England gegenüber zurückhaltender geworden sind. Die größte Bedeutung haben in der Rede des Reichskanzlers vom 8. Januar nicht die Ausführungen über Chamberlain, sondern die Charakterisirung des Dreibundes Der Werth, den der Drei- , bunb für die beiden anderen Staaten hat, wird namentlich von den Magyaren nicht genügend gewürdigt. Herr Szell hat im November 1901 so gethan. als sei es eine Gnade, daß ' Ungarn sich bereit finde, dem Dreibund anzugehören Derselbe um ! garische Ministerpräsident ist aber noch weiter gegangen. Er machte ' zunächst als Antwort auf die Rede eines Abgeordneten eine Bemerkung über den Alldeutschen Verband • Falls dieser Verband gegen den ungarischen Staat agitiren wolle, so werde mögen fhun, fraS Sie wollen: wenn die landwirthichaftlichen Er-, wcrbsverhältnisse so bleiben, wie sie sind, wenn nicht wieder Zeiten kommen, wo cs der Landwirthschas: gut geh:, dann w:rd es den Deutschen dort im Oüen nid:: roobl fein. BettaU redits.) Will die Regierung ihr Ziel verfolgen, so werden wir sie gernjimcr-- stützen und dafür sorgen, daß das deutsche Wesen keinen Schaden leidet. IBeiiall rechts, Zischen bei den Polen. > Abg. Stnchcl (Pole) : Erst heute ist es herausgekommen^wes- • halb Sie uns verfolgen. Sie betraditen uns als den. Dorn in Ihrem nationalen Fleisch. Tic Polen werden von Ihnen als Staatsbürger zweiter Klasse vehandelt. trotzdem iie alle ihnen verfassungsmäßig obliegenden Pflichten erfüllen. Der schone Satz: „Muttersvrackc, Mutterlaut, wie so wonnesam, so traut. soll er ertra nur für die deutsche Sprache gelten < — Beim Religionsunterricht handelt cs sich nicht um ein geistloses Einrauken bestimmter Normen, sondern um die Erläuterung ewiger Wahrheiten, für deren Aufnahme Herz und GemütH nur dann fähig fein kann, wenn sie ihm in den vertrauten Klängen der Multersvrache geboten werden. Es herrscht bei uns die feste Uebcrzeugung daß der zum Volke sprechende Heiland selber dieser Auffasiung gewesen ist. Beschworen Sic nicht durch Ihre Maßnahmen eine Zeit der Religionslosigkeit herauf. Die Art, wie in Wreschen die polnischen .Kinder behandelt wurden, ist ogar von einem Theil der deutschen Presse nicht bedingungslos gebilligt worden, ich nenne Ihnen nur die „Nationalzeitung", die „Preußischen Jahrbücher". Der junge Geistliche, der von Ihnen o stark angegriffen wird, weil er die polnischen Kinder nicht zum; Ungehorsam gegen ihre Eltern aufstacheln wollte, muß ich in Schutz nehmen. Dieser Mann hat sich nichts zu Schulden lommen lassen, und es ist eine ungerechte Zumuthung, die Sie ihm stellen. Die Maßnahmen der Regierung gegen uns sind nur geeignet, das Selbst- bewußtsein der Polen zu stärken. Wir Polen vertrauen auf Gott und sonst Niemand, und wir sind jidjcr, daß unsere gerechte Sackie den Sieg davoniragen wird.. (Beifall bei den Polen.) Hierauf v e r t a g t sich das Haus. Nädffte Sitzung: D i e n s t a g 1 Uhr: F o r t s e tz u n g der heutigen Berathung. Schluß 4 y4 Uhr. Die Irage nach erlittenen Strafen. Die Ausführung von Brieux' „Roter Robe" vor dem Oießeuer Theaterverein grebt uns nochmals Veranlassung, die Frage nach erlittenen Strafen vor Gericht M erörtern. Wäre Herr Eugene Brieux ein großer Dichter, Jo hätte er das Unglück gezeigt, wie es rvirklich einzig und allein durch das Gesetz oder seine Ausführung über redliche Personen herausbeschworen wird, über Personen, die keinerlei Verschulden trifft Und an solchen Fällen fehlt es im Leben nicht Der deutsche Gesetzgeber hat ihnen vorzubeugen gesucht; der vernünftige, menschlich empfindende Richter wird sie allenthalben sii verhüten bemüht sein, und die öffentliche Dieinung wird, wenn ein Jurist sich benimmt wie der ehrenwerte Herr Monzon in der „Roten Robe"> ihre Stimme zu erheben wissen, bis sie gehört wird. Sie hat es auch vor ein paar Jahren dem Berliner Landgerichtsdirektor Brausewctter gegenüber gethan, von dem einer seiner Kollegen, ein anderer Landgerichtsdirektor in einer anderen 'preußischen Stadt, sagte, als Br. noch im Amte war: „Der Mann muß sehr krank sein." Aber weil ein Richter das Gesetz mißbraucht, darf noch nicht über das Gesetz oder den Richterstand der Stab gebrochen werden. Es ist ebenso verrehrt, die Nachforschung und Frage nach Vorbestrafungen gänzlich zu verurteilen, wie ohne Not „Schmach und Schande über eine Familie zu bringen, ihr ganzes Leben bis in die geheimsten Falten aufzudecken, Existenzen zu durchwühlen, längst gesühnte und vergessene Verirrungen wieder hervorzuzerren." Es ist eine Wahrheit, die schon von dem römischen Kaiser Hadrian ausgesprochen wurde, daß nicht blos der Eid der Person für die Richtigkeit ihrer Aussage, sondern hie Person für die Wahrheit des Eides bürge. Darum wird es mitunter unerläßlich sein, das Vorleben des An- geschuldigten wie der Zeugen zu erforschen, um einen Maßstab für die Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Unter Umständen kann der Richter nicht umhin, durch solche Fragen festzustellen, ob der Zeuge eidesfähig ist, da die Rechtsbeständigkeit des Verfahrens davon abhängt. § 67 unserer Strafprozeßordnung gebietet nicht, sondern gestattet nur Fragen über Vorbestrafrmgen, und nur dann, wenn sie nötig sind. Es heißt im Gesetz: „Erforderlichenfalls sind dem Zeugen Fragen über solche Umstände, welche seine Glaubwürdigkeit in der vorliegenden Sache betreffen . . . vorzulegen." Ohne hinreichende Veranlassung sollen solche Fragen nicht gestellt toerben. In Uebereinstimmung mit der deutschen Strafprozeßordnung, mir noch bestimmter, schreibt auch die österreichische vor, daß nach vorausgegangenen strafgerichtlichen Untersuchungen und deren Ergebnis nicht gefragt werden soll, wenn es nicht „nach den besonderen Umständen des Falles unumgänglich notwendig ist." Die Kriminalisten sind längst darüber einig, daß entbehrliche Fragen über Vorstrafen unbillig, gefährlich, grausam sind, und tot Interesse des Einzelnen wie der Gesamtheit vermieden werden müssen. Deshalb hieß es schon in der Begründung des Entwurfs der Strafprozeßordnung, zu dem jetzigen § 67: „Es erschien nicht erforderlich, neben der Vorlegung der sogenannten Personalfragen auch diejenige der bisher üblichen Generalfragen unbedingt vorzuschreiben, ha letztere in vielen Fällen überflüssig ist und anderseits ein Zeuge, welcher in der Sache selbst m einem falschen Zeugnis entschlossen ist, schwerlich bei Beantwortung der Generalfragen dasjenige offenbaren wird, was einen Schluß auf seine Unglaubwürdigkeit gestatten würde. Es war daher die Vorlegung von Fragen über Umstände, welche die Glaubwürdigkeit des Zeugen betreffen, insbesondere auch über die von diesem etwa erlittenen kriminellen Strafen, dem Ermessen des Richters überlassen." Das Ermessen des Richters ist nicht mit Willkür gleichbedeutend, es setzt die gewissenhafte Prüfung der Umstände voraus. Ein Richter, der diese Prüfung unterläßt, verletzt die Pflichten seines Berufs- Er thut es, wenn er ohne Not nach den Vorstrafen fragt oder wenn er sie gar, nachdem er sie durch Auszüge aus den Strafregistern oder auf anderem Wege erfahren hat, brutal in die Oeffentlichkeit bringt Aber es muß zugegeben werden, daß sich nicht immer und allenthalben Richter, Staatsanwälte, Verteidiger der Rücksichten ivewußt gewesen sind, die sie Beschuldigten wie Zeugen und deren Famllien schulden. Freilich, wir wissen, daß in vielen Fällen vom Vorsitzenden, sei es aus eigenem Antrieb, sei es auf Ersuchen von beteiligter oder befreundeter Seite, die gefährliche Frage unterlassen wurde und häufig regelmäßig unterlassen wird. Aber wir wissen auch, wie mitunter so wenig Schonung den Zeugen gegenüber waltete, daß die Justizverwaltungen sich genötigt sahen, auf eine besonnene Leitung der Verhandlungen einzuwirken- Am eingehendsten und treffendsten behandelt die Frage nach erlittenen Strafen ein Erlaß des württembergischen Justizministeriums. Dort heißt es: „Vor allem dürste die Frage nach etwa erlittenen Strafen gegenüber unverdächtigen Zeugen in den öffentlichen Verhandlungen zur Vermeidung von schädlichen Folgen für Ansehen und bürgerliches Fortkommen des Zeugen soweit chunlich zu vermeiden fein; von der Feststellung der etwa vorliegenden Bestrafung eines Zeugen wird hierbei namentlich auch dann Umgang genommen werden können, wenn der betreffende Straf- fall nach seiner Beschaffenheit oder in Berücksichtigung der inzwischen abgelaufenen Zeit offenbar nicht geeignet ist, die Glaubwürdigkeit des Zeugen zu beeinträchtigen. Allerdings wird die Frage an den Zeugen, ob er wegen Meineids bestraft sei, im Hinblick auf § 161 des Strafgesetzbuchs, sowie auf § 56 Nr. 2 der Zivilprozeßordnung behufs Fesfftellung der Fähigkeit, als Zeuge eidlich vernommen zu werden, oft nicht zu umgehen sein- Es wird ab^r immerhin im einzelnen Fall zu erwägen sein, ob nicht in Ansehung der amtlichen oder sonstigen Stellung, der bekannten Vergangenheit des Zeugen u- s. f. die Möglichkeit einer Bestrafung desselben wegen Meineids als ausgeschlossen erachtet werden kann- Soweit aber nach den Umständen des Falls die Vorlegung der Frage erforderlich erscheint, wird dieselbe häufig in einer Form erfolgen können, welche die bereits vorläufig bestehende gegenteilige Annahme des Richters ausdrückt und dadurch der Frage ihre verletzende Wirkung benimnrt- Uebrigens wird auch gegenüber den Angeklagten mitunter in der Hauptverhandlung vor dem erkennenden Strafgericht auf die Feststellung von geringfügigen Vorstrafen dann verzichtet werden können, wenn diese Vorstrafen nach der Lage der Sache auf die zu treffende Entscheidung ohne jeden Einfluß sind" Das Gesetz also nötigt nicht zu der Aufdeckung des Geheimnisses, wie sie das Lebensglück der Familie Mchepare zerstört; es wird wohl in Frankreich so wenig dazu nötigen Joie in Deutschland. Die Justizverwaltung will auch keine solche Anwendung des Gesetzes, daß eine arme Yanetta ausrufen kann: '„Was thut da§ Gesetz, um mir meine Kinder wiederzugeben und um all das Leid^ das es nur zugeftgt hak, wieder gut zu machen?" Nicht einen typischen, sondern einen Ausnahmefall behandelt der Dichter. Aber wenn gleichwohl die „Rote Robe" bei manchem Richter, Staatsanwalt, Verteidiger ungeachtet der Unklarheit der Fragestellung und der Folgewidrigkeit ihrer Beantwortung den Eindruck hervorgcrufeu haben soll, daß nicht nur an der pyrenäischen Grenze, sondern desgleichen hier zu Lande mitunter Zeugen und Angeschuldigte höhere Schonung verdienen, als sie finden, so wollen wir Herrn Eugene Brieux Dank wissen- Vermischtes. * Berlin, 12. Jan. Aus Furcht vor demAsses- sorexamen hat sich der Referendar St. heute in seiner Wohnung mit einem Revolverschusse in die Schläfe das Leben genommen. St. war 28 Jahre alt. Vor etwa drei Monaten war er nach Berlin gekommen, um das Assessor-Examen abzulegen. Die theoretische Arbeit hatte er abgeliefert, die erste praktische Aufgaoe aber zurückgegeben, und auch die zweite fürchtete er, nicht bewältigen zu können. Neutra, 13. Jan. In dem hiesigen, der Sparkasse gehörenden großen Getreide-Magazin, in welch em bedeutende Mengen Getreide lagerten, brach Feuer aus. Der Schaden ist bedeutend- * Petersburg, 13. Jan. Beim Brande eines hölzernen Hauses in der letzten Nacht kamen zwölf Menschen um, zwanzig Personen erlitten Brandwunden. * Olm.ütz, 13- Jan. Der kürzlich unter dem Verdacht, an dem Tode seiner Wirtschafterin Schuld zu sein, verhaftete Pfarrer Riml wurde, nachdem sich seine Unschuld herausgestellt hatte, wieder in Freiheit gesetzt Baden (böi Wien), 13. Jan. Der städtische Buchhalter Gustav Wastl hat nach seinem eigenen Geständnis 135 000 Kronen städtische Gelder unterschlagen. Er wurde verhaftet Man befürchtet, daß die Summe weit höher ist. * Ein Skandal im Berliner Metropol-Theater. Die „Berliner Morgenpost" berichtet: Die Ohrfeigenszene aus der Ausstattungsposse: „ne feine Nummer!", die seit Weihnachten das Repertoire des Metropol- Theaters beherrscht, ist anläßlich des Metropol-Theater- balles zur Aufführung gelangt- Die Rolle des Ohrfeigenspenders hatte um die dritte Morgenstunde ein in einer Rangloge sitzender Herr mit dem Mvnocle übernommen. Seine Nachbarschaft bestand aus einer Gesellschaft von Herren, bei denen der Sekt und das Unterhaltungstalent der Sängerin de-Vöre ihrd Wirkung gethan haben mochten. In solchen Situationen entsteht oft aus einem an sich bedeutungslosen Anlaß ein Strett mit unangenehmen Erscheinungen. Dem Herrn mit dem Monocle war aus der Nachbarloge ein bischen Champagner auf den Aermel seines Fracks gespritzt- Er warf darauf ein Schimpfwort in die Nebenloge- Der Herr, dem es galt, war der Rittergutsbesitzer Dr. jur. v. Bleichröder. Es entspann sich ein Wortwechsel mit anschließendem Faustkamps, dem einer der Begleiter des Herrn v- Bleichröder, der Attache Graf Schönborn, dadurch ein Ende zu machen suchte, daß er den Fremden aufforderte, ihm seine Karte zu übergeben. Die Erwiderung war ein Schimpfwort, das auch den Diplomaten aus dem Gleichgewicht brachte. Der Beleidiger bekam von dem Grafen einen Schlag ins Auge, der das Monocle zertrümmerte, und eine Zerreißung )es Augenlides zur Folge hatte. Der Angreifer tobte weiter und schlug um sich, fo daß er noch Verschiedenes abbekam- Im Publikum war man auf die Szene aufmerksam geworden, und als man einen der Ballgäste mit blutüberströmtem Gesicht aus einer Rangloge stürzen äh, wurden die ungeheuerlichsten Vermutungen laut- Es entstand ein Drängen und Stoßen, man rief nach der Polizei- Einen Augenblick lang schien es, als sollte es zu einer allgemeinen Prügelei kommen, und Direktor Schultz mußte durch ein Spalier erhobener Stöcke dem „Ort der Handlung" entgegensteuern. Es gelang ihm nicht, die Gemüter zu beruhigen- Da tauchten Schutzleute auf. Der Verletzte war bald hinausgeschafft Gr begab sich auf die nächste Unfallstation- * Das grausige Experiment eines Arztes. Von einem Londoner Arzt wurde kürzlich anläßlich einer Wette ein geradezu grausiges Experiment unternommen, das beinahe einem Menschen das Leben gekostet hätte. Der Mediziner behauptete, ein kerngesunder, kräftiger und durchaus phantastisch veranlagter Mann könne durch die Macht einer eigenen Einbildung bis an den Rand des Grabes gebracht lüerben. Um dies zu beweisen, ließ man mit Hllfe eines Krahns eine 2 Meter hohe Kristallglocke über einen muskulösen Arbeiter, der sich für 100 Mk. zum Versuchsobjekt hergegeben hatte, niedersinten. Dem Mann war gesagt worden, daß man nur ausprobieren wolle, wie lange ein Mensch in dem dicht geschlossenen Glasgefäß atmen önne, ehe die darin enthaltene Luft gänzlich verbraucht sei. Man versicherte ihm, daißdie Glocke, sobald wirkliche Erstickungsgefahr eintreten sollte, in die Höhe gewunden werden olle. Der in dem transparenten Behälter gefangene Arbeiter hatte keine Ahnung von einer am Glockenhals angebrachten Vorrichtong, mittels derer beim Drücken auf einen kaum sichtbaren Knopf der obere Aufsatz der Glocke ein wenig zur Seite geschoben wurde, sodaß sich ein Hemer Spalt bildete, durch den genügend Luft einzuströmen vermochte. In dem beruhigenden Bewußtsein, daß dem Mann in der Glocke nicht die geringste Gefahr drohe, setzten sich die dem eltsamen Experiment beiwohnenden Herren nieder und beobachteten mit Spannung den Eingeschlossenen. Es dauerte gar nicht lange, da begann dieser bereits unruhig zu werden. Alle weiteren Symptome deuteten darauf hin, daß der Ge- angene mtt Atemnot kämpfte. Plötzlich wurde er ganz wild. Wie ein Raubtier duckte er sich, um dann mit Geberden der Verzweiflung aufzuspringen und seinen schweren Körper gegen die Glaswand fallen zu lassen. Mit geballten Fäusten trommelte er gegen Die Seiten der Glocke, die unter )er Mast seiner Schläge dumpf erdröhnte. Die Bewegungen des Rasenden, dessen Augen aus den Höhlen traten, waren unheimlich mit anzusehen. Wie der Arzt selbst eingestand, hatte er ein solches Resultat seiner Beweisführung nicht erwartet. Man gab zu, daß die Wette glänzend gewonnen war und wollte nun den eben bewußtlos zu Boden stürzenden Insassen der Glocke aus seiner Todesangst erlösen. Wer aber beschreibt das Entsetzen der Llnwesenden, als es sich herausstellt, daß die schon erwähnte Vorrichtung nicht fun^ tioniertc und der Unglückliche sich in der That in einem fast völlig luftleeren Raum befand. Schnell sollte die Glocke hochgehoben werden, doch auch die Maschinerie des Krahns versagte, und es blieb nichts übrig, als die starke Kryställ- wölbung mit einer Eisenstange zu zertrümmern. Erst nach längerer Zeit gelang es, den endlich befreiten Mann wieder ins Leben zurückzurufen . . . Eingesandt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden' Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Dem Eingesandt in Nr. 8 Ihres geschätzten Blattes ist zu erwidern, daß die in der Johannesstraße, zwischen Schwesternhaus und Sparkassengebäude, gefällte schöne alte und sehr lebensfähige Linde, die unteren Räume der Sparkasse gar nicht verdunkeln konnte, da an dieser Seite nur ein Fenster angebracht ist, auch konnte diese Linde eine architektonische Schönheit nicht verdecken, well dieselbe an der betreffenden Sette des Gebäudes nicht vorhanden ist. Dagegen aber verdeckte die gefallene Linde den unschönen Anblick der häßlichen Gebäude im Hintergründe, und wenn über kurz oder lang der Schüler'sche Garten, durch den Bau eines Saalbaues, manche schönen Bäume verlieren wird, so dürfte das jetzige „Grün in Fülle" zum großen Tell verschwinden. Wir müssen dabei bleiben, daß die Fällung der besagten Linde nicht notwendig war. Daß die S^adt verordn n eie n ihre Genehmigung dazu erteift hatten, wußten wir nicht. Gettchtssaal. * Berlin, 13. Jan. Die erneute Verhandlung gegen den Unteroffizier Marten wird bereits in der ersten Hälfte des Februar in Gumbinnen stattfinden. Marten wird kür^ vorher dorthin gebracht werden- Kandel und Verkehr. Volkswirtschaft. Köln, 11. Jan. Die „K. Z." erfährt aus sicherer Quelle, der Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben und der Handelsminister Möller hätten bezüglich des Erwerbs von angebotenen Kohlen- aerechtssamen und Gewerkschaften heute vereinbatt, oap auf Grund des in einer Hinsicht erweiterten Progranuns des Ministers Brefeld nur über folgende Angebote in Unterhandlungen getreten werden sott: 1. betr. die Zeche Waltrop, 2. betr. die sogen. Vohwinkel'schen Berggerechtsame und endlich 3. betr. die im Kreise Recklingshausen gelegene mit 2 nahezu fertiggestellten Doppelschacht-- anlagen versehene Zeche „Vereinigte Gladbeck" nebst einer Reihe daran anstoßender Felder. Durch die Ankäufe, heißt es in dem Artikel weiter, die insgesamt etwa 50 Mill. Mk. kosten würden, würde der Staat 96 Maximalfelder in bester Lage erwerben. Washington, 10. Jan. Nach dem Bericht des Ackerbaubureaus ist der Ertrag des Winter- und Sommerweizens 14,8 Bushels per Acre. Der Durchschnittsstand des neuen Winterweizens wird auf 87,6 geschätzt. Die mit Weizen bebaute Fläche beträgt 32 Mitt. Acres, die mit Roggen bebaute 1250 000 Acres. Spielplan der vereinigten Frankfurter Stadttheater. Opernhaus. Mittwoch, 15. Jan.*) 4. Abonnementkonzert. Donnerstag, 16. Jan. «Der fliegende Holländer". Freitag, 17. Jan. „Die Geisha und der Ritter". Hierauf: „Kesa". Samstag, 18. Jan., nachmittags 3‘/2 Uhr. „Aschenbrödel". Abends 7 Uhr: „Die Geisha und der Ritter". Hierauf: .Mesa." Sonntag, 19. Jan., nachmittags 3'/, Uhr. „Aschenbrödel". Abends 7 Uhr: „Carmen". Montag, 20. Jan. Geschlossen. Schauspielhaus. Mittwoch, 15. Jan.*) „Mamsell Torrrbillon". Donnerstag, 16. Jan., abends 7,8 Uhr. „Hofgunst". Freitag, 17. Jan. ,Mum- vacivagabundus." Samstag, 18. Jan. „Die größte Sünde". Sonntag, 19. Jan. 37, Uhr. „Mamsell Tourbillon". 7 Uhr. „Dio größte Sünde." Montag, 20. Jan. ,Mumpacivagabundus." *) Anfang, wenn nicht anders bemerkt, abends um 7 Uhr. Wöchentliche Ucberficht der Todesfälle in der Stadt Gießen. 53. Woche. Vom 29. bis 31. Dezember 1901. Sterblichkeitsziffer: 8,03, nach Abzug von 2 Ortsfremden 4,07%n. (Einwohnerzahl: airgenommen zu 25 900 (inkl. 1600 Mann Militär), Kinder Es starben an: Krebs Tribeckulose des Gehirns Verunglückung Zusammen: Erwachsene: im vorn 1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr 1 (1) 1 (1) - - 1 — — 1 2 (1) 2 (1) - - Summa: 4 (2) 3 (2) 1 Anm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie uiet der Todesfälle in der betteffenden Krankhett auf von auswärts r rach' Gießen gebrachte Kranke kommen. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Berlin, 14. Jan. Dem Reichstag ging ein Verzeichnis von Pettkionen zum Zolltarif zu: 13 Bitten um Annahme des Doppeltarifs, 22 wollen ihn direkt abgelehnt wissen, 50 andere bringen spezielle Wünsche vor und sprechen sich für die Ablehnung des ganzen Tarifs aus. In ben, einzelnen Tarifnummern liegt eine Unmasse von Petitionen vor, die im einzelnen wiederum von mehreren Ortschaften gemeinsam eingebracht worden sind. Berlin, 14. Jan. Das erste Auftreten Coquelins im Kgl. Schauspielhause mit seiner Truppe, unter ihnen Frau Durant, wurde von dem überfüllten Hause mit großem Bei- all ausgenommen. Frankfurt a- M, 13. Jan. Heute nachmittag kam es wieder zu Straßenkundgebungen Arbeitsloser- In der Hasengasse und Schnurgasse gingen die Schutzleute mit blankem Säbel vor- Mehrfache Verletzungen sollen vorgekommen sein. Es erfolgten auch- mehrfache Sistierungen- Siegburg, 13. Jan. Bei der Reichstags-Ersatzwahl im Wahlkreise Siegburg-Waldbröhl wurde nach amtlicher Feststellung der Kandidat des Zentrums, Amtsrichter Dr. Becker, gewählt. Breslau, 14. Jan. Während des gestrigen Vorstellung im Stadttheater brach infolge Kurzschlusses ein Bühnen brand aus, wobei drei Schauspielerinnen Brandwunden erlitten. Ein weiterer Unglücksfall ist nicht vorgekommen. Danzig, 14. Jan. Zahlmeister Meyer vom 72. Feld-- artillerie-Regiment wurde wegen Unterschlagungen und Urkundenfälschüngen von der Strafkammer zu 22 Monaten Gefängnis und 1000 Mk. Geldstrafe verurteilt. Loudon, 14. Jan. Eine Depesche Kitcheners meldet aus Johannesburg von gestern: Oberst Winth fing einen Brief von Piet Viljoen auf, aus dem hervorgeht, daß der Burenkommandant Oppermann, dem mehrere Kommandos unterstellt waren, im Kampfe mit Oberst Plumer bei Onverwacht gefallen ist. Das Gefecht soll bedeutend gewesen sein.