Nr. 10 Montag, 13. Januar 1903 153. Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Siebener Familienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »Hessische Landwirt" ericheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Witiko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universüätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen. General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 115. Schmig vom 11. Januar. $ Uhr. Das Haus ist sehr schwach beseht. Am Bundesrathstisch: Graf von Bülow, Graf Posa- Vowskh, von Goßlcr u. A. Die erste Lesung des Etats wird fortgesetzt. Abg. Dr. Sattler (nat.-lib.): Ich habe mich gewundert, daß Abg. Oertel sich gegen eine Reform des Börsengesetzes ausgesprochen hat. Es handelt sich dabei doch um die Aufrechterhaltung von Treu und Glauben im Verkehr, und ich meine, der Abg. Oertel müßte einer solchen Vorlage von vornherein mit Sympathie entgegensehen. Es ist stets bedauerlich, wenn unverbindliche Aeuße- rungen hochstehender Beamten des Reichs, die inter pocula oder auch sine poculis gefallen sind, von der Presse oder den Parlamenten eingehend verhandelt werden. Auch Herr Oertel hat sich dessen schuldig gemacht, indem er gestern auf eine Aeußerung Bezug nahm, die ein hoher Reichsbeamter im Speisewagen gemacht haben soll. Ich möchte Herrn Oertel noch eins sagen: wenn er die Absicht hat,„goldene Rücksichtslosigkeit" walten zu lassen bei der Anwendung und Auslegung der Geschäftsordnung zur Bekämpfung der Obstruktion, so scheint es mir taktisch nicht richtig, so etwas lange vorher auszuposaunen. Ich erinnere ihn an die Worte, die der Abg. Auer einmal an seinen Parteifreund Bernstein schrieb: „Lieber Ede, Du bist ein großer Esel; so etwas thut man, aber man sagt es nicht." (Heiterkeit.) Als wir uns am 10. Dezember vorigen Jahres hier über die Poleninterpellation unterhalten hatten, stand der Abg. von Dziem- bowski auf und sagte, er bedaure, durch die Vertagung verhindert zu sein, meine vollständig unrichtigen Ausführungen zu widerlegen. Durch die Preffe ging dann die Mittheilung, die galizisch-polnische Fraktion habe an unfern Kollegen, den Fürsten Radziwill, ein Jnformationsschreiben gerichtet, in dem meine Mittheilungen über die galizische Verwaltung als vollständig nichtig dargethan würden. Nun hat Herr von Tziembowski gestern ein kleines Privatkollcg über die Befugnisse und Pflichten des Präsidenten gehalten. Ich maße mir ein Urtheil hierüber nicht an: so weit kann ich mich in meiner untergeordneten Stellung als' einfacher Abgeordneter in die Nolle eines Präsidenten des deutschen Reichstages nicht hineindenken. Nachdem Herr von Dziembowski uns diese Belehrung hatte zu Theil werden lassen, hat er aber vergessen, die angekündigte niederschmetternde Widerlegung vorzubringcn. Ich sehe darin den erfreulichen Beweis, daß die Herren sich davon überzeugt haben, daß meine Behauptungen nicht zu widerlegen sind. Ich hatte mich natürlich für alle Fälle mit Material gerüstet und gestern einen ganzen Haufen vor mir liegen, sehe mich aber jetzt genöthigt. dies Material nach dem preußischen Abgeordnetenhause zu tragen, wo ja am Montag über die Polcirfrage verhandelt werden Wirtz. Dagegen hat mir Herr von Dziembowski vorgeworfen, daß ich mich in die inneren Verhältnisse fremder Staaten gemischt habe, und er hat meine Beurtheilung der galizischen Verwaltung auf eine Stufe gestellt mit der vom Fürsten Czartoriski beantragten Erklärung des galizischen Landtags. Er hat gemeint, gegen meine Rede hätte die Regierung ebenso Stellung nehmen müssen wie gegen die Resolutton des galizischen Landtages. Nun kann ich dem Kollegen ja nur dankbar dafür sein, daß er meinen einfachen Darlegungen dasselbe Gewicht beilegt wie einer offiziellen Erklärung des galizischen Landtags; ich mache ihn aber darauf aufmerksam, daß es doch ein großer Unterschied ist, ob ein einzelner Abgeordneter sich mit den Verhältnissen eines fremden Staats beschäftigt oder ein ganzer Landtag dazu offiziell, Stellung nimmt. Leider hat gestern ein Kollege über die Armee eines fremden Staats sich in einer Weise geäußert, die meiner Auffassung nicht einmal gesellschaftlich als erträglich bezeichnet werden kann (Sehr richtigI); aber es ist doch noch etwas ganz Anderes, wenn der galizische Landtag eine so unerhört scharfe Kritik an den Maßnahmen der preußischen Regierung übt. Ich glaube deshalb auch nicht, daß ein fremder Staat Veranlassung nehmen wird, gegen die gestrigen, schon vom Reichskanzler zurück- gewiesenen Aeußerungen des Herrn von Liebermann Stellung zu nehmen, während die offiziöse Erklärung gegen die galizische Resolution durchaus angebracht war. Uebrigeus: Kann es uns Jemand verdenken, daß wir, nach alledem, was vssrgekommen ist, uns nun auch einmal mit den Galiziern beschäftigen? Nachdem die galizischen Abgeordneten im Neichsrath die heftigsten Angriffe gegen die preußische Negierung gerichtet haben, soll ein deutscher Abgeordneter nicht berechtigt sein, einmal klarzulegen, wie es in Galizien aussiehr? Wie hoch die Siedehitze in den Köpfen der Herren Galizier bereits ist. das beweist mir ein eingeschriebener Brief,' den ich nach meiner Rede am 10. Dezember erhalten habe, und worin mir der Sohn eines galizischen Parteiführers, ohne den Beweis dafür zu erbringen, den Vorwurf der Unwahrheit macht. Am Schluß heißt es: „Möge es wenigstens unseren Kindern vergönnt sein, zu erleben, daß einst von den Reden des Herrn Dr. Sattler in einer Weise gesprochen wird, wie man heutzutage nur über Torquemada und Attila spricht. (Ge- lächter.)' Zu meinem Bedauern bin ich nicht in der Lage, mein Urtheil über die polnische Nation einzuschränken, wenigstens nicht über den Theil. der nicht unter preußischer Zucht steht. Dieser Brief ist nichts weiter als eine ganz gewöhnliche Anrempelei. Auch sachlich hat der Abg. v. Dziembowski in seinen gestrigen Ausführungen durchaus Unrecht; man bedenke nur welchen wirthschaftlichen Aufschwung das polnische Element in Westpreußen und Posen im Gegensatz zu andern Theilen Deutschlands genommen hat! Ja, selbst die von'den Polen so außerordentlich heftig bekämpfte Thätigkeit der Arffied- lungskommission hat die Polen wirthschaftlich gehoben. Ebenso unrichtig ist die Behauptung des Abg. von Dziembowski, daß Post, Justiz und Universitäten gegen die Polen ausgenutzt würden. Den Beweis dafür ist er schuldig geblieben. Was speziell die Universitäten 6ctrifft, so war cs durchaus angebracht, gegen den Radau einzuschreiten, den die polnischen Studenten in den Vorlesungen machen wollten. (Sehr gut!) Nach diesem Spahn, den ich mit Den Polen hatte, will ich mich mit einem andern Spahn beschäftigen. (Heiterkett.) Der Fall Spahn hat einen Verlauf genommen, daß nach meiner Ueber- zeugung weder der alte noch Der junge Herr Spahn, weder Herr Althoff, noch Der Vertreter Der elsaß-lothringischen Regierung, und ebensowenig das Centtpm eine reine Freude daran gehabt haben. Ich glaube, sie alle sind mit dem Verlauf der Sache nicht einverstanden. Ich meine sogar, daß Professor Michaelis seiner eigenen Absicht einen schlechten Dienst erwiesen hat, als er mit dieser Sache eine andere verbunden hat. Soweit es einen Fall Althoff giebt, gehört er zu den Angelegenheiten der preußischen Verwaltung und deshalb nicht hierher, aber hierher gehört Die Thatsache, Daß ein katholischer Geschichtsprofessor, an die Universität Straßburg berufen worden ist. Diese Thatsache hat in den Kreisen unserer Professoren und Akademiker, überhaupt in den Kreisen des gebildeten Deutschlands eine so große Bewegung und Auftegung Herborgerufen (Widerspruch im Zentrum), daß ich glaube, man würde es nicht verstehen, wenn die deutsche Volksvertretung die Etcttsberathung vorübergehen ließe, ohne in eine Besprechung dieses Falles einzu- treten. Nun stehe ich allerdings auf dem Standpunkte, daß jeder katholische Mann von patriotischer Gesinnung ganz in derselben Weise berechtigt ist, alle Stellungen im Staate einzunehmen, wie ein evangelischer, es wäre also auch nichts dagegen einzuwenden, wenn man Herrn Spahn, vorausgesetzt, daß seine Tüchtigkeit, Deren Vorhandensein ich ja annehme, aber nicht beurteilen kann, ihn dazu befähigte, zum Geschichtsprofessor berufen hätte, — dasjenige, was das Aufsehen erregt hat, ist vielmehr die Thatsache, daß man Herrn Spahn in seiner Eigenschaft als Katholik berufen und damit gewissermaßen zum Ausdruck gebracht hat, daß Der eine Der beiden Straßburger Geschichtsprofessoren Katholik, der andere aber Protestant sein soll, daß man eine protestantische und eine katholische Geschichtswissenschaft schaffen wolle. Nach unserer Anschauung giebt es weder eine katholische noch eine protestantische Geschichtswissenschaft, sondern nur eine Geschichtswissenschaft, und das ist die her Wahrheit. Wir halten jeden Schritt auf der Bahn, Die Deutschen immer weiter auseinanderzureißen nach ihrer Konfession für äußerst bedenklich, und wir haben darum auch von jeher das Streben des Centrums, die Katholiken in gesonderten Organisationen zu vereinigen, von jeher bekämpft. Daß dieses Streben sich auch auf den Universitäten bemerkbar macht, das beweist ja das Bestehen besonderer katholischer Verbindungen, haben wir doch sogar von einem Vorschläge gelesen, daß eigene katholische Korps errichtet werden mögen. Wir sind aber auch der Meinung, daß mit der Errichtung besonderer konfessioneller geschichtlicher Lehrstühle dem kirchlichen Einfluß auf die staatlicherseits gegründeten und verwalteten Universitäten Thür und Thor geöffnet wird. Die Professoren werden sich dann selbst sehr leicht in den Jrrthum hineinlullen, sie dürsten nur das lehren, was die Kirche gut heißt, es liegt die Gefahr vor, daß sie nur kirchlich abgestempelte Geschichte lehren werben. Das ist ja auch nicht ohne Vorgang. Schon im Jahre 1874 hat ein katholischer Professor in Der Vorrede zu einem Geschichtswerke bemerkt, er bitte, falls fein Buch etwas enthalten sollte, das gegen die Glaubens- oder Sittenlehre der katholischen Mutterkirche verstoße, dieses als nicht geschrieben und widerrufen anzusehen. Derartiges können wir nicht billigen, Denn wir wollen nur eine solche Geschichtsforschung haben. Die Der Wahrheit Dient. Ich kann in Uebereinstimmung mit meinen Freunden Die Regierung nur warnen, auf Dem betretenen Wege fortzufahrest unb muß ihr immer unD immer wieDer ins Gewissen rufen, Daß Die Professoren Der Geschichte nur Dazu berufen sinD, nach ihrer Ueberzeugung allein Das vorzutragen. was sie selber als richtig erkcmnt haben. Das war Der eigentliche Grund, weshalb ich mich zum Worte gcmelDet habe, ich möchte aber. Da ich es einmal habe, noch auf einige andere Gebiete hinübergreifen. Ich möchte Sie daran erinnern, daß die Ueberschüsse der Post mit 35 Millionen nur Dem UmsianDe zuzuschreiben sind. Daß sie ohne Entgelt Die Eisenbahnen ausnutzen. Die preußische Eisenbahnverwaltung rechnet für sich in Folge dieser Thatsache allein einen Ausfall von 28 Millionen heraus, nehmen wir noch Die Ausfälle Der übrigen deutschen Bahnverwaltungen hinzu, so ergiebt es sich, daß Die Post mindestens einen Ueberschuß von 40 Millionen bringen muß, wenn sie sich auch nur selbst bezahlt machen will. Wir müssen also verlangen, daß sie mindestens so viel herauswirthschaftet. Wenig gefallen hat es mir, wie sehr man bei der Aufstellung dieses Etats überall zusammengekratzt hat, wo man einen Poften finden konnte, der nur irgend zur Verminderung des Defizits beitrug. Alles hat man zusammengekratzt, sogar den Münzgewinn, den man bisher niemals zu laufenden Ausgaben benutzt, sondern zu Abschreibungen auf Anleihen verwandt hat. Wo sind die leges Lieber geblieben? Schon im vorigen Jahre sind sie nicht in Erscheinung getreten, und in diesem Jahre auch nicht. Ich glaube aber nicht, daß es mit unserer Finanzwirthschaft so weiter gehen darf, es muß eine umfassende gesetzliche Schuldentilgungspflicht eingeführt werden. Beim Schuldentilgen Darf man sich nicht nur dann und wann mit einer Erttatour begnügen. Auch Herr von Miguel Hal es immer betont, daß man ohne eine gesetzliche Schuldentilgung niemals zu einer normalen Finanzwirthschaft kommen könne. Ich kann mich meinem Freunde Basfermann nur völlig Darin anschließen, daß Die Stellung des Reichsschatzsekretärs durchaus eine selbständigere und gefestigtere werden muß. Dieselbe mutz so gestärkt werden, daß er unter Umständen selbst der Militär- und Marineverwaltung entgegentreten kann. Ebenso stimme ich mit Herrn Basfermann darin überein, daß der Staatssekretär in einem Augenblick, wo uns Der Zolltarif borgelegt wird, von dem man noch gar nicht weiß, welche Summen er einbringen wird. Den Ruf nach neuen Steuern nichr hätte laut werden lassen sollen. In einem solchen Augenblicke werden Sie von dem Reichstage niemals neue Steuern bewilligt erhalten. Ich bedaure diesen Ruf um so mehr, als Die Interessen schon in Folge Der Einbringung des Zolltarifs stark genug durcheinander kochen. Der Reichskanzler hat die geftrige Rede meines Freundes Basfermann in einem Punkte mißverstanden. Er hat nicht verlangt, daß die offiziöse Presse das Leitmottv für die übrige Presse angeben soll, eines solchen Leitmotivs bedarf wenigstens unsere Presse durchaus nicht, sondern er hat lediglich betont, daß durch eine frühzeitige öffentliche Stellungnahme der Negierung zu den Erklärungen des Herrn Chamberlain einer weiteren Verschärfung der Erregung im Lande hätte vorgebeugt werden können. Dem Abg. Oertel möchte ich nur in der Auffassung entgcgeittrcten, daß es nicht Aufgabe Der Regierung fein könne, eine führende Stellung im Kampfe der Meinungen einzunehmen. Was würde wohl Fürst Bismarck gesagt haben, wenn man ihn in einem solchen Kampfe auf ein ruhiges Abwarten verwiesen haben würde. Das muthen wir der Regierung nicht zu. was wir aber verlangen, das deckt sich mit den Ausführungen des Abg. Bassermann. daß wir hinsichtlich des Zolltarifs, wenn wir zu einer mittleren Ausgleichslinie gelangen wollen, möglichst bald eine klare und unzweideutige Erklärung Der Regierung über ihre Ziele erhalten müssen. (Beifall.) Staatssekretär für Elsaß-Lothringen von Köller: Ich bin dem Abg. Sattler dankbar dafür, daß er den Fall Spahn besprochen hat, und zwar aus zwei Gründen; einmal, weil er mich dadurch in Die Lage versetzt hat, vor aller Welt offen und klar auszufprechen. wie Der Fall Spahn entstanden ist und wie er sich entwickelt hat, und zweitens bin ich ihm deshalb dankbar, weil ich die Hoffnung höbe, daß es mir gelingen wird, seine Bedenken zu zerstreuen. Herr Dr. Sattler begann damit, daß in den Kreisen des gebildeten Deutschlands große Erregung über den Fall Spahn herrsche. Einmal glaube ich. ist die Erregung doch nicht so groß gewesen, wie es nach den reichlichen Preßerzeugnissen scheinen könnte, und zwei-' tens glaube ich, giebt es doch eine ganze Reihe gebildeter Leute in Deutschland, Die über Die Angelegenheit nicht erregt waren. (Sehr wahr! im Centtum.) Es werde, so meint der Vorredner, Der Schein erweckt, als gebe es eine katholische und eine protestantische Wissenschaft. Dieser Satz, um den sich fa der ganze Kampf gedreht hat, ist eine Uebertreibung, und ebensowenig kann von einem Aus- einanderreißen der Konfessionen die Diebe sein. Trauen Sie der Regierung, überlegt ober unüberlegt, Schritte zu. Die dazu führen könnten, Deutschland nach Konfessionen auseinanderzureißen? Da können Sie ganz beruhigt feinl Das wird Die reichsländische Regierung niemals thun. Lasien Sie mich auf Den Verlauf der Angelegenhei von Anfang an eingehen l Schon bei Begründung Der Universität Straßburg herrschte die Absicht, neben der evangelisch-theologischen Fakultät eine katholisch-theologische zu begründen, wie das in Bayern, Baden und Preußen auf vielen Universitäten der Fall ist. Diesem Projette stellten sich Anfangs der 70er Jahre absolut unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen, auf die einzugehen heute keinen Zweck hat. Kurz, es kam nicht dazu, gleich eine katholisch-theologische Fakultät zu schaffen. Bis 1894 ruhte die Frage; sie wurde hier oder da wohl mal angeschnitten, aber diese Versuche führten zu keinem Resultat. 1894 erschien in der Presse ein sogenannter offener Brief, der die Frage wieder aufwarf und der Dem Abg. Winterer Veranlassung gab, im Landesausschuß von Elsaß-Lothringen für eine paritätische Besetzung der Lehrstühle an der Universität Straßburg einzutreten. 1896 rührte ein anderer Abgeordneter von neuem die Frage auf, er sprach von einer einseitigen Besetzung und von einem gewissen Mißtrauen im Lande, weil man die katholischen Professoren hinter die protestantischen zurückstelle. Es wurde damals von dem Abgeordneten Der Wunsch ausgesprochen, in Sonderheit für Geschichte und Philosophie doch einmal auch einen katholischen Professor zu berufen. Diese Wünsche wurden auch von nichtkatholischen Mitgliedern des Landesausschusses aufs Wärmste empfohlen. 1897, 1898 und 1899 wurde in den Verhandlungen des Landesausschusses wiederholt hervorgehoben, daß die Zahl der katholischen Studirenden in stetem Wachsen begriffen sei. Dagegen die Ernennung katholischer Professoren gar nicht oder doch nur in verschwindender Zahl erfolge. Diese Ausführungen im Landesausschutz haben im Jahre 1894, wie erwähnt, Unterstützung auch bei nichtkatholischen Mitgliedern gefunden, in den anderen Jahren jedenfalls keinen Widerspruch. Daß die Mitglieder des Bundesausschusses nicht mit thatsächlichen Anträgen vorgingen, etwa im Etat eine Summe einzustellen, um neben der Professur so und so noch eine gleichartige Professur für einen katholischen Professor zu schäften, hat darin seinen Grund, daß observanzrnätzig niemals ein Abgeordneter ttn Landesausschuß An- träge auf Einstellung von Summen in den Etat einbringt. So lag die Sache, als Ende des Sommersemesters 1901 Professor Varren- trapp, der einen Lehrstuhl für Geschichte inne hatte, aus seinem Amte schied. Nunmehr glaubte die Regierung den Moment gekommen, wo sie ernstlich erwägen sollte, ob die Forderung des Lan- desausschuffes berechtigt sei. Das Verhältniß war so, daß in Straßburg etwa zwei Drittel protestanttsche und ein Drittel evangelische Studirende waren. Ordentliche und außerordentliche Professoren hatten wir dort 72, und zwar 4 katholische (Hört! Hört! im Centrum), 61 protestantische (Hört! Hört im Centrum), 6 Jsraeltten. Abg. Werner ruft: Hört! — (Heiterkeit) und einen andern!) Die Forderung, ebensoviel katholische Profesioren anzustellen, wie cs dem Verhältniß der katholischen zu den evangelischen Studirenden entspricht. würde ich niemals als berechttgt anerkennen, aber die Thatsache, daß von 72 Professoren nur 4 katholisch waren, legte der Regierung die Erwägung nahe, ob nicht doch das katholische Element bei der Besetzung der Lehrstühle mehr berücksichttgt werden müßte, und ob sie nicht die ohne Widerspruch vorgebrachten Wünsche des Landesausschufses berücksichtigen und Die Vakanz benutzen solle, auch mal einen katholischen Professor zu berufen. Es wird gesagt, wäre nur ein katholischer Professor berufen, so wäre nichts dabei, aber daß neben dem evangelischen ein katholischer berufen ist, daraus macht man der Regierung einen Vorwurf. Wir halten es angesichts der wachsenden Zahl der Studirenden für angebracht, zwei Professoren zu berufen. Dabei muß man in Bettacht ziehen, daß in Bonn von 79 Professoren 22 katholisch sind, in Halle 8, und weiter erinnere ich an Breslau, wo 1896 die philosophische Fakultät, die aus 25 evangelischen und 9 katholischen Mitglieder bestand, einstimmig Den Beschluß faßte, das katholische Ordinariat bestehen zu lassen. Die zweite Frage, die wir zu prüfen hatten, ist die: ist die kaiserliche Regierung befugt, das zu thun? Und da komme ich auf eine Frage, die viel Staub aufgewirbelt hat. Es ist vielfach behauptet worden, daß die Fakultctt der Straßburger Universitctt ein Vorschlagsrecht oder gar das Recht der Besetzung der Lehrstühle habe. Sie finden darüber im Staut der Sttaßburger Universität folgenden § 39: «Die ordentlichen und Honorarprofessoren werden durch Uns, die außerordentlichen werden vom Reichskanzler — jetzt vom Statthalter — berufen. Die Aufnahme der Privatdozenten erfolgt durch die Fakultäten nach Maßgabe der näheren Bestimmungen." Hieraus folgt, daß die Fakultät gar kein Recht hat. darüber gehört zu werden, wen Sr. Maj. oder wen der Cratt- halter zum Professor beruft. (Hört, hört! im Centtum.) Selbstredend hat die Regierung beinahe in allen Fällen das Votum der Fakultät angehört. Es wäre ja auch unverständig, wenn sie nicht die Personen fragen wollte, die doch am ersten berufen sind, bei solchen Angelegenheiten ein Urtheil abzugeben. Aber ein Recht auf Gehör hat die Fakultät nicht. Die Zahl der Oozentt-: an her Universität ist auch keine geschlossene; die Universität hätte fein Widerspruchsrecht gehabt, auch wenn wir zwanzig Professoren geschickt hätten, falls uns nur der Landesausschuß die Mittel bewilligt. Das einzige Recht, das die Fakultät hat, ist die Aufnahme der Privatdozenten. Hieraus ergiebt sich, daß die Negierung vollauf befugt war, die Lehrstühle der Geschichte um einen zu vermehren und den einen der Lehrstühle mit einem Manne zu besetzen, der von der Fakultät nicht vorgeschlagen war. Die Regierung glaubt in richtiger Würdigung der Verhältnisse irn Reichslande mit ihrer Entscheidung voll und ganz das Nichttge getroffen zu haben und sie hat zu Den beiden neuen Professoren der Geschichte volles Vertrauen. Sie werden mir zugeben, daß die durch Die Preffe künstlich hervorgerufene Erregung ungeredjtfertigt war. Herr Sattler sagte, die Professoren sollten nur das bortragen, was sie als wahr ;ilannt haben (Sehr richtig!) und wir haben das Vertrauen zu den beiden Professoren, daß sie in der That nur das bortragen werden, was sie als wahr erkannt haben. Ich hoffe, daß die ungerechtfertigte Auftegung im Lande über den fogenannten Fall Spahn hiermit befestigt ist. (Beifall im Centtum.) Abg. Dr. Bachem (Centt.): Ich hätte lieber erst noch einen elsässischen Abgeordneten gesprochen; Da aber bon Diesen seit Weihnachten keiner anwesenD ist (hört, hört!), spreche ich jetzt schon. Ich werde mich nicht auf den Fall Spahn beschränken, sondern die ganzen Verhältnisse Der Sttaßburger Universität erörtern. Es kommt hier nicht auf die Person Spahns an: Der Fall hat eine prinzipielle Bedeutung, die anscheinend an sehr hohen Stellen gewürdigt wird. Wenn in Straßburg ein jüdischer und ein protestantischer Geschichtsprofeffor ernannt worden wäre, hätte sich Herr Sattler nicht aufgeregt; warum auf einmal jetzt? Die Feststellung der Thatsachen hängt allerdings nicht bon der Konfession Der Historiker ab; aber sie wird gewinnen durch die konttao'.ttoriichr Behandlung seitens katholischer und Protestantischer Professoren. Die gefammte geschichtliche Auffassung jedoch ist ganz berschieden, je nach Dem Standpunkt des Professors. Betrachten Sie doch nur das Zeitalter Der Reformation: giebt es hierüber nicht bei Den bedeutendsten katholischen und protestantischen Hrstorilern ganz ver- schlcdene Anschauungen? Wenn an einer Universität GeschichtS- professoren beider Konfessionen lehren, ist eine Verständigung eher möglich, als wenn eine Konfession ein Monopol hat. Nicht die Anstellung katholischer Professoren reifet die Konfessionen in Straßburg ausei: ander, sondern das geschieht gerade dann, wenn die katholischen Elsässer sich geradezu scheuen, die Universität Straßburg zu besuchen. Sie haben ja gehört, daß nur ein Drittel der Straßburger Studenten Einheimische sind. Der Ausdruck „abgestempelte Geschichte" paßt keinesfalls auf die katholischen Dozenten; diese sind ebenso frei wie die Protestanten. Die katholische Slirdjc legt darin den Dozenten keinerlei Schranlen auf. Für die gegen- theilige Behauptung beruft man sich auf einzelne katholische Aeuße- rungen. Diese sind vollkommen mißverstanden worden. Nun ist viel von der „V o r a u s s e h u n g s l o s i g k e i r" der Wissenschaft gesprochen worden. Diese sogenannte Voraussetzungslosigkeit beruht selbst auf einet ganz falschen Voraussetzung. Worauf es hier ankommt, ist das: Unsere Universitäten sind Staatsanstalten, sie werden aus Staats- oder Neichsmitteln bezahlt. So lange das geschieht, muß mit Fug und Recht verlangt werden, daß die natürlichen Bedürfnisse des Landes und Reiches dabei Berücksichtigung finden. Wir haben heute gehört, daß man in Folge des bisherigen Verfahrens der Negierung vielfach zu der falschen Ansicht gekommen ist, die Fakultäten hätten ein Vorschlags- vder Besetzungsrecht. Nun, dann ist klar, daß die Hauptschuld daran, daß die Verhältnisse sich so gestaltet haben, wie es in Straßburg geschehen ist, auf die Negierung fällt! (Sehr richtig! im Centrum.) Wenn die Negierung an die Vorschläge der Fakultät nicht gebunden ist, dann ist sie allein für die Zustände verantwortlich. (Sehr richtig! im Centrum.) Wie ist es beim dann eigentlich möglich, daß es in Straßburg so werden konnte, wie es geworden ist? Schon in den siebziger Jahren wunderte ich mich als Student darüber, das; in Straßburg auf einer ganzen Reihe von Lehrstühlen der Katholizismus heruntergesetzt, aber auf keinem einzigen wissenschaftlich vertheidigt wurde. Diesem Lande, das eben deutsch geworden war und das in seiner überlviegenden Mehrheit katholisch ist, wagte man das zu bieten, und hoffte dadurch sogar die Bevölkerung dem Deutschthum zugänglicher zu machen! Heute sind unter 74 Professoren in Straßburg nur 4 katholisch; von den ordentlichen Professoren sind nur 2 katholisch, die beide der medizinischen Fakultät angehören I In der juristischen und philosophischen Fakultät war kein einziger katholischer ordentlicher Professor! (Hört, hört! im Centrum.) Wie kann man sich einbilden, daß das auf Zufall beruht! Ist cs denn auch Zufall, daß in Bonn 29 katholische Professoren sind? Das wird in Bonn auf einer vernünftigen Berücksichtigung der paritätischen Bedürfnisse eines paritätischen Landes beruhen. Diese Bedürfnisse sind in Straßburg nicht berücksichtigt loorden. Im Namen der Gesammt- heit meiner politischen Freunde kann ich versichern: Wir werden dafür sorgen, daß diese Frage nicht mehr von der Tagesordnung verschwindet. (Lebhafte Zustimmung im Centrum.) Die Verhältnisse an der Straßburger Universität waren für die Mehrzahl der Elsaß-Lothringer, auch der rechtlich und billig denkenden Protestanten, ein Aergernih und ein Stein des Anstoßes. Wir erwarten, daß mit dem bisherigen System definitiv gebrochen wird. Die sogenannte Voraussetzungslosigkeit ist nichts weiter als die völlige Cinsicbislosigkeit für die Bedürfnisse eines paritätischen Landes. Di,- „Voraussetzungslosigkeit" dieses Sturmes beim Fall Spahn gehl von der einen Voraussetzung aus, daß ein Katholik eo ipso unfähig sei. wissenschaftlich zu arbeiten. Und das wagen die Professoren dem deutschen Volke zu predigen, obgleich Jeder von ihnen weiß, daß die katholische stirche von je der eifrigste Förderer der Wissenschaft war (Lärm links), daß sie lange Zeit die ganze wissenschaftliche Bewegung allein getragen hat. So lange die Protestanten das Monopol auf die Lehrstühle hatten, waren sie zufrieden; jetzt, wo der Katholizismus auch ein kleines Plätzlein bekommen soll, regen sie sich auf. Die Universität Straßburg kann nur bann ein Versöhnungselement für bas Elsaß sein, wenn bie Bebürfnisse des Landes in Zukunft besser berücksichtigt werden als bisher. Bisher hat sie diesen Beruf, versöhnend zu wirken, durchaus verfehlt. Wenn nun eine andere Periode kommen soll, so begrüßen wir das mit großer Freude. (Lebhafter Beifall im Centrum.) Abg. Bebel (Soz.): Wie ist man in China vorgegangenI Der sogen. Mörder des Gesandten v. Stettler hat nur das getijan, was auch deutsche Soldaten auf Befehl thun müssen, denen ja befohlen werden kann, unter Umständen sogar auf Vater und Mutter zu schießen. (Unruhe.) Jener Chinese hat auf Befehl gehandelt, und trotzdem ist er erschossen worden. Man soll ja sogar den rnerk- würdigen Geschmack gehabt haben, seinen Kopf mit nach Deutschland zu nehmen — vielleicht giebt die Regierung Auskunft darüber. Ich erinnere hierbei aber vorweg an den Lärm, den man in Deutschland schlug, als cd den Franzosen einfiel, den Kopf Schills rnirzu- nehmen. Dem chinesischen Prinzlein, das hierher entsandt wurde, sind hinsichtlich der Form seines Auftretens so große Zugeständnisse gemacht worden, daß die ganze Sühnemission zum Gaudium des Inlandes, des Auslandes, kurz, der ganzen Welt ausgefallen ist. Ich fuhr zufällig in dem Zuge, in welchem ein Theil der chinesischen Gesandtschaft sich befand, und es war deutlich den Herren anzumerken, daß sie sich sehr wohl fühlten bei ihrer Mission in Deutschland. Die Kriege in China, Transvaal und auf den Philippinen sind ein Schandmal für die civilisirte Welt und em Zeichen dafür, daß wir in einer Zeit der Verwilderung und Verrohung jedes Völkerrechts leben, die Wegnahme der Jnstrumewe von der Pekinger Sternwarte ist einer der stärksten Belege dafür. Auch Professor von Lißt hat diese Handlung als völkerrechtswidrig gekennzeichnet. General von Lessel hat vor Gericht ausgesagt, daß die Instrumente weggenommen seien als .Kriegsbeute, um einen Theil der Kosten des Krieges zu decken, und daß die Wegnahme auf Befehl erfolgt sei. Ich frage den preußischen Kriegsminister: Wer hat diesen Befehl erthcilt? Ist er vom Grafen Wuldersee ansgegangen? In diesem Falle müßte er nach § 129 des Militärstrafgesetzbuchs wegen Plünderung bestraft werden und diese Strafe beträgt nach § 131 Gefängniß bis zu fünf Jahren und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes. (Hört, hört! bei dcn Sozialdemokraten.) Als man den Chinesen später die Instrumente wieder anbot, verstanden diese es sogar, sich uns gegenüber als die Großmüthigen zu erweisen. Sie sagten: Ihr havl sie gestohlen, nun behaltet sie nur! (Heiterkeit.) Daß man sich über die Aeuherungen Chamberlains so aufgeregt hat, begreife ich nicht. Es wird so gethan, als sei es ganz und gor ungerecht, wenn gesagt wird, es ist in Deutschland manches vor- gckommen, was nicht hätte Vorkommen sollen. Giebt es denn überhaupt einen Krieg, wo dergleichen nicht vorkommt? (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Und kann man leugnen, daß namentlich in der zweiten Hälfte des deutsch-französischen Krieges, nach Sedan, eine ganze Reihe von Gewaltakten, auch deutscherseits, verübt sind, die man sehr wohl scharf verurtheilen kann? Eine ganze Menge von Franktireurs wurden, ohne daß ihre Schuld erwiesen war, niedergeschossen. Also, man entrüste sich nur nicht zu sehr! Nein, ich möchte eine deutsche Armee nicht der Gefahr aussetzen, wie jetzt die englische, zwei Jahre einen solchen .Krieg fortführen zu muffen, dessen Ende nicht abzusehen ist. Glauben Sie denn, daß nicht auch deutsche Truppen in solchem Kampfe verwildern und verrohen? Wenn die englische Armee aus Elementen zusammengesetzt fein sollte, wie sie der Abg. von Liebermann gestern bezeichnet hat, so möchte ich doch daran erinnern, daß man uns auch in Deutschland aufgefordert hat, eine solche Armee zu gründen. Als es sich 1900 um die Gründung einer Kolonialarmee handelte, schlug dpr „Schwäbische Merkur" vor, dazu die Hefe des Volkes zu nehmen. Gefangene und Offiziere, die in der Armee nicht als fair gelten. (Hört, hörtI links.) Alfo, auch in Deutschland haben sich bereits sehr angesehene Stimmen erhoben, eine ähnliche Armee zu gründen, wie sie die Engländer yaden. Es ist auch auf China hingewiesen. Die Plünderungen sind bestritten, aber notorisch haben sich auch Missionare an den Plünderungen betheiligt. Daß Plünde rungen stattgefunden haben, geht übrigens daraus liervor, daß zahlreiche Kunftgegenftände, alte Waffen, ja l'ugar ein Äaiserzelt nach Deutschland gebracht sind. Also ich meine, wir haben alle Ursache, über die Vorgänge in China den Mantel der christlichen Liebe zu decken. Selbst Bischof Anzer schreibt in seinem letzten Neujahrsbrief: „Kein Mensch weiß, was ans diesem chinesischen Chaos werden wird." Der Abg. Basser- mann sagte, er sei bewiesen, daß die Hunnenbriefe gefälscht sind. Nein, ich halte Alles, was ich über die Hunnenbriefe gesagt habe, aufrecht, und zwar gerade wegen der Prozesse. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Im Falle Feilitzsch hat Generalmajor Endres die Ausführungen meines Freundes Südekum bestritten, aber in der bairischen Kammer hat der Minister von Asch meinem Freunde v. VoUrnar auf dieselben Ausführungen kein Wort erwidert. Daß ein Offizier, der in der bairischen Armee nicht mehr möglich ist, für Preußen gut ist, wirft doch ein eigenartiges Licht auf unsere Verhältnisse. .Mann es eine schwerere Beleidigung für den bairischen .Kriegsminister geben? Die „Augsburger Abendzeitung", ein offiziöses Blatt, sagt in einem offenbar uon dem bairischen Kriegsminister inspirirten Artikel, der preußische Kriegsminifter sei wahrscheinlich nur einem von höherer Stelle geäußerten Wunsche nachgelommen. (Hört! hört! links.) Gegen den Zolltarif werden wir alle Mittel anwendeu, die verfassungsmäßig und geschäftsorduuiigsmäßig noch zu Gebote stehen. Reichskanzler Graf Biilow: Der Herr Vorredner ist auf eine Rede gekommen, welche der Kaiser im vergangenen Frühjahr in Kuxhaven gehalten hat. Wenn Sie diese Rede Nachlesen wollen — ich habe sie leider nicht hier — so werden Sie finden, daß ihr jeder annektionistische Gedanke vollkommen fern gelegen hat. Tiefe Rede war eine Friedenskundgebung, gehalten im Sinne friedlicher Ausdehnung deutscher Arbeit. Es besteht auch kein Gegensatz zwischen jener Rede des Kaisers und unserer wirthschaftlichen Politik. Ich habe schon bei der Tarifdebatte darauf hingewiesen, daß zwischen einer vernünftigen Weltpolitik — und eine vernünftige Weltpolitik werden wir machen — und einer vernünftigen Heimaths- politik — denn wir werden auch nur eine vernünftige Heimaths- polilik machen (Lachen bei den Sozialdemokraten) — es giebt auch eine (auf die Sozialdemokraten hinweisend) unvernünftige (Heiterkeit), aber die werden Ivir nicht machen--ich sage zwischen einer vernünftigen Weltpolitik und einer vernünftigen Heimaths- politik besteht keinerlei Gegensatz. Ich habe mich übrigens gewundert, daß gerade Herr Bebel, der doch, ich will nicht sagen, ein fanatischer, aber ein entschiedener Gegner der Weltpoliti! ist, im Namen der Weltpolitik gegen die Heimathspolitik polemisirt. Wenn das Herr Rickert thäte, den ich zu meiner Freude heute wieder im Hause gesehen habe, so würde ich das im gewissen Grade begreiflich finden, auch wenn es Herr Barth thäte, der, glaube ich, jetzt wieder dem Hause angehört, so würde ich es allenfalls ver- ftehest, aber der Abg. Bebel darf sich diesen Luxus nicht gestatten (Heiterkeit), das Roß der Weltpolitik darf er uns gegenüber nicht tummeln, es sei denn, daß er vorher für mindestens Drei Flottenvorlagen gestimmt hat. (Große Heiterkeit.) Nun hat Herr Bebel auch gesagt, daß in den Dreibundstaaten Mißtrauen gegen uns bestände. Ich möchte Herrn Bebel fragen, worauf sich diese seine Ansicht gründet. Ich kann ihm versichern — und ich spreche in diesen, Augenblicke nicht als Diplomat in dem Sinne, wie er ihn auffaßt, sondern mit voller Offenheit, mit viel größerer Ehrlichkeit, als er annimmt (Heiterkeit) — also ich sage, daß bei unseren Verbündeten gar kein Mißtrauen gegen uns besteht. Ich habe gestern die Freude gehabt, ans Nom ein Telegramm zu erhalten, wonach mein verehrter Freund, der italienische Minister Prinetti, unserem dortigen Botschafter gesagt hat, meine Rede über unser Verhältniß zum Dreibund enthalte kein Wort, das er nicht unterschreibe. Und wenn Sie einen Blick werfen wollen auf die Wiener Presse, so Iverden Sie sich davon überzeugen, daß meine Ausführungen auch dort ungefähr in berfetben Weise beurteilt werden. Also ich kann Herrn Bebel nur bitten, auch hinsichtlich unserer internationalen Beziehungen sich nicht allzu viel Bären aufbinden zu lassen. (Heiterkeit.) Die Ausführungen des Abg. Bebel über unfere chinesische Politik waren mir wieder ein Beweis dafür, daß es in Deutschland im Gegensatz zu manchen anderen Ländern Politiker und hervorragende Politiker, sowie ganze Parteien giebt, die Fragen der auslnärtigen Politik beurteilen mehr vom Standpunkt ihrer subjektiven Empfindung, mehr von ihrem Parteistandpunkt aus, mehr vom Standpunkt ihrer mehr oder minder berechtigten Abneigung gegen die Negierung, als von dem des klug erwogenen Staats- inreresses aus. Wenn Herr Bebel 1900 Minister des Aeußeren gelvesen wäre (Heiterkeit), so würde er es auch nicht geduldet haben, daß die Chinesen Deutsche vertreiben, Häfen sperren, deutsche Waaren nicht mehr zulassen wollen, und er würde es ferner nickst geduldet haben, daß die Chinesen unserem Gesandten, der dort in mutiger, ritterlicher Weise gestorben ist (Beifall), wie cjn Soldat auf dem Schlachtfelde (Beifall), er würde die schmähliche Ermordung dieses Mannes auch nicht ruhig hingenommen, auch nicht geduldet haben, und wenn er sie geduldet hätte, so würde ihn das deutsche Volk nicht mehr länger als Minister geduldet haben. (Sehr gut! rechts.) Unsere Interessen in China waren und sind viel zu groß, als daß wir dieselben als quantite negligeable betrachten, sie kleinmütig hätten preisgeben köiinen. Im Ucbrigen waren gerade diese Ausführungen des Abg. Bebel wieder ein schlagender Beweis dafür, daß er und seine Freunde in der chinesischen Frage vom ersten bis zum letzten Tage einen Standpunkt eingenommen haben, den die große Mehrheit des Volkes weder teilt, noch begreift. (Sehr richtig!) Ich möchte es nur einmal erleben, wie es wirken würden, wenn in Paris oder London ein Abgeordneter über die Politik seines eigenen Landes, über das Hcer des eigenen Landes, so sprechen würde, wie hier der Abg. Bebel. (Sehr gut!) Ich zweifele nicht daran, daß es auch Engländer und Franzosen giebt, die es ganz gern sehen würden, daß die Ansichten Bebels über überseeische Politik, über Kolonialpolitik, über alle Wehrfragen, über nationale Fragen bei uns die herrschenden würden, aber wenn es sich darum handeln würde, diesen Ansichten Geltung zu verschaffen in England oder Frankreich, dann würde es heißen: Ja, Bauer, das ist ganz was Anderes! (Lebhafte Zustimmung.) Nun hat der Abg. Bebel auch von Prozessen gesprochen. Der .Kriegsminister wird hierauf antworten. Nach meiner Ansicht kann aber ein Zweifel nicht bestehen, daß Alles, was in der Presse gesagt ist über Grausamkeiten unserer Truppen, entweder maßlos übertrieben, ober schlankweg unwahr ist, und daß namentlich die sogenannten Hunnenbriefe entweder nur Schnurrpfeifereien, oder blasse Renoinmage waren. Es schwebte über ihnen der Geist des seligen Münchhausen (Heiterkeit), der an ihnen seine helle Freude gehabt haben würde. Alle ausländischen Nachrichten über China stimmen darin überein, daß unsere Truppen sich immer ausgezeichnet haben durch Bravour und Humanität. Und wenn die französischen, englischen und italienischen Minister im Parlament erklärt haben, daß die französischen, englischen und italienischen Truppen nichts Unwürdiges gethan, sich nichts zu Schulden hätten kommen lassen, so erkläre ich mit mindestens derselben Entschiedenheit dasselbe auch für die deutschen Truppen. (Beifall.) Der Abg. Bebel hat auch Bezug genommen auf ein Urtheil beö Bischofs Anzer über die weitere Entwicklung der Verhältnisse in China. Ich habe eine sehr ausgezeichnete Meinung von dem Herrn Bischof, glaube aber doch, daß im vorliegenden Falle seine Anschauung, falls sie wirtlich in der vorgebrachten Weise zum Ausdruck getommen ift ein wenig zu pessimistisch war. Jedenfalls sind gegen die Wiederkehr solcher Vorkommnisse, wie wir sie vor einem Jahre in China erlebt haben, vollständig soweit Vorkehrungen getroffen worden, wie das möglich war im Hinblick auf bie inneren chinesischen Verhältnisse und auf die ungeheure Ausdehnung des chinesischen Reiches. Ich glaube auch persönlich, daß die Ereignisse der letzten Itr Jahre an der chinesischen Regierung und dem chinesischen Volke nicht spurlos vorübergegangen sind. Es ist den Chinesen in recht empfindlicher Weise klar gemacht worden, daß sie sich nicht ungestraft gegen Europäer vergehen dürfen. ES ist kein Zweifel gelassen worden, daß wo es sich um die Be-. kämpfung von Barbareien handelt, die europäischen Mächte einig sind und einig bleiben werden. Gewiß werden die chinesischen Behörden noch manche Kämpfe in nächster Zeit auszufechten haben, es wird insbesondere im Norden Chinas nicht an lokalen Unruhen fehlen, die Ansicht unserer Vertreter in China geht aber doch überwiegend dahin, daß große, schwere Bewegungen nach menschlicher Voraussicht in China in absehbarer Zeit nicht zu erwarten sind. Es ist eine alte Erfahrung, daß wenn orientalische Reiche.mit europäisch civilisirten Völkern zusammen- treffen, daß das zu sozialen und wirthschastlichen Krisen führt. Solche Krisen müssen überwunden werden, wie man ein Gewitter oder eine - Springflut überwindet; wir geben uns aber der Hoffnung hin, daß in China die europäische Kultur von jetzt an ohne Störungen, ohne akute Zwischenfälle sich weiter entwickeln wird. jedenfalls haben die Mächte in dieser Beziehung alle diejenigen Vorkehrungen getroffen, die möglich waren und im Bereiche der Vernunft lagen. Was in China erreicht ist, darüber habe ich ja schon in diesem Hause gesprochen. Beim Beginn der chinesischen Aktion habe ich gesagt, daß wir Genugthuung verlangen müssen für die Ermordung unseres Gesandten und für die sonstigen Verstöße gegen das Völkerrecht; ich habe gleichzeitig betont, daß wir in China keinerlei Eroberungs- tcndenzen verfolgen, daß unsere Interessen in China wesentlich wirthschaftlicher Natur wären, daß wir eine angemessene Entschädigung verlangen müssen für unsere Kriegskosten und möglichste Sicherung gegen die Wiederkehr solcher Vorkommnisse. Ich habe gesagt, daß wir nicht einen Tag länger, aber auch nicht eine Stunde kürzer das Expeditionskorps dort halten würden, als es absolut nöthig wäre, und ich habe endlich gesagt, daß wir das gute Einvernehmen mit den anderen Mächten aufrecht erhalten und so weit als möglich gemeinsam mit anderen Mächten vorgehen würden. Wenn Sie sich an dies Programm erinnern wollen, so werden Sie zugeben, daß Alles erreicht ist. Deutschland hat sich im Osten seine große Weltmacht gesichert, wir haben uns friedvoll,, maßvoll und be-.. sonnen gezeigt, aber auch keinen Zweifel gelassen,'daß wir, wie wir frembe Rechte achten, so auch unsere eigenen Rechte geachtet wissen wollen. Wir haben unsere Position behauptet und befestigt. Deutschland geht aus den chinesischen Wirren mit ungeschwächten Kräften und in vollen Ehren hervor. (Beifall.) Nun hat der Abg. Bebel endlich noch Bezug genommen auf die Haltung unserer Truppen im deutsch-französischen Kriege. Wir Alle wissen, daß der Krieg ein grausames Handwerk ist, und daß es nie einen Krieg gegeben hat, in dem nicht beklagenswerthe Ausschreitungen vorgekommen sind. Die Frage ist aber die, ob im deutsch-französischen Kriege unser Heer, was Menschlichkeit angeht, in allererster Linie gestanden hat, und diese Frage bejahe ich auf das Allerentschiedenste. (Beifall.) Weiter werde ich auf diese Aeuße- rung des Herrn Bebel nicht antworten. Wenn unser Heer vom Ausland angegriffen wird, so halte ich es für meine Pflicht, dagegen Front zu machen, aber über Angriffe, die von der Tribüne dieses Hauses aus deutschem Munde gegen unser Heer gerichtet werden, überlasse ist das Urtheil dem deutschen Volke und der deutschen öffentlichen Meinung. (Lebhafter Beifall.) Minister von Goßler: Herr Bebel hat es so dargestellt, als ob wir in China eine ruhige Bevölkerung überfallen und grausam behandelt hätten. Das stellt doch die Thatsachen auf den Kopf. Die Missionare waren ein Muster in der Vertheidigung ihrer Gemeinden (hört, hört!), und viele-christliche Chinesen haben den marter- vollsten Tod um ihres Glaubens Willen erlitten. Der Krieg war ein anderer als Herr Bebel sich vorstellt. In China sind Helden- thaten von Christen vollbracht worden. Was die Hunnenbriefe an» langt, so hatte Herr Bebel sich zunächst bereit erklärt, Namen zu nennen. Dann sagte er, das fiele ihm nicht ein. Herr Bebel hat mir selbst gerathen, die Beleidigungsklage anzustrengen gegen Die Zeitungen, Die die Briefe veröffentlicht hatten. Als dann aber der Prozeß kam, nannte Herr Bebel den Namen nicht, sondern sagte, ec habe ihn vergessen. Ich frage nun Herrn Bebel: Liegt irgend ein Beweis dafür vor, daß der Inhalt der Briefe richtig ist. Daß hier in Europa Hunnenbriefe fabrizirt und nach China geschickt worden sind, dafür habe ich Beweise. In Luzern sind Flugblätter verbreitet worden mit der Unterschrift: „Schuhmann" (Zurufe bei den Sozialdemokraten: Normann - Schumann l) überschrieben: „Bebels Meineid und Hunnenreden". Was die a st r o n o m i s ch e n I n st r u m e n t e anlangt, so kann man ja zweifelhaft sein, ob deren Wegnahme nützlich war. Der Feldmarschall hatte Befehl gegeben. Staatseigenthum zur Deckung der Kosten zu beschlagnahmen. Das ist mit Den Instrumenten geschehen. Die Vorwürfe der Feigheit und Kriegsuntüchtigkeit gegen den Hauptmann Feilitzsch entbehren jedes Grundes. Der Hauptmann hat sich in China außerordentlich ausgezeichnet. Am 13. März 1901 wurde in der „Münchener Post" ein Brief veröffentlicht, in dem über die Behandlung seitens des Hauptmanns Feilitzsch Beschwerde geführt wurde. Der Bataillonskommandeur vernahm darauf eine ganze Kompagnie; es kam trotz der eingehendsten Untersuchung nur heraus, daß der Hauptmann zuweilen derbe Worte gebrauche. Das ist zum Theil süddeutsche Art. (Heiterkeit.) Außerdem hatte er zuweilen die Soldaten, aber nur bei sehr groben Pflichtvernachlässigungen, geschüttelt. Von körperlichen Schmerzen oder Wundmalen konnte dabei keine Rede sein. Er that das bei Vergehen, auf denen Arrest steht; er wollte die Leute nicht anbinden; es war das eine Schonung, die ich wohl begreife. Natürlich mußte eine Verurtheilung eintreten, zumal sich herausstellte, daß er in drei Fällen Bestrafungen nicht gemeldet hatte aus Rücksicht auf die Soldaten. Und in Folge dessen wurde über ihn eine Freiheitsstrafe verhängt. Weiteres gegen ihn liegt nicht vor. Sein Kommandeur aus der bairischen Armee hat ihm besonders attestirt, daß er bei jeder Gelegenheit seine volle Schuldigkeit gethan und namentlich bei selbständigen Aufträgen sich ausgezeichnet hätte. Bei seiner Rückkehr entstand nun die Frage, wo er eingcfteUt werden sollte. Es fanden hierüber Verhandlungen zwischen dem bairischen und dem preußischen Kriegsminister statt, wovon dem Hauptmann v. Feilitzsch Kenntniß gegeben wurde. Er hat darauf gebeten, in der preußischen Armee eingestellt zu werden. Se. Majestät haben eingehend die Akten geprüft und beschlossen, ihn im Regiment 32 einzustellen, und wir sind nun überzeugt, in ihm ein vortreffliches Mitglied unserer Armee gewonnen zu haben. Bairischer Generalmajor von EndreS: Ich stelle zunächst fest, daß der Hauptmann Feilitzsch niemals nachgesucht hat, in der bairischen Armee wieder angcfteHt zu werden. Herr Bebel irrt in der Annahme, daß der Artikel in der „Augsburger Abendzeitung" vom bairischen Kriegsminister inspirirt sei. Wenn der bairische und der preußische Stricg§minifter etwas mit einander zu reden haben, so bin i ch das Organ für die Verhandlungen. In Baiern würde man, wenn der Hauptmann Feilitzsch nicht wieder angestellt ivorden wäre, gesagt haben: Es ist eine gerechte, aber eine schwere Strafe über den Hauptmann verhängt worden, und man hätte sich gesagt: Unser Kriegsminister sieht die Sache aber sehr streng an. Wir freuen uns jetzt aber, daß auf die schwere, aber gerechte Bestrafung eine gewisse Remedur eingetreten, daß der Kaiser die S-.'.cu. nicht ganz so streng ansieht. Hierauf vertagt sich das Haus. Persönlich bemerkt Abg. Bebel: Ich habe heute gar nicht von der Echtheit des Inhalts der Briefe gesprochen, sondern nur von der Echtheit der Briefe. Nächste Sitzung: M o n 1 a g 1 Uhr (Fortsetzung der Etats- b e r a t h n n g). Schluß 6s, Uhr.