Mittwoch IS. März 1003 Erstes Blatt GietzenerAn General-Anzeiger o Amts- und Anzeigeblatt für den Mreis Gießen 153. Jahrgang VezugSpreiSr monatlich 7b Ps., viertes jährlich Akk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk.2.—viertel^ jährl. ausfchl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12Pß, auswärts 20 Pfg. Verantwortlich: für den polit. u. aUgem,1 Teil: P. Wittko- für „Stadt und Land^ und „Gerichtssaal":R.Ditt- mann; für den Anzeigenteil: Hans Beck. Nr. (50 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Eichener Lamilien- blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der B rü h l'schea Univerf.-Buch- u-Stein- druckerei (Pietfch Erden) Redaktion, Expedition unb Druckerei: «chnlstratze 7. Ldresie für Depeschen: «uzetger Gießen. FernsprkchansckliißAr.51. Bekanntmachung. Detr. Gesuch des Metzgers Karl Röß zu Grünberg um Genehmigung zur Erbauung eines Schlachthauses. Karl Röß beabsichtigt auf dem Grundstück Flur I Nr. 343 der Gemarkung Grünberg ein Schlachthaus zu errichten. Plane und Beschreibung hierüber liegen 14 Tage lang, vom Erscheinen dieses in der Darmstädter Zeitung bezw. im KrciSblatt für den Kreis Gießen an gerechnet, auf dem Büreau der Großh. Bürgermeisterei Grünberg zur Einsicht der Interessenten offen. Etwaige Einwendungen sind binnen dieser Frist bei Meidung des Ausschluffes bei Großh. Bürgernteisterei Grünberg vorzubringen. Gießen, 8. März 1902. Großherzogliches Kreisamt Gießen- v- Bechtold. Preußisches Abgeordnetenhaus. Sitzung am 11. März. Die dritte Beratung des Gesetzentwurfes betreffend das Diensteinkommen der evangelischen P farrer des Konsistorial- bezirkes Frankfurt a. ÖL, sowie die dritte Beratung des Gesetzentwurfes betreffend die Fürsorge für Wittwen und Waisen der evangelischen Geistlichen des Konsistorialbezirks Frankfurt a. M.' werden debattelos erledigt. Es folgt die zweite Beratung de§ Etats des Ministeriums des Auswärtigen. Staatssekretär v. Richthofen führt aus: Die definitive Antwort der englischen Regierung auf unsere gemäß dem Anträge des deutschen Burenhilfskomitees gethanen Schritte ging ein. Sie lautet: Dem Wunsche der deutschen Regierung, daß die vom Burenhilfskomitee zu verschickenden Gegenstände in die Flüchtlingslager zollfrei und vom Ausschiffungshafen frachtfrei, sowie in Begleitung einer S. ÖL Botschaft in Berlin genehmen Pepson oder eines deutschen Konsularbeamten in Südafrika znge- ' assen werden sollen, wurde von S^ M. Regierung einer sorgfältigen Prüfung unterzogen. Der Versuch, außenstehende Personen an der Verteilung der Gaben teilnehmen zu lasten, wurde bereits früher gemacht. Bei der Ausführung stellte sich aber heraus, daß dies zu mancherlei Mißbrauch und Un zuträglichkeiten führte. Daher wurde zu diesem Zioecke in jeder» Lager ein Lokalkomrtee eingesetzt, das mit den jeweiligen Bedürfnissen der Flüchtlinge vertraut ist. Jin vorliegenden Falle ist S. M. Regierung beflissen, den Wünschen der deutschen Regierung soweit wie möglich nachzukommen. Sie will es daher auf sich nehmen, daß alle Sendungen von Gegenständen zum Gebrauch der Burenflüchtlinge, die an den deutschen Generalkonsul gerichtet sind, nach dem Lager oder den Lagern, für die sie durch das deutsche Burenhilfskomitee bestimmt sind, frei von Zoll und anderen Kosten, einschließlich der Frachtkosten geschickt und durch die Lagerkomitees verteilt werden sollen. Jede Kiste würde mit der Bezeichnung „Concentration Camp Relief Stores^ (Konzentrationslager Unterstützungsoorräte) versehen sein, um die zollfreie Einfuhr zu sichern. Die Sendungen werden einer zollamtlichen Untersuchung zu unterziehen sein. Geistliche der holländischen reformierten Kirche werden a(s Sekretäre dieser Lagerkomitees wirken. Es werden Vorkehrungen getroffen werden, um in jedem Falle vom Sekretär des Komitees, durch das die Sendung verteilt wird, eine Empfangsbescheinigung §it erhalten. Lord Lansdowne fügte noch in einem Prioatbriefe an den kaiserlichen Botschafter- Grafen Metternich hinzu: Er hoffe zuversichtlich, daß dies als befriedigend befimden werden wird. Wir haben uus Mühe gegeben, es so einzurichten, daß wir Lokalkoinitees bei den einzelnen Lagern bilden: Erstens der sogenannte Superintendent des Camps, der oberste Verwaltungsbeamte, zweitens der Chefarzt, drittens ein holländischer reformierter Geistlicher. Dadurch, daß die Sendungen in des letzteren Hände gelangen und dieser darüber quittiert, ist meiner Ansicht nach eine gerechte Verteilung gewährleistet. Es ist ein großer Fortschritt erzielt gegenüber der früher nur erteilten Zusage, daß diese Sendungen nach Pretoria zu dirigieren seien, ganz abgesehen davon, daß Fracht- und Zoll- fteiheit damals nicht zugesichert waren. Ich glaube daher konstatieren zu können, daß die Wünsche des hohen Hauses, wie sie Abg. Lückhoff näher präzisierte, wohl erfüllt wurden. Ich glaube, daß dies mit Genugthuung begrüßt werden kann. (Lebhafter Beifall.) Die Wünsche des Burenhilfskomitees gehen ja weiter. Ich möchte hierbei heroorheben, daß in dieser ganzen Angelegenheit wir allein vorgingen und kein anderer Staat bisher derartige amtliche Schritte bei der englischen Regierung that, daß wir daher in dieser Beziehung als die ersten so für ein Humanitäts-Interesse eintraten. (Bravo aus allen Seiten.) Nun wird das Bur en Hilfskomitee wohl seinerseits recht viel sammeln, damit recht viel in die Camps gesandt werden kann. Die Stellung, welche die auswärtige Vertretung des Deutschen Reiches und des Königreichs Preußen hierbei übernahm, giebt ihr und mir vielleicht das Recht zu Bemerkungen, die über den Nahmen dieses hohen Hauses, auch >hes Reichstages,- hinaus- gehcn, und sich sowohl an Sie, wie auch an die Ällgemein- heit wenden. Die Opfer au Gut und Blut, die in England standhaft geleistet wurden, der große Verlust an Menschenleben, der starke Abgang an ausgezeichnetem Offiziermaterial, die Höhe der erforderlichen Ausgaben, die dadurch bedingte Anziehung der Steuerschraube, wenn alles das erwogen wird, müssen Sie zugeben, daß es menschlich und natürlich ist, wenn sowohl bei Einzelnen, wie bei der Nation, die Empfindlichkeit wächst und sich steigert. (Sehr richtig.) Jedes harte Wort wird doppelt tief empfunden, jeder freundliche Zuspruch hoppelt freundlich angenommen. Wenn ich die Empfindungen der Nation recht verstehe, geht unser Wunsch dahin, daß wir den Notleidenden nach Möglichkeit helfen. Das ist nicht anders möglich, als mit Zustimmung und Unterstützung englifcherseits, ohne die wir überhaupt nicht an die Buren herankommen können. Um diese Unterstützung und Hilfe zu sichern, ist es meines Erachtens geboten, die Empfindlichkeit der englischen Regierung und ■m—iwi'ia i ii ................. .................................................. Nation nach Möglichkeit nicht herauszufordern. Dazu bedarf cs keiner Liebedienerei. Der deutschen Politik liegt Liebedienerei gänzlich fern. Unsere Politik treiben wir Niemanden, als dem deutschen Volke zu liebe. Ich glaube auch, daß man so handeln kann, ohne unsere eigenen Ansichten über den Krieg selbst aufzugeben (Bravo, sehr richtig). Aber nur, wenn wir diese Empfindlichkeit berücksichtigen, werden wir weiter in Süd afrika im Dienste der Menschlichkeit wirken können. Was sollen wir thun, um in dieser Beziehung vielleicht die Situation in England etwas zu ändern. In Frage kommt znnächst wohl eine etwas gerechtere Kritik, als es bisher wohl geschehen, nehmen wir nicht immer gleich von vornherein an, daß alles, was oou englischer Seite geschieht, zu Unrecht und schlecht geschieht. Ich darf ein Beispiel zitieren: Ich las haarsträubende Beschreibungen über die Gefangenenlager. Vor einigen Tagen war bei mir einer unserer Generale, der in der Lage war, aus eigener Erfahrung darüber zu berichten. Er sagte zu mir: Ich halte es für meine Pflicht und er- mächtigeSie, von meinemNamen Gebrauch zu machen, zu erklären, daß ich die Gefangenenlager in Ceylon mustergültig vorsand.. Es war General ö. Trotha, der frühere Kommandeur der Schutztruppe von Ostafrika, der aus der Rückkehr von China: in Ceylon Aufenthalt nahm. Er fügte hinzu, die Küchen und hygienischen Einrichtungen der Lagejr seien geradezu erstklassig. Die ehemals deutschen Offiziere, die sich dort befanden, brachten ihm als einzige Beschwerde vor, daß keine genügende Abwechselung; in der Kost sei. Daraus habe er erwidert: Ja, Kinder, wenn Ihr erwartet, daß Euch die Engländer von Zeit zu Zeit Kaviar und Austern servieren, so ist das doch etwas viel verlangt. Sodann würde, es meines Erachdens der Würde einer Nation keinen Abbruch thun, wenn sie auch mansch-, liche Sympathie bezeugte, wie z. B. bei der gestern gemeldeten schweren Verwundung Lord Me-* thuens, eines Mannes, der Jahre hindurch als Militär- attachee hier in Ber lin war und sich der besonderen Wertschätzung der beiden ersten Kaiser erfreute, sowie in weiten Kreisen der Hauptstadt ein freundliches Andenken yiüterlLß.'• Wie gesagt, ich glaube, daß es nur durch Schonung der nationalen Gefühle möglich ist, weiter auf dem Wege fortzuschreiten, den das Burenhilfskomiteej andeutete und den zu gehen wir sehr gern bereit sind. (Bravo.) Ich denke, daß wir in erster Linie jetzt dahin zu' wirken suchen, daß wir schließlich doch Ambulanzen nach Südafrika senden. Eines der Mitglieder bc§-; Hauses führte mir vor kurzem einen Burenarzt, einen Oc scer- reicher, Tr. Albrecht zu, der eine bewegte Schilderung der dortigen Verhältnisse machte und anscheinend auch mit der englischen Behörde im besten Einvernehmen gelebt har. Er führte aus, wie dringend notwendig es sei, den Buren Ambulanzen zuzuführen, nicht bloß im Interesse der verwundeten Buren, sondern auch nicht minder im Interesse der verwundeten Engländer. Er teilte uns mit, daß die Buren englische Ambulanzen nicht wohl zulassen können, mit Rücksicht auf die Gefahr, daß ihre militärischen Maßnahmen dadurch den Engländern bekarmt würden, daß aber für fremde Ambulanzen der Weg offen sein würde zu den Buren, vorausgesetzt, daß sie von englischer Seite durchgelassen würden. Wir werden alfd6 in dieser Richtung das Möglichste thun, aber dazu ist dringend nötig, Gießener Stadttheater. Graf Essex. Trauerspiel in 5 Akten von H. Laube, In der Ricker'schen Buchhandlung in Gießen erschien unlängst eine kleine Schrift von Dr. Reinhard Strecker, be- titeU »Der ästhetische Genuß-. Der Verfasser bringt dann in guter Ordnung eine Reihe wertvoller alter und auch wohl ein paar neue Gedanken vor über dieses viel und von vielen verschiedenen Standpunkten aus erörterte Thema. Bei der Unsicherheit und Unklarheck des größeren Publckums über- ästhetische Fragen verlohnt es sich wohl, vielleicht im Verein mit ein paar neuen Broschüren von dem bekannten Tübinger Kunstprofessor Konrad Lange, gelegentlich einmal eine ausführliche Betrachtung diesem Büchelchen zu widmen, das fast auf jeder ferner 87 Seiten zur Zustimmung, hier und da aber auch zum Widerspruch herausforderL An dieser Stelle mochte ich, nach erstem flüchtigem Durchblättern, einen Passus aus dem Schlußabsatz herauSheben: „Im Grunde scheint es mir der letzte Sinn der ästhetischen Beseelung überhaupt zu sem, dem Menschen die ganze Welt als Inhalt seines Fühlens nahe zu bringen und ihn so über die engen Grenzen der doch stets nur fragmentarischen Existenz als Individuum herauszuheben." Es wäre erfteulich, wenn jeder schaffende Jünger der Kunst in solchem Sinn wirkte. Das individuelle Durchfühlen macht den Wert eines Kunstwerkes aus. Dr.- Strecker weist mit Recht „Begriffskombinalionen, die vielleicht noch logischen, ganz gewiß aber keinen ästhetischen Gesichtspunkten mehr gerecht werden, aus den Grenzen der Kunst hinaus. Er zieht allerdings, mit Schiller, diese Grenzen nicht weit genug, indem er den Künstlern nicht mehr folgt, „deren Wege über die Grenzen des Menschlich-Erlebbaren hinausführen". Abgesehen davon, daß die Musik sich schlechterdings nicht in diese Grenzen fassen läßt, gesteht Dr. Strecker damit, daß nicht allein die Werke eines Maeterlink und auch eines Paul Scheerbart, sondern auch manches scköne Werk der Romantik, daß ihm die ganze deutsche Märchendichrung, daß ihm die Faüelpoesie, daß ihm Blätter von Hogarth und von Max Klinger, daß ihm manches von Böcklin keinen ästhetischen Genuß bereite. Das aber hat Herr Dr. Strecker gewiß nicht behaupten wollen. Es folgt also nur aus dieser Bemühung wieder einmal, daß es eine gar schwierige Sache ist, die Kunst in Leit- oder Lehrsätze oder gar Regeln — Dr. Strecker spricht wiederholt von „Normen" — zu fassen. Es giebt ja m der Kunst zweifellos auch Gesetze, wie die Natur ihre Gesetze hat, einzwängen aber lassen sich beide nicht in fest begrenzte Formeln; immer wird man neuen „Ausnahmen" begegnen, die die „Regeln" nicht bestätigen, sondern vielmehr widerlegen. An einer anderen Stelle sagt Dr. Strecker mit gutem Grunde, daß „die Kunst bei Behandlung historischer Stoffe nicht zu absoluter Treue verpflichtet" ist. Dieser Ueberzeugung huldigen nicht nur die maßgebenden Künstler, und um die allem ist es der Aesthetik zu thun, sondern auch die Dirn inorum gentium. Auch Laube folgte in seinem stark deklamatorischen „Grafen Essex" der Geschichte wahrlich nicht mit „absoluter Treue". Aber, wie Bulthaupt im 3. Bande seiner „Dramaturgie des Schauspiels" erzählt, genierte er sich nicht, der „Erzählung, die Lessing von dem (englischen) Banks- schen (Essex-) Drama giebt, in der Disposition des Stoffes fast buchstäblich" zu folgen. Damals fanden sich Leute, denen als reinste Freude die Schadenfreude gilt — es muß auch solche Käuze geben — die darauf und auf ähnliche „Aus- beutiing ftemden litterarischen Eigentums" hin ßaube des Plagiats ziehen. Nun, Laubes ehrlicher Name hat dadurch für seine und unsere Zeit weiter keinen Schaden gelitten. Es ist thöricht, in solchen oder ähnlichen Fällen Beschuldigungen zu erheben; oder wird ein Verständiger je auf Moliöre und gar auf Shakespeare mit Steinen werfen, weil sie ihre Stoffe und selbst seitenlange Gespräche mitunter wortgetreu fremden Werken entlehnten? Thatsache ist, daß eine überreiche Litteratur des EssexstoffeS vor der Entstehung des Laubeschen Dramas längst vorhanden und zugänglich war. Aus dem gegebenen Material führte t'c — wie er beiläufig in seinen „Erinnerungen" erzählt, bie ich unlängst hier in einem Antiquariat fand, hat er den „Grasen Essex" in den Morgenstunben von 9 bis 10 vor den Theatcrprvberr geschrieben. — einen Neubau auf, eine Aufgabe, der den alte Theaterpraktiker sich mit seiner ost bewährten Routine entledigte, ohne daß man das Recht hat, daraus etwa einen Strick zu drehen. Er baute sein „Architektursrück" nach berühmten Mustern und mit sorgsamer Beobachtung aller Regeln des Theatralischen, mit feiner Witterung für alles das, was wirkt und sich gut ausnimmt, mit der Fähigkeit zu leichter, für die Bühnenwirkung noch gerade ausreichender Charakteristik und mit Zuhilfenahme einer spröden Rhetorik, die den flachen Gedanken den Anschein von Tiefe geben muß. Dem Schüler Seribes galt die Handlung alles, die rein äußerliche, möglichst glänzende und möglichst spannende Handlung, während er, um mit Dr. Strecker zu reden, aller „ästhetischen Beseelung", jeder Vertiefung der Charaktere behutsam aus dem Wege ging. Und er war einerseits Schriftsteller und anbererseits erfahrener Theatermann genug, ja seiner Naturanlage nach wohl der größte Theater^ mann, den Deutschland hervovgebisacyt hat, um auf diese Weife Theaterstücke zu stände zu bringen, die beinahe wie Dichtungen aussehen, und denen zeitweilig von der Bühne herab eine starke Wirkung beschieden war, Theaterstücke, die geradezu klassische Musterbeispiele dafür sind, was kühl berechnende „Begrisfskombinationen" im Verein mit gründlicher Bühnenvertrautheit zu Wege zu bringen vermögen. Nur daß freilich das Beste fehlt, was lein noch so ttugev Kalkül und keine noch so geschickte Technik ersetzen kann — echte Kunst. Denn er war kein Dichter, der alte knorrige und knurrige Theatermann, und die Musen und Grazien waren ihm zeitlebens fern geblieben. Kohl hatte er in seiner Jugend durch ein herausforderndes Heinifieren und später durch einen burschikosen Renommierstil versucht, über die Haus-, backene Nüchternheit seiner Natur sich selbst und andere hinwegzutäuschen, aber diese Mas-kerade hielt nicht lange vor, uno er selber wurde ihrer ra,^ genug überdrüssig. Und das vollends, seit er sich mit Haut und Haar dem Theater verschrieben hatte. Von Grund ans verstaird er das Theatermetier nicht nur als Bühnenleit-r und Regisseur, der seine büß die Engländer doch schließlich die Ueberzeugung gewinnen, daß wir trotz allem und allem ihre Verwandten und beiderseits auf freundliche Beziehungen angewiesen sind. Tragen wir hierzu bei, so kommen wir vielleicht nock weiter; dann können wir vielleicht, ohne uns eine schroffe Ablehnung zuzuziehen, als Vettern diesseits des Kanals zu Vettern jenseits des Kanals sprechen und unser Fürwort einlegen für die gemeinsamen Vettern in Südafrika. Wenn Sie dazu helfen in Ihren Kreisen, in der Presse und in der Allgemeinheit des deutschen Volkes, dann leisten Sie meiner Ansicht nach den Buren selbst den größten Dienst. (Beifall.) Nachdem Abg. Lückhoff (Freikons.) seine Freude über diese Erklärung des Staatssekretärs ausgesprochen hatte, wird der Etat des Auswärtigen angenommen und die Beratung des Knltusetats bei Kapitel Universitäten fortgesetzt. Abg. M i s e r s k i (Pole) beklagt die strengen Maßnahmen gegen die p o l n i s ch e n Studenten, deren litte- rarische Vereine verboten seien. Kultusminister Studt: Tie Vereine werden nicht verboten, wenn sie nicht agitatorische und h o ch verrä ter- ische Zwecke verfolgen. Gras Limburg-Stirum (kons.) betont, das Studentenleben sei nicht da, um Politik zu treiben. Tie polnischen Studenten schadeten nur sich und nützen der Sache nichts. Tr. Müll er-Sagau (fr. Vp.) sieht in der Aufhebung des sozialwissenschastlichen Studen^ tenvereins in Berlin, die wegen der Zurückweisung von Frauenvorträgen erfolgte, einen beklagenswerten Eingriff in die akadeniische Freiheit. Ein Regierungskommissar entgegnet: Der Berliner Rektor handelte innerhalb seiner Kompetenz. Eine Beschwerde dagegen liege nicht vor. Die Regierung sehe sich somit nicht veranlaßt, sich mit der Sache zu befassen, sie mißbillige aber das Verhalten der Universitätsbehörde nicht. Abg. Watekamp meint, jeder Verein beschränke sich auf das Anhören aller Parteien, stelle sich also nicht in den Tienst einer einzelnen. Man konnte ihn also ruhig bestehen lassen. Abg. Ehlers (fr. Vgg.) wünscht eine ordentliche Professur für Landwirtschaft. Kultusminister S t u d t weist daraus hin, daß die kathol. Professur in Bonn nicht beabsichtigt sei. Es sei nun aber ein Nobile Officium, den altkatholischen Theologen Studienmitteln zu gewähren und ein Extraordinariat für philosophische Disziplinen in Bonn zu bewilligen. Abg. Nölle (nl.) wünscht, daß die Neueinrichtungen an der Universität in Münster nicht konfessionell zugeschnitten werden, und verlangt die Schaffung einer medizinischen Fakultät. Kultusminister Studt entgegnet, es sei Voraussetzung, daß, von der kathol. Fakultät abgesehen, die Universität keinen konfessionellen Charakter habe. Wegen der medizinischen Fakultät oder der Errichtung der gewünschten evangelischen Fakultät könne er noch keine bindende Zusicherungen geben. Abg. B an d e lo w (kons.) wünscht Turnhallen und Spielplätze für die akademische Jugend. Ministerialdirektor A l t h o f f sagt, daß Verhandlungen im Gange seien, um für die Berliner Studenten in der Nahe von Tahlem einen Spielplatz zu errichten. Der Rest des Kapitels wird dann debattelos genehmigt. Schwurgericht P. Gießen, 11. März. Die Beweisaufnahme ergab ein häßliches Bild nachbarlicher Verfeindung. Die Hauptbelastungszeugen, Schmied Curt Köhler und dessen Familie, sowie die Familie Gemmer leben in harter Fehde mit Kasch. Nach den Angaben des Wirtes West, der in seinen Wahrnehmungen durch die Aussagen der Zeugen Heinrich Chr. Gon ter und H. Jungk unterstützt wird, haben am fraglichen Abend zunächst die Angeklagten Köhler und Bambey die Wirtschaft verlassen, diesen folgte unmittelbar Kasch, und dann erst ging der Schmied Köhler fort, der so arg betrunken war, daß Jungk, der mit ihm ging, ihn halten mußte. Schmied Köhler bestreitet ganz entschieden, mit Kasch an der Molkerei zusammengetnoffen zu sein, vielmehr sei dies im Innern dss Hofes seiner Hofraite geschehen, und zwar seien die drei Angeklagten, als er im Begriffe gewesen, auf sein Haus zuzugehen, von hinten.her über ihn hergefallen. Er sei in seiner Angst die mehrstufige Treppe zur Hausthür hinaufgesprungen, um ins Haus zu gelangen, dieses sei aber verschlossen gewesen, weshalb er die Treppe wieder hinuntergesprungen sei, um durch die Kellerthür in das Haus zu flüchten. Dort seien Kasch, Bambey und Köhler ihm auf den Leib gerückt. Kasch habe ihn unter dem Raum, der vor der Kellertreppe sich besinde, hervorzerren wollen. Er habe sich gewehrt. Ob er ein Messer in der Hand gehabt, wisse er nicht. Er habe später zwar vor der Kellerthür sein Messer gefunden; er will aber damit nicht gestochen haben, dr habe seine Angreifer deutlich erkannt. Die Ehefrau und die Schwiegermutter des Schmied K. unterstützen dessen Bekundung. Die Wahrnehmungen, welche die Frauen gemacht haben wollen, decken sich mit den Aussagen des Schmied K. vollständig. Die Nachbarn Ditsch- l e r s Eheleute, bezeugen, daß sie in der fraglichen Nacht durch ein Geräusch in der Hofraite des K. geweckt worden seien, sie hätten auch einen Schrei, der ihnen von Köhler ausgcstoßen zu sein schien, gehört. Schneider Gemmer und vqjen Ehefrau, Nachbarn des Kasch, sind mit diesem und dessen Ehefrau verfeindet. Frau Gemmer will u. a. am Abend des 21. Oktober einen Disput der Eheleute mit angehört haben, der in der Kaschschen Wohnung stattgefunden habe. Kasch habe gerufen: „Dir zuliebe habe ich den Meineid geschworen, sei ruhig, wenn was auf mich kommt, dann." Frau Kasch habe gesagt: „Sei doch stille." Der Gemmersche Lehrling Grünewald hat den Disput der Kasch Eheleute angeblich auch gehört und bestätigt die Aussage, seiner Meisterin. In der darauf folgenden Nacht will die Frau Gemmer ein Gespräch belauscht haben, das Kasch mit dem Angeklagten Köhler aus der Strsaße geführt hat. Die Worte, die die Zeugin gehört hat, sind für die Angeklagten belastend. Was sonst noch in der Beweisaufnahme festgestellt wurde, sind mehr oder weniger Indizien. Jn- reressant ist nur noch, daß Schneider Gemmer, der von Kasch wegen Beleidigung verklagt wurde, die Anzeige wegen Meineid gegen die drei Angeklagten erstattet hat. Die an die Geschworenen gerichteten Schuldfragen sind wegen aller drei Angeklagten auf Meineid gerichtet. Außerdem ist der Jury die Milderungsfrage für jeden der Angeklagten aus § 157 d. Str. G. B. nämlich: „konnte die Angabe der Wahrheit, gegen die Angeklagten eine Verfolgung wegen eines Vergehens nach sich ziehen" vorgelegt. Staatsanwalt Reuß begründet die Anklage. Der Sck)mied Köhler sei zu Unrecht bestraft worden, weil die Strafkammer den beschworenen Aussagen der drei Angeklagten geglaubt habe unb weil dem Schmied Köhler der Entlast- ungsbeweis abgeschnitten worden wäre. Er sei überzeugt, daß Curt Köhler in jener Nacht in berechtigter Notwehr gehandelt habe. Es liege im Interesse der Gerechtigkeit, dem unschuldig verurteilten Schmied durch das Wiederaufnahmeverfahren seine Ehre zurückzugeben und ihm, soweit es das Gesetz zulasse, seinen materiellen Schaden zu ersetzen. Dies könne nur geschehen, wenn die Geschworenen durch ihren Wahrspruch die drei Angeklagten des Meineides für schuldig erklärten. Der Staatsanwalt hebt nochmals alle Momente hervor, die nach seiner Ansicht unbedingt ergeben, daß der Schmied Köhler in seiner Hofraite angegriffen worden sei. Ec bittet um Bejahung der Schuldfragen gegen alle drei Angeklagte und ebenso um Bejahung der Milderungsftagen. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Grünewald, führt den Geschworenen vor, daß die Meineidsverhandlung keine anderen Momente ergeben habe, als was bereits vor der Strafkammer festgestellt wurde. Es gehe nicht an, wollte mmi das Straskammerurteil einfach negieren. Denn es bestehe zu Recht. Ebenso aber bestünden die von den Angeklagten geschworenen Eide zu Recht. Der Verteidiger appelliert an die Urteilsfähigkeit der Geschworenen, an ihre Lebenserfahrung und Menschenkenntnis, wem in der vorliegenden Frage Glauben beizumessen sei. Darauf ver*- uchte der Verteidiger, die Ausführungen des Staatsanwalts zu widerlegen. Bei dem Wahrspruch der Jury handle es ich um das Wohl und Wehe dreier unbescholtener Familien. Er verlange nicht Mitleid oder Gnade für die Angeklagten, sondern Recht. Falls aber die Geschworenen nur d en geringsten Zweifel an deren Schuld haben würden, o müßten sie selbst in diesem Fall ihr Nichtschuldig für alle )rei Angeklagte aussprechen. Rechtsanwalt Tr. Spohr verweist darauf, daß es er-1 wiesen sei, daß Schmied Köhler an jenem Abend arg be-^ trunken war. Hieraus könne man aber nicht schließen, daß es unmöglich gewesen sei, die That gegen Kasch auszuführen. Einem Trunkenen sei alles möglich. Dr. Spohr schließt sichf im übrigen den Ausführungen Grünewalds an. Nach erfolgter Rechtsbelehrung ziehen sich die Geschworenen zu einer 20 Minuten dauernden Beratung zurück. Der Obmann, Fabrikdirektor Karl Block- Büdingen, verkündet den Wahrspruch, der die S ch u l d f r a g e n gegen die drei Angeklagten verneint, worauf der Gerichtshof auf Freisprechung erkennt und die Haftbefehle aufhebt. VAN HOUTENs CACAO ist ein ausserordentlich f nahrhaftes Getränk, welches einen wohl-' thuenden Einfluss auf die Nerven ausübt. Unübertroffen für den täglichen Gebrauch. P. Gießen, 12. März. Ein trübes Bild entrollte gestern die li/2 Stunde in Anspruch nehmende Verhandlung wegen Urkunden- Fälschung zum Zwecke des' Betruges, sowie wegen Entziehung gepfändeter Gegenstände gegen den bisher unbestraften 37 Jahre alten Landwirt August Ramm er von Eichelsachsen. Tie Anklage vertrat Staatsanwalt Zimmermann. Die Verteidigung führte Rechtsanwalt Katz. Der Angeklagte ist geständig. Er hat ein .Häuschen gekauft und die dazu nötige Anzahlung in .Höhe von 300 Mark auf einen von zwei Bürgen unterschriebenen Schuldschein von der Vorschußkasse in Nidda geborgt. Zu seinem Unglück starben die beiden Bürgen, er konnte aber weder das Darlehen an die Kasse zurückgeben, noch zwei neue Bürgen auftreiben. In seiner Not fälschte er die Unterschriften zweier Bürgen und die des Ortsgerichts. Damit verschaffte er sich ein Jahr Frist, und als die Zahlung dann nicht erfolgte, hielt die Niddaer Kasse sich an die Bürgen. Als Kammer sich entdeckt sah, ging er nach Amerika. Von Reue geplagt, kehrte er zurück und stellte sich am 2. Januar der Staatsanwaltschaft ftei- willig. Der Bürgermeister von Eichelsachsen stellt ihm ein gutes Leumundszeugnis aus. Tie Spar- und Vorschußkasse in Nidda hak nachträglich ihr Geld bekommen. Die Schuld fragen waren auf Urkundenfälschung in Verbindung mit Betrug sowie Pfandveräußerung gestellt. Wegen der Urkundenfälschung wurde die Nebenfrage aus mildernde Umstände den Geschworenen vorgelegt. Staatsanwalt Zimmermann plaidierte für Bejahung der Schuldfragen, bat aber die Geschworenen Milde walten zu lassen. Ter Verteidiger erklärte seine Uebereinstimmung mit den Ausführungen des Staatsanwalts. Ter Wahrspruch lautete dem Antrag des Staatsanwalts gemäß, worauf der Ge> richtshof auf 3 Monate 1 Woche Gefängnis gegen den Angeklagten erkannte und die verbüßte Untersuchungshaft von 2 Monaten auf die Strafe in Abrechnung brachte. — Landgerichtsrat Sandmann schloß daraus die Schwurgerichtssession. Vermischtes. Mün ch en-Gladb ach, 12. März. In der Maschinenfabrik Sempell wurde ein Arbeiter von einem 30 Zentner schweren Gußstück erdrückt. Er war sofort tot. Madrid, 12. Mrz, Ter Finanzmini st er erklärte gestern, von seinen: Amt zurücktreten zu wollen. Ministerpräsident Sagasta nahm die Demission nicht an. Da der Finanzminister auf seinem Vorhaben beharrt, glaubt man, daß Sagasta morgen der Königin-Regentin die Demission des ganzen Kabinetts überreichen werde. Montero Rios stattete der Königin-Regentin einen Besuch ab, der vielfach besprochen wird. Wien, 11. Marz^ Heute erschienen ein Infanterie- Hauptmann und ein Zivilist im Abgeordnetenhause, wo die beiden Herren eine Unterredung mit den Christlich-Sozialen hatten. Wie verlautet, überreichten sie von dem Redakteur Jlger eine Herausforderung zum Duell an den christlich-sozialen Abg. Mayer, was aber abgelehnt wurde. Tie Herausforderung geschah wegen eines Kasfeehausstreites beim Tarokspiel. Truppen wie ein Korporal drillte, sondern auch als Dramatiker, der Theaterstücke im eigentlichen Sinne des Wortes schuf, aus der Kulissenwelt heraus und für die Kulissenwelt geschaffen, nicht durch eigenes Fühlen und durch eigene Anschauung bestimmt, sondern ausschließlich durch die szenische Bühnenwirkung, „Architekturstücke", von denen er selber in seinen Schriften wiederholt mit sauersüßer Miene spricht, wo Zirkel und Winkelmaß ihre Schuldigkeit thun, straff im Aufbau, die Facade mit gefälligem Ornament verziert, das Innere aber kahl und nüchtern, da die Poesie draußen vor oer Schwelle geblieben war. Gerade der „Essex" ist dafür ein typisches Beispiel. Das Stück bleibt den Forderungen der Bühne nichts schuldig, denn alles ist wohl ausgeklügelt und korrekt und bühnenwirksam ausgeführt, es ist ein tadelloses Schulexerzitium, das als lehrreiches Musterbeispiel in jedem dramatischen Lebrbu'che am Platze wäre — aber freilich, es läßt uns kühl bis ans Herz, und die grausame Frage „Was ist uns Hecuba?" ist nicht wohl abzuweisen. Allerdings, Laube erhob selbst gar nicht den Anspruch, etwas ärgeres zu geben, als ein wirksames Theaterstück. Und lediglich von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, ist sein „Gras Essex" wahrlich nicht das schlechteste. Seine Beliebtheit, seine lange Lebensdauer verdankt es den Schauspielern. Der gewiegte Theaterpraktiker hat für sie fast lauter dankbare Rollen geschrieben. Die Gesichtsschlagsszene im 3. Akte mit ihrem Knalleffekt — das Wort ganz buchstäblich genommen, ist das beste Zeichen für Laubes eminenten Blick für das Theatralische. Unsere Heldendarsteller haben für den Titelhelden eine leicht erklärliche Vorliebe: dieser ins Laubesche übersetzte, d.h. vergröberte Egmont giebt ihnen Gelegenheit, alle Register zu ziehen von den süßen Flötentönen des girrenden Liebhabers bis zu dem dröhnenden Pathos des den Staat aus den Fugen reiheichen Empörers, von dem leichten, flotten Ton des sorglosen Epikureers bis zu dem furchtbaren Wut- schrer des au,s tätlichste beleidigten Offiziers und Edelmanns. Herr Gerl ach gab den Grafen Essex mit ritterlichem Anhand, mit Schwung und Feuer, und m den Gffektszenen auch mit starker Wirkung. Das Theatralische, die Pose vermied er so sehr als das Stück es zuläßt. Das Organ aber überanstrengte er mitunter allzu sehr und zuweilen ohne Not. Ich möchte bezweifeln, daß die Großen am Hofe der jungfräulichen Königin indianisch heulten. Die ganze Leistung bekundete jedenfalls ein ansehnliches Maß künstlerischer Intelligenz und schauspielerischer Routine; sie würde noch weniger anfechtbar sein, wenn Herr G. nicht einzelnes Wichtige, wie es so seine Art ist, scheinbar geradezu absichtlich hätte fallen lassen. Es kommt ihm nicht darauf an, manchmal in den bedeutsamsten Momenten farblos zu deklamieren und Unwesentliches mit Applomb hinauszuschmettern. Das joviale Moment kleidete er aber in diskrete Allüren. Die an Spannkraft und Deklamationskunst sehr bedeutende Anforderungen stellende Rolle der Elisabeth sah ich vor ein paar Jahren von der Darmstädter Hofschauspielerin Möbius-Kuhn. Unser Frl. v. Hellbronn bewältigte die große Aufgabe zweifellos mit anerkennenswerter Energie. Der lauernde, intrigante Grrmdzug in diesem, einer wenn auch abstoßenden Größe nicht entbehrenden Charakter hätte wohl noch etwas schärfer betont werden können. Und dann hätte zuweilen ein heiß aufstammender Strahl ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Essex die steife Selbstbeherrschung ablenken müssen. Ueberhaupt wünscht man diese innere, mühsam unterdrückte Leidenschaft einer Elisabeth in Momenten des Selbstvergessens zuweilen orkanartig hervorbrechen. Aber immerhin — alle Achtung vor dieser sehr respektablen und energisch ausgestalteten Bühnenleistung! In der Rolle der Gräfin Rutland gab Frl. Hohenfels wieder viel Gutes. Die rührende Anmut, die in dieser zarten Bühnengestalt wohnt, hat Frl. H. fein herauSgehoben, und ihrer Stimme, die ja viel Getragenes, man könnte fast sagen lehrhaft Schweres hat, lieh sie von einschmeichelndem Klange soviel als ihrer möglich. Zu vollerer Wirkung aber kamen die leidenschaftlichen Momente, und das Empfinden der Verzweiflung, viel weniger das des Glückes, schien der Künstlerin nicht nur auf den Lippen zu liegen; man hatte das Gefühl, als durchbebte es ihr ganzes Wesen. Innig und fein spielte sie die Wahnsinnszene, die übrigens unser Publikum gar nicht mehr zu wünschen schien, obwohl der Abschluß des Stückes fehlte; wollte es doch nach dem fünften Fallen des Vorhanges des Spieles genug sein lasten. Es kann ja hier die Ophelia-Scha blo ne nicht ganz unterdrückt werden. Bei Shakespeare hören wir das Rauschen der dunkeln Fittiche, mit denen die geistige Umnachtung sich herabsenkt. Mitleid und Grausen erfaßt das Herz, und die Schauer, die der wirkliche Wahnsinn erregt, ziehen durch die Seele. Die Laubesche Theatermache aber mit ihren allzu krassen Ueber- gängen i|t von absoluter Poesielosigkeit. Hier war schon der Versuch des Frl. H. nach psychologischer Vertiefung rühmenswert. Daß hin und wieder einige falsche Betonungen vorkamen, sei der Dame weiter nicht verübelt; so namentlich in der großen Szene mit Elisabeth, wo sie von dem Unterschiede der Empfindungen von Mann und Weib spricht. Am stärksten aber wirkte auf Essex': „Das kostet dich dein Leben", ihr „Nein, das ist ja nur Dein Leben, statt „Dein Leben." Nicht so ganz sattelfest war Herr Ramsey er als Raleigh, er verstand es aber immerhin, in der langen Erzählung des Straßenkampfes seine im ganzen wenig dankbare Partie genügend zu verwerten. In der kleinen, aber bedeutsamen Rolle des Southampton stand Herr Schneider wieder seinen Mann. Die Lady Nottingham hätte man weit besser Fräulein Feige übertragen sollen. Als alter Haushofmeister zeigte Herr Woisch wieder seine vollwertige komische Kraft, leider aber auch gleichzeitig seine bekannte Unsicherheit. Die kostümelle Ausstattung ließ nichts zu wünschen übrig. Die Kriegsdiamanten sollten wohl Zeugnis davon ablegen, daß England damals schon schauerliche Kolonialpolitik trieb; sie klangen sehr innerafrikanisch. P. Wittko. Städtischer Arbeitsnachweis Gießen w-rttÄ.'ÄS& *»= sr diener' 2 Laussrauen, 1 Büreaugehilfe. Nachfrage der Arbeitgeber: 1 Bäcker, 1 Schneider, 2schremer, 1 Fuhrknechl, 1 landiv. Arbeiter, 1 Laufmadchen, 3 Laustrauen, o Lehrlin g e: 1 Mechaniker, 1 Buchbinder, 2 Schreiner. Bekanntmachung. Km Pfandlokal, Seltersweg 11, werden Dienstag hett 18 März 1902, nachmittags 2 Uhr, die an Großh. Polizeiamt abgelieferten gefundenen und ^n den Verlierern nickt abqeholten Gegenstände, darunter verschiedene Gold- nnd Silbersachen, Taschenuhren, Sonnen- und Regenschirme, Stöcke rc. 2c. zu Gunsten der Armenkasse gegen -Barzahlung verstelge^'^n, ^rärz 1902. 2061 Die Armen-Deputation der Stadt Greßen. Wolff. Bekanntmachung. Im Pfandlokal, Seltersweg 11, dayicr werden Dienstag den 18. März 1902, nachmittags 3 Uhr, die aus dem Nachlaß verschiedener Personen herrührenden Gegenstände, als: Möbel, Betten, Kleidungsstücke, Haus- grräte, sowie ein fast noch neuer, ziemlich großer Handkoffer k. rc. meistbietend gegen Barzahlung versteigert. Gießen, am 11. März 1902. 2060 Die Armen-Deputation der Stadt Gießen. Aufgebot. Konrad Wenzel von Lang-Göns, Sohn der verstorbenen Kaspar Wenzel II. Eheleute daselbst, geboren am 9. Februar 1812, ist durch rechtskräftiges Urteil Großh. Amtsgerichts Gießen vom 21. Februar 1883 für tot erklärt, die Auslieferung seines Vermögens gegen Sicherheitsleistung für deffen Kapitalbetrag bis zum 9. Februar 1902 an seine Erben angeordnet und die bis zum Tage der Verkündung des Urteils nicht angemeldeten Erbansprüche an dessen Nachlaß ausgeschloffen worden. Die Bestellung der Sicherheit erfolgte durch Eintrag einer gerichtlichen Sperre in die auf den Namen Konrad Wenzel lautenden Einlagebücher der Spar- und Leihkaffe Lang-Göns Nr. 4211a und 4297. Da die bestellte Sicherheit nach Art. 156 des Ausf.- Ges. zum B. G. B. nunmehr an die Erben zurückgegeben werden kann, hat Kaspar Johannes Wenzel von Lang-Göns als Pfleger und Miterbe des Verschollenen beantragt, die Sperren der beiden Sparkaffenbücher aufzuheben und die Erben endgiltig in den Besitz und Genuß des Vermögens des Konrad Wenzel einzuweisen. Gemäß § 157 des Ausf.-Ges. zum B. G. B. und 947 der C. P. O. ergeht deshalb an alle Personen, insbesondere an Konrad Wenzel oder seine anderweitigen Erben, die sich nicht bereits gemeldet haben, die Aufforderung, spätestens im Aufgebotstermin » Montag den 1. Noncmber 1902, vormittags 10 Uhr, ihre Ansprüche und Rechte an den Nachlaß anzumelden, widrigenfalls die Sperre der Sparkaffenbücher aufgehoben und die als Sicherheit bestellten Einlagen den Erben überwiesen werden. Gießen, den 27. Februar 1902. 2058 Grostherzogliches Amtsgericht Gießen. Holz - Versteigerung. Versteigert werden: Dienstag d«»n 18. 1. Mts., vormittags 1(st/r Uhr, aus den Domanialwalddistrikten Hupp und Eisenkaute, Forstwartei Langd: Stämme: 6 Eichen Nr. 133, 134, 832, 833, 852 und 853 von 27 bis 48 om Durchm. und 4 bis 7 und 13 m Länge — 4,18 km. 22 Nadel Nr. 135—137, 395—409, 838 und 849 von 12 bis 39 cm Durchm. und 5 bis 17 m Länge — 11,61 km. 8 Buchen von 35 und 54 cm Durchm. und 4, 8 und 10 m Länge — 2,65 km. Derbstangen: 14 Eichen u. 2 Buchen (Deichseln, Langwieden). Nutzknüppel: 56 rm Eichen (in Schichten 4 m lang, fast fplindfreies Werkbolz). Scheiter: 280 rm Buchen 1. Kl.: Knüppel: 540 rm Buchen (450 rm Stammln.), 290 rm Eichen (210 rm in Schichten 2,5 m lang), 38 rm Nadelholz (27 rm in Schichten 3 m lang), 19 rm Aspen (9 rm in Schichten 3 m lang); Reisig: 1980 rm Buchen (1060 rm Stammrcisig), 1376 rm Eichen (252 rm Stamm- reisig), 174 rm Nadel, 44 rm Erle: Stöcke: 136 rm Buchen, 23 rm Eichen, 20 rm Nadel. Tas im Distrikt Eisenkaute und sonst zerstreut sitzende Holz (Gonterskircherschlag und Eckhardsmahr wird nicht vorgezeigt. " Fast sämtliches Holz sitzt an und in nächster Nähe der Hun- gen-Schottener und der Schottener Straße. Beginn der Versteigerung am Webersrain. Weitere Auskunft erteilt der Großh. Forstwart Büttner zu Langd. Eichelsdorf, den 10. März 1902. Großherzogliche Oberförsterei Eichelsdorf. Trautwein. 2062 GchMjkitsMttMrbalk von höchstem Nährgehalt leicht verdaulich und sehr schmackhaft. Aerztlich empfohlen. Niederlagen: Emil Kalbfleisch, Marburgerstr. Adolf Bieler, Marktstraße. Karl Eichmann, Nordanlage. Adolf Lcuhardt, Klinikstraße. Ludwig Gräf, Leihgesternerweg. goh. Seibel, LudwigSplatz. PH. Gans,, Tammstraße. Gg. Adami, Seltersberg. I. Trageser, Grünbergerstr. C. Heinzerling, Schiffenberger- weg. Alleiniger Produzent: 1210 F. FfeiSer, Yeustavt 24. Submiffions -Holzv erkauf. Aus den Domanialwaldungen der Obersörsterei Grünberg ollen 460 fm Fichten-Schnitthol; (von 30 cm mittl. Durchmesser an auswärts) und 890 ftu Fichten-Bauholz (von 12 bis 29 cm mittl. Durchmesser) auf dein Submissionsweg verkauft werden. Kauflicbhaber wollen ihre Gebote, ivelche aus die ganze Menge des ausgeschriebenen Holzes oder auf einzelne Schläge abgegeben werden können, getrennt nach Sortimenten, verschlossen und mit der Aufschrift „Submissionsbolzverkauf" versehen bis längstens den 85. iirz L .D. bei der unterzeichneten Stelle einreichcn, woselbst die Eröffnung der Gebote am 26. März, vormittags 10 Uhr, in Gegenwart der etwa erschienenen Submittenten erfolgen wird. 'Die Großherzoglichen Forstwarte Klipstein zu Reinhardsham, Kinkel zu Harbach, Zimmer zu Lumda, sowie die unterzeichnete Stelle erteilen auf Verlangen nähere Auskunft. Grünberg, 10. März 1902. Grobherzogliche Obersörsterei Grünberg. Schober. 2064 Ärnlag den 14 d Mts., nachm 4 Mr, soll im Stadtknabenschulbaus eine MI. Mug der gitililhi^tiler statt finden. Es werden zu derselben die Eltern und Arbeitgeber der Schüler und sonstige Freunde der Schule hierdurch eingeladen. Gießen, den 8. März 1902. 1915 Mecum, Bürgermeister. Hahn, Oberlehrer. Allgemeiner Verein für Armen- und Krankenpflege. Ordentliche Generalversammlung Dienstag den 18. März d. Js., nachmittags 5 Uhr, im oberen Saale des Gemeindehauses (Kirchstraße 9). Tagesordnung: 1. Jahresbericht. 2. Prüfling der Rechnung und Entlastung des Rechners. 3. Ergänzungswahl des Vorstandes. Die Mitglieder des Vereins werden hiermit auf Grund der §§ 4, 5 und 7 der Statuten ergebenst eingeladen. Der Vorstand: Schlosser. 1924 Hohversteigermig Montag den 17. März, vormittags 9 Uhr anfangend, soll im Leihgesterner Gemeindewald nachoerzeich- netes Holz versteigert werden: 3 Eichen-Schnittholzstämme von 6 bis 8 m Länge, 46 bis 54 cm Durchmesser — 4,30 tm. 100 Nadelstämme von 6 bis 12 m Länge — 31 fm. 82 Nadel - Derbstangen = 8 fm. 8 rm Buchen-Scheit. 14 rm Eichen-Scheit. 6 , Buchen-Knüppel. 12 , Eichen-Knüppel. 314 „ Nadel-Knüppel, hier« unter 70 rm von 2 bis 3 m Länge. 1800 Eichen-Wellen. 4000 Nadel-Wellen. 40 rm Eichen-Stöcke. 36 ,, Nadel-Stöcke. Zusammenkunft an der Kreisstraße Leihgestern — Gießen, Abteilung Mühlberg. Leihgestern, 10. März 1902. Gr. Bürgermeisterei Leihgestern. Heß 2035 Vorzüglicher dentscher n. franz. Kognak ärztlich empfohlen die Flasche von Mk. 1.50 an in gut gelagerter Qualität stets vorrätig bei 1396 A. & 6. Wallenfels, Weinhw red lang Tekphon46. 3Iarkt21 Für Hotels u. 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