Zweites Blatt. Mittwoch S. Juli 1902 153. Jahrgang Nr. 158 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Greßener Anzeiger werden im Wechsel mit dem kefstschen Landwirt die Gießener Zamllien- blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag bi. Brü h l'sche Untoerl. Buch-u.Stei. druckere! (Pietsch Erben) Redall 11. (Srpcbttühk um Druckerei: Gchulstratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Kernsprechanschluß Nr. 51. /5b W3T ä VezngSpreiSr ■ W monatlich75Ps.,viertes sietzenerAnzeiger« yJ ©eneral-aiydfler * "=ES Amts- Md Aiizetzeblatt für den Kreis Sichen SW ,. , zeigenteil: Hans Beck. Die heutige Yummer umfaßt 10 Seiten. Kyamöerlain oder Woseöery? Infolge der Erkrankung König Eduards ist Has öffentliche Interesse in England von einer Angelegenheit abgelenkt worden, die von der politischen Tagesordnung keineswegs verschwunden ist, wenn auch in letzter Zeit weniger von ihr die Rede war: von der Frage nämlich, Werder „kommende Mann", der k ü n s t i g e M i n i st e r p r ä s i - den t sein wird? Lvrb S a l i s b u r y ist betagt und körpeo- lich hinfällig; seine immerhin zähe Natur ermöglicht ihm Mar, die Staatsgeschäste formell zu führen, die th'atsäch^- lrche Leitung und Initiative geht aber schon jetzt nicht mehr von ihm aus, wie er denn auch an den parlamentarischen Verhandlungen sich nennenswert nicht mehr beteiligt. Es muß also mit seinem baldigen Rücktritt gerechnet werden, der ja auch gestern wieder einmal als bestimmt bevorstehend angekündigt wurde. Dieser kann plötzlich erfolgen, kann aber auch mit der nicht mehr fernen Ausschreibung der Neuwahlen zum Parlament zusammenfallen. Leitender Geist des gegenwärtigen Kabinetts ist unbestritten Mr. Chamberlain. Er fühlt sich in den Re- grerungsregionen sicherer denn je und weiß sich im Besitz der Legitimation" für die Bewerbung um das Ministerpräsidium. Der südafrikanische Krieg hat mit einem Erfolg für England »geendet, und welche Schatten auch während des wechselvollen Verlaufes des Krieges aus Chamberlains Charakterbild fielen, wie anfechtbar auch dieses Ministers Verdienst an dem Ausgang des Krieges sein mag — der Erfolg macht den Mann. Chamberlain ist populär, der Unfall, der ihn betroffen, mehrt die Sympathien im Volk. So schlimm fteht's daniit auch nicht. Sein Verbleiben im Hospital ist lediglich eine Vorsichtsmaßregel, welche die Aerzte angeordnet haben, da der Minister seine Amtsthätig- keit augenblicklich doch nicht wieder aufnchmen ftmn und die Aerzte absolute Ruhe für erforderlich halten. Chamberlain teilte dem Kolonial-Jnstitnte mit, daß er beim großen Reichskrönunasbankett am 11. Juli den Vorsitz zu führen gedenke. Es darf aber kühnlich prophezeit werden, daß man dereinst auch ihm, wie jetzt seinem politischen Gesinnungsgenossen und Helfershelfer, Cecil Rhodes, in England ein Denkmal errichten wird. Ist danach Joö Chamberlain als der kommende Mann anzusehen? Nun, er hat einen ernsten Mitbewerber um die leitende politische Machtstellung. Dessen Name war vor Halbjahressrist jenseits des Kanals in aller Munde: Lord Rosebery. Er stellte damals, als noch die Kriegswolken drohend über England lagerten, in seiner großen Rede zu Chesterfield seine Kandidatur auf. Was ui dieser Programmrede abfällig klang, richtete sich gegen Chamberlain. Ihm machte Lord Rosebery zum Vorwurf, durch seine Politik England um jeden moralischen Kredit gebracht zu haben, und diese Worte weckten damals unleugbar ein Echo im Volke. Seitdem ist Lord Rosebery allerdings öffentlich selten hervorgetreten. Die langwierigen Friedensverhandlungen, die freudige Erregung der Bevölkerung über den Friedensschluß, die Vorbereitungen zur Krönungsfeier, die jähe Unterbrechung durch König Eduards Erkrankung — in solchen Rahmen hätte die politische Fehde öer beiden Rivalen schlecht hineingepaßt. Doch die „Streitaxt" ist deshalb nicht begraben. Einerseits ist Lord Resebery nicht der Mann, der lediglich eines Augenblickserfolges halber in programmatischer Rede an die öffentliche Meinung appelliert, und dann darf nicht außer acht gelassen werden, daß Lord Rosebery so gut Imperialist ist, wie Chamberlain, daß man ihn durchaus den liberalen Unionisten zuzählen kann, die ihm im Fall seiner Berufung zum Kabinettschef willig Gefolgschaft leisten dürften. Für Mr. Chamberlain wäre des Bleibens in einem Ministerium Rosebery natürlich nicht, ebensowenig würde der Letztere zum Eintritt in ein Kabinett Chamberlain sich bereit finden lassen. Einer oder der Andere — so liegt die Frage. Möglicherweise entscheidet sie der König s. Zt. dahin, daß er weder dem Einen noch dem Anderen, sondern einem Dritten, etwa dem Schatzlord Balfour, das Ministerpräsidium anbietet. Ob aber der ehrgeizige Mr. Chamberlain das Fehlschlagen seiner Hoffnungen in dieser Form hinnehmen würde, erscheint sehr zweifelhaft. Der Rücktritt Lord Salisburys ist also von nicht geringer Bedeutung für die Zukunft Chamberlains. Politische Tagesschau. Die Erhöhung der sächsischen Zivilliste. Die zweite sächsische Kammer hat die neue Zivilliste, das Wittum der Königin-Witwe und die erhöhten Apanagen nach der Regierungsvorlage einstimmig bewilligt. Es handelt sich nach Abzug einiger in Zukunft wegfallenden Summen, um einenMehrbetrag von 6 3 7 7 0 0 Mark. Das Verhältnis der Zivilliste zu dem gesamten Staatsauswand bietet in den letzten Jahren ein immer günstigeres Bild, die der Vorlage beigegebene Begründung enthielt darüber folgende Zahlen: Jahr Staatsaufwand 1831 15 622 385 Mk. 1855 27122 706 „ 1864 40 976 952 ., 1872 41258 757 „ 1874 47 492 919 „ 1892 74 965 369 ,, 1902 92 793 960 „ klebrigen wies die Vorlage ziffernmäßig nach, daß die Mehrausgaben der Zivilliste für das Hoftheater (seit 1874 mehr 208 200 Mark), für Hofpensionen und Gehalt (mehr 243 300 Mk.), für Instandhaltung der der Krone gehörenden Gebäude :c. die jetzige Erhöhung noch um einiges übersteigen, so daß auch nach der Erhöhung eingreifende Ersparnismaßregeln im königlichen Haushalte, vorgenommen werden müssen. Der „Vorwärts" freilich ist der Meinung, zur Bestreitung seines Aufwandes reiche für den König Georg sein großes Prioatvernrögen allein schon hin, und spöttelt über die „königliche Lohnzulage". Eine polnische Herausforderung. Noch ehe überhaupt Einladungen an die Mtglieder des Posener Provinziallandtages zu den Fest- lrchkerten anläßlich des bevorstchenden Besuches des Kaisers ergangen sind, haben die polnischen Mitglieder dieser Körperschaft an den Oberpräsidenten v. Bitter ein Schreiben gerichtet, in dem sie eine Einladung ablehnen! Diese Absicht der Herren Polen war zuerst dem Ausland bekannt geworden. Die einer Herausforderung glerchkommende Kundgebung steht in schreiendem Gegensatz zu dem Tone der unterwürfigsten Loyalitätsversicherungen, in denen das Schreiben an den Oberpräsidenten abgefaßt ist. Die Idee einer Losreißung von Preußen weisen die Unterzeichner der Kundgebung als „grundlose Verlästerung mit Entrüstung" zurück'! Zur Unverschämtheit gesellt sich hier Hohn und Heuchelei. Jedes polnische Blatt predigt als unverrückbares Ziel die Unabhängigkeit eines einigen, großen Polenreiches, d. h. Losreißung der Provinz Posen von Preußen; und die geistigen Führer dieser Polenbewegung wagen es noch, Worte der unerschütterlichen Königstreue zu schreiben und Versicherungen abzugeben, an der inneren Festigkeit des Staatsbaues weiter zu arbeiten! Der Wortlaut des Ablehnungsschreibens ist wie folgt: „Excellenz! Da es sicher zu fein scheint, daß während der bevorstehenden Anwesenheit des Kaisers auch ben, — 9,87 v. H. d. Staatsaufw. u 1/ Zivilliste 1 541 667 Mk. 1710 000 „ 1845 000 „ 1 935 000 „ 2 850 000 „ 3 052 300 ,, 3 052 300 „ (3 500 000 ,, 6,31 4,50 4,69 6,00 4,07 3,12 3,58 Amerikanischer Größenwahn. Den Besuch Pie rpontMorgans in Berlin meldet der „Newyork-Herald"-Korrespondent seinem Blatte in folgenden charakteristischen Worten: „Mr. Pierpont Morgan traf heute nachmittag in Berlin ein und wurde wie ein Monarch empfangen. Eine große Volksmenge versammelte sich vor dem Hotel Bristol, wo Aufwärter und Hotelpagen ein doppeltes Spalier bildeten. „Ich traf mit dem Kaiser zusammen und er gefällt mir", sagte Mr. Morgan zu dem „Herald"-Korrespondenten. Als Illustration hierzu bringt der „Herald" an der Spitze des Blattes zwei Photogramme, links den Kaiser als sehr jungen M ann, etwa im Anfang der Zwanziger, mit der Marinenmütze, und rechts neben ihm Äerrn Pierpont M o r ga n mit einer Art Bis m arckkop s/der das jugendliche Antlitz des Kaisers um fast das Vierfache übertrifft. Nebenbei bemerkt, wird kein Mensch in'des Kaisers Photogramm Wilhelm II. erkennen. Daß die ganze Meldung reiner Schwindel ist, bedarf natürlich keiner weiteren Ver- Provinzialständen die hohe Ehre zu Teil werden soll. Seine Majestät den Kaiser und König im Ständehauss in Posen zu begrüßen, fühlen wir uns, um später nicht vielleicht in die allerhöchsten Dispositionen Verwirrung zu bringen, verpflichtet, schon heute Euer Excellenz nachstehende Erklärung vorzulegen: Durch die neuen gesetzgeberischen Maßnahmen gegen dre Polen, sowie durch den uns aus dem Munde Sr. Majestät gemachten, tief von uns empfundenen Vorwurf schwer betrübt, können wir nicht mit freudigem Empfinden vor das Angesicht unseres allergnädigsten Kaisers und Königs treten. Wir würden int Falle unserer Anwesenheit durch unsere Trauer nur die Fröhlichkeit der Feier trüben. Darum sehen wir uns gezwungen, Ew. Excellenz zu bitten, unsere Abwesenheit an allerhöchster Stelle rechtfertigen zu wollen. Ungeachtet aller Maßnahmen, deren Zweck unsere nationale und materielle Hintansetzung auf vaterländischem Boden ist, ja noch mehr, welche sogar die Herzen unmündiger Kinder zum Tummelplatz politischer und religiöser Kämpfe gewählt haben, wollen wir, eingedenk der Gebote Gottes, auch weiterhin Sr. Majestät des Kaisers und Herrn getreue Unterthanen sein. Da wir uns in unserem Verhältnis sowohl dem Staate als auch der allerhöchsten Person des Monarchen gegenüber keiner Schuld bewußt sind, da wir die uns zugeschriebene Absicht, uns loszureißen oder den Bestand der Monarchie zu ändern, als grundlose Verleu mdung mit Entrüstung zurückweisen, darum warten wir, vertrauend aus die Allmacht des höchsten Lenkers der menschlichen Geschicke, sowie auf den wiederholt konstatierten Scharfsinn des allergnädigsten Herrn, mit voller Bestimmtheit aus die Stunde, in welcher der künstliche Dunst, der uns umgeben hat, zerfließen und die Reinheit unseres Denkens als Staatsbürger und Unterthanen vor den Augen des Kaisers erstrahlen wird. Dann werden wir endlich in der heute von uns erwünschten Lage sein, wo wir getreu unserer Kirche, getreu unserer Nationalität, bei der wir verharren wollen bis zum letzten Atemzuge, imstande sein werden, Sr. Kaiserlichen Majestät, unserem allergnädigsten Herrn nicht nur Treue darzubringen wie jetzt, sondern auch aufrichtige Freude und Dankbarkeit, wo wir in Frieden und gegenseitiger Achtung gemeinsam mit unseren deutschen Mitbürgern an der inneren Festigung des Staatsgebäudes werden arbeiten können." Unterzeichnet ist die Erllärung von Michael Bogu- linski, Dr. Julian von Chelmicki, Apolinarius Hoffmann (!), Joseph v. Koscielski, Kosicki, Adalbert v. Lubienski, St. v. Morawski, Wladislaus Lobermeyer (!), Nikolaus Placzek, Fürst Anton o. Sulkowski-Reisen, Graf Theodor v. Zoltowski und Zablocki. Gießener Madttyealer. Das Winterhalbjahr ist und bleibt für die meisten Städte, namentlich Die kleineren, die eigentliche Theaterzeit. Brennt dagegen die Sommersonne in die heißen und staubigen Straßen hinein, dann folgt auch die Kirnst Thalias dem großen Strome der Ruhededürftigen und Erholungsuchenden und flüchtet in die Erquickung und Heilung spendenden Bäder. Aber nicht aus hohem Koturne in tragischem Gewände erscheint sie dort, sondern leicht geschürzt und mit frischen Blumen bekränzt. Statt der schweren und wuchtigen Weisen der Oper erklingen nur noch die prickelnden, oft an ein flottes Tänzlein gemahnenden Melodien ihrer jüngeren, lebenslustigen Schwester, der Operette. Nicht mehr die Erweckung von Furcht und Mitleid, wie es in den Regeln des Aristoteles heißt, sucht der Theaterbesucher, sondern eine angenehme Unterhaltung, die dem Geiste wenig, der Lachlust um so mehr zu thun giebt. Unsere Stadt, die den Vorzug besitzt, in der Nähe von einigen Badeorten zu liegen, hat für ihr Kunstleben schon manchen Gewinn daraus gezogen. Es sei beispielsweise nur an die Mitwirkung des trefflichen Homvur- g e r K u r o r ch e st e r s in unseren Konzerten erinnert. Für diesen Sommer aber hat sich der rühmlich bekannte Direktor Karl entschlossen, mit dem von chvl seit mehreren Jahren geleiteten Emser Sommert Heater eine Reihe von Vorstellungen zu geben. Nachdem vor 14 Tagen der Vogelhändler gewissermaßen als Proüepseil vorausgesandt worden war, erfolgt jetzt in kürzeren Zeitabstän den die Aufführung von sechs durch, den Theaterverein «ausgewählten Operetten. Für den ersten Abend (Dienstag) kann mit voller Freude und Anerkennung ein Treffer verzeichnet werden. Eine neuere französische Operette „Die Puppe" von Edmond And ran wurde zum ersten Male hier gegeben, ein Werk, dem von vielen anderen Bühnen her schon ein guter Rus vorausgeht. Eine durchaus originelle Handlung ist hier mit Geschick durchgesührt, mit hübschen Witzen ausgestattet, und mit ansprechenden und flüssigen Melodien versehen. Ein junges Mädchen erscheint als Puppe, als sprechender, tanzender und singender Automat — natürlich darf das Wortspiel „Automädchen" nicht fehlen. Auch von diesem Wesen würde der Dichter Brentano vielleicht sagen: Keine Puppe, es ist nur Eine schöne Kunftfigur. Denn eine große Kunst gehört thatsächlich dazu, um den vielerlei Schwierigkeiten dieser Figur gerecht zu werden, und nach keiner Richtung hin blieb Frl. Else Berger, die Hauptheldin des Abends, hinter den gestellten Anforderungen zurück Wie auf einem Räderwerk, und doch immer graziös schnurrte diese niedliche Puppe dahin, ihrer klangvollen Stimme wußte sie, wo es not that, den knarrenden Ton des Automaten zu verleihen; wenn sie dagegen als die 18 jährige stark verliebte Alesia Hilarius erscheinen durste, so war sie von entzückender Ausgelassenheit, Frische und Liebenswürdigkeit. Ihr Partner, Herr Lerchenseld, betonte die Schüchternheit des ejungen Lancelot zu sehr und erschien oft ungelenker und unsympathischer als gerade nötig war. Doch.ist auch seine Leistung im ganzen als tüchtig anzuerkeunen. Gesanglich zeichnete sich umer den Herren wohl Herr Werblowski am meisten aus, dem seine gutgeschulte Baßstimme bei der Verkörperung des Klosterw rstehers Maximius sehr zu statten kam. Eine reiche Dosis von Humor und Beweglichkeit entwickelte Herr Groß als genialer, beinahe üb er geschnappter Puppenfabrikant. Auch die Herren Walter, Herrmann und Joost, sowie die Damen R o s en und Br e s s e l verdienen in ihren Rollen zweiten Ranges alles Lob. Was die Inszenierung angeht, so gefiel wohl der- Puppensaal des zweiten Aktes am besten, namentlich als am Schluß sich ein fo starkes mechanisches Leben in ihm entwickelte. Die örtliche Zweiteilung im letzten Akt dagegen, die schon auf den größeren Bühnen keinen rechten Anklang gesunden hat, erschien auf unserer kleinen Bühne nur als ein Notbehelf. , , Das Orchester (ein Teil der hiesigen Regimentskapelle) folgte den, oft mit raffiniertester Bühnen-Technik heraus- gektügelten Partien ebenso exakt, wie den feineren Jnten- tronen semes tüchtigen Kapellmeisters F ü r st b a u e r. Wenn bie noch folgenben fünf Vorstellungen aus der Höhe dieser ersten stehen, so wird kein Theaterfreund ihren Besuch zu bereuen haben. Frankfurter Stadttheater. Die Oper ist in bte Ferien gegangen. Unterdessen arbeitet unser Schauspiel an dem Dramen-Cyclus zum Llbschiede vom alten ^chausptelhause munter weiter. Nach Jsflands „Jäger" wurden jetzt nacheiuanber aufgeführt: „Miß Sara Lampson" von Lessing, „Die deutfchen Kleinstädter" von Aug. v. Kotzebue uud „Die Schleichhändler" von Ernst Raupach. Alles Dichtungen, deren Geburtsjahr um ein Jahrhundert unb mehr zurückliegt, und trotzdem von einer Wirkung, die nicht im historischen Interesse allein begründet ist. Herr Jndentant Claar hat mit diesen Ausgrabungen einen großen künstlerischen Erfolg persönlich und für unser Schauspiel, errungen. ,M>eruug. Kein Mensch hat sich in Berlin um Mr. Morgan gekümmert, weil niemand von seiner Anwesenheit etwas wußte. Selbst wenn man dieselbe gekannt hätte, würden die Berliner den amerikanischen Trustkönig doch in keiner Weise gefeiert haben. Den Amerikanern ist die Freundlichkeit, die chnen deutscherseits durch den Besuch des Prinzen Heinrich und durch den Empfang Morgans beim Kaiser erwiesen' ist, augenscheinlich sehr zu Kopfe gestiegen. Auf uns kann eine solche Aeußerung des. Größenwahns nur einen komischen Eindruck machen. __-__ Rußland protestiert! Ans Berlin, 8. Juli, wird uns geschrieben: ' Durch den formellen geharnischten Protest Rußlands gegen die Brüsseler Zuckerkonvention haben die deutsche Zuckerindustrie und die rübenbauende Landwirtschaft eine unerwartete und starke Unterstützung erhalten.. Man wird in den Kreisen der Konservativen nur das Eine lebhaft bedauern, daß der Einspruchs nicht/schon früher erfolgt ist, zu der Zeit, als im Reichstag die von dieser Seite hartbesehdete Konvention und die Novelle zum Zuckersteuer- gesch durch Mehrheitsbeschluß zur Annahme gelangten. Hebet den Protest einer Macht wie Rußland kann auch jetzt von den anderen an der Konvention beteiligten Mächten nicht wohl zur Tagesordnung übergegangen werden; die russische Regierung führt das schwere Geschütz auf, daß sie in der etwaigen Anwendung der Brüsseler Vereinbarungen gegen die russische Zuckerausfuhr eine Verletzung der bestehenden Handelsverträge erblickt. Mit anderen Worten: Die russische Regierung behält sich Bergeltungsm aßregeln für diesen Fall vor, und was Rußland auf dem Gebiet von Repressalien leisten kann, hat es wiederholt und in empfindlichster Weise gezeigt. Eine höchst unangenehme Ueberraschung für diejenigen Mächte, darunter auch Deutschland, welche die so außerordentlich schwierige Zuckerfrage durch die Brüsseler Konvention glücklich gelöst glaubten! Unter diesen Umständen gewinnt Bedeutung, daß, wie wir erfahren, in der deut- fchen Zuckerindustrie eine Agitation eingeleitet ist, um noch jetzt die Brüsseler Konvention zu Fall zu bringen. Es soll eine gemeinsame Aussprache der Interessenten herbei geführt und nötigenfalls auf die Zuckerfabriken der Nachbaarstaaten, in Oesterreich-Ungarn, Holland, Belgien, Frankreich einzu- ttriifen versucht werden, daß von diesen Staaten die Konvention nicht angenommen wird. Uns liegt ein sehr instruktiv geschriebener Aussatz vor, worin ein wissenschaftlich gebildeter Landwirt lebhaft dafür eintritt, daß die Konvention wenigstens in ihren hauptsächlichsten Punkten abgeändert werde. Die Pointe der Ausführungen liegt in dem programmatisch vorangestellten Satz: „Wir brauchen für Europa keinen Rohrzucker!" Im letzten Grunde bedeute die Brüsseler Konvention nichts anderes, als daß die alleuropäische Rübenzuckerindustrie der tropischen, insbesondere der englischen Rohrzuckerindustrie ans Messer geliefert werden solle. Das Ziel müsse aber sein: daß Europa nur europäischen Zucker verbrauche, und daß somit auch fernerhin die Millionen in Europa verbleiben, die nach den Absichten der Brüsseler Konvenllon nach den Tropen wandern sollen. — Wir geben diese Ausführungen wieder, well sie zum Verständnis der Bewegung in den beteiligten Kreisen dienen, die zumal nach dem Protest Rußlands aufs neue sich entfalten wird. Vor allem erhebt sich die Frage: Wie verhält sich Rußlands ergebener Verbündeter, Fr an k- reich, das soviel Anteil hat an dem Zustandekommen der Brüsseler Konvention, gegenüber dieser kategorischen Erklärung ? Frankreich wird Rußland bei den auf A n u l l i e - rung der Konvention gerichteten Bestrebungen mindestens keinen Widerstand entgegensetzen können. Denn aus das Ziel kommt es hinaus, wenn die russische Regierung den Mächten den Vorschlag unterbreitet, die Frage „in ihrem ganzen Umfange zu prüfen" nämlich nicht nur die Zuckerprämien-Frage, sondern auch die Bedeutung der verschiedenen Waren-Syndikate, „die von der Regierung geduldet oder begünstigt werden". Ein deutlicher Wink. Rußland giebt zu verstehen: Schlagt Ihr unseren Zuckerexport, fo schügen wir zur Revanche Eure Eisenindustrie usw. durch entsprechende Zollbehandlung._________________ Deutsches Reich. Berlin, 8. Juli. Aus Fr ed er iksh avn wird gemeldet: Nach guter, wenn auch etwas bewegter Fahrt ging die ,^oh enzollern" mit dem Kaiser an Bord in vergangener Nacht bei Stag en vor Anker. — Der Besuch des Königs Von Italien am deutschen Kaiserhose ist sür Ende August in Aussicht genommen und wird drei Tage in Anspruch nehmen. Die zu Ehren des Gastes geplante Parade ist auf den 30. August festgesetzt worden. — Der „Reichsanz." veröffentlicht die Verleihung des Kronenordens 1. Klasse an den Geheimrat Krupp zu Essen. — Die für heute abend anberaumie antisemitische Versammlung, in der Graf Pückler sprechen wollte, ist seitens des Polizeipräsidenten v. Windheim aus ord- nungs- und sicherheitspolizeilichen Gründen verboten worden. In der Verfügung heißt es, daß nach den Vorgängen in der letzten derartigen Versammlung auch heute eine Störung der öftentlichen Ruhe und Ordnung zu erwarten gewesen sei. Die „Staatsb. Ztg." bezeichnet natürlich die Verfügung als einen unberechtigten Eingriff in das preußische Vereins- und Versammlungsrecht. — Wie ein parlamentarischer Berichterstatter meldet, hat die wachsende Ausdehnung der sozialdemokratischen Reden in der ZolltariskomMission die Besorgnis gesteigert, daß die Arbeiten nicht rechtzeitig erledigt werden könnten. Es sollen Erwägungen über Geschäftsordnungs-Bestimmungen im Gange sein, durch die es möglich wäre, ohne die Rechte der Minderheit zu beschränken, eine Beschleunigung des Fortganges der Arbeiten zu erreichen. Den sozialdemokratischen Mitgliedern sollen bereits dahingehende Andeutungen gemacht worden sein. Bochum, 8. Juli. Der „Wiarus Polski" teilt folgendes mit: Die Bergbehörde habe angeordnet, da sämtliche unter der Erde arbeitenden Grubenarbeiter de deutschen Sprache mächtig sein müßten. Die Staatsanwälte überwachten diese Anordnung insoweit, daß sie jeden .Grubenarbeiter, der vor Gericht eine Aussage zu machen habe, der deutschen Sprache aber nicht mächtig sei, bei der Bergbehörde zur Anzeige brächten. Es sei kürzlich vorgekommen, daß ein Grubenarbeiter auf dem Bochumer Gericht erklärt habe, deutsch nicht zu verstehen. Als der Vorsitzende den Staatsanwalt aufgesordert habe, diesen Fall der Bergbehörde zur Kenntnis zu bringen, habe der .Arbeiter plötzlich angefangeu, deutsch zu sprechen. Den Verhandlungen habe auch die Ehefrau des Arbeiters beigewohnt. Als no,ch. beendeter Verhandlung der Arbeiter den Korridor betreten, habe ihm seine Frau schwere Vor- tgOtfe darüber gemacht, daß er sich habe verlellen lassen, deutsch zu sprechen und ihm schließlich eine schallende Ohrfeige und einen Fußtritt versetzt, sodaß er vor dem „patriotischen" Weibe schnell flüchten mußte. Ter „Wiarus Polski" erzählt diesen Vorfall so ausführlich, mit der deutlichen Absicht, alle polnischen Frauen möchten sich in ähnlichen Fällen ebenso „patriotisch" zeigen . Karlsruhe, 8. Juli. Die Erste Kammerbeschloß im Einblick auf den bevorstehenden Schluß des Landtages, von' einer Beratung des Gesetzentwurfs betreffend die Einführung des direkten Landtagswah lr echts abzusehen. (Tont comme chez nous!* D. Red.) Stuttgart, 8. Juli. Die Abgeordnetenkammer trat mit 43 gegen 34 Stimmen für die Ein- uhrmig einer obligatorischen Besteuerung der Wareuhäuserdurch die Gemeinden ein. Die Regierung wollte eine fakultative Steuer. Ein Antrag der Steuer- kommission, die Warenhaussteuer ganz fallen zu lassen, wurde mit 49 gegen 27 Stimmen abgelehnt. München, 8. Juli. Die sozialdemokratische Land- tagsfrallion beantragte beim Etat für Reichszwecke, an den Ausgaben von 24 000 Mk. (Diäten und Reisekosten) den auf die Bund es r atsv er tret er entfallenden Betrag so lange zu streichen, bis die Reichjstagsabgeord- neten die Diäten erhallen. Ausland. London, 8. Juli. Der 12. August soll sür die Krönung des Königs amtlich in Aussicht genommen ein. Wenn dies nicht möglich sei, solle der, darauf fallende Dienstag, der 19. August, der Krönungstag sein. Doch werde >er König nur an der Fahrt nach der Westminster-Abtei, nicht aber an der Umfahrt teilnehmen, die übrigens eingeschränkt werden soll. Die Krönung soll wesentlich auf die religiöse Zeremonie beschränkt bleiben. — Oberhaus. Brassay legt dar, daß England eine von ihm einst eingenommene Position bezüglich >er schnell fahrenden Handelsdampfer v e r - oren habe und daß die englischen Schiffsbauer nicht versuchten, mit den deutschen Rhedern in Bezug auf die Schnelligkeit der Dampfer zu wetteifern. Der Erste Lord der Admiralität, Earl of Selbornc, führt aus, das Zurückbleiben Englands im Bau sehr schneller Dampfer ei darauf zurückzuführen, daß die auswärtigen Staaten S u b s i d i e n in höherem Betrage zahlten, als von England je En Erwägung gezogen sei. Solche Schiffe machten sich in kommerzieller Beziehung nicht bezahlt und benötigten deshalb Subsidien. Bezüglich des atlantischen Schiffahrtstrustes erklärt Selborne, die englische Regierung hege keinerlei Eifer- ücht gegenüber dem Verlangen Amerikas, eine eigene Han- )elsflotte zu besitzen. Amerika sei zu der vollen Beteiligung am atlantischen Handel berechtigt, England könne aber nicht zugeben, daß es selbst aus dem atlantischen Handel vertrieben werde. Die Regierung stehe dem Truste in keiner Weise feindlich, aber voller Besorgnis gegenüber. Paris, 8. Juli. Der Ministerrat ermächtigte den Finanzminister Rouvier, in der Kammer heute die Gesetzesvorlage einzubringen, durch die die 31/2prozentige Rente in eine 3prozentige umgewandelt wird. Die Inhaber der 3r/2prozentigen Rente beziehen ihren gegenwärtigen Zinsertrag bis 31. Dezember 1902. Weiter soll chnen mit dem letzten Koupon des Jahres eine Bonifikation von 1 Frcs. für 3,50 Frcs. Rente, 0. h. ein Aequiva- lent für das ausbezahlt werden, was sie während 4 Jahren erhalten hätten, wenn eine Konversion in einer Z^proz. Rente stattgefunden hätte. Dadurch verringert sich der jährliche Gewinn -aus der Konversion um zwei Millionen. Finanzminister Rouvier wird für das Budget 1903 über 32 Millionen verfügen können. Der Staat, verpflichtet sich, während acht Jahren keine neue Konversion 3proz. Rente weder neuer noch alter vorzunehmen. — Marineminister Pelletan hat die Direktoren der Schiffswerften des Mittelmeeres und der Gironde zu sich berufen, um von chnen die Ver zi cht l ei st u n g auf die von dem früheren Marineminister bei den betr. Werften gemachten Bestellungen aus mehrere größere Schlachtschiffe zu erlangen. Dieses Verlangen wurde jedoch abgelehnt. Der Minister ist aber entschlossen, diese Verzichtleistung unter allen Umständen herbeizuführen. Rom, 8. Juli. Der Zar wird den Besuch des italienischen Königspaares im Januar erwidern. Wie der Zar Zanardelli mitgeteilt Haven soll, will Kaiser Nikolaus an den Tauffeierlbchkeiten für den italie Nischen Königs- spr offen teilnehmen, dessen Geburt im Dezember erwartet wird. Petersburg, 8. Juli. Der Entbindung der Zarin wird in Zarskoje Selo bereits sür Ende Aug ust entgegensehen. Wie es heißt, will der Kaiserhof, sobald die Zarin wieder reisefähig ist, sür mehrere Monate nach Livadia in der Krim übersiedeln. Heer und Flotte. An Stelle des jüngst in Wetzlar verstorbenen Generalmajors Nirrnheim wurde Oberst Schneider vom 4.Artillerie-Regiment in Magdeburg zum Kommandeur der 21. Feldarüllerie-Brigade, mit dem Sitze in Frankfurt a. M., ernannt. Major Freiherr v. G illern vom 10. Feldattillerie- Regiment in Hanover wurde als Kommandeur des 4. Feldartillerie-Regiments nach Magdeburg versetzt. Aus Stadt und Zand. Gießen, 9. Juli 1902. ” Zweite Kammer der Land stände. Die Tagesordnung zur 127. Sitzung am 10. Juli bringt im wesentlichen nur die Wünsche der Butzbacher und Groß-Umstädter nach Ausbau ihrer Realschulen zu Ober-Realschulen. Der feierliche Schluß des Landtags findet am Freitag im Großh. Residenzschloß statt. •* Oeffentliche Lesehalle. Im Juni wurden 1798 Bände ausgeliehen.. Von diesen Bänden kommen auf: Erzählende Litteratur 928, Illustrierte Zeitschriften 454, Verdichtungen 12, Litteraturgeschichte 11, Jugendschriften 208, Länder- und Völkerkunde 29, Kulturgeschichte 8, Geschichte und Biographien 61, Naturwissenschaft, Technologie 67, Seewesen 10, Gesundheitslehre 6, Staatswissenschaft 4 Bände. Nach auswärts kamen 42 Bände. — Vom 16. Juli bis 1. September bleibt die Bücherausgabe geschlossen» ** Stadtbaurat Schmandt. In mehreren auswärtigen Blättern, wie auch in der hiesigen „Mitteldeutschen Sonntags-Zeitung" ist das Ausscheiden des Stadtbaurats Schmandt mit Angriffen in Zusammenhang gebracht worden, welche in der Stadtoerordneten-Versammlung vor einiger Zell gegen das Stadtbauamt gerichtet worden seren. Wie wtr aus zuverlässiger Quelle erfahren, ist diese in Form einer „Vermutung" gebrachte Meldung unzutteffend. Es wurde Herrn Schmandt lediglich eine Stelle in Köln unter so günstigen Bedingungen angeboten, daß er sich zu deren An- nähme und zur Aufgabe der Stelle des Stadtbaurats von Gießen entschlossen hat. * * Gießener Stadttheater. Wegen Erkrankung einer Sängerin fällt das für heute angekündigte Gastspiel des Emser Kurtheater-Ensembles aus. • * Das Tiroler-Gesangsquartett (Süddeutsche Bauern) wird am Freitag den 11. Juli im Gatten des Cafs Leib konzertieren. Freunde des Gesanges seien besonders auf dieses Konzert, das aus Koschats Steirer- und Kättner-Liedern besteht, hingewiesen. * * Der Vorstand des hessischen Zweiges der Südwestdeutschen Konferenz für Innere Mission hat an das Ministerium wie an die 1. Kammer der Landstände eine Eingabe gerichtet, die mit folgenden Worten schließt: Wir halten es für wünschenswett, daß, wie in Gießen, auch in anderen Städten durch Ottsstalut die Konzessionser» teilung beschränkt werde und auch auf dem flachen Lande möglichst scharf der Nachweis des Bedürfnisses gefordert und den daraus bezüglichen Ausführungen der Gemeindeoorftände so viel wie möglich stattgegeben werde. Wenn wirtlich ein Versehen geschähe rind eine Wirtschaft zu wenig erlaubt wurde, wäre das kein Schaden, während eine Wirtschaft, die überflüssig ist, in skrupellose, gewandte Hände gekommen, großen Schaden anttchterr farm. Weil die Not unmäßigen Alkoholgenuss es schwer lastet auf dem Wohlergehen unseres Volles unb Verringerung statt Vermehrung der Wirtschaften die Parole der Zukunft ist, well eine, dem entgegenstehende Maßnahme der Regierung in weilen Kreisen unseres Volkes nicht verstanden werden, sondern zur Irreführung des öffentlichen Urteils beitragen würde, so wiederholen wir ehrerbietigst obige Bitte: Dem Beschluß der 2. Kammer vom 25. April betr. Antrag Möllinger nicht stattgeben zu wollen." — Homburg, 8. Juli. Nach einer dem Landrcll von Meister und dem Bürgermeister von Marx zugegangenen Mitteilung hat der Kaiser beschloffen, die feierliche Ent- hüllung des Kaiserin Friedrich-Denkmals zu Homburg am 19. August und diejenige des Kaiser Friedrich-Denkmals zu Cronberg nebst der feierlichen Einweihung des dorttgen Kaiser Friedrich-Patts am 20. August d. I. vorzunehmen. Die kaiserliche Familie gedenkt, wie die „Kreiszeitung" berichtet, am 16. August auf Schloß Homburg einzutreffen unb dort bis zum 23. zu verweilen. Fr ankfurt a. M., 8. Juli. Ein folgenschweres Eisens bahnunglück, das außer sehr bedeutendem Materialschaden auch ein hoffnungsvolles Menschenleben zum Opfer gefordert und ein zweites schwer gefährdet hat, ereignete sich (wie wir bereits telegraphisch meldeten) heute morgen kurz nach 7 Uhr auf dem wesllichen Außenteile des RangieÄahnhofes. Dort tiegen nebeneinander eine Anzahl Geleise, von denen eines, ein sogen. „Auszuggeleise", mit sanfter Steigung etwa vorn HM: Rebstock ab ostwärts, bis nahe an den Lokomotivschuppen oberhalb der Heber» führungsbrücke der Vockenheimer Bahnstrecke führt und mit einem starken Prellbock mitten in der Bahnhofsanlage endigt. Um mit einem schwerbeladenen Güterzug die Steigung zu überwinden, ist es nötig, daß mit kräftigem Dampfdruck gefahren wird; andererseits müssen, um ein Heber fahren des Prellbockes, als Endpunlles, zu vermeiden, die/sämt- lichen Bremsen des Zuges rechtzeitig und wirksam in Thätig- feit gesetzt werden. Ob dies heute früh nicht gründlich genug geschehen ist, ober ob die Bremsen nicht gut funktionierten, oder was sonst die. Ursache des Unfalles ist, kann mit Bestimmtheit noch nicht gesagt werden. Jedenfalls ereignete sich wieder eine jener Katastrophen, die in der letzten Zeit auf den verschiedensten Bahnhöfen vorgekommen sind: die Lokomottve fuhr mit Vehemenz Huf den Prellbock aus, dieser widerstano aber dem furchcharen Anprall, wodurch die La st der nachfolgenden zweiundvierzig Achsen schwerbeladener Güterwagen mit ungeheurer Gewalt auf die Lokomotive drückte. Die Wirkung dieses Druckes war eine entsetzliche. Der der Lokomottve folgende geschofseneGüterwagen hob sich in die Höhe und legte sich auf den Führer stand! der Lokomotive, der total zusammengedrückt wurde. Dadurch kamen die beiden auf der Maschine befindlichen Führer, der Lokomottvsührer Heipt und der Lokomotivheizer Bischof, in eine entsetzliche Lage. Die Hintere Wand des Führerstandes drückte Bischof direkt gegen die Armaturen- und Feuerbuxenwand des Lokomvtivkesselsj und zwar mit solcher Gewalt, daß ihm der Brustkasten eingedrückt wurde unb er auf ber Stelle tot war. Stehend würbe er als Leiche Oorgefunben. Der Lokomotivführer, Heipt erlitt einen Oberschenkelbruch außerdem wurde er burch ben aus dem zertrümmerten Wasserftandsglase des Kessels heftig hervorströmenben heißen Dampf stark verbrüht. Es gelang bem Beamten aber unter Aufbietung aller Kraft, sich burch Hinausbiegen aus bem zertrümmerten Führerstanb solange dem gefährlichen Dampf zu entziehen, bis ihm durch den Eisenbahnbeamten Schäfer Hilfe wurde. Dieser befreite den Schwerverletzten aus seiner entsetzlichen Lage. Einige Minuten später — und auch dieser Nkann hätte sein Leben verloren. <2>ie Unfall stelle läßt deutlich erkennen, mit welcher Kraft der Anprall des Zuges auf ben Prellbock vor sich gegangen ist Letzterer hat stand gehalten, wenn auch bie borberen Lager sich aus der Erde gehoben haben. Hätte der Prellbock den Anprall nicht ausgehalten, so wäre der Zug unfehlbar die Böschung hinuntergefahren und das Unheil wäre vielleicht noch größer geworden. Die Vorderräder der Lokomotive schweben frei in der Luft, das tgmue Vorderteil der Lokomotive hat sich dementsprechend gehoben. Der Führerstand ist vollständig zertrümmert. Die Dampfleitungsrohre sind zerrissen und ragen in die Luft. Die Armaturen und Hebelvorrichtungen sind zerstört, die Puffer abgerissen usw. Äe Beschädigungen des Güterwagens sind weniger groß. Erstaunlich bleibt die Kraft des Puffers, der die große Last aufgehalten hat. Aerztliche Hilfe war schnell zur Stelle. Heipt, beft bei Besinnung war, erhielt einen Notverband und wurde nach dem städtischen Krankenhause gebracht. Die Leiche des verunglückten Beizers beförderte man nach dem Frankfurter Friedhöfe. Ter getötete Lokomotivheizer Johann Bischof ist 1875 zu Worms geboren, verheiratet, wohnhaft dcchier Eberstraße 9. Beibe Männer gelten als zuverlässige, pflichtgetreue Eisenbahnbeamte, sie erfreuen sich in ihren Kollegen- treisen großer Beliebtheit. Es mag hierbei bemerkt sein, baß Führer unb Heizer in Erkenntnis ber großen Gefahr burch Kontrebampf unb Bremsen ben Zug zum Stehen bringen wollten, leiber war bies nicht möglich da die nach drückende Last zu groß war. Die nUtersuchung i»st einge» lettet worden. . Verwlschtes. > '» Graf Pückler imb sein Wirt. Graf Mckter Hat bekanntlich in seiner am 6. Juni in Berlin gehaltenen Rede einen Gastwirt in einem Orte bei Basel des Gift- Mordversuchs gegen ihn beschuldigt. Wie dem „Nieder- schles. Anz." aus Basel gemeldet wird, handelt es sich dabei nm den Wirt des Gasthofs „Zum Löwen" in Hauptwerk, 'Jean Etter, der sich des besten Rufes erfreut. Dieser will den Grasen Pückler wegen Verleumderrscher Beleidigung zur Rechenschaft ziehen. * Liebesaffaire. Dor drei Jahren lernte ein Student in München ein Mädchen kennen, das da- Wals Kellnerin war, und veranlaßte es, seine Stellung aufzugeben und mit ihm ein Verhältnis anzuknüpfen. Nach drerviertel Jahren kam es zu Zerwürfnissen, die allmählich zum Bruch führten. Später wurden von feite des Mädchens wiederholt Versuche gemacht, die alten Beziehungen wieder herzustellen, und ein solcher Versuch führte zum tragischen Ende. Als nämlich der Student dieser Tage gegen 12 Uhr nach seiner Wohnung ging, erwartete ihn das Mädchen mit der Bitte, es zu einer Unterredung einzulassen, über deren Inhalt es aus der Straße keine Auskunft erteilen wollte. Als ihm der Einlaß aufs Entschiedenste mehrmals verweigert worden war und es sah, daß es seine Absicht nicht durchsetzen könne, brachte es sich kurz hintereinander drei Schüsse in die Herzgegend bei, tat deren Folgen es wenige Sekunden darauf starb. Das Mädchen stand anfangs der 20 er Jahre. *Das„Krönungsdiner" der Armenin Lon- 6 0 tl Das Mahl, das der König für die Armen anläßlich seiner Lrönungsfeier geplant hatte, fand, wie es auch nach dem Krönungsaufschub vom König gewünscht war, am letzten ^cünstag statt. Jeder Arme, der eine Pfründe von Seite einer tzwafschaftsverwaltung, wo immer im vereinigten Königreiche genießt, war an diesem Tage Gast des Königs -Eduard VIL Die Abspeisung wurde an verschiedenen Punkten der Stadt vorgenommen Im Park des Bischofs von London waren durch 2i/2 Meilen Tische mit 5 Mellen Banken errichtet, um 14 000 Personen an einem Orte zu speisen. In Islington faßte eine Halle 10000 Personen. Obwohl für Arme bestllnmt, fehlte den Veranstaltungen jeglicher Charakter eines Almosens, und die Anwesenden wurden förmlich als Ehrengäste des Königs behandelt. Geistliche und Damen der Gesellschaft arbelleten als Kellner, und Militär war mancherorts als Ehrenwache aufgezogen Sv in Islington 200 Indier. Der König sendete eine Botschaft, worin er bedauerte, seine Gäste nicht persönlich, besuchen zu können und seine Familienmitglieder als seine Vertreter bezeichnete. Die Prinzessinnen mit ihren Gemahlen besuchten die größten Versammlungen, lleberall hatten freiwillige Helfer die Tische festlich mit Blumen dekoriert, und zahlreiche Firmen spendeten Delikatessen zum Festmahle, das der König bezahlte. Die Brauerei Baß spendete 3000 Faß Bier zum Schrecken der Temperenzlerführer. Alle Artistin Londons und Künstler, wie die Opernsängerin Marie Brema (die u a in den Bayreuther Festspielen schon öfter erste Rollen dargestellt) wirkten gleich! den Gesangvereinen und zahlreichen Dilettanten mit, um überall nach dem Essen ein Konzert zu veranstalten. Jeder Gast erhielt einen irdenen Becher mit dem Bildnis des Königspaares als Andenken. Mll Begeisterung wurde das Bulletin des Tages vernommen, welches die Fortschritte im Befinden des Königs als „fortdauernd in jeder Hinsicht befriedigend" bezeichnete. Beim Bankett in der City erschien u a eine 92jährige Greisin, Witwe eines angesehenen Bankiers- der bei einem Kurssturz sein Vermögen verloren und den Tod in der Themse gefunden. Sie erschien, geführt von ihren Urenkellind erpr. Die Frau trug ein schwarzes Seidenkleid nach uraltem Schnitte, wohl der letzte Rest ihrer einstigen Toilette. Der Lordmayor reichte ihr den Arßn und geleitete sie nun an ihren Platz. Aldermen führten die welleren ältesten Frauen. Der älteste Mann, der unter Vorantritt von sahnen schwingend en Knaben in Matros en gewändern die Reihe der männlichen Gäste eröffnete, war ein Greis von 98 fahren, der auf einen Stock gestützt, doch sonst ziemlich rüstig einherschritt. Die Ladymayoreß geleitete ihn in die Halle, die sich alsbald füllte. Der Lordmayor in Amtstracht brächte der ältesten Frau den ersten Gang, seine Gattin dem ältesten Manne, damit lvar das Diner eröffnet- Abwechselnd mit der Blechmusiktapelle spielle ein Streichorchester, aus 180 Musikern bestehend. Im ganzen wurden in London (in allen Grafschastsviertein der Stadt zusammen) etwa eine halbe Million armer Leute gespeist. Hierzu wurden folgende Rohmaterialien gebraucht: Zwanzig Tonnen Kartoffel, eine Viertelmlllion Pfund Fleisch, 12o000 Pfund Brot, 560 000 Pakete Schokolade, 2000 Pfund Senf, 2500 Zentner Pudding, 36 000 Gallonen Bier, 320 000 Flaschen Limonaden und 1100 Pfund Salz. Das Menu bestand aus sieben Gängen und erhielten die Gäste Bier oder moussierendes Wasser nad). BeliAen. Die Puddings waren nach dem Rezept bereitet, das noch von der Krönung Georgs IV. her stammt, sie ei> forderten 45 000 Pfund Mehl, 50 000 Pfund Rosinen und eine Viertelmillion Eier, lieber 21/2 Millionen Teller dienten zur Servierung des Mahles, das dem König 600 000 Mark kostet. Unioersttäts Nachrichten. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des bisherigen cr-o. Professors an der Universität Tübingen Dr. Theod. Paul zum Direktor des Kaiser!. Gesundheitsapttes. Gerichtssaal. M. Gießen, 8. Juli. S t r a f k a in me r. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Dr. Güngerich, die Anklagebehörde vertrat Gerichtsaffeffor Dr. Hetzel. — Als einziger Verhandlungsgegenstand steht die Strafsache gegen den Heilkundig e n H e i n r r d) H a u g aus Bissingen in Baden wegen Betrugs im Rückfall und Urkundenfälschung an. Aus seinem abenteuerlichen Vorleben werden folgende Feststellungen gemacht. Der Angeklagte ist im Jahre 1865 als L-ohn eines erzbischöflichen Revisors geboren. Er hat verschiedene Elementarschulen und Gymnasien besucht, jedoch weder die Berechtigung als Einjährig-Freiwilliger noch das Reifezeugnis erlangt. Kurz nach seiner Einziehung entfernt er sich ohne Erlaubnis von seinem Truppenteil und wird deshalb disziplinarisch bestraft. Einige Zeü danach wird er fahnenflüchtig unter Mitnahme fremder Uni» sormstücke. Anläßlich eines Zechbetrugs erfolgt seine Festnahme, bei der er sich dem Gendarmen gegenüber als Lieutenant .pthtg ausgiebt, und die zwangsweise Zurückführung zu feinem Truppenteil. Wegen Desertion wird er kriegsgerichtlich nut 9 Monaten Gefängnis bestraft, nack) teilweiser Strafverbüßung anläßlich des Regierungsantritts des Kaisers Friedrich jedock) begnadigt. Nach feiner Militärzeit geht der Angeklagte zur Universität,, wird in Freiburg immatrikuliert und besucht dort sowie in Tübingen und Würzburg medizinische Kollegien. Nach etwa siebensemestrigem Studium läßt er sich in Stuttgart nieder und gründet doft unter dem Namen „Dr. med. Haug" eine Heilanstalt für medizinische Bäder. Wegen unberechtigter Führung des Arzt-Ettels wird er vom Amtsgericht Stuttgart mit einem Strafbefehl von 50 Mk. be= legt. Du das Unternehmen nicht reüssiert, verläßt er Stuttgart Telephonischer Kursbericht. Frankfurt a. 31., 9. Juli 1902. 372% Reiohsanleihe . . 102.30 30/0 do. ... 92.90 3V,o/o Konsole .... 102.30 30/0 do 92.40 372% Hessen .... 100.40 371% Oberhessen . . . 99.35 4% Oesterr. Goldretne . . 103.10 472% Oesterr. Silberrente 101.80 4% Ungar. Goldrente . . 102.30 4% Italien. Rente . . . 103.25 47, % Portugiesen . . . 47.10 ü°l. Portugiesen 29.30 1% C. Türken .... — Türkenlose 111.50 4% Griech. Monopol.-Anl. 43.10 47,56 äussere Argentiner —.— 3% Mexikaner .... 26.30* 47s7o Chinesen .... 91.20, Electric. Scbuckort . . . 103.85 Nordd. Lloyd . . . . —.— Kreditaktien .... 210.50 Diskonto-Kommandit. . . 184.30 Darmstädter Bank . » . 137.30 Dresdener Bank .... 144.90 Berliner Handelsges. . . 156.00 Oesterr. Staatsbahn . . . 149.30 Lombarden .... 117.50 Gotthardbahn .... 167.70 Laurahütte 198.75 Bochum . ..... 190.00 Harpener 169.50 Tendenz: schwach. zeigte sich auf dem Bankenmarkte. teile anziehen. — Hagener Gußstahlwerke verteilen für das abgelaufene Geschäftsjahr wieder keine Dividende. — Die Ledergroßhaudlung H. Hoffmeister iu Heidelberg ist iu Zahlungsstockung geraten. — Die Balleudarcr Fabrik feuerfester uud säurefester Produkte uud die Aktiengesellschaft für Glasindustrie vormals Friedrich Siemens iu Dresden. Anläßlich der jetzigen Einführung der neuen eine Million Mack Aktien und 6 Millionen Mark 4l 2prod. Obligationen der Dresdner Aküen-Gefellschaft für Glasindustrie wird gemeldet: Die neuen Aktien, durch deren Ausgabe sich das Grundkapital der Gesellschaft um 10 Mill. Mark erhöht, sind durch Beschluß der Generalversammlung vorn 30. Dez. v. 3S. geschaffen worden, sie wurden bekanntlich der Konkursver- waltung der Fabrik feuerfester und säurefester Produkte zu Vallendar zum Emrssionskurfe von 115 Prozent überlassen, von welcher sie ein Banttonsortimn zu 180 Proz. mit der Verpflichtung übernahm, sie den alten Aktionären zu demselben Kurse zur Verfügung zu stellen. Auf Grund der in derselben Generalversammlung erteilten Ermächtigung hat der Vorstand am 8. Jamurr er. von der Kontursverwaltung des genannten Unternehmens das gesamte zur Konkursmasse gehörige Grund- und Bergwerkseigentum nebst sämt- lichen Fabrcken und Baulichkeiten und allem Zubehör erworben. Dem Kaufpreis ist die von der Revisionskommission aufgestellte Schätzuiig von 6 484 000 Mark zu Grunde gelegt, worin jedoch der Wert der Vorräte nicht inbegriffen ist. Der Kaufpreis ist auf den aus der Uebernahme der neuen Aktien erwachsenen Gewinn von 650 000 Mark und auf weitere 5 600000 Mark festgesetzt worden. In Anrechnung auf den Kaufpreis hat die Aktiengesellschaft Friedr. Siemens die von der Fabrik feuerfester Produkte 1897 emittierten 4proz. Obligationen in Höhe von 2 Millionen und ebenso hat sie dre aus den Grundstücken der Fabrik für die Berliner Harrdels-Ge- 15. d. M. ab fällig werden, werden von jetzt ab von der Reichsbank angekauft. Sie find an die Reichsbank-Nebenstelle zu Pirna zu girrren. — Frankfurter Börse. Auch der heutige Geschäftsverkehr zeichnete sich durch Unlust und Trägheit aus. Nachrichten, die als Anregung dienen sollten, lagen nicht vor. Wenig Veränderung u igte sich auf dem Bankenmarkte. Kreditaktien konnten sich heute gut behaupten und sogar eine Besserung erzielen. Im Vergleiche zu gestern blieben die Kurse der übrigen Sanfen unverändert. Größere Umsätze am Montanmarkt fanden nicht stakt und zeigen die Nokirungen keine nennenswerte Veränderungen. Feste Haltung zeigten Eisenbahnaktien, besonders Oesterr. Staatsbahn, Lombarden, Henry-Bahnen sonst wenig verändert. Deutsche Fonds recht fest. Für Serben bestand Nachfrage und konnte der Kurs einige Bruch- sellschaft und die Bergisch-Märkische Bank eingetrageneSichermrrS^ Hypothek von 3 300 000 Mark und weiter eine Grundschuld von 200 000 Mark, welche dem Halle'schen Bankverein und der Bank für Rheinland und Westfalen verpfändet war, als persönliche Schuldnerin übernommen. Um diese übernommenen Verpflichtungen abzustoßen und um sich die zur Einrichtung und Fortführung der erworbenen Werke notwendigen Mittel zu beschaffen, hat die Verwaltung die jetzt an der Berliner Börfe zur Einführung gelangende Anleihe von 6 Mill. Mk. ausgenommen. Personaluachrichteu. Der Teilhaber der Bankfirma tUK mann u. Una in Franfurt a. M., Herr Eugen Ullmann ift gestorben. — Die Firma Conrad Kißler Wtw^ Wein-mÄ Liqueurgroßhandlung in D a r m st a d t ist auf Alfr. Hammer und Ernst Heil übergegangen, welche das Geschäft unter der Firma „Alfred Hammer u. Heil vormals E, Kißler Wwe/ fortführen. . Neueste Meldungen. Originaldrahtmelduugen des Gießener Anzeigers. Limburg, 9. Juli. Die Königin der Nieder^ lande wird mit ihrem heute abend in Schaumburg ein-- treffenden Gemahl voraussichtlich am 16. Juli direkt nach Holland zurückkehren. Kiel, 9. Juli Der Chef-Jngenieur de r fra^ zösischen Marine und der General-Ingenieur General- oe Angelo besichtigten gestern die Anlagen und Neubauten auf der Kaiserwerft. ; Straßburg, 9. Juki. In Bischweiler raufet seit heute morgen in dem Lagerhause der Jute-Spinnerei und Weberei ein großes Schadenfeuer. Die vernichteten Bestände an Rohmaterialien werden auf ca. eine halbe Million Mark geschätzt. Eine Abteilung der Straßburger Feuerwehr weilt an der Brandstätte. Loudon, 9. Juli. Aus Portsmouth wird gemeldet, daß gestern schleunic>N mit der Jnftandsetzun g der königlichen Aacyt „Viktoria and Albers" für die Kreuzfahrt des Königs begonnen sei W wurde eine neue Dynamo-Maschine an Bord gebracht, da die alte den Boden des königlichen Salons in starke Vibration zu versetzen pflegte, was bei dem jetzigen Zustande des Königs vermieden werden muß. Die Dacht verladet auch Kohlen, und die oberen Verdecke werden gestrichen. Säe soll (Ärde der Woche für die Ankunft des Königs in Bereitschaft gehalten werden, doch ist noch unbekannt, wann er an Bord kommen wird. — Die Verwundung des Kolonial» m i n i st e r s war doch ernster, als anfänglich angenommen wurde. Die Besorgnis der Aerzte richtet sich eines Teiles darauf, daß die Wunde septisch werdet könnte, was sich erst in den nächsten zwei bis drei Tagen entscheiden dürfte, sowie aus die Folgen des Wundschrecks und des Blutverlustes. Es liegen jedoch^ wie von den Krankenhans- behörden erklärt wird, bisher keine Symptome bedenklicher Art vor. Vielmehr sei der Minister auch gestern abemd bei guter Stimmung gewesen und sein Befinden normal. London, 9. Juli. General Dera et erhielt ein Angebot von 250 Pfund Sterling pro Woche und freie Reise, wenn er in Australien ein Vorlesnugs-Tournö'e unternehmen wolle. London, 9. Juli. Die ständige englische Garnison, die in Südafrika verbleiben wird, soll 5OOOO- Mann der verschiedensten Waffengattungen umfaffen. Ferner soll durch alle Mittel die Ansiedelung von Reservisten und verabschiedeten Soldaten in dem annektierten Gebiete gefördert werden, damit falls dies notwendig werden sollte, sofort eine allgemeine Mobilmachung erfolgen könne. London, 9. Juli. Einer Meldung aus Panama zra folge erhielt die dortige Regierung ein Telegramm aus Rogota, worin mitgeteilt wird, daß mehrere Generale in Begleitung des einflußreichen liberalen Führers Marin chre Unterwerfung angeboten haben, nachdem ihnen von feiten der Regierung Garantieen gewährleistet wurden. General Destaeas schlug eine Truppe liberaler Aufständischer unter dem Befehl des Generals Menoz, wobei 2000 Aufständische getötet und verwundet wurden. London, 9. Juli. Reuter meldet aus Johannesburg, der gegenwärtige Stand der Frage der Ginge- bor en en ar beit verursacht zweifellos große Schwierig-, feit. Die Vereinigung der Eingeborenenarbeiter ist zurzeit außer Stande, mehr zu chun, als sich mit dem monatlichen Ausfall an Arbeitskräften nach Möglichkeit abzusinden. Das Arbeiterangebot nimmt nicht zu. Das Geschäft kann sich nicht recht entwickeln. Die Schwierigkeit kann vielleicht zeitweilig dadurch gelöst werden, daß man den Eingeborenen höhere Löhne für Stückarbeit zahlt und an die Stelle der Eingeborenenarbeit minderwertige Arbeit von Weißen treten läßt, welche gerade gegenwärtig den Markt überschwemmt und denselben in kurzer Zeit völlig an si-ch reißen dürfte. Ein anderer Ausweg besteht in der Beschäftigung ausländischer Arbeiter. Jedoch ist Neigung vorhanden, diese Maßregel zu vermeiden, welche nur als letztes. Hilfsmittel angesehen wird. Wien, 9. Juli. Auf der Station Klausen der Mödlitzer elektrischen Bahn entgleisten infolge falscher Weichensiellung zwei Züge, wobei zahlreiche Passagiere verletzt und ein Motorwagen zertrümmert wurde. Klagenfurth, 9. Juli. Der große Marktflecken Cotschach im Gailthale steht in Flam men. Der halbe Ort ist bereits niedergebrannt. New York, 9. Juli. General Lee veröffentlicht di-e Erklärung, daß Kuba an der Schwelle der Anarchie- stehe. Zunächst sei ein finanzieller Zusammenbruch zu befürchten, weil Kubas Einnahmen allein aus den Zöllen kommen, letztere aber, seitdem die Amerikaner die Insel verließen, stark im Abnahmen begriffen seien. Ferner ständen )d)limme Unruhen von feiten der Reger bevor. Dazu käme das Schüren der Politiker gegen den Präsidenten Palmas. unb laßt sich als praktischer Arzt inMetzeralim Elsaß nieder. Dort erwirbt er rasck) eine große Praxis mtt ca. 600 Mk. Einkommen pro Monat. Er verlobt sich mit der Tochter eines Gymnasial« oirektors, wird jedoch infolge Eckundigungen, die der letztere einzieht, entlarvt und von der Strafkammer in Kolmar wegen unbefugter Führung des Arzt-Titels und wegen Uckundensälschung mit Gefängnis bestraft. Nebenbei sei erwähnt, daß der Angeklagte auf einer in diese Zeit fallenden Feier in der Uniform eines Stabsarztes erschienen war. Er wird alsdann flüchtig, während über fein Vermögen der Konkurs verhängt wird. In der Folge erhält er vom Schöffengericht Münster eine zweimonatliche Gefängnisstraße wegen Betrugs, weil er den Konkursverwalter unter der Vorspiegelmig, er wolle Gläubiger befriedigen, zur Herausgabe von 200 Mk. aus der 5konkursmaffe veranlaßt, oas Geld jedoch für sich verbraucht hat. Nunmchr läßt sich der Angeklagte in der Schweiz als praktischer Arzt itieber und verheiratet sich im Jahre 1896. Im Jahre 1897 verläßt er seine Frau und begiebt sich nach Deutschland zurück, wo er zahlreiche Vertretungen von Ae^ten als Dr. med. Haug annimmt. In Bonn verlobt er sich — während bestehender ©fje — mit der Tocbter eines dorttgen, von ihm vertretenen Santtatsrates. Seine Ehe wird auf Antrag der Frau auf gründ dieser Thatsache geschieden. Auf eine anonyme Anzeige wird er enttarvt und flieht 1897 aus Bonn. Ein Jahr später wird er inKarls-- ruhe wegen verschiedener Betrügereien zu einer Gefängnisstrafe ver- uckeilt und alsbald nach Bonnüberfühck. Dock erhält er wegen Betrugs im Rückfall eine Zuchthausstrafe von 2 Jahren. Kaum entlaßen, lernt er auf der Babn eine junge Dame kennen, stellt sich als Dr. med. vor und verlobt sichln der Folgezett mit ihr. Unterdeffen war es ihm gelungen, in Ulrichstein die Vertretung eines bockigen Arztes zu erhallen, dem gegenüber er sich als Dr. med. Haag und als Schiffsar^t ausgiebt. Von Mär^ bis Dezember 1901 ist er in Ulrichstem vertretungsweise chätig, sich überall als Dr. Haag einführend, auch alle Schckftstücke und Rezepte mit diesem Namen unterschreibend. Es gelingt ihm in hohem Grade, das Vertrauen des von ihm veckretenen Arztes und dasjenige der Bevöllerung sich zu erwerben. In die Zeit dieses Aufenthalls in Ulrichstein fallen die ihm heute zur Last gelegten Straffälle. Während seiner Verlobung mit der oben erwähnten Dame hat er deren Vater zur Ausstellung zweier Wechsel von 300 bezw. 250 Mk. und eines Schuldscheines in Höhe von 1000 Mk. veranlaßt. Nur den erften Wechsel hat er eingelöst. Noch während diese Verlobung bestand, ging er eine neue ein — stets als Dr. Haag — und erbat und erhielt von feiner neuen Braut ein Darlehen von 150 Alk., das bei feinem Weggang von Ulrichstein noch nicht zurückgezahlt war. Während des Bestehens beider Verlobungen ließ er, was nebenbei erwähnt fei, in einer Posener Zeitung eine Heirathscmzeige erscheinen und versuchte zu der gleichen Zeit, mit einer anderen jungen Dame eine Bekanntschaft cmzuknüpten. Während feines Aufenthaltes in Ulrichstein kontrahierte er Schulden in Hohe von etwa 1000 Mack aus Darlehen, Einkäufen von Pretiosen, Bilderu, D!ö- bel und bergt, nicht nur in Ulrichstein und Umgebung, sondern auch in Breslau, Berlin, München und anderen Städten. Als er von dem Arzte in Ulrichstein auf Vorlegung eines Approbationsscheines gedrängt wurde, ließ er sich von der Gießener Unioersitäts- quästur die^Abfchckst eines Approbationsfcheines von einem Dr. Haag aus St. Goar aussertigen, sich selbst unter diesem Namen vorstellend. Das Mißtrauen gegen ihn erhielt jedoch neue Nahrung und die Gendarmerie begann auf ihn aufmerksam zu werden. Da, Alitte Dezember 1901, flüchtete Haag, unter Zurücklassung der erwähnten Schulden. Er ergckff jedoch sofort eine Gelegeicheit, als Dr. Haag in Wohlbeck die Vertretung eines erkrankten Arztes zu übernehmen. Hier wurde ihm, da sein Verhallen Argwohn erregte, bald gekündigt Er begab sich nach^Köln, verübte dort eine Zechprellerei und wurde schließlich in Mühlhäusen i. E. verhaftet, nach- oem er noch vorher m Konstanz sich eines Zechbetrugs und einer Unterschlagung schuldig gemacht hatte und nachdem er sich fast 3 Monate der steckbrieflichen Verfolgung der Staatsanwaltschaft in Gießen zu eittziehen gewußt hatte. Was die ärztliche Thätigkeit des Angeklagten anbelangt, so sprechen sich — abgesehen von den Patienten — die beiden von chnr vertretenen praktischen Aerzte über seinen Fleiß, sein Geschick in der Behandlung des Pubckums und seine erfolgreiche, die Praxis auf dem Stand haltende Thätig- kell höchst anerkennend aus, nur chirurgische Eingriffe seien schlecht arlsgesührt worden. Allerdings handelt es sich hierbei um erkrankte und iyfolgedeffen in der Kontrolle behinderte Aerzte. Auch ein Apotheker bekundet, daß die zahlreichen Rezepte des Angeklagten ämtlich sehr ordnungsgemäß und wiffenschastlich durchaus haltbar gewesen seien. Der Sachverständige, der den Angeklagten einer Prüfung unterzogen hatte, hält die Kenntnisse des Angeklagten insbesondere in der Anatomie und Physiologie für höchst minderwertig und nicht einmal den Anforderungen genügend, die man an einen Studenten in vorgerücktem Semester stellen dürfe. Tas Percutieren und Auscultieren z. B. verstehe der Angeklagte durchaus nicht; anderersetts besitze er eine sehr schocke Beobachtungsgabe, eine große Intelligenz und eine erstarmlrche Fähigkeit zu re- zeptieren. — Nachdem die Staatsanwaltschaft und die Veckeidigung chre Ausführungen gemacht, erstere 4 Jahre Zuch thaus, letztere Freispruch beantragt hatte, wurde die Verhandlung auf Mittwoch vertagt. Paris, 8. Juli. In Dieppe wurde ein Großkaufmann wegen Wuchers zu 3 Monaten Gefängnis und lOOOOFrs. Geldbuße verurteilt. Er hatte an den Grafen Sturdza für 700000 Frs. Waren verkauft und sich dafür Schuldscheine in Höhe von 1 200 000 Frs.^eben-lassem^ Handel und Verkehr. Dolkswirlschast. — Reichsbauk. 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