Donnerstag 9. Jannar 1008 ISS Jahrgang Drittes Blatt Neueste Meldungen. OittginaldrahLincldnngerr des Gießener Anzeigers. Berlin, 9. Jam Die gestrige Sitzung der Medizinischen Gesellschaft gestaltete sich zu einer Ovation für Virchow. Geheimrat v. Bergmann gedachte des Unfalls Virchows. Die Gesellschaft sandte em Huldigungstelegramm an Virchow und wählte ihn mit beträchtlichen Mitteln zum Präsidenten wieder. Kopenhagen, 9. Jan. An der jütländischen Küste bei Harboore wurden 2 Leichen, anscheinend von Seeleuten, die bei einem Schiffsunfall verunglückt sind, gefunden. Lissabon, 9. Jan. Robert Monsinho Albuquerque, früher künigl. Kommissar in Mozambique hat sich erschossen. Gerichtssaal. Berlin, 8. Jan. Wie die „Nat.-Ztg." erfährt, machte im Krosigk-Prozesse der Staatsanwalt selbst als Hauptgrund für die Revision des Hickel freisprechenden Urteils neben zwei unbedeutenden Ausstellungen am Verfahren die Ungesetzlichkeit der Besetzung des Gerichtshofes geltend- 9?r. 7 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Stehener Zamillen- blättcr viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Univers.-Buch-u.Stein- druckerei (Piets ch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei: Schnlstratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Fernsprrchanschlnß Nr. 51. GietzenerAnMer General-Anzeiger v Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Kunst und Wissenschaft. München, 8- Jan. Gestern abend ist der bekannte Dichter und Litterarhistoriker Professor an der hiesigen Technischen Hochschule Dr. Wilhelm Ritter v. Hertz an einer Unterleibsentzündung im 67. Lebensjahre gestorben. Mit Hertz ist einer der letzten aus dem alten Münchener Dichterkreise aus dem Leben geschieden. Wien, 8- Jan. Die Zensurbehörde verbot die Aufführung des Stückes „Die größte Sünde" von Otto Ernst im Deutschen Volkstheater. Budapest, 8. Jan. Einige Künstler agitieren dafür, die ungarischen Künstler mögen den deutschen Kaiser in die Jury für das Königin Elisabeth-Denkmal wählen- Die große Majorität der Künstler opponiert hiergegen jedoch heftig- 132 Sektion Giessen D. & Oe. A. V, ’ SMlag dru b 12. Amoar: v Tour 1 Hof Bubenro - DiinÄerg-Krch B!ittaaeil'en mch- ■ m Leremslokal «. Ab 8,15 Uhr 'Lahnbrücke. 347 rzeage cken [7259 »sen - Billige Preise. rsweg 60. einer halben Minute war der Unglückliche eine Leiche. Lt. Thieme hatte eine leichte Wunde am Halse erhalten. So ist denn wiederum ein blühendes Menschenleben vernichtet, was jedenfalls nicht eingetreten wäre, wenn das Duell mit Säbeln ausgefochten worden wäre. Die Leiche des Studenten Held wurde Dienstagvormittag von der Halle des neuen Friedhofes zum Jenenser Bahnhof gebracht, nm nach Sangerhausen überführt zu werden, wo die Beisetzung im Erbbegräbnis der Familie Held erfolgen soll. Dem Verstorbenen gaben Prorektor und Senat der Universität, Mitglieder des Osfizierkorps und Vertreter der Studentenschaft mit ihren Fahnen das letzte Geleit.' Aas Auell m Jena. In ErgLnzrmg unferer bisherigen kurzen Berichte über das Duell zwischen dem Leutnant Thieme und dem Studenten Held, in dem dieser gefallen ist, schreibt mau aus Jena: Fast zwei Menschenalter sind dahingeflossen, seitdem in der Atusenstadt im Saalethale das letzte Pistoleuduell mit tätlichem Ausgange eines der Paukanten ausgetragen wurde. 3u Anfang des Jahres 1845 wurde der Studirende v. Villers aus der Trießnitz bei Jena erschossen. Der krumme Säbel hat sich mehr und meljr als schwere Waffe eingebürgert. Seitdem die deutschen Burschenschaften, sofern sie zum A D. C. gehören, das Pistolenduell im Prinzip abgeschafft haben, ist auch der S C. immer bemüht, nur im äußersten Notfälle die Pistole als Waffe zu genehmigen. Selten wurde in den letzten Jahren in Jena die Pistole als Waffe im Duell gebraucht und auch dann meist unter leichten Bedingungen. Blut ist sirÄ niemals geflossen, bis am 4. Januar ein jugendfrisches Menschenleben, der einzige Sohn seiner Eltern, in früher Morgenstunde auf dem „Stern^ ein tragisches Ende fand. Hebet die Veranlassung zu jener Pistolenmenfur zwischen dem Leutnant Wolf Thieme (10. Komp, des 3. hiesigen Bataillons des 94. Infanterieregiments) und dem Kandidaten der Chemie Kstrl Held (Mitglied der hiesigen Burschenschaft Germania) geht der „Jenaischen Ztg." von beteiligter Seite folgender Bericht zu: In der Silvesternacht, früh zwischen 5 und 6 Uhr, begegneten Stud. Held und Dr. H., beide Angehörige der Burschenschaft Germania, einer Gruppe von Herren, unter denen sich Lt. Thieme in Zivil befand. Hierbei wurden verschiedene Bemerkungen scherzhaften und, wie — insbesondere von den auf beiden Seiten zunächst Beteiligten — zugegeben wird, harmlosen Inhalts ausgetauscht. Beide Teile schlugen denselben Weg ein und zwar so, daß Lt. Thieme mit seinen Begleitern vorausging. Kurz darauf überholten die Studierenden diese Gruppe, und hierbei erfolgte wegen der Enge des Trottoirs eine unbeabsichtigte Berührung zwischen Dr. H. und Lt. Thieme. Letzterer rief den nunmehr vorausgehenden beiden Studierenden etwas nach, das nach deren Auffassung über den bisherigen Ton des harmlosen Scherzes yinausging. Dr. H. wandte sich um unb wies diese Aeußerung zurück. Nach kurzem Wortwechsel gab sich Lt. Thieme als Offizier zu erkennen. Er that dies in verletzendem Tone und fügte in demselben Tone noch weitere, nicht mehr festzustellende Worte hinzu. Hier trat Stud. Held hinzu. Ob er dabei Namen und Stand des Offiziers in ironischem Tone wiederholt, oder lediglich gefragt hüt: „Was sagen Sie da" oder „Was wollen Sie?" hat ebenfalls nicht feftgeftellt werden können. Lt. Thieme antwortete mit einer stark beleidigenden Aeußerun g, weil er in Stud. Helds Worten, mögen sie gewesen sein, wie sie wollen, etwas Spöttisches zu bemerken glaubte. Sofort versetzt Stud. Held dem Leutnant Thiemeeinen Schlag ins Gesicht. Lt. Thieme will mit dem Stock auf Stud. Held eindringen; dieser faßt den Stock und zerbricht ihn. Jetzt treten die Begleiter dazwischen und der von Dr. H. veranlaßte Namensaustausch macht der Angelegenhett ein Ende. Nachdem der Kartellträger seine Pflicht gethan hatte, soll ein ernsthafter Ausgleichsversuch gemacht worden sein. Jedenfalls ist man im Offizierkorps sich der Schwere der Sachlage und ihrer Konsequenzen vollauf bewußt gewesen, denn luir sehen den Oberst der 94er auf dem Bahnhofe zu Jena. In dem sogenannten gemischten Ehrengerichte saßen drei Offiziere und zwei alte Burschenschafter. Letztere haben sich dieallergtößteMühegegeben,diePistolen- forderung auf (Säbel herabzusetzen. Leider erfolglos ! Held war ein vorzüglicher Schlägerfechter und obendrein „Linkser". Den Säbel wußte er noch besser zu führen, während er wohl kaum eine Pistole in der Hand' gehabt l)aben dürfte. In den ersten Jahren, nachdem das Bataillon nach Jena in Garnison gekommen war, forderten Mitglieder einer hiesigen Korporation einen Offizier auf schwere Säbel. Auch damals bestand das Offizierkorps auf der Pistole und die Folge war, daß man letzteres wegen Satisfaktionsverweigerung in Verruf steckte. Es wurde damals ,Holz- Comment" proklamiert und seitens der Jenenser Studentenschaft einmütig durchgeführt. Viele Offiziere wurden damals versetzt; die neuen verhielten sich reserviert. Die alten Semester verließen im Laufe der Zeit Jena; der alte Groll verschwand, und seitdem ist das Verhältnis ein relativ gutes geblieben. Die Bedingungen waren sehr schwere: Distanz: 10 Sprungschritte (etwa 13 Meter), Waffen: gezogene kleinkalibrige Hinterladerpistolen, Zielzeit: sechs Sekunden, und fünfmaliger Kugetwechsel. Beim dritten Kugelwechsel bekam Held den tätlichen Schuß in die Lunge. Bereits nach ; Böpfnei lkßlilKt 17. VWÄL Bezugspreis: monatlich 75Pftviertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2.— viertel- jährl. ausschl. Destellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 13 Pf^. auswärts 20 Psg. Verantwortlich: für den pollt u. allgem. Teil: P. Wittko; für „Stadt und Land" und „Gerichtssaal': R.Ditt« mann; für den Anzeigenteil: Hans Beck. Deutscher Reichstag. Berlin, 8. Jannar. Am Bundesratstische besinden sich Staatssekretär Graf Posadowsky, Staatssekretär Frhr. v. Thielmann, Staatssekretär Krätke, der Präsident des Reichseisenbahnamts Schulz, der Staatssekretär für Elsaß - Lothringen o. Köller u. a. Präsident Graf Ballestrem eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 20 Min. und fügt hinzu: Ich erlaube mir bet Beginn des neuen Jahres die Herren auf das herzlichste zu begrüßen, und den Wunsch auszusprechen, daß das neue Jahr ein günstiges und gesegnetes sei für die gemeinsame Arbeit zum Wohle des Vaterlandes und auch für jeden einzelnen von uns. Das ist mein aufrichtiger Wunsch. (Bravo.) Es folgt eine große Reche von geschäftlichen Mitteilungen. Das Haus tritt sodann in die erste Lesung des Reichshaushaltsetats für 1902 in Verbindung mit der ersten Beratung des Etats für die Schutzgebiete ein. Staatssekretär Freiherr v. Thielmann führt aus: Als ich im verflossenen Jahre die Finanzlage nicht günstig barftelfen konnte, wurde ich vielfach der Schwarzmalerei, beschuldigt. Zu meinem Bedauern habe ich damals Recht geHabt. Die Verhältnisse gestalteten sich sogar noch ungünstiger. Der Aufschwung in den letzten Jahren des verflossenen Jahrhunderts hat einer Depression Platz gemacht, welche die Reichsftuanzen nicht unberührt ließ Während im Jahre 1895 bis zum Jahre 1899 die Einnahmen stiegen, sind sie seitdem gefallen. Demgemäß mußte bei Aufstellung des neuen Etats Rücksicht hierauf genommen werden. Sie werden Ihre Anerkennung den von uns mit Einsicht verfolgten Grundsätzen nicht versagen können. Die einzelnen Staaten können die Erhöhung der Matrikularbeiträge nicht mehr vertragen, sie haben schon schwer an der Regelung ihrer eigenen Finanzen zu arbeiten. Am schlimmsten steht es in dieser Beziehung mit den kleinen thüringischen Staaten. Die verhältnismäßig geringen Mehrbeiträge an das Reich bedeuten für diese kleinen Staaten unverhältnismäßig hohe^Pr ozentzuschläge zu den Einkommensteuern. Der Staatssekretär geht nunmehr die einzelnen Einnahmequellen des Reiches von 1895 bis 1899 durch. (Er ist auf der Tribüne fast unverständlich. Im Hause herrscht Unruhe und Un- aufntertfamteit, Präsident Graf Ballestrem bittet wiederhol um Ruhe.) Ein Schmerzenskind der Steuergesetzgebung ist der Börsen stempel- Bis 1900 war die Gesamteinnahme aus den Stempeln langsam gestiegen, 1900 ergab sie etwas über 54 Millionen. Für das laufende Jahr können wir nur auf 49 Millionen rechnen und für 1902 haben wir 55 Mill, eingestellt. Ob aber diese 55 Millionen auch sicher einkommen werden, kann heute noch niemand sagen, dazu muß die Gestaltung der Verhältnisse an der Börse erst abgewartet werden. Besser ist es mit dem Lotteriestempel bestellt, und hier tritt die Erhöhung des Stempels auf das Doppelte ziemlich voll in Kraft. Wir haben ans dem Lotteriestempel, der früher zwischen 16 und 18 Millionen brachte, für das lausende Jahr 38 Millionen zu erwarten und können für 1902 rund 39 Millionen einfteffen- Es ist das eine Bethätigung des Grundsatzes, daß diejenigen nicht alle werden, die in der Lotterie ihr Glück versuchen. Traurig sieht es aber aus mit den Postein- ii a h m e n- Die gewährten Verfehrserleichterungen, von denen man in großen Kreisen annahm, daß sie sich durch Steigerung des Verkehrs bald wieder in ihren finanziellen Ergebnissen einbringen würden, haben das nicht gethan. 1900 kam ein Rückschlag auf 14 Millionen, als ein Verlust von fast dreiviertel der Einnahmen, allerdings zum Teil, nämlich in Höhe von 7i/2 Millionen, beeinflußt durch die. einmalige Auszahlung an die Privatpostanstalten- Gleich- ' wohl bleibt nach Absetzung dieser ?i/2 Millionen ein reiner Ausfall von 26 y2 Millionen zu verzeichnen, der also lediglich auf die Verbilligung der Tarife zurückzuführen ist, und welcher zeigte, daß man mit der Verbilligung von Tarifen, sei es bei der Post, sei es bei den Eisenbahnen, nur dann Vorgehen soll, wenn man darauf gefaßt ist, einen größeren Ausfall durch mehrer^ Jahre zu ertragen. Für das laufende Jahr wird sich sich der AussÄl auch noch stark fühlbar machen. Wir können die Post-, Telegraphen- und Reichsdruckerei-Einnahmen nur auf 29 Millionen Mark veranschlagen. Das ist weniger, als wir 1895 schon gehabt hatten. Erst 1902 werden wir die Ziffern von 1899 wieder erreichen, sogar um ein Geringes überschreiten, allerdings nur mit einem kleinen Kunststück, indem wir 20 Mill, für die Fernsprechleitungen auf die Anleihe nehmen. Das ist aber zu rechtfertigen; denn die schnelle Ausdehnung unseres Telegraphenbetriebes blickt weit in die Zukunft hinaus, und das Anlagekapital, das darin steckt, wird sich zum Teil erst in der Zukunft nutzbar machen. Die Haushaltsübersicht für 1900 liegt Ihnen vor. Sie ergiebt bei den Reichsein- nahmen eine Mehreinnahme von sieben Millionen. Der steht nun aber gegenüber eine Mehrausgabe in Höhe von 9 Millionen. DerEtat für 1900 schließt also mit einem Fehlbetrag von 2 Millionen ab, der erste Fehlbettag seit einer Reihe von Jahren. Die Mehreinnahmen 1900 werden hauptsächlich bedingt durch das sehr günstige Ergebnis der Zuckersteuer und durch die starken Mehreinnahmen aus dem Bankwesen — 11 Millionen —, ihnen steht aber gegenüber die große Mindereinnahme bet der Post, und infolge dessen schließen wir, wie gesagt, mit einem Fehlbetrag von 2 Millionen ab. Auch bei den Ueberweisungssteuern wäre ein kleiner Fehlbettag zu chcner llheatcr. vertch fl,E lanswer. träge?. ,n 4 Akten von zeustrubcr. Ä«* iippche"' 2 s ghr: Misch"., , (Men von Ä!^e>hai' y*« «5^ UZ-- siscfer 'richt iser -ne. mterNr.Clio au esMBlattea^ ■Stfob Schmidt von fiubroia e BelMynnu u zurück. ^üLatzenborn, nng Th. u- Zauuar: pkapaß. 366 MM stricken mMuW idj angckgrMK PlMW !els öottälig. Vermischtes. * Pv sem, 8. Jan. Der bekannte Major a. D. Endell soll die vermutlichen Urheber der gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zum Duell gefordert haben, darunter Herrn v. Tiedemann-Seeheun. Dieser hat jedoch! die Forderung abgelehut. Das Weitere wrrd die Untersuchung ergeben. * St. Etienne, 7. Jan. Nach einer heftigen Eifer- fuchtsszene hat der hiesige Konditor Tantole seine Fkrau durch einen Revolver schuß getötet und die Lerche im Backofen verbrannt. Danach verübte er Selbstm or d. * New York, 8. Jan. Heute vorncitdag fand in dem Tunnel der New York Zentraleisenda^r bei 56. Straße und der Parkavenue ein Znsammenstoß zwischen einem von Norwall kommenden Personen zu ge der NewyorL-New- hafen-^rrtford-Eisenbahn und einem Lokal^uge der Strecke Newyork-Herlern, Zweiglinie der Zentraleisenbahn, statt. Letzterer Arg fuhr auf den ersteren auf. Die Wagen schoben sich ineinander, die zertrümmerten Wagen gerieten in Brano. Nach den fetzten Meldungen beträgt die Zahl der Getätscen 17, der Verwundeten 40. * Das Ende eines Familienskandals. Ungeheures Aufsehen erregt im Westen Berlins eine Affäre, die in der Nacht von Samstag zum Sonntag ihren Abschluß fand. Bankier B., Mitinhaber eines sehr bekannten Bank-- instttutes, besitzt in der Nähe des Nollendorfplatzes ein Haus. Else B., die 18jährige Tochter des Bankiers, ist tagsüber mit dem Dienstpersonal allein im Hause, da ihr Vater sich in dem Geschäftsbureau befindet. Von einem entlaßenen Dienstmädchen erhielt B. vor 14 Tagen die briefliche Mitteilung, daß seine Tochter mit dem Diener, einem ehemaligen Ulanen-Gestecken, ein Liebesverhältnis unterhalte. Beide in Frage kommenden Teile besttckten dies natürlich ganz energisch, und B. leckete daher zur Ehrenrettung seiner Tochter gegen die vermeintliche Verläumderin die Beleidigungsklage ein. Inzwischen müssen ihm aber doch Bedenken auf gestiegen sein, denn er ließ die Beiden von einem Detektiv, den er als zweiten Diener ins Haus nahm, beobachten. Samstag Nacht saß B. mck Bekannten in einer Weinhandlung, als er plötzlich von feinem Beauftragten herausgewinkt wurde. Im Galopp ging es nach Hause, wo man Fräulein B. im Zimmer des Dieners fand. Da nicht sofort geöffnet wurde, rannte B. gemeinsam mck dem Detektiv die Thür ein. In demselben Augenblick sprang Else B. zum Fenster hinaus. Sie blieb im Vorgarten mit einem doppelten Beinbruch hegen. B. konnte nur mit Mühe zurückgehalten werden, den Diener zu erschießen. Fräulein B. ist nach derselben Klinck gebracht worden, in der ihre Mutter liegt._____________________________ Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Hamburg, 8. Jan. In der heutigen Sitzung des Aufsichtsrates und Vorstandes der Waren-Kredit- a n ft a 11 in Hamburg wurde die Dividende für das Jahr 1901 auf 7 Prozent festgesetzt, wie in den beiden Vorjahren- Kassel, 8- Jan. In der heutigen Gläubiger-Versammlung des Konkurses der Aktiengesellschaft fürTreber- trocknuug teilte der Konkursverwalter mit, bis jetzt seien 1245 000 Mk. bar Geld ein gegangen. Mit den 769 457 Mark betragenden sicheren Außenständen beträgt die Aktienmasse rund zwei Mcklionen- Hiervon fordert der Konkurs- Vermatter für feine Thätigkeit vom 4. Juli bis 31. Dezember 1901 75 000 Mk- und die hier wohnhaften Mttglieder des Gläubiger-Ausschusses 50 000 Mk. Honorar. Verzeichnen gewesen in Höhe von etwa 5 Millionen, wenn die Stempelnovelle nicht einen Theil der erhöhten Srempelabgabei' der Reichshauptkasse als Betriebsmittel zugewiesen hätte. Da dieses geschah, sind Mehreinnahmen nicht eingetreten, sondern vielmehr eine Mindereinnahme von 6% Millionen, welche die Bundesstaaten zu tragen haben. Von einer lex Lieber ist für das Jahr 1900 de facto keine Rede. Ich komme noch, kurz auf die Betriebsmittel -er Reichshauptkasse, welche durch die Mehreinnahmen aus der Stempelnovelle in erfreulicher Weise gestärkt worden sind. Sie sind gestärkt worden, sind aber noch viel zu schwach. Wir haben, wie den Herren bereits bekannt ist, fortwährend große Vorschüsse zu leisten, auf Grund der Arbeiterversicherung aller Art. Diese Vorschüsse haben beispielsweise im April 1901 rund 140 Millionen betragen. Das war der höchste Betrag, der bis jetzt je vorgekommen ist und wenn man hiervon den Anthcil abzieht, welchen das Reich kraft des Etats als Zuschuß zu den Versicherungsrenten zu leisten hat, so er- giebt sich immer noch ein reiner Vorschuß der Reichshauptkasse in Höhe von 108 Millionen. Wo wir einen Vorschuß von 108 Millionen in Zeiten sinkender Reichseinnahmen hernehmen wollen, ist mir unklar, und ich kann deshalb nur sagen: die Reichshauptkasse bedarf verstärkter Betriebsmittel und wenn verstärkte Betriebsmittel vom Reichstage künftig nicht bewilligt werden, dann muß der Reichsschatzanweisungskredit, der jetzt in maximo 175 Millionen beträgt, erhöht werden, sonst haben wir eines Tages den Zustand, daß die Reichshauptkasse nicht mehr zahlen kann und die Reichsschuldcnverwaltung sich weigert, neue Schatzanweisungen auszufertigen. Das ist ein Zustand, den Sie selber nicht wünschen werden. Unter 59 Millionen betrug der Reichszuschuß für die Arbeiter- Versicherung nie; er steigt aber gegenwärtig bisweilen bis zu 108 Millionen netto und wird mit jedem Jahre weiter steigen. Solche Verhältnisse können auf die Dauer nicht weiter bestehen. Die Folge dieses Zustandes ist, daß wir gegenwärtig, trotzdem wir erst im Frühjahr 300 Millionen Anleihen ausgenommen haben, schon mit rund 100 Millionen Mark wieder in den Schatzanweisungen sind, und es kann sich in Zukunft leicht ereignen, daß wir ge- nöthigt sind, eine Anleihe zu einer Zeit aufzunehmen, wo es sich aus anderen wirthschaftlichen Gründen widerrathen würde. Die Reichsfinanzverwaltung kann aber an dieser Zwangslage nichts ändern. — War das Jahr 1900 schon unbefriedigend, so ist das Jahr 1901 das schlechteste, das wir seit langer Zeit hatten. Der Fehlbetrag des Jahres 1901 wird voraussichtlich mehr als 43 Millionen und außerdem bei den Ueberweisungssteuern noch 18 Millionen, im Ganzen fast 62 Millionen betragen. An diesem ungünstigen Ergebniß tragen nicht etwa große Mehrausgaben die Schuld, die nur in Höhe von wenig über 4 Millionen zu erwarten sind; zudem beruht ein Theil dieser Mehrausgaben auch im inneren Verkehr bei der Post, der Telegraphie und der Eisenbahn. Der Börsenstcmpel wird voraussichtlich um 28 Millionen hinter dem Voranschlag zurückbleiben. Der laufende Etat zeigt deutlich, daß man solche Verkehrssteuern wie den Börsenstempel nicht zu scharf anziehen soll und daß man bei den Verkehrsinstituten die Verbilligung der Tarife nicht eher fordern soll, als bis man go- willt x\t, den dadurch in einer längeren Reihe von Jahren sicher entstehenden Ausfall auf andere Weise zu decken. Den Etat für 1902 hat der Bundesrath so scharf angefaßt, wie irgend möglich. Es ist aber unmöglich, etwa an den Bauten Streichungen vorzu- nehmen, denn sonst würden Sie so und so viel Arbeitern ihr Brod schmälern. Ich komme nun noch kurz auf die o st a s i a t i s ch e Expedition. Soweit die vorliegenden Zusammenstellungen reichen, sind dafür bisher endgiltig verrechnet 128 Millionen auf die Kredite von 1900 und 43 Millionen auf die Kredite von 1901, zusammen 171 Millionen. Es stehen nach den sorgfältigsten Schätzungen bis Ende 1901 noch Zahlungen zu erwarten von 7 Millionen auf die Kredite von 1900 und 48 Millionen auf die Kredite von 1901, sodaß uns die Expedition, abgesehen von den Zinsen der aufgenommenen Anleihe, rund 226 Millionen gekostet haben wird. Die zusammen in Höhe von 276 Millionen bewilligten Kredite werden für die eigentliche Expedition also voraussichtlich nicht voll in Anspruch genommen werden. Es bleibt, soweit die bisherigen Schätzungen es zulassen, noch eine aktive Spannung von rund 50 Millionen. China hat uns als Entschädigung 85 Millionen Taels zugesagt. Diese 85 Millionen Taels ergeben nach dem gegenwärtigen Kurse von 3 Mark und einigen Pfennigen für den Tael, falls dieser einigermaßen stabil bleibt, rund 260 Millionen Mark. Der Gewinn aus dieser Gegenüberstellung ist aber nur scheinbar, denn von der Spannung von 34 Millionen gehen ab die Zinsen der Anleihe bis zum Eingehen der ersten Rate von China, dann sind ungünstige Kursschwankungen möglich, die den Goldwerth des Taels herabdrücken; auch verspätete Ratenzahlungen könnten eintreten, obgleich Kenner Chinas behaupten, es werde der pünktlichste Zahler der Welt sein. Dann sind noch auszurechnen die Neuanschaftungen und der Minderwerth an Kriegs- und Schifss- material und vor Allem der Kapitalwerth der Pensionen und Hinterbliebenenbezüge. Alle diese zum Theil erst in späte Zukunft fallenden Ausgaben werden jene Spannung von 34 Millionen sicher erreichen oder übersteigen. Die chinesische Entschädigung hat noch einen kleinen Begleiter von 5 Millionen zur Entschädigung Privater, die durch die Wirren zu Schaden gekommen sind. Die Kriegsentschädigung von 85 Millionen wie die 5 Millionen an die Privaten werden in einer Summe verzinst und amortisirt. Wenn mar: sich deshalb auf den Standpunkt des strengen Rechnungsbeamten stellen will, so hätte von der ersten Rate das Reich 85/9o und die Privaten nur 5/9o, also Vis zu beanspruchen. Es wäre aber unwirthschaftlich, die Privatleute, Firmen, Rhedereien, Missionen und wer es sonst sein mag, die durch die Wirren in China geschädigt sind, auf 40 Jahre zu vertrösten. Deshalb schlagen die verbündeten Regierungen vor- die erste Rate von 5 Millionen Taels vorweg als Entschädigung an Privatleute zu verrechnen und diese sofort voll zu entschädigen. Ich muß dann noch den rechtlichen Charakter der Herauszahlungen von China kurz berühren. Sie setzen sich aus zwei Raten zusammen: aus einer Amortisationsrate, das ist die Abzahlung auf das Kapital der 85 Mill. Taels, und aus einer Zinsrate, der Verzinsung für den noch nicht bezahlten Theil der 85 Mill. Taels. Daß die Amortisationsrate entsprechend dem Gesetz vom 25. Februar 1901 zur Abschreibung auf das Kapital der Reichsschuld verwendet werden muß, darüber besteht kein Zweifel. Anders ist es mit der Zinsrate. Diese ist nicht eine von China gezahlte Entschädigung für die Schäden aus den Wirren und für sonstige Benachtheiligungen des deutschen Reichs, sondern sie ist die Vergütung dafür, daß die Entschädigung nicht auf einmal bezahlt wird, sondern in 40 Jahresraten. Diese Zinsrate wird also in Zukunft nicht nach dem Kapital der Reichsschuld abzuschreiben sein, sondern sie wird beim ordentlichen Etat zu vereinnahmen und zur Bezahlung der Zinsen der Reichsschuld zu verwenden sein. Die in China verbleibeiiden Truppen erfordern eine Aufwendung von 26 Mill, für 1902. Wir können unsere Missionare, unseren Handel nicht wohl neuen Schädigungen aussetzen und müssen eine Besatzung in China belassen, bis sich die Verhältnisse derart gefestigt haben, daß weitere Schädigungen und Wirren nicht vorauszusetzen find. Die formelle Frage des Schutzgebietes möchte ich nod) erwähnen. Für sie ist ein besonderer Hauptetat aufgestellt. Er ist eigentlich nur Formsache. Die Schutzgebietsetats beanspruchten gegenwärtig im Reichsgesetzblatt einen breiteren Raum als der Ge- sammtetat selber. Das wird nun besser und bequemer. Ich komme jetzt zu einem kurzen Schlußwort. Das Gesammtbild des Etats ist so unerfteulich, wie wir es vor einem Jahre kaum hätten voraussehen können. Es ist nach zwei Seiten unerfreulich: einmal müssen die Bundesstaaten ungedeckte Ma- solchen Zeiten, wo die Einnahmen zurückgefien, muß man zurückhaltend sein mit solchem Verlangen; wir würden sonst in die Lage kommen, den Etat in künftigen Jahren noch schlechter balanziren zu müssen. Ich kann zugleich sagen: wenn der wirthschaftliche Niedergang anhält und der Rückgang der Einnahmen sich fortsetzt, so werden Sie nicht umhin können, neue Einnahmequellen zu bewilligen , nicht aber solche, wie der Börsenstempel, sondern Einnahmen , die wirklich zu Buch schlagen, und da stehen an erster Stelle: das Bier und Tabak. Abg. Graf zu Stolberg-Wernigerode (kons.): Fürst Bismarck war der Ansicht, daß der Freihandel der sechziger Jahre den Wohlstand Deutschlands untergraben und dadurch die damalige Krisis veranlaßt habe, der durch die Milliarden nur etwas aufgehalicn wurde. Diesmal war die industrielle Uebcrproduktion die Ursache. Die industrielle Entwickelung war zu rapide, und der Zusarnmcn- bruch großer Bankinstitute verschärft die Krisis noch. Wie ungesund diese Entwickelung ist, zeigt auch die jetzt vorhandene ungesunde und ungleichmäßige Vertheilung von Arbeitskräften auf dem Lande und in den Städten. Wir freuen uns über das gute Verhältniß des Reichs zu Rußland. Ebenso begrüßen wir es, daß die Treibereien gegen den Dreibund bis jetzt erfolglos geblieben sind. Wir hoffen, daß sie es auch in Zukunft bleiben werden. An Treibereien gegen den Dreibund hat es ja niemals gefehlt; es hat sich aber immer gezeigt, daß der Dreibund nicht auf künstlichen Kombinationen beruht, sondern den Wünschen der Völker entspricht. Den ehrenvollen Ausgang der chinesischen Angelegenheit danken wir in erster Linie den Leistungen unserer Diplomatie und unseres Militärs. Unseren Truppen war es ja nicht vergönnt, große Heldenthatcn zu verrichten, aber sie haben bewiesen, daß unser Heer noch ebenso auf der Höhe der Situation steht, wie vor 30 Jahren. Es geht dies vor Allem aus der Schnelligkeit hervor, mit der es möglich war, diese Expedition zu formtreu. Um so bedauerlicher ist es, daß ein Minister eines fremden Staates, mit dem wir in Frieden und Freundschaft leben, es für nöthig gehalten hat, das Verhalten unserer Truppen im deutsch-französischen Krieg abfällig zu fritifiren. In allen Schichten, in allen Parteien des deutschen Volkes haben diese Beschuldigungen Entrüstung hervorgerufen. (Sehr richtig!) Daß diese Entrüstung gerade in Deutschland in dieser Weise zum Ausdruck gekommen ist, ist ja sehr natürlich. Denn in keinem Lande der Welt sind Armee und Volk so innig verbunden wie bei uns. (Sehr richtig!) Wenn wir die Armee als das deutsche Volk in Waffen bezeichnen, so ist das keine Redensart, sondern entspricht den Thatsachcn, und daher kommt es, daß, wer das deutsche Heer beleidigt, daß der auch das deutsche Volk beleidigt. (Beifall.) Wir hoffen, daß es möglich sein wird, den Etat rechtzeitig fertigzustellen. Damit das möglich ist, müßen wir diesmal weniger Theile des Etats der Kommission überweisen; es haben darüber ja schon Besprechungen zwischen den einzelnen Fraktionen stattgefunden. Zum Schluß spreche ich den Wunsch aus, daß der nächste Etat ein günstigeres Bild gewähren möge als der diesjährige. Reichskanzler Gras Bülow: Meine Herren! Der Herr Vorredner hat in seinen Ausführungen eine Aeußerung berührt, welche vor einiger Zeit ein englischer Minister über das Verhalten unseres Heeres im deutsch-französischen Kriege gemacht hat. Ich glaube, wir werden alle darüber einig ein, und ich meine, es werden auch alle verständigen Leute in England mit uns darüber einig fein, daß, wenn ein Minister sich gezwungen sieht, feine Politik zu rechtfertigen — das kann ja vorkommen: ein Minister sieht sich in der Nothwendigkeit, seine Politik zu rechtfertigen —, daß er dann wohl daran thut, das Ausland aus dem Spiele zu lassen. (Sehr richtig!) Will er aber doch fremdländische Beispiele heranziehen, so empfiehlt es sich, das mit großer Vorsicht zu thun (sehr richtig!), sonst läuft man Gefahr, nicht nur mißverstanden zu werden, sondern auch, ohne zu wollen — wie ich annehmen will und wie ich annehmen muß, nach dem, was mir von anderer Seite versichert wird — fremde Ge- ühle zu verletzen. Das ist aber umso bedauerlicher, wenn es einem Minister passirt, gegenüber einem Lande, das mit dem einigen, wie der Herr Mg. Graf Stolberg soeben mit Recht her- vorgehoben hat, stets gute und fteundschaftliche Beziehungen unterhalten hat, deren ungetrübte Fortdauer gleichmäßig dem Interesse beider Theile entspricht. (Sehr wahr!) Es war durchaus be- greiffich und cs war vollkommen in der Ordnung, wenn in einem Volke, das mit seinem ruhmreichen Heere so innig verwachsen ist wie das deutsche Volk — auch dies fiat mit großem Recht der Herr Vorredner betont — wenn da das allgemeine Gefühl sich auf- lehnte auch gegen den Versuch und selbst gegen den Schein, den heroischen Charakter und die sittliche Grundlage unserer nationalen Einheitskämpfe zu entstellen. (Lebhafter Beifall.) Das deutsche Heer steht aber viel zu hoch und sein Wappenschild ist viel zu blank, als daß es durch schiefe oder ungerechte Urtheile berührt werden könnte. (Beifall.) Es gilt davon, was Friedrich der Große einmal sagte, als man ihm von einem Manne sprach, der ihn und die preußische Armee angegriffen hatte: „Lasset den Mann gewähren", agte der große König, „und regt Eucb nicht auf; er beißt auf Granit." (Beifall.) Nun hat aber der Vorredner auch vom Dreibund gebrochen, er hat mit Recht hervorgehoben, daß es immer gewisse Leute gegeben fiat, die erfüllt waren von dem Wunsche, den Dreibund zu begraben. Es fiat auch seit langem Leute gegeben, die von Zeit zu Zeit sich gedrungen suhlten, den Dreibund todtzusagen. Er erfreut sich aber noch immer des besten Wohlseins, und ich denke und hoffe, es wird ihm so gehen, wie den Personen, die fälschlich tobtgefagt sind und die nun erst recht lange leben, lieber die Natur und die Art und das Wesen des Dreibundes bestehen ja vielfach unzutreffende Vorstellungen. Der Dreibund ist nicht eine Erwerbsgenossenschaft, sondern er ist eine Versicherungsgesell- chaft; er ist nicht offensiv, sondern defensiv; er ist nicht aggressiv, ändern er ist in hohem Grade friedlich. Der Herr Abg. Graf Stolberg hat eben gesagt, der Dreibund beruhe nicht auf künstlichen Kombinationen. Das ist vollkommen richtig. Historisch gesprochen teilt der Dreibund die Versöhnung dar, zwischen den nationalen Errungenschaften, die aus den Kämpfen der sechziger und siebziger Jahre hervorgegangen sind, und er stellte die Stabilität her, die nach Beendigung der napoleonischen, kriegsstürmischen Zeiten während eines halben Jahrhunderts den Frieden gesichert hatte. Der Dreibund verbündet die Vergangenheit mit der Gegenwart und sichert die Zukunft. Der Dreibund schließt auch gute Beziehungen seiner Theile zu anderen Mächten nicht aus, und ich halte es nicht für richtig, wenn in den letzten Tagen ein kleiner, übrigens nur sehr kleiner Theil, der deutschen Presse anläßlich der französisch-italienischen Abmachungen eine große Unruhe an den Tag gelegt hat. In einer glücklichen Ehe muß der Gatte nicht gleich einen rotfien Kops bekommen, wenn seine Gattin auch mal mit einem Anderen eine unschuldige Extratour tanzt. (Heiterkeit.) Die Haupt- ache ist, daß sie ihm nicht durchgeht, und das thut sie nicht, wenn ie es bei ihm am besten hat. Der Dreibund legt seinen Mit- siiedern keinerlei lästige Verpflichtungen auf. Insbesondere wird >urch den Dreibund — in diesem Augenblick lese ich, daß das chon früher einmal in der „Norddeutschen Allg. Ztg." hervorgehoben ist — keiner der Theilnehmer verpftichtet, seine Land- oder Seekräfte auf einer bestimmten Höhe zu halten. Es steht jedem Theilnehmer am Dreibund frei, seine militärischen und maritimen Streitkräfte zu reduziren, wann und wie er will. Ich möchte sogar annehmen, daß ohne den Dreibund dieser ober jener Icheilnchmer des Dreibundes in der Jsolimng au stärkeren militärischen Aufwendungen genöthigt sein würde (sehr wahr!), als jetzt, wo er mitglied einer starken Gruppe ist. (Sehr richtig!) Die französisch- italienischen Abmachungen über gewisse Mittelmeerfragen gehen gar nicht gegen den Dreibund; fie liegen überhaupt gar nicht auf dem Dreibundsgebiet. Graf Adrassy im deutsch-österreichischen Vertrage die Grundlage deS Dreibundvertrages legte. Damals trieben wir doch nur europäische Politik; unsere Kombinationen gingen nicht über das Mittelmeer hinaus. Heute umspannt die Politik aller Großmächte den ganzen Erdball: Ich glaube, daß es wohl nie eine Zeit gegeben hat, wo gleichzeitig so viele mächtige Reiche neben einander existirten. Daraus entwickelte sich, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein System der Gleichgewichte, welches naturgemäß auch ohne besondere Verabredung hinzielt auf die Erhaltung des Weltfriedens. Denn es giebt keine Macht, die, wenn sie in Europa einen Krieg fuhren wollte nach der einen Seite, sich nicht sagen müßte: Was geschieht aber inzwischen hinter meinem Rücken? Mau kann die Augen doch nicht überall haben. 1879 waren unser großer Staatsmann Fürst Bismorck und un|er großer Feldherr Graf Moltke darüber einig, daß Deutschland sich einrichten müsse auf die Gefahr, auf die vielleicht damals nahe Gefahr eines großen europäischen Krieges. Heute ist die Situation eine weniger gespannte. Das hat verschiedene Ursachen. Zunächst hat es entschieden beruhigend gewirkt, daß Deutschland feit 30 Jahren eine stetige Friedenspolitik getrieben hat. Vor 30 Jahren war noch die Ansicht ziemlich verbreitet, daß das deutsche Reich eine kriegerische Politik treiben würde, ähnlich wie die napoleonischen Kaiserreiche sie zwei Mal getrieben hatten. In diesem Verdacht, in diesem Mißtrauen lag insofern eine gewisse Kriegsgefahr, als sich unsere Gegner des Arguments bedienen konnten und wohl auch ab und zu bedient haben, zu sagen: Wenn wir nicht einen uns genehmen Augenblick benutzen, um das deutsche Reich anzugreifen, dann setzen wir uns der Gefahr aus, daß das deutsche Reich in einem ihm genehmen Augenblick über uns herfällt. Dies Argument läßt sich heute nicht mehr anwenden, denn an Gelegenheit, in einem uns genehmen Moment Kriege zu führen, und noch dazu in guter Gesellschaft, fiat es uns feit 30 Jahren nicht gefehlt. Wenn heute irgendwer von der Kriegsluft des deutschen Reiches ober des deutschen Kaisers spräche, so würde eine solche Verleumdung platt zu Boden fallen. (Sehr richtig 1) Denn Jeder, der sich mit Politik beschäftigt, weiß, daß wir absolut friedlich sind. Ferner erstteckt sich die heutige Politik, die Welt- siolitik, auf Gegenden und Objekte, die sehr weit entfernt liegen; ich nenne nur Nordafrika, Persien, Ostasien! Wenn somit der Dreibund für uns nicht mehr eine absolute Nothwendigkeit ist, so bleibt er doch im höchsten Grade werthvoll als verstärkte Garantie für den Frieden und den Status quo, auch abgesehen davon, daß er ein sehr nützliches Bindemittel zwischen Staaten ist, die durch ihre geographische Lage und historischen Traditionen darauf angewiesen sind, gute Nachbarschaft zu halten. Was uns angeht — damit will ich schließen —, so wollen wir Deutschland auch weiter so stärken, daß wie jetzt unsere Freundschaft für Jeden werthvoll, unsere Feindschaft für Niemanden gleichgiltig ist. (Beifall.) Abg. Siidckum (Sd.): Die Heeresausgaben verschlingen in diesem Etat die Einnahmen fast vollständig. Will man sparen, bann muß man es hier thun. Von einer Regierung, die den Grafen Posadowsky behalten und den Minister Möller neu aufgenommen fiat, ist freilich nichts zu erwarten. Der Etat wenigstens wirft nur wenig für sozialpolitische Zwecke aus. Die beste Hilfe der Arbeiter. das Koalitionsrecht, steht bei uns nur auf dem Papier. Terrorismus und schwarze Listen sind an der Tagesordnung, man denke nur an den Dresdener Glasarbetterstrike. In den „Musterbetrieben" des Staates, z. B. auf der Kieler Werft, werden Arbeiter unter den nichtigsten Ursachen entlassen. Statt Sozialpolitik also nur Absolutismus und Militarismus. Der militaristische Geist untergräbt unsere ganze Rechtsordnung. Trotz aller Reichstagsresolutionen nehmen die Duelle kein Ende, die Soldatenmißhandlungen hören nicht auf. Der Hauptmann von Feilitzsch ist in die preußische Armee ausgenommen, trotzdem er in Baiern wegen Soldatenmißhandlung nicht wieder angestellt worden ist. Ex fundamento muß gegen die Ausschreitungen vorgegangen werden, gelegentliche Kaiserreben, wie bie in Potsbam nützen nichts. In Potsdam soll ber Kaiser gesagt haben---- Präsibent Gras Ballestrem ersucht den Rebner, nicht Kaffer- reben, bie nicht im „Reichsanzeiger" geftanben haben, zu besprechen. Abg. Dr. Sübekum (fortfafirenb): In ben letzten Tagen fiat wieber ein Duell ftattgefunben, ber militärische Geist mußte ja nach Jena führen. Duellanten werben bei uns nur milbe bestraft. politische Vergehen werben jeboch, wie ber Fall Brebenbeck zeigt, wie bie ärgsten Verbrecher befianbelt. Die China-Expedition fiat uns nicht nur ein erhebliches Defizit gebracht, fonbern auch unser Ansehen im Auslanbe geschwächt. (Widerspruch rechts.) Wir haben uns ja nie viel von ber Expedition versprochen, aber eine solche Blamage hätten wir boch nicht erwartet. Wie ging es beim auf ber Reise des Sühneprinzen zu? Der Prinz selbst hat sich sehr gut aus ber Affaire gezogen, Deutschland bagegen fiat roieberfiolt feine Bedin- bungen ändern müssen. Der taktlosen Enthüllungen eines französi- efien Generals hätte es nicht beburft, man wußte ja so wie so schon, wie es in China zuging. Die astronomischen Jnstturnente hat man freilich ber chinesischen Regierung später toiebergeben wollen, aber ich muß boch gegen bas Verfahren, wissenschaftliche Instrumente wegzuführen, energisch proteftiren. Das war Hunnenarbeit! Die mußte unser Prestige schäbigen. Unser Verhältniß zu Oesterreich ist so gut wie bisher, sagt Gras Bülow. Dabei fiat er wohl ganz ben Zolltarif unb bie Affaire in Wreschen vergessen. Chamberlainsche Unverschämtheiten werben in Deutschlanb übereinstimmenb berurtfieilt Aber ber Reichskanzler fiat mit keinem Worte gefabelt, wie sehr England im Boerenkrieg gegen bie Haagener Konvention verstoßen hat. Es ist ein Bruch ber Neutralität, wenn beutsche Fabrikanten noch immer den Engländern ben Draht liefern bürfen, ben sie zu ben Konzentrationslagern brauchen. Ich sehe unsere auswärtige Lage nicht so ;ünstig an, wie Graf Stolberg; für bas verlorene Prestige kann ne Frennbschaft bes Sultans unb bes Fürsten von Monaco lernen Ersatz bieten. (Beifall bei ben Soz.) Bairischer Generalmajor von Endres: Ich muß bie Vorwürfe bes Vorrebners gegen bie Armee aufs energischste zurückweisen. Er ist noch viel zu jung bazu (Gelächter bei ben Szb.). Ich bin zwar auch noch ein junger Parlamentarier, aber ich weiß wch, baß bas Gelächter nicht immer ein Ausdruck ber Herzensfreudigkeit, fonbern vielmehr ber Verlegenheit ist. Zweifellos ist es im Falle Feilitzsch zu einer Differenz gekommen. Aber Preußen unb Baiern öerbinbet eine so treue Kamerabschaft auf Leben unb Sterben, baß eine Meinungsverschiedenheit in einem einzelnen Fall gar keine Rolle spielt. Staatssekretär von Tirpitz bestreitet es, baß beutsche Panzer- platten-Fabrikanten bem Auslanbe billigere Panzerplatten geliefert hätten als Deutschlanb. Abg. Südeknm (persönlich) weist barauf hin, baß nach un- wiebersprochenen Berichten ber Hauptmann Feilitzsch sich ttotz eines Befehls fernes Dorgefetzten geweigert habe, an ber Spitze seiner Kompagnie gegen ein Dorf vorzugehen. Er habe biefe Weigerung damit begrünbet, baß bie erste Kugel für ihn bestimmt sei. .Preußischer Bunbesratfisbevollmächtigter Generalleutnant von Heringen erklärt biefe Behauptung für unrichtig unb tfieilt mit, baß wegen bieses Berichts bereits Sttasanttag gestellt sei. Bairischer Generalmajor von Endres: Der von Herrn Sübecum angeführte Bericht ist unter allen Umständen unwahr, ich kann das auf Grund genauen Aktenstudiums versichern. Wer halbwegs Einblick in die militärischen Verhältnisse fiat, ber weiß, baß ber Kommanbeur einen solchen Offizier vom Fleck weg verhaften unb erschießen lassen würbe. Also biefe Behauptung ist absolut unwahr, objektiv unb subjektiv — en gros. (Heiterkeit.) Hierauf vertagt bas Haus bie weitere Berathung auf Donnerstag, 1 Uhr. Schluß 6tz Uhr. Im Uebrigen können wir bie weitere Entwickelung ber Dinge mit umso größerer Ruhe bettachten, als die Sage heute boch eine Eisenbahntarife. In | wesentlich andere ist als 1879, als bamals, wo Fürst Bismarck mit trifularbeiträge hergeben unb ihre eigenen Finanzen schädigen, sodann muß das Reich zum ersten Mal zur Bilanzirung des Etats zu einer Ergänzungsanleihe schreiten. Die Lehre, oie hieraus gezogen werden muß, ist besonders zu betonen mit Rücksicht auf die großen Verkehrserleichterungen in den letzten Jahren bei der Post unb Telephonie unb auf bie Forberung größerer Verbilligung ber Eisenbahntarife. Inf