Nr. 106 Mittwoch, 7. Mai 1902 152. Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme beS Sonntag«. Die ..Gießener Kamilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teü: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen Universllätsdruckerei (Pieljch Erben), Gießen. General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 183. Sitzung vom 6. Mai. 1 Uhr. Das Haus ist gut besetzt Am Bundesrathsnsch: S t u e b e l u. A. Präsident Graf Ballcstrem theilt mit, daß die Lerche des ver- ftorbenen Abg. Friedel am Mittwoch um 3 Uhr vom Bahnhof Bayreuth nach St. Johannis überführt wird. Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Bcrathung der Novelle zum Schützten ppcn-Gcsetz. Durch kaiserliche Verordnung soll bestimmt werden, unter welchen Voraussetzungen Wehrpflichtige, die außerhalb Europas ihren Wohnsitz haben, ihrer Dienstpflicht in der Schutztruppc Genüge leisten können. .. , Abg. Dr. Hasse (nat.-lib.) befürwortet einen Antrag, öte Worte „die außerhalb Europas ihren Wohnsitz haben" zu streichen. Ein Vertreter der Militärbehörde theilt mit, daß Bedenken gegen den Antrag nicht vorlicgen. , rr v . Das Gesetz wird hierauf mit dem Antrag Hasse definitiv Es folgt die erste Berathnng der Brüsseler Zucker- Konvention und der Novelle zum Zucker ft euer-Gezetz. Zur Geschäftsordnung bemerkt Abg. Lucke (93. d. L): Der Abg. Bebel hat gestern die Wichtigkeit der Berathung der Petitionen hervorgehoben. Um seinen Wünschen entgcgenzukommcn, beantrage ich, den 2. Gegenstand, die Zuckersteuervorlage, von der Tagesordnung abzusetzen und sogleich die Petitionen vorzunehmen. (Lärm und Lachen links.) Abg. von Starbor ff (Rp): Nachdem wir uns soeben im Seniorenkonvent einigermaßen verständigt haben und der Herr Präsident in Aussicht genommen hat, die Branntwcinsteuernovelle gleich nach den Ferien auf die Tagesordnung zu setzen und auch eine Verständigung darüber als vorhanden angenommen werden darf, da,; von einer unlauteren Obstruktion gegen die Brastntweinsteuernovelle Abstand genommen werden wird (Lärm und Lachen links), möchte ich den Vorredner bitten, den Antrag zurückzunehmen. Abg. Lucke (93. d. L.): Wenn es richtig wäre, daß von der Linken auf Obstruktionen jeder Art für die Branntweinsteucrnovclle verzichtet ist, würde ich bereit sein, meinen Antrag zurückzuziehen. (Lachen und Lärm links.) Abg. Bebel (Soz.): Ich weiß nicht, wie die Herren zu einer solchen Herausforderung (Lachen und Widerspruch rechts. Sehr- richtig! links) kommen. Auf dieser Seite ist von einer sogenannten Obstruktion leine Rede gewesen (Sehr richtig! links) und von „unlauterer" Obstruktion erst recht nicht. (Sehr richtig! links. Lärm rechts.) Wir haben bisher stets unter strenger Innehaltung der Geschäftsordnung gehandelt (Lachen rechts); das werden wir auch künftig thun. Damit ist nicht gesagt, was wir bei der Berathung der Branntweinsteuer thun oder nicht thun werden. Ich habe im Seniorenkonvent erklärt, daß wir einverstanden sind mit dem Vorschläge des Herrn Präsidenten, daß am 3. Juni die Branntweinsteuer-Novelle auf die Tagesordnung kommt und danach die Zucker- steuer-Vorlagc. Mehr konnte ich nicht erklären, da ich dazu nicht autorisirt war. Uebrigens habe ich es gestern als selbstverständlich erachtet, daß die Zuckerstcuer vor der Petition zur Verhandlung kommen würde. Auf meine Zustimmung hat Herr Lucke also bei seinem Vorschläge nicht zu rechnen. (Beifall links.) Abg. Dr. Barth (frcis. Vgg.): Der Vorschlag des Abg. von Kardorff und Lucke war denkbar unpraktisch. Sie haben eine Versicherung dabm gewünscht, daß bei der Branntweinsteuer-Novelle „unlautere" Obstruktion von uns nicht gemacht werden würde. Wenn irgend eine solche Erklärung abgegeben würde, so würden wir ja gewissermaßen zugestcheu, daß wir jemals eine solche unlautere Obstruktion gemacht (Sehr richtig! links. Lärm rechts) oder geplant hätten. Ein solches Zugeständniß müssen wir auf unserer Seite durchaus ablehnen. (Lachen rechts.) Abg. von Kardorff (Rp.): Unlautere Obstruktion nenne ich es, wenn das Haus beschlußfähig ist und durch willkürliches Heraus- gehcn einer größeren Anzahl Abgeordneter beschlußunfähig wird. (Sehr richtig! rechts und im Etr. Lachen links.) Wenn Sie (nach links) darauf nicht verzichten, wie mir nach den Aeußerungen des Vorredners scheint, so würden Sic uns allerdings zwingen, unter Umständen dieselbe PrariS zu üben (Lacken links) und zwar würde es dazu reckt schnell kommen können. (Lachen links. Lärmender Beifall rechts.) Wir setzen bei der Branntweinsteuernovelle namentliche Abstimmungen als selbstverständlich voraus, wenn Sie aber nicht darauf verzichten werden, den Reichstag durch solches Verlassen des Saals beschlußunfähig zu macken, so werden wir, wie gesagt, gezwungen fein, unsererseits diese Obstruktion aufzunehmcn. (Lärm links. Beifall rechts.) Abg. Lucke (93. d. L.): Nach den Ausführungen des Abg. Barth muß ick meinen Antrag aufrecht erhalten und werde vor der Abstimmung Auszählung beantragen. Abg. Dr. Bachem (Etr.): Nachdem jetzt von beiden Seiten des Hauses mit dem Begriff der Obstruktion operirt worden ist, möchte ick allen Seiten anheimgeben, zu überlegen, ob cs möglich ist, den Parlamentarismus aufreckt zu erhalten (Zuruf: Nein!), wenn von dieser oder jener Seite Mittel angewandt werden, die sich allerdings in den Rahmen der Gcsckäfisordnung hineinpressen lassen, die aber mit dem Geiste und dem Sinne des Parlamentarismus nicht zu vereinbaren sind. (Beifall im Etr.) Diejenigen, welche den Parlamentarismus in Ehre und Würde zu erhalten wünschen, sollten kein Mittel anwenden, das geeignet ist, den Parlamentarismus zu dis- kreditiren. (Beifall im Etr.) Das geschieht aber, wenn durch irgend welche Mittel ein Haus, das beschlußfähig ist, in 10 Minuten beschlußunfähig gemacht wird. Jeder, der auf diese Bahn tritt, wird für sich die Verantwortung dafür (Lärm und Lachen links und rechts) — das ist ein ernstes Wort! (Lachen und Lärm links) — zu übernehmen haben. (Lebhafter Beifall im Etr. und links.) Kein wahrer Freund des Parlamentarismus kann eine solche Entwicklung wünschen. (Lebhafte Zustimmung im Etr.) Abg. Richter: Ich weiß überhaupt nicht, was Herr von Kardorff zu seinen Ausführungen Veranlassung gegeben hat. (Lachen rechts.) Der Reichstag ist am Donnerstag und Freitag beschlußfähig gewesen, seit Sonnabend ist er beschlußunfähig. Gestern war er den ganzen Tag beschlußunfähig. Ich bemerke ausdrücklich, daß, bevor gestern irgend wie eine Auszählung in Frage kam, wir uns vergewissert haben, daß nur 177 Abgeordnete anwesend waren. (Widerspruch rechts. Zustimmung links.) Warum sind denn so wenig Abgcord nete da? Weil wir keine Dicken haben. (Lachen und Widerspruch rechts, Zustimmung links.) Wenn für ein Gesetz, wie Sie entnehmen, drei Viertel des Hauses sind, also 300 Abgeordnete, da muß es doch diesen 300 leicht fein, 200 präsent zu haben. (Beifall links. Unruhe rechts.) Wenn der Reichstag trotzdem beschlußunfähig ist, so haben eben 100 Anhänger der Vorlage gefehlt. Es ist da durchaus kein unlauteres Mittel, wenn bei grundsätzlichen Verhandlungen oddr zum Schutze gegen Ueberrumpelung verlangt wird, daß diejenigen anwesend sind, die zustimmen. (Zustimmung links.) Das hat der Herr Präsident neulich selbst konstatirt, indem er sagte, er könne es den Mitgliedern der Minorität nicht verübeln, wenn sie verlangten, daß die Majorität in beschlußfähiger Zahl anwesend ist. Daran halten wir fest und müssen es ablehnen, irgend eine wettere Erklärung zu geben. Thun Sie, was Ihnen gut scheint, Ihr ^chick,al wird Sie um so rascher ereilen. (Beifall links, Lacken rechts.) Abg. Bebel (Soz.): Auch ich möchte erklären, daß, wenn Sie glauben, uns durch Drohungen zu einer Erklärung bcstinnnen zu können. Sie sich sehr irren. Die Art und Weise, wie Sic uns zu einer Erklärung provoziren wollen, hat auf uns keinen sehr angenehmen und günstigen Eindruck gemacht. (Zustimmung bei den Soz., Lachen rechts.) Wenn wir feststcllen wollen, daß das Haus beschlußunfähig ist, so machen wir keine Obstruktion, sondern verlangen nur, was die Verfassung vorschreibt. (Widerspruch und Lachen rechts.) Uns lingt an der Würde des Reichstags jedenfalls mehr, als an den Herren auf jener Seite. (Lärm rechts, Beifall links.) Also: wir lehnen jede Erklärung über unser Verhalten ab. Machen Sie, was Sie wollen! (Lebhafter Beifall links. Erneuter Lärm rechts.) Abg. Dr. Barth (freis. Vgg.): Ich lege zunächst ausdrücklich Protest gegen die Ulsterstellung ein, daß ans meinen Worten herausgehört worden ist, daß von unserer Seite eine Obstruktion bei der Berathung der Branntweinsteuer ins Auge gefaßt sei. Das ist mir nicht im Traume eingefallen, auch nur anzildeutcn. Ich habe nur betont, daß wir nie „unlautere Obstruktion" getrieben haben. Andererseits habe ich allerdings mit großem Interesse ans den Ausführungen des Herrn von Stardorff entnommen, daß das, was er „unlautere Obstruktion" nennt, bei ihm allerdings sich schon zu einem festen Plan verdichtet hat. (Sehr gut! links.) In Wirklichkeit hat ja auch Herr Lucke bereits durch seinen Antrag den Verbuch gemacht, unsere Geschäfte aufzuhalken. Abg. Lucke (93. d. L.): Nach den Ausführungen des Vorredners halte ich meinen Antrag aufrecht. Präsident Graf Ballestrcm: Ich muß mein tiefstes Bedauern darüber aussprechen, daß, nachdem noch nicht eine Viertelstunde vergangen war, seitdem sich die Vertrauensmänner aller Parteien über die Frage der ferneren Geschäftsführung geeinigt hätten (Sehr richtig! links.), sofort hier eine Störung eingetreten ist. (Sehr richtig! links.) Ich weiß wohl, daß die Herren, die an dieser Besprechung theilgenommen haben, keinen absoluten Einfluß auf alle ihnen nahestehenden Abgeordneten haben lönnen. Es ist das Reckt jedes Abgeordneten, dort, wo die Geschäftsordnung keine Unterstützung verlangt, auch allein vorzugehen. Aber trotzdem kann ich nur mein tiefstes Bedauern darüber atissprcchen, wenn unsere Geschäfte durch so ein Vorgehen gestört werden, nachdem eben alle Parteien einig waren, wie die Geschäfte weitergeführt werden sollten. (Lebhafter Beifall.) Abg. Lucke (B. d. L.s: Ich muß es ebenso sehr bedauern, day gestern, nachdem wir geplant hatten, die Branntweinsteiter-Novelle auf die Tagesordnung zu setzen, die Linke es verstanden hat, das zu verhindern. Ich halte deshalb meinen Antrag aufrecht. (Lachen links.) Abg. Richter (freis. Vp.): Wir haben gestern nur bezweckt, den Vorschlag zur Geltung zu bringen, den der Herr Präsident selbst gemacht hatte, der doch in Anspruch nehmen kann, in solchen Fragen über den Parteien zu stehen. (Zustimmung.) Nur durch Anzweifelung der Beschlußfähigkeit ist es möglich gewesen, die Autorität des Herrn Präsidenten (Lärmen rechts.) — die Ansicht des Herrii Präsidenten zur Geltung zu bringen, und das war berechtigt, weil das Bestreben Vortag, die Berathung der Zucker- steuer-Vorlage möglichst abzukürzen, natürlich, um die Branntweinsteuer-Vorlage in 2 Tagen noch durchzupcitschen. Das haben wir verhindern wollen. (Zustimmung links.) Präsident Graf Ballcstrem: Ich möchte nur bemerken, daß ich selbst in der Lage bin, meine Autorität zu wahren. (Heiterkeit. Sehr richtig!) Ich bin dem Abg. Richter zwar sehr dankbar für feine Unterstützung, aber ich werde, auch wenn sie mir nicht zu Theil wird, meine Autorität zu wahren wissen. (Beifall.) Abg. von Lcvctzow (kons.): Wir haben den Ausgang der gestrigen Sitzung sehr bedauert. Ick will nicht darauf eingehen, ob nicht gestern wieder eine große Anzahl von Herren auf der Linken sich entfernt haben. Wenn das öfter auf der einen Seite geschieht, so wird eö natürlich auch auf der anderen Seite geschehen. (Sehr richtig! rechts.) Zur vorliegenden Streitfrage will ick nur erklären, das; meine Freunde es bei der jetzigen Tagesordnung zu belassen ivünschen und einen Antrag auf Auszählung bedauern würden. Damit ist die Geschäftsordnungsdebatte beendet. Vor der Abslimung über den Antrag Lucke bemerkt Abg. Lucke (23. d. L.): Ick bezweifle die B e s ch l u tz- fähigkeit des Hauses. (Lärm links.) Es wird daher Auszählung des Hauses vorgenommen. Der Namensaufruf ergiebt die Anwesenheit von 193 Mitgliedern. Das Haus ist daher nicht beschlußfähig, die Sitzung muß abgebrochen werden. Präsidenr Graf Ballestrem setzt die nächste Sitzung auf eine Viertelstunde an mit der Tagesordnung: Fortsetzung der ersten Lesung der Brüsseler Zucker-Konvention und der N o v e l l e zum Zucker st euer-Gcsetz. Petitionen. Schluß 2¥2 Uhr. 184. Sitzung vom 6. Mai. 2% Uhr. Die erste Lesung der Brüsseler Zucker-Konvention und der Novelle zum Zucker st eucr-Gcsetz wird fortgesetzt. Abg. Dr. Barth (freis. Vgg ): Der Reichskanzler, den wir nicht häufig hier sehen, hat die Vorlage selbst eingebracht, die Redner der Parteien, die die Regierung sonn unterstützten, haben nur kurze Reden gehalten und es ganz abgelehnt, auf die Materie selbst einzugehen. Tas ist ein sehr wenig rücksichtsvoller Vorgang, der in den letzten zwanzig Jahren seines Gleichen nicht hat. Und dabei stand die Reform der Zuckergesetzgebung seit einem Dutzend Jahren auf der Tagesordnung und der Inhalt der Vorlage war seit drei Monaten bekannt. Ta hätte man doch soforr in eine grundsätzliche Besprechung der Vorlage eingehen sollen. Unsere bisherige Zucker - gesetzgebung hat Bankerott gemacht, die Negierung war nicht schuldlos daran, ein reines Gewissen haben nur wir von der Linken. (Lachen rechts.) Wir haben das ganze System, besonders die Prämie und die Slontingcntirung bekämpft.. Jetzt giebt selbst die Denkschrift der Regierung zu, daß wir mit unseren Voraussagen recht hatten. Das ganze protektionistische System hat sich als verfehlt herausgestellt, da sollten doch alle der Regierung zustimmen, wenn sie durch inter- natienale Verträge dieses System beseitigen will. Aber der Reichskanzler hielt cs sogar für twthig, sich den Agrariern gegenüber zu entschuldigen. Es ist indcsien wirklich ein Glück, daß wir zu der Kcnveution gekommen sind, daß es gelungen ist, die verschiedenen Staaten unter einen Hut zu bringen. Ter einzige Staat, der Opfer bringt, ist England, alle anderen profitiren. Denn England leistet Verzicht auf die Vortheile, die cs von der thörichten kontinentalen Zuckcrpolitit gehabt hat. Wir haben doch, nachdem England mir der Konvention einverstanden ist, Veranlassung, mit beiden Händen zu- zugretfen. Das englische Parlament wird auch zweifellos zustimmen. Wenn wir jetzt die Konvention nicht annehmen, daun thun wir Frankreich den größten Gefallen, das dann ungeheure Vorthcilc haben würde. Tic Vorlage muß auch vor der Vertagung erledigt werden. Wenn eine Kommissiousberathung stattfindet, dann wir! ein solcher Exzeß der Wißbegicrde sich entwickeln, daß der ganze Sommer damit hingeht. Es handelt sich hier nicht um unseren Zucker, sondern um den Zucker der verbündeten Regierungen, denn sie haben diese Vorlage eingebracht und es müßte miserabel um das Ansehen der verbündeten Regierungen stehen, wenn es ihnen nicht gelingt, die Vorlage noch vor der Vertagung zu erledigen. Mit der Herabsetzung der Steuer sind wir einverstanden und hoffen, daß sie später noch weiter ermäßigt werden kann. Der Zuckerring hat sehr schädlich gewirkt und schwer gesündigt. Ihm muß jetzt das Nückgrad gebrochen werden. Die protektionistische Politik hat großen Sckaden angerichtct und die Zuckerindustrie sollte stolz darauf sein, endlich einmal aus eigener Kraft etwas zu leisten. (Beifall links.) Staatssekretär Dr. Graf von Posodowsky: Das System bei Kontingentirung, worauf der Vorredner die Mißstände in bei Zuckcrindustrie zurückführt, war von der Regierung im Jahre 1896 wesentlich anders gedacht und vorgcschlagen icorbcn, als cS vom Hause beschlossen wurde. Durch die Beschlüsse deö Reichstages wurde die ganze Grundlage unserer Vorschläge verschoben. Wir standen aber damals vor der Nothwendigkeit, eine unmittelbar bevorstehende und zum Theil schon ausgebrochenc Krise in der Zucker- industric zu bekämpfen. Die Regierungen sahen sich deshalb gezwungen, den Reickstagsbeschlüssen zuzustimmen. Wir hatten vorher den schweren Fehler gemacht, die Prämien abzuschaffen, während die anderen Staaten sie beibehielten und waren nun genöthigt, um die Konkurrenz mit den anderen Staaten wieder aufnehmen zu können, zu dem Prämiensystem zurückzukehren. Das Prämiensystem aber hat zur Voraussetzung die Beschränkung der Produktion, d. h. die Kontingentirung. Die Kontingentirung hat auch nicht so ungünstig gewirkt, wie cs vielfach dargestellt wird. In den Jahren 1893 bi§ 1895 war die Produktion von 13 auf 18 Millionen gestiegen. Nach Einftihrnng den Kontingentirung hörte dieses ungesunde, beunruhigende Wachsen der Produktion auf und erst im Jahre 1901 hat sieh wieder ein bedenkliches Steigen der Produktion bemerkbar gemacht. Der Reichskanzler hat Ihnen bereits gestern gesagt, daß in früheren Jahren das ganze Haus der Ansicht war, daß das Ideale die Abschaffung der ganzen Zuckerprämien pari passu mit den anderen Staaten sei. Ich glaube aber, das lvird mir der Abg. Dr. Barth zugeben: Hätten wir im Jahre 1896 das Prämiensystem nicht wieder eingeführt, bann hätte die jetzige Konvention gar nicht eingeleitet werden können, denn ich glaube nicht, daß die anderen Staaten sich bereit erklärt hätten, die Prämien abzu- schaffeu, wenn der mächtigste Zuckerftaat des Kontinents — und das ist Deutschland — Prämienlos gewesen wäre. Nach den Reden vom Jahre 1896 mußte man jedenfalls annehmen, daß das ganze Haus einstimmig der Ansicht sein würde, daß auf der Brüsseler Slonfcrctu ein sehr glückliches Resultat erzielt worden ist. (Sehr richtig! links.) Was nun noch durch eine Kornmissionsberathung erreicht werden soll, kann ich in der That nicht einsehen. (Sehr richtig! links.) Es handelt sich hier doch nur um die Möglichkeit, die Konvention anzunehmen, wie sie ist, oder sic abzulehnen. (Sehr richtig! links.) In der Kommission sollen Sachverständige vernommen werden! — Ich habe absichtlich jetzt nicht mehr mit Sachverständigen verhandelt, denn seiner Zeit habe ich die Erfahrung gemacht, daß die Zuckersachverständigen ganz verschiedene Interessen verfolgen und selbstverständlich verfolgen müssen. Die Nübenbauer haben andere Interessen als die Rohzuckerfabrikanten, denn die Einen sind Verkäufer und die Anderen sind Käufer; die Raffinateure haben ganz andere Jnteresien als die Rohzuckersabrikanten, und die Melassefabrikanten andere Interessen als die Raffinateure. Von einer geschlossenen Auffassung der Zucker-Interessenten kann gar keine Rede sein. Und daß man durch Erhebungen von Zucker-Sachverständigen etwas Neues erfahren könnte, halte ich für ganz ausgeschlossen. Bekanntlich wird unser Zucker von England differenzirt werden, falls das Haus die Konvention ablehnen sollte, und zwar wird England mit größter Wahrscheinlichkeit einen Ausgleichszoll gegen uns erheben. Wir können uns darauf gefaßt machen — ich muß hier die volle Wahrheit sagen, um den Ernst der Lage zu beleuchten; cs ist nichts zu beschönigen —, auf einen Zuschlag von 12 bis 14 Mark pro Doppelzentner. (Hört, hört! links.) Nun sind wir bereits differenzirt mit Amerika und Indien. Kommt England hinzu, so werden 80 Prozent unseres gejammten Zuckerexports in Länder gehen, in denen wir differenzirt werden, und die verbleibenden 20 Prozent gehen zum Theil nach englischen Kolonien, die vielleicht dem Beispiel des Mutterlandes folgen werden. Schließen wir also die Konvention nicht, so ist die natürlichste Konsequenz die, daß in den nächsten fünf Jahren in den Ländern, in denen unser Zucker differenzirt wird, der Zucker der- jenigen Länder, die der Konvention beitreten und nicht differenzirt werden, uns überflügelt. Wir würden dann also einen erheblichen Theil unseres Exports verlieren und entsprechend unseren Rübenbau erheblich einschränken müssen, weil c5 nicht denkbar ist, daß der innere Konsum in demselben Maße steigen könnte. Ich kann also aus der Ablehnung der Konvention für die deutsche Landwirthschaft, die in erster Reihe betheiligt ist, absolut keinen Vortheil erwarten, ganz abgesehen von der Erscheinung, daß in den letzten Jahren nicht nur der Konsum abgenommen hat, sondern unzweifelhaft auch die der Landwirthschaft gewährten Preise für Rüben gedrückt worden sind. Welches Interesse also die Landwirthschaft haben sollte, den jetzigen Zustand aufrecht zu erhalten, sehe ich nicht ein. Andererseits, wenn Sic die Konvention an- nebmen, so ist die nächste Folge die, daß wir in den nächsten fünf Jahren auf vollkommen gleichem Fuße mit anderen Ländern mit unserem Zucker lonfurriren werden, daß also höchstwahrscheinlich unfere Ausfuhr nicht zurückgehen, sondern sich ungefähr auf ihrer jetzigen Höhe halten wird. Tie weitere Konsequenz ist die, daß unser Rübenbau nicht eingeschränkt zu werden braucht, daß die Ver- braucksabgabe auf Zucker ermäßigt wird, und daß durch die dadurch verursachte Verbilligung des Zuckers unzweifelhaft der Konsum gesteigert werden wird. Ich meine also, vom landwirthschaftlichen Standpunkt aus sprechen alle Gründe dafür, die Konvention anzunehmen. Ich verstehe in der That nicht, wie Sic die Interessen der Landwirthschaft tombiniren können mit denen des Zuckerkartells. Denn das Eine kann ick wohl offen aussprechen: Bisher hat das Kartell der Landwirthschaft keine sichtbaren Vorthcilc gebracht. (Sehr richtig! links.) Es ist eine einfache Thatsackc, daß der Zuckerkonsum zurück- ?,egangen ist und die Preise der Rüben ebenfalls. (Sehr richtig! inf§.) Wir pflegen uns von dieser Stelle aus nicht in die Frage der geschäftlichen Behandlung der von uns gemachten Vorlagen zu «tischen, aber ich meine, die Einsicht .daß die Annahme der Kon- bention der einzig gangbare Weg für die Landwirthschaft und die Rohzucker-Industrie ist, sollte das Haus dahin führen, nicht erst Zeil zu versäumen mit der Vernehmung von Sachverständigen lSehr richtig! links.), die doch nichts Neues Vorbringen können, sondern schnell den Entschluß zu fassen, der der einzig richtige ist, nämlich der Konvention glatt bcizutreten. (Lebhafte Zusttmmung links.)' Ob eZ unserem Zucker möglich sein wird, auf dem englischen Markt erfolgreich zu konkurriren, ob die vielfach gehegte Befürchtung berechtigt ist, daß nach fünf Jahren fremder Zucker bei uns eingeführt werden wird, braucht gegenwärtig noch nicht Gegenstand unserer Sorge zu sein. Für die nächsten fünf Jahre kommt unser Zucker jedenfalls durch die Annahme der Konvention tn eine günstigere Lage, als durch die Ablehnung. Sollten sich, was ich nicht glaube, die jetzt für die spätere Zeit gehegten Befürchtungen bewahrheiten, so überlassen Sie es der Zutunfi, die zum Schutze der deutschen Zuckerindustrie nöthigen Maßnahmen zu treffen. Jetzt aber ist zunächst eine schnelle und glatte Annahme der Konvention erforderlich. (Beifall links.) Abg. Dr. Paasche (nat.-lib.): Wenn man überzeugt wäre, daß die Annahme der Konvention die vom Staatssekretär geschilderlcn günstigen Folgen haben würde, so würden wir gewiß ohne Bedenken zustimmen. Wer so liegt die Sache nicht. Bei der gegenwärtigen allgemeinen Depression tann man nicht verlangen, daß wir die Vorlage einfach glatt annehmen. Es ist durchaus nicht gesagt, daß unsere Zuckerindustric Vorthcil davon haben wird. Daß die Zuckersteuer von 1896 ein ganz verunglücktes Experiment sei, kann ich dem Abg. Barth nicht zugeben. Wir haben unseren Zweck erreicht: heute mutz Frankreich klein beigeben und auf Beseitigung der Prämien Drängen, weil es den Kampf mit uns nicht weiter führen kann. Auf Einzelheiten will ich nicht eingchcn; das kann ja in der Kommission geschehen. Die Kommission wird eine ganze Reihe von Fragen zu erörtern haben. Beim Zolltarif bringen Sie alles Mögliche und Unmögliche aufs Tapet. Hier aber, wo es sich um eine schwerbedrängte Industrie handelt, die nicht einmal gehört worden ist, soll eine gründliche Erörterung überflüssig sein. Außerdem können in der Kommission manche Erklärungen gegeben werden, die im Plenum nicht gut gegeben werden können. An eine Verschleppung denken wir nicht; Exzesse der Wißbegierde nach Gotheinschem Muster beabsichtigen wir nicht. Auch wenn wir die Kommissionsbcrathung beschließen, kann die Vorlage ganz schnell erledigt werden. Glaubt übrigens Dr. Barth etwa auch, daß die Engländer, die jetzt schon 8 Mk. Zuckerzoll haben, nun noch eventuell 12 Mk. Zuschlag auf unseren Zucker legen würden? Ich glaube, daß da der Staatssekretär zu schwarz sieht. (Beifall rechts.) Direktor im Reichsamt des Innern von Körner erklärt, daß ausreichend Sachverstäiidige über die Frage gehört worden seien. Abg. v. Komierowski (Pole) spricht sich für eine Kommissions- berathung aus. Die Vorlage müsse grundsätzlich geprüft werden, da die Noth der Landwirthschaft im Zunehmen sei. Schatzsekretär Frhr. von Thielmann (fast unverständlich) spricht sich gegen eine Kommissionsberathung aus. Es liege die Gefahr vor, daß die Zuckerkommission die Sache in die Länge ziehen und es ebenso machen werde wie die Zolltarifkommission. Er bitte daher das Haus, wenn doch Kommissionsbcrathung beschlossen.werde, es den Mitgliedern, die es in die Kommission entsende, recht nahe zu legen, nicht mit der Ausführlichkeit wie die Zollrarifkommission zu arbeiten, damit baldmöglichst ein Beschluß zu Stande komme. Abg. Graf Bernstorff-Uelzen (Welfe) führt aus, daß in der Provinz Hannover das Interesse der Rübenbauern und der Rohzuckerfabrikanten identisch sei. Man könne daher unmöglich davon sprechen, daß den Zuckerfabrikanten bisher eine Liebesgabe gezahlt sei. Eine Kommissionsberathung sei nöthig, denn es komme doch nicht nur darauf an, schnell einen Beschluß zu fassen, sondern man müsse einen Beschluß fassen, der dem Lcnrdc zum Segen gereiche. Ehe man der Vorlage zustimme, müsse man auch Gewißheit über das Schicksal der künstlichen Süßstoffe haben. Wg. Graf zu Limburg-Stirum (kons.): Der Schatzsekretär und auch der Staatssekretär des Innern haben sich Beide gegen eine Kommissionsberathung ausgesprochen. Bei dem Schatzsekretär wundert mich dies nicht, denn er ist ja noch ein junger Parlamentarier. (Heiterkeit.) Herr Dr. Barth meinte, wir wollten Die Vorlage verschleppen. Hier hat ihn sein gewöhnlicher Scharfsinn verlassen, wir denken nicht daran. Aber eine Kommissionsberathung ist nothwendig, schon um die Unruhe zu beseitigen, die durch die Vorlage im Lande entstanden ist. Herr Dr. Barth sagt, England habe der Konvention zugestimmt, obwohl es damit Opfer bringe. Das lasse ich dahin gestellt. Man darf aber nicht vergessen, daß England immer mehr zum Schutzzollsvstem übergeht. Weshalb sind England nicht dieselben Bedingungen gestellt, wie den anderen Staaten, weshalb ist das Verhältnitz Englands zu seinen Kolonien noch extra in das Schlußprotokol! ausgenommen? Eine Krisis steht so tote so bevor, es fragt sich nur, was das kleinere Uebel ist, die Konvention anzunehmen, die die Gefahr birgt, daß England uns doch differentiell behandelt, oder sie abzulehnen und den englischen Markt zu verlieren. Schatzsekrctär Frhr. von Thielmann (schwer verständlich): Der Vorredner stellte es so dar, als ob die Gefahr möglich wäre, daß England uns differentiell behandle. Dies ist nach Dem Wortlaut Der Konvention ganz unmöglich, es ist ausgeschlossen, daß Rohrzucker und Rübenzucker differentiell behandelt wird. Abg. Liebermann von Sonnenberg (Amis.) bittet Die Herren von der Regierung, endlich einmal die raffinirt süßen Reden für das Wohl der Landwirthschaft in Thaten umzusetzen, damit der Land- wirthschafi das schwere Dasein versüßt werde. Abg. Speck (Ctr.) begrüßt die Konvention mit Freuden, die ganze Kalamität rühre nur von der Ueberproduktion her, die Vorlage sei geeignet, der Kalamität ein Eirde zu machen. Eine Kommissions- berathung sei jedoch nothwendig, denn Die volle Tragweite der Konvention könne jetzt noch keiner übersehen. Die Bestrebungen, die künstlichen Süßstoffe ganz zu verbieten, könne er nicht billigen. _ Direktor im auswärtigen Amte v. ftörncr (schwer verständlich) führt aus, daß die Unterstützungen, die England seinen Kolonien zahlte, mit dem Inkrafttreten der Konvention wegfielen und nur für die Uebergangszeit Geltung hätten. Hiermit schließt die Diskussion. Die Vorlage wird an eine Kommission von 28. Mitgliedern überwiesen. Die Tagesordnung ist erledigt. Nächste Sitzung: Dienstag, den 3. Juni. Tagesordnung: Zweite Berathung des Saccharin-Gesetzes und dritte Berathung der Branntwein st euer-Novelle. Präsident Graf Bnllestrem: Indem ich den Herren Kollegen eine recht gute Erholung während den Ferien wünsche, schließe ich die Sitzung. Schluß 5 Uhr. Aom Krankenlager der König.n Wilhelmina Nach wie vor sind die Angen der ganzen Welt nach 'Schloß Loo gerichtet, wo die vor kaum mehr als Jahresfrist noch in Jugendschönheit und Jugentkräft strahlende Königin Wilhelmina, der vergötterte Liebling ihres Volkes, nunmehr zum Tode krank darniederliegt. Noch immer ist die Gefahr für ihr Leben nicht beseitigt, wenn auch die amt- üch ausgegebenen Nachrichten etwas zuversichtlicher klingen als gestern. Seit gestern mittag liegen folgende Nachrichten vor: Schloß Loo, 6. Mai. Der heute nachmittag 2 Uhr vusgegebene Krancheitsbericht lautet: Die Temperatur ist andauernd normal. Die übrigen Symptome geben keinen Anlaß zu besonderen Bemerkungen. Schwerin, 6. Mai. Bei der Großherzogin lief heute folgendes Telegramm aus Schloß Loo ein: Nacht verlief gut. Ernährung, Kräfte bleiben günstig. Aerzte zufrieden. S ch l o ß L o o, 6. Mai. (Reuter.) Die trübe Stimmung tnt Schlosse hat noch nicht nachgelassen, obgleich die dLach- richten über das Befinden der Königin gestern etwas beruhigender lauteten. Der heutige Dmnkheitsbericht giebt dem Eindrücke Raum, daß noch keine Gewißheit besteht, weder über den augenblicklichen Zustand der Königin, noch über den Verlauf der Krankheit. Natürlich ist die Königin sehr schwach. Die beiden Aerzte verweilten gestern abend lange bei der Königin .Professor Pot kehrte sehr spät in seine Wohnung zurück. Professor Rvessingh hat das Schloß noch nicht verlassen. Fast alle fremden Fürstlichkeiten lassen Erkundigungen über das Befinden der Königin einziehen. Krankheitsberichte über das Befinden der Königin werden vorläufig noch regelmäßig veröffentlicht. Amsterdam, 7. Mai. Der Zustand der Königin ist immer noch äußerst bedenklich. Offiziell wird die Nachricht dementiert, daß eine Operation stattgefunden habe. Dies ist insofern richtig, als die Entbindung rmr eine gewisse künstliche Beihilfe erforderte. Heute war bereits das — natürlich unglaubwürdige — Gerücht verbreitet, daß die Königin tot sei, und daß man das Ableben geheim halte. Aber da auch seinerzeit der Tod Welhelms III. und der Königin Sophie mehrere Tage verborgen wurde, so fand bei der allgemeinen Spannung die unrichtige Nachricht sofort viele Gläubige. Schloß Loo, 6. Mai. Aus mehreren Umständen kann geschlossen werden, daß die Aerzte nunmehr den Verlauf der Krankheit ruhiger abwarten. Gestern blieben sie beständig im Schlosse. Heute wurde Dr. Roessingh häufig lange außerhalb des Schlosses gesehen. Dr. P o t kam dahin, wie früher, nur zu den gewöhnlichen Besuchen. Die Königin-Mutter und Prinz Heinrich verließen heute das Schloß nicht. 1.. Die ZoMarifLommisston Berlin, 6. Mai. Die Zollkommission nahm nach längerer Debatte Position 237, Mineralöle (Petroleum re.) wonach Schmieröl 10 Mark, andere Mineralöle 6 Mark bezahlen, in der Fassung der Regierungsvorlage nebst den drei Anmerkungen des Entwurfs a n, unter Ablehnung der gestellten Anträge, darunter des Antrags Heyl, welcher bezweckte, wenigstens die Raffinerie des Petroleums nach Deutschland zu verlegen, um dadurch das Monopol Rocke- fellers und des Petroleumrings zu brechen. Die Kommission nahm aber gleichzeitig die Resolution Gamp an, welche die Regierung ersucht, schleunigst zu erwägen, ob nicht durch Einführung verschiedener Zollsätze auf Roh- Petroleum und gereinigtes Petroleum die Schaffung einer inländischen Raffinerie-Industrie möglich sei, und einen diesbezüglichen Gesetzentwurf dem Reichstage vorzulegen. Sodann genehmigte" die Kommission die Positionen 238 bis 244, Asphalt usw. zollfrei, und beschloß, falls morgen das Plenum tagt, nochmals zu tagen, und sodann am 27. Mai die Beratungen sortzusetzen. Im Laufe der Debatte schlug Paasch e vor, eine siebengliedrige Subkommission zur Vorberatung des Petroleumzolles zu ernennen, zog den Antrag aber zurück, als er Opposition begegnete. Graf Posadowsky betonte die Schwierigkeit der Petroleumsrage und ersuchte, man möge nicht technische Fragen, deren Lösung Sache der Spezialgesetzgebung sei, gelegentlich der Tarifberatung zu entscheiden versuchen. Graf Kanitz erklärt sich gegen den Antrag Heyl. Die Allmacht des Rockefellerrings werde nicht ewig dauern. Redner widerrät, aus das russische Petroleum zu Gunsten des galizischen zu verzichten, zumal das russische dem amerikanischen gleichwertig sei. Paasche befürwortet die vom Antrag Heyl bezweckte Bekämpfung des Petroleumringes mit Hilfe galizischer und rumänischer Petroleumquellen. Oesterreich habe sich ja von Rockefeller unabhängig gemacht. Staatssekretär v. Thielmann erklärt, der Petroleumzoll behindere die Marine nicht, da sie zollfreie Niederlagen habe. Geheimrat Hencke führte aus: Die Bestrebungen zur Verdrängung der Stan- dard-Oil-Company seien aussichtslos. Das russische Oel bedinge eine Abänderung der Lampen, auch sei der russische Ausfuhrzoll zu befürchten. Galizien müsse in erster Linie den Bedarf Oesterreich-Ungarns decken. Die Standard-Oil-Company stehe auch mit dem russischen und rumänischen Quellen in Verbindung. Hahn (Bund der Landw.) befürwortet die differentiale Zollbehandlung des Rohöls und des raffinierten Oels, wobei das Reich die Raffinierung besorgen solle. Darauf folgte die gemeldete Abstimmung. Nach dem Wortlaute der angenommenen Resolution Gamp wird darin das Ersuchen an die Regierungen gestellt, mit Rücksicht auf die Erklärungen der Regierungsvertreter bezüglich der Zollsätze in Position 237 keinerlei vertragsmäßige Verbindlichkeiten anderen Staaten gegenüber eingehen zu wollen. Nächste Sitzung am 27. Mai. Arbeiterbewegung. Petersburg, 6. Mai. Gegenüber der in einem auswärtigen Blatte verbreiteten Meldung aus Petersburg vom 2. ds. über 6en Beginn des Generalstreiks, das Ankleben von Arbeiterausrusen und über blutige Zusammenstöße wird von der „Rufs. Telegr.- Agentur" festgestellt, daß außer Den von ihr gemeldeten Kundgebungen weder ein Streik noch Demonstrationen irgend welcher Art, noch blutige Zusammenstöße in Petersburg stattsanden. Kandel und Verkehr. Volkswirtschaft. M. Gießen, 7. Mai. Vieh markt. Ter gestern abgehaltene Markt hatte einen Auftrieb von 1600 Stück Großvieh und ca. 400 Kälbern. Der Handel war wie beim letzten Markt sehr flott. Es genügte der Vorrat in Milchvieh so wohl als in fetten Rindern und Kälbern lange nicht Der starken Nachfrage. HänDler von: Rhein, von Der Nahe unD von Der Sieg machten Den Markt in Zuchtvieh, während Der KälberhanDel von Frankfurtern unD Hcm- Delsleuten, Die für Nauheim unD WiesbaDen kauften, gemacht mürbe, Dieselben legten sehr hohe Preise für Die Ware an, so Daß unsere Gießener Metzger Der zu hohen Preise wegen teilweise vom Kaufen absahen. Bei Der stark fteigenDen TenDenz Der Fellviehpreise in Den letzten Tagen gingen auch Die Breise für Milchvieh naturgemäß in Die Hohe. Selbst ältere Kühe, Die an unseren Märkten seit langem schon schwer Abnehmer finben, waren gestern leichter an Den Mann zu bringen. Die sehr hohen Preise für Zuchtvieh haben zweifellos auch ihren Grunb in Den überaus günstigen Futteraussichten bieses Jahres, bei benen Vieh in verstärktem Maße eingestellt unD babei auch mit Dem Verkauf u. A. von Jungvieh seitens Der LanDwirte zurück gehalten roirb. Gehanbelt würben Kühe srischmelkenb unb tragens 1. Qualität 480—550 Mk., 2. Qualität 375—450 Mk., 3. Qualität 275— 350 Mk. — 2‘ zjährige Färsen, bie wenig am Markt waren, gingen mit 300—350 Mk. ab. Der Zentner Schlachtgewicht würben verkauft: Fette Ninber 1. Qualität 64—66 All., 2. Qualität 60—62 Mk., Kälber 1. Qualität (über 50 Pfund schwer) 70—78 Mk., 2. Qualität (zwischen 40—50 Pfunb schwer) 63—68 Mk., 3. Qualität (Tiere unter 40 Pfund wiegend) 56—60 Mk. Der Markt wurde vorständig geräumt und fand sehr früh sein Ende. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Berlin, 6. Mai. Ein 450 italienische Auswanderer nach Pittsburg führender Eisenbahnzug stieß, wie der „Berl. Ztg." aus Newyork gemeldet wird, auf einen Güterzug unb entgleiste. Der Zusammenstoß war so heftig, daß die meisten der mit Auswanderern gefüllten Wagen umstürzten und dann unter die Trümmer zu liegen kamen. Trotzdem gab es nur verhältnismäßig wenig Tote, aber zahlreiche lebensgefährliche Verwundungen, während die übrigen Insassen des Zuges fast sämtlich durch Glas- und Holzsplitter oder durch Umstürzen der Wagen leichter verletzt worden sind. Berlin, 6. Mai. Die Abendblätter melden: Der Buchhalter der hiesigen städtischen Gaswerke Thilo zog in voriger Woche für die Gaswerke 5200 Mark ein, führte das Geld aber nicht an die Kasse ab. Seit gestern nachmittag ist er v e r s ch w u n d e n. Ob er weitere Summen unterschlagen hat, muß sich erst noch ergeben. Berlin, 6. Mai. Dem preußischen Landtage ging ein G e s e tze n t w u r f über die B e s ä h i g u n g für den höheren Verwaltungsdienst zu. Nach demselben ist zwischen der ersten und zweiten Prüfung ein Vorbereitungsdienst von wenigstens acht Monaten bei einem Amtsgericht und wenigstens zwei Jahren und zehn Monaten bei Verwaltungsbehörden zurückzulegen. (Bisher war eine Beschäftigung von neun Monaten beim Amtsgericht, von 12 Monaten bei einem Landgericht und mehrere Monate bei der Staatsanwaltschaft vorgeschrieben. D. Red.) , Berlin, 6. Mai. Die Bud g e t k o m m j s s i v n des Reichstages beendigte die Beratung über das Projekt der ost afrikanisch en Eisenbahn und nahm den Antrag Frese mit dem Unterantrag Richter an, bei Ueber- schreitung des Emissionskurses von 103y2 das Mehr zu einem Viertel dem Reiche, zu Dreivierteln dem Bau-Konsortium zu überlassen. Sodann wurde die ganze Vorlage angenommen. — Der Seniorenkonvent verständigte sich, am 3. Juni die Beratungen mit der B r a n n t w e i n - steuer wieder aufzunehmen. Dann folgen Zuckervorlage, die Schlußabstimmung über die Branntweinvorlage und Zuckervorlagc in einer Sitzung, sodann Toleranzantrag und Afrikabahn. Die Zuckersteuer-Ko m- Mission konstituierte sich bereits heute nachmittag und wählte Goetz von Olenhusen zum Vorsitzenden. Sie beschloß, am" 27. Mai die Beratungen zu beginnen. Celle, 6. Mai. Amtliches Wahlergebnis. Bei der am 2. Mai im 14. hannoverschen Wahlkreis Celle-Gifhorn- Burgdorf-Peinc stattgehabten Reichstagsersatzwahl wurden im ganzen 21899 Stimmen abgegeben. Davon entfielen auf Kaufmann Wehl-Celle (nl.) 11343, auf Gutsbesitzer v. d. Decken-Wendorf (Welfe) 10 556 Stimmen. Wehl ist somit gewühlt. London, 7. Mai. „Daily Telegraph" meldet ans Johannesburg vom 3. Mai: Die Burghers in den Flüchtlingslagern haben anscheinend keinen Zweifel über die Friedensfrage. In Klertsdorp und anderen Orten wird ber Friede als sicher angenommen. Die Militärbehörden haben eine etwas p e s s i m i st i s ch e r e Ansicht über die jetzige Lage und lassen die Bereitschaft für die energische Durchführung des Krieges nicht erlahmen. Brüssel,?. Mai. Jn Wanfercee-Baulet stürzte gestern das Gebäude einer Arbeitergenossenschaft eirt. Bisher wurden zwei Tote und acht Verwundete unter den Trümmern hervorgezogen. Doch dürfte die Zahl der Opfer viel erheblicher sein. Brüssel, 6. Mai. Hiesige Blätter berichten über folgende Sch windel-Affaire: Ein Deutscher, namens Stiegel, Angestellter eines großen Handelshauses in Buenos Ayres, war beauftvagt worden, 4 Cheks über je 400000 Francs einem Pariser Bankhause auszuzahlen. Er veranlaßte den Dircctor der hiesigen Nationalbank auf Grund eines angeblich von einem Berliner Agenten der Firma herrührenden Schreiben die Hälfte der Summe an eine gewisse Bank in Paris zu senden, was auch geschah. Stiegel reiste alsdann nach Paris, erhob das Geld und lebte davon auf großem Fuße. Der Schwindler hatte sich den neuen zwischen Frankreich und Belgien abgeschlossenen Vertrag zu Nutze gemacht und alles vermieden, was seine Auslieferung an Belgien ermöglichen könnte. Der Betrug wurde eine Stunde nach Auszahlung des Geldes entdeckt. Paris, 7. Mai. Bei Moye nneville, zwischen Mont- Didier und Compiegne, entgleiste gestern Nachmittag ein Personenzug. Neun Reisende wurden getötet, elf verwundet. Es handelt sich um einen Pilgerzug, der nach Lourdes gehen sollte und vorwiegend belgische Wallfahrer führte. Paris, 7. Mai. In verschiedenen Gegenden des südwestlichen Frankreich, so in Bourbon, Lourdes und Bayonne, wurden gestern morgen zwischen 2y2 und 3 Uhr starke Erderschütterungen verspürt, welche zwischen zwei und 15 Sekunden andauerten, jedoch keinerlei Schaden anrichteten. Auch in Spanien fanden Erderschütterungen statt, und zwar gegen 5 dreiviertel Uhr morgens in Murcia, wo das Erdbeben eine große Panik hervorrief und die Kathedrale sowie mehrere Klöster und Häuser beschädigte. Von dem Fuensante-Gebirge stürzten große Felsmassen herab. In Alberia mußte die Kirche und Schule, welche einzustürzen drohten, gesperrt werden. Petersburg, 7. Mai. In einer Bekanntmachung des Ministers des Innern, welche der „Regierungsbote" veröffentlicht, wird festgestellt, daß ausländische Lotterielose fortgesetzt nach Rußland abgesetzt werden, obwohl die Einfuhr derartiger Lose in Rußland verboten ist. Indem das Ministerium vor Ankauf ausländischer Lotterielose warnt, giebt es bekannt, daß Lose, falls dieselben entdeckt würden, den gesetzlichen Bestimmungen gemäß vernichtet werden müßten. Pretorias. Mai. Die Aussichten auf Frieden sind Hoffnung erweckend. Tie Delegierten, die die einzelnen Kommandos aufsuchen, haben bei ihren Bemühungen, die Zustimmung zur Uebergabe zu erlangen, erheblichen Erfolg. Die Unversöhnlichen befinden sich hauptsächlich unter den Mannschaften Delareys. Newyork, 6. Mai. Ein Telegramm aus St. Thomas meldet: Ter Aus b r uch des Vn l kan s Montpelee auf Martinique dauert an. — Die Lava zerstörte die ungefähr zwei Meilen von 3t._ Pierre liegenden Fabriken. Es heißt, daß etwa 150 Personen ih r Leber: ein- büßten. In St- Pierre herrscht große Panik.