Nr. 56 Freitag, V. März 1903 153. Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags. Die „Siebener Zamilicndlätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der .hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Gietzener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen, General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 169. Sitzung vom 6. März. 1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt. Am Bundesrathstisch: Frhr. v. Richthofen, Kraetke, Stübel u. A. , Die zweite Berathung des Kolonial-Etats wird beim Etat für Ostafrika fortgesetzt. . Der Re st dieses Etats wird debattelos g e n e hm i g t. In Verbindung mit diesem Etat steht noch eine Position des Postetats, die für die Herstellung einer Telegraphenlinie im Innern von Oftafrika von Mpapua nach Tabora 602 000 Mk. fordert. Die Kommission hat 302 000 Mk. abgesetzt und als erste Rate nur 300 000 Mk. bewilligt. Dere Referent Abg. Bassermann (nat.-lib.) berichtet über die Verhandlungen der Kommission. Abg. Dr. Müller-Sagan sfreis. Vp.): Mit Rücksicht auf die ungünstige Finanzlage müssen wir alle Ausgaben in Ostafrika, die nicht unbedingt nöthig sind, aufschicben. Wir haben ja in Deutschland selbst genug Kulturaufgaben zu erfüllen. Es wird gesagt, daß Tabora ein sehr wichtiger Punkt ist; es sollen dort 1000 Mann der Schutztruppen und 15 000 Eingeborene sein. Wieviel von diesen 16 000 Mann werden wohl in der Lage sein, zu telegraphiren? Die gegenwärtige Finanzlage gebietet, die Forderung zu streichen. Staatssekretär im ReichZpostamt Kraetke: Auf die ungünstige Finanzlage haben wir bereits bei Aufstellung des Etats Rücksicht genommen, wir müssen aber darauf bestehen, die Fortführung des Telegraphen zu fordern. Es handelt sich um eine Anlage, die eine Verbindung des Innern von Afrika mit der Küste Herstellen soll. Aus verkehrspolitischen Rücksichten ist es nothwendig, daß wir eine Verbindung von dem Schutzgebiet nach Europa haben. Wir haben zwar eine Verbindung, aber bekanntlich ist das Kabel Dar-es- Salaam-Sansibar oft nicht betriebsfähig. Sobald die Kap-Kairo- Linie fertig ist, können wir den Anschluß nach Europa jederzeit haben. Sie wissen wohl, daß man zwei Linien haben muß, da bei solchen Entfernungen nicht mehr darauf gerechnet werden kann, daß die Verbindung stets brauchbar ist. Wir haben Sie bereits im vorigen Jahre um Bewilligung der Linie gebeten, es sind aber nur die Kosten für die Vorarbeiten genehmigt. Diese Vorarbeiten sind im Gange, wir können ja in dem tropischen Klima nicht bauen, wenn wir wollen, sondern wir müssen die günstigste Jahreszeit ausnutzen. Wir sind gezwungen, um größere Kosten zu vermeiden, den Bau in unmittelbarem Anschluß an die bisherigen Arbeiten vorzunehmen. Wenn man nun sagt: Ja, wer telegraphirt denn dort? — wenn man sich den kleinen Scherz macht und fragt, was für Menschen denn dort wohnen, so möchte ich doch nicht unerwähnt lassen, daß es sich um Personen handelt, denen das Vaterland zu Dank verpflichtet ist. Sie dürfen nicht vergessen, daß diese Leute auf Vieles verzichten, woran Sie gewöhnt sind. Namentlich erkennen wir die Leistungen der Missionen voll an, und wenn wir ihnen die Möglichkeit schaffen, mit der Heimath in Verbindung zu bleiben, so ist das etwas, was wir zu thun verpflichtet sind. Ich kann Sie nur um Bewilligung der Forderung bitten. Abg. Frese (freis. Vgg.): Ich kann nach den Darlegungen des Staatssekretärs verzichten, auf die Materie selbst einzugehen. Nur wenige Worte über das Telegraphenwesen im Allgemeinen! Nach meiner Ansicht hat die englische Regierung in sehr Üuger Weise schon vor Jahren immer daran gedacht, überall sich die Telegraphirfähig- keit zu schützen; sie hat in allen fremden Ländern die Erlaubnitz für Landkabel erworben und wir mußten bekanntlich, als unser Kabel von den Azoren nach Nciv-Aork gelegt wurde, das erste Kabel nach den Azoren von England kaufen. Ich begrüße es daher mit Freuden, wenn jetzt anders gehandelt ivird als früher, und ich würde es außerordentlich bedauern, wenn der hier geforderte Posten abgelehnt werden sollte. Wir hängen in sehr unerfreulicher Weise jetzt schon von England ab; ich weise nur auf die Bevorzugung der englischen Depeschen von Liverpool nach England in Bezug auf Baumwolle hin, die speziell einen großen Stapelartikel darstellt, der auch für Deutschland einen erheblichen Werth für die Spinnereien hat. Speziell hat Bremen immer darunter zu leiden gehabt. Es ist das ein Beweis dafür, daß wir in Bezug auf das schnelle Nachrichtgeben nicht genug thun können, und wenn hier zugleich etwas geschieht, um die Deutschen, die drüben in unseren Kolonien sind, zu schützen, aber auch um Nachrichten von bedeutender Wichtigkeit, sei cs in Bezug auf Entdeckung, sei es in Bezug auf Erforschung, früher zu erhalten als Andere oder mindestens ebenso früh, so ist das außerordentlich bedeutsam für die Fortschritte in . unseren Kolonien. Wenn wir einmal Kolonien haben, dann müssen wir auch dafür thun, was nöthig ist, um sie für uns zu fruktifiziren. Ich erblicke gerade in der Legung von Telegraphenkabeln ein außerordentlich förderndes Moment und würde die Ablehnung der Position sehr bedauern. (Beifall.) Abg. Dasbach (Ctr.): Man wird doch auf jeder Telegraphenstation einen Beamten halten müssen, und es erscheint mir noch sehr fraglich, ob jeder Beamte auch nur ein Telegramm auf den Tag zu befördern haben wird. Wenn man etwas für die Kolonien bewilligt haben will, so pflegt man jetzt immer die Missionen vorzuschieben; die aber werden kaum einen Vortheil von der Tele- graphenlinie haben. Die Reichsschuld schwillt lawinenartig an, da sollte man uns doch nicht mit solchen Forderungen kommen. Ich bitte um Ablehnung der Position. Staatssekretär Kraetke: Der Telegraphendienst in der Kolonie wurde zum großen Theile von Unteroffizieren der Schutztruppe versorgt werden; erhebliche Betriebskosten würden also nicht entstehen; es ist also auch keine Rede davon, daß wir mit großen Nachforderungen für Betriebskosten kommen würden. Kolonialdirektor Stübel: Die Linie ist nothwendig schon deshalb, um gegen ausbrechende Unruhen schnell Vorkehrungen zu treffen und bei vorkommcnden Unglücksfällen zur Rettung von Menschenleben Hilfe rasch herbeizurufen. Wer rasch Hilst, Hilst in solchen Fällen bekanntlich meistens doppelt. Der Kommissionsbeschluß wird darauf mit großer Mehrheit unter Beifall der Rechten und der National-Liberalen angenommen; das Centrum stimmt getheilt. Beim Etat von Kamerun führt Abg. Schrempf (kons.) Beschwerde darüber, daß zu große Territorien an einzelne Privatgesellschaften abgegeben würden. Gegenüber diesen Landkonzessionen sind die für die Eingeborenen und die Missionare reservirten Landstriche viel zu klein. Unerhört ist es, wie schlecht die schwarzen Arbeiter bei manchen Plantagen- gesellschasten behandelt werden. Das wird bestätigt dadurch, daß fast 20 Prozent der Neger in den letzten Jahren gestorben sind. Auch Mißhandlungen sind nicht selten, so z. B. wurden von einem Aufseher einem Neger die Hände mit Spiritus begossen und angezündet. Wenn die Missionare nicht so viele Erfolge haben, wie man von ihnen erwartet hat, so liegt das auch wesentlich an den Plantagenbesitzern, denen es nur darum zu thun ist, die Neger auszubeuten und die sich dabei nicht gern auf die Finger sehen lassen. Es wäre aber für die Kolonie von großem Nutzen, wenn möglichst viele Missionsstationen da wären. Die Kolonialabtheilung sollte den Missionaren weit größeres Wohlwollen entgegenbringen. Abg. PrinzArcnberg (Ctr.): Ich möchte nur feststellen, daß das Verhältniß des Auswärtigen Amtes zu den Missionen das beste ist, und daß die Wünsche der Missionare bei der Kolonialabtheilung stets das weiteste Entgegenkommen finden. Abg. Dr. Hasse (nat.-lib.) : Man hat aus kaufmännischen Kreisen Klage darüber geführt, daß die Schutztruppe weniger eine Schutztruppe als eine Kampftruppe sei und sich der kaufmännischen Interessen zu wenig annehmc. Es mag ja bei diesen Klagen Manches übertrieben sein, aber auch ich bin der Meinung, daß die Schutztruppe allmälig in eine Polizcitruppe verwandelt und einem Civilgouverneur unterstellt werden sollte. Die Schuhtruppe sollte weniger auf kriegerische Abenteuer ausgchen und sich in höherem Maße den bürgerlichen Erwerbsverhältnissen widmen. Kolonialdirektor Stuebel: Die Angriffe, die der Abg. Schrempf im vorigen Jahre gegen die Beamten in Kamerun gerichtet hat, lassen sich nicht aufrecht erhalten. Ich hoste, Herr Schrempf wird in der Zwischenzeit selber zu dieser Ueberzeugung gekommen sein. Es sind ausgezeichnete und pflichttreue Beamte und ich will nur wünschen, daß sie dem Schutzgebiet noch recht lange erhalten bleiben. Um den Eingeborenen eine größere Bewegungsfreiheit zu geben, habe ich Alles gethan, was in meinen Kräften stand. Ich bin bestrebt gewesen, beiden Theilen gerecht zu werden, den Eingeborenen sowohl wie den Plantagenbesitzern. Ueber die Landverthcilung wird sobald wie möglich eine statistische Zusammenstellung erfolgen. Bezüglich der Sterblichkeit unter den schwarzen Arbeitern ist die Anordnung getroffen worden, daß jeder Todesfall in Listen einzutragen ist, die der Kontrole unterliegen. Die sehr bedauerlichen Verfehlungen von Angestellten der Pflanzungsgesellschaften und kaufmännischen Geschäfte mißbilligen wir auf das Schärfste und haben Alles gethan, um ihnen für die Zukunft vorzubeugcn. Uebrigens waren die Darstellungen der Presse über diese Vorfälle vielfach übertrieben. Das Vorgehen der Gerichte gegen solche Uebergriffe hat bereits einen heilsamen Einfluß ausgeübt. Die Bemerkung des Prinzen Arenberg über das Verhältniß des Auswärtigen Amtes und der Kolonialverwaltung zu den Missionen kann ich nur bestätigen, und ich werde Alles thun, um dieses ausgezeichnete Verhältniß aufrecht zu erhalten. Die Beschwerden des Abg. Hasse gegen die Schutztruppe gingen Wohl zu weit. Es ist ja schwierig für die Schutztruppe, dort den kaufmännischen Interessen stets gerecht zu werden, aber daß sie das redliche Bestreben haben, die Interessen des Friedens in jeder Beziehung zu wahren, und daß insbesondere auch die Offiziere von diesem Geiste erfüllt sind, kann schwerlich bestritten werden. Ich hebe es mit Nachdruck hervor, daß auch ich hierfür zu sorgen stets bemüht sein werde. Abg. Dasbach (Centr.): Ich habe mit keiner Silbe gesagt, daß zwischen der Kolonialverwaltung und den Missionaren kein gutes Einvernehmen bestehe. Ich erkenne an, daß der Staatssekretär wiederholt das Lob der Missionare gesungen hat. Ich möchte nur wünschen, daß das auch an anderen amtlichen Stellen geschähe, im preußischen Abgeordnetenhause sind wir nicht gewöhnt, das Lob der Missionare zu hören. Dort . . . Präs. Graf Ballestrem: Herr Abgeordneter, wir befinden uns jetzt hier in Kamerun, nicht im preußischen Landtag. (Heiterkeit.) Abg. CahenSly (Centr.) verlangt eine Entschädigung für die Missionare in Kribi, deren Station bei einem Aufstande zerstört woroen ist. Direktor Stuebel: Ueber die Entschädigung wird jetzt verhandelt. Abg. Ledebour (Soz.) bittet um nähere Mittheilung über die Richtigkeit der Zeitungsnachrichten über Mißhandlungen in Kamerun. Der Kolonialdirektor hat bereits in der Kommission zugegeben, daß Mißhandlungen vorgekommen sind; er hat nur gesagt, die Zeitungsnachrichten seien übertrieben. Damit können wir uns aber nicht zustieden geben. Ich frage deshalb den Kolonialdirektor: Ist es wahr, daß ein Neger gepfählt worden jst? Und inwiefern sind die Zeitungsnachrichten übertrieben? Ist es richtig, daß einem anderen Neger die Hand mit Spiritus übergossen und angezündet worden ist? Direktor Stuebel: Ich glaube nicht, daß es angebracht ist, hier im Reichstag von jeder unmenschlichen That, die verübt worden ist, alle Einzelheiten mitzutheilen. Ich habe aber die Gerichtserkennt- niffe über die Fälle, um die es sich handelt, vor mir und will daraus die Hauptsache mittheilen: In einem Falle ist ein Kaufmann wegen Körperverletzung und Freiheitsberaubung zu 1 Jahr Gcfängniß verurtheilt worden. Ein anderer Kaufmann wurde wegen Freiheitsberaubung und räuberischer Erpressung zu 5 Jahren Gefäng- niß verurtheilt: Der Kaufmann Wittenberg schließlich ist ebenfalls zu 5 Jahren Gefängniß verurtheilt worden und zwar wegen Freiheitsberaubung. Davon, daß einer der Verurteilten Neger gepfählt hätte, steht in dem Urtheil nichts. Insofern war die Zeitungsnachricht jedenfalls übertrieben. Abg. Schrempf (kons.) bleibt gegenüber dem Kolonialdirektor dabei, daß seine Angriffe gegen das System Puttkamer berechtigt gewesen seien. Auf eine weitere Bemerkung des Redners erwidert Geheimer Legationsrath Scitz: Der Gewährsmann des Abg. Schrempf ist, wie ich aus eigener Kenntniß sagen kann, durchaus unzuverlässig. Bei der Verteilung des Landes kann auf das angebliche Jagdrecht der Eingeborenen keine Rücksicht genommen werden. Der Etat für Kamerun wird hierauf genehmigt. Beim Etat für Togo bemerkt Abg. Dr. Hasse (nat.-lib.): Die Angehörigen der Polizeitruppe in Togo beschweren sich darüber, daß sie als Schutztruppe behandelt werden, aber nur die Kompetenzen von Polizeitruppen haben. Ich halte es für Wünschenswerth, daß unsere Schutztruppen allmälrg alle in Polizeitruppen umgewandelt werden. Die Schutztruppen haben gegenüber dem Gouverneur eine gewisse Selbständigkeit und das führt zu einem Dualismus der Verwaltung, der bedenklich ist. Direktor Stuebel sschwer verständlich) scheint auszuführen, daß nicht alle Schutztruppen in Polizeitruppen umgewandelt werden können. Es sei noch fraglich, wer besser gestellt sei, die Schutztruppe oder die Polizetruppe. Der Etat wird genehmigt. Beim Etat für Südwestafrika bemerkt Abg. Dr. Hasse (nat.-lib.): Wenn wir Südwestaftika nutzbar machen wollen, so müssen wir den alten Inhabern von Rechten, die von ihren Rechten keinen Gebrauch machen, energisch zu Leibe rücken.. Ich schließe dabei deutsche Gesellschaften ein. Der Kolonialdirektor möge hier eine harte Hand haben. Der Etat wird genehmigt; ebenso ohne Debatte der Etat für Neu-Guinea. Beim Etat der Karolinen, Palauund Marianen bemerkt Abg. Dr. Wiemer (freis. Vp.): Wir haben für die Inseln 17 Millionen bezahlt und leisten einen Zuschuß von jährlich 33 000 Mark. Unsere pessimistischen Anschauungen über die Inseln haben sich als vollständig richtig erwiesen. Was uns Anfangs Herr v. Bülow in seiner tropisch-üppigen Beredtsamkeit, die damals no , mehr Eindruck machte, weil sie neu war, und durch die er die stimmung des Reichstages zum Ankauf der Insel: die Inseln erzählte, war durchaus unzutreffend und steht im geraden Gegensatz zur Wirklichkeit. Der eine Theil der eingeborenen Bevölkerung wird als ein ganz vortrefflicher Menschenschlag geschil? dert; er hat nur den einen Fehler, daß er ausstirbt. Der andere Theil taugt nichts, lebt parasitisch und unsittlich. Weiße giebt eS nur wenig. Die Gesundheitsverhältnisse sind schlecht. Staatssekretär Frhr. v. Nichthofen: Der Vorredner hat mit einigen minder wohlwollenden Worten über die Beredtsamkett meines Amtsvorgängers, des jetzigen Reichskanzlers, begonnen. Ich habe den Eindruck, daß die damaligen Worte des Grafen Bülow doch tief im Gedächtniß des Vorredners haften geblieben sind; ich bin auch der Meinung, daß die Beredtsamkeit des Reichskanzlers für den Vorredner und seine Partei nicht immer bequem ist. Aber in diesem Falle hat der Abg. Wiemer die Beredtsamkeit des Reichskanzlers doch überschätzt. Der Grund der Erwerbung der Karolinen lag nicht in den Worten des damaligen Staatssekretärs v. Bulow, sondern in dem Interesse, das wir daran haben, diese Inseln als Bindeglied zwischen Neu-Guinea und den Marschallinseln nicht in fcrmdc Hände gelangen zu lassen, in dem nationalen Wunsch, sie in deutschen Besitz zu bekommen. Dieser Wunsch ist seitens des Reichstages als berechtigt anerkannt worden. (Zustimmung.) Gouverneur von Neu-Guinea v. Bennigsen: Der so außerordentlich ungünstigen Beurteilung der Karolinen und Marianen durch den Abg. Wiemer muß ich doch in mancher Hinsicht entgegentreten. Wenn auch in der Denkschrift manches, vieles Ungünstige über die Inseln enthalten ist, so möchte ich doch betonen, daß diese Denkschrift auf Grund der gewissenhaften Angaben der drei Bezirksamtmänner ausgearbeitet worden ist (Sehr richtig! links), und daß diese Herren entschieden das Hauptgewicht darauf gelegt haben, die ersten Berichte über das Jnselgebiet so zu gestalten, daß in dem Volke auf Grund dieser Berichte ja keine Enttäuschung entstehen möge. (Sehr gut! links.) Diesen Punkt halte ich für vollkommen richtig. Ich glaube selbst, daß man feiner Zeit bei dem Ankauf dieses Gebiets, für den übrigens in erster Linie, wie der Staatssekretär ausgeführt hat, nicht wirthschaftliche, sondern politische Gründe maßgebend gewesen sind, — ich glaube allerdings, daß man geneigt gewesen ist, den Werth dieses Jnselgebiets zu überschätzen. (Hört! Hört! links.) Aber diese Inseln dort liegen so außerordentlich weit auseinander, in so außerordentlich verschiedenen klimatischen und gesundheitlichen Regionen, daß es sehr schwer ist, sich über sie ein richtiges Gesammtbild zu machen. Jetzt, nach dem kurzen Zeitraum, in dem wir diese Inseln besitzen, sich schon ein Bild machen zu können, ist selbst den Beamten, die dort draußen thätig sind, unmöglich. Es giebt unter den Inseln zweifellos solche, auf denen em Plantagenbau möglich ist, es giebt Inseln, auf denen nachgewiesenermaßen Kakao, Tabak und Kaffee gedeihen. Es giebt ebenso sandige, kleinere Inseln, die für die Bestockung mit Kokuspalmen sehr geeignet finZf. Das können Sie daran sehen, daß es unter den Marianen Inseln giebt, die wilde Kokusnußbestände haben und die, ohne daß das Gouvernement irgend einen Pfennig Kosten davon hat, für 12 000 Mark an eingeborene Tagalen verpachtet worden sind. Also diese Inseln, diese nackten, kleinen Eilande, sind so günstig, daß die Palmen dort von selbst gedeihen, ohne Hilfe von Menschenhand. Wenn nun darauf hingewiesen ist, daß die Ar- beiterfrage für das Jnselgebiet sich nicht einfach lösen ließe, so möchte ich annehmen, daß besondere Schwierigkeiten sich in der Zukunft doch nicht bieten werden. Auf einzelnen Inseln ist die Bevölkerung außerordentlich arbeitsam und willig. Ich möchte da z. B. auf die Insel Uap Hinweisen. Dort sind in ganz kurzer Zeit über die ganze Insel hinüber, jedenfalls zwischen 50 und 100 Kilometer, Straßen gebaut, zum Theil die reinen Kunststraßen, es ist ein Kanal gegraben worden von mehr als 2 Kilometer Länge, und diese ganzen Arbeiten haben das Gouvernement fast nichts gekostet. Es hat vollkommen genügt, daß der Bezirksamtmann die Eingeborenen auf die Nützlichkeit der Arbeit hingewiesen hat; dann haben sie die Arbeit geleistet. Räudige Schafe giebt cs natürlich auch unter den Dap-Jnsulanern. Aber gegen diese Leute hat der Gouverneur ein sehr einfaches Mittel. Er schreibt ganz einfach auf eins von den großen Stücken Steingeld, das sie heute noch in ihrem Besitz haben, die Buchstaben B. A., d. h. Bezirksamt, und dann ist das Steingeld so lange gepfändet, bis die Betreffenden die Strecke Weges gebaut haben, die auf ihren Kopf fällt. Das hat also nicht die geringsten Schwierigkeiten. Es giebt allerdings von den ganzen Inseln eine, von der man sagen könnte, sie hat eine Bevölkerung, die wirklich kriegerisch ist; das ist die Insel Ponapi. Dort ist es den Einwohnern gelungen, an einem Tage die ganze Besatzung der Spanier niederzumachen. Wir haben uns trotzdem dort niedergelassen mit einer ganz kleinen Polizeitruppe. Ich bin, obwohl mir die Spanier sagten, man könnte sich ohne die nöthigen Gewehre nicht hinauswagen, dort gleich in den ersten Tagen ohne jede Bewaffnung, außer dem Jagdgewehr, mit einigen Europäern in das Innere gegangen. Die Eingeborenen, die uns freundlich und friedlich entgegenkamen, sagten uns, sie freuten sich, daß sie unter die deutsche Herrschaft kämen, sie würden uns nie etwas thun, sie wären nur mit der spanischen Herrschaft unzufrieden gewesen. Daß das richtig ist, hat sich bislang bewährt, denn wir haben nur eine Polizeitruppe von 50 Mann dort, während unter der Bevölkerung sich mindestens 1000 mit Gewehren bewaffnete Menschen befinden, und ich hoffe, wir werden auch auf dieser Insel keine Verwickelungen haben. Die Bevölkerung auf den übrigen Inseln ist als vollkommen ftiedlich gegenüber den Europäern zu betrachten. Wir werden dort nie eine Schutztruppe brauchen, sondern wir werden immer mit einer geringen Polizeitruppe auskommen. Es wird auch nach meiner Ueberzeugung in anderer Beziehung nie davon die Siebe sein können, daß für diese Inseln große Aufwendungen nöthig sein werden, sondern man wird bei ruhiger, sicherer Verwaltung den Reichszuschuß. alljährlich heruntersetzen können, namentlich wenn man int Jnselgebiet, was bisher noch nicht geschehen ist, was aber sonst in solchen Kolonien überall geschieht, Einfuhrzölle in der Höhe von etwa 10 Prozent einführt und allmählich auch dazu schreitet, die an sich willigen Einwohner dahin zu veranlassen, daß sie Kopra schneiden als Steuer. Ich bin fest überzeugt, wenn die Verwaltung in ruhiger, sicherer Weise fortschreitet, werden sich die Einnahmequellen vermehren und die Inseln in absehbarer Zeit einen NeichSzuschuß überhaupt nicht mehr erfordern. Wenn nun aber auch die wirtschaftlichen Vortheile, die Deutschland aus diesem Jnselgebiet hat, nicht besonders groß sind, so glaube ich doch, daß wir einen sehr hohen, ideellen Zweck dort verfolgen. Dieser Zweck besteht darin, die Polynesier, welche die westlichen und östlichen Karolinen bewohnen, und ebenso die Bewohner der Marianen es an sich . verdienen, daß eine humane, europäische Kultur sich ihrer annimmt und sie davor bewahrt, daß sie sich gegen» fettig ausrotten oder durch Krankheit zuGrunde gehen. Die Polynesier sind im Gegensätze zu den schwarzen Bewohnern der Südsee- lander und den Papuanegern keine Menschenftesser. Der Poly- nester ist ein stolzer, aber friedliebender Mensch und ein schöner Mensch, und Deutschland sollte sich eine Ehre daraus machen- fcfc Polynesier ht ihrem Bestände zu erhalten und allmälig zur Kultur zu erziehen. Deutschland sollte umsomehr daran fesrhalten, daß dieser Zweck allein genügte, um diese Inseln zu halten, als aus ihrer Verwaltung dem deutschen Reiche größere Kosten nie entstehen können. Also, meine Herren, ich möchte Sie bitten, nicht so pessimistisch in die Zukunft dieser Inseln zu sehen und nicht so pessimistisch über den Zweck zu denken, den das deutsche Volk dort verfolgt. Die Inseln sind es Werth in politischer und auch wirthschaft- licher Beziehung, vor Allem aber, weil es . bei ihren Bewohnern um einen schönen, der Kultur werthen tV: Anschlag handelt, daß sie dem deutschen Reiche erhalten bleibet, nö von dem deutschen Reiche so verwaltet werden, wie sie es müiicn. (Lebhafter Beifall.) Abg. Dr. Wiemer (freis. Vp.): Damals, als der Reichstag den Ankauf der Inseln beschloß, war von nationalen Gründen keine Rede. Ich weiß auch nichts davon, daß das deutsche Volk damals den Wunsch gehabt hätte, die Inseln zu bekommen. Herr v. Bennigsen hat unsere Auffassung vollkommen bestätigt. Warum hat man denn ftüher dem Reichstag falsche Vorspiegelungen gemacht? Warum hat man die Inseln als blühende Gebiete hingestellt, die uns reichen Ertrag bringen würden? Man hätte uns gleich über die wirklichen Verhältnisse auftlären müssen. Daß die Zuschüsse in Bälde abnehmen werden, kann ich borläufig noch nicht glauben. Die Aufgabe, den „schönen Menschenschlag" dort zu erhalten, haben wir nicht. Ich meine, Deutschland liegt uns näher; auch hier ist ein schöner Menschenschlag. (Heiterkeit. Zuruf rechts: Wie Figura zeigt!) Ich meine, wir sollten doch erst für uns sorgen. Den Optimismus der Kolonialschwärmer können wir nicht theilen. Von diesen Leuten gilt das Wort: „Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf." (Beifall links.) Staatssekretär Frhr. v. Richthofen: Von einer Täuschung des Reichtstages kann keine Rede fein. Graf Bülow hat bei seiner damaligen Rede seine Gewährsmänner angegeben. Im Uebrigen glaube ich, daß der Abg. Wiemer für das diplomatische Verhalten des Grafen Bülow nicht die genügende Werthschähung hat. Es lag damals, wo wir für die Erwerbung der Inseln Konkurrenten hatten, im allgemeinen Interesse, die politische Seite der Sache nicht zu betonen, sondern die wirthschaftliche Seite hervorzuheben. Im deutschen Volke lag der Wunsch vor, diese Südsee-Jnseln in einer und zwar in deutscher Hand zu vereinigen. Das war die Ansicht des Reichstages und das war auch für den Grafen Bülow bei seiner ganzen Aktion maßgebend. Der Etat wird genehmigt. Beim Etat für Samoa bemerkt Abg. Dr. Bachem (Centr.): Der Zuschuß für Samoa ist wieder gestiegen, allerdings sind die Einnahmen in noch höherem , Maße gewachsen. Das giebt ja den Eindruck einer nicht ungünstigen Entwickelung. Außerordentlich interessiren würde es mich. Näheres : über die Verwaltung zu hören. Den Eingeborenen soll ja wohl eine ' Art Selbstverwaltung gewährt werden. ] Abg. Dr. Hasse (nat.-lib.): Ich möchte davor warnen, die i günstigen Erfahrungen die wir mit Samoa gemacht haben, zu der- 1 allgemeinem. In anderen Kolonien werden wir die Sellistverwal- j hing nicht einführen können. < Gouverneur von Samoa Sols: Es gereicht mir zur besonderen i Ehre, dem hohen Hause einige Erlauer,mgen über die Verwaltung c in Samoa zu geben. ( Wir hatten von früher her in Samoa zunächst die Munizipal- ; regierung. Das war die geordnete Verwaltung. Daneben waren : die sogenannten Könige. Ursprünglich harren die Samoaner keinen i König, keinen King, wie man dorr sagt das Königthum ist erst : später durch europäische Einflüsse borrhn- gekommen Die einzige ; geordnete Verwaltung war die Munizivalirär. Außerhalb dieser : herrschte Anarchie, aber nicht in der Weise, daß beständig Fehden und Unruhen vorgekommen wären, sondern es bestand dort eine von Alters her befestigte, ich will mal sagen. Selbstverwaltung, d. h. , ein Gewaltverhältniß der Familienobersren über ihre Familie und ihre Sklaven. Daran haben wir angegliedert, und es kam uns von Anfang an zu starren, daß die Majoritätspartei, die den Mataafa auf den Schild erhoben hatte, der deutschen Flagge sympathisch gegenüberstand. Diese Partei war — soweit man bei solchen Leuten von Loyalität sprechen kann — loyal, aber mit einer gewissen Einschränkung. Die deutsche Herrschaft war ihnen willkommen. Aber sie dachten sich, der Gouverneur solle der Minister ihres Königs Mataafa sein. (Heiterkeit.) Das ging natürlich nicht an. Es mußte die Aufgabe des Gouverneurs sein, die in Konflikt befindlichen Parteien auszusöhnen. Das ist uns auch vorläufig gelungen. Man kann ja nicht Alles Voraussagen, was kommt, aber ich habe die feste Zuversicht, daß Fehden und Unruhen vorläufig nicht Vorkommen werden. Unruhen gegen die deutsche Herrschaft halte ich mit den meisten einsichtigen Kennern Samoas für ausgeschlossen. Dazu find die Samoaner schon zu klug. Ich habe Samoa in Distrikte eingekeilt, und zwar nach den alten her- kömmlichein Provinzen, die die Samoaner sich gebildet hatten. Die Vorsteher der einzelnen Distrikte haben einen schönen Titel bekommen, die Samoaner legen nämlich außerordentlich viel Werth auf Titel. (Heiterkeit.) Die Distrikte sind eingetheilt in Ortschaften, und auch die Vorsteher der Ortschaften haben einen Titel erhalten, der etwa den deutschen Dorfschulzen entspricht. Dann giebt es auch für die einzelnen Ortschaften Dorfrichter, die die Eingeborenen sich selbst wählen, wobei ich mir nur das Bestätigungs- recht Vorbehalten habe. Das mußte ich, weil sonst nur Angehörige der herrschenden Parteien gewählt worden wären. Ich sagte Ihnen schon, daß die Samoaner im Allgemeinen ziemlich gescheidte Leute sind. Sie kamen denn auch bald auf den Gedanken, daß sie eigentlich jetzt kaiserliche Beamte wären und sagten mir nun, sie wollten, wie die anderen deutschen Beamten, Gehälter haben. (Große Heiterkeit.) Da sie sich einmal auf die Analogie mit unseren Beamten berufen hatten, konnte ich ihnen als Antwort eine Vorlesung halten über den Begriff des Gehalts und sie darüber auf- klären, daß das Gehalt eine Leistung ist, die für eine Gegenleistung gewährt wird. Ich sagte ihnen, allerdings würden bei uns Gehälter gezahlt, aber erst müsse etwas geleistet werden und bann erst komme das Gehalt. Die Eingeborenen wollten das nicht recht verstehen (Heiterkeit); sie meinten, sie müßten zuerst das Gehalt bekommen. (Heiterkeit.) Es ist mir dann durch viele Reisen, die ich im ganzen Lande machte, gelungen, die Eingeborenen darüber zu belehren, daß arbeiten keine Schande ist (Heiterkeit), und daß sie, wenn sie Beamte mit Gehalt sein wollten, auch arbeiten müßten. Ich bemerke, daß diese Beamten alles hohe Häuptlinge waren, die thatsächlich auf die Bevölkerung einen sehr segensreichen Einfluß gehabt haben. Die 40 000 Mark nun, die Sie in dem Etat als Einnahme von den Samoanern finden, sind auf folgende Weise zu Stande gekommen: Ich habe den Leuten gesagt: Wenn Ihr Gehälter haben wollt, so müßt Ihr auch Steuern zahlen, wir Deutsche wollen Euer Geld nicht haben, Ihr könnt aber auch nicht unser Geld für Euch verlangen. (Heiterkeit.) Das haben sie verstanden und sich entschlossen. Steuern zu zahlen. So sind ungefähr diese 40 000 Mark eingenommen. Ich habe übrigens mit der vorigen Post von meinem Vertreter in Samoa einen Brief bekommen, in dem er mir mittheilt, daß neue Anträge der Samoaner vorliegen, die dahin gehen, daß in Zukunft nicht nur von Männern, sondern auch von den Weibern und Kindern die Steuer erhoben werden solle (Heiterkeit), und daß bann natürlich die Gehälter ber Samoaner entsprechend erhöht werden. (Stürmische Heiterkeit.) Also die 40 000 Mark sind für die Gehälter ber Samoaner bestimmt. Sie bekommen sie in ber alten Art ber Ehren- und Gastgeschenke, aber nur, wenn sie gearbeitet haben, besonders, wenn sie Wege gebaut haben. Für ben Wegebau ist viel geschehen, es finb dort viele Wege gebaut worden, die unseren deutschen Chausseen verglichen werden können. Ich habe jetzt auch Wagen bestellt, und die Häuptlinge, in dem Distrikt, die die Wege am besten bearbeitet haben, bekommen einen solchen Wagen. (Hei! leit.) Wer die Sache am besten macht, bekommt den größten Lagen. (Große Heiterkeit.) Ich hoffe auch, daß Sie mit Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse, die noch nicht ganz geklärt sind, dem Gouverneur von Samoa für eine Reihe von Jahren bezüglich ber Behandlung von Eingeborenen eine gewisse Latitube gewähren werben. Es wäre schabe, wenn man gegen biefe Leute mit Gewalt vorgehen unb es bem Gouverneur nicht gestatten wollte, gelegentlich bnrch Liebesgaben unb Geschenke biefe Leute zu gewinnen. Der Weltreisende Ehlers hat seiner Zeit Samoa die Perle der Südsee genannt. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß Samoa thatsächlich die Perle ber ©übfee ist. In meinem unb meiner braunen Schutzbefohlenen Namen kann ich nur erklären: Wir würben Ihnen sehr bankbar fein, wenn Sie bei Fassung bieser Perle nicht zu viel an Golbe sparen wollten. (Große Heiterkeit unb lebhafter Beifall.)) Der Etat für Samoa wirb bewilligt. Hiermit ist die zweite Lesung des Kolonialetats erledigt. Präsident Graf Ballestrem erklärt die Tagesordnung für erledigt, übersieht aber dabei, daß noch die Vorlage betr. einer Zinsgarantie für die ostafrikanische Bahn Dar-es- Salaam—Mrogoro auf der Tagesordnung stand. Er schlägt vor, die nächste Sitzung abzuhalten Freitag 1 Uhr mit der Tagesordnung: Rest des Etats und Vorlage betr. die Bahn Dar-es-Salaam—Mrogoro. Abg. Schrader (freif. Vgg.) bittet, die ostafrikanische Bahnvorlage an die erste Stelle der Tagesordnung zu setzen. Präsident Graf Ballestrem: Ich hätte Ihnen das schon selbst vorgeschlagen, wenn ich mein Versehen früher bemerkt hätte. (Heiterkeit.) Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr. Tagesordnung: 1. Ost- afrikanische Bahnvorlage, 2. Reste des Etats, darunter deS Etats der Zölle, der Reichsbank u. f. w. Schluß 5 Uhr. Hessischer gaubiag. Zweite Hessische Ständekammer. 90. Sitzung. Darmstadt, 6. März. ^Eäfibent Haas eröffnet die Sitzung Um 9.20 Uhr. Am Regierungstisch: Staatsminister Rothe Exz., Fi- nanzminister Gnauth Exz., Ministerialräte Eisenhuth, Braun. Es wird mit Beratung des Budgets fortgefahren. Bei Kapitel 40: Seminarien und Präpa- randen-An st alten beantragt der Ausschuß: Ablehnung des Lehrerinnenseminars in Darmstadt, Bewilligung der Einnahme von 75 712 Mark und der Ausgabe von 261583 Mark und Nichtzustimmung zum Mietvertrag mit der Jnvaliden-Anstalt bezüglich des Hauses Hermannstraße 47. Ministerialrat Eisenhuth: Man habe ihm von verschiedenen Seiten des Hauses angedeutet, die Regierungsvorlage betreffend die Errichtung eines Lehrerinnenseminars sei aussichtslos. Er sei aber entschlossen, mit allem Nachdruck für die Regierungsvorlage einzutreten, weil erfahrungsgemäß die Kammer in erfreulicher Weise vernünftigen Gründen zugänglich sei. Durch die Errichtung des Lehrerinnenseminars löse die Kammer ein der Regierung vor 28 Jahren gegebenes Versprechen ein. Der Artikel 36 des Schulgesetzes von 1874 enthalte in dieser Beziehung eine Zusage der Zweiten Kammer und sie sei deshalb moralisch verpflichtet, zuzustimmen. Im Jahre 1874 sei das Bedürfnis nach Lehrerinnen noch nicht so vorhanden gewesen wie jetzt. Nunmehr habe sich . das Bedürfnis im vollsten Maße herausgestellt; im Lande seien jetzt 500 ungemischte Mädchenklassen vorhanden und ihre Zahl werde noch weiter wachsen. Tie Regierung habe für ihre seitherige abwartende Haltung verschiedene Gründe gehabt; sie wollte die Mädchen nicht veranlassen, Zeit und Geld zu opfern, um ihnen nachher sagen zu müssen, daß an eine Verwendung im Dienst nicht zu denken sei; dies wäre von dem Staate ein sozialpolitischer Fehler gewesen. Aber noch ein weiterer Punkt sei hier in Frage gekommen) der leidige Geldpunlt. Eine Verwaltung, die so große ^Anforderungen an Staat und Gemeinde stelle, müsse vorsichtig sein mit Neugründungen. Seither sei die drückendste Sorge der Schulverwaltung das Besoldungsgesetz für die Lehrer gewesen, und um dieses nicht zu gefährden, habe man aus praktischen und taktischen Gründen mit der Vorlage zurückgehalten. Ter Ausschuß stehe der Verwendung von Lehrerinnen an sich sympathisch gegenüber und er glaube, daß auch im Haufe in dieser Beziehung keine Gegnerschaft bestehe. Der Vorsitzende des ersten Ausschusses habe ihm erklärt, daß sich der Ausschuß nur schweren Herzens zur Streichung und zwar nur aus finanziellen Gründen entschlossen habe. Die Vorlage habe nicht nur eine pädagogische, sondern auch eine sozialpolitische Seite. Den Mädchen, die sich nicht verheiraten, werde Gelegenheit geboten, sich auf eigene Füße zu stellen. Draußen aus dem Lande nehme man eine gewisse ablehnende Hacknng gegenüber den Lehrerinnen ein; die Regierung denke aber nicht entfernt daran, die Lehrerinnen in unlauteren Wettbewerb mit den Lehrern treten zu lassen. Tie Regierung sei gesetzlich an die Verwendung de. Leherinnen an neuen Mädchenk.assen gebunden ; ein kollegiales Zusammenwftlen der Lehrerinnen und Lehrer an den Mädchenklassen halte er für sehr ersprießlich. Daß die Lehrerinnen im Unterricht und in der (Erziehung nicht das leisten, was die Lehrer leisten, gebe c£ aus Grund seiner Erfahrungen als Direktor einer höheren Mädchenschule nicht zu. Aber selbst wenn sie dies , nicht leisteten, was würden dann wohl die Lehrer leisten, iwenn sie sich ebenso vorbereiten müßten, wie die Lehrerinnen. Sei es beim des Staates würdig, daß er 200 000 Mark für die Lehrer ausgebe und für die Lehrerinnen keinen roten Pfennig übrig habe. Solle man dann seine Kinder Lehrerinnen in die Hände geben, die nicht entsprechend ausgebildet seien. Mangels geeigneter Vorbereitung gingen die Mädchen oft an eine unlösbare Aufgabe. Nicht nur das Gefühl des Mitleids steige dann in ihm auf, sondern auch das der Beschämung. Bei dem gegenwärtigen Zustand verlange man Feigen vom Dornbusch, und das sei nicht recht. 9hm wolle er einmal die Begründung des Ausschußantrages unter die logische Lupe nehmen. Ob eine Einrichtung dringlich sei oder nicht, tonne doch nicht von der Finanzlage hergeleitet werden. Weiter habe der Ausschuß ben Preis von 110 000 Mark für ben in Aussicht gestellten Ankauf eines Gebäudes beanstandet. Vorläufig aber habe man vorsichtigerweise einmal erst gemietet auf 10 Jahre unb sich das Vorkaufsrecht gesichert, von dem man, falls sich bie Sache belvähre, später Gebrauch machen wolle. Tie Regierung habe dem Ausschüsse in eingeherbstem Maße nach gewiesen, warum sie die Errichtung des Seminars in einem Landstädtchen nicht ins Auge fassen könne. Es sei vor allem bort unmöglich, 120—150 Mädchen in Pension unterzubringen; es müßte bann ein Internat vorgesehen werben, dessen Neubau 300—350 000 Mark kosten würde. _ Ter zweite Grund liege in der Rücksicht, die man auf die Katholiken nehmen müsse. In diesen Kreisen sei die Ansicht geäußert worden, daß beabsichtigt sei, ein evangelisches Lehrerinnen-Seminar zu errichten. Daran sei nicht zu denken. Die Regierung werde die Errichtung des Seminars niemals an einem Platze vornehmen, wo die Katholiken an der Ausübung ihres religiösen Bekenntnisses behindert feien. Weiter sei für die Schülerinnen auf dem Lande keine Gelegenheit zum Uebungsunterricht; in ben wenigsten Landstädtchen feien foviele katholische Kinder vorhanden, daß zweckmäßiger praktischer Uebungs- unb Religionsunterricht aus geübt werden könnte. Bei derartigen Fragen solle man sich stets nur bie Frage vorlegen, wie werben bie Bedürfnisse am besten zu befriedigen fein4 unb bei einer Entscheidung über Lanbesinteressen sollten private Interessen in ben Hinter- grunb, treten. Für bie Errichtung eines Seminars in Darmstadt seien, ganz abgesehen von dem Vorhandensein weiterer Bilbungsanstalten, folgende Gründe maßgebend: Tie Anstalt könne schon nächsten Monat eröffnet werden und die Mädchenmittelschule, die als Uebungsschule dienen solle, sei nur 200 Schritte von dem Institut entfernt unb aufjerbem stehe die städtische Turnhalle zur Verfügung. Aber was die Hauptsache sei, die Ergänzung, die „Rekrutierung" der Anstalt fei hier leichter durchzuführen, indem man auf einen starken Grundstock aus der Viktoria- schule und Mädchenmittelschule rechnen dürfe. Aus dem Lande sei dies ausgeschlossen. Nicht mit pathetischen Worten von idealen Ausgaben richte er seine dringende Aufforderung an die Landstände, die Vorlage zu genehmigen, sondern er wende sich an ihren praktischen Sinn. Auf diesem Wege werde in der denkbar billigsten Weise ein Bedürfnis befriedigt, das in ein paar Jahren mit erheblich höheren Kosten doch werde befriedigt werden müssen. Abg. Backes (nl.): Auch er bitte, dem Ausschüsse nicht zuzustimmen. Von seinem Standpunkt aus sei zwar kein Grund vorhanden, die Zahl der Lehrerinnen zu vermehren, aber nach der Erklärung der Regierung nehme er an, daß sich das Institut nicht in der befürchteten Weife auswachsen werde. Er habe sich gefreut, daß der Ausschuß keine prinzipielle Bedenken gehabt habe. Neulich feien Kulturausgaben für Wälder bewilligt worden, aber diese Ausgabe für unsere Kinder werde sich noch besser rentieren. Gerade jetzt sei Gelegenheit zur billigen Erwerbung eines Hauses vorhanden. Tas Institut müsse in die Stadt gelegt werden, wie er auch ber Ansicht sei, baß es zweckmäßiger gewesen wäre, auch bie Lehrerseminare in die Städte zu verlegen. Er bitte, bie Reigerungsvorlage zu genehmigen. Abb- Jöckel (nl.): Tie Ausgaben für Bilbung seien probuktive Ausgaben; hierfür müßten wir Geld haben. Ter Zudrang zum Lehrerberufe habe außerordentlich abgenommen unb zur Zeit herrsche Lehrermangel. Wenn die Regierung diesen Mangel fürchte, unb ihn abstellen wolle durch die Vorlage, so müsse man die Regierung in ihrem Bestreben unterstützen. Tas Seminar in Darmstadt fei für weniges Geld zu errichten unb er könne sich einen besseren unb geeigneteren Platz als bie Residenz nicht denken. Er werbe der Vorlage zustimmen. (Fortsetzung im Hauptblatt.) Vermischtes. * Eine Knnbe von Andree? Die Manidoba-Hud- sonbai-Gesellschaft erhielt eine Nachricht aus ihrer nördlichsten Faktorei in Churchill, daß ein Stamm wilder Eskimos b r ei Män ner, welche in einem großen Cujak ober Boot burch die Lüfte gekommen feien, mittels Bogen unb Pfeile getötet hätte. Diese Nachricht scheint sich auf Anbree zu beziehen unb einigermaßen verläßlich zu sein, ba die Foktorei einen ziemlich eingehenben Bericht über bie Ausrüstung des Luftballons schickt, sowie auch meldeit, daß ber wilde Eskimo stamm, den die Leute ber Faktorei gefunden hätten, Messer, Tabak und Patronen hatte, aber nichts habe hergeben wollen. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Stuttgart, 7. März. Bei der von Studenten der Technischen Hochschule gegebenen Vorstellung in der Lieberhalle zu Gunsten ber Bismarcksäule brach auf ber Bühne Feuer aus. Der Vorhang flammte plötzlich auf unb setzte bie Koulissen in Branb. Die Panik des Publikums war im ersten Augenblick sehr groß, boch leerte sich ber Saal schließlich in großer Ordnung. Die Feuerwehr beschränkte ben Brand auf bie Bühne. Lonbon, 7. März. Der Dampfer der Amerikalinie „Walslanb" kollidierte mit dem Dampfer ber Houston- Linie „Harmonibes" auf ber Höhe von Hollyhead. Der erstere sank. Seine Passagiere, 114 an ber Zahl, sowie die 89 Köpfe starke Besatzung wurden von dem „Harmonibes" ausgenommen. Brüssel, 7. März. Vor einer Versammlung, in der mehrere liberale und sozialistische Deputierte das Wort ergriffen, wurde ein Telegramm an ben König gesandt, in dem es heißt: „2500 Arbeiter unb Bürger machen den König auf den Ernst der Kundgebungen aufmerksam, die zu Gunsten des allgemeinen Stimmrechts stattfanden, und fordern ihn auf, seine Macht in dem Sinne zu betätigen, daß eine Lösung der Wahlfrage schleunigst auf friedlichem Wege herbeigeführt werde. Rom, 6. März. Der P a p st empfing heute aus Anlaß seines Jubiläums die vom deutschen Kaiser entsandte Spezialmission unter Führung des Generalobersten v. Los unb später die bayerische Spezialmission. Die Empfänge fanden im Thronsaale in feierlichster Weise statt. Päpstliche Truppen erwiesen die militärischen Ehren. Später fand zu Ehren der deutschen Mission ein Frühstück beim preußischen Gesandten o. Rotenhan statt. Generaloberst v. Loö, der dem Papst ein Geschenk des deutschen Kaisers, bestehend in einer prachtvollen Stutzuhr aus Porzellan im Roccocostyl, überreichte, betonte hierbei die guten Beziehungen, welche sich zwischen Deutschland und dem Vatikan entwickelten, und erinnerte daran, daßew bereits im Jahre 1888 den Papst zu seinem Bischofjubiläum beglückwünschte. Der Papst jprach seinen lebhaften Dank für das Geschenk aus unb erklärte, er sei sehr bankbar, daß ber Kaiser eine besondere Mission entsandte, unb sehr erfreut über bie gegenwärtig zwischen dem Kaiser unb feinen katholischen UntertHanen bestehenden Beziehungen. Tie bayerische Mission überreichte ein kostbares Kruzifix.