Freitag 6. Juni 1903 Erstes Blatt. 152. Jahrgang Nr. 130 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Familien» blätter viermal in der Woche betgelegt. Notationsdruck u. Verlag der Brühl'sche« Unwers.-Buch-u. Stein- druckerei (Pietsch Erbens Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Lidresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. FernsprkchanscblußNr.bl. JW d 0 monar?ich?bPUo!ertel^ GletzenerAnzelger« General-Anzeiger v ää v für den polit. u. allgem. Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen MU.Z zeigenteil: HanS Beck. Englische Zollpolitik. -Auch das noch/ ruft vielleicht Mancher ans, wenn er die Ueberschrist liest. Haben wir nicht an unseren eigenen Zollsorgen genug? Sollen wir uns auch noch um Englands Zollpolitik kümmern? Je nun, Deutschland befindet sich nicht auf einem Jsolirschemel, am allerwenigsten in der Handelspolitik. Alles, was wir in dieser Hinsicht thun, wirkt auch auf England zurück. Außerdem ist England unser bester Kunde, wie wir wiederum die kaufkräftigsten Abnehmer englischer Waren sind. Schließlich vollziehen sich in England auf zollpolitischem Gebiete bedeutende Veränderungen. England ist das gelobte Land des unbeschränkten Freihandels. So hat noch die jetzt in den besten Jahren stehende Generation gelernt. Man braucht aber nur einen kurzen Rückblick in die Geschichte der englischen Handelspolitik zu thun, dann findet man, daß England durchaus nicht immer freihändlerische Politik getrieben hat. In den ersten Regierungsjahren der Königin Viktoria hatte England noch recht- beträchtliche Kornzölle und einen Zolltarif, der an Umfang und Verzwicktheit seines Gleichen suchte. Die weitere Entwickelung der englischen Zollpolitik vollzog sich, genau wie bei uns in neuester Zeit, unter dem Kampfe zwischen der Industrie und dem Export einerseits und den Agrariern andererseits. Industrie und Export gingen infolge ihrer steigenden Bedeutung als Sieger aus diesem Kampfe hervor. Stückweise wurde die Schutzzollmauer abgetragen. Die Beseitigung der Kornzölle im Jahre 1846 galt lange als ein gewaltiger Merkstein in dieser Bewegung. Der Freihandel, der so in England die Herrschaft errungen hatte, übte bald auch auf das Ausland einen mächtigen Einfluß. In der Theorie wurden diese Grundsätze von einer angesehenen Vereinigung von Volkswirtschaftlern vertreten. In der Praxis äußerte sich der von England ausgehende Einfluß namentlich in dem berühmten Cobden-Vertrage zwischen England und Frankreich (1860) und in dem Uebergange Deutschlands zum Freihandel. Run verging ein ganzes Menschenalter, in dem sich England in der Handelspolitik gar nicht rührte. Industrie, Handel und Schiffahrt befanden sich bei ihm ja in beständigem Aufschwünge. England war die Werkstätte der Welt. Inzwischen gingen anderwärts große Umwälzungen vor sich. Man kann diese unter dem Schlagworte „Emanzipation von England" zusammenfassen. Ein Land nach dem anderen begann, sich eine eigene Industrie und Schiffahrt zu schaffen. Deren Wachstum wurde gefördert durch Ausbau des Schutzzollsystems. Es dauerte gar nicht lange, so traten die neuen Industrie- und Handelsmächte, wie Deutschland und die Vereinigten Staaten, als Konkurrenten Englands auf dem Weltmärkte auf. Der kommerzielle und industrielle Aufschwung Deutschlands und Amerikas, dazu der Rückgang Englands, machten je länger, je mehr von sich reden. Auch den Engländern gingen die Augen auf, und nun setzte, immer kräftiger werdend und immer weitere Kreise erfassend, eine Gegenbewegung ein. Ihr Hauptträger ist Chamberlain, ihr Schlagwort „Imperialismus". England und seine Kolonieen sollen, so verkünden die Anhänger dieser neuen Lehre, in wirtschaftlicher Beziehung zu einem großen Ganzen vereinigt werden. England soll von den Kolonieen, und diese sollen von England bevorzugt werden. Die neue Richtung fand in England viele Gegner. Im Auslande wurden lebhafte Zweifel an ihrer Durchführbarkeit laut. Die Ereignisse der letzten Jahre haben Gegner wie Zweifler ins Unrecht gesetzt. In jener bedächtigen, verschwiegenen, systemlosen und doch ziel bewußten Weise, die der englischen Wirtschaftspolitik eigen ist, wurde, namentlich unter der Einwirkung des südafrikanischen Krieges, an dem Bau des Imperialismus weitergearbeitet. Im Zusammenhänge damit bahnte sich Englands Rückkehr zum Schutzzoll an: Zum Staunen der Welt führte England nach und nach einen Zuckerzoll, einen Kohlenausfuhrzoll, Getreide- und Mehlzölle ein. Weitere Ueberraschungen stehen bevor. Amerikanische Selbstbeleuchtung. - Ein bemerkenswertes Zeugnis darüber, wie die gegenwärtige kommerzielle Weltstellung Amerikas und ihre zukünftigen Chancen an maßgebender und kompetenter Stelle in Amerika selbst verurteilt wird, liegt in dem Bericht des Leiters des Bureau of Foreign Commerce im Departement of State über den amerikanischen Außenhandel im Jahre 1901 vor. Der Verfasser stellt die charakteristischen Zeichen der Zeit in gedrängter Kürze zusammen und kommt dabei zu folgendem Urteile: Amerika macht Fortschritte sogar in Oesterreich- Ungarn. In dem Lande, aus dem die Idee des europäischen Zollbundes zur Abwehr gegen Amerika stammt, wächst der amerikanische Import in rapider Weise, obwohl die amerikanische Geschäftswelt dem abseits von den Hochstraßen des Weltverkehrs belegenen Donaureiche bisher noch gar keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Er wächst, obwohl die Landwirtschaft und Industrie sich zusammengethan, der Invasion mit gemeinsamen Kräften zu wehren. In Deutschland nimmt der amerikanische Import noch immer die erste Stelle ein. Der Wettbewerb der Vereinigten Staaten wird von Handel und Industrie als schwere Gefahr für Deutschlands Zukunft angesehen. Mit der Geschicklichkeit seiner Hände verbindet der amerikanische Arbeiter eigenes, selbständiges Denken, dazu befähigen ihn gewisse erbliche Vorzüge seiner Rasse, die Umgebung, in der er aufwächst, die Erziehung, die Institutionen des Landes. Die hä Here Leistun g des amerikanischen Arbeiters in Verbindung mit dem unerschöpflichen Reichtum des Bodens wird, so befürchten die denkenden Kreise in Deutschland, den Wettbewerb der beiden großen Nationen zu Gunsten Amerikas entscheiden. Europa gegenüber sind die Rollen vertauscht, es bezieht von uns Güter, die es früher Amerika zu liefern gewohnt war. Bei allen hochentwickelten Jn- dusttie-Ländern Europas zeigt sich derselbe Vorgang. Wir führen Seide nach Frankreich aus, Zinnplatten nach England. Die deutsche Strumpfwirkerei, die böhmische Glasindustrie fühlt unseren Wettbewerb auf dem heimischen Markte, die amerikanische Baumwollware drängt auf englischem Boden das Produkt von Manchester zurück. Auf spanischen Märkten wird die kalifornische Orange und Limone ausgebotcn. Der augenblickliche Rückgang im Export amerikanischer Industrie-Erzeugnisse ist vorügergehenden Ursachen zuzuschreiben. Mit dem Aufhören der gegenwärtigen wirtschaftlichen Depression in Europa wird er zu Ende gehen und einem neuen Aufschwung Platz machen. Er hat außerdem nicht viel zu bedeuten, da ihm ein Anwachsen der Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte gegenübersteht, das den Ausfall mehr als wettmacht. Die amerikanische Expansion hat nicht nachgelassen, wie man in Europa prophezeien zu dürfen glaubt. ' Im Wettbewerbe mit Amerika hat Europa keinerlei bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Tastend und zögernd versucht man dort alle möglichen Maßnahmen, aber an dem beiderseitigen Kräfteverhältnis wird dadurch nichts geändert, auch die ultima ratio, das zollpolitische Rüstzeug, wird man nicht zur Anwendung bringen, wenn Amerika zur Reziprozitäts-Politik übergeht und der europäischen Einfuhr bereitwilliger, als bisher seine Thore öffnet. England, die bisher führende Macht im Welthandel, kann in der Produktivität seiner Arbeit mit Amerika nicht mehr wetteifern, seitdem in der englischen Arbeiterschaft die Gewerkschaftsorganisation allmächtig geworden ist, die Verringerung der Leistung des Einzelnen erstrebt, um allen Händen Arbeit zu geben. In Amerika bestehen solche Organisationen auch, aber die Verhältnisse sind dort gesünder, die gewerkschaftliche Bewegung bleibt deshalb in vernünftigen Bahnen und hält sich fern von extremen Forderungen. Volitijche Tagesschau. Zm Finanzausschuß des bayerischen Abgeordnetenhauses wurde von katholischer Seite die Mommsen'sche Kundgebung zu Gunsten der Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft zur Sprache gebracht. Der Referent, Dr. S ch ä d l e r (Ctr.), erklärte, ihn interessiere die Beteiligung der bayerischen Professoren an der Adresse für Mommsen. Er verwahre sich dagegen, daß gläubiger Katholizismus mit einem Lehrauftrag an einer Universität unverträglich sei. Er protestiere dagegen, daß das Heiligste, was der Student mit zur Universität bringt, durch Hochschullehrer gefährdet werde. Er erwarte von der Unterrichtsverwaltung, daß sie die Angelegenheit im Auge behalten werde. Correferent Dr. Cassel- mann (lib.): Die wissenschaftliche Forschung dürfe durch kein Dogma eingeengt werden. Mommsen habe durch sein Wort befreiend gewirkt und sich den lebhaften Dank der weitesten Kreise erworben. Tausende stehen mit ihm auf dem Boden der Wahrhaftigkeit der Wissenschaft. Vorsitzender Dr. v. D a l l e r (Ctr.): Das Volk habe das Vorgehen als gegen das Christentum gerichtet aufgefaßt. Abg. v. Vollmar (Soz.) verteidigt die Freiheit der Wissenschaft und wünscht, daß auch katholischen Gelehrten Freiheit in der Forschung gewährt werde. Abg. Wagner (lib.) wendet sich gegen die Behauptung Dr. v. Dallers, daß der Brief Mommsens von dem „Volke" als eine Leugnung des Christentums aufgefaßt worden sei, es komme darauf an, was man dem Volke vorsage. Er protestiere dagegen, wenn etwa den Professoren von der Staatsregierung in ihrer wissenschaftlichen Thätigkeit und Forschung Vorschriften gemacht werden sollen. Abg. Dr. Heim (Ctr.) meint, daß der Brief Mommsens ein Schuß gegen das preußische und andere Kultusministerien gewesen sei, hervorgerufen durch unbequeme Berufungen an Hochschulen. Der Kultusminister Dr. v. Landmann bemerkt, daß bei den Berufungen nicht nur die wissenschaftliche Tüchtigkeit und die Lehrbefähigung, sondern auch die verschiedenen Richtungen zur Geltung kommen müssen. Es sei also auch geboten, daß in Geschichte und Philosophie die katholische Richtung den gebührenden Platz erhalte. Das sei in Straßburg geschehen, worüber eine besondere Entrüstung gar nicht angebracht war. Die große Mehrzahl der Professoren, welche sich der Adresse an Mommsen angeschlossen haben, habe gewiß nichts gegen das Christenthum beabsichtigt. Correferent Dr. Casselmann kann dem Minister nicht recht geben, wenn er sage, daß in Straßburg nichts Ungewöhnliches sich ereignet habe. Der Brief Mommsens enthalte keinen Angriff gegen das Christentum. Mommsen wende sich gegen die Berufungen, die konfessioneller Rücksichten halber erfolgen. Nach einem Schlußwort des Referenten wurde der Gegenstand verlaffen. Parlamentarisches aus Heffe«. Der Zweite Ausschuß der Zweiten Kammer hat sich mit dem Gesetzentwurf betr. die Handelskammern beschäftigt und stimmt ihm in seinen wesentlichen Teilen zu. Erwähnenswert ist im einzelnen nur, daß zu Art. 19 der Abg. Molthan den Antrag gestellt hat auf eine dreijährige Wahlperiode gegenüber der im Gesetzentwurf vorgesehenen sechsjährigen. Die Handelskammer Darmstadt hat gleichfalls die dreijährige Wahlperiode befürwortet, während die Eingaben der Handelskammern Gießen und Bingen die Zweite Kammer um unveränderte Annahme des Art. 19 ersuchen. Nach eingehenden Erörterungen im Ausschuß und nachdem Molthan seinen Antrag auf dreijährige Wahlperioden zurückgezogen und eine Kompromißantrag auf vierjährige Wahlperioden eingebracht hatte, einigte sich der Ausschuß auf vier Jahre und beantragt int Einverständnis mit der Regierung r Annahme des Antrags Molthan als Art. 19a mit nachfolgender Fassung: „Die Ersatzwahlen finden mindestens vier Wochen vor Ablauf jeder Wahlperiode statt". Weiterhin schlägt der Ausschuß vor: Zu Art. 20: „Auswärtige Mitglieder erhalten für die Teilnahme an den Sitzungen Reisekosten und Tagegelder vergütet." Zum Gesetzentwurf, den Denkmalschutz betreffend, waren in der Ersten Kammer Wünsche und Bedenken laut geworden nach der Richtung hin, daß das Privateigentum intensiver geschützt und daß ein Denkmalrat als sachverständiges Organ bestellt werde. Der jetzt vorliegende Gesetzentwurf trennt auch äußerlich mit größerer Bestimmtheit die Vorschriften, die sich auf die Denkmäler im Besitze von juristischen Personen öffentlichen Rechts, und diejenigen, welche sich auf die Denkmäler im Besitze von Privatpersonen beziehen. Der 2. Ausschuß der Zweiten Kammer erachtet dies für eine Verbesserung und hat den Beschluß gefaßt, dem Entwurf in der Fassung der Ersten Kammer zuzustimmen. Ein Sonderausschuß hat den Gesetzentwurf über die öffentlichen Sparkassen durchgearbeitet und tritt ihm im wesentlichen bei. Er giebt sich aber keiner Illusion darüber hin, daß die vorgeschriebene Aufsicht des Ministeriums und Kreisamts nur einen bedingten Wert hat. Die Gefahr liegt nahe, daß die amtlichen Kontrollen vielfach, wenn nicht meistens, nur kalkulatorischer und formeller Art sein werden. Eine Einrichtung wie die des Aufsichtsrates bei Genoffen- schaften ist bei der Organisation der Sparkassen nicht mit gleichem Erfolge zu schaffen. Dagegen empfiehlt sich die Aufnahme einer Bestimmung in das Gesetz, wonach periodische, die ganze Geschäftsgebahrung tteffende Revisionen durch geeignete Revisoren stattfinden sollen, wofür sich vielleicht die Sparkassen zu einem Revisionsverband zusammensinden. Ebenso wird nötig sein das Einsetzen der Kontrolle und Kritik der Ocffentlichkeit durch Schaffung einer Vorschrift, daß die Jahresbilanz und derBericht desRevisors in den Amtsblättern zu veröffentlichen sind. Ferner kann sich der Ausschuß von der Zweckmäßigkeit der vorgeschlagenen Einrichtung einer Einleger-Versammlung nicht überzeugen. Die Teilnehmer einer solchen Versammlung entbehren, so meint er, der gemeinsamen sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen. Sie sind nur in einem Punkte gleichmäßig interessiert: sie wünschen, daß ihre Einlage sicher und hoch verzinslich sei. Es empfiehlt sich aber nicht, ihnen für die Wahrung dieses Interesses einen besonderen Einfluß auf das Leben der Kasse zu gestatten, weil sie einesteils dieses Einflusses bei der kurzen Kündigungsfrist für Sparkaffeeinlagen nicht bedürfen, anderntells die Gefahr einer nur einseitigen Benutzung der verliehenen Rechte naheliegt, sowie einer für das Kasseleben nicht ersprießlichen Schwerfälligkeit der Verwaltung. Man beantragt daher Strich der Artikel 18—20. Die Berechnung des Verhältnisses, in dem die Mitglieder zur Deckung eines Fehlbetrages beizutragen haben, scheint ihm am einfachsten durch Bevölkerungsziffer und Vermögen gegeben. Will eine Bezirkskaffe einen anderen Maßstab anlegen, so bleibt ihr unbenommen, dies durch die Satzung festzulegen. Die Berücksichtigung des Betrags der Spareinlagen und Ausleihen erfordert umständliche Berechnungen; sie schafft bei Wohnsitz-Aenderungen des Gläubigers oder Schuldners Schwierigkeiten, bedarf auch zur richtigen Ergänzung einer Beachtung der Zeitdauer der Einlage und Ausleihe. Ferner hält es der Ausschuß für wünschenswert, daß Kassengebilde, die sich seither nützlich bewährt haben, soweit irgend möglich in den Rahmen und die Wirksamkeit der öffentlichen Sparkassen eingefügt werden. Dazu erscheint dem Ausschüsse nötig: 1. daß man den Sparkassen mit privaten Mitgliedern eine geräumige Frist zur Verständigung mit diesen lasse, 2. erfordert, daß man einen besonderen Antrieb der Einzel- mitglieder zur Verständigung dadurch schaffe, daß man ihre persönlichen Rechte noch eine Zeitlang belasse. Die Vermögensrechte könnten vergleichsweise durch Verwandlung der „Einlagen" und „Aktien" m gewöhnliche Einlagen vielleicht mit verstärkter Verzinsung umgewandelt werden. Einen Einfluß auf diesen Punkt kann das Gesetz nicht ivohl üben. Dagegen könnten die persönlichen Rechte für eine lieber- gangszeit belassen werden, indem man den Kassen gestattet, bei der Umwandlung in öffentliche Kaffen den Einzelmtt- gliedern noch Teilnahme an der Mitgliederversammlung zu gewähren. Diese Teilnahme soll auf eine gewisse Zeit — man schlug 10 Jahre und 2 Jahre vor und einigte sich auf H Jahre — mit gewissen Bedingungen möglich sein. Die Vorstellungen der Mitglieder der Großherzogl. Hofmusik, die Ausbesserung ihrer Besoldungen sich er- wünschend und thatsächlich z. Z. recht kläglich salariert werden, haben vor der Mehrheit des 4. Ausschusses geneigte Ohren gefunden, die Minderheit dagegen beantragt, die zweite Kammer wolle unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Finanzlage über das Gesuch zur Tagesordnuog übergehen. Die Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. hat die Errichtung einer Haltestelle Frischborn beim Bau der Nebenbahn Lauterbach — Gre benhain von der Leistung eines Zu- schusies von 3000 Mk. und der Stellung des Geländes abhängig gemacht. Die Gemeinde hat die genannten Zahlungen geleistet, sich dabei aber der Hoffnung hingegeben, daß die Rückerstattung erfolgen würde, „weil absolut kein Grund vorlag, die Gemeinde Frischborn anders zu behandeln, wie sämtliche an der betreffenden Bahnstrecke liegenden, mit Haltestellen bedachten Gemeinden." Doch das Gesuch wurde voin Finanzniinister abgeschlagen. Nun bitten die Frischborner, die Kämmer wolle veranlassen, daß die der Gemeinde zugemuteten besonderen Aufwendungen wieder zurückerstattet werden, und der Abg. Zinßer hat diesen Wunsch zum Antrag erhoben. __________________________ 16. Wander - Ausstellung der deutschen <^and- wirtschasts-Kesellschast zu Wannycim. (Originalbericht des „Gieß. Anz.") n -n. Mannheim, 6. Juni. Meinen gestrigen Bericht hatte ich mit der Mitteilung schlossen, daß ein Gewitter im Anzuge sei. Es ging sehr rasch vorüber und brachte die ersehnte Abkühlung vorläufig nicht. Kurz vor acht Uhr — der Groß Herzog von Baden wurde nach telegraphischen Nachrichten um 8 Uhr mit hoher Begleitung erwartet — durchfuhr ich, auf der Plattform eines elektrischen Wagens stehend, einige Hauptstraßen, die prachtvoll dekoriert waren. Tie Straßen waren besonders in der Nähe des Schlosses schwarz von Menschen. Als wir am Schlosse eintrafen, suhr gerade der Großherzog in den Schloßhof ein, begrüßt von den brausenden Hochrufen der Menge. Alles was seitens der Stadt geschehen ist den Vertretern der deutschen Landwirtschaft zu Ehren, die Reden ,die dabei gehalten wurden, nur in kurzem Auszüge mitzuteilen, würde zu weit führen. Bis in die tiefe Nacht war der Himmel wolkenlos. 'Nach Mitternacht trat starker Gewitterregen ein, dem ein Landregen folgte, welcher bis gestern morgens 9 Uhr anhielt. W ich um 8 Uhr die Ausstellung betrat, übertraf das Bild meine Erwartungen. Das tief gelegene Ausstellungs-Gebäude war durch den sehr starken Regen vollständig aufgeweicht, größere Flächen waren mit Wasser bedeckt, sodaß eine ganze Reihe Säemaschinen im Wasser standen. Einzelne Teile der Ausstellung waren überhaupt nicht zu erreichen, es wurden Bohlen, Bauhölzer und Schwellen gelegt, um Verbindungswege herzustellen. Trotzdem wanderten die Ausstellungs besuch er fort und fort mit aufgespanntem Regenschirm herzu, Damen und Herren. Es war ein beständiges Waten im Schlamm. Damen, die besonders Unglück hatten, waren durch vorübertrabende Pferde geradezu mit Schlamm überspritzt. Komische Szenen spielten sich genug ab. — Gerade als ich in die Nähe der Rindviehställe Lam — in diese war das Wasser eingedrungen und viele Tiere standen oder lagen im Schlamm — wurden durch badische Soldaten im Trillichanzug die Elsaß-Lothringischen Shorthorn-Ninder vorgeführt. So führte ein Soldat die Kuh, ein anderer dao zugehörige sehr starke Kalb. . Dies machte im tiefen Schlamm die tollsten Sprünge, die der schwächere Soldat mitmachen mußte, wenn er das Kalb nicht fahren lassen wollte. Das dauerte solange, bis das unverständige Kalb ermüdete. Um 9 Uhr schien die Sonne wieder, und gegen 2 Uhr war der Verkehr durch den größten Teil der Ausstellung, ohne daß man die Stiefel stecken ließ, wieder möglich. Die zahlreichen Ausstellungsbesucher fanden sich übrigens mit gutem Humor in die Lage. Um 12 Uhr erschienen der Großherzog, die Groß- cherzogin, das erbgroßherzogliche Paar, die Prinzen Max und Karl, sowie die Damen und Herren des Gefolges und zahlreiche geladene Gäste, darunter Mitglieder beider Kammern in der Ausstellung, woraus die feierliche Eröffnung der landwirtschaftlichen Ausstellung stattsand. Als das großherzogliche Paar in Hofequipagen, a la Daumont bespannt, in der Ausstellung erschien, ertönten brausende Hoch- und Hurrarufe aus der vieltausendköpfigen Menge. Vor der Tribüne wurden die hohen Herrschaften vom Direktorium der Deutschen landwirtschaftsgesellschast empfangen. Auf der Tribüne hatten sich inzwischen die geladenen Ehrengäste, ferner die (Äaatsminister v. Brauer, Schenkel, Staatsrat v. Tusch, Finanzminister v. Buchenberger, sowie der preußische Gesandte v. Eisendecher und andere eingefunden. Als das großherzogliche Paar die Tribüne bestieg, wurden ihm lebhafte Ovationen dargebracht. Nachdem die hohen Herrschaften an die Brüstung der Tribüne geleitet ioaren, ergriff der Großherzog das Wort zu einer längeren Rede. Er begrüßte zunächst die Mitglieder der deutschen Landwirtschaftsgesellschast und hieß diese in dem teuern Lande Baden willkommen. Er freue sich, berufen zu sein, das Präsidium über die Tagung der Gesellschaft und bie damit verbundene Wanderausstellung zu führen. Tie Verdi e n st e, welche sich die deutscheLandwirtschasts- gesellschaft durch ihre anregende Thütigkeit erworben habe, seien allgemein anerkannt und von Erfolgen begleitet, die sich in stetigem Fortschritt befänden. Der Großherzog ging dann des Näheren aus die Entwickelung der Stadt Mannheim ein, deren erfreuliches Aufblühen zwar auf einem anderen wirtschaftlichen Gebiete beruhe, die wirtschaftliche Kraft und der Weltruf Mannheims sei auf dem Großhandel begründet und verbunden mit einer reichen Fülle der verschiedenen großindustriellen Unternehmungen, zum guten Teil sei aber das wirtschaftliche Gedeihen der Stadt Mannheim dadurch gefördert worden, daß sie von einem Gebiete reichentwickelter Landwirtschaft umgeben sei. Mit freudiger Genugthuung könne er sest- stellen, daß dem Gedeihen des Handels- und dem Industrie- Mittelpunktes k ein esweg sein Rückgangder Lau d- wirtschaft in den umliegenden Bezirken gegenüberstehe. Es sei das ein erfreulicher Beweis dafür, daß die Landwirtschaft sich nicht in einem notwendigen Widerstreit der Interessen zu Handel und Industrie befinde. Tas Gedeihen des einen wirtschaftlichen Zweiges stehe vielmehr im unlösbaren Zusammenhang mit dem anderen. Von solchen Gesichtspunkten ausgehend, war die badische Regierung seither bemüht, die auf Förderung des wirtschaftlichen Lebens gerichteten Maßnahmen zu gestalten. Tie Organe des Reichs wirken auf gleicher Grundlage. Tie sicherste Gewähr ür das Gedeihen der deutschen Volkswirt- chaft und insbesondere auch der Landwirtschaft Regt in dem Reiche und seiner auf Schuß und Förderung unseres Volkslebens, sowohl im Innern, als im Wett- treit der Nationen gerichteten Thütigkeit. Ich gedenke daher n dieser Stunde, von treuer nationaler Gesinnung erfüllt, unseres Reichs-Oberhauptes, des Kaisers, welcher in uner- müdlicher Fürsorge und mit fester Hand das Steuer des Reiches lenkt und uns heute auch als Protektor der deutschen Landwirtschaftsgesellschast vor Augen schwebt. Ter Grotzherzog schloß mit einem Hoch auf den Kaiser, das begeisterten Widerhall fand. Darauf hielt der Minister des Innern, Schenkel, eine Ansprache, in welcher er die Verdienste des Großherzoglichen Hauses und vor allem des Großherzogs Friedrich, um das Blühen und Gedeihen der Landwirtschaft hervorhob. Er schloß mit einem Hoch auf den Großherzog. Darauf begrüßte Landtagsabgeordneter Klein die Landwirtschaftsgesellschaft im Namen der badischen Landwirte und brachte ein Hoch auf die Deutsche Landwirtschaftsgesellschast aus. Sodann hielt Oberbürgermeister Beck eine längere An- prache, in welcher er der Thütigkeit der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft gedachte und mit dem Wunsche schloß, daß die deutsche Landwirtschaft blühen, wachsen uuo gedeihen möge. Der Vorsitzende des Direktoriums der Deut- chen Landwirtschaftsgesellschast v. Arnim dankte dem Großherzog für die Uebernahme des Präsidiums^der Teut- schen Landwirtschafts-Ausstellung für 1902. Seine An- prache schloß mit einem Hoch auf die festgebende Stadt Mannheim. Damit war die Ausstellung eröffnet. Es schloß ich daran ein von der landwirtschaftlichen Gesellschaft den allerhöchsten Herrschaften gegebenes Frühstück in dem Hauptrestaurant der Ausstellung. Tie Prinzen Max und Karl von Baden reisten nachmittags gegen 4 Uhr nach Karlsruhe zurück. Um 5 Uhr machten der Großherzog und die Großherzogin eine Rundfahrt durch die reichgeschmüüte Stadt. Sie wurden von einer nach vielen Tausenden zählenden in den Straßen Spalier bildenden Menschenmenge mit jubelnden Zurufen begrüßt. Um 7 Uhr fand im Schloß Empfang zahlreicher Damen der hiesigen Gesellschaft durch die Großherzogin 'takt. Nach Eintritt der Dunkelheit wohnten dasGroßherzog- liche Paar und die noch hier anwesenden Fürstlichkeiten vom Schloßbalion aus dem Lampionzug und der Gesangserenade bei. Das Kaiserdenkmal, der Alonumentalbrumien und die Neckarbrücke erstrahlten in prächtiger Beleuchtung. Gestern hatte ich Mitteilungen über die Pferdeausstell- ung gemacht. Ich kann hinzufügen, daß von unseren Züchtern die r h eiu h essischen am besten bei der Prämiierung davon kamen. Daun folgten Starkenburg und Oberhessen (Koch^Hasselheck bei Nauheim). Bei uns ist die Hochzucht der Pferde noch in den Anfängen und wir müssen uns bei einer solchen Konkurrenz, wie sie diese großen deutschen Wanderausstellungen bieten, bescheiden. Wie chon erwähnt, fehlen wir bei der Rinder- und Schweineausstellung gänzlich, Tas bleibt ein arger Fehler. Der Vogelsberg mit seiner Vogelsbergerzuchr hat dem hessischen Hinterland das Feld überlassen, und die Aussteller aus diesem Zuchtbezirk haben alle die großen Preise eingeheimst, die unseren Vogelsbergern größtenteils zugefallen wären. Einew einzigen Zückster im hessischen Hinterland — Meis Biedenkopf — der etwa 7 Stück Vogelsberger Vieh ausgestellt hatte, sollen um 2000 Mk. an Geldprämien allein zugesallen sein. ' Gestern schon sah ich die Rindviehausstellung. Aus unseren Nachbarorten Krofdorf, Launsbach, Wismar, Fellingshausen waren gleichfalls Vogelsberger Tiere ausgestellt. Welche Preise dahin gefallen sind, konnte ich bislang nicht ermitteln. In der Rinderausstellung fallen wie immer dieSimmenthaler am meisten ins Auge. Wahre Kolosse von Bullen werden da vorgeführt, die ausgezeich^ neteu gemessen und photographiert. Tie besten Tiere dieser Rasse scheint wieder Oberbaden vorzuführen: die Zucht- genossenschasten Meßkirch, Donaueschingen, Engen, Waldshut, Villingen re. Von diesen Zuchitgenossenschaften können wir lernen, wasdurch Zusammenschluß der einzelnen Züchter zu Zuchigenossenschaften erreicht werden kann. Da muß die«: einzelne vielen anderen gegenüber seine Meinung auch einmal aufgebeii können und nickst eigensinnig auf feinem Kops bestehen. Nach den Simmenthalern gefallen von den Höhenschlägen die Glandonnersberger am meisten, während die ausgezeichneten Ni e de r u n g ss chl ä g e, die als Milchtiere am höchsten zu schätzen sind, in Süddeutsch- lau d unbeachtet bleiben. Man will von den Niederungsschlägen, die wir in ausgezeichneten Stämmen massenhaft im nördlichen Deutschland haben, nichts wissen. Es müssen Höhenschläge sein, mit mit denen wir in Bezug aus den Ankauf von besten Zuchttieren, soweit es Simmenthaler betrifft, stets auf das Ausland angewiesen sind. Vogelsberger, Simmenthaler, Glandoniiersberger unb Odenwälder sind däe Rinderrassen, welche im Großherzogtum rein gezüchtet werden. Man könnte es ruhig bei Vogelsbergern und Simmenthalern lassen, diese Zersplitterung der Zuchtbestrebungen in unserem kleinen Lande taugt nichts. Unser Kleinbauer will das Vogelsberger Rind nicht missen, diejenigen der benachbarten preußischen Kreise Biedenkopf, Wetzlar re. denken meist gerade so. Nun hat aber die Provinz Starkenburg den Odenwald und Odenwälder Vieh, und Rheinhessen den Tonnersberg und damit Donnersberger Vieh ’unb deshalb müssen diese Rassen, die schon einmal halb vergessen waren, leider auch fortgezüchtet werden. Tie Elsaß-Lothringer züchten vielfach das Shorthorn- Rind und brinaen es regelmäßig aus die Ausstellungen der Deutschen Landtvirtschastsgesellschaft. Die Tiere sind ausgezeichnet gehalten, und da sie schlechte Milchgeber sind, erzeugen sie auffallend viel Fleisch und Fett. Als Gespann tiere sind sie überhaupt nicht zu gebrauchen. Für uns hat diese Rasse gar kein Interesse. Ich übergehe die Anführung vieler anderer ausgestellten Mederrassen und Arten aus demselben Grunde. Ganz besondere Erwähnung verdient die Fürsorge, die die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft für alle Tiere traf, welche in Ställen standen, in die Regenwasser eindrang. Sie wurden in die vorsorglich errichteten Krankenställe übergeführt und besonders verpflegt, damit sie vor etwaigen Krankheiten durch Erkältung behütet bleiben. o « » Dem Gesuch des Hessischen Landwirtschaftsrats um Fahrpreisermäßigung für die Besucher der Wanderausstellung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft in Mannheim ist nunmehr seitens der Main-Neckar- Eisenbahn entsprochen worden, sodaß die bis zum 10. Juni auf sämtlichen Stationen der Maiu-Neckar-Bahn gelösten einfachen Fahrkarten nach Mannheim zur freien Rückfahrt bis einschließlich 13. Juni gelten, wenn sie in der Ausstellung abgestempelt roorben sind. Aus Stadt und Sand. Gießen, den 6. Juni 1902. ** Hessische Landeslotterie. Tie Direktion chreibt uns: Es ist manchmal bezweifelt worden, daß die möglichen Höchstgewinne des hessischen Landeslotterieplanes überhaupt oorkämen oder auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit vorkommen könnten. Wie unberechtigt dieser Zweifel ist, ergeben schon die bisherigen Ziehungserfahrungen. Nachdem sich nämlich die hohen Gewinne, denen, wenn sie zuletzt gezogen werden, die Prämien zuwachsen, schon wiederholt bis fast zuletzt im Gewinnrade aufgehalten haben, waren oeben in der 3. Klasse der Hessischen Landeslotterie als letzte größere Gewinne die Gewinne von 2000 Mk. und von 20 000 Mk. verblieben, und nach Längerer Spannung )er bei der Ziehung Anwesenden ist von diesen beiden Gewinnen derjenige von 2000 Mk. zuerst gezogen und damit entschieden worden, daß die Prämie dieser Klasse in Höhe von 50 000 Mk. dem Gewinner des Gewinnes odn 20000 Mark zufallen mußte, was auf die Nummer 11 726 auch alsbald igsefchehen ist, sodaß in diesem Falle der mögliche Höchstgewinn von 70 000 Mk. wirklich erzielt worden ist. Man fieht, wer einmal Glück hat, kann es auch gründlich jaben und, wenn man das Prämiensystem mit Recht als eine interessante kleine Lotterie in der Lotterie bezeichnet, in beiden Lotterien den Rahm abschöpfen. Daß in der Schlußserie dieser Lotterie die Voraussetzungen des Zu- ammenfalls beider Prämien von 200 000 Mk. und 300 000 Mark dicht beieinander liegen, kann jeder Spiellustige aus § 8 des Planes leicht selbst erkennen. Tasselbe gilt natürlich auch bezüglich der Erlangung der möglichen abzugs- rei zur Auszahlung gelangenden Höchstgewinne von 250 000, 200000 und 100000 Mk. der Darmstädter Schloßfreiheitslotterie, die bekanntlich demnächst ausgespielt wird und die außer in Hessen, Baden und Elsaß-Lothringen auch in Oldenburg zugelassen ist. Gerichlssaal. sch. Gießen, 1. Juni. <5ch 1 edsgericht für Arbeiterversicherung. In der Sitzung vom 29. Mai ührte Kreisamtmann Dr. Heinrichs den Vorsitz. Aus Der Tagesordnung standen acht land und forstwirtschaftliche Unfallversicherungs-Sachen. Gegen den die lOprozentige Rente einstellenden Bescheid der Berufsgenosseuschaft hatte Heinrich Becker 7 zu Michelbach Berufung verfolgt, die von dem Gericht als unbegründet zurückgewiesen werden mußte, da eine nennenswerte Erwerbsbe,chräntung nicht mehr vorliegt. Gemäß § 94 Abs. 3 des land- und forstw. Un- sallverfichemngsgeietzes hatte die Genossenschaft den Antrag auf Einstellung der dem Johs. Sommer 2 zu Ober- Widdersheim bewilligten Rente gestellt. Tas Gericht erachtete den Antrag jedoch nur teilweise für begründet und fetzte die Rente au, 35 Proz. fest. Johs. Herchenröder zu Radmühl hatte sich am 1. April d. I. beim Holzfällen eine Wunde am rechten Unterschenkel zugezogcn. Als Entschädigung für bie Folgen des Unfalles bewilligte die Genossenschaft eine Rente von 15 Proz., wogegen Herchenröder Berufung verfolgte. Auf Veranlassung des Schiedsgerichts wurde Kläger zunächst in der chirurg. Universitäts- Klinik behandelt. Auf Grund des bei der Entlassung aus der Klinik von Privatdozent Dr. Bötticher festgeftellten objektiven Befundes verurteilte das Gericht die Genossenschaft zur Zahlung einer 40prozentigen Rente. Christine Elisa- bethe Stork zu Utphe bezog für die Folgen eines im Juni 1895 erlittenen Unfalles zuletzt noch eine Rente von 15 Prozent. Tie Genossenschaft stellte nun beim Gericht den Antrag auf Herabsetzung dieser Rente auf 10 Proz., welchem Antrag stattgegeben wurde, j Nach der Rechtsprechung des Reichsversicherungsamts fei zwar eine Besserung von fünf Prozent als eine wesentliche im Sinne des Gesetzes und als eine im wirtschaftlichen Leben meßbare nicht anzu- sehen, jedoch müsse nach der Rechtsprechung des in dem vorliegenden Falle zuständigen Rekursgerichtes, Großh. Landesversicherungnsamts, bei einer Rente von 15 Proz. eine Besserung um 5 Proz. als „wesentlich" bezeichnet werden. Ludwig Hofmann zu Kirch-Göns hatte gegen den die Rente von 10 Proz. einstellenden Bescheid Berufung verfolgt, die als unbegründet verworfen werben mußte. Ebenso erging es der von dem Adam Schgser 2 zu Untere Widdersheim eingelegten Berufung. Sckfäser bezog wegen eines im Oktober 1898 erlittenen Unfalles zuletzt noch eine Rente von 25 Proz., die die Genossenschaft wegen Nicht- inehrvorliegens bon Erwerbsbeschränktheit eingestellt hat. Das Gericht schloß sich nach Einholung eines Gutachtens durch Privatdozent Dr. Bötticher der Ansicht der Beklagten an. Dem Karl Hofmann zu Salz hatte die Genossenschaft die Rente von 10 Proz. entzogen, weil eine nennenswerte Beschränkung der Erwerbsfähigkeil nicht mehr vorliege. Hiergegen verfolgte Hofniann Berufung. Tas Gericht kam zu der Ueberzeugung, daß in dem Zustand des Klägers eine Besserung eingetreten fei und verwarf die Berufung. Georg Rothweil 3. zu Heldenbergen will sich beim Heben eines Wagens einen Bruch zugezogen haben. Den dieser- halb geltend gemackften Entschädigungsanspruch lehnte die Berufsgenossenschaft ab. Die eingelegte Berufung wurde zurückgewiesen. Tas Gericht tarn auf Grund der thatsäch- iichen Verhältnisse zu der Ansicht, daß sich der Bruch allmählich entwickelt hat und gelegentlich 6eim Heben des Wagens ausgetreten ist, daß also der Bruchanstritt wohl m zeitlichem, keineswegs aber in ursächlichem Zusammenhang mit der Arbeit stehe. Das Pflücken von Wald- und Feldblumen ist lein Forst- diebstahl! Also lautet eine gerichtliche Entscheidung, die angesichts der begonnenen Zeit der Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung von Interesse ist. Der Gerichtsfall betraf zwei Damen, welche in einer Waldung spazieren gingen, Wald- und Feldblumeri pflückten und diese zu Sträußchen banden. Sie wurden von dein Förster des Reviers betroffen, und es wurde gegen sie Anklage wegen Forstdiebstahls erhoben. Das zuständige Gericht sprach die „Angeklagten" jedoch frei, indem es ausführte, daß das Pftücken von Blumen einem alten Herkommeri entspreche und der dadurch verursachte Schaden zu geringfügig sei, um eine Bestrafung zu rechtfertigen. — Werden indessen Blumen zum Zrvecke des Verkaufens gepflückt, so liegt strafbarer Forstdiebslahl vor. ________ Vermischtes. * Köln, 5. Juni. In der letzten Nacht entstand in der Papierfabrik von W. Oldemeycr^ & Co. in Köln-Ehrenfeld Feuer. Es griff mit solcher Schnelligkeit um sich, daß die Kölner Berufsseucrwehr und die Ehrenfelder freiwillige Feuerwehr nur an die Rettung der benachbarten Gebäude denken konnten. Das Fabrikgebäude ist zum größten Tell zerstört; das Innere brannte vollständig aus; Maschinen und sonstige Gerätschaften sind erhebüch beschädigt. Der Schaden, der durch Versicherung gedeckt ist, beträgt mindestens 160000 Mk. * Mailand, 5. Juni. Professor Riva sowie ein Kousin des Ministers Prinetti, wurden beim Aufstieg auf die Grigna-Spitze von einer Schneelawine verschüttet. * Venedig, 5. Juni. Der Maler David Mose erschoß sich in seinem hiesigen Atelier, angeblich wegen pekuniärer Verhältnisse. * Tunis, 5. Juni. Louis Daurignac, der Bruder der Frau Humbert, der den Humbert'schen Besitz bei Zaghuan verwaltet, wurde auf Grund eines von Paris erlassenen Haftbefehls festgenommen. * Der Kronprinz in der 4. Eisenbahn-Wagenklasse. Kronprinz Wilhelm unternahm mit mehreren Angehörigen des Korps „Borussia" von Bonn aus einen Ausflug nach dem Laacher See, bezw. dem Kloster Maria Laach. Wie nachträglich gemeldet wird, benutzte er mit seinen Kommilitonen für die Eisenbahnfahrt einen Wagen 4. Klasse, weil, so äußerte der Thronfolger, es in einem solchen luftiger und geräumiger als in einem Wagen 1. oder 2. Klasse, und weil der Fahrpreis ja auch erheblich billiger sei. * Brände. Nach einer Meldung aus Leipzig ist dort der Staatsbahngüterschoppen des „Dresdener Bahnhofs" durch eine Feuersbrunst eingeäschert worden. Zahlreiche große Bahnfrachten sind verbrannt. Der Schaden ist enorm. — Durch Großfeuer wurde in Reichenbach i. S. die dem Landtagsabg. Schneider gehörige Fabrik, worin sich verschiedene mechanische Webereien und Streichgarnspinnereien befanden, völlig eingeäschert. 200 Arbeiter sind brodlos. * Eine Liebestragödie bringt der Tod des jetzt auf seiner Besitzung Horzowitz in Böhmen gestorbenen Fürsten Wilhelm von Hanau in Erinnerung. Von der ersten Vermählung seines älteren Bruders, des Fürsten Moritz von Hanau mit der schönen Tochter des Komikers Birnbaum in Kassel wurde einst viel gesprochen. Birnbaum war am Kasseler Hoftheater in angesehener, beliebter Stellung als Komiker, wo auch seine Tochter, eine hübsche Blondine wirkte. Da knüpfte der damals noch blutjunge Fürst von Hanau, der älteste Sohn des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, mit Frl. Birnbaum Beziehungen an und floh mit ihr nach London, wo das Paar sich trauen ließ. Der Kurfürst ließ, als er von der Flucht seines Sohnes mit der Schauspielerin hörte, den Vater bei Nacht ausheben, verhaften und samt seiner Familie aus dem Lande weisen. Birnbaum bat um eine Audienz, der Kurfürst ließ ihm antworten: „Für Hunde und Komödianten habe er einen Stock, aber keine Worte!" Birnbaum stand mittellos da, bis er durch Verwendung der allmächtigen Schauspielerin Stubenrauch ein Engagement am Hoftheater in Stuttgart erhielt, indes der junge Fürst von Hanau und das Schauspielerkind die Flitterwochen in der Schweiz auf Kosten des bürgerlichen Vaters, des Komödianten, verlebten, denn der Fürst war ohne Geld aus Kasiel geflohen, und Birnbaum darbte und verpfändete alles, um nur die Existenzmittel für den fürstlichen Schwiegersohn aufzutreiben — bis eines Tages der Fürst von Hanau des Schauspielerkindes überdrüssig wurde und, reuig Buße übend, zu den Füßen des Kurfürstenstuhles zurückkehrte, während die Mutter die junge, gebrochene Frau in das Vaterhaus nach Stuttgart holte. Dort starb sie. An der Ostseite der Umfassungsmauer des Cannstädter Friedhofs erhebt sich über einem Hügel ein Grabstein mit der Inschrift: „Augusta, Gemahlin Sr. Durchlaucht des Fürsten Friedrich Wilhelm von Hanau, geb. Birnbaum, geboren am 9. November 1837, gestorben am 29. Juni 1862." Birnbaum gab dem Bildhauer den Auftrag, auf der Rückseite das Wort „gemordet" einzumeißeln, allein die Behörde verbot die Ausführung, und so befindet fich auf der Kehrseite des Grabsteines ein goldener Stern eingemeißelt und darunter: „Wiedersehen!" Der Kurfürst von Hessen sandte an Birnbaum eine Summe Geldes. Birnbaum schickte es mit dem Bemerken zurück: „Ich bin bürgerlicher Abkunft und verkaufe weder das Leben noch den Leichnam meines Kindes!" Kurze Zeit darauf starb auch die Frau des Komikers. Das Auge noch naß von den Thränen um Weib und Kind, sollte Birnbaum in der ersten Aufführung der „Karlsschüler" die Rolle des Sergeanten Bleistift, jener armen, gemarterten Unterthanenseele, in der er ein Stück seines eigenen verpfuschten Daseins sich widerspiegeln sah, spielen. Er fühlte sich krank, unsagbar elend — gebrochen an Leib und Seele. Aber die Pflicht rief, und so betrat er krank die Bühne. Und während die Karlsschüler auf der Bühne beim Tabak und Punsch froh und wild das Räuberlied „Ein freies Leben führen wir" sangen, riß hinter den Koulisien der Lebensfaden des Schauspielers, der eben noch durch die im Rahmen seiner Rolle aufgezählten Lebensschicksale tosenden Beifall gefunden. Ein Schlagfluß hatte ihn niedergestreckt. Er war mit der Absicht, sich zu töten, ins Theater gegangen, denn auf seinem Schreibtisch ^fand man zwei mit Bleistift geschriebene Zettel folgenden Inhalts: „Morgen, am Tage nach der ersten Aufführung der „Karlsschüler", wird man meinen hoffentlich rasch und tötlich zerrissenen Leichnam auf den Eisenbahnschienen zwischen Feuerbach und Kornwestheim finden. Ich bitte um ein stilles, einfaches Grab an der Seite meines geliebten Kindes. Es bedarf keiner Inschrift!" Der Inhalt des anderen Zettels lautete: „Kurfürst von Hessen-Kassel! Den Thron hast Du durch Gottes Gnade erhalten. Das Leben vieler ist Dir anoertraut — und Du spielst mit diesen Leben, die gezählt und über die Du einst Rechenschaft geben mußt. Verzweifle einst, sowie ich verzweifelt!" Das war im Jahre 1865. Die Ereignisse des folgenden Jahres raubten dem Kurfürsten den Thron. Kunst und Wissenschaft. Hofrat Edward schreibt uns aus Darmstadt,daß er am Darmstadter Hoftheater nur als Darsteller und nicht als Regisseur in Thatig- feit gewesen ist, und sich erst in späterer Zeit der Buhnen-Spiel- leitung^widmete.^ ^ugen Pracht, der Meister der Landschaftsmalerei beging am Dienstag in feinem neuen Wirkungskreise Dresden den 60. Geburtstag. Seine Heimat ist Morgas in der Schweiz (Kanton Waadt). -Leine künstlerische Ausbildung erhielt er zunächst in Darmstadt durch Karl Seeger, dann in der Karlsruher Kunstschule unter Johann Wilhelm Schirmer mid (eit 1861 in Düsseldorf. Er unterbrach dann cm Jahrzehnt als Kaufmann feine künstlerische Thätigkeit, bis er 1875 in Karlsruhe im Anschluß an Hans Gude zur Malerei zurüctkehrte. 1882 wurde er zur Leitung des Landschaftsateliers an die Berliner Akademie berufen. Die große goldene Medaille erhielt er 1889. Schiffsnachrichten. Norddeut scher Lloyd. In Gießen vertreten durch Earl Loos, Kirchenplatz. Bremen, 4. Juni. (Per transatlantischen Telegraph.) Ter Doppel-Schraubendampser „Breslau", Kapitän H. Feyen, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist beute 8 Uhr morgens wohlbehalten m Baltimore angekommen. Meteorologische Beobach mngeu der Station Gießen. Juni Barometer auf 0° reduziert Temperatur der Luft Absolute Feuchtigkeit Relative Feuchtigkeit Windrichtung 1 t Wetter 5. 226 748,6 18,2 10,3 66 WNW. 2 Bed. Himmel 5. 9" 749,0 15,5 9,6 74 WSW. 2 Sero. Himmel 6. rjiS 747,3 14,8 8,8 70 w. 1 Sonnenschein Höchste Temperatur am 4. bis 5. Juni 20,5° C. Niedrigste „ „ 4. „ 5. „ 15,3° 0. Das neue Waschmittel Serfa, hergestellt in der chem. Fabrik von Daum & Eo., Wiesbaden, soll sich bereits in den Haushaltungen, sowie bei den Berufswaschfrauen allgemeiner Beliebtheit erfreuen, bei ersteren der großen Ersparnis, bei letzteren der geringen Arbeit wegen. Da es weder BefchwerungsmiUel noch irgend welche Schärfe enthält, sondern aus ganz neutralen Stoffen zusammengesetzt ist, so wirkt es außerordentlich milde, erzielt bei jeder Art von Wäsche die größte Schonung und besitzt eine außerordentlich hohe Reinigungskraft. AMTLICH GlInZEND BEGUTACHTET:____ WMLÄWAZK TOILETTE-FETT-SEIFE Unübertroffen für Baut- u Ceintpfiege r Kein. mild, spartam. C. Naumann, Seifen-u. Parfümeriefabrik, Offenbach a.M. »fr"* sr o OSX 3 o m - T CD 3 3 *8 o -an äzL c KK ud 3 -an c jO i®. FL Q rO • 3 o ISO. s 3 3 c? er. en 3 -O E 55 ZS -o 2 •30 o 3 5 O VT c*» 3 s =f 4 ffi 5 - sr S s> o 3 oo<3> ■H' SoE 3 jQ ast "2 -♦-» *8- 3 ‘g öl 3 • — ö «ß " " E S ® . 3 £ ö c -2 2 «n F 3 O **— 3 c-» 3 E^ää^E Ääsizcl? U?C)ü cutrx o C Z-EM Ä 3 £ 3 8? 55 C3 2 uQ 3 3 c Bt 03 O cd 3 CD £ ~ -O iS JD K £ 5 X3 -Ewa" .03 Q o S o JO K -3 3 73 >= -Ho ® ' w c- 3 «» § =2 = 3 PL 3 3 ^0^2 § CD C - — jo c o -"3 .. 5 3 y -- E '■ 3-3.y 3 O E " " B 3 „ -- S Z 3 ” Kjo.S o Z) j ~ TT*-» o 3 jq ü *-rr - u ® . <5 <- P W =3 s 3 3 -2t >>-s ■ 3 G ast o g w -2 O T*? 'ä Z r* £ O 9 ft“ 55 § c>E 3§ . 3? ff« r? ^G-3ZZ-3Ä> = Q 2^-3 s s •e e = g c 2. y COVD 3-2i O t« Caf6 Leib Caft Leib vr CZ) Kießener Jischbörse Marktplatz 5, Telephon 50, Rmmpir^l' 5—6 Stück = 1 Pfund o CD m bet o Globus-Putz extrakt 4149 abzugeben. M- CO Rohmaterial aus u.yCi.vii Lurgwerken. Fritz Schatz jun., Aktiengesellschaft, Leipzig. Öl empfiehlt liefert 3944 1660 Geschäften. 567 verslljltdkilts ieWsstPäf' o to 0 m o to der jefri wär Krei Nc Eon OQ © hi der WH! bali e Übt 6 F-n 4060 ladet ergebenst ein Bahnstation Avendorf. NB. Für gute Speisen und Getränke ist bestens gesorgt. Hochachtungsvoll L. 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