Nr. 31 Donnerstag, 6. Februar 1902 Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags. Die „Siebener Familienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „tzefftlche tanöwlrt4* erscheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger 152. J^hrg. verantwortlich sür den allgemeinen Test: P. Wtllko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen UnwersilätSdruckere» (Pietsch Erben), Gießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt sür den Kreis Eichen. iflbcn wir jemals, Herr Bor Eintritt in die Berathung des Kapitels „AufsichtS- amt für Privatversicherung" vertagt das HauS die weitere Berathung auf Donnerstag 1 Uhr. Außerdem Stadthagen, über die gesammte Arbeiterschaft abfällig gesprochen, weil einzelne Elemente unter den Arbeitern nichts taugen? Warum verallgemeinern Sie denn so ohne Beweise? (Abg. Stadt- Hagen ruft: Führen Sie doch gefälligst an, was ich mitgetheilt Habel) Warten Sie nur, bis ich ausgesprochen habe, (ßärm bei den Sozialdemokraten. Vicepräs. Graf Stollberg bittet um Ruhe.) Es ist z. B. vorgekommen, daß ein Arbeiter sich einen falschen Namen beilegte, um außer der Unfallrente noch die Invalidenrente zu bekommen. Was würden Sie sagen, wenn wir aus dieser That- sache auf die Allgemeinheit der Arbeiter exemplifizirten. Das fällt uns natürlich nicht ein, im Gegentheil, wir erkennen an, daß das eine seltene Ausnahme ist, und daß die Arbeiter selber solche Elemente aus ihren Reihen zu entfernen wissen. Daß die Zahl der Unfälle gewachsen ist, hat zum Theil auch seinen Grund darin, daß jetzt vielfach ungeschulte Arbeiter angestellt werden mußten. Das ist sehr bedauerlich, aber sollten diese Arbeiter von der Industrie zurückgewiesen werden? In Mecklenburg rvird vielfach gegen das Gesetz verstoßen, so werden die Vertreter der Versicherten durch einen engeren Ausschuß gewählt, obwohl dies gegen die klaren Bestimmungen des Gesetzes ist. Auch ist dort noch keine Neufestsetzung der Tagelohnsätze für die landwirthschaftlichen Arbeiter erfolgt, trotzdem die alten Sätze ungenügend sind. An all diesem ist vielleicht nur die agrarische Zusammensetzung der Landesversicherungsanstalt schuld. Staatssekrttär Graf PosadowSky: In Mecklenburg hat man allerdings gewählt, aber nur deshalb, weil dort orgamfirtc Kassen nicht in hinreichender Zahl Vorhaben waren. Bezüglich der Festsetzung des Tagelohns habe ich im vorigen Jahre schon gesagt, daß die bisherigen Sätze nicht genügten. Ich habe mich deshalb auch an sämmtliche Bundesstaaten gewandt. In Preußen ist bereits eine Neufestsetzung erfolgt, ich nehme an, daß dies auch in Mecklenburg geschehen ist. Das amtliche Material liegt mir jedoch noch nicht vor. Abg. Büsing (nat.-lib.): Herr Herzfeld meinte, die Vorstände der Landesversicherungsanstalten in agrarischen Ländern verfolgten häufig agrarische Tendenzen. Er scheint dabei hauptsächlich an Mecklenburg gedacht zu haben. Ich muß Mecklenburg demgegenüber in Schutz nehmen; die Vorstände der dortigen Versicherungsanstalten lassen sich in keiner Weise von agrarischen oder sonstigen politischen Strömungen beeinflussen. — Daß in Mecklenburg dem engeren Ausschuß irgend welche Funktionen übertragen sind, halte auch ich für sehr bedenklich; es ist das mit der ganzen staatsrechtlichen Stellung dieses Ausschusses nicht zu vereinigen. Abg. Roestcke (Dessau, b. k. P.): Auf Grund eines Paragraphen des Jnvaliden-Versicherungsgesetzes haben verschiedene Versicherungsanstalten eigene Sanatorien errichtet. Die Landesversicherungsanstalt Berlin beschloß nun durch übereinstimmenden Beschluß von Vorstand und Ausschuß, auch den in dieses Sanatorium gebrachten unverheiratheten Personen gewissermaßen als Taschengeld % des ortsüblichen Tagelohnes zu gewähren. Natürlich bedurfte dieser Beschluß der Genehmigung des BundesrathS; dieser aber hat leider die Genehmigung versagt. Vielleicht giebt der Staatssekretär hierüber Auskunft, ebenso darüber, weshalb die Resolution des Reichstages betr. die Stellung der Beamten des Reichsversicherungsamtes unberücksichtigt geblieben ist. Dem Centralverband beut» gegen die Verordnungen, die das ReichöverstcherungSamt für die Berufsgenossenschaften erlassen hat. Ich meine, Körperschaften mit so weit gehenden Befugnissen rote die BerufSgenosscnschaflen müssen unter einer scharfen staatlichen Kontrole stehen. Die Verordnungen waren daher nothwendig; die Berufsgenossenschaften müssen einen engeren, strammen bureaukratischen Organismus bekommen. Die Zunahme der Unfälle in der Landwirthschaft hängt keineswegs mit der angeblichen größeren Nachlässigkeit in den landwirthschaftlichen Betrieben zusammen. Cs ist eine unzweifelhafte Thalsache, daß, je bekannter daS Gesetz wird, um so mehr Unfälle angemcldet werden, die früher unbeachtet geblieben wären. Der Antrag der Berliner Landesversicherungsanstalt, von der Herr Rösicke sprach, ist abgelehnt worden, weil der Bunde-« rath auf dem Standpunkte stand, nur solche Aufwendungen zu genehmigen, welche auf gesetzlichen Ansprüchen beruhen. Der Bundes- rath ist dabei auch durch die Erwägung geleitet worden, daß die finanziellen Leistungen, die aus der letzten Novelle zum Jnvaliden- gesetz für die Anstalten sich ergeben, sich noch gar nicht übersehen lassen und man daher sehr vorsichtig sein muß, jetzt Lasten zu übernehmen, die im Gesetz nichr vorgesehen sind. Darüber, Ivie eS mit der Verordnung zum Schuhe der Bauhandwerker steht, kann ich jetzt keine Auskunft geben; ich hoffe das bei der dritten Lesung nachholen zu können. Die Berufsgenossenschaften können iiizwischen selbst mit Unfallverhütungsvorschriften vorgehen, zu denen sie ja berechtigt sind. Wegen der Verordnung über die Fabriken, in denen Pikrinsäure fabrizirt wird, habe ich mich wiederholt an den preußischen Handelsminister gewandt; denn es handelt sich um eine Handelsangelegenhcit. Meines Wissens ist eine preußische Verord. nung bereits ausgearbeitet, aber von einer Seite beanstandet worden. Wahrscheinlich werden die anderen Staaten gleichzeitig mit Preußen entsprechende Verordnungen erlassen. Abg. Franken (nat.-lib.): Die Kapitalabfindung ist in Rheinland-Westfalen nicht beliebt; bei den Knappschaftskassen wird überhaupt kein Gebrauch davon gemacht. Jährlich werden seitens der Arbeitgeber 70 Millionen für Unfallentschädigungen ausgegcben. Ich habe die Ueberzeugung, daß die Zahl der Unfälle in der näch- sten Zeit loieder abnehmen wird. Die Arbeitgeber nehmen die Angriffe des Abg. Stadthagen ruhig entgegen; fic haben ein gjrica Gewißen und denken anders über die Arbeiter und die Zufälle als Herr Stadthagen. Abg. Stadthagen (Soz. besteigt unter Lärmen bef Kaufes die Rednertribüne): Ich werde der Reihe nach auf b< gegen mich gerichteten Angriffe antlvorteu. (Heiterkeit.) (5".den als unberechtigt ober auch nur übertrieben nachgewiesen worden wäre. ES ist mir aber keine Uebertreibung nachgewiesen worden. Ich habe gestern 13 ehrenamtliche Vorsitzende von Berussgenossenschaften angeführt, die sämmtlich widerrechtliche Bezüge bekommen. Bei zwölfen hatte ich durchaus Recht; angezweifelt worden ist nut meine Behauptung in Bezug auf Herrn Felisch. Und hier waren die Ausführungen des Abg. Oerrel so merkwürdig, daß ich daS nur auf die schlaflose Nacht zuröckführen kann, die Herr Oertel nach eigener Angabe zugebracht bat. Daß ich die persönliche Beleidigungsklage gegen Herrn Frisch nicht angestrengt habe, liegt daran, daß mich die Anwürfe dieses Herrn persönlich ganz kalt lassen. Wenn die Untersuchunc. des Falles Felisch zu Gunsten dell' Herrn Felisch ausgefallen ist, so können Sie sich darüber freuen; mich läßt das vollkomme i kalt. Ich hoffe, daß jetzt die Entrüstung über meine angebl'we ..Verleumdung" des Herrn Felisch aufhörcn wird. Bestehen bleibt jedenfalls, daß die übrigen 12 Vorsitzenden 4—10 000 Mark Gehalt bezogen haben. Der Abg. Oertel hat heute Aeußerungen gethan, die auf eine Verherrlichung der durchaus zu verdammenden Thätigkeit des Dr. Blasius hinanslaufen. Ich habe diesen Fall ebeiisowenig wie andere Einzelfälle verallgemeinert, wie Herr Roesicke mir vorwarf. Ich habe ganz im Gegentheil gesagt, ich wundere mich, daß der Aerztestand noch nicht gegen Herrn Dr. Blasius vorgegangen sei. Ich bleibe dabei, daß der Professor Spengler Recht hatte, als er meinte, die Vertrauensärzte seien nur dazu da, die Unfalrcnte herabzusetzen. Herr Oertel würde sich auch nicht als Arbeiter einen solchen Renten- quetscher aufdiktiren lassen wollen. Er würde einfach sagen: Ich nehme meinen Arzt. Herr Dr. Oeriel . . . Präsident Graf Bollestrem: Herr Abgeordneter, wählen Sie doch Ihre Beispiele nicht aus dem Kreise Ihrer Kollegen. Abg. Stadthagen (fortfahrend): Zweifellos giebt es weiße Raben unter den Vertrauensär ren; aber ein solcher Arzt bleibt nicht lange Vertrauensarzt. Es sind die Berufsgenossenschaften, die ich augreife, nicht die Aerzte. Ich kämpfe gegen den Kapitalismus für die Ehre der Wissenschaft. Herr Roesicke warf mit Vor, ich hätte für meine Behauptungen keine Beweise erbracht. Herr Roesicke, ich habe 12 Fälle erzähltI Daß Sie die nicht gehört haben, weil Sie nicht anwesend waren, dafür kann ich doch nicht. Herr Roesicke hat durck seine Rede nur die Aufmerksamkeit von der ernsten Frage abgclenkt, wie die Unfälle zu vermindern sind. Wenn er behauptet, ich hätte die Thatsachen entstellt, so hat er sich selbst einer groben Entstellung schuldig gemacht. Redner pole» mifirt in Inständiger Rede gegen die Abgg. Oertel und Roesicke und schließt mit der Erklärung, er halte es für seine Pflicht, auf die Mißstände hinzuweisen. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Damit schließt die Diskussion über den Titel 1 (Präsident deS Reichsversicherungsamts). Persönlich bemerkt Abg. Oertel (lonf.): Das Verfahren des Dr. BlasiuS habe ich nicht glorifizirt. Im Uebrigen verzichte ich auf den Versuch einer Verständigung mit Herrn Stadthagen, an der mir nicht daS Mindeste gelegen ist. Abg. Roesicke (persönlich): Ich will auf die verschiedenen Liebenswürdigkeiten des Abg. Stadthagen gegen mich nicht eingehen, weil ich glaube, daß das Haus mir dankbar sein wird, wenn ich diese Diskussion nicht verlängere. (Beifall.) Zu den weiteren Titeln des Kapitels „Reichsversicherungsamt" wünscht Abg. Stockmann (Rp.) eine Erhöhung und Pensionsfähig- machung der Remuneration der nichtständigen richterlichen Beamten des Reichsversicherungsamts. Direktor im Reichsschatzamt Twele: Wenn wir dem Wunsch deS Vorredners willfahren, so werden sofort andere Beamte mit dem gleichen Wunsch kommen; die Frage läßt sich nicht gut allein lösen. Bei günstiger Finanzlage wird das Schatzamt auf die Frage zurückkommen. Der Rest des Kapitels wird bewilligt; ebenso das Kapitel „Technisch-physikalische Reichsan st alt " und bat Kapitel „Kanalaint scher Industrieller nahestehende Industrielle haben gegen die Berufsgenossenschaften Angriffe gerichtet, die m. E. unberechtigt sind. Wenn man diese Artikel sieht und darin liest von dem „problematischen Werth", den die Unfallgesetze, von den «zahllosen Fußangeln", die hier für die Arbeitgeber gelegt seien, so wird man zugeben, daß der Ton nicht gerade schön ist. Allerdings hat der Abg. Stadthagen gestern keinen schöneren Ton angeschlagen. Die Sozialdemokraten haben doch sonst dem Reichsversicherungsamt oft hohes Lob gespendet. Wie kommt Herr Stadthagen dazu, dem Direktor dieses Amts auf einmal solche Vorwürfe zu machen, ohne sie beweisen zu können! (Abg. Stadthagen ruft: Habe ich ja bewiesen!) Wenn wir ebenso wie Herr Stadthagen einzelne Vorfälle verallgemeinerten, bei denen sozialdemokratische Arbeitgeber zu Beschwerden Anlaß geben, so würden Sie das sehr tadeln. Ich würde das aber nicht für richtig halten. H. ' Stadthagen, über die gesammte Arbeiterschc Parlamentarische Verhandlungen. Sachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 186. Sitzung vom 5. Februar. 1 Uhr. DaS Haus ist sehr schwach besetzt. Am Bundesrathstisch: Graf PosadowSky u. A. Die zweite Berathung des Etats des Reichsamts des Innern wird bei den dauernden Ausgaben, Kapitel „Reichs» versicherungSarnt" fortgesetzt. Direktor im Reichsamt bcS Innern Caspar: Der Abg. Stadthagen hat sich geftern bariibet beschwert, daß viele Vorsitzende der Berussgenossenschaften zu hohe Gehälter bezögen. Diese Bezüge werden aber doch nicht von den Arbeitern, sondern lediglich von den Unternehmern getragen. AuS der Statistik ersehen wir auch, daß gegen 1100 Personen nur 200 000 Mark beziehen. Es handelt sich nur um eine ganz geringfügige Entschädigung für wirkliche Auslagen und Zeitversäumniß. Die ganze Unfallversicherung kommt doch lediglich den Arbeitern zu gute, die Thätigkeit der BerufSgenossenschasten ist eine Arbeit hochverdienter Männer zu Gunsten der Arbeiter. Seitens der Unternehmer sind für die gewerbliche Unfallversicherung im Jahre 1900 allein 85 Millionen Mark aufgebracht worden. Don diesen 85 Millionen werden nur 50 000 Mark von Herrn Stadthagen als zu Unrecht verausgabt fritifirt. Uebermaßig hoch find also die Einwendungen des Herrn Stadthagen nicht zu bemessen. Die Zahl der Unfälle ist an sich nicht gestiegen, sondern es kommt nur deshalb in der Statistik jetzt eine höhere Ziffer zum Ausdruck, weil die Arbeiter heute sehr viele kleine Unfälle anmelden, die früher unangemeldet blieben. Abg. Dr. Oertel (lonf.): Herrn Stadthagens Uebertrcibungen sind wir ja gewohnt, aber gestern hat er in dieser Hinsicht oaB Aeußerfte geleistet, indem et behauptete, daß die Berufsgenossen- schastSärzte die Knochen der Arbeiter benützen und Lakaien deS Untemehmerthums seien. Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht (Heiterkeit), wie eS möglich sein soll, die Knochen der Arbeiter dazu zu benutzen, um die Aerzte zu Lakaien des Untemehmerthums zu machen. Es ist mir ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Herr Stadthagen hat dem tüchtigen und ehrenwerthen Stande der Berufsgenossenschaftsärzte schweres Unrecht gethan, und wenn er mit Anschuldigungen fortfährt, so wird man Ab» Seortnete selbst feiner Qualität nicht mehr ernst nehmen. Heiterkeit.) In dem Falle Felisch ist Herr Stadthagen sehr schlecht in» formirt gewesen. Es wäre jetzt an der Zeit, daß er das hohe Maß von Entrüstungsfähigkeit, über daS er verfügt, gegenüber feinem Gewährsmanne anroenoete, der ihn hier in so unverantwortlicher und beniittleidenswerther Weise bloßgestellt hat. Nun kann man ja sagen: Errore humanum esl!, aber ebenso richtig ist auch der Nachsatz dieses Sprichworts: In errore perseverare stultum est und wenn es sich dabei um die Ehre eines Mannes handelt, bann ist das Adjektiv stultum ein noch viel zu milder Ausdruck, und ich überlasse es den Mitgliedern des Hauses, den richtigeren an seine Stelle zu setzen. Abg. Hilbck (nat.-lib.): Ich bin dem Vorredner sehr dankbar für die Zurückweisung einer Anzahl von Beschuldigungen, die der Abg. Stadthagen absolut grundlos erhoben hat, und auch ich sehe mich veranlaßt, so wenig es meine Sache ist, die Berufsgenossenschaften in Schutz zu nehmen, eine Reihe offenbarer Jrrthumer zu widerlegen. Bezüglich der angeblichen Höhe der Gehälter kann ich aus eigener Kenntniß der Dinge mittheilen, daß das Reichsversicherungsamt alle die Berufsgenossenschaften betreffenden Fragen mit der größten Sorgfalt prüft und darauf achtet, daß stets im Sinne des Gesetzes verfahren wird, daß insbesondere auch keine unangemessenen Entschädigungen gezahlt werden. Wenn diese Entschädigungen in einzelnen Fällen ziemlich hoch erscheinen, so kommt das daher, daß es sich hier um Männer handelt, die an der Spitze besonders umfangreicher Betriebe stehen und in der für die Berufs- genossenschaft aufgewendeten Zeit in ihrem Privatgeschäft erheblich mehr verdienen würden. Das Institut der Vertrauensärzte ist durchaus nothwendig, denn das Reichsversicherungsamt legt enffcheidenden Werth darauf, daß die Gutachten von beamteten Aerzten abgegeben werden. Die Zahlen, die Herr Stadthagen in Betreff der Unfälle aus der Statistik angeführt hat. sind ja an sich richtig, und man könnte danach annehmen, daß sich die Zahl der Unfälle in der Thai vermehrt hat, aber Herr Stadthagen hat ganz vergessen, die Ver- gletchszahlen in Betreff der Arbeiterschaft anzugeben. So ist z. B. rn dem Bezirke einer Berufsgenossenschaft, trotzdem sich die Zahl der Unfälle im Verhältniß von 2 : 3 gesteigert hat, ein relativer Rückgang in den Unfällen eingetreten mit Rücksicht auf die Ver- mebrung der Arbeiter. (Hört! Hört!) Es ist merkwürdig, daß das Herrn Stadthagen völlig entgangen ist. Ganz unbegreiflich war mir me Bemerkung: „Die Zahl der Unfälle muß wachsen, weil die Bemebsunternehmer einen Vortheil davon haben." Als ich das horte, habe ich an meinen Kopf gegriffen. (Heiterkeit.) Ich ver- stehe man, wie man die Sache so schief darstellen kann. — Nun sagt gerr etabtfjaßcn, die einzige Hilfe gegen die Unfälle sei der acht- ftundlge Arbeitstag. Wenn der achtstündige Arbeitstag eingeführt wurde, w würden die Sozialdemokraten am ersten Tage, nachdem das geschehen ist, bereits den sieben- oder sechsstündigen Arbeitstag verlangen. (Sehr richtig!) Stadthagen sagt, die Unfälle, die durch die Ungeschick- lichkett der Arbeiter herbeigeführt werden, müßten aus das Konto der Arbeitgeber gesetzt werden; denn die formten ja geschicktere Ar- veiter einstellen. Ja, weshalb sind Sie denn immer gegen den Befähigungsnachweis? Sie sagen doch immer, jeder Arbeiter muß ferne Arbeitslast so gut verkaufen, wie er kann. Dadurch wird doch gerade da» Erstellen ungeschickter Arbeiter gefördert; wenn Sie also diese Ungeschicklichkeit irgend wem aufs Konto setzen wollen, so haben S,e alle Ursache, dabei zunächst an sich selbst zu denken. Die Zahl der Unfälle w,rd auch vermehrt durch die große Wanderlust der Arbeiter. Die Arbeiter lernen keine Arbeitsstätte ordentlich kennen; fw lernen daher auch nicht ordentlich die Betriebsgefahr kennen. Im ''isten Halbjahr sind z. B. in den rheinisch-westfälischen Bergwerken über 63 000 Arbeiter in Abgang gekommen, bas sinb 25 Prozent in einem halben Jabr! Daß da die Unfallgefahr in der ersten Zeit, in der die Arbeiter sich auf der neuen Stelle erst einarbeiten müssen, größer ist. liegt auf der Hand. Schließlich werden die statistischen Zahlen über Unfälle auch noch erhöht durch die milde Praxis des Rcichsversicherungsamts. Ich halte diese Milde für sehr erfreulich, aber natürlich werden dadurch die Unfallziffern höher. Bei vernünftiger Betrachtung bleibt von den Beschwerden des Abg. Stadthagen nicht viel übrig, es sei denn der Wunsch nach dem Achtstundentag, und den einzufuhren, werden wir uns doch recht besinnen. (Beifall.) Abg. Dr. Herzfeld (Soz.): In den landwirthschaftlichen Betrieben hat sich die Zahl der Unfälle um das Achtfache vermehrt. Die Vertrauensärzte hat Herr Stadthagen als Hausknechte bezeichnet. Das ist ein Ton, wie er bisher hier nicht üblich war. Wie sollen sich denn die Berufsgenossenschaften anders helfen? Sie brauchen doch Vertrauensärzte. Es sind unparteiische, zuverlässige und ehrenwerthe Männer, und man darf aus vereinzelten Vorkommnissen nicht den Anlaß zu einer abfälligen Kritik gegen den ganzen Stand schöpfen. Leider sind wir in Bezug auf bte Unfallverhütung noch nicht ganz auf der Höhe, wir hoffen aber, daß sich das Reichsversicherungsamt weiter auf diesem Gebiete betätigen und noch wirksamer eingreifen wird. Die Behauptung des Abg. Stadthagen, daß die Statistik tendenziös gefälscht sei, beruht auf der einfachen Thatsache, daß ihm die Statistik nicht paßt. Einen Beweis hat er für seine unerhörte Anschuldigung nicht erbracht. Was die Höhe der Entschädigungen anlangt, so würde ich es bedauern, daß das Reichsversicherungsamt, falls einzelne der vorgebrachten Fälle wahr fein sollten, nicht eingeschritten ist, weil auch ich nicht anerkenne, daß sich die Höhe dieser Entschädigungen auf Grund des § 44 des Gesetzes rechtfertigen lassen. Ich muß mir aber umsomehr eine sorgfältige Information hierüber Vorbehalten, als der Abg. Stadthagen in der Sache Felisch keinen neuen Beweis angetreten hat und ebenso wie im vorigen Jahre vom Abg. Oertel mit feinen Anschuldigungen zurückgewiesen worden ist. (Beifall.) Abg. Hoch (Soz.): Die Zunahme der Unfälle ist, namentlich m der Landwirthschaft, zum erheblichen Theil eine Folge der mangelhaften Kontrole über die Ausführung der Unfallverhütungsvorschriften. DaS gilt in allererster Reihe vom Baugewerbe. Der Staatssekretär hat mich im vorigen Jahre auf die Zukunft vertröstet, aber noch immer ist nichts geschehen, und ich bitte nunmehr um eine positive Auskunft, wann wir endlich zu einer wirksamen Kontrole im Baugewerbe gelangen werben. Auf bas selbstthättge Eingreifen der Berufsgenossenschaften soll man uns hier nicht verweisen. Das Reichsamt des Innern hat die moralische Verpflichtung, endlich die Sache selber ernstlich in die Hand zu nehmen. Ferner bitte ich um Auskunft über bas Ergebniß ber Untersuchungen in Setreff des Anlasses ber Explosion in ber Griesheimer chemischen Fabrik. Wir haben seiner Zeit gelegentlich unserer Interpellation behauptet, baß bas Unglück durch mangelhafte Schutzvorrichtungen veranlaßt sei; es sind jetzt mehrere Monate seit ber Interpellation verflossen, und wir haben nun wohl ein Recht zu ber Frage, ob sich unsere Behauptung bewahrhettet hat ober nicht. In der Frage ber Vertrauensärzte haben wir immer auf dem Standpunkte geftanben, daß die Aerzte, welche die Unfälle begutachten, völlig unabhängige Männer sein müsien. Erst bann wird eine Garantie für eine unparteiische Beurtheilung geboten fein. Ganz unzulässig ist die Beeinflussung, die vielfach von den Arbeitgebern auf die Arbeiter in Betreff der Wahlen zum Schiedsgericht ausgeübt wird. Die Ausführung des Unfallversicherungsgesetzes krönst überhaupt daran, «Marine-Etat, daß die Arbeiter zu wenig Einfluß darauf haben. j Schluß nach 6 Uhr. Staatssekretär Dr. Gras von PosadowSky: Die Angriffe gegen 1 ba§ Reichsverficherungsamt, von denen Herr Roesicke sprach, sind m. E. durchaus ungerechtfertigt. Sie richten sich hauptsächl'ch j Behörden lieblich gedeihende und floriernde geistige Seuche, die zugleich ein wundervolles Zeugnis bildet für die geistige und sittliche Höhe, die das moderne Kulturleben erreicht hat. Es fehlen noch einige Hexenprozesse und Ketzerverbrennungen, um das Bild harmonisch abzurunden. Wer weiß denn aber, wie lange wir diese Lücke noch beklagen? Gesundheitsbeter und Spiritisten. Es war eine merkwürdige Abwechselung, die in dem eintönigen Streit der Parteien um Arbeitsämter und Arbeitslosenschutz im Deutschen Reichstage ani Montag eintrat. Richt weniger als drei Redner haben entrüsteten Protest erhoben gegen den ungeheuerlichen Unfug, der mit dem „Ge- sundbetcn" und mit spiritistischen Experimenten verübt wird und der nirgends auch nur annähernd eine solche Fülle von Adepten um sich vereinigt hat, wie in der Hauptstadt des Lichtes, in dem Zentrum der Aufklärung, in Berlin. Es ist natürlich, daß es in einer Millionenstadt auch Dummköpfe geben muß. Die Leute, die den Lupus mit Lehm oder Papieröl, die Lungenentzündung mit Quark, Bruchleiden mit Fuchsfell und Pechpflaster kurieren, sind in Berlin keineswegs spärlich gesät, der Schäfer Ast, der aus den Haaren, Hemden und Knöpfen der Kranken ihre Leiden -erkennt, konnte beträchtliche Schätze anhäufen, zu denen aiich vom grünen Strand der Spree manch' Scherstcin hcranrollte, und der frühere Tischler Kühne in Leipzig hat mit seiner Gesichtsausdruckskunde Lorbeern und klingendes Gold in Fülle geerntet. Einst führte man in Abdera einen heftigen Bürgerkrieg um den Schatten eines Esels: Die Zeiten ändern sich, aber nicht die Menschen. So wie damals Strobylos iind Ägathyrsos — nachzulesen in Wielands lehrsamcm Buche — tote erhitzten Parteien gegeneinander führten, so wird auch jetzt, wo der deutsche Reichstag, der einst die Heimstätte -großer nationaler Erregungen war, diskutieren mußte über Gesundheitsbeten und Geisterklopfen, die Bewegung der Dumm- iheit noch zunehmen an Intensität und das Trotteltum wird um so ärgere Orgien feiern, als die Vertreter der Regierung der Forderung energischer Abwehr in voller Hilflosigkeit gegenüberstanden. Der Paragraph vom groben Unfug scheint nur dann elastisch zu werden, wenn es sich um einen armen iPreßsünder handelt, er versagt, wo verschmitzte Gauner es verstehen, ihr Treiben mit dem Mantel des Pietismus zu 'bedecken. Als die Freisinnigen Dr. Müller-Meiningen und >Dr. Müller-Sagan und der frühere Hofprediger Stöcker sich ,gegen den jämmerlichen Unfug wandten, hat kein Vertreter sder Regierung das Wort ergriffen. Ist es geschehen, weil 'man die bestehenden Gesetze für unzulänglich hielt? Oder, wie Einige meinen, weil sich das neueste Produkt der Trotte- ckosis der gewichtigen Protektion hochstehender Kreise erfreut? Die zahlreichen eleganten Equipagen vor den Thüren der Gesundheitsbeter und der Kartenlegerinnen, von denen jetzt ifo viel in Berliner Blättern die Rede ist, sprechen allerdings «eine wunderlich beredte Sprache. Und es ist in der That keine neue, wenn auch stets eine unerfreuliche Erscheinung, daß der Okkultismus, mag 'er sich so oder so äußern, stets leine Hauptpflegstätten in den sogenannten vornehmen Kreisen .findet, und der Graf Brassier de Saint Simon, der als Gesandter, ehe er seine Berichte absandte, stets sein spiritistffches 'Medium befragte, ist durchaus keine vereinzelte Erscheinung -geblieben. Man mag sich zu dem Politiker Stöcker stellen, wie "immer man will, aber man wird kein Recht haben, daran zu zweifeln, daß er ein aufrichtiger Christ ist, der es ernst meint mit der Religion. Wenn er mit aller Schärfe die Theorie nehmung erfolgt zunächst uneidlichu Exner giebt Auskunft über die Anbahnung der Geschäftsverbindung der Treber- Trocknungs-Gesellschaft mit der Leipziger Bank, die im Jahre 1895 erfolgt ist. Es handelte sich damals um Bildung eures Garantie-Konsortiums für die Garantie der damals vorgeschlagenen Ausgabe der iunaen Aktien. Vermischtes. * London, 5. Febr. In Brisbano ist ein Pestfall mit tätlichem Ausgang zu verzeichnen gewesen. Der teuerste Bahnhof der Welt dürfte der geplante Zentralbahnhof in Leipzig werden. Die Ge- amtkosten sind auf rund 100 Millionen Mark veranschlagt. — (Der Frankfurter Hauptbahnhof kostete etwa 30 Millionen Schmidt chlossen, eingehen o sehr mit, die Loudon, 6. Februar. Ein von dem Burenführer Smuths an Louis Botha gerichteter, aus Ermelo vom 2. Sept. v. Js. datierter Brief, der aufgefangen wurde, ist heute amtlich veröffenllicht worden. Der Brief ist die Antwort Smuths auf ein Schreiben Bothas, in dem dieser Smuth von seinem Posten als Assistenten des Generalkommandanten ab setzt, weil er die von Smuths für die Einäscherung von Bremensdorf angegebenen Gründe für ungenügend erklärte. Smuths verteidigt in dem Briefe die Einäscherung, und führt dann aus, daß das Verbrennen dec außerhalb der Burengrenzen gelegenen, von dem Feinde für seine Zwecke benutzten Häuser gerechtfertigt sei. Jeder Kriegführende würde dasselbe gethan haben. Smuths erklärt dann weiter, er habe Bothas Befehl erhalten, die Burenftauen fortzuschicken, und er sei, wenn die Engländer deren Uebernahme verweigerten, dafür, die Frauen über die englischen Linien abzuschieben. Schließlich erhebt Smuths energischen Widerspruch gegen seine Absetzung. Haag, 6. Febr/ (Reuter). Die Burendelegierten erklärten bezüglich des holländisch-englischen Notenwechsels, sie erkennten die gute Absicht der nieder- ! ändtschen Regierung an, den Krieg zu beendigen. Die Behauptungen Englands, die Burendelegierten seien ohne Einfluß auf die Vertreter der Buren in Südafrika, ei völlig unbegründet. Die Weigerung Englands, den Vorschlag der niederländischen Regierung anzunehmen, beweise, daß die Politik Englands nach wie vor darauf gerichtet sei, das Burenvolk auszurotten und alle Bemühungen zur Erlangung eines ehrenvollen Friedens für die Buren zum Schellern zu bringen. Der Wortlaut der Antwort der englischen Regierung hindere die Burendelegierten, daran zu denken, von England freies Geleit u. a. zu erlangen. St. Louis, 6. Febr. Bei der gestern gemeldeten k rUTl find die Feuerwehrleute, über denen das Gebäude zusammenstürzte, nicht umgekommen, wie zuerst gemeldet wurde, sondern es wurden sechs von ihnen schwer verletzt. Gerichtssaal. Frankfurt a. M., 5. Febr. Die Strafkammer verurteilte heute den verantwortlichen Redakteur der sozialdemokratischen „Volksstimme", Dr. Quarck, wegen Beleidigung des Hauptmanns Abel vom 27. bayer. Jnf.- itoes Gesundbetens verdammt, wenn er, der doch die Wunüer- jfroft des Heilandes anerkennt und sicherlich auch überzeugt ist, daß auch heute noch ein starker christlicher Glaube der 'beste Hort ist in allen Fährlichkeiten des Lebens, mit aller ^Energie Front macht gegen ein Treiben, das aus der Analogie „Christus hat nicht mit Arzneien geheilt" seine Berechtigung herleitet und lästerlich den Hinweis auf den Gründer unserer Religion zur Füllung seiner Kassen benutzt, so sollte schon diese Thatsache geeignet sein, den Unterschied zwischen einer gesunden Religiosität und jenem krankhaften Pietismus zu beleuchten, der heute einen Theil der Potsdamer nnd Berliner Hofgesellschaft in die Ordinationszimmer der Mrs. Eddy und 'ihres weiblichen Adepten treibt. Dann sollte man aber auch -erwarten, daß seiner Anregung Folge gegeben wlld, ähnlich wie in den doch wahrlich nicht der Toleranz verdächtigen Vereinigten Staaten, überall, wo sich das Befinden von Krmllen 'durch die Behandlung der Gesundbeter verschlimmert hat, mit schweren Strafen vorzugehen. Wenn bet uns ein Arzt einen ^Kunstfehler" macht, wenn ein anderer einen Patienten behandelt ohne Zustimmung des Hausarztes, wenn er gar „übertriebene" Reklame treibt, so gehen die bürgerlichen, die Disziplinär- und Ehrengerichte mit Strenge gegen ihn vor, und wenn jener Leipziger Schularzt für seine Bemühungen, soweit sie über seinen eigentlichen Pflichtenlreis hinausgehen, ein Honorar beansprucht, so wird ihm von einem hohen Rate •ber Scheidebrief geschickt. Aber der Kurpfuscher, der Gesundbeter, erfreut sich der goldnen Freiheit, zu thun und zu lasien, was er will, und Herr Kühne, der ja nun tot ist, konnte ungehindert durch das Verdikt der Gerichte behaglich seine Renten häufen. Herr Stöcker verlangt die Einsetzung einer Kommission zur Prüfung dessen, was an diesen Dingen wahr sei; das Spekulieren mit ihnen, um Geld zu verdienen, solle unter strengste Strafe gestellt werden. Auch das ist richtig, wie die weitere -Bemerkung, daß jetzt Tausende in eine wilde Verwirrung des ^Geistes gestürzt werden. In der That wäre neben den Behörden, die auch einmal den Paragraphen über die Beschimpfung christlicher Einrichtungen in Erwägung ziehen könnten, das Gesundheitsamt kompetent. Denn ebenso, wie (bie Blattern, der Scharlach und die Cholera, tragen auch geistige Erkrankungen häufig einen epidemischen Charakter, rvie dies schon in den Festen der Kybele mit einiger Deutlichkeit hervortrat und von den tanzenden Derwischen und den sich selbst verstümmelnden Tellnehmern an den Perserfesten in Konstanttnopel stets von neuem illustriert wird. Hat doch der Direktor einer höheren Schule in Berlin die Aula hergegeben, um als Heimstätte für die Lehren der Mrs. Eddy zu dienen. Jetzt wird es sogar bekannt, daß „seit Jahr und Tag" in dem Victoria-Lycemn zu Berlin die Ideen des -Christian Science propagiert und der Klientenfang aufs intensivste betrieben werden; Frauen und Mädchen erhalten in deutscher und englischer Sprache Unterrichtskurse, und von den „Kliniken", die jetzt an allen Ecken und Enden auftauchen, wird versichert, daß sie sich brillant rentieren. Es ist keine für die Zukunft unseres Volkes entscheidende Frage, die der Reichstag behandelte, als er die Gesundheits- heter und die Spiritisten unter die Lupe nahm. Aber sie ist tooch auch nicht so ganz unwichtig, diese iinter den Augen der Aus Studt und Land. (Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichenOriginal-Nachrichten ist nur unter genauer Qu eilen an gäbe: „Gieß. Auz." gestattet.) Gießen, 6. Februar 1902. Bad-Nauheim, 4. Febr. Vandalen haben in der Sonntagnacht sämtliche Anpflanzungen am Parkhotel, wie Glycinen, Epheu, Heckenrosen re. abgeschnitten. Auf die Ergreifung der Thäter ist eine Belohnung von 200 Mk. ausgesetzt. Darmstadt, 5. Febr. Die Zahl der Arbeitslosen, die in Darmstadt mtt Notstaudsarbetten beschäftigt werden, betrug am 25. Januar 137, genau so viel wie am Schluß der Woche vorher. Am 1. Februar belief sich die Zahl auf 146, als 9 mehr. Äk Seidenstoffe hä von Elfen & Keussen, Krefeld. vorgeschlagenen Ausgabe der jungen Aktien, erklärte dem Zeugen seiner Zeit, es sei ausge- daß der Anftichtsrctt eine gemeinsame Haftung würde, da die Verrnögensverhältnisse der Herren verschieden seien. Weiter teilte Schmidt Exner Herren wollten ein jeder einen Teil der Bürg- chaft für sich übernchmen. Als Kaufmann war es mir, o sagt Exner, ganz egal, ob die Sache rechts oder links hemm gemacht wurde. Die Hauptsache war, daß id) neben der Haftbarkeit der Trebergesellschast auch noch die der Auftichtsräte bekam- Exner hat mit dem Dr. Gentzsch kontrahiert und alles genau besprochen, bevor er die Anerbietung Schmidts, alnnahm. Um alle Bedenken zu be- eitigen, sei an verschiedene Auskunfts-Bureaus ge- chrieben worden und die Bank habe außerdem von den 6 Herren einen vertraulichen Brief eingefordert, in dem ie noch persönlich ihre Vermögens-Verhältnisse klar legten und ihr Vermögen zifternmäßig angeben sollten. Regiment in Germersheim zu 2 Monaten Gefängnis. Die Beleidigung wurde erblickt in einem aus der „Pfälz. Post" übernommenen Artikel „Militarismus und Famttie", in welchem gesagt war, der Hauptmann habe einem Soldaten, der zu seinem sterbenden Vater reisen wollte, den Urlaub verweigert. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Darmstadt, 5. Febr. Der Prälat Habicht echiett aus Anlaß seines heutigen 80. Geburtstages sehr zahlreiche Ehrungen, u. a. auch ein Handschreiben des Groß Herzogs. Berlin, 6. Febr. Zur Erklärung des Abg. Frhrn. von Heyl, daß seine Fraktion ihm nicht nahegelegt habe, aus der Z o l l t a c i s k o m m i s s i o n a u s z u s ch e i d e n, bemerkt die „Rat.-Ztg.": Die Thatsache, daß der genannte Abgeordnete aus der Kommission ausscheidet, wird durch diese Mitteilung nicht berührt. Daß der schon vor längerer Zeit angekündigte Austritt noch nicht erfolgt ist, lag nur daran, daß Frhr. v. Heyl die Beratung der von ihm zu §§ 8 und 9 des Zolltarifgesetzes gestellten Anttäge abwarten wollte. Nach Beendigung der Debatte über diese Punkte tritt, wie schon früher gemeldet, der Abg. Sieg an seine Stelle. Berlin, 6. Febr. Gestern abend fand in einer Buchbinderwerkstätte in der Scharnstraße eine Explosion von Zapponmasse statt, wobei vier Buchbmder mehr ober weniger schwer verletzt wurden. — Der „Vorwärts" teilt mit, daß gegen seinen verantwortlichen Redakteur Leid wegen Veröffentlichung des Erlasses des Reichsmarineamts das Verfahren wegen Hehlerei eröffnet worden ist. Berlin, 5. Febr. Die Budget-Kommission des Reichstages beschäftigte sich heute mit dem Militär-Etat. Die Verhandlung über die Forderung für Fußartillerie-Material und Festungsbauten wurde bis zum Schluß der Beratungen ausgesetzt. Von den 130 000 Mk. zur Beschaffung von Geräten für das Luftschiffer-Bataillon wurden 45 000 Mk. gestrichen, ebenso 157000 Mk. für bauliche Veränderungen des Bekleidungsamtes des Garde-Korps. Desgleichen wurde der Neubau eines Geschäftshauses für das Militär-Kabin et nach längerer Debatte ab» gelehnt. Eine Reihe von kleineren Titeln wurde debattelos genehmigt. Morgen wird die Beratung fortgesetzt. Berlin, 5. Febr. Die Zolltarif-Kommission de§ Reichstages setzte heute die Berathungen über den § 9 fort. Eingebracht war ein Antrag Dr. Heim-Müller Fulda, wonach die Bedingung des dringenden Bedarfes im Eingänge von Absatz 3 gestrichen und folgender Satz am Schluffe zugefügt werden soll: „Die Bewilligung und die Forterhaltung der gemischten Transitläger ist davon abhängig zu machen, daß von der ausländischen Zufuhr mindestens die Hälfte, zur Wiederausfuhr gelangt". Abg. v. Wangenheim erklärte die gemischten Tranfitläger für eine Ungerechtigkeit gegen die Landwirtschaft. Dieselben müßten daher ein für allemal aus der Welt geschafft werden. Staatssekretär Graf Posadowsky teilte mit, daß die Regierung entschloffen sei, eine Anzahl Transitläger, die nur für das Inland Getreide ausführen und daher überflüssig seien, aufzuheben. Die Transitläger in Mannheim sollen jedoch auf alle Fälle bestehen bleiben. Der Staatssekretär warnte nochmals, in der Annahme von Anträgen weiterzugehen, als die Regierungs-Vorlage vorsieht. Der sächsische Geh. Finanzrat Dr. Rüger und der badische Ministerial-Direktor Scherer befürworteten eindringlich die Annahme der Regierungsvorlage. Nach längerer Debatte wurde die Weiterberatung auf morgen vertagt. ■ Berlin, 6. Febr. Der „Vorwärts" meldet: sozialdemokratische Reichstagsfraktion beschloß, zu der zwecken Lesung des Etats des Auswärtigen eine, Resolution einzubringen, der Reichstag wolle beschließen, den Reichskanzler zu ersuchen, die aus Peking ausgesührteu astronomischen Instrumente zu- rückzuführen und der chinesischen Regierung zur Verfügung zu stellen. Ferner beschloß die Fraktion, bei demselben Etatstckel die Vorgänge in Südafrika zur Besprechung zu bringen- Der Kasseler Treöerpro^eß. in. Kassel, 5. Febr. Zu Beginn dec heutigen Verhandlung im Prozeß gegen die Aufsichtsräte der Treber- trocknungs-Gesellschaft waren Oberbürgermeister Schmiding ans Dortmund, der General-Direttor der Union- Lrauerci in Dortmund, Branns, ferner der frühere Direktor der Leipziger Bank, Exner, anwesend. Ter Präsident teilte den Zeugen mit, daß ihre Vernehmung vor nächsten Freitag nicht erfolgen könne, und beurlaubte die Zeugen bis dahin. Hierauf erfolgte die Vernehmung der Sachverständigen. Der Bücherrevisor Schliepcr hat die Bücher der Gesellschaft bis zum Jahre 1894 zurück nachrevidiert. Sein Gutachten geht dahin, daß von da an schon hauptsächlich Schiebungen und Verschleierungen in den Bü cher n zu finden find, daß das eigentliche Bild der Jahresbilanzen ganz anders dargestellt worden ist als es in Wirklichkeit war- Bis zum Jahre 1894 florierte das Geschäft, nach diesem Zeitpuncke jedoch gar nicht mehr. Der Sachverständige bespricht nun die ' einzelnen Bilanzen eingehend und legt des Näheren dar, wie die .einzelnen! Fälschungen in den Büchern vorgenommen worden sind. Z. B. schließt die Bilanz für Ende Vkärz 1896 mit einem. Reingewinn von Mk. 850 968,34 ab, während in Wirklichkeit damals schon ein ganz erhebliches Minus zu verzeichnen war. Es war dies das Geschäftsjahr, in dem die Treber- Trocknungs-Gesellschaft die Bergmann-Patente angekauft hatte. Den Käufern von Maschinen wurden die Beträge bereits im Jahre 1896 belastet und zwar zu einer Zeit, in der Forderungen an Käufer überhaupt noch nicht be- tanden haben. Außerdem wurden die von den Musern übernommenen Leistungen über die noch gar nicht zur Ausführung gelangten Maschinen bereits in diesen Bilanzen gebucht. Weiter sprach sich Schlieper noch über die unrichtige Belastung der Kunden der Tochter-Gesellschaften aus. Auf eine Frage des Vorsitzenden, ob ein Kaufmann, der beteiligt war, die Fälschungen sehen mußte, antwortete der Sachverständige mit nein. Ebensowenig hacken ic die Mitglieder des Aufsichtsrates ohne weiteres erkennen können. Handelslehrer Waltrop sagte aus, er habe einen Zettel von der Hand Schmidts gefunden des Inhalts: Die Bilanz ist zu verändern oder zu verbessern, worauf die Bilanz mit 10 Millionen abgeändert worden sei. Die Gesellschaft sei stets in Geldverlegenheit gewesen. Es sei alles durcheinander- gebradit, besonders infolge der Wechselreiterei. Im letzten Jahre seien 1900 000 Mark Diskonten bezahlt worden. Schmidt habe mit seiner eigenen Gesellschaft 37 bis 39 Mill. Wechsel-Konto gehabt. Niemals sei ein Erichen erzielt worden. Der Verteidiger, Justizrat von Gordon, hat einen Sachverständigen aus Berlin laden lassen. Justizrat Frieß äußert sich dahin, daß die Mitglieder des Aufsichtsrats die Fälschungen der Bilanz hätten sehen müssen- Die Angetlagten führen zu chrer Verteidigung an, daß sie nicht wüßten, ob ihnen die verlesenen Ge- chästsberichte überhaupt Vorgelegen hätten. Der ftühere Direktor der Leipziger Bank, Exner, wird unter Bedeckung seiner Leipziger Transporteure in den Saal ge- i'chrt. Der Zeuge tritt mit großer Sicherheit auf. Er macht eine Aussagen in sehr bestimmtem Tone. Seine Ver- 9 6 h tobt bl' Mi W D j» 0 I jßn H bet noch Ä triel EP aem M ff die mit voll i A bt b t b b d l e fl a Z er» baut M< Mof |e$ü i? a . H für N Wj|i r M«। Ach denz" beuti tollt M ba 6 trie der Hut Herr viert Lorsi sagen Minis die g "Tech rieht, im ; tragt,' (Mnla, fyrlin «efe Weite« Netu 3uMa etMt, nichts !oloni