Nr. 286 Freitag, 5. Dezember 1902 152. Jahrg. Erscheint tiigllch mit Ausnahme der Sonntags. Die „Glehener LamiliendlStter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »Htsiljche Landwirt" erscheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. bezw. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestatte I» Deutscher Reichstag. 230. Sitzung vom 4. Dezember 10 Uhr. Das Haus ist gut besetzt. Dm Bundesrathstisch: Graf Poscidowskh u. A. Die zweite Lesung des Zolltarifgesetzes, deS Antrags Kardorff zu 8 1 Abs. 1 wird fortgesetzt mit den Berichten der Referenten. Referent Abg. Dr. Blankenhorn natl.) referirt über die Portionen 176—189 (Branntwein, Wein. Most, Essig, Hafer). Das Referat dauert etwas über eine halbe Stunde. Unmittelbar nachdem der Referent geendet hat, bemerkt Präsident Graf Ballestrem: Es ist ein Antrag Dr. Arendt auf Zurückweisung der Posittonen 176—189 .... (Hier wird der Präsident durch schallende Heiterkeit der Linken unterbrochen, die dem Abg. Arendt fortwährend zurust: Reingefallen l reingefallen I — Abg. Dr. Arendt merkt an diesen Zurufen, daß sein Anttag überflüssig ist, da die Linke noch gar keinen Anttag auf Zurückverweisung gestellt hat, und zieht unter Hohngelächter der Sozialdemokraten seinen Antrag zurück.) Nachdem der Antrag Arendt zurückgezogen ist, läuft ein Antrag Wurm (Soz.) auf Zurückverweisung der Position 178 (Wein, Most) an eine Kommission behufs schriftlicher Berichterstattung ein. Abg. Dr. Arendt (Rp.): Ich nehme meinen Antrag auf Zurück- Verweisung aller Positionen wieder auf. Abg. Dr. Spahn (Ctr.): Ich beantrage über den Antrag Arendt Uebergang zur einfachen Tagesordnung, Für Uebergang zur Tagesordnung spricht Abg. Dr. Arendt (Rp.): Seine „Rede" lautet wörtlich: Meine Herren! Ich habe den Antrag gestellt. (Gelächter links. Redner verläßt die Rednertribüne und begiebt sich wieder auf seinen Platz. Verschiedene sozialdemokratische Abgeordnete bitten ums Wort zur Vicepräsident Graf Stolberg: Tas habe ich allerdings überhört. Im Uebrigen muß der Präsident für Alles einrreten, waS hier geschieht. Das thue ich. Wenn Sie wollen, können Sie sich beschweren. Abg. Stadthagen (Soz.): Also ich protestire dagegen, daß ein Antrag zur Abstimmung gestellt wird, der sich auf künftige Anträge bezieht. Es ist auch vorgekommen, daß Dr. Arendt Blanko-Vollmachten ertheilt und Zettel mit seiner Unterschrift abgegeben hat. auf die dann Jemand einen Antrag schrieb. Solche Anttagc sind überhaupt keine Anträge, denn Anträge müssen unter schrieben sein, d h. der Text muß vorher darauf stehen. Es giebt ferne gröblichere Verletzung der Geschäftsordnung, als wenn man in dieser Weise systematisch die Unordnung der Geschäfte herbeifübrt. (In diesem Augenblick geht Abg. P a a s ch e an dem Redner, der auf der zur Tribüne führenden Treppe steht, vorbei und ruft ihm etwas zu.) Herr Abgeordneter Paasche, es ist gebeten worden, daß die Herren, namentlich die, die im Präsidium sitzen, die Redner nicht unterbrechen. Ich nehme an, daß Sie mir Beifall spenden wollen. (Heiterkeit.) Wenn Sie das wirklich wollen, so geben Sie dem klar Ausdruck; meinen Sie es aber nur ironisch so muß ich mir das ernstlich verbitten. (Beifall b. d. So§.) Auch daverstößt gegen die Ordnung, daß, nachdem der Präsident bestimmt hat, daß diese Plätze hier frei bleiben, man von hinten an dem Redner vorbeigeht und ihm Zurufe macht. Wir wollen doch ruhig verhandeln uni) nicht unser Blut in Wallung gerathen lassen. (Heiterkeit, Beifall b. d. Soz.) Abg. Dr. Spahn (Ctr.): Das ganze Haus hat sich wohl davon überzeugt, daß der Präsident die Absicht hatte, dem Abg. Singer das Wort zu geben, und daß also auf Ihrer Seite (zu den Sozialdemokraten) ein Mißverständniß vorlag. Trotzdem dieses Miß- verständniß vorhanden war, haben Sie diese Scene aufgeführt, zu der Sie auch, wenn kein Mißverständniß vorgelegen hätte, nicht berechtigt gewesen wären. (Lebhafte Zustimmung der Mehrheit.) Ihr Vorgehen beweist nur, welcher Art die Motive sind, aus denen Sie diese Räume zu solchen ©eenen mißbrauchen. (Lebhafter Beifall bei der Mehrheit. Lärm links.) Abg. Bebel (Soz.): Der Präsident ist verpflichtet, das Wort zur Geschäftsordnung in jedem Augenblick jedem Abgeordneten zu geben, der es verlangt; und hier lag noch obendrein eine Verständigung mit dem Präsidenten vor. Als nun das Versprechen des Präsidenten nach unser Aller Auffassung nicht eingehalten wurde, riefen wir „zur Geschäftsordnung", und da haben Sie an- gefangen zu lärmen, (Großes Gelächter bei der Mehrheit.) worauf die Scene auf unserer Seite nur als selbstverständliche Erwiderung folgte. (Zustimmung links. Lachen rechts.) Abg. Roesicke (b. k. Fr.): Ich ging davon aus, daß Herr Spahn meinen Antrag zur Geschäftsordnung zulässig gehalten und darum den Uebergang zur Tagesordnung gestellt habe. Ich habe aber jetzt auf Nachfrage erfahren, daß er seinen Anttag auf Tagesordnung gerade mit der Unzulässigkeit meines Antrags motivirte. Aus diesem Grunde muß ich nochmals auf meinen Antrag zurückkommen. Vicepräsident Graf Stolberg: Aber nur auf die formelle Seite. Abg. Roesicke (fortfahrend): Nur auf die formelle Seite. (Heiterkeit.) Wenn die Ansicht des Herrn Spahn richtig wäre, dann hätte er meines Erachtens den Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung gar nicht stellen können, sondern der Anttag hätte überhaupt nicht zur Verhandlung kommen dürfen. Indem die Mehrheit meinen Anttag durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt hat, hat sie ihn im Gegensatz zum Präsidenten für geschäfts- ordnungsmäßig zulässig erklärt. (Sehr richtigI links.) Und mein Antrag war in der That geschäftsordnungsmäßig zufällig. Ich habe meinen Anttag gestellt auf Grund des § 21 der Geschäftsordnung, der ja noch nicht aufgehoben ist, (Sehr gut! links.) und in welchem es heißt: „Der Reichstag kann, wie am Schlüsse der ersten so in jedem Stadium einer folgenden Berathung bis zum Beginn der Fragestellung den Gesetzentwurf oder einen Theil desselben zur Berichterstattung an eine Kommission verweisen, welche sich nur mit dem ihr überwiesenen Gegenstände zu beschäftigen hat." Die Anttäge, die hier von anderer Seite auf Rückverweisung in den letzten Tagen gestellt waren, wollten ja ganz etwas Anderes. Diese bezweckten doch immer nur die Nachholung einer schriftlichen Berichterstattung, während durch meinen Anttag eine neue Kom- missionsberathung über die zurückzuverweisende Position erzielt werden sollte. — Zu meinem Anträge war ich auch deshalb berechtigt, weil der Zolltarif mit auf der Tagesordnung steht. Daist von Niemandem bestritten, sondern vielmehr vom Vicepräsidenten Büsing ausdrücklich anerkannt worden. Meine Ausführungen haben den Zweck, es zu verhindern, dast die Ablehnung meines Anttag- künfttg für ähnliche Fälle als Präjudiz genommen wird. Abg. Dr. Pachnicke (freif. Vgg.): Als der Präsident den Anttag Roesicke für unzulässig erklärte, meldeten sich von uns sofort einige zum Wort zur Geschäftsordnung, um der Auffassung des Präsidenten zu widersprechen. Der Präsident hätte uns sofort das Wort geben müssen. Daraus, daß das nicht geschah, erklären sich die Vorgänge von vorhin, soweit es sich um uns handelt. Aba. Dr. Spahn (Ctr.): Mein Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung über den Anttag Roesicke mag ja etwas unlogisch sein, er ist ober in Wirklichkeit doch sehr logisch. (Große Heiterkeit.) Ich erinnere hier an einen Vorgang unter dem Präsidenten von Forckenbeck, als er einmal einen Antrag für unzulässig erklärte. Damals beantragte der Abg. Windthorst über jenen Anttag Uebergang zur Tagesordnung, worauf der Präsident erklärte, er müsse er ft Darüber abstimmen lasten, ob das Haus seine Auf- fastung billige und erst dann, wenn das nicht geschehe, könne über den Antrag Windthorst abgestimmt werden. Ich mußte meinen Anttag stellen, weil ich nicht wissen konnte, wie der Präsident über den Anttag Roesicke denken würde. (Lachen links.) Abg. Gothein (freif. Vgg.): Es ist mir ganz neu, daß etwa- unlogisch und logisch zugleich sein kann. (Heiterkeit.) Herr Spahn war allerdings berechtigt, seinen Anttag auf Tagesordnung zu stellen, dann hätte aber der Präsident, der den Anttag Roesicke für unzulässig erHärt hatte, ebenso verfahren müssen, wie es seiner Zeit von Forckenbeck gethan hatte. Nachdem der Präsident seine Ansicht über die Unzulässigkeit des Antrages Roesicke nicht geändert batte, durfte er Herrn Spahn nicht das Wort auf Uebergang zur Tagesordnung ertheilen, und in Folge dessen waren diejenigen, die das Wort zur Geschäftsordnung verlangten, absolut in ihrem Recht. (Lebhafte Zustimmung links.) Abg. Dr. Barth (freif. Vgg.): Jetzt ist also eine neue Praxis eingeriffen I Nach Ansicht des Kollegen Spahn und seiner Fraktion darf man auch über unzulässige Anträge zur Tagesordnung übergehen. (Große Heiterkeit.) Wir werden uns das merken. Abg. Dr. Spahn (Ctr ): Eine Meinung meiner Fraktion habe ich nicht ausgesprochen. (Lachen links.) Damit ist die Geschäftsordnungsdebatte erledigt. Um 2V* Uhr beginnt Referent Abg. Gothein (freif. Vgg): fein Referat über dke Positionen 190—218 (Abgänge von der Verarbeitung landwirth- schaftlicher Erzeugnisse, Erzeugnisse der Nahrungs- und Genuß- av ttel-Gewerbe). Geschäftsordnung.) Präsident Graf Ballestrcm: Es kann nur ein Redner für und einer gegen Uebergang zur Tagesordnung sprechen. Abg. Wurm (Soz.) spricht gegen Uebergang. Redner nennt das Referat des Abg. Blankenhorn ein vorzügliches, das sich außerordentlich von den Referaten der weiter rechts sitzenden Herren unterscheide, aber der Wein sei ein zu wichtiger Gegenstand, namentlich auch für Patienten, als daß man sich mit einem mündlichen Bericht Darüber begnügen könne. Außerdem müßte man verlangen, daß Der Staatssekretär des Aeußern Auskunft über die deutsch- italienischen Verhandlungen gebe, die Regierung rutsche aber vor der Mehrheit auf Dem Bauch. Präsident Graf Ballestrcm ruft Den ReDner wegen Der letzten Aeußerimg zur O r D n u n g. In namentlicher Abstimmung toirD hierauf mit 219 gegen 76 Stimmen Der Anttag auf Uebergang zur Tages- orDnung angenommen, ein Abgeordneter hat sich Der Abstimmung enthalten. Abg. Roesicke swild-lib.) beantragt, Die Position 184 an Die Kommission zurückzuverweisen. Vicepräsident Graf Stolberg: Nach Dem vorhin gefaßten Beschluß muß ich diesen Anttag für unzulässig erklären. (Lebhafter, stürmischer Widerspruch links.) Zugleich habe ich dem Hause mitzutheilen, Daß Abg. Dr. Spahn beantragt hat, über den Antrag Roesicke zur einfachen Tagesordnung überzugehen. (Lebhafter Beifall rechts, großer Lärm links. Abg. Singer fordert erregt Das Wort zur GeschäftsorDnung.) Das Wort zur Ge- schäftsordnung kann ich Ihnen jetzt nicht geben. Da nach der Geschäftsordnung bei einem Anttag auf einfache Tagesordnung nur ein Redner für und ein Redner gegen das Wort hat. Das Wort für den Anttag hat der Abg. Dr. Spahn. (Demonstrativer Beifall rechts, großer Lärm links.) Abg. Dr. Spahn (Centt.) geht auf Die ReDnerttibüne unD beginnt zu reden, bei dem Lärm ist nicht ein Wort zu verstehen. Abg. Singer geht die Treppe hinauf und redet ebenfalls von der obersten Stufe herab, ohne das Wort zu haben. Auf Der Rechten erhebt sich jetzt ein fürchterliches Tosen, wohl hundert (stimmen durcheinander rufen: Herunter von der Treppe! Herunter von Der Treppe! Die Linke beantwortet Diese Ruse mit einem wahrhaften Geheul: Zur GeschäftsorDnung! Zur Geschäftsordnung! Beide Redner reden ununterbrochen weiter, natürlich ist bei Dem Lärm nicht eine Silbe zu verstehen. Vice- Präsident Graf Stolberg klingelt unaufhörlich mit allen Kräften, bei dem wüsten Lärm aber schallt Der sonst so kräftige Ton der Glocke wie das leise verhallende Läuten einer fernen Abendglocke. Abg. Gothein, der am Referententisch sitzt, winkt der Linken mit Den Händen zu, doch etwas ruhiger zu sein, aber ohne Erfolg. Tie Rechte beruhigt sich zuerst, es wird stiller auf ihren Reihen. Auf der Linken dagegen steigert sich Der Lärm mit jeder Sekunde, unaufhörlich schreien Die Sozialdemokraten im Chor gleichzeitig in Demselben einförmigen Tonfall: Zur Geschäftsordnung! Abg. Kropatscheck (fonf.) schlägt mit beiden Armen ironisch Den Takt Dazu. Die Abgg. Dr. Spahn unD Singer reden unbeirrt weiter, doch sieht man nur, daß sie ihre Lippen bewegen, fein Wort ist von ihnen zu verstehen. Endlich gelingt es dem Vicepräsidenten Grafen Stolberg, sich einen Moment Gehör zu verschaffen. Man hört die Worte: Herr Abg. Singer, wenn Sie nicht sofort die Treppe heruntergehen, rufe ich Sie zur Ordnung Es fällt dem Abg. Singer jedoch nicht em, herunterzugehen, er redet fortgesetzt weiter, begleitet von dem Chor ferner Genossen. Vicepräsident Graf Stolberg den Abg. Singer zur Ordnung. Der Lärm der Sozialdemottaten wird einen Moment über* Änt von Den Beifallsrufen Der Rechten. Abg. Si n ger geht noch immer nicht von der Treppe herunter. Da ruft ihn Der Vicepräsident Graf Stolberg zum zweiten Male zur Ordnung. Abg Spahn, Der augenscheinlich mit ferner Rede fertig ist, verläßt die Rednerttibüne, Abg. Singer Dagegen bleibt noch immer auf Der Treppe stehen. o VicepräsiDent Graf Stolberg: Auf Grund des § 60 Abs. 3 Der Geschäftsordnung s ch l i e ß e i ch d e n A b g. Sr n ger von Der Sitzung a u §.*) (Händeklatschen bei der Mehrheit, tosender Lärm bei Den So?. Abg. Singer rührt sich nicht von der Treppe. Rufe bei der Mehrheit: Raus! raus! Der Lärm halt an, Abg. Singer bleibt.) Nunmehr setzt der . . ,, ~ . Vicepräsident Graf Stolberg Die Sitzung auf eine halbe Stunde aus. (Es ist 12V* Uhr. Lebhafter Beifall rechts, großer Lärm links.) *) § 60 Abs. 3 lautet: „Im Falle gröblicher Verletzung Der Ordnung kann das Mitglied durch den Präsidenten von der Sitzung aiisgeschlosien werden. Leistet dasselbe der Anforderung des Präsidenten zum Verlassen des Saals keine Folge, so hat der Präsident in Gemäßheit Des § 61 zu verfahren, D. h. Die Sitzung auf bestimmte Zeit auszusetzen oder ganz aufzuheben." Während Der Pause bilden sich im Saal erregte Gruppen, Die Den Vorfall lebhaft besprechen. Vicepräsident Graf Stolberg 1 redet lebhaft auf Abg. Singer ein. Die meisten Abgeordneten, 1 Darunter sämmtliche SozialDemokraten, verlosten soDonn Den Saal. I Gegen 1 Uhr begiebt sich Vicepräsident Graf Stolberg wieder zum Präsidentensitz. — Abg. Bebel eilt auf ihn zu und < cs entspinnt sich zwischen beiden eine kürzere lebhafte Unterebung. , Abg. Singer sitzt auf seinem Platz. Auf allen Setten , des Houses herrscht Ruhe. ( Vicepräsident Graf Stolberg: Ich eröffne die ausgesetzte i Sitzung. Wir fahren in der eben unterbrochenen Berathung fort. Gegen den Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung hat sich zum Wort gemeldet der Abg. Roesicke. Abg. Roesicke (b. k. Fr.) begründet in eingehender Rede seinen l Antrag auf Rückverweisung Der Position Bier. Der Antrag, über Den Anttag Roesicke zur TagesorDnung überzugehen wird Darauf in einfacher Abstimmung ange - : nommen, Das Wort zur GeschäftsorDnung erhält nunmehr Abg. Bcbcl (Soz.): Ich sehe mich genöthigt, es Ihnen klar- zustellen, wie es kam, daß Der Vicepräsident Graf Stolberg sich veranlaßt sah, Die Sitzung für eine kurze Zeit zu vertagen. Als Abg. Dr. Blankenhorn fein Referat beendet hatte, verlas der Präsident Graf Ballesttem einen Anttag Arendt, der dahin ging. Die Positionen, über welche Herr Blankenhorn referirt hatte, an die 16. Kommission zurückzuverweisen. Neben diesem Anttäge verlas der Präsident zugleich einen Anttag Spahn, über den Antrag Arendt zur Tagesordnung überzugehen. Wir hatten auf dieser Seite des Hauses Den Eindruck, daß diese Anträge präparirt waren, ehe man wußte, ob überhaupt von der linken Seite Anträge gestellt werden würden. Als nun von der linken Seite zunächst keine Anttäge erfolgten, zog Herr Arendt seinen Antrag zurück und damit fiel auch der Anttag Spahn. Mittlerweile aber hatte Der Abg. Wurm sich gemeldet und beantragt, die Position Wein an die 16. Kommission zurückzuverweisen. Nunmehr stellte Herr Spahn den Antrag, auch hierüber zur Tagesordnung überzugehen. Vordem aber hatte bereits der Kollege Singer sich zur Geschäftsordnung gemeldet, um das Verfahren des Dr. Arendt zu charakterisiren. Da aber mittlerweile die Verhandlungen weitergegangen waren, so war er mit dem Präsidenten Grafen Ballesttem übereingekommen, daß, sobald Die Verhandlungen über Die Anttäge Wurm, Spahn beendet seien, er, Singer, das Wort zur Geschäftsordnung erhalten sollte. In dem Moment aber, wo diese Verathungen zu Ende gingen, wechselt Das Präsidium, Vicepräsident Graf Stolberg trat an die Stelle des Grafen Ballesttem. Mittlerweile war allerdings auch noch der Anttag Roesicke eingegangen, eine andere Position, nämlich die Position „Bier" zurückzuverweisen. Der Abg. Singer, ich und unsere Freunde waren nun des Glaubens, Daß dem Abg. Singer Unrecht geschehen, indem man jetzt auf den Anttag Roesicke einging, ohne daß Herr Singer, wie er mit dem Präsidenten Grafen Ballesttem abgemacht, das Wort zur Geschäftsordnung erhalten hatte. Das war die Auffastung. Die wir hatten. Sie waren anderer Auffassung, und so entstand aus den beiden gegensätzlichen Auffassungen die eben erlebte Scene. Singer und wir glaubten in vollständigem Recht zu fein. (Sehr richtig! bei den Soz. — Große Unruhe und Zurufe rechts.) Vicepräsident Graf Stolberg: Herr Bebel sagt nur, er und seine Parteigenossen hätten geglaubt, im Recht zu sein. Das auszusprechen hat er unbedingt Das Recht. Abg. Bebel (fortfahrend): Ich kann nur erklären: Wir sind noch in diesem Glauben, daß Dem Abg. Singer und unserer Fraktion Unrecht geschehen ist, und gegen dieses Unrecht müssen wir protestiren. Ich hielt mich für verpflichtet, diesen Sachverhalt hier kurz vorzuttagen. Vicepräsident Graf Stolberg: Ich kann nicht dulden. Daß Sie, Herr Bebel, wie Sie es in Den letzten Worten gethan haben, mein Verfahren fritifiren, bin aber gern bereit, das Mißverständniß, wenn ein solches Vorgelegen hat, aufzuklären. Der Präsident Graf Ballesttem thcilte mir mit — wenigstens habe ich ihn so verstanden — als er mir Das Präsidium übergab, er habe Dem Abg. Singer versprochen, ihm Das Wort zu geben vor Dem Vortrag Des nächsten Referenten. Es war auch meine Absicht, nach Erledigung Des Antrags Roesicke Dem Abg. Singer Das Wort zu geben. Den Ausschluß von Der Sitzung muß ich natürlich aufrecht erhalten (Beifall bei Der Mehrheit) unD ich muß zu meinem Bedauern konstatiren, Daß der Abg. Singer sich ttotzdem wieder im Saal befindet. (Ruf: Frechheit!) Ich erkläre aber ausdrücklich, daß derselbe an den Verhandlungen des Hauses in keiner Weise theilzunehmen berechtigt ist, solange diese Sitzung dauert, von der ich ihn ausgeschlosten habe. (Beifall bei der Mehrheit.) Abg. Stadthagen (Soz.): Es ist unzulässig, über Anttäge, die noch gar nicht vorliegen, zur Tagesordnung überzugehen. Das kann erst geschehen, wenn Der Antrag gestellt, D. h. wenn er schriftlich eingereicht ist. Solche Anträge auf TagesorDnung haben nach Den früheren Ausführungen Des Abg. Spahn überhaupt keinen Sinn, Denn durch Uebergang zur Tagesordnung soll Dofumentirt werden, daß das Haus zur Zeit von einer Entscheidung absehen will. Tie Uebertoeifung an eine Kommission aber kann nach der Geschäftsordnung in jedem Stadium der Berathung beschlossen werden. Ucbcr Anttäge auf Zurückverweisung an die Kommission darf man nicht zur Tagesordnung übergehen. Ganz unzulässig und unsinnig ist es, Anträge auf Vorrath zu stellen, wie es jetzt von der Mehrheit geschieht. Wenn aber schon solche Anträge auf Tagesordnung für zulässig erklärt werden, so muß doch bevor ein Redner gegen Tagesordnung Das Wort erhält, jeDer, Der sich zur Geschäftsordnung gemeldet bat, ohne Weiteres reden Dürfen. In Dem Bericht Der Kommission zur Berathung Der GeschäftsorDnung für Die zweite preußische Kammer vom Jahre 1849 ist Dies ausDrücklich festgestellt. Ich konstatire. Daß ich mich wieDerholt zur Geschäftsordnung gemeldet, Daß aber die Schriftführer meine Meldung dem Präsidenten nicht überbracht haben. Vicepräsident Graf Stolberg: Sie Dürfen Das Verhalten Des Präsidiums nicht Fritifiren. Abg. Stadthagen: Ich habe nicht fritifirt, sondern nur That- sachen angeführt. Was soll man denn thun, wenn man sich meldet und das Wort nicht erhält, weil der Schriftführer einen Fehler gemacht hat? Vicepräsident Graf Stolberg: Wenn Sie glauben, Daß Ihnen Unrecht geschehen ist, so können Sie sich am Tage Darauf schriftlich beim Hause beschweren. Abg. Stadthagen: Doch nur über den Präsidenten, nicht aber über Die Schriftführer. Ich habe nichts gegen. Den PräsiDenten gesagt, sondern beschwere mich nur darüber, daß die Herren, die zur Ueberbringung unserer Wortmeldungen berufen find, dies nicht thun. Ueber Beschwerden gegen diese Heute — gegen diese Herren, wollte ich sagen — enthält Die Geschäftsordnung nichts. Vicepräsident Graf Stolberg: Sie haben eben in Bezug auf Die Schr.fttührer Den Ausdruck gebraucht: „Düse Leute." Tas ist unzulässig. Abg. Stadthagen: Ich habe Diesen AusDruck sofort zuriick- genommen. Vielleicht hat der Präsident das überhört. DaS HauS ^ot sich während dieses Referats boUftänhig geleert, im ganzen Hause sind noch keine dreißig Abgeordnete anwesend. Das Referat dauert bis 4 Uhr. Zur Geschäftsordnung bemerkt Abg. BrSmel (frei). Vgg.): Ich halte eS für nothig, auf die schwere Schädigung der Gesundheit derjenigen Mitglieder hinzuweisen, die den Verhandlungen dauernd beiwohnen. sGeläcbrer rechts.) In diesem Hause herrscht eine viel zu niedrige Temperarur auf der linken Seite (Zustimmung links, Lachen rechts), die den Mitgliedern den Aufenthalt ungemein erschwert. (Zustimmung links, Zuruf rechts: Tann gehen Sie doch hinaus I) Unter dem Sch eines jeden Abgeordneten ist ein Apparat angebracht (Große Heiterkeit), durch welchen kalte Luft zugeführt werden kann. Ein böswilliger Mensch könnte auf den Gedanken kommen, daß diese Kalte Luft-Apparate auf der Linken besonders in Funktion gesetzt sind, um bei den Mitgliedern der Linken kalte Füße herbeizuführen. (Große Heiterkeit.) Ich kann nur versichern, daß diese Spekulation eine vollkommen verfehlte ist. Wir haben Anspruch darauf, daß hier im Hause Einrichtungen getroffen werden, die uns vor einer schweren Schädigung unserer Gesundheit schützen. (Lachen rechts.) TaS in der Mitte des Saales angebrachte Thermometer giebt die Temperatur nicht richtig an. Ich bitte deshalb, daß Vorsorge getroffen wird, um auch auf der linken Seite eine Temperatur herbeizufübren, die uns einen längeren Aufenthalt im Saale ermöglicht. Eine noch wichtigere Frage ist die der Ausdehnungen unserer Sitzungen. Der Bericht, den wir eben gehört haben, hat sich — das darf ich sagen, trotzdem Herr Gothein mein politischer Freund ist — au§- gezeichnet durch eine Uebersicht und Klarheit, die jebem Referenten olS Muster dienen könnte, das werden mir alle diejenigen, die den Bericht gehört haben, bestätigen. (Zustimmung links.) Aber weshalb muhte denn die Zahl der Anwesenden so gering fein? Ich will Keinem zu nahe treten, der sich aus dem Saal entfernt hat, um draußen seinen Hunger zu stillen. (Heiterkeit.) Herr Sattler hat uns ja das Beispiel geliefert, wie das Bedürfnih zur Sättigung eintreten kann, gerade in den allerwichtigsten Momenten. (Große Heiterkeit.) Ich erkenne an, daß bei einer Verhandlung, die um 10 Uhr begonnen hat, sich bei allen Mitgliedern das Be- dürfniß nach Erholung und Erquickung geltend mackt. Bisher konnten wir vor Beginn der Verhandlung einen Imbiß nehmen. DaS ist jetzt anders, und e§ müssen Einrichtungen getroffen werden, daß auch diejenigen Mitglieder, die bei den Verhandlungen im Saale geblieben sind, Gelegenheit haben, durch den Genuß von Speise und Trank (Heiterkeit) sich zu erquicken. Endlich muß man der Dauer der Sitzungen allgemein eine Grenze setzen ober man muß eine Pause einführen. (Sehr wahrl links.) Gestern ist bereits mit Fug und Recht auf die Ueberanstrcngung des Personals deS Hauses in allen Theilen hingewiesen worden. Wie ich gehört habe, hat sich daS Bureau genöthigt gesehen, die Zahl der Stenographen zu vermehren (Beifall), und den Dienern soll Gelegenheit zu einer Erfrischung hier geboten werden. (Beifall. Ruf: Zulage!) Nun ist eS doch nicht möglich, die Zahl der Mitglieder des HauseS zu verstärken (Heiterkeit), gewissermaßen Mitglieder als Ersatzmänner hinzuschicken. (Ironischer Beifall rechts.) Eine Sitzung von 10 bis 11 Stunden stellt an die Mitglieder deS Hauses Anforderungen, die sowohl in körperlicher wie in geistiger Hinsicht über das Maß bet Leistungsfähigkeit hinausgehen. Jcv will nicht als Beispiel auf die Folgen binroeifen, die sich gestern Abend geltend gemacht haben. Man hat bisher alS normal eine Sitzung van 5—6 ober auch 7 Stunden angenommen. Ich spreche nicht in meinem persönlichen Interesse (Lachen rechts)-, wenn eS sein soll, werden wir mich das aushalten. (Beifall links.) Aber ich behaupte, daß die Art und Weise, wie jetzt die Tauer (Zuruf rechts: Der Reden!) der Sitzungen zunimmt, allen Grundsätzen moderner Hygiene und moderner Sozialpolitik ins Gesicht schlägt. (Lachen rechts.) Um das Vorgehen der Mehrheit zu charaklerisiren, muh ich bmroeifen auf diejenigen Mitglieder, welche Wochen lang fern bleiben, um dann einmal auf ein paar Tage hier zu erscheinen (Sehr wahr! links!, um dann mit Gewalt die Erledigung der parlamentarischen Geschäfte zu erzwingen. (Ironischer Beifall rechts.) Den Grund hat ein konservativer Mann, Herr v. Kröcher, angeführt, indem er auf die Hasen- und Fasanenjagden hinwies, welche die Mitglieder von jener Seite (nach rechts) von der Erfüllung ihrer parlamentarischen Pflicht abhalten Diesen Gegensatz muß man sich klar machen. Aus der einen Seite die Verschleppung der Verhandlungen buia) das Fernbleiben von den Berathungen, auf der anberen Seite das Streben nach einer übermäßigen, die Gesundheit der Mitglieder gefährdenden Hetzjagd. (Lachen rechts, Beifall links.) Ich stelle im Augenblick keinen formellen Antrag (Ironisches Bravo! rechts), aber ich mahne Sie, die von mir angeregte Frage einer ernsten Erwägung zu unterziehen. (Beifall links.) Präsident Graf Ballestrem: Die llebelstände, die Herr Brömel in Bezug auf die Temperatur des Hauses angeführt hat, werde ich untersuchen und mir darüber von der Hausverwaltung Bericht erstatten lassen. (Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Ich werde dafür sorgen, daß, wenn diese Uebclftänbe irgend gehoben werden können, sie gehoben werden. Was die Ueberanftrengung deS Personals anbelangt, so habe ich innerhalb meiner Verwaltring bereits Maßregeln getroffen, daß diese nicht eintritt. (Beifall.) Die Einzelheiten brauche ich nicht anzuführen, denn c3 handelt sich um eine innere Verwaltungsangelegenheit. Abg. Heine (Saz.): Ich möchte eine Bemerkung des Vorredners nicht unwidersprochen lassen. Wir befinden uns sehr wohl dabei, wenn es uns kühl ist, van den Herren auf der Rechten aber habe ich den Eindruck, daß sie sich nur bann wohl befinden, wenn sie vorher ausreichend eingeheizt haben. (Große Heiterkeit.) Abg. Stolle (Soz.) wendet sich gegen eine vor längerer Zeit von dem sächsischen Ministerialdirektor Fischer gemachte Bemerkung, daß die Arbeiter ihr Geld in Schnaps anlegten. DaS sei eine Beleidigung des Arbeiterstandes. Des Weiteren verbreitete sich Redner über den Brodzoll, den er als einen Blutzoll schlimmster Sorte bekämpft. Redner beantragt, die Position „Backwerk" an die Kommission zurückzuverweisen. Präsident Graf Ballestrem: Es find folgende Anträge eingegangen: 1) her Antrag Stolle auf Rückverweisung der Posftioa Backwerk; 2) ein Antrag Sachse, den Antrag Stolle durch lieber- gang zur Tagesordnung zu erledigen und lediglich die Anmerkung zu der Position .Backwerk", betreffend den Grcnzvcrkehr, an die Kommission zurückzuverweisen, 3) ein Antrag Stockmann, auf Rückverweisung deS ganzen Abschnittes, über den der Abg. Gothein referirt bar, einschließlich seiner Anmerkungen; 4) cm Antrag Spahn, über alle auf Rückverweisung gestellten Anträge zur Tagesordnung überzugchen. Abg. Dr Svalm (Ctr.) begründet seinen Antrag. Eine Aende» rung gegen den bisherigen Zustand sei bezüglich des Grei'zverkehr» nur insofern eingetreten, als dem BundeSralhe statt der bisherigen Befugniß, mißbräuchlichen Grenzverkebr zu verbieten, jetzt die Be- fugniß eingeräumt sei, den Grenzverkehr dort, wo eS wünschens» Werth sei, zu gestatten. Abg. Dr. Stockmann (Reichsp.): Wir haben feit Beginn der gestrigen Sitzung die Erfahrung gemacht, baß die Berichterstattung von der Linken sehr kritisch behanbelt wirb, bah bie meisten Herren von ber Linken nicht zufrieden zu sein scheinen. Ferner jjaben wir die Erfahrung gemacht, daß bei den Herren daS Denken insofern etwas langsam ist, als ihnen erst nach und nach klar wurde, welche Positionen von den Berichterstattern nicht genügend berücksichtigt waren (Heiterkeit rechts), sodaß ihre Anträge auf Rückverweisung nach einander kamen. Ich habe ein wohlwollendes Herz (große Heiterkeit rechts! und wollte den langsam denkenden Herren von der Linken zu Hilfe kommen, indem ich den Antrag gestellt habe, btc sämmtlichen Positionen zurückzuverweisen. Nun ist mir ja allerdings ber Antrag Spahn dazwischen gekommen, aber Herr Stolle hat die Nothwendigkeit der Rückverweisung ja bargelegt, unb ich bin überzeugt, daß alle diejenigen Herren, die sich durch Herrn Stolle haben überzeugen lasten, entschieden gegen den Uebetgang zur Tagesordnung stimmen werden. Deshalb bitte ich alle diese Herren, gegen den Antrag Spahn zu stimmen. (Stürmische Heiterkeit und Beifall bei der Mehrheit.) Auf Antrag des Abg. Stadthagen ist die Abstimmung eine namentliche. Die Abstimmung ergiebt die Annahme deS AntrageS Spahn mit 227 gegen 79 Stimmen bei einer Stimmenthaltung. — Ter Abg. Singer hatte bei der Abstimmung ebenfalls einen Zettel vor sich hingelcgt, der Schriftführer Paasche hat ihn aber nicht genommen. Zur Geschäftsordnung erhält daS Dort Abg. Graf Hompesch (Centr.): Tie Sitzung hat bereits sieben Stunden gedauert, und ich glaube, dem Bedürfuiß des Abg. Droe- mel entsprechen zu sollen, indem ich beantrage, eine kleine Ruhepause eintreten zu lassen und die Sitzung um 7 Uhr fortzuseyen. (Beifall und Heiterkeit bei der Mehrheit.) Der Antrag wird angenommen und die Sitzung um 5 Uhr vertagt. Fortsetzung der Sitzung heute Abend 7 Uhr. Politische Tagesschau. Der Kaiser unpäßlich. Aus Slawentzitz in Schlesien berichtet ein Telegramm des Wolff'schen Dcpeschen-Bureaus vom 4. Dez.: Ter Kaiser zog sich in Groß-Strehlitz eine leichte Entzündung des linken Auges zu, und nahm deshalb nicht an der heutigen Jagd teil, sondern verbliebl im Schlosse. Der Kaiser wird bereits morgen abend nach dem Neuen Palais zurückkehren. Aus Breslau wird weiter berichtet: Wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, hat der Kaiser wegen Augenentzündung die Reise nach Trachenberg, sowie das Essen beim hiesigen Kürassier- Regiment aufgegeben. Zur kritischen Lage im Reichstag. Im Reichstag 5am es auch am Donnerstag zu erregten Austritten. Im Verlaufe einer stürmischen Szene ries, anschließend an / eine Geschäftsordnungsdebatte, Vizepräsident Graf Stolberg den Abgeordneten Singer, der die Treppe zur Rednertribüne nicht verlassen wollte, dreimal zur Ordnung und schloß Singer von der Sitzung aus. Ter Präsident vertagte die Sitzung auf eine halbe Stunde, da Singer die Treppe nicht verließ. Ter Lärm während der Vorgänge war so groß, daß weder der Vizepräsident, noch der auf der Rednertribüne stehende Abg. Spahn sich verständlich machen konnten. — Vor Wiederaufnahme der unterbrochenen Sitzung traten das Präsidium und die Führer der Mehrheitsparteien zu einer Besprechung zusammen und einigten sich dahüt, von dem dem Präsidenten zustehenden Mittel der Executive gegenüber dem Abg. Singer keinen Gebrauch zu machen. — Tie Sozialdemokraten hatten in der halbstündigen Pause eine Fraktionssitzung abgehalten. Abg. Bebel hatte in einem an den Präsidenten Ar äsen Ballestrem gerichteten Schreiben gegen den chm in der gestrigen Reichstagssitzung vom Vizepräsidenten Grafen Stolberg erteilten Ordnungsruf Einspruch erhoben. Eine Beschlußfassung über diesen Einspruch soll am Freitag ohne Erörterung herbeigeführt werden. In einer besonderen Drucksache teilt Graf Ballestrem diese Thatsache dem Hause mit, und fügt zur Information einen Auszug aus dem stenographischen Bericht über die gestrige Sitzung bet — Ein für gestern abend in Aussicht genommenes Tiner betm Reick-stags-Präsidenten ist wieder abgesagt worden. — Für die Reichstagsdiener ist im Reichstage eine besondere Lerpflegungsstation eingerichtet worden. Tie Vertreter der Mehrheits-Parteien haben nach einer irlanlentarischen Korrespondenz gestern der leitenden Stell- » feste Zusta-erung gegeben, ,ie wurden alles daran setzen, den Kampf um den Zolltarif und die Ausrecht- erpaltung der Oronung im Reichstage in Zukunft durch- AujuljreiL Auch das Präsidium soll versprochen haben, seinen Posten unter keinen Umstaiioen zu verlassen. Hitzung brr Stadtverordneten. Gießen, 4. Dezember 1902. Beginn der Sitzung 4 Uhr iu Minuten. Anwesend der Oberbürgermeister Mecum, der Beigeordnete Georgi, Magistralsasjeisor Eurjchmann uno 2 2 Stadtver- ordnete. Dor Eintrüt in die Tagesordnung macht Oberbürgermeister Mecum darauf aufmerksam, daß abends um 9 Uhr im Lass Leib eü.c Versammlung des zu gründenden VerkehrSveretnS stattlinden werde, deren zahlreichen Besuch er mit Rücksicht auf die Wrchtigkeil eines solchen Vereins empfehle. Cs toiio dann in die Tagesordnung eingetreten. Zunächst werden ohneTcbalte verschiedene R echn u n a e n, die Lieferung von Spülbrunneiirohren unb verschiebbaren Spul klappen für den trage au, Genehmigung der K u n st s ch l o j f e r a r b e 11 e n für die Kapelle des neuen Friedhofes macht £ ber- bü.germeifter Mecum daraus ausmerks..m, daß bei Ber- gebung der Arbeiten an den Mindestfordernden Schlosser- meister Wigandt diesem ein Irrtum unterlaufen fei. Wigandt habe für 4 Thür schlosser je 125 Mk. fordern wollen, der Offerte nach habe man aber annehmen müf.en, daß Wigandt alle vier Tyürschlösser zusammen für 125 Mk. liefern wolle. Es werde indessen jetzt der Versammlung empfohlen, diesen Irrtum anzuerkennen, und Wigandt für jedes Schloß 85 Mk. zu bezahlen. Tas wäre die Summe, die der zioeite Mindestfordernde, Schbosfermeister Stohr, gefordert habe. Wigandt bleibe trotz des höheren Ansatzes dieser einzelnen Position in der Totalsumme der vergebenen Arbeiten noch immer der Mindestfordernde. Die Versammlung beschließt demgemäß. Wie im vergangenen Jahre sollen auch diesmal Notstandsarbeiten vorgesehen werden, die ja, wie Oberbürgermeister Mecum ausführü eine moralische Pflicht seien, wenn thatsächlich ein Notstand eintrete. Tie sozialpolitische Kommission und die Baudeputution hätten die Sache beraten und beantragten wie ün Vorjahre wieder bei achtstündiger Arbeitszeit einen Tagelohn von 2 Mk. zu zahlen. Saisonarbeiter (Maurer, Zimmerer rc.) svlllen nicht berücksichtigt werden. Es müßten sich diejenigen, denen Notstandsarbeiten zugewiesen würden, auch darüber ausweifen, daß sie hier ansässig seien, aus welchem Grunde sie ohne Arbeit feien, daß sie sich um solche bemüht hätten usw. Personen von 16 und 17 Jahren sollten nur dann zugelassen werden, wenn sie eine Familie ut ernähren hätten oder doch dazu beitragen müßten. Stadtv. Pirr wünscht eine strengere Kontrolle hinsichtlich der Annahme von Arbeitern. Oberbürgermeister Mecum sagt diese, soweit sie sich auf jugendliche Arbeiter beziehe, zu; in anderer Hin- ,ccht sei die Kontrolle streng genug. Tie Versammlung genehmigt die nötigenfalls erforderlich werdemden Summen. Tie Straßenkostenbeiträge für die Alicestraße, die Johannesstraße und die Wiesenstraße wollen die Anlieger der Straßen nicht bezahlen, Oberbürgermeister Mecum beantragt daher die Zustimmung zur Beschreitung des Klageweges, bie auch erteilt wird. Von den Architekten Stein und Meyer ist ein Gesuch eingegangen um Eröffnung der verlängerten Ludwigs st raße. Die Baudeputation beantragt, das Gesuch abzulehneu, da ein Bedürfnis dazu nicht vorliege. Tie Versammlung beschließt demgemäß. Es folgt der Antrag, betr. die militärische Orya- nisatiou der Schutzmannschaft und die Polizei» kosten. Ta durch diese Organisation der Stadt furanzielle Vorteile erwachsen durch die Rückvergütung von 4645 Mk., die damit verbuiiden ist, und da. im Falle Mckitäranwärter manaeln sollten, Civllanwärter angestellt werden dürfen, genehmigt die Versammlung gegen die Stimme des Stadtv. Krumm den Antrag. Es werden dann die AuSnahmetage für die Dcschäfti- gungszeit und den Ladenschluß der Geschäfte im Jahre 1903 analog dem Beschlüsse vom 29. Nov. 1900 festgesetzt. (Wir teilen diesen Beschluß an anderer Stelle dieses Blattes mit T. Red.) Stadtv. Haubach ersucht den Oberbürgermeister Mecum, dahin zu wirken, daß an Sonntagen während der Sonntagsruhe die Auslagen der Geschäfte geöffnet werden sollen. Er weist auf eine Notiz des „Gieß. Anz." hin, wonach die Handels- Cammer dasselbe zu erstreben suche. Stadtv. Heichelheim glaubt, daß hier ein polizeiliches Verbot in Frage komme unb ersucht, sich daher mit der Polizei in Verbindung zu setzen. Oberbürgermeister Mecum teilt mit, daß das Verbot im Polizeistrafgesetz stehe. Stadtv. Landgerichtsrat Tr. Schäfer hält den gegenwärtigen Zeitpunkt für sehr geeignet, da das Polizeistrafgesetz z. Z. eine Umarbeitung erfahre. Es wird beschlossen, die Bestrebungen der Handelskammer. die bie Aushebung dieses Verbotes bezwecken, nach Möglichkeit zu unterstützen. Tie folgenden Punkte der Tagesordnung: Rechnung der Plcck scheu Stiftung für 19<)l/t)2; Voranschlag der Plock- scheu Stiitung für 1903/04; Ersuch deS Karl Ernst Christel um Erlaubnis zum Sciriebe der (Sastwirtschost im Hause Seltersweg 40; unb Gesuch ber Anne. Frrlsch £’ *rjc um Erlaubnis zum Betriebe emer S< . tjcaaf; auie Nordanlage 1 werden ohne Tcbalte genehmigt. Tamil ist die Tagesordnung erschöpft. Stadtv. Petri beglückwünscht namens der Stadtverordneten den Oberbürgermeister nie cum zur Verleihung des Titels „Oberbürgermeister". Oberbürgermeister Mecum dankt für diese Gratulation. Er glaube, daß diese Ehrung weniger feiner Person, als der Stadt gelle; er würde sich freuen, noch lange an dieser Stelle zu liehen, die er umsomehr schätze, als sie ihm von seinen bisherigen Stellungen schon um deswillen am angenehmsten sei, als bie cikr- iiimmlung stets gern alles bewilligt habe, was zur Hebung unb Förderung der Stadt notwendig gewesen wäre, daß ju sich überhaupt niemals „knickerig" gezeigt habe. — Es folgt geheime Sitzung. Aus Stadl und Suiid. — Personalien. Der Großherzogliche Hofjunker unb Gerichtsaccessist Freiherr Dr. Erwin v. Heyl zu Herrn S- heim ist mit Allerhöchster Ermächtigung Sr. RgL H. deS Großherzogs für die Dauer emeS Jahres der Großh. Gesandtschaft in Berlin attachirt worden. — Se. Kgl. H. der Großherzog haben Allergnädigst gerilht, am 3. Dezember den Bezirkskassier der Bezirkskasse Michelstadt, Ludwig Müller, zum Ministerialregistrcckor bei dem Ministerium der Finanzen zu ernennen. ** Auszeichnungen. Ter Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 22. Nooember d. I. dem KurhauS- aufseher Heinrich Horn zu Bad Stauheim bie Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen der ihm von S. H. dem Herzog von Anhall verliehenen Silbernen Medaille des Herzoglich Anhaltischen Hausordens Albrechts dcS Bären zu erteilen. Vermischtes. ♦ Brest, 4. Dez Infolge des herrschenden Sturme» ist in der Nähe der Küste ein großer Tampfer, dessen Name noch unbekannt ist, auf Grund geraten. Mehrere Rettungsboote sind zur Hilfeleistung abgegangen. Chicago, 4. Tez. In dem in der Madson st raße Gelegenen Hotel Lincoln brach heute früh Feuer aus, durch das 23 Personen ihr Leben einbüßten. Ta- Hotel wurde nicht zerstört. ES heißt, bie meisten Mitbewohner seien infolge Erstickung gestorben. 19 Leichen )inb bisher geborgen. Beim Ausbruch bes Feuers sprang« viele aus bent vierten Stock, anbere versackst en sich butdj Herab klettern zu retten. Ein Telegramm aus Chicago von heute besagt: Wie jetzt festgestellt worben ist, beläuft suv die Zahl der bei dem Brande im Hotel Lincoln amge- fommenen Personen auf 14. Tie übrigen, für tot gehaltenen Personen waren nur durch die eingetretene Rauchoer- siistung bewußtlos geworden, unb es gelang, sie wieder ins Leben zurückzurufen. Ncuclle yiclvuiuirn. Lriginaldrahtmeldungeu dc» Gießener Anzeiger. Berlin, b. Dez. Die ,D. T.-Z.^ meldet, daß die MchrhcitSpartcien eine» Antrag im Reichstage ein« brachten, nach dem der Präsident das Recht erhalt, das Wort zur Geschäftsordnung nach freiem ^rmcsieu zu erteilen. Außerdem soll lein Redner länger als 5 Minuten spreche« dürfen. — Der,Lok.-Anz.' meldet, daß der frühere RelchStagSpräsldent v. Levetzow abermals einen leichten Schlaganfall erlitten habe. — (Seltern abend fanden 27 sozialdemokratische Versamm!ungen statt, in denen über „Umsturz im Reichstage* gesprochen wurde. Eine der Versammlungen mußte wegen des herrschenden TumutteS aus- gelöst werden. — Ter „Lok.-Anz.* meldet aus Kiel, dov der Dampfer „Renate* bei starkem Sturm eine Dampf- pinasie überrannte. Die Pinasse sank, die Besatzung wurde aoriB'14 — d^rzüg"cheS Lchuupfenmtttelk