Samstag 4. Oktober 1903 15Ä. Jahrgang Drittes Blatt Nr. 333 Erschein« ««glich außer Sonntag-. Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siegener Kamillen- blätter viermal in der Woche beigelegt. Notattonsdruck u. Verlag der Brü h l'schen Ünwers.-Buch- u.Stein» druckeret (Piets ch Erben) Nedaktton, Expedition und Druckerei: Schnlstratze 7. Adresse für Depeschen! Anzeiger Gießen. tzernsprechanschluß Nr. 51. vezngSPrei»! wnMW monatlich7bPs.,vtertelck W ES V jährlich Mk. 2L0; durch Gietzener Anzeiger W General-Anzeiger v Amts- und Anzeigeblatt für den Meis Gießen MW Deutsche Krösehler. Nicht nur einzelne Menschen haben Erbfehler, auch aanzen Völkern sind eigen: Fehler, die Jahrtausende hindurch die Ursache leidvoller Geschicke werden. Hochbegabte Stämme sind geschwunden von der Erde, als warnende Schemen tauchen andere aus den Blättern der Geschichte aus, die so oft Lehrerin sein könnte und doch so selten es ist, weil die Meisten ihre Sprache nicht verstehen oder nickt hören wollen, was sie spricht. Wie die Individuen sind auch die Völker selbst Täuschungen unterworfen; gern hören sie ihr Lob, ungern den Tadel, und lieben es, der Gesamtheit Eigenschaften und Verdienste zuzuschreiben, die oft nur das Eigentum Weniger sind. Ein treffendes Beispiel geben in dieser Hinsicht die Franzosen. Die preisen sich selbst als die große, die edle, die ritterliche Nation, wenige Völker aber sind unedler, unritterlicher gegen Schwächere, gegen Besiegte verfahren, als gerade sie; kaum ein einziges Volk hat die wahrhaft edlen und ritterlichen Elemente in seiner Mitte so verfolgt, und ausgemerzt, als das französische. Anderer Art ist die Selbsttäuschung der Deutschen. Ihr Lieblingswort ist die „Deutsche Treue". Deren berühmen sie sich allerwegen, und doch, wenn man schärfer in die Geschichte blickt, wie wenig sind sie dazu berechtigt; wie gering ist, während ihr schönster Charakterzug die Treue am gegebenen Wort ist, ihre Treue gegen das eigene Volkstum gewesen. Von deutscher Treue ist viel geredet, viel geschrieben, viel gesungen worden, aber die Treue ist wie das Weib dann am beshen, wenn am wenigsten von ihr gesprochen wird. Hätte sie existiert, so wäre die Entwickelung unseres Volkstums eine andere, glücklichere gewesen. Eng verknüpft mit dem Mangel an echter Treue gegen das Volkstum war bei den Deutschen von jeher der Mangel an politischer Einsicht. Erschreckend ost sind den erleuchteten Geistern des deutschen Volkes, die ihm den gebührenden Platz unter den anderen Nationen zu schaffen strebten, Kurzsichtigkeit und Eigennutz hindernd in den Weg getreten. Auf deutschem Boden besonders gut gedeiht auch das Gewächs der „Vorliebe für das Fremde". Bewundert wird, was weither von außen kommt; gering geachtet oder mißachtet ist nur zu oft das Heimische. Selbst vielen gebildeten Deutschen mangelt auch jetzt noch zu sehr jenes ruhige Selbstgefühl, das ruhig prüfend das Fremde in seinem Werte erkennt und anerkennt, aber nicht blindlings das Heimische unterschätzt oder gar leichthin es opfert. Andererseits wieder wird bei uns zu Lande eine Selbstüberhebung zur Schau getragen, die nicht minder fehlerhaft ist. Man bläht die Stellung Deutschlands im Weltkonzerte zur ersten Geigerrolle aus. In einer Besprechung der Posener Kais er tage sagt Maximilian Harden in seiner „Zukunft" leider nur mit allzuviel Recht: Posen ist eine Etape. Ganz soweit waren wir bisher noch nicht. Gewiß: Alles wird bald wieder frisch zurecht gebügelt sein und wir werden hören, daß die Russen unsere intimsten Freunde, die Polen versöhnt, die Franzosen von altem Haß geheilt sind und Briten und Amerikaner ungeduldig der Stunde harren, da unter- deutscher Hegemonie der große Bund der germanischen Stämme die Welt zu teilen beginnt. Noch jedes Mal haben wirs nach einer bänglichen Pause gehört. Nach dem Kanalfest, wo russische uitb französische Seeoffiziere in Tafelreden den Tag herbeiriefen, der ihre Flotten wieder im Kieler Haien vereint sähe, nicht z,lr Schau dann aber, sondern zum Stampf. Nach dem diplomatischen Intermezzo, das der Ernennung des deiitschen Oberbefehlshabers für China olgte. Nach jedem neuen Versuch, neue Liebe zu werben. Im Auslände dagegen ist man zumeist anderer Meinung. Tas weiß jeder, der aufmerksam die ausländischen Zeitungen und Zeitschriften lieft. Diese Lektüre bringt gar manchen ernsten und besonnenen Mann in Harnisch, um einen Passus aus dem Briefe eines Freundes des „Gieß. Anz." zu zitieren, man „weiß nicht, ob mehr über bte Frechheit des Auslandes oder über die Schwäche und Jm- bezilität der deutschen Politik". Ein Selbstgefühl ohne alle Prahlerei, ohne „pathetische Posen und theatralischen Klimbim", ein solches, das das Heimische im eigenen Herzen hochstellt, ist der beste Bewahrer der Nationalität. Weil dieses mangelt, darum geben auch viele Deutsche in der Fremde so leicht ihr Volk und seine Sprache aus, werden Deutsche sogar innerhalb der deutschen Grenze zu Renegaten, zu Feinden und Verrätern ihres Volkes. Man braucht gerade nur auf unsere östlichen Landesteile zu sehen, um zu erröten vor Scham über die sträfliche Wandlung Deutscher in Polen. Zum Teil ist dieser Mangel eine Folge der langen politischen Zerrissenheit des deutschen Volkes; zum anderen Teil eine Folge des Fehlens ernes festen und stetigen Wollens; zum dritten aber entsprmgt er der unseligen Charakteranlage der Deutschen, das Ausländische höher zu schätzen als das Heimische. Hiermit hangt zusammen, daß der Deutsche selten versteht, das Widerstreben unterworfener Stämme durch richtige Behandlung zu überwinden. Ferner gehört hierher ein ganz eigenartiger Charakterzug der Deutschen, der Gegensatz zwischen mächtig ausgreifendem Streben und scheuem, ost zaghaften Stch- beschränken. Wie der alte Germane jauchzend und das Leben achtlos wegwerfend sich in das Schlachtgctümmel stürzte, als Sieger lawinengleich den Kampfplatz fegte, sieglos aber leicht einer dumpfen Ergebung in das Schicksal verfiel, so geht auch heute noch in kleinlicher Fehde, elendem Parteigczänk mit trauriger Schnelligkeit die Wirkung großer Zeiten verloren. Wie oft hat das Deutschtum großen Aufgaben gegenüber sich groß erwiesen, wie ost ist es wieder klein am Kleinlichen geworden! Zorn und Neid, Haß und Streit um nichtigste Tinge haben bei den Deutschen nie gefehlt. Zwar lebhafter und leichter erregt sind die meisten anderen Völker, aber die Trunkenheit der Leidenschaft hat unseren Vorfahren ebenso wenig gemangelt wie jenen; und diese Erbschaft ist den Enkeln geblieben. Wohl müssen wir an das Thun unserer Ahnen einen wesentlich anderen Maßstab anlegen als an Menschen und Verhältnisse der Gegenwart, aber selbst dann noch drängt oft das befremdende Gefühl sich auf, wie heiß doch bei diesen Kindern einer kalten Sonne das Blut gekocht hat, mit welch grimmem Hasse sie einander zu vernichten wußten. Zeigte die Trunksucht ihres Zornes sich noch nicht so auflohend wie die der Südländer, so war sie dafür um so ausdauernder, gerade wie ihre Neigung zu berauschendem Trunk, wie ihre Leidenschaft des Spiels, in der sie alles vergessen konnten, was ihrem Leben Wert gab, und in der sie hartnäckig hintereinander ihre Habe, Weib und Kind und schließlich bie eigene Freiheit auf den rolken-den Würfel setzten. Der Nachweis, daß es wirklich immer dieselben Fehler gewesen sind, die die schweren Schicksale über die Deutschen gebracht, kann nur an der Hand ihrer Geschichte geführt werden. Sie lehrt uns, wie die deutschen Erbfehler die Schicksale der Germanen beeinflußt haben, und wie zu ihrem bitteren Schaden die Deutschen die Treue gegen ihr Volkstum nicht gehalten haben, seit sie, aus dem Tunket der Vorzeit auf- rauchend, auf die Erde geschritten sind. Erkenntnis dessen, was ihnen frommte, war Wotans Kindern nicht gegeben; erst bittere Erfahrungen, unsägliche Leiden vermochten darin einigen Wandel herbeizuführen. Unbedingt hat dos letzte Jahrhundert den Deutschen ein regeres und kräftigeres Gesamtbewußtsein gebracht, als je vorher ihnen eigen war. Wenn einst Germanen vom Rhein bis zum Schwarzen Meer äßen, das Bernsteinmeer befuhren, in den Gebirgen Skandinaviens das Renntier, in den Wäldern der Kärpathen und auf den Steppen des Tniester den Elch-, den Ur- und den Edelhirsch jagten, so ist das deutsche Volk jetzt eingezwängt tat enge Grenzen. Mer selbst innerhalb dieser gewinnen fremde Elemente an Boden, lediglich weil die Deutschen, miteinander hadernd, die Gefahr nicht erkennen oder unterschätzen, jenen Elementen wohl gar aus Augenblicksrücksichten oder aus falscher und ungedankter Humanität Vorschub leisten. Zu ändern ist an dem Besitzstand des heutigen Europa nichts mehr, die Grenzen der Staaten stehen fest, die Lande sind besetzt. Mehr aber darf uns nicht verloren gehen, und ebenso wenig die Lehre, die eine 2000jährige Geschichte dem gegenwärtigen Geschlechte giebt: Seid einig! Sonst geht auch das neue Deutschland unter, sonst ist der Glanz von 1870 nur das Aufleuchten eines erldschenden Sterns gewesen. Aus Stadt und Land. Gießen, 4. Oktober 1902. ** Stenographie. Nachdem auf dem 7. außerord. Stenographentag in Berlin im August d. I. das gesamte Gabelsbergsche Lehrgebäude einer durchgreifenden Reform' unterzogen worden ist, beginnt nunmehr die Gabelsbergsche Schule allenthalben in emsiger Thätigkeit ihre Winter- propaganda, die ihr durch die Ergebnisse der Systemrevision wesentlich erleichtert ist. Durch die BesclMse des Berliner Stenographentages ist das Regelwerk des Systems konsequenter noch als bisher durchgeführt, wesentliche Erleichterungen, insbesondere für den Unterricht, sind geschaffen worden, sodaß nach wiederholt und eingehend an- gestellten Untersuchungen und Vergleichungen das System — ohne daß es an Kürze und Prägnanz auch nur die geringste Einbuße erlitten hatte — fast in der Hälfte der früher für den Unterricht erforderlichen Zeit gelehrt werden kann. Wir möchten nicht verfehlen, auch hier auf die demnächst beginnenden Unterrichtskurse hinzuweisen, da die Erlernung der Stenographie nicht dringend genug empfohlen werden kann. B. Grebenau, 2. Okt. Nachdem die hiesige Spar» lasse auf Antrag mehrerer Mitglieder dem hiesigen Geistlichen einen Betrag von nahezu 100 Mark zur Begründung einer Volksbibliothek für die Gemeinden des Kirchspiels zur Verfügung gestellt hat, kann das Lesebedürfnisi unserer Landleute, das sich besonders im Winter geltend! macht, in reicherem Maße Befriedigung finden, zumal hier auch schon eine Schülerbibliothek unter Verwaltung des ersten Lehrers besteht, die fleißig benutzt wird. rg. Marburg, 2. Okt. Gestern abend kurz nach 10 Uhr überrannte der von Frankenberg kommende Personenzug aus dem Uebergange bei Wetter einen mit Telegraphenstangen beladenen, mit zwei Pferden bespannten Lastwagen des Fuhrwerksbesitzers Heppe von hier. Während ein Pferd sofort tot war, stürzte das andere mit dem Knechte in einen Graben. Der Knecht blieb unverletzt. Frankfurt a. M., 2. Okt. Ein Monstreprozeß wurde gestern und heute hier verhandelt. Es erregte vor kurzer Zeit großes Aufsehen in Frankfurt, als in dem an der Ginnheimer Landstraße gelegenen Hundeasyl eine förmliche HaussuchungnachgestohlenenHunden vorgenommen wurde. Man glaubte nun die Spur und die Verüber der fortgesetzten Diebstähle gefunden zu haben, und es kam zur Anklage der unten bezeichneten Personen. Zu dem in dieser Sache heute angesetzten Termin vor der Kunst und Wissenschaft. — Deutschland auf der Turiner Ausstellung, das ist das Thema, mit bem die von Alexander Koch in Darmstadt herans- oegebene „T e u t s ch e K n n st und Dekorativ n" in dem in jeder Beziehung glänzend und reich ausgestalteten Oktober-Heft ihren 7. Jahrgang eröffnet. Es ist eine Publikation von besonderer Bedeutung, sowohl hinsichtlich der Ausstattung als des illustratwcn und terlichen Inhaltes, die uns die feit einigen Jahren an führender Stelle stehende „Deutsche Kunst und Dekoration" hier bietet. Das Seit dessen Umschlag von Prof. Peter Behrens in Darmstadt ent- morfen wurde, beginnt mit einem Aussatz von Georg Fuchs: „Tie Vorhalle zum banse der Macht und der Schönheit", tn dem an der Hand der von Peter Behrens aus der Turmer Ausstellung ge- ichafienen Hamburger Vorhalle eine bedeutsame, ganz neue Auf- affung von der Slunft als kulturellem Machtsaktor zum ersten Mal )araeleat wird. Ter Text ist in der von Behrens gezeichneten monumentalen Schrift abgesetzt und mit Buchschmuck von demselben Künstler verziert. Daran schließen sich tn großen Reproduktionen die Ansichten aus der wundervollen Hamburger Vorhalle aus der Turiner Ausstellung und solche der köstlichen Lohnungs- Einrichtungen, welche deutsche Künstler, Werkstätten und Industrielle daselbst vorgeführt und womit sie einen »sieg von inteinationer Tragweite errungen haben. Ferner enthalt das Heft zahlreiche Abbildungen nach dem Ausstellungsraum, den der Herausgeber der Zeitschrift, Alexander Koch, für seinen Verlag in tform eines vornehmen Bibliotheks-Zimmers auf der Turmer Ausstellung cm- richten ließ. Daran schließt sich eine umsas,ende Vorsuhnmg des Turiner Salons der Hofmöbeliabrik -udwig Alter in Darmstadt, der. wie auch das Koch'sche Bibliothekszimmei, von Prof. Peter Behrens entworfen wurde. — Ans Frankfurt a. M. schreibt man uns: In der soeben eröffneten L ktober-Ausstellung des K u n st s a l o n s H e r m e s sind durch Sonder-Ausstellungen vertreten der Berliner -u d w i g v. Hofmann mit 20 neuesten Werken und Dario de Re° goyos aus Madrid mit 12 Werken. Letzterer Künstler gehört neben Zuloaga zu den bemerkenswertesten Erscheinungen der zeitgenössischen spanischen Kunst. Die Gemälde, d»rekt aus Spanien kommend, werden zuerst in Frankfurt ausgestellt und sollen dann äne Rundreise durch Mitteleuropa antreten. An weiteren r scheinungen moderner Kunst erthält die reichhaltige Ausstellung neben einer Auswahl Werke von Hans Thoma, tff. v. Uhde, Max «iebermann W. Leibl, A. Böcklin, neue Gemälde von Franz Cvurtens, Paul Mathieu, O. Röderstein, I. v. Brandt, Keller- Reutlingen, F. A. v. Kaulbach, F. v. Lenbach re. — Charlotte Wiehe hatte bei ihrem ersten Auftreten am Raimundtheater" in Wien einen außerordentlichen Erfolg. Sie wird mit ihrem Ensemble am 17. Oktober am Mainzer Stadttheater gastieren. Die Künstlerin ist aus der deutschen Buhne cme vollständig neue, aber in Folge des großen künstlerischen RiiieL der ihr ans Dänemark wie aus Pans vorauseilte, mit großem Interesse begrüßte Persönlichkeit, deren äußere Erscheinung schon auf das Ungewöhnliche ihrer Begabung schließen läßt. Von Haus aus ein schlichtes Mädchen, ist Charlotte Wiehe eine Künstlerin, die auf der Bühne berauschend und faszinierend wirkt. Ten eigentlichen künstlerischen Schliff erhielt dieses Talent in Paris wohin sie 1900 übersiedelte und sich in kurzer Zeit durch ihre Leistungen zum Adoptivkind der französischen Kunst und zum Liebling des Pariser Publikums emporschwang. Dort entdeckte man auch ihre Begabung für die Pantomime, in der sie bald mit ihren geistvollen Leistungen im „La Dtain", L'homme aux PoupSes' re. alle Welt bezauberte. Für das „Renaissance-THLatre" gewonnen, ereirte sie ihre unübertreffliche „Colombine" und bewahrte sich auch an dieser Stätte ihrer Wirksamkeit auf allen Gebieten der darsteller gen Kunst, schauspielerisch wie in der Pantomime, als Kun,tlerm von unvergleichlicher Vielseitigkeit, sodaß Becaue der Autor von „La Parisienne" ihr eines Tages das höchste Lob mit den Worten spendete: ^Sie, Madame, sind die Pariserin, wie sie mrr tn memen Dichterträumeii vorschwebte." _ Björufou's soeben vollendetes Drama, das den Titel „Auf Sterhove" führt, wird im „Deutschen Theater" in Berlin tn dieser Saison in Szene gehen. — Ein neues Etädtebund-Theater. Wie man aus Halle meldet, hat die Regierung die Gründung eines großen Stadtebimd- Theaters für den Harz und M itt elf achsen genehmigt. Die Leitung ist dem Theaterdirektor Hoffmann m Nordhausen übertragen worden. Ferdinand v. Saar, ein österreichischer Dichter, der bei uns zu Lande leider noch nicht nach Gebühr geschätzt wird, obwohl er bereits dieser Tage in sein 70. Lebensjahr eingelre.e.i ist, veröffentlichte unlängst in dem Verlage von Georg Weiß in Kassel eine neue Dichtung, die er, unpraktisch genug, „Hermann und Dorothea" betitelte. Die Weltlitteratur besitzt ihre berühmte Dichtung dieses Namens, und Ferdinand v. Saar verdrängt keinen Goethe; auch in Zukunft wird also beim Zitieren dieses Titels kein Irrtum entstehen. Aber der österreichische Poet kommt bei dieser Titelwahl doppelt zu kurz; einer Dichtung, die sich den Namen eines ewigen Werkes anmaßt, bringen die Einen Mißtrauen, die Andern die allerhöchsten Erwartungen entgegen, zum Schaden des Dichters. Saar's „Hermann und Dorothea" ist ein liebliches Idyll, gleich der Goetheschen Dichtung in Hexametern geschrieben, gleich ihr aus kleinbürgerlichen Kreisen entlehnt. Und wie Goethe in dem letzten Jahrzehnt des 18.Säculums der drohenden Welterschütterung in einem Idyll die Festigkeit deutschen Sinnes und deutscher Liebe entgegenstellte, so führt uns Saar auf mährischen Boden, wo heute die Kämpfe zwischen dem Deutschtum und dem Tschechentum wüten, die von fern her in seiner Dichtung wiedertönen. Er schildert uns das schlichte Milieu eines deutschen Bauerndorfes in Mähren und die einfache, alltägliche glückliche Liebesgeschichte eines braven deutschen Jünglings und einer braven deutschen Jungfrau, die einst mit einem Tschechen verlobt war, der sie aber treulos verließ. Die Vorgänge spielen sich ohne wesentliche Steigerung und ganz konfliktlos in paradiesischer Einfalt und Ruhe ab. Ebenso glatt und leicht fließen die Verse dahin und der Leser, dem jegliche Aufregung erspart blieb, hat zum Schluß das angenehme Gefühl, mit einem formgewandten und treuherzigen Dichter und einer schlicht gemütvollen Dichtung bekannt geworden zu fein, die sich von den großen Konflikten des Lebens fern hält. Indem Saar aus jenen schweren nationalen Kämpfen auf österreichischem Boden ein Idyll herausnahm, zeigte er die Grenzen seiner Kunst, in der wir gern die gesunde Gesinnung anerkennen, die ihn der Freundschaft jedes guten Deutschen wert macht. Strafkammer sind von ,2Uen der Staatsanwaltschaft 40 Zeugen geladen. Tie V.rtcidigung hat zur Entlastung der Angeklagten noch einmal 60 Zeugen giladcn, sodaß insgesamt über hundert Leute zu vernehmen sind. Auf der Anklagebank sitzen: 1. der Friseur Lilhelm .Heiner, geb. am 16. Januar 1875 zu Eroach; 2. der Taglöhner Johann Lotz, geb. am 5. Juni 1873, dreimal wegen Tieb- stahls vorbestraft: 3. der Taglvhner Michael Gras muck, geb. am 20. September 1872 zu Goddelau, eöensatls vorbestraft; 4. der Hunüescherer Adam Hvchstadt, geb. am 10. Tezember 1862 in Königstein; 5. die Verwalterin des Tierasyls, Lina Li eben er, geb. Münden, und 6. der Phowgraph Julius L i e b e n e r, geb. am 26. Mai 1874. Tie Beweisaufnahme gestaltete sich indessen Schritt für Schritt immer g ü n st i g e r für die Angeklagten. Frau Hermine Claar-Delia, die Frau des Schauspielhaus- Intendanten und Borstcherin des Tierasyls, sagte^sehr entlastend für die Verwalterin Siebener und deren Sohn aus. Am Schluß der Sitzung wurden nach dem Antrag der Verteidigung die Angeklagten Lotz und Grasmück auf freien Fuß gesetzt, denn selbst der Staatsanwalt mußte zugeben, daß rein Fluchtverdacht mehr vorliege und im Falle einer Verurteilung die Angeklagten nur eine gelinde Strafe treffen würde. Frankfurt a. M., 3. Okt. Strafkammer. Ter Prozeß wegen der Hundedicb stähle dauerte bis nachmittags 4 Uhr. Auf eine ganze Reihe von Zeugen wird von feiten der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung verzichtet. Ter Staatsanwalt beantragt selbst gegen alle Freisprechung von der Anklage des Hundediebstahls und nur gegen Frau Siebener 100 Mk. Gewstrafe wegen Sach- -eschädigung, d. h. wegen eigenmächtiger Tötung von dem Asyl überwiesenen Hunoe, und ferner gegen Grasmück drei Wochen wegen einer Unterschlagung. Ter Gerichtshof spricht alle Angeklagten frei, bei Frau Siebener,| ihrem Sohn, dem Heiner und Lotz werden die Kosten der । Verteidigung auf die Staatskasse übernommen. Loudon, 2. Cft Es verlautet, der Ingenieur Simpson habe eine schnellfeuernde Kanone erfunden, die den Rück- prall durch einen ganz neuen Prozeß um 35 pEt. verringert. Tie Erfindung fei vo>i der deutfchen Regierung erworben worden. Belgrad, 2. Ctt. Nachdem aus Paris günstige Nachrichten über den Verlauf der nuiimehr nach der Rückkehr RouvierS formell begonnenen Verhandlungen behufs Zulassung der 60->Millionen- Anleihe zur Notirung an der Pariser Börse etngegemgen frnb, dürste Ministerpräsident Wunsch sich in einigen Tagen nach Paris begehen. Im gestrigen Ministerrate m Nlsch wurde beschloßen, die Bankgruppe vorher nochmals energisch zur sofortigen Zahlung des fälligen Ralenvorschusses von 15 Millionen auszusordern. lUödj?ntlid;c Wrriitzt Lkr LodrsMe m üer Stadt tzießkn. 36. Woche. Vom 31. August bis 9. Septbr. 1902. Einwohnerzahl: angenommen zu 26 400 (infL 1600 Alarm Milttär) «terblichkeitsziffer: 24,09,^ nach Abzug von 3 ES starben an: Zusanimen: Lungen-Tuberkulose 1 Krebs 3 (2) Gicht 1 Rippenfellentzündung 1 Verunglückung 1 (1) Abzehrung 3 Ledeusjcy wache 1 Brechdurchfall__1 __________ Summa: 12 (3) 7 (3) 4 1 Anui.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie md der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießeii gebrachte Kranke kommen. 3 1 1 3 (2) 1 1 1 (1) Kinder Erwachsene: int vom 1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr Schisssnachrichten. Bremen, 1. Skiober. (Per transatlantischen Telegraph. Ter Toppelschrauben-Postdampfer .Friedrich der Großes Kapitän M. Eichel vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist gestern 4 Uhr nachmittags in Newyork angekommen. ,R e d Star Sinie* SLntroetpen. Ter Postdampser .Friesland* der.Red Star Linie' in Antwerpen ist laut Telegramm am 30. September wohlbehalten ch Nem-2)ork angekommen. ES versäume Niemand vor Veränderung seiner Wohmmg oder Neueinrichtung die ausgedehnten Laden- und Ausstellungsräume der Th. Ärückschen Möbelfabrik mit Atotorbetneb hier, Brandplatz, Ecke Schloßgasse, die bereirwilligst gezeigt werden, zu besichtigen. Vornehmste und einfachste Zimmeremrichmngen m jedem Ltil, komplett mit allem, Vorhängen, Teppichen, Lustre, Endnerschen Kunstverglasungen :c, versehen, in großstädtischer Auswahl. Separate Abteilung auch für ganz billige Möbel. "* ist ein ausserordentlich nahrhaftes Getränk, welches einen wohl- thuenden Einfluss auf die Nerven ausübt Unübertroffen für den täglichen Gebrauch? VAN HOUTEN’s CACAO “ hohen Fleischpreisen i IIII limWH «II«Ww leistet die altbewährte 6875 MAGGI-WÜRZE der Hausfrau unschätzbare Dienste, um aus billige Art schmackhafte Gerichte zu bereiten. Zu haben in Fläschchen von 35 Pf. an. Vergebung. Für das Großh. 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