Nr. 29 Dienstag, 4. Februar 1902 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Siebener LomilienblStter"' werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „tzesßsche Landwirt" erscheint monatlich einmal. Lietzener Anzeiger 152. Jahrg. Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für dc Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitätsdruckerel (Pietsch Erben), Gießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieß n. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 183. Sitzung vom 3. Februar, 1 Uhr. DaS Haus ist äutzerst schwach besetzt. Km Bundesrathstisch: Graf Posadorosky u. A. Die zweite Berathung des Etats des Reichsamts des Innern wird bei den dauernden Ausgaben Kapitel „Reichsgesundheitsamt" fortgesetzt. Hierzu liegt eine Resolution Lenz- mann (sreis. Vp.) vor, die eine reichsgesetzliche Regelung des Jrrenwesens fordert. Abg. Müller (Meiningen, freis. Vp.): Ich möchte die Haltung der Polizei gegenüber der Anpreisung von Geheimmitteln in der Presse besprechen. In Preußen giebt es nicht weniger als 40 Verordnungen, die solche Anpreisungen mit Strafe belegen. Es herrscht auf diesem Gebiet ein furchtbares Wirrwarr, ein wahres Labyrinth; eS zeugt von einer gewissen Gutmüthigkeit oder Laxheit der Staatsanwälte, daß nicht noch mehr Bestrafungen Vorkommen. Niemand weiß, was Geheunmitteel finb; die Redakteure sind in gewissem Sinne thatsächlich vogelfrei. Hat man doch sogar Brandts Schweizerpillen, Ulrichs Kräuterwein und ähnliche harmlose Mittel als Geheimmittel angesehen. Was hier von der Presse verlangt wird, ist vollkommen unsinnig. Eigentlich muß nächstens jede Zeitung zwei Chemiker und diverse Aerzte anstellen, die die Zusammensetzung der einzelnen Mittel feststellen. Man hat eingesehen, daß es so wie bisher nicht weiter geht und projektirt daher eine neue Geheimmittel-Verordnung, die mir in einer Broschüre vorliegt. Aber auch danach werden an den Redakteur zu große Anforderungen gestellt, selbst wenn er immer die Verordnung neben sich liegen hat. Die Presse verlangt mit Recht, daß der Redakteur nur dann bestraft wird, wenn ihn eine Schuld trifft; sonst möge man nur den Inserenten verantwortlich machen. Man kann aber ruhig annehmen, daß in 99 von 100 Fällen der Redakteur keine Schuld hat. Ich meine, zur Bekämpfung der Geheimmittel muß eine ganz andere Tattik eingeschlagen, es muß die Klinke der Reichsgesetzgebung in die Hand genommen werden. Mit dem Staats- fefretär bin ich der Ansicht, daß die Polizei nicht die Rolle der Kinderfrau zu spielen habe. Aber es geht hier wie anderswo: die kleinen Diebe hängt man, und die großen läßt man laufen. Gegen Schwindeleien, wie die Gebetsheilungen der Miß Eddy in der Flottwellstraße 4 oder des Ueberbrettls der Heilsarmee oder das Volta-Kreuz geht man nicht vor; aber Brandts Schweizerpillen sind gefährlich. Die ganze Geheünmittel-Materie muß reichsgesetz- lich geordnet werden. Abg. Dr. Müller Saga» (freis. Vp.): Im Sommer war ich mehrere Monate krank in einer Klinik, und es wurde an mich das Ansinnen gerichtet, ob ich mich nicht von Frl. Schön gesund beten lassen wolle. Ich war einer der ersten, der auf diesen Unfug in der Oeffentlichkeit aufmerksam machte. Als ich mich erkurrdigte,- erfuhr ich, daß für 2 Mk. die Stunde das Gesundbeten prompt erledigt werde und daß schon die schwersten Kranken gesund gebetet seien. Gegen diesen Unfug, der sich in das Gewand eines religiösen Kultus kleidet, müssen die Behörden m. E. einschreiten. Dann möchte ich die Verhältnisse des Krankenhauses in Groß- Lichterfelde zur Sprache bringen. Die Diphtheriesterblichkeit ist dort eine ganz enorme; es wird das auf die Behandlungsweise des leitenden Arztes zurückgeführt. Es soll dort grundsätzlich kein Heilserum angewandt werden. Ferner möchte ich den Wunsch aussprechen, daß der Bundesregierung nahe gelegt werde, die Kreis- thierärzte so zu stellen, daß sie keinerlei Privatpraxis mehr zu treiben brauchen. Nur wenn sie wirthschaftlich unabhängig gemacht werden, können sie voll und ganz chre Amtspflichten, namentlich bei Bekämpfung der Seuchen, erfüllen. Abg. Stöcker (b. k. P.): Bei dem Gesundbeten kann von wahrem Christenthum nicht die Rede sein. Man hat es da zu thun mit einer aus Amerika importu^en schlechten Philosophie und noch schlechteren Theologie. Immerhin aber hat die Sache in wetten Kreisen großen Eindruck gemacht; wenn man dagegen vorginge, würde man den Fanatismus nur verstärken. In Amerika hat man versucht, einzuschreiten, aber man hat schlechte Erfahrungen damit gemacht. Nothwendig in Bezug auf den Okkul- tismus ist zweierlei: Einmal muß eine Kommission prüfen, was daran ist. Dann muß die spekulative Ausbeutung des Aberglaubens des Volkes schwer bestraft werden. Zweifellos giebt es eine große Zahl von bewußten Schwindlern auf diesem Gebiet. Es giebt in Berlin Hunderte von Medien, die mit dem Spiritismus Geschäfte machen. Dagegen muß eingeschritten werden. Die Mittheilungen des Abg. Aittrick von vorgestern sind zum großen Theil wahr. Auch das, was er über das Berliner Kinderkrankenhaus gesagt hat, ist richtig; man hat lange geforscht, aber die Ursache der von ihm erzählten Thatsache nicht gefunden. Der Resolutton Lenz- mann stimme ich zu. Zwei Broschüren haben in letzter Zeit ein gewisses Aufsehen erregt; die Titel sind: „Mädchenopfer" und „Unter dem Deckmantel der Barmherzigkett". Der Inhalt ist durchaus sensationell, giebt aber doch zu denken. Es handelt sich um die Schwesternpflege bei Männern. Es sollen da Dinge geschehen, die nicht peinlich, soirdern im höchsten Grade schamlos srnd. Ich würde dem nicht ohne Weiteres geglaubt haben, habe aber von anderer Seite Aehnliches erfahren. Allerdings giebt es nicht genug Krankenpfleger. Aber da liegt eben eine Aufgabe des Nerchs um) der Staaten, für die Ausbildung von Krankenpflegern zu sorgen. So wie bisher kann es jedenfalls nicht Wetter gehen. ©anfeahWcr Bundesbevollmächtigter Dr. Klügmann: Wer die Broschüre gelesen hat, weiß, daß darin vielfach von Hamburgischen Krankenhamern die Rede ist. Ich will auf den leidenschaftlichen Trn der Broschüre nicht eingehen. Es ist da z. B. gesagt, Pro- fessoren und Aerzte seien hier nicht kompetent; in ihren Kreisen herrsche nur Gedankenlosigkeit und Vorurtheil; es ist von einer „Schwestern) cuche" die Rede. Von den in der Broschüre erhobenen Anklagen gegen die Krankenhausverwattung hat sich keine als wahr erwiesen. Abg. Antrick (Soz.): Gewiß können überall Mißstände Vorkommen; aber es kommt darauf an, daß man die Ursache der Mißstände ergründet und beseitigt. Die Ursache der von mir angeführten Mißstände liegt in der schlechten Bezahlung, der langen Arbeitszeit und schlechten Behandlung der Wärter und Wärterinnen. Gegen Schwestern habe ich nichts; aber es scheint mir, daß es höchst bedenklich ist, wenn 16—17jährige Mädchen auf Männerstationen die peinlichsten und scheußlichsten Arbeiten zu verrichten haben. Ich gebe die beiden Broschüren gerne preis; aber den Mädchen, die oft noch die reinen Kinder sind, werden oft in der That zu schwere Aufgaben gestellt. Wenn ein Arzt sich der Schwester annimmt, wie Prof. Rumpf in Hamburg-Eppendorf, so wird er weggeärgert. Ich persönlich halte das gemischte System, bei dem Schwestern und Wärter beschäftigt werden, für das beste. Dies System ist auch in einer Versammlung angesehener Berliner Aerzte empfohlen worden. Diese Herren haben auch bessere Bezahlung, Unfallversicherung und feste Anstellung für die Pfleger verlangt. Was haben denn die Wärter heute? Sie können jeder- zett entlassen werden. In der Berliner Charite hatte ein Wärter 7 Jahre gearbeitet; als er erblindete, wurde er entlassen und bekam aus Gnade und Barmherzigkeit 7 Mk. Pension I D<. Mann wollte absolut, daß ich die Sache hier nicht vorbrächte, weil er dann die 7 Mk. zu verlieren füchtete. Ich sagte ihm: „Ach nein, wenn der preußische Staat auch schäbig ist, so schäbig ist er doch nicht." Präs. Graf Ballestrem: Herr Abgeordneter, Sie dürfen einen Bundesstaat nicht schäbig nennen. (Heiterkeit.) Abg. Antrick (fortfahrend): Der Fall, den ich aus dem Kinderkrankenhause in Berlin vortrug, ist nicht so unerklärlich, wie Herr Stöcker meinte. Es ist nachgewiesen, daß dort vielfach Unsauberkeit herrschte; dadurch ist die Ansteckung herbeigeführt worden. Redner greift die „National-Zeitung" heftig an, weil diese erklärt habe, er habe Thatsachen vorgetragen, die ihm schon vom Magisttat als falsch nachgewiesen worden seien. Der Berliner Magisttat hat über die Höhe der Wärtergehälter falsche Angaben gemacht; das steht auf Grund von Thatsachen fest. Von Alledem, was ich damals behauptet habe, hat nichts dementirt werden können. Ich selbst habe gesehen, daß ein Kranker nach dem andern in die Badewanne hineinspringt, ohne daß die Wanne gereinigt und frisches Wasser zugeführt wird. Ich selbst habe mich davon überzeugt, daß die Desinfettions-Apparate nicht funltionirtcn. Noth- lampen in Gestalt von Stearinkerzen sind erst auf meine Veranlassung in Moabit eingeführt worden. Herr Stadtrath Straßmann hat erklärt, in Moabit seien keine Syphilis-Kranke. Dies ist unwahr, in der 21. Abteilung befindet sich eine Anzahl solcher Kranker. Redner führte die Anfangsbuchstaben der Namen und das Gewerbe einiger solcher Kranken cm. Die vollen Namen werde ich der Regierung auf Wunsch nennen. Trotzdem hat Herr Sttaß- mann die Stirn, mir Unwahrheiten vorzuwerfen. Und jetzt kommt das Blatt der Nationalliberalen uni) erklärt, mir seien Unwahrheiten nachgewiesen l Ich halte Alles das, was ich über das Moabiter Krankenhaus gesagt habe, vollkommen aufrecht. Wie kann ein Dezernent so falsche Dinge behaupten und mir vorwerfen, ich hätte die Neichstagsttibüne mißbraucht? Dann hatte ich behauptet, es seien geschlechtskranke Wärter im Krankenhause; sie würden daraufhin nicht untersucht. Das war ein Jrrthum von mir; ich hatte einen Oberwärter mißverstanden. Die Fleischüberreste der ganzen Woche in dem Krankenhause werden zusammengekocht, eine Sauce darübergegossen, und das Ganze nennt man dann Fricasse ä la Straßmann. (Heiterkeit.) Die große Masse der Wärter bekommt die von mir angegebenen Gehälter; daß einzelne wenige, die mit der Pflege selbst nichts zu thun haben, mehr erhalten, kann hier nicht in Bettacht kommen. Der Magisttat müßte sich schämen, solche Konttakte abzuschließen, wie sie mit den Wärtern abgeschlossen werden. Diese Kontrakte verstoßen gegen die gute Sitte. Die Wärter müssen sich da zu unbedingtem Gehorsam gegen die Vorgesetzten verpflichten, sie verpflichten sich ferner, nur mit 14tägiger Frist zu kündigen, während der Ver> waltung das Recht eingeräumt wird, den Beamten jederzeit ohne Kündigungsfrist und ohne Angabe des Grundes zu entlassen! Schließlich müssen sich die Wärter ausdrücklich der Bestimmung der preußischen Gesindeordnung unterwerfen! Ist das nicht ein Skandal? Hier sehen Sie, was bei der praktischen Politik der Freisinnigen herauskommt. Diese Konttakte sind ein Dokument der Schande für den Berliner Magisttat. Sorgen Sie dafür, daß diese Verhältnisse gebesiert werden; dann werden Sie auch ein ordentliches Wärterpersonal bekommen, und dann können Sie sich sagen, daß Sie gethan haben, was Sie thun konnten, zum Wohle des Staates. Abg. Franken snat.-lib.) : Nach meinem Dafürhalten trifft die Anklage des Vorredners in erster Linie den Magistrat. Es wundert mich, daß hier keiner der Kollegen, die im Berliner Magisttat sitzen, antwortet. In Krankenhäusern, wo Diakonissinnen und katholische Schwestern finb, wären solche Zustände m. E. unmöglich. Bezüglich des Gesundbetens stehe ich auf dem Standpunkt des Abg. Stöcker; allerdings schätze ich Jeden glücklich, der seine Hände noch falten kann zum Leben und zum Sterben. Die Gesundheit ist das kostbarste Gut, das wir haben; es ist daher sehr bedauerlich, daß die galizischen Arbeiter ins Kohlengebiet die Wurmttankheit importtrt haben. In Volmarstein habe ich mit mehreren Freunden hoch am Berge eine Anstalt dagegen errichtet. Auch sonst thut man alles Mögliche, um dieser Krankheit entgegen* zutteten. Es mutz dagegen aber noch mehr gethan werden. Die scheußlichste Krankheit ist die Branntweinpest. Trinken kann man, aber das Saufen soll man bleiben lassen. Das Reicbsgesund- heitsamt sollte untersuchen, ob es nicht Heilanstalten für oiese Unglücklichen errichten kann. Jedenfalls kann es mit den Regierungen der Bundesstaaten ein ernstes Wort reden und sie zu Maßnahmen veranlassen. ' ____ Abg. Stöcker (b. k. P.): Ich habe nicht die Broschüre ver- theidigt, sie gab mir blos die Anregung. Die eigentliche Ursache für meine Rede war das, was ich im Kreise meiner Bekannten mit einer Krankenschwester und zwar nicht einer freien, sondern einer angeschlossenen, erlebte; es übertraf das Schlimmste und Schamloseste, was in der Broschüre steht. Es liegen hier allgemeine Schäden vor, die das Gesundheitsamt wohl beachten sollte. Abg. Singer (Soz.): Ich muß dem Gefühl tiefer Beschämung darüber Ausdruck geben, daß in der Berliner Verwaltung solche Dinge vorgekommen sind. Ich wundere mich, daß der Magisttat nichts gegen den Abg. Antrick unternommen hat, obgleich der Kollege Anttick in einer öffentlichen Versammlung seine Anklagen wiederholt hat. Im Einzelnen mag man ja Einiges aus der Rede des Aba. Anttick als unrichtig nachweisen; aber auf solche Einzelheiten kommt es nicht an. Es befremdet mich auch, daß der Präsident des Reichsgesundheitsamts sich so vollständig in Schweigen hüllt. Die Schuld für die Mißstände trifft nicht nur den Magistrat, sondern auch die Stadtverordnetenversammlung. Es ist uns dort bisher trotz der größten Bemühungen nicht gelungen, einen Sozialdemokraten in die Krankenhauskommission zu bekommen; meine Freunde müssen daher jede Verantwortung für die Mißstände ab# lehnen. Jetzt endlich ist unser Wunsch durchgesetzt, und unser Ver- tteter wird Alles thun, um die Verhältnisse zu bessern. Das Schlimmste ist, daß hier die Schuld nicht nur einzelne Personen trifft. Auch in der besten Verwaltung können Verfehlungen vorkommen. Die Hauptursache der Mißstände liegt im System: toir müssen in den Krankenhäusern genügenbeS Personal und gut bezahltes Personal ansteüen. Die Wärter sind auch nur Menschen; ,>ci ial, das Wärter Personal Die.Aerzte müs- verpflichtet werden, ihre ibmen; die lttivatpraxi- müssen ihnen dann ganz cs ist le,n Wunder, daß sie ihren Aufgaben unter solchen Um. Uanbcn Nicht gerecht werden. Lieber der Herstellung prachtvoller Kraitt.ichamer mit allem Komfort hat in die eigentliche Ausgabe Mer vauser. die Leute gesund zu m en, etwas vernachlässigt, und zwar in Bezug auf das Aerzte-Pci •' "" - ■ und die Verpflegung. D. ...... bolle Thätigleit dem Krankenhaus zu muß ihnen untersagt werden. Allerdü andere Gehälter gezahlt werden als jeu Staatssekretär Dr. Graf v. PosadiwSky: Vor cm Jahre habe td) nach der Rede des Abg. Antriä über die Z . ä n d e i n Krankenhäusern mich an fämmtlidie Bund^ Regierungen 0etuanbt und sie auf die hier erörterten Vorgänge hmgetoiefen. Es haben darauf auch in Preußen eingehende Revisionen stattge# funden. _ Aus den Mittheilungcn des preußischen Kultusministers über diese Revisionen geht hervor, daß die Beschwerden, soweit sie sich auf die Berliner Charite und die Klinil tn der Zicgelsttaße beziehen, als unzutreffend befunden worden sind; daß sie sid, aber, soweit die Kliniken in Altona. Görlitz und Königsberg in Betracht kommen, zum Theil als berechtigt herausgestellt und entsprechende Maßnahmen veranlaßt haben. Die Thatsache, die Herr Antrick aus dem Berliner Kinderkrankenhause erzählte, ,st richtig. Die Untersuchung, die sofort angestellt wurde, hat zur Ermittelung der Ursache nicht geführt; vermuthet wird, daß die Ansteckung in Folge Unsauberkeit der Pflegepersonen eingetreten ist. Wir alle wissen, daß auf dem Gebiete des Krankenhauswesens nod) ungeheuer viel ZU thun ist. Es ist aber ganz unmöglich, hier im Hause auf diese zahllosen Beschwerden einzugehen, die lediglid; die Landesverwaltung betreffen; es ist äußerst schwierig, auf solche Beschwerden auch nur zu antworten, wenn man nicht die laufende Verwaltung in Händen hat. Bedenken Sie dod) nur, daß wir in Deutschland jetzt 3524 Heilanstalten haben! Ein Fall, den der Abg. Antrick anführte, berührt allerdings direkt das Reichsgesundheitsamt; er sprad) von einem Berliner Institut, das Versuche mit ansteckenden Krankheiten mache, und dabei mit großer Unvorsichtigkeit vorgegangen sei. Wenn sich das so verhält, bann würde allerdings ein Einschreiten des Gesundheitsamtes geboten sein, und Sie können sich darauf verlassen: dieser Frage werde ich ernst nachgehen. Im Ucbrigen muß ich aber dringend bitten, solche Beschwerden bei den Instanzen anzubringen, die verantwortlich sind; ich habe noch nicht gehört, daß diese Instanzen in Anspruch genommen worden sind. Noch eins: Es besteht vielfach in der Bevölkerung ein gewisser Widerwille dagegen, sich in ein Krankenhaus aufnehmen zu lassen. Ick; will hier nicht untersuchen, ob das begründet ober unbegründet ist. Sicher ist jedenfalls, daß in den meisten Fällen der Kranke im Krankenhause besser aufgehoben ist als in der eigenen Wohnung. (Sehr richtig!) Es ist deshalb nicht ganz unbedenklich, diese Abneigung noch zu verstärken. (Sehr richtig!) Herr Anttick hat eine Reihe von Fällen angeführt, die, wenn sie richtig sind, äußerst erschütternd wirken. Aber das müssen Sie doch alle augeben: Im Allgemeinen stehen unsere Krankenhäuser auf einem außerordentlich hohen Standpunkt. Wer der Jubelfeier für unfern hochverdienten Altmeister der Medizin, Virchow, beigewohnt hat, konnte aus dem Munde fremder Aerzte hören, mit welcher Hochachtung sie von den deutschen Krankenpflege-Einrichtungen sprachen, nachdem sie sie kennen gelernt hatten. Auch unser Aerztepcrsonal hat im Auslande einen ausgezeichneten Ruf. Mißgriffe kommen aud) hier vor; denn unsere Aerzte sind aud) Menschen. Aber ich glaube nicht zu viel zu behaupten, wenn ich sage, daß unsere deutsche medizinische Wissenschaft, sowohl nach der streng wissensd)aftlichen Seite wie in der Praxis, noch mit an der Spitze der ärztlichen Wissenschaft überhaupt steht. Unser Aerztepersonal verfügt im Großen und Ganzen über eine ausgezeichnete wissenschaftliche Durchbildung und es besitzt die größte persönliche Gewissenhafttgkeit. Die sogenannte christliche Wissenschaft und das Gesund- beten kommt meines Erachtens aus derselben Quelle wie der Spiritismus. Beide haben psychologische Ursachen, die ich für recht bedenklich halte. Diese Bewegungen ergreifen selbst Personen, von deren Bildungsgrad man erwarten sollte, daß sie so etwas weit von sich wiesen. Ich habe von einem Manne, zu dessen Beobachtungsgabe ich volles Vertrauen habe und der durchaus ruhig und leiben# schaftslos zu urtheilen pflegt, gehört, er hätte in einer spiritistischen Sitzung gesehen, wie Blumen von der Decke fielen. Dagegen giebt es keinen Kampf mehr. Mit dem Abg. Stöcker mödjte ich aber davor warnen, gegen Derartiges mit staatlichen Machtmitteln vorzugehen. Das würde die schweren Jrrthümer nur nod) mehr befestigen. Gegen Schwindler bietet ja das Strafgesetzbuch die Handhabe und ich bin nur zweifelhaft, ob man gegen solche Manipulationen unter Umständen nicht auch auf Grund beä Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb vorgehen könnte. Gegenüber der Resolution Lenzmann kann ich nur dringend warnen, an alle die Mordgeschichten zu glauben, die in den Zeitungen über Einsperrung gesunder Personen stehen. Ein psychia- ttisches Manko ist oft bereits die Lähmung einer kleinen Memorane des Gehirns, die sich nur in einer Richtung äußert, aber äußerst gemeingefährlich ist. Der Laie kann gar nicht beurtheilen, wo der gesunde Menschenverstand aufhört und die gemeingefährliche Krankheit anfängt. Ich habe nod) keinen Fall erlebt, in dem mit Bewußtsein ein Gesunder eingesperrt worden wäre; falsche Diagnosen können natürlich Vorkommen, aber das wird sich dann bald Herausstellen. Jeder Geisteskranke hält sich für gesund, und es kommt auch nicht selten vor, daß Familien, wenn ihnen die Kosten zu groß werden, einen Kranken aus dem Jrrenhause herausholen mochten und in der Oeffentlichkeit behaupten, der Eingesperrte sei gesund. Jedenfalls, map aus der Resolution werden, was da wolle: niemals werden Sie die Diagnose der Aerzte ersetzen oder verhindern können, daß Leute eingesperrt werden, die sich für gesund halten. Die Ausführung des Viehseuchengesetzes ist Sache der Einzelstaaten. Daß durch die Doppelthätigkeit der Kreisthierärzte als Beamte und in ihrer Privatpraxis Kollisionen entstehen können, glaube ich gern. Aber diese Privatpraxis ist nothwendig, damit die Thierärzte im Stande bleiben, ihre Pflicht als Beamte zu thun. Zu Geheimmitteln sollen nur diejenigen Mittel erklärt werden, die entweder absolut schädlich oder offenbar betrügerisch sind. Es soll auch ein Verzeichniß der Geheimmittek herausgegeben werden: wenn dies Verzeichniß für alle Staaten in Kraft ist, dann werden die Klagen des Abg. Müller zum großen Theil hinfällig sein; ich bitte ihn, zunächst dies Verzeichniß abzuwarten. Abg. Graf Oriola (nl.): Ich begrüße es, daß die Regierung endlich auf die Beschwerden des Abg. Anttick wenigstens geantwortet hat. Schon seit einer Stunde warteten wir auf eine Antwort. Gewiß handelt es sich hier um Landessachen, aber das Reichsgesundheitsamt ist doch der Ort, bei dem wir solche Beschwerden Vorbringen können. (Sehr richtig!) Der Staatssekretär hat sich auch an die Regierungen gewandt, also muß er doch auch die Berechtigung solcher Beschwerden anerkannt haben. Im Elisabeth- Kinderhospttal soll es an der nöthigen Reinlichkeit gefehlt haben, daß ReiLSgefirndheitsamt muß den Fall genau untersuchen Wenn Mißstände auf dem Gebiete des Krankenhauswesens herrschen, so müssen sie beseitigt werden. Mil dem Artikel der „National-Zeitung" will ich mich nicht beschäftigen, ich habe den Artikel nicht gelesen und habe ihn nicht zur Hand. Ich glaube aber sagen zu können, wenn die Redaktion der „National-Zeitung" einsieht, daß wirklich wichtige Mißstände borhanden sind, wird sie mit der national - liberalen Fraktion aufs allerentschiedenste für die Beseitigung derselben ein- treten. Von der Vortrefslichkeil der vrotestannichen und katholischen Krankenschwestern bin ich so überzeugt, daß ich diesen hier nur öffentlich den herzlichsten Dank für ihre Thätigkett aussprechen kann. Ich glaube aber, daß diese Krankenschwestern nicht zu solchen Krankheiten zugezogen werden, tote sie in den. betreffenden Schriften erwähnt worden sind. Auf mich Hal es geradezu enchörend gewirkt als ich die Thatsachen las. die tn diesen Schriften dargesrellt werden. Solche Zustände dürfen unter keinen Umständen geduldet werden. Man darf die weiblichen ^Krankenpflegerinnen nicht zu schamlosen Arbeiten heranziehen. An Stelle von Schwestern muß in solchen Fällen männliches Pflegepersonal angeschasft werden. Mtt Herrn Singer will ich mich nicht beschäftigen. Aber im Allgemeinen sind unsere Krankenhäuser Musteranstalten und überall herrscht das Bestreben nach Besserung. Wir können stolz auf unsere Aerzte sein. Nur in Einem muß ich dem Staatssekretär entgegentreten. Er hat es für bedenklich erklärt, hier Mißstände vorzubringen, weil damit der Abneigung gegen die Krankenhäuser Vorschub geleistet werde. Ich meine aber. Mißstände müssen hier zur Sprache gebracht werden, und wenn nur aus allen Seilen das Bestreben nach Besserung sich zeigt, wird gerade dadurch die Abneigung gegen die Krankenhäuser abgeschwächi (Beifall). Abg. Dr. Südekum (Sozd.): Schon wiederholt ist hier auf die Gefahren aufmerksam gemacht worden, welche die Arbeiter, die mit Borsten und Roßhaaren umgehen, bedrohen. Vor Allem liegt die Gefahr der Milzbrand - Anstellung vor. Es fehlt nicht an wirksamen Mitteln zur Desinfizirung, doch weigern sich die Unternehmer oft. fte anzuwenden weil die Borsten letden könnten. Deshalb müßte von Reichswegen eine wirksame Desinfektion angeordnet werden; man kann doch nicht fortgesetzt ganze Arbeitergenerationen den schwersten Gefahren aussetzen Das sicherste Mittel dürfte das Ausströmenlassen kochend heißer Dämpfe sein: hiermit hat man in einzelnen Bundesstaaten, z. B. Baiern, schon die besten Erfahrungen gemacht. Auch die technische Kommission für das Beterinärwefen hat sich dafür ausgesprochen. Nicht nur das inländische, sondern auch das ausländische Material mutz desinsizirt werden, jedes Sterblingsfell mutz als milzbrandverdächtig angesehen werden. Der sächsische Geheimrath Dr Fischer sagte neulich, er würde mir nicht eher glauben. daß ein höherer sächsischer Beamter zu den Sozialdemokraten übergehen wolle. bis ich ihm den Namen dieses Herrn mittheilte. Das werde ich jedoch nicht thun. Nur eins werde ich dem Herrn Di Fischer gerne bezeugen, er war nicht dtesec höhere Beamte. (Große Heiterkeit.) Präsident des Neichsgesundheitsamts Dr Köhler: Es handelt sich hier um eine sehr ernste Sache, die von dem Reichsgesundheitsamt fortdauernd verfolgt wird. Wir streben danach, das Ziel zu erreichen, daß kein Arbeiter mehr an Milzbrand erkrankt. Welche Mittel man zu diesem Zwecke anwenden muß, darüber gehen jetzt noch die Meinungen auseinander. Die einzelnen Haare und Borsten müssen verschieden behandelt werden, Schaffelle z. B. kann man nicht mit Wasserdämpfen behandeln, die Fälle würden total verdorben werden. Heber das wirksamste Desinfektionsmittel werden ununterbrochen Versuche angestellt, wir haben auch schon erreicht, daß die Zahl der Erkrankungen bedeutend abgenommen hat. Abg. Prinz zu Schönaich-Carolctth (Hosp, nl): Schon vor einem Jahre habe ich dem Abg. Antrick erwidert, es sei gewiß dankenswerth, daß Mißstände zur Sprache gebracht würden, ich habe ihn aber auch vor Hebertreibungen gewarnt. Dasselbe kann ich heute nur wiederholen. Was wir gehört haben ist einfach himmelschreiend Wer die vor- jäbrigen Ausführungen des Abg. Antrick haben ja auch den Erfolg gehabt, daß man sich in der Berliner Stadtverordnetenversammlung mit der Frage beschäftigt hat. Was ist dabei herausgekommen? Soweit ich mich erinnere, hat der Magistrat die Beschwerden für unrichtig erklärt. Wenn nun die „National-Zeitung" einen Artikel bringt, über dessen Ton der Abg. Anrrtck sich beklagt hat. den ich 'noch nicht gelesen habe, so, meine ich, trägt doch die Hauptschuld daran — tocjin überhaupt von Schuld gesprochen werden kann — der Magistrat, der damals die Behauptungen des Abg. Antrick für unrichtig erklärte. Nach dem. was der betreffende magistratuale Beamte in der Berliner Stadtoerordnelenverfainm- lung ertolderte. waren diese Angaben als unrichtig anerkannt. Das konnte der „Nationalzeitung" Veranlassung zu dem Arttkel geben ; wenn sie einsieht, daß sie sich geirrt hat, wtrd sie gewiß nicht Anstand nehmen, das zuzugeben. Wir haben ja nun gesehen, daß in Folge der Debatten aus dem vorigen Jahre Maßregeln ergriffen worden sind; wenn noch nicht alle Mißstände abgeschafft sind, so beklage ich das sehr. Der Staatssekretär meinte, die Beschwerde hätte in dem Landtage vorgebracht werden müssen. Ich meine, wir können uns nicht das Recht nehmen lassen, hier diese Dinge beim Etat des Reichsgesund- heitsamtes vorzubringen. Wenn das hier nicht besprochen werden darf, so wüßte ich nicht, wozu wir das Reichsgesundheitsamt haben. Nach der Rede des Abg. Antritt am Sonnabend bis heute wäre übrigens m. E. wohl Zeit gewesen. Erkundigungen einzuziehen und die Anschuldigungen zu entfräften, wenn es möglich ist. Ich will mich gewiß nicht zu einem blinden Lobredner unserer Krankenhäuser machen, aber ich meine, im Allgemeinen sind die Zustände in unseren Heilanstalten gut, weit besser als in anderen Ländern. Speziell Berlin hat auf diesem Gebiet Hervorragendes geleistet. Das wird von allen Seiten, besonders aber vom Auslande, lebhaft anerkannt. Es wird ja vielfach versucht, die Leistungen der Stadt Berlin herabzusehen; da hat es mich immer überrascht, die lebhafteste Bewunderung des Auslandes über das zu hören, was in Berlin geleistet wird. Das wird Allen aufgefallen sein, die an der Feier des 80. Geburtstages Virchows theilge- nommen haben. Wenn trotzdem Mißstände vorliegen, so ist es Sache der Volksvertreter, diese hier zur Sprache zu bringen. Durch solche Besprechungen kann meines Erachtens nur eine Besserung der Verhältnisse angebahnt werden. Worauf gründen sich die meisten Beschwerden des Abg. Antrick? Daraus, daß das Wärterpersonal ungenügend sei. Das Auftreten des Abg. Antrick hat bereits die erfreuliche Wirkung gehabt, daß man der wichtigen Frage des Wärterpersonals nähergetreten ist und daß man die Lage der Wärter gebessert hat. Es wird auf diesem Wege weiter fortgeschritten werden müssen, damit hier entschiedene Remedur eintritt. Wenn nun Herr Singer vorschlug, den Aerzten, die die Krankenhäuser leiten, die Privatpraxis zu untersagen, so halte ich das für schwer durchführbar. Wir müßten dann diesen Aerzten so hohe Gehälter zahlen, daß ich nicht weiß, wo wir das Geld dazu hernehmen sollen. Wir müssen Alles thun, um den Aufenthalt in den Krankenhäusern zu einem möglichst angenehmen zu gestalten. Stellen sich irgendpo Mißstände heraus, so müssen die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden; nur dadurch wird Besserung herbeigeführt. Was die Resolutton Lenzmann angeht, so meine auch ich, daß wir nach der gemachten Erfahrung alle Ursache haben, darauf zu bringen, daß bei der Ueberführung in die Irrenanstalt mit äußerster Vorsicht verfahren wird. Ich glaube, wir haben alle Veranlasiung, zu fordern, daß für eine genaue Heberwachung und Jnspizirung der Irrenhäuser Sorge getragen wird. Daß Mißgriffe Vorkommen, lehrt uns die Erfahrung alle Jahre. Niemand aber ist bedauerns- werther und hat mehr Anspruch auf dje Unterstützung seiner Mitmenschen als diese Leute, die unrechtmäßiger Weise ins Irrenhaus eingefperrt werden. Deshalb stimme ich der Resolution des Abg. Lenzmann zu. Sächsischer Geheimrath Dr. Fischer: Herr Dr. Südekum hat wieder die Geschichte von dem höheren sächsischen Beamten erzählt, der gesagt haben sollte, er würde Sozialdemokrat werden, wenn er unter solchen Mißständen zu leiden hätte. Den Namen des Beamten hat er mir aber nicht genannt. Ich kann es deshalb auch heute noch nicht glauben, daß ein sächsischer höherer Beamter so gesprochen haben sollte, denn um sozialpolitische Mißstände zu beseitigen, dazu braucht man doch nicht Sozialdemokrat zu werden. Abg. Wurm (Soz.) pflichtet Dem Abg. Südekum in Bezug auf die Mlzbrcmdgejahr bei und fragt, warum einer Eingabe aus Tapeziererkreisen übet die Staubentwickelung bei Roßhaar- polsterungcn keine Folge gegeben sei. Präsident des Neichsgesundheitsamts Köhler erwidert, eine solche Eingabe sei allerdings an das Reichsgesundheitsamt gelangt; doch habe dies nichts anderes thun rönnen, als sie resiorttnäßig weiterzugeben. Abg. Dr. Hermes (freis. Vp.): Die Rede des Kollegen Singer gehört nicht hierher, sondern in die Berliner Stadiverordnetenver- sammlung. Ich hoffe, daß der Berliner Magistral die Antwort auf die Beschuldigungen des Herrn Anttitt nicht schuldig bleiben wird. Auf Die Details kann ich hier nicht eingehen. Herr Singer beschwert sich Darüber, daß bisher kein Mitglied seiner Fraktton in der Krankenhausdeputation saß; er kann doch nicht verlangen, daß andere Herren seinen Parteifteunden zu Liebe aus Der Deputation ausscheiden. Jetzt sitzt ein Sozialdemokrat in Der Deputation, und im nächsten Jahre, wenn Die Zahl Der Mitglieder vermehrt wird, toerDcu sogar zwei Sozialdemokraten Darin sitzen. Im klebrigen bin ich Der Meinung, daß Diese Sache mehr in Die Berliner Stadtbek- orDnetenversamnilung gehört. (Beifall.) Präsident Graf Ballestrem: Ich bin vollkommen dieser Meinung. (Große Heiterkeit.) Abg. Dr. Hermes (fortfahrend): Unsere Berliner Krankenhäuser sind Muster, Deren Einrichtungen auslänDische Aerzte stu- Diren. Nach Den Angaben von Virchow wird jetzt in der Seestraße em Krankenhaus gebaut, Das vollkommen auf Der Höhe Der Zeit steht. Abg. Gröber (Ctr.): Die Behauptungen des Abg. Antrick sind so detaillirt. Daß sie Durchaus den Stempel Der Wahrheit an sich tragen. Wir haben alle Veranlassung, alljährlich zu prüfen, ob Die MißstänDe beseitigt sind. Es ist gesagt, daß Die Uebelstände hauptsächlich aus Der schlechten Bezahlung Des Pflegepersonals res fultiren. Dagegen kann natürlich Der Reichstag nichts machen. Ich weise aber Darauf hin, daß unsere religiösen Gesellschaften ein ganz ausgezeichnetes Pflegepersonal liefern, das nicht auf Bezahlung sieht, sondern um Gottes Lohn seine Thättgkeit ausübt. Ich möchte Die Gelegenheit nicht unbenützt vorübergehen lassen, ohne auch das ReichsgesunDheitsamt Darum zu ersuchen, Daß Die katholischen Ordensschwestern in ihrer Thättgkeit nicht mehr so beschränkt toerDen wie bisher. Heben wir Toleranz und führen wir Die volle Freiheit Der religiösen Krankenpflege DurchI (Beifall im Zentrum.) Abg. Peus (Soz.) weist auf einen im Volksblatt für Anhalt veröffentlichten Brief hin, in welchem schwere Vorwürfe gegen die anhaltischen Krankenhäuser erhoben sind, und fragt die Regierung, ob diese Beschuldigungen wahr sind. Das Gericht habe den Briefschreiber verhindert, den Beweis der Wahrheit anzutreten. Durch solche Vorkommnisse würde die von dem Staatssekretär beklagte Abneigung gegen die Krankenhäuser nur noch vermehrt. Dem Abg. Gröber erwidere er, daß Religion und Krankenpflege nichts mit einander zu thun hätten. In katholischen Kreisen legen die Pfleger oft mehr Werth darauf, die Kranken zu bekehren, als sie zu heilen. Er erinnere an den Fall in Köln, wo ein Kaplan eine im Sterben liegende katholische Frau noch davon zu überzeugen gesucht habe, daß sie mit ihrem evangelischen Manne nur im Konkubinat gelebt habe. Abg. Semler (nat.-lib.) weist an der Hand von Berichter! aus verschiedenen Krankenhäusern nach, daß alle Handlungen, die das Schamgefühl des weiblichen Personals zu verletzen geeignet sind, dort unterbleiben. Die Behauptungen in den Tendenzschristen, die der Abg. Stoecker vorher erwähnt habe, seien dadurch völlig widerlegt. Hiermit schließt die Debatte. Das Kapitel wird bewilligt, die Resolution Lenzmann gelangt zur Annahme. Das Hmls vertagt die toeitere Berctthung des Etats des Reichsamts "des Innern auf D i e n s t a g , 1 Uhr. (Außerdem Vorlage zum Schutze des Genfer NeutralitätszeichenZ.) Schluß 6y* Uhr. Aus MM und Mud. (Der Abdruck der unterdieserRubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Anz." gestattet.) Gießen, 4. Februar 1902. ** Tie Vereinigung für hessische Volkskunde hielt am 28. v. M. im Cafe Cbel ihren zweiten Mitgliederabend ab. Pfarrer Schulte aus Beuern sprach über: „Kirchweih im Vogelsberg". In den einleitenden Bemerkungen wurde zuerst die Bedeutung der Kirchweih dargelegt, und die verschiedenen in Hessen gebräuchlichen Namen (Kerb, Kirchweih, Kirmes) besprochen. Im Anschlüsse daran wurde gezeigt, daß die Kirchweih nicht in allen Dörfern unseres Landes ein jährlich wiederkehrendes Fest ist, ja oft sieben und mehr Jahre bis zur Wiederkehr vergehen. Als die charakteristischen Grundzüge der Vogelsberger Kirmes wurden dann folgende festgestellt: 1) Einleitung der Kirmes mit Mädchenzuteckung, Kerbmännerwahl und Antrinken der Kirmes; 2) Umzug und Tanz des ersten Kirmestages; 3) Ständchen und Tanz des zweiten Tages; 4) Schlußtanz und Begräbnis der Kirmes. Durch eine Reihe von Vergleichen wurde festgestellt, daß sich diese Grundzüge, wenn auch oft verwischt, verschoben, verändert, noch in sehr vielen oberhessischen Gemeinden zeigen. Sehr interessant waren die Einzel-Ausfuhrungen über Mädchenzüteilung, die in dreifacher Gestalt sich finden, als Herausspielung, Versteigerung und Erwählung. Nicht minder anziehend waren die Darlegungen über Ort und Zeit der Feier, über das Verhältnis zur Kirche, über die Gesänge, die Tänze, über den Schmuck der Kerbburschen und noch vieles andere mehr. — Ter ganze Vortrag hat sicherlich viel dazu beigetragen, das Interesse für das heimische Volksleben zu mehren. Iandwirhchast. Berlin, 3. Febr. Das preußische Landesökonomie-Kollegium trat heute zusammen. Vor Eintritt in die Tagesordnung erhielt Landwirtschaftsminister von Podbielski das Wort zu einer Rede über die Lage der Landwirtschaft- Redner führte aus, es sei nötig, anzuerkennen, daß an gewissen Punkten, wo die Verhältnisse außerordentlich schlecht liegen, Die Landwirtschaft nicht mehr lohne. Solche Ländereien würden besser zur Forstkultur verwendet- Auch mit der neuen Zollvorlage seien aus solchen Böden gute Erträge nicht zu erzielen. Redner erklärt, er müsse es sich versagen, näher darauf einzugehen, möchte aber heroorheben, daß seiner Auffassung nach man sich täusche, wenn man glaube, daß der Zoll uns aus die Dauer halte. Ter Zoll kann augenblickli.cn nur einen D a m m aufrichten helfen, es loinme Darauf an, daß die Behörden Diejenigen Dinge und ec.■cid aufbauten, mii Denen sie zu einer Gesundung Der <■.. .u. kommen röu^en. ReDner befrachtet Dann diesen Zoll nicht als etwas Ewiges, sondern als etwas Vorübergehendes. Menn der Zoll da sei, müßten Vorkehrungen getroffen werden, um rationelle und gute Betriebe durchzuführen. Redner betont hierauf Die NotwenDigkeit, gute Verkehrswege zu schaffen, unD zwar nicht allein Chausseen, sonDern alles, was zur Entwickelung Des Verkehrs beitragen kann. Die Kultur gehe hier an guten Straßen unD Verkehrswegen entlang. Der Minister mahnte Dann, das Auge auf Die Gesundung des landwirtschaftlichen Genossenschaft s wesens und auf die Erziehung zur Reel l i t ä t zu richten. Er wolle seinerseits für möglichst billige Beförderung der landwirtschaftlichen Produkte ein- treten, eine sogenannte Notstands Hilfe möge man aber lieber bei feite lassen. Schließlich berührte Redner auch die Leutenot und empfahl die Seßhaffmachung der kleinen Leute im Osten.___________________________' Vermischtes. * Vi llach, 3.Febr. Nach amtlicher Feststellung wurden durch die bei Bleiberg niedergegangene Lawine ein Gasthaus und zwei Hütten beschädigt. Menschen sind nicht verunglückt. * Wien, 3. Febr. Als Mörder der Rentiere Hegerhorst in der Augustenstraße wurde der Motorführer Frauscher verhaftet. Er gestand die That ein, will aber nur Diebstahl beabsichtigt und die Frau, als sie erwachte, nur aus Furcht vor Entdeckung getödtet haben. Die Geliebte Frau-- schers, Hoslinger, die bei der Ermordeten gewohnt hat, wurde wegen Verdachtes der Mitwissenschaft gleichfalls ver- hastet. Ueuefte Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Berlin, 3. Febr. Der Präsident des 40 000 Mitglieder zählenden Central-Verbandes deutscher Bäcker- Innungen Germania, Obermeister Bernard, erläßt namens des Vorstandes zur Zolltarif-Frage die Erklärung, daß er, einer Einladung nach dem Reichsamt des Innern folgend, dort zur Zollfrage die bündige Erklärung abgegeben habe: die deutschen Bäcker seien gegen jede Zollerhöhung. Sie verlangen ferner, daß die bisher im Grenzverkehr gestattete zollfreie Einfuhr von Brod, Mehl usw. bis zu 30 Kilo im neuen Zolltarif in Fortfall kommen müsse. Berlin, 4. Febr. Der Abg. Schrader brachte einen Antrag ein, wonach das Duell mit mindestens 6, und die Herausforderung mit mindestens 3 Monaten Gefängnis zu bestrafen ist; eine Anzahl weiterer verschärfender Bestimmungen ist vorgesehen. B erlin, 4. Febr. Wie Die „Berl. Pol. Nachr." vernehmen, find Schritte eingeleitet worden, zur Förderung der Herstellung von Kleinwohnungen für Unterbeamte und Arbeiter der Reichseisenbahnen. — Die „Berll Pol. Nachr." melden ferner: Die preußische Regierung bereitet eine Vorlage vor betr. die Vorbereitung für den höheren Verwaltungsdienst. Berlin, 4. Febr. Der „Nat.-Ztg." zufolge wurden in den Räumen des Viktoria-Lyeeums seit Jahr und Tag Unterrichtskurse im Gebetsh eilun gs-Ver- fahren von zwei Amerikanerinnen und einer Deutschen abgehalten, die auch zwei Kliniken in anderen Stadtteilen unterhielten. London, 3. Febr. Unterhaus. Granborne erklärt in Erwiderung auf eine Anfrage, daß Rußland! seine Absicht, Die Mandschurei, wie es anfünDigte, zu räumen, nicht aufgegeben habe. Es verlaute. Die Verhandlungen über diesen Gegenstand, welche infolge des Todes Li-Hung-Tschangs sich verzögert hätten, seien noch im Fortgänge begriffen. Balfour teilt mit, er hoffe, daß die Schriftstücke über die Mitteilung der holländischen Regierung morgen abend veröffentlicht werden würden. Haag, 3. Febr. Erste Kammer. In Beantwortung einer an die Regierung gerichteten Anfrage, ob es biejer möglich sei, über den Inhalt Der Mitteilung Der nieDerländischen Regierung an Die britische und Die Antwort Des letzteren Ausschluß zu geben, erklärte Der Minister Des Auswärtigen van LinDen, Die Antwort Englands, Die Dem nieDerländischen Gesandten in London ausgehän- Digt wurde, befindet sich bereits in Den Händen Der niederländischen Regierung. Bezüglich des Inhalts derselben kann augen b licklich nicy ts mit- geteilt werden. Da Die englische Regierung wünschte, daß die Veröffentlichung in England und hier gleichzeitig erfolgt. Tie beiden Regierungen verhandeln über Den genauen Zeitpunkt der Veröffentlichung. Tie niederländische Regierung beabsichtigt morgen abend ober an einem ber folgenden Tage ein Gelb buch zu veröffentlichen. Haag, 3. Febr. Der englische Gesandte verständigte die niederländische Regierung vertraulich, daß England niemals mit Krüger und Dr. Leyds, sondern eventuell nur mit den imFelde stehenden Buren-Kommandanten verhandeln werde. Paris, 3. Febr. Die Depeschen-Agentur Paris-Nou- velles ist angeblich in der Lage, mitzuteilen, daß Die Antwort Englands auf Die hollänDische Note feine formelle Ablehnung enthalte. Im Gegenteil soll England sich bereit erklärt Hoven, den Buren- Delegierten freies Geleit nach Süd-Afrika zu geben, um Dort mit Den Mitgliedern Der Buren-Re- gierung sich zu verständigen. B o n n h, 4. Febr. Zwei der gegen die Arostämme entsandten englischen Truppena^. uimgen hallen Gefechte mit diesen Stämmen und ura^c.i ujacit lud.ntende Verluste bei. Auf englischer Seite j,c 1 uconn allen; 14, darunter ein weißer Offizier, wurden verwundet.