Nr. 53 Montag, 3 März 1903 153. Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags. Die „Siebener Lamilienblötter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hesfiiche Landwirt" erscheint monatlich einmal. Siebener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen Unwersilätsdruckerei (Pietsch Erben), Grebe«. General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sichen. s'ssMSfflaa« 8sarsw».*ÄRF.,|w«5 Gute gekommen. Deutschland hat die große Ueberproduktion nickt Produktion hna w'upr r s ^^h^lichen Ueberschuß unserer verschuldet. Redner fiijrt ein- Reihe von Zahlen Wer “ic Ruder mW daher tatÄ Ich habe probuüi™ in den einzelnen Landern an und fahrt bom fort: für bi, o'isIÄmÄKK Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht getzattet. Deutscher Reichstag. 165. Sitzung vom 1. März Uhr. Das Haus ist sehr schwach besetzt. Sm Bundesrathstisch: Frhr. b. Lhielmann u. A. Eingegangen ist ein Nachtragsetat. Verlesen wird ferner ein Schreiben des Reichs- Ian z l e rs, aus dem herborgeht, daß die Fürstin bon Hohen- zollern sich mit dem bon der Budgetlommission bewilligten Preis bon 2% Million Mk. für das zum Neubau des Kolonialamts bestimmte Grundstück einberstanden erklärt hat. Auf der Tagesordnung steht zunächst in zweiter Berathung der bon dem Etat der Verbrauchssteuern noch restirende Titel ^Zucker st eue r". Der Berichterstatter Abg. Richter (freis. Volksp.) berichtet über die Verhandlungen der Kommission und führt aus. daß der Staatssekretär über den Stand der Brüsseler Konferenz noch keine Auskunft gegeben habe, weil die Verhandlungen noch schwebten. AuS den Zeitungsnachrichten könnte man sich kein klares Bild machen, hoffentlich würden die Verhandlungen zu einem guten Resultat führen. Abg. Dr. Pachnicke (freis. Vgg.): Ich hoffe, daß der Schatzsekretär jetzt über die Brüsseler Konferenz uns Auskunft geben kann. Die Verhandlungen sind jetzt bedeutend weiter gediehen als damals, es fehlt anscheinend sozusagen nur noch das Pünktchen auf dem i. lieber die Nothwendigkeit der Abschaffung der Prämien- wirthschast sind sich alle Staaten einig. Ein Hauptpunkt ist ferner die allgemeine Herabsetzung des Zolls auf 6 Francs. Ich hoffe, daß unsere Regierung sich damit einberstanden erklärt. Das Kartell Minister bon Podbielöki: ES ist gar kein Zweifel, daß die Zuckerindusttie sich in einer schweren Krisis befindet. Eine Ein- 1 fchrankung des Rübenbaues ist für die große Masse unserer Rüben- bauern mit großen Verlusten und Geldopfern verbunden. Es kann «T v1 genug wiederholt werden, daß dieser sehr ausgedehnte Rübenbau und der Kartoffelbau mit den Konsequenzen der Zuckerund Spiritusindustrie wesentlich dadurch mit Herborgerufen wird. Weil m weiten Distrikten uiiseres Vaterlandes der Körnerbau sich mcht mehr rentirt. (Sehr richtig! rechts.) Es ist aber zweifellos eme schwere Aufgabe, nach beiden Richtungen hin, sowohl für den Zuckerrübenbau als auch für den Kartoffelbau, die richtigen Maß. nahmen zu treffen, und ich glaube, selbst der weiseste Mann würde schwer ausrechnen können, wie nach dieser oder jener Richtung hin eine Aenderung der bestehenden Verhältnisse sich in der Zukunft ge- stalten wird. Aber ich glaube, die Redner aller Parteien sind dar* uber einig, daß Deutschland in eine Beseitigung der Exportprämien willigen soll, sofern die anderen Länder diese auch bornehmen. Ich mochte hier vor dem Hause konstatiren, daß ein größerer Theil der anderen Lander höhere Exportprämien hat. Wie Sie wissen, hatten wir schon einmal die Prämien beseitigt, und nur, um die ftonrurrcn3 auf dem Weltmarkt aufnehmen zu können, entschloß sich Deutschland zu den jetzigen Exportprämien. Herr Wurm sagte, der Zucker ist ein wesentliches Volksnahrungsmittel. Das unters fdjretbe ich. Dann aber müssen Sie auch die Konsequenz ziehen, daß das Volk nicht durch andere Süßstoffe getäuscht werden darf, r-a”£i0Scn Sre gegen die anderen scheinbar den Zucker ersetzenden Süßstoffe bor (Lachen bei den Sozialdemokraten), schaffen Sie ein ®c.*,c£' „das wirklich dem Bedürfnih entspricht. Diesen künstlichen Sußstoffeü bestreite ich die Berechtigung als Volksnahrungsmittel. Herr v Kardorff sagte, wir werden uns nicht entschließen, Rußland zu differenzwen. Zunächst hat Amerika noch vor wenigen Wochen einfach dem russischen Zucker einen höheren Zoll auferlegt. Wird die Konbention zu Stande kommen, so handelt es sich ja nicht um em einseitiges Vorgehen bon Deutschland, sondern es werden sich ■ rr < a)611 Kcmbentionsländer darüber einigen, wie die Zucker- Zolle für diejenigen Länder zu gestalten sind, die in irgend einer .aseifc Exportprämien zahlen. Die Konbention wird jedenfalls eine Änderung m den Zollsätzen herbeiführen, und sofern das geschieht, wird sie unbedingt dem Hause zur Genehmigung feiner Zeit bor» gelegt werden. Also, ich glaube, daß die heutigen Auseinander« fehungen etwas verfrüht sind, da wir ja noch nicht wissen, wie die Konvention abgeschlossen wird. Einiges wissen wir ja vielleicht, aber gut Zeit dürfen wir es noch nicht sagen. Ich glaube, wenn Di« das auch wissen, würde manches Urtheil anders ausfallen als letzt. Jedenfalls kann ick die Versicherung abgeben, daß ich al» ^ertreter der lanDwirthschaftlichen Interessen unausgesetzt bestrebt gewesen bin, nicht zu schnell vorzugehen, denn es entspricht unbedingt nicht den Interessen der heimischen Landwirthschaft, den Stab zu brechen und zu sagen: Morgen früh ist Alles in Kraft. (Heiter. kcit.l Die gegenseitigen Verpflichtungen müssen doch erst erfüllt werden, man kann doch nicht einfach die Sache auSstceichen. Das HauS wird m nicht zu fernen Tagen die Vorlegung der Konvention erwarten, können, sofern diese zum Abschluß kommt. Sie dürfen ich .versichert halten, daß von meiner Seite Alles geschehen ist, damit nicht eine plötzliche Einführung der Konvention eintritt, unb td) glaube, es werden noch eine Menge von Schwierigkeiten in den Vertragsitaatcn zu Überwinden sein, denn absolute Parität ist die ®Stoäre, spricht gegen die Rückverweisung an den Ausschuß; die Angelegenheit könne heute im Plenum erledigt werden. Justizminister Dittmar: Er habe nur den Wunsch geäußert, die Sache an den Ausschuß zu verweisen zur genauen sachlichen Prüfung der Verhältnisse. An sich habe die Regierung rein Interesse an der Rückverweisung. Er bitte, für dieses Jahr den Posten passieren zu lassen und erst nächstes Jahr auf die Angelegenheit zurückzutommen. Ter Rückverweisungsantrag des Abg. Molrhan wird abgelehnt. Justizminister T it t mar: Nicht nur an Beamte gebe der Fiskus Stempelmarken ab, sondern zur Bequemlichkeit des Publikums auch an Private. Wenn nun die Provision für die Beamten in Weg,all käme, dann bezögen nur Notare und Privatpersonen diese Provision; auch den Ortsgerichtsvorstehern könne man den unentgeltlichen Verkauf nicht zumuten, denn sie seien ebenso wie die Notare lediglich auf Gebühren angewiesen. Es sei nicht angängig seitens der Hauptpaatskasfe, der großen Zahl von Ortsgerichtsvorstehern die Stempel aus Kredit zu geben wegen der komplizierten Kontrolimaßregein und der Abrechnung. Ten Gerichtsschreibern die,e Stempelprovision, die sie schon seit langen Jahren beziehen, wegzunehmen, empfehle sich keinesfalls. Zudem fei die Provision abgestuft und betrage nicht durchweg 3 Prozent, sondern im Mittel nur 1 dreiviertel Prozent. Außerdem seien den Gerichtsschreibern schon andere Bezüge weggefallen; bei der Be- soldungsoronung seien sie ohnedies nicht erhöht worden, tlmsomehr spürteü sie deshalb den Wegfall die,es Nebeneinkommens, wodurch die Tienslfreudigteit dieser Beamten gemindert werde. Ein Wegfall dieser Provision liege also nicht irn Interesse des Dienstes. Was könne es ferner für den Staat bequemeres geben, als eine Steuererhebung von 2 Millionen Mark dura) Umwechseln von Stempelmarken. Er bitte deshalb um Bewilligung des Betrags. Staatsminister Rothe: Diese Ausführungen des Justizministers, mit denen er vollkommen einverstanden sei, treffen nicht nur aus die Lrtsgerichtsvorsteher, sondern auch auf die Bürgermeister zu. Das staatliche Interesse verbiete eine schlechthinige Beseitigung der Provision. Abg. Weidner ()r. w. V.j: Tie Ausführungen vom Regierungstisch liefen darauf hinaus, daß eine Streichung nicht angängig sei, da man die Nebeneinkommen der Beamten nicht kurzerhand wegstreichen könne. Aber gerade die.e Nebeneinkommen hätten die Kammer veranlaßt, eine Streichung zu beantragen. Wenn auch die Gerichtsschreiber schmollten, ;o fei das für sie lein Grund, der Streichung nicht zuzustimmen. Den Herren müsse man dann seitens der Regierung klar machen, daß Schmollen und Vernachlässigung des Dienstes nicht gehe. Die Ortsgerichtsvorsteher hätten wenig Interesse an einer solchen Provision. Taß die Kammer den Beamten zumute, Vorschüsse zu machen, fei unrichtig; die Regierung müsse ihnen eiserne Bestände zuweifen und die Erhebung des Betrags müsse nach erfolgtem Verbrauch erfolgen. Er werde für die Streichung stimmen, ebenso für den Wegfall aller Nebeneinkommen der Beamten. Abg. Molt Han (Ztr.) wünscht für dieses Jahr keine Aufhebung der Provision: da dieselbe vorerst auf Schwierigkeiten stoßen werde. Abg. Cramer (Soz.): Obwohl er im allgemeinen ein Gegner von Nebeneinkommen fei, stimme er nicht schlechtweg für den Strich; der Posten scheine ihm einen Anteil am Gehalt darzustellen. Abg. Frenay (Ztr.) glaubt, man müsse den einmal bestehenden Verhältnissen Rechnung tragen. Die Ausführungen des Justizministers könne er aus eigener Erfahrung bestätigen. Für dieses Jahr solle man die Position bewilligen. Abg. Wolf (fr. w. V.): Im Lande, besonders in Rheinhessen,. habe man den Eindruck, daß man bei Veranlagung der Vermögenssteuer nicht richtig verfahren sei. Den Wert des Grundbesitzes müsse man aus dem Ertrag derselben ableiten. Außerdem wünsche er eine Heranziehung des Haushalrungsmobiliars. Die Kaufpreise seien nicht maßgebend, da bei Versteigerungen mitunter ganz besondere Verhältnisse in Betracht kämen. Die Steuerkom- missariate müßten deshalb angewiesen werden, die Grundstücke einzuschätzen nach dem Ertrag. Weiter sei er ein Gegner der Umgestaltung des Kassenwesens und verlange, daß die Regierung wieder nach und nach zum alten Zustand zurückkehre. Die Bezirkskassierer hätten heute eine viel schwierigere Aufgabe und von Bequemlichkeit des Publikums könne keine Rede sein. Im Prinzip fei er mit dem Antrag Korell, die Tagegelder der Beamten zu streichen, zwar einverstanden, in der Praxis aber könne er nicht zustimmen. Bezüglich der Stempelprovision liege die Wahrheit in der Mitte: für dieses Jahr solle sie noch bestehen bleiben. Durch das Institut der Kreisgeo- meter werde den Steuerkvmmissären viel Arbeit weggenommen; die Regierung soll daher dafür sorgen, daß nicht zu viele Beamten hier beschäftigt werden, die nichts zu thun haben. (Fortsetzung im Hauptblatt.)________________ Kunst und Wstenschüji. Stuttgart, 2. März. Die I. G. Cotta'sche Buchhandlung Nach), veröffentlicht folgende Erklärung: Die Notiz, daß wir, bezm. die mit uns verbündete Verlagsgefellschaft Union uns das Manuskript zum dritten Band der „Gedanken und Erinnerungen" hätten abkaufen lassen, erklären wir hierdurch als Erfindung. Auf weitere in jener Notiz enthaltene unrichtige Mitteilungen einzugehen, müssen wir verzichten. Neueste McKuingen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. London, 2. März. Morning Leader versichert, daß in der Nähe von Vicksburg 150 Mann der englischen Peomanry auf einem verlassenen Hügel interniert wurden, weil das englische Oberkommando sie nicht mehr mit Waffen versehen will. Sämtliche Soldaten sind nämlich mindestens drei Mal von den Buren gefangen genommen worden. Dewet sagte, von diesen Truppen hätte er Munition im Ueberfluß erhalten und zwar derart, daß er sie nicht hätte besser bekommen können, wenn er England darum telegraphisch ersucht hätte. Paris, 2. März. Petit Parisien veröffentlicht ein Telegramm aus London, wonach in der Stock Exchange die Nachricht von dem Tode Cecil Rhodes eingetroffen sei. Eine Bestätigung der Meldung liegt noch nicht vor. Wien, 2. März. In Finanzkreisen ist wieder einmal das Gerücht verbreitet, daß der Rücktritt des Reichskanzlers Grafen Bülow beoorstehe, und daß der Wiener Botschafter Fürst Eulenburg als Nachfolger in Ausstcht genom- men sei. Budapest, 2. März. Graf Stefan Tisza hatte irn Abgeordnetenhause zum Abg. Stefan Rakovty, als dieser sein (Tisza's) Verhältnis zur Jndustriebank höhnisch erwähnte, gesagt: „Seien Sie nicht unverschämt!" Er erhielt deswegen einen Ordnungsruf; er bat das Haus um Entschuldigung und fügte hinzu, er lasse sich durch politische Angriffe nicht aus der Fassung bringen, feine Ehre aber gehöre ihm, er habe nie etwas gethan, was irgend jemand das Recht gäbe, diese zu verdächtigen. Wie verlautet, hat Tisza Ra- kovkl) seine Zeugen, Graf Julius Andrassl) und Edmund (Safari, gesandt, und Rakookr, den Abg. Kubik und Graf Wilcsel als seine Zeugen genannt.