Nt. 28 Montag, 3. Februar 1902 152. Jahrg. Erfcheü täglich mit Ausnahme deS Sonntags. Die „Eichener Lamilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Eichener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil; P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UnioersltätZdruckerei (Pietsch Erben), Greß«. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Parlamentarische Verhandlungen. Dachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 182. Sitzung vom 1. Februar. 1 Uhr. Das Haus ist äußerst schwach besetzt« Am Bundcsrathstisch: Graf v. Posadowsky u. a. Die zweite Berathung deS Etats des Reichsamts des Innern wird bei den Ausgaben, Kapitel „Allgemeine Fonds", fortgesetzt. Abg. Müller-Meiningen (freis. Vp.) drückt seine Genugthuung darüber aus, daß das Reick der internationalen Konvention zum Schutze des gewerblichen Eigenthums endlich beigctreten ist. Ich hoffe, daß diese Konvention im Laufe 0er Zeit materiell weiter ausgedehnt wird. Dadurch wird am besten die Solidarität der Staaren zum Ausdruck gebracht. Wünschen möchte ich noch, daß das Reich auch dem Madrider Ucbereintommcn zum Schutze der Ursprungs- bezeichnung beitritt. Geh. Rath Hauff kann den Beitritt Deutschlands zum Madrider vebereinkommcn zur Zeit nicht in Aussicht stellen, da die Bestimmungen dieses Abkommens thcilweise mit unserer nationalen Gesetzgebung in Widerspruch stehen. Dagegen wird der Beitritt zur Brüsseler Zusahakte, durch welche volle Gegenseitigkeit des gewerblichen Schutzes vereinbart wird, wie ich hoffe, im Laufe dieses Jahres erfolgen. Fürst zu Jnn-nnd Knhpphausen (tont.) regt die Einführung von Schonzeiten und Schonrcvicren für die Fischerei in den livrdischen Meeren an und wünscht eine Neuregelung der Prüfung der Steuerleute sowie weitere Unterstützung der Kleinfischcrei. Staatssekretär Dr. Graf v. Posadowsky: Die Forderung der Einführung von Schonzeiten und Schonreviercn in den nordischen Meeren ist gerechtfertigt. Wir haben uns der internationalen Kommission zur Erforschung dieser Meere ange schloßen; diese wird die Frage prüfen und wir hoffen dann zu einem internationalen M>- kommen zu kommen. Ueber die Vorbildung der Steuerleute sind die Wünsche sehr verschieden. Der Bundesrath bereitet eine Verordnung hierüber vor. Die Kleinfischcrei werden wir auch in Zukunft unterstützen; die Anträge, die noch vorliegen, werden sämmtlich bewilligt werden. Wir haben dasselbe Interesse an der Erhaltung der Kleinfischerei wie an der Erhaltung der Küstenschifffahrt. Abg. Dr. Paachnicke (freis. Vgg.) hofft, daß es nicht allzulange dauern würde, ehe solche Schonreviere eingerichtet würden und fragt den Staatssekretär, ob die im Etat ausgeworfene Summe von 400 000 Mk. zur Förderung der Seefischerei voll ausgegeben werde und ob besonders die Wünsche der Norderneyer Fischer erfüllt feien. Staatssekretär Dr. Graf v. Posadowsky erwidert, daß die Wünsche der Norderneyer Fischer jetzt erfüllt seien. In diesem Jahr würden zur Förderung der Seefischerei 700 000 Mk. verwendet werden können, da 300 000 Mk. aus Ersparnissen früherer Jahre vorhanden seien. Aba. Dr. Paaschc (nat.-lib.): Ich muß dem Staatssekretär meine Anerkennung für die Nachrichten für Handel und Industrie auZsprechen, die vom Reichsamt des Innern veröffentlicht werden. Diese sind allmählich eine Quelle des, Wissens geworden, die Jedem etwas bieten, der sich überhaupt für wirthschaftliche Fragen rnter- essirt. Die Anordnung ist so vortrefflich, daß Jeder leicht das findet, was er gerade für sich wünscht. Hoffentlich fährt das Reichsamt auf diesem Wege fort und gestaltet die „Nachrichten" weiter aus. Ich möchte wünschen, daß uns eine zusammenfassende Statistik über Kohlenproduktion gegeben wird. Leider ist die Veröffentlichung noch immer nicht genügend verbreitet. Viele wissen noch nicht, daß die „Nachrichten" Jedem unentgeltlich geliefert werden, der sich darum bewirbt. Staatssekretär Dr. Graf v. Posadowsky: Die Nachrichten für Handel und Industrie machen viel mehr Arbeit als man vielfach ahnt. Wir find fortgesetzt bemüht, dies Material für den praktischen Gebrauch zu verbessern, besonders in der Richtung, daß eine immer größere Spezmlisirung für die einzelnen Branchen gefajaffen wird, sodaß Jeder sich leicht orientirt. Abg. Dr. Tcinhard (nat.-lib.): Ich möchte die Regierung bitten, dafür zu sorgen, daß die Vorschriften zur Bekämpfung der Reblaus so energisch, wie der Gesetzgeber es meinte, durchgeführt werden. Ich will Vorwürfe zur Zeit nicht machen; ich will nur vorbauen, damit man nicht laxer wird und nicht ermüdet in der Durchführung dieses so wichtigen Gesetzes. Ick weiß, daß man in Preußen Versuche mit der Anpflanzung amerikanischer Weinreben macht. Es wundert mich ja gar nicht, daß man das versucht, ich glaube aber, daß dabei nicht herauskommen wird. Da Sie nur allein das nidjt glauben werden (Zuruf: Oh doch!), so verweise ich darauf, daß r™? 8^n',rc'$ mit diesen Versuchen schlechte Erfahrungen gemacht » 's. .Franzosen haben deshalb Sachverständige nach Deutschland geschickt, um zu sehen, wie weit wir hier sind. Wir können uns freuen, daß es uns bisher gelungen ist, uns unsere Position zu erhalten. Präsident des Reichsgesundheitsamts Köhler: Es ist für uns feljr werthvoll, daß ein so hervorragender Sachverständiger wie der Vorredner sich für die strenge Beibehaltung des bisherigen Ver- fahrens zur Bekämpfung der Reblaus ausgesprochen hat. Das wird sicherlich für die verbündeten Regierung eine Ermunterung sem, sich nicht irre machen zu lassen durch die schweren Opfer, die k-c5m rr^l1^rcn Kratze den Interessenten auferlegt. Bisher sind me Vorschriften streng durchgeführt worden mit Ausnahme eines Zolles in der Provinz Sachsen. Mas die Frage der Anpflanzung amerikanischer Weinreben angeht, so sind auch wir der Meinung, daß hier größte Vorsicht geboten ist. Die Versuche beschränken sich übrigens auf Gegenden, wo eine Gefährdung unserer guten Weinbezirke nicht zu befürchten steht; es bandelt sich im Wesentlichen um die Provinz Sachsen und einige Thcile der Nheinprovinz. Daß solche Versuche ganz eingestellt werden, kann man nicht verlangen; wir müßen auch hier mit fortschreiten. Abg. Wetterle (Elsäsi.) macht darauf aufmerksam, daß die Verbreitung der Reblaus in Elsaß-Lorhringen vielleicht mit der dortigen Versuchsanstalt zusammenhänge. Präsident des Reichsgesundheitsamts Dr. Köhler: Die bedauerlichen Entdeckungen, die in Elsaß-Lothringen in Bezug auf Reblausherde gemacht worden sind, hängen nicht im entferntesten mit der Versuchsanstalt zusammen. Es kommen da Verhältnisse in Betracht, die uns genau bekamst sind, die ich aber aus bestimmten Gründen hier nicht öffentlich darlegen möchte. Ich bin aber gern bereit, den Berufenen darüber private Mittheilungen zu machen. Abg. Dr. Crügcr (freis. Vp.)' beschwert fich darüber, daß die Postanstalten oft Schwierigkeiten bei dem Umtausch ungilttger Jn- validitätsmarken machten. Staatssekretär Graf Posadowsky erwidert, daß er sich deswegen mit dem Reichspostamt in Verbindung setzen werde. Abg. Herold (ßentr.) wünscht eine regelmäßige Statistik über die Lage des Getteidemarktes. Staatssekretär Graf Posadowsky erwidert, daß für die deuffche Produktion schon regelmäßig Veröffentlichungen stattfinden. Eine amtliche Statistik über die Lage des ganzen Weltmarktes könnte eine amtliche Behörde nicht machen. Das müßten die großen land- wirthschaftlichen Vereinigungen thun. Er hätte sich schon an Herrn von Thielen gewandt, um Notizen über das auf den Eiseiibahnen herbeigeschaffte Gerreide zu erhalten. Das Reich werde bereit sein, für eine solche Veröffentlichung eine Subvention zu gewähren. Das Kapitel wird bewilligt. Beim Kapitel „Reichs-Kommissariate" begrüßt es Abg. CahenSly (Centr.) mit Freuden, daß alle Schiffe der Amerika-Linie mit Tiefladelinien versehen seien. Leider ließen indessen die Räume des Zwischendecks vielfach zu wünschen übrig, obwohl die Preise verhältnißmäßig hoch seien; auch fehle es vielfach an Retttmgsmitteln. Vielleicht könnte man einen staatlichen Preis ausschreiben für Erfindungen zur Rettung Schiffbrüchiger. Staatssekretär Graf Posadowsky erwidert, daß er die Anregung des Vorredners dem Kommissar für Auswanderungswesen mittheilen werde. Erfindungen würden zwar stets gemacht, doch bewährten sie sich nur selten. Abg. Eickhoff (freis. Vp.) begrüßt es mit Freuden, daß jetzt der Schulfriede in Aussicht stehe, da den Realabiturienten das medizinische Studiuin offen stehen solle. Leider sei in den Wein des kaiserlichen Erlasses viel Wasser gegossen worden, da eine Ergänzungsprüfung gefordert werde. Man hätte allen drei Arten der höheren Schulen ohne Weiteres die Berechtigung ertheilen sollen. Man könnte die Sache der Zulassung der realistisch gebildeten Abiturienten zum juristischen Studium reichögesetzlich in der Weise regeln, daß man zu der Bestimmung des Gerichtsverfassungsgesetzes über die Vorbildung der Richter den Zusatz machte: Zur ersten juristischen Prüfung ist das Zeugniß der Reife von einer deutschen neunklassigen höheren Schule vorzulegen. Im Uebrigen ist über die Schulreform schon so viel geschrieben und gesprochen worden, daß ich kaum noch etwas hinzufügen kann. Ich kann nur vollständig dem zustimmen, was Abg. Vassermann hier in herzerfrischender Weise über dies Thema gesagt hat, der mit den Worten schloß: lieber den Widerstand der Juristen gegen die Gleichberechtigung der höheren Schulen und die moderne Entwickelung zur Tagesordnung überzugehen. Das ist auch meine Meinung. Ich hoffe zuversichtlich, daß auf die Blüthen der kaiserlichen Erlasse nicht der Mehlthau orthodox-bureaukrattscher Vorurtheile fällt. Kommen wird sicher der Tag, an dem alle höheren Schulen gleichberechtigt sind. Je eher, desto besser! (Beifall.) Staatssekretär Graf Posadowsky: Ich kann nur für Preußen Auskunft geben Das preußische Staatsministerium hat sich grundsätzlich dafür ausgesprochen, daß in Bezug auf die Vorbildung alle drei Lehranstalten gleichberechtigt sein sollen. Es hat sich schon dahin schlüssig gemacht, daß sowohl die Abiturienten der Realgymnasien wie der Oberrealschulen zum juristischen Studium zuzulassen sind. Selbstverständlich ist dabei die Voraussetzung, daß der Abiturient Kenntniß hat von den klassischen Sprachen und dem klassischen Alterthum, und daß er den exegetischen Hebungen, die an den preußischen Universitäten stattfinden, folgen kann Sache der Stu- denten ist es, den Nachweis zu führen, daß er die lateinische Sprache in dem Maße beherrscht, um an den Hebungen Theil nehmen zu können. Aba. Kirsch (Ctr.) wünscht, daß man nicht zu eilig mit der Schulreform vorgehe Es sei unbedingt nöthig, daß die Juristen gründlich lateinisch können. Abg. Herzfeld (Soz.): Das Lateinische macht es nicht; ich kenne viele Jnristen, die ganz gut Latein können, aber im Beutigen praktischen Leben nicht Bescheid wissen. Redner beschwert sich über die Zustande in den Volksschulen, speziell Mecklenburgs. Unbedingt muß verlangt werden, daß die Volksschule staatlich ist, daß die Lehrer staatlich angeftefit werden ohne Kündigung und mit Pensionsberechtigung. Alle diese Forderungen sind in Mecklenburg unerfüllt; eine staatliche Volksschule existirt dort nicht, nicht einmal eine staatliche Zusammenfassung der Schulen, eine oberste Schulbehörde! Das sind Zustände, die auf die Dauer gar nicht zu ertragen sind. Die Anstellung liegt in der Hand der Rittergutsbesitzer; der Staat hat keinerlei Mitwirkung. Der Lehrer ist völlig außer Stande, seine Rechte zu vertheidigen, weil er immer fürchten muß, daß ihm mit 6 Monaten Frist gekündigt wird Der Schulpatron kann bereits für achtjährige Kinder die Schulpflicht beschränken und sie für seine Dienste verwenden I Allerdings ist hierzu ein Schein des Lehrers nöthig; aber er kann diesen gar nicht verweigern, da ihm sonst die Kündigung droht, und es ist thatsächlich vorgekommen, daß einem Lehrer aus diesem Grunde gekündigt worden ist. Für den Besuch der Volksschule müssen 3 Mk Schulgeld gezahlt werden, auch wenn Dispensation vom Schulbesuch eingetreten ist; aber die Kinder der Gutsbesitzer, Gutspächter und Pastoren sind von der Zahlung des Schulgelds befreit I Das baare Gehalt der Lehrer beträgt 360 Mk.! Dazu kommen die Naturalien. Außerdem treten seit einigen Jahren Alterszulagen ein, durch die das Gehalt bis zu 660 Mk. steigt; beträgt aber daS Gesammteinkommen 1300 Mk., so sie gt das Gehalt nicht weiter. Auch wegen pflichtwidrigen Verhaltens gegenüber dem Schutzpatron kann die Zulage verweigert werden Das Reich hat die Verpflichtung, hier einzuschreiten. Stcratssekretär Dr. Graf v. Posadowsky: Die Reichsschul- kommiffion hat nur darauf zu sehen, ob die mittleren Shu len die Bedingungen erfüllen, die für die Zulassung zum einjäh üg-frei- willigen Dienst erforderlich sind. Ihrer Konttole das Volk-'chul- wesen zu unterstellen, würde ohne Aendernng des Art. 4 der Verfassung nicht angängig sein; und daraus würden sich die oci' < bündeten Regierungen schwerlich einlassen. Abg. Dr. Müller-Sagan (freis. Vp.): Ich würde es für sehr, Wünschenswerth erachten, wenn alle höheren Schulen einen ein- f heitlicken lateinischen Unterbau erhielten. Das würde den Latein- i unterricht an sich nicht beeinträchtigen. Uebrigens habe ich ge-1 funben, daß es bei den Juristen mit der Kenntniß des Lateinischen' auch heute nicht weit her ist. In einer Versammlung von Juristen I und anderen humanistisch vorgebildetcn Leuten toar fein einziger, l der das Wort „Protokoll" erklären lonrac. (Zwischenruf: Das ist ja griechisch! — Weiterleit.) Abg Eickhoff (frei». Vp.): Es giebt keinen Juristen, der in seiner Karriere an seiner mangelhaften Lateinkenntniß gescheitert ist. Also übertriebenen Werth soll man ihr nicht beimefsen. Verwahrung einlegen muß ich gegen die Angriffe der „Kreuzzeitung" wegen meiner Krittk der Gehaltsverhältnisse der mecklenburgischen Oberlehrer. Diese Änrempelung ist um so bedauerlicher, als der Cheftedatteur der „Kreuzzeitung" früher selbst Oberlehrer war. Abg. Dr. Pachnickc (freis. Vgg.): Ich halte ebenso wie Herr Hcrzfeld eine Besserung der mecklenburgischen Schulverhältniffe für dringend erforderlich. Vicepräsident Büsing: Ich möchte den Redner ersuchen, nicht zv sehr auf mecklenburgische staatsrechtliche Verhältnisse einzugehen. Abg. Dr. Pachnicke (sortfahrend): Der Schwerpunkt der Mängel im mecklenburgischen Schulwesen liegt an der Eigenart der mecklenburgischen Verfassung. Wir werden daher auch in diesem Jahre wieder unseren Antrag auf Einführung einer konstitutionellen Verfassung in Mecklenburg stellen und hoffen, daß auch baß Centrum endlich unseren Antrag unterstützen wird. Abg. Kirsch (Gtr.): Den katholischen Beschwerden hat dir mecklenburgische »Regierung glücklich abgcbolfcn, nun sorgen Sie selbst dafür, daß die mecklenburgische Regierung auch Ihren Wünschen entgegenkommt. (Unruhe links.) Eine Staatßschule wollen wir weder in Mecklenburg noch anderwärts. Abg. Dr. Oertel (kons.): Ich bebau« die Angriffe des Abg. Eickhoff gegen meinen Freund Kropcstscheck. Er hätte bester gethan» statt von Anrempeleien von Meinungsverschiedenheiten zu sprechen. Die preußischen Schulreformen waren nicht schön bis auf die zweite, insoweit sie die erste wieder aufhob. Die Staaten, die Preußen auf dem Gebiete der Schulreform nicht folgten, waren sehr weise, insbesondere Sachsen, das auch diesmal wieder seine Helligkeit bewiesen hat. (Heiterkeit.) Ich warne vor zu vielem Reformiren, wünsche aber eine vollkommene Gleichstellung der Gymnasien und Realgymnasien. Den Schülern der Oberschulen würde ich daß juristische Studium nicht zugänglich machen. Die Zwischenprüfungen und Ergänzungsprüfungen sollten vollständig beseitigt werden. Abg. Dr. Beumer (nat.-lib.)I Jetzt können die Realabiturienten klassische Philologie sttldiren, auch wenn sie gar kein Griechisch gelernt haben, was ist es da für ein Widerspruch, wenn noch immer viele Leute verlangen, daß sie nicht zum juristischen Studium zugelassen werden. Freie Bahn für alle Anstalten! mutz die Parole einer gesunden Schulreform fein. Ich behalte mir vor, dem Abg. Kirsch im preußischen Abgcordueteuhause ausführlich zu erwidern. Das Kapitel wird bewilligt. Beim Kapitel „S t a t i ft i s ch e s Amt" befürwortet Abg. Werner (Antis.) eine Aufbesserung der Gehälter der cfpebirenben Sekretäre beim Statistischen Amt. Geheimrath Neumann erwidert, daß die »Bureaubeamten beim Statistischen Amt schon bei der letzten allgemeinen Gehaltsaufbeße- rung berücksichtigt seien. Daß Kapitel wird bewilligt. Beim Kapitel „Normal-AichungSkommission- bemerkt auf eine Anfrage des Abg. Dr. Müller Meininger» (freis. Vp.) Staatssekretär Dr. Graf v. Posadowsky: Die neue Maß- und Gewichtsordnung ist ausgearbeitet; es ist darin die allgemeine Aichung der Vierfäster und die Freizügigkeit der Bierfäster in der Weise angeordnet, daß z. B. in Baiern geaichte Fässer auch für Preußen giftig sind, aber nur, so lange die ursprüngliche Flüssigkeit darin ist. Verhandlungen schweben noch über die Gebühren, die bisher in Baiern niedriger sind als bei uns. Das Kapitel wird bewilligt. Zum Kapitel „ReichsgesundheitSamt" hat Abg. Lenzmann (freis. Vp.) eine Resolution eingebracht, die auch von den Konservativen Dr. von Levetzow und Dr. Oertel und von den Sozialdemokraten Bebel, Mei st er und Singer unterstützt ist. In dieser Resolution werden die verbündeten Regierungen um die Vorlegung eines Gesetzentwurfs ersucht, durch den die AufeuthaliSverhältnisse und die Aufnahme von Geisteskranken in I r r e n a u st a l t e n , sowie die Entlassung aus denselben reichsgesetzlich geregelt wird. Abg. Lenzmann (freis. Vp.) begründet die Resolutton. Der Antrag ist nicht neu, er ist schon 1897 eingebracht worden, und wird von mir immer wieder eingebracht werden, bis die verbündeten Regierungen ihm zustimmen. Wie wichttg die Materie ist, beweist schon der Umstand, daß sich gegenwärtig 66 000 Geisteskranke in deutschen Anstalten befinden. 1897 hat der Reichstag unsere Resolutton ein* stimmig angenommen; trotzdem ist nichts geschehen. Die mir vor einigen Jahren so verübelte Kritik der Irrenärzte will ich nicht wiederholen; die einzelnen Fälle sind ja bekannt; sie haben sich inzwischen um Hunderte vermehrt. Ich will nur einen Fall anführen, übet den eine der größten Autoritäten auf psychiattischem Gebiet, Professor Flechsig aus Leipzig eine Broschüre geschrieben hat. Es handelt sich um einen Fabrikanten Petzold aus Auerbach, der von vielen Instanzen für verrückt erklärt wurde, während nach der Broschüre von Flechsig keine Spur von verrückt war. Es war nämlich unbequem geworden, weil er Unterschlagungen eines Beamten, an denen der Bürgermeister theilgenommen hatte, aufdecken wollte. Dabei war er wegen Beleidigung des Bürgermeisters verklagt worden, bad Verfahren und eine Klarstellung wurde aber einfach dadurch unterdrückt, daß man ihn für verrückt erklärte. Flechsig theilt mit, daß die betreffenden Aerzte die elementarsten Grundsätze der Psychiatrie nicht kannten. Die einzige Krankheit, an der Petzold litt, war, daß er sich vielleicht für einen energischen Mann, eine Art Genie hielt. Wenn Jeder, der sich dafür hält, an Paranoia leidet, bann ist vielleicht auch mancher unter uns an Paranoia erkrankt. (Heiterkeit.) Dehn- liche Fälle könnte ich in großer Zahl anführen. Auch in Preußen werden die Klagen über die Irrenanstalten immer lauter. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß die Vorschriften über die Irrenanstalten von den Provinziallandtagen erlaßen werden, deren geringe gesetzgeberische Qualifikation bekannt ist. Die Sicherungs- Maßnahmen, die getroffen worden sind, sind durchaus unzulänglich; die Kontrole über die Irrenhäuser, auch die öffentliche, genügt nicht. Die Irrenärzte werden nur bann bei ber Aufnahme ber Kranken ihrer Aufgabe genügen können, wenn sie einen Juristen zur Seite haben, der im Vernehmen geschult ist. Auch daß Laien-Element muß betbeiligt fein. Es müßen Besichtigungskollegien gebilbet werden, bestehend aus Aerzten, Juristen und Laien, denen die Kranken bei ihrer Aufnahme und nachher von Zeit zu Zeit vorgeführt werben. Diese Kommission muß bann über Aufnahme und Verbleiben bet Kranken in ber Anstalt entscheiden. Bekannt ist, baß wir einen Kollegen unter uns hatten, der in Würtemberg für verrückt und in Preußen für gesund erklärt wurde. Solche Fälle müssen uns doch stutzig macken. Die Normen über diese Frage müssen einheitlich werden. Hoffentlich nehmen Sie ebenso wie früher die Refolutton einstimmig an. Nach abermals 6 Jahren werden die Regierungen neb bann vielleicht veranlaßt sehen, dem Wunsche des Reichstages zu lajroerjie gejauiutu juum ouut- -v.. ••• ------ Ope.ratsonen fo flüchtig vorgenommen worden find, dajz der OP?-» Die angeblichen Aeußerungen des Kaisers über das Duell. In Sachen der angeblichen Aeußeru-ngew des Kaisers über die Tuellfrage ist jetzt dem Redakteur Paul Groll, der früher bei der „Potsd. Ztg." thätig war, ferner dem Verleger des Blattes, Buchdruckereibesitzer Fritz Stein und dem stellvertretenden Vorstecher der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung, Geh. RechuungsratJuliusSteinbachdie Anklage wegen Beleidigung der Leutnants im ersten Garderegiment 'z. F. v. Goßler (Sohn des Kriegsministerns) und v. Kessel (Sohn des kommandierenden Generals des Gardekorps) zu- gestellt worden. Dieselbe stützt sich nicht nur auf § 185 des Strafgesetzbuchs, wegen formeller Beleidigung der Offiziere, die darin gefunden wird, daß ihnen der Kaiser angeblich ihre Jugend in drastischer Weise vorgehalten haben sollte, sondern auch auf § 186 des Strafgesetzbuches, wegen Verbreitung nicht erweislich wahrer Thatsachen. Geh. Rechnungsrat Steinbach kommt als Verbreiter der Nachirichi nur insofern in Betracht, als. er sie am Biertisch erzählt Hat, während als Verfasser des inkriminierten Artikels der Verleger Stein in Anspruch genommen wird, und der Redakteur Groll damals für den Inhalt der Zeitung verantwortlich zeichnete. Wie verlautet, sollen die An gab m des Artikels auf Verwechselung mit Vorgängen bei einem anderen Garderegiment beruhen. Neben dieser Anklage Hegen die drei vorgenannten Personen schwebt außerdem noch ein Verfahren vor dem Gericht des LaudwehrbezirksPotsdam gegen den früheren Chefredakteur und Mitbesitzer der „Potsd. Ztg." Martin Berger, der Oberleutnant der Reserve ist nnd in dessen Abwesenheit von der Redaktion der qu. Artikel vorn 9. Dezember v. I. erschien. Am Freitag wurden dieserhalb der Verleger Stein, der Redakteur Groll und die Expedienten Schulze und Wölffling vernommen.. Die lensationelle Affairc hat leider auch nach einer anderen Richtung hin einen traurigen Vorfall gezeitigt. Unter den Zeugen, die über die Steinbachschen Erzählungen am Biertisch gerichtlich vernommen wurden, befand sich auch der Mechanikus Töpfer, derselbe, welcher mit der Aufstellung der Instrumente der Pekinger Sternwarte betraut wurde. Dieser Herr wurde über die gerichtliche Vorladung derartig erregt, daß er jetzt schwer erkrankt darniederliegt. Au den Ausgang der sensationellen Angelegenheit ist man in den weitesten Kreisen gespannt. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Pretoria, 1. Febr. Bei einem Gefechte zwischen englischen Truppen und 50 Buren in der Nähe des Zusammenflusses des Wilge- und Leeum>pruit am 25. Jan. überschritten 100 Buren von Wessels Kommando den Wilge- fluß etwas weiter unterhalb dieser Stelle und stürmten auf die Nachhut der südafrikanischen leichten Reiter ein. 70 Buren, die zu D eWehs Kern truppen gehörten, griffen die Stellung der leichten Reiter augenscheinlich in der Absicht an, um sich des Pompongesa-utzes zu bemächtigen. Die leichten Reiter schossen mit Granaten auf den Feind, der sich darauf zurückzog. Dewet mit sechs Begleitern floh nach dem Hiclienbergoles-Fluß. Steijn steht mit 30 Mann zwischen Reitz und Bethlehem. zueignen; 4) Bei der Einrichtung des juristischen Studiums und der ersten juristischen Prüfung wird Vorkehrung getroffen werden, daß die zu 3 bezeichneten Studierenden sich über die dort gedachten Vortenntnisse auszuweisen haben. 1 Umversüäts Nachrichten. Wie aus Zürich gemeldet wird, erhielt Frau Dr. Adeline Bjarnason-Ritter s.h aus, die auch in Gießen bekannte Tochter des verstorbenen Dichters Emil Rittershaus, die venia legendi für isländische Sprache und Litteratur an der dortigen Hochschule. — Weiter schreibt man aus Zürich: Der Bundesrat hat den maitre de Conference an der Universität Lyon bocteur cs sciences Peter Weiß von Mülhausen (Elsaß) zum Professor der Physik am hiesigen eidgenössischen Polytechnikum ernannt. — Als einen ihrer Meinung nach sehr geeigneten Vorschlag, das Deutschtum in den Ostmarken zu heben, empfiehlt die „Dresd. Ztg." die Begründung einer Universität in Posen. — Eine Bekanntmachung des preuß. „Staatsanzeigers" über die Zulassung zum Recht s- ft u bi um lautet wie folgt: Die preuß. Minister ber Justiz unb des Unterrichts haben mit allerhöchster Ermächtigung beschlossen, die Zulassung zum juristischen Studium nach folgenden Grundsätzen anzuordnen: 1) Die geeignetste Anstalt zur Vorbildung für den juristischen Beruf ist das humanistische Gymnasium; 2) Zu dem Rechtsstudium werden außer den Studierenden, welche das Zengins der Reife von einem deutschen humanistischen Gymnasium besitzen, auch solche Studierende zugelassen, welche das Zeugnis der Reife von einem deutschen Realgymnasium oder von einer preußischen Ober r ealschule erworben haben; 3) Den Studierenden der beiden letzteren Kategorien sowie denjenigen Real- abiturienten, deren Reifezeugnis im Lateinischen nicht mindestens das Prädikat „genügend" aufweist, bleibt es bei eigener Verantwortung überlassen, sich die für ein gründliche:' Verständnis der Quellen des römischen Rechts erforderlichen sprachlichen und fachl' 'n Vorkenntnisse an- Vermischtes. * Antwerpen, 1 .Febr. Der Ballon „Berso n", in dem heute der Hauptmann von dem Deutschen Luft- .chifferbataillon Bartsch von Sigsfield und Dr. Linke aus Berlin zu kurzem Aufstieg sich in Berlin erhoben hatten, wurde vom starken Wind weiter getrieben und erreichte nach fünf Stunden Antwerpen. Kurz nach! dem lieb er febr eiten der Schelde hatte der Ballon einen sehr 'torten Gasverlust. Beide Luftschiff er suchten sich durch Ab- pringen auf den Wiesen am linken Scheldeufer zu ret^n. Ties gelang Linke, doch erlitt er mehrere leichte Quetschungen. v. Sigsfeld blieb mit einem Fuß im Tauwerk hängen, schlug mit dem KopfaufdemBoden auf und kam ums Leben. Er wav vom Ballon noch etwa 50 Meter geschleift worden. . *Kansascity,l. Febr. Aus Eaglepaß in ^exas wird gemeldet! in einem 85 englische Meilen südlich von dort gelegenen Bergwerk bei Eoahuila in Mexiko erfolgte eine Flugstaubexplosion, während 165 Arbeiter unter Tag waren. 7 5 Leichen sind bereits geborgen. Unwettermeldungen liegen heute aus den verschiedensten Weltgegenden vor. In der Schweiz toben ebenso gewaltige Schneestürme wie in Jiap an. Fern im Süden liegt ein kaltes Spanien. In Ostende ist infolge heftigen Sturmes die Dampferverbindung mit England unterbrochen. InParis herrscht eine so große Kalte, daß mehrere Personen halb erfroren auf der Straße auf- gefunden wurden. Schneeverwehungen werden aus Württemberg gemeldet und eine überaus heftige Bora aus Istrien. In Süddalm atien herrscht ein starker Siroceo. ortanartiger Sturm, der Ziegel von beit Dächern nß, Fensterläden und Thore aus den Angeln hob und sogar Bäume entwurzelte. In den Waldungen hat er stellenweise nicht unbeträchtlichen Schaden angerichtet. Seit der verflossenen Nacht ist es wieder ruhiger geworden. Bingerbrück, 1. Febr. Durch die Gendarmen^ wurde heute hier einer der beiden kroatischen Räuber verhaftet, die in der Nähe von Hofheim einen Buchhalter überfallen und ihm feine Barschaft in Höhe von 8000 Mk. geraubt hatten. Der andere der beiden Räuber irang aus einem Fenster des zweiten Stockwerkes auf die Straße und ergriff die Flucht. Von den Gendarmen verfolgt, gab der Räuber fünf scharfe Schüsse ab, ohne jedoch einen seiner Verfolger zu treffen. Einer dieser letzteren stürzte bei der Verfolgung unb brach babei einen Arm. Der Flüchtling entkam. Politische Tagesschau. Ein Besuch Kaiser Wilhelms in Rußland. Aus Lonbon wird von hochgeschätzter Seite ber hiesigen „Deutschen Korrespondenz" ein Privatbrief eines in Petersburg amtlich weilenben Diplomaten an einen Lonboner Freund zur Verfügung gestellt- Wir entnehmen diesen Zeilen folgende interessanten Stellen: , Merkwürbigerweise ist es weder das hiesige Ministerium des Aeußeren, noch die hiesige deutsche Botschaft, woher die ersten Gerüchte über einen eventuellen B e s u ch des Kaisers Wilhelm in St. Petersburg an die weitere Oeffeutlichteit gelangen. Man scheint >n ber Sergiussttaße (Palais ber österreichischen Botschaft) davon zuerst erfahren zu haben und unmittelbar nach dem Besuch bes Botschafters Baron v- Aehrenthal beim Finanz- mrnister verbreitete sich dieses Gerücht- Ich konstatiere diese Thatsachen, ohne vorerst irgend welche Schlüsse ziehen zu wollen. Wie ich höre, soll dieser Besuch in der zweiten Hälfte des Juli erfolgen. Im Marineminister.um, wo gegenwärtig die Flaggoffiziere für die im Sommer bevorstehenden artilleristischen Geschwadermanöver nominiert werden, will man wissen, daß von höchster Stelle die Zukommandierung von zwei „überzähligen Admiralen" ungeordnet worden sei — und auch dieser Umstand laßt darauf schließen, daß bei den bevorstehenden russischen Leemanövern ein Fürstenbesuch erwartet wird . .." — Staatssekretär Dr. Graf von Posadowskin Schon vor mehreren Jahren hat der Abg. Lenzmann hier eine Reihe von fallen angeführt, in denen angeblich Personen zu Unrecht in Irrenanstalten überführt oder znrüclbehalten worden seien. Ich habe mich damals an den preußischen Kultusminister gewandt und es ist mir nutge- theilt worden, daß Herr Lenzmann m vielen fallen Mw) unterrichtet war. Ich will hier nur zwei Falle erwähnen, in denen in Wirtlichkeit von einer unrechtmäßigen Zurückbehaltung Nicht die Rede fein kann. In dem einen Falle tut eine Frau an Selbstmordmanie ; der Mann hatte sie deshalb ins ^rrenhaus gebraut, nach seinem Tode wollte sie aber der Sohn aus nnanziellen Gründen wieder herausholen. In dem Zweiten galle hatte ein Mann nach dem Tode seines Vaters seine Geschwister ohne reden Anlatz des Vatermordes beschuldigt. Schon b.cr Jahre vorher war von dem Vater die Aufnahme des Sohnes in eine Irrenanstalt beantragt worden. Jetzt erfolgte sie; der Kranke war lange ;>cit geistig schwer gestört; später, als er wieder zur Vernunft kam, machte er sich die bittersten Vorwürfe, daß er feine Geschwister dura) feine Angriffe geschädigt hatte. In beiden Fällen kann von einer unrechtmäßigen Ueverführung in die Irrenanstalt Nicht gesprochen werden. Daß Geisteskranke glauben, sie seien nur deshalb ms Irrenhaus gebracht, um unschädlich gemacht zu werden, kommt febr häufig vor; solche Behauptungen müßen mit großer Vorsicht aufgenommen werden. Als der Reichstag vor einigen Jahren die fetzt neu beantragte Resolution angenommen hatte, habe ich mich an die preußische Regierung gewandt und von ihr tue Versicherung erhalten, es sollte Vorsorge getroffen werden, daß unrechtmäßige Festhaltungen in den Irrenanstalten durch die Reglements unmöglich gemacht würden. Wenn das Haus die Resolution wiederum annehmen sollte, so werde ich von Neuem mich mit der preußischen und den anderen Negierungen in Verbindung setzen, um zu sehen, wie jetzt die verbündeten Regierungen zu dieser Frage stehen. Mehr kann ich vorläufig nicht thun. Abg. Antrick (Soz.): Jin vorigen Jahre habe ich hier eine Rede über die schrecklichen Zustände in den Berliner Krankenhäusern gehalten. Es haben darauf hin Revisionen stattgefunden, aber tote gewöhnlich, ergab sich hierbei, daß Alles in schönster Ordnung war. Das beweist aber nichts. Es steht zunächst fest, daß die Berliner Krankenhäuser überfüllt sind, daß also ihre Zahl vermehrt werden muß Ein Sachverständiger hat ausgerechnet, daß in Berlin allem ca. 1000 Betten Meu- Ist btf PMlliS »st es. zum Theck noch Aus MM und Land. (2)er Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist mitunter genauer Quellenangabe: ,,Gicß. Anz." gestattet. Gießen, 3. Februar 1902. ** Schw erer Uns all. Bei einem am Samstag Nach - mittag ausgebrochenen Feuer in Klein linden würbe ein älterer Mann burch eine umstürzenbe Mauer schwer »erlegt unb in die hiesige Klinik gebracht. o. Aus bem Nidderthale, 2. Febr. Vorgestern iunfr ganz befonbers gestern wütete hier ein furchtbarer, Sudermanns neues Drama: „Es lebe das a c b c u" würbe am 1 .b. M. im Deutschen Theater in Berlin nicht ohne Erfolg aufgeführt. Es spielt in hoch ariftokrotifchen Kreisen unter konservativen Fraktions-Genossen. Infolge von Jntriguen bei einer Reichstagswahl wirb ein verjährter Ehebruch bem betrogenen Gatten zur Kenntnis gebracht. Die schuldige Frau, für bereu seelisch Reinheit ©übermann plädiert, giebt sich selbst den Lod, um ben Freunb dem Leben zu- erhalten. Manch Szenen find spannenb. Der litterarisch Wert des Dramas ist sehr gering. Leipzig, 1. Febr. Der Komponist, Musikprofessor Iabas sohn, ist im Alter von 71 Jahren gestorben. rateur, wenn die Sache bekannt geworden Ware, in die HSvdfe des Staatsanwalts gefallen wäre. In Berlin hat ein Arzt bet einer Hämorrhoiden-Operation dem Patienten die Harnrohre durchschnitten, sodaß der Betreffende dauernd nicht mehr richtig urtmren konnte. Eine ganze Reihe ähnlicher Mißgriffe sind mir bekannt Die Aerzte in den Kranlcnhäufcrn sollten so besoldet werden, daß sie lerne Privatpraxis mehr auszuüben brauchen; dcnin werden ste il)ren amtlichen Pflichten treuer nachkommen. Auch in der nächsten Nahe von Berlin herrschen bezüglich der Sauberkeit u. s. to. in den Heilanstalten und Krankenhäusern die ärgsten Mißstände. In einer irrens anstatt, die von Potsdam aus reoidirt wird, und zwar ziemlich oft, wird Alles immer in bester Ordnung gefunden, das kommt aber daher, daß Die Anstalt immer telephonisch von Der am nächsten Tage bevorstehenden Revision benachrichtigt wird. Wie steht es dort aber in Wirklichkeit? In derselben Küche, in Der das Essen für Die kranken und Wärter zubereitet wird, wird auch Die Wasche gewaschen von Kranken, die sich selbst verunreinigt Baben, 3—5 Kranke werden in demselben Wasser gebadet, die Strohsacke werden selbst dann nickst erneut, wenn Jemand darauf gestorben ist. Die schmutzige Wäsche, welche Rekonvaleszenten acht ^age getragen haben, kommt ins Hospital und wird dann von den Hospitaliten noch so lange getragen, bis sie ganz schwarz ist. (Hört, hört!) Jn manchen Stellen herrscht in der Anstalt em furchlbarer Gestank. Es ist das die Privatirrcncmstalt von Fränkel und Oliven in Lankwitz. __ Ein gutes Wärterpersonal ist in den wenigsten Anstalten vorhanden. Die Leute werden auch so schlecht bezahlt, selbst in Den königlichen Instituten, daß sich tüchtige Kräfte sehr selten melden. Nach meiner Rede im vorigen Jahr hat Der GeheimrMh Kirchner das Moabiter Krankenhaus nur in der Weise revidirt, daß er flrichtig hindurchgegangen ist, und daraufhin schrieb er an Oberbürgermeister Kirschner einen Brief, daß er Alles in bester Ordnung gefunden habe. Wie kommt ein Staatsbeamter dazu, statt seiner vorgesetzten Behörde Bericht zu erstatten, diesen Bericht an den Vertreter der Stadt, also an Den Inhaber des Krankenhauses selbst zu rieten? Darauf vertagt das Haus die weitere BerathUNg auf Montag 1 Uhr; außerdem Justiz et at. Schluß gegen 7 Uhr. viel schlimmer. Es handelt sich hier im Wesentlichen nur um feine Geldfrage; die Kommunen wollen ober können die erforderlichen Mittel nicht aufwenden. Auch die Zahl der Wärter ist oft zu gering; und manche Wärter gehen so schroff mit den Patienten um, daß vwle Leute lieber sterben wollen, anstatt ins Krankenhaus zu gehen. Derartig liegen die Verhältnisse z. B. in Spremberg, ähnlich auch in Ncufließ und Kottvus. In Kottbus sind 16 000 Kranlenkasten- mitglieder, und das Krankenhaus enthält 46 BettenI (Hort, hort!) Kottbus ist im Landtag durch einen streng agrarischen ^unter vertreten, dec so viel mit ber Noth ber Lanbwirthschaft zu thun hat, baß er für die armen Kranken keine Zeit mehr übrig behält. s2lud) bei der reaktionären Stadtverordnetenversammlung finden Die Kottbuser Kraulen lein Gehör, da haben sie sich schließlich in ihrer Noth an mich gewandt. (Lachen rechts.) Wenn die Negierung eine Revision hat vornehmen lassen, dann ist sie mitverantwortlich für diese Zu stände. Wie stellt sich dazu der neue Gesund- heiksrath? Im Berliner Elisabeth-Kindcr-Hospital, in dem sehr viel gebetet wird, sind Kinder an Gonorrhoe erkrankt. Wie ist bas möglich und too bleibt da die Aufsichtsbehörde In der SSramv scbweigifchen Landeszeitung, also einem nicht sozialdemokratttchen Blatt, ist aus einem Krankenhaus in Harzburg ein ganz unglaublicher Fall erzählt: dort wurde ein Scharlachkranker 8 Tage nicht gewaschen! Ich wende mich nicht gegen Personen, sondern gegen das System; die ganze Frage ist eine Geldfrage. Auch aus einer Reihe Berliner Krankenhäuser habe ich Klagen bernommen. ^m Krankenhaus Bethanien, einem sonst ganz guten Krankenhaus, sind Mißstände, die sich nur aus übergroßer Sparsamkeit, aus Mangel an Mitteln erklären. Die Wärter haben einen zu langen Dienst und sind daher Abends häufig unzuverlässig und unbrauchbar. Außerdem haben sie eine so große Zahl von Kranken zu bedienen, daß sie ihre Pflicht vernachlässigen müssen. Ein Kranker mußte erst lange Zeit schreien, um das Steckbecken zu bekommen. Schließlich steckte es ihm der Wärter unter und ließ es zwei bis Drei StunDen Da. Die Wärter hoben eben keine Zeit. Das ist Berlin, too noch Die besten Krankenhäuser sind; in den Krankenhäusern der Provinz ist es noch schlimmer. Ein großer Uebelstand ist, daß dort die Aerzte vielfach noch große Privatpraxis haben und deshalb die Visiten im Krankenhause möglichst kurz abmachen. Bei dieser Art Der Behandlung sind die Menschenleben aufs schwerste gefährdet. Es sollen Fälle vorgekommen fern, in Denen Sandel und Verkehr. Volkswirtschaft. Mannheim, 1. Febr. Die Unterbilanz bet in Zahlungsstockungen geratenen Malzfabrik Geb rüber Hirfchler in Frankenthal beträgt 100 000 Mark- Getreide. Die Stimmung war während der ganzen Woche ziemlich ruhig und die Umsätze bewegten sich in engen Grenzen. Die amerikanischen Forderungen sind heute ca. 1 Mk. billiger gegenüber der Vorwoche; Rußland behauptete seine Preise, Argentinien offeriert nur hochfeine Bahia Bianca Weizen zu vorläufig unrentablen Preisen; dagegen sind Rosario-Scmtafe Weizen nicht angeboten. Roggen unverändert. Gerste ebenfalls ohne Veränderung. Hafer fest. Mais ruhiger. Die heutigen Notirungen sind: Redwinter 2 Mk. 138. Kansas 2 Mk. 137. Südruss. Weizen Mk. 130 bis 141. Laplata Weizen Mk. 139—141. Rufs. Roggen Mk. 107. Russische Futtergerstc Mk. 102. Russischer Hafer Ätk. 127—143. Donau Mais Mk. 103. Laplata Mais rye terms Mk. 104. per Tonne cif Rotterdam. Tabak. Im Laufe der Berichtswoche wurden in Heitoheim ca. 2500 Zentner Tabak in der Preislage von 22—24 Mk. verkauft. Bellheim fit bis auf ca. 200 Zentner ausverkauft. Im übrigen liegt das Geschäft sehr ruhig, und sind sehr wenig Abschläge zu Stande gekommen. Es wurden in Landau von Spekulanten an Händler einige Hundert Zentner rheinbayerische Sandblätter per Juli zu Ende 20 Mk. verknust. In alten Tabaken sind uns Umsätze nicht bekannt geworden. In losen Pfälzer Rippen geschäftslos, lose feine 8,50 bis 9 Mk., gebändelte feine 11 bis 11,50 Aik. Biehmartt. Im Lause der Berichtswoche waren die Märkte fast durchschnittlich nur mittelmäßig frequentiert, auch die Umsätze waren im Verhältnis zu den Vorwochen geringere. Prima Großvieh wurde rasch abgesetzt, während mittlere Qualitäten nur sehr geringe Beachtung fanden. Kalber waren lebhafter gehandelt, ebenso fette Schweine, während Läufer und Milchschweine etwas vernachlässigt waren. Kraftsiittermittel. Der Verkehr in Futtermitteln war ein regelmäßiger. Erdnußtuchen in greifbarer Ware sind wenig offeriert und etwas knapper, Dagegen ist Sommer- und Herbsllieferung von Marseille wieder angeboten. In Baumwollsaatkuchen und -Mehl bleiben die Umsätze beschränkt; Der Verbrauch in den Vereinigten Staaten ist infolge der kleinen Maisernte ein recht bedeutender, so daß die Wählen Drüben verhältnismäßig höhere Preise erzielen als in Europa. Kokos- Palmkern- unb Leinkuchen konnten sich voll im Preise behaupten, ebenso sind Malzkeime unb Biertreber nur zu erhöhten Preisen käuflich; Dasselbe gilt von grober Weizenkleie.