Nr. 283 Gesche»«« «Sgllch auäei Sonnlags. Dem (Siebener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem kesflschen Landwirt die Siebener Kamilten« blätter viermal m der Woche beigclegL tRoiaiionsbrucf u. Verlag der Brüh l'schen Üinvers.-Buch» u.Stem* dreckere» (Pietsch Erden) biedaktton, ErpedrNo» und Druckeret: Echnlftraße 7. Kdress« für Depeschenr «uzetger Gießen. LernlprrchanschlußAr 51. Zweites Blatt. 152. Jahrgang Dienstag 2. Dezember ISO® GietzenerAnzeiger General-Anzeiger w '4*F Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Bezugspreis, monatlich 76 Pl„ oiettel-« iädrltch Ml. LL0; durch Aohole- u. Zweigstelle« monatlich 66 Pf.; durch die Post Mk.L.— viertel» jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeige« für die Tag es nun» irrer bis vormittag» 10 Uhr, ZerlenpreiS: lokal 12 P^ auSwärt» 20 Psg. Deraalwoeriichr Mr den ooltt. u, all gern. Teil: P. Wittko. für ,8tabt und LanhE uni ElSerichlösaal^ > Gurt 131010; für den Anzeigen teil: Han» Beck. Die heutige 'Dummer umfaßt 12 Seiten. Der Kampf um den Antrag Kardorff. Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt rmterm L Dezember: „Ter Abg. Richter will sich mit den Sozialdemokraten auseinandersetzen!" Ties Gerücht war heute auf irgend einem Wege auf die überfüllten Tribünen gelangt und spannte die Erwartungen aufs höchste an. Doch der Führer der freisinnigen Volkspartei leitete das Gefecht nicht ein; -dies that Abg. Kunert, ein zu den bewährtesten „Hans- !eerem" zählendes Mitglied der äußersten Linken. Er brachte übrigens nichts Aufregendes vor. Nach Herrn innert kam Mg. v. Kröcher (kons.), der Präsident des! preußischen Mbeordnetenhanses, zum Wort. Ter Redner Brauchte es mit solchem Freimut, er fand so originelle Wendungen und Mahnungen an die Adresse der bürgerlichen Parteien und auch die der sozialdemokratischen traf Hon, daß auf allen Seiten des Hauses befreiende eiterkeit entstand. Es ging ein ausgeprägt gemütlicher ^ug durch Herrn v. Kröchers Rede. Und doch war es letzterem bitter ernst mit seinen Mahnungen. Parlamen- üarier müßten in so kriHschen Zeitläuften ihre Pflicht llhun, und dürften nicht auf die Fasanen- oder Hafen- >agd gehen. Gleichgiltigkeit gegen die parlamentarische Nflicht sei der Vorbote der französischen RevoluHon gewesen, und die gegenwärtigen Zustände in Deutschland Hätten eine verzweifelte Aehnlichkcit mit denen vor der französischen Revolution. Eine Hefe Bewegung ging bei diesen Worten durch das Haus, nur links erschallte spöttisches Lachen. Nach einer mit zwei Ordnungsrufen belasteten Don- rierrede des Abg. Zubeil (Soz.) kam Abg. Richter an die Reihe. Allseitige Spannung, zumal Richter sich zur Rednerbühne begiebt, während er sonst vom Platze aus zu sprechen pflegt. Unter lautloser Stille beginnt Richter. Er sendet sich zunächst gegen den Abg. Dr. Barth (ft. Vgg.), der ihn am Samstag scharf angegriffen hatte. „Ich hatte am wenigsten erwartet, daß aus diesem Glashause ein Stein auf mich fliegen würde." Dann begründete Richter irr scharf umrissenen, eindrucksvollen Darlegungen feine Mißbilligung des „taktisch verfehlten, in der Form geradezu verwerfliches sozialdemokratischen Obstruktions- frldzugs. Der Sache fehlt aber auch der Humor nicht, wie Abg. Richter zum Ergötzen des Auditoriums ausein- amdersetzte. „Wenn der Zolltarif zustande kommt, dann firnn sich die Regierung vor allem bei den Sozialdemo- fiaten bedanken. Denn letztere haben einen Dauerredner mach dem anderen vorgeschickt, und dadurch den Mehrheitsparteien die Zeit zum Finden der Verständigungsformel verschafft." Die kräfHgste Wirkung erzielte Richter^ als er MM Schluß erklärte: „Wenn sich österreichische Zustände tjn deutschen Reichstag einbürgern sollten, dann würde i»ch eS nicht mehr für eine Ehre halten, dieser Körperschaft amzu gehören." Tie äußerste Linke schickte gegen Richter sofort ihren Mwandtesten De datier ins Gefecht, den Mg. Bebel. Es gelang ihm aber, trotz aller Entfaltung seines außer- oordentlichen Temperaments, nicht leicht, die Wirkung der Richter'schen Ausführungen abzuschwächen. Ebensowenig durchschlagend war der Versuch Bebels, Herrn v. Kröcher zu widerlegen. Die hümorisHsche Beleuchtung dieser Ausführungen gelang Bebel noch am besten, weil er sich hierbei von einer gewissen galligen Art der KriHk frei machte. Bebel meinte, Herr v. Kröcher habe heute die Mschaffung des Reichstagswahlrechts an maßgebender Stelle in empfehlende Erinnerung bringen wollen. „Tie Urheber des Antrags v. Kardorff sind die Mg. Spahn, Dr. Bachem und Gröber, die „.Heiligen drei Könige des Zentrums". „Mg. Bassermann, der Adonis des Liberalismus, hat sich als reaktionärer Mephisto gezeigt." Wurden diese, wenn auch etwas bissigen, Scherze mit Heiterkeit ausgenommen, so schlug die Stimmung um, als der Redner, allerdings in bedingter Form, den abwesenden Präsidenten Gras Ballestrem als „Büttel" der Mehrheitsparteien bezeichnete. Mit Energie fg-riff hier Vizepräsident Büsing ein, obwohl Bebel sich hinter die Bemerkung verschanzte, er könne vom Rednerpult aus — wo er dem Präsidententisch den Rücken kehrt — nicht sehen, wer augenblicklich präsidiere. Tie Bemerkung, der Zolltarif sei ein Denkmal von unserer Zeiten Schande, trug dem heißblütigen Führer der Arbeiterbataillone, der sich heute in völlige Heiserkeit hineinredete, einen Ordnungsruf ein. Der Chor der poliHschen Freunde Bebels fiel ab und zu mit tönendem Beifall ein, Lirin ende Kundgebungen. Mg. Tr. Sattler (nl.), der nächste Redner sprach von ihnen als der bekannten „Orchesterbegleitung" — unterblieben heute, ein Umstand, dessen Tr. Sattler mit Genug- thuung Erwähnung that, als eines Beweises der Umkehr und Besserung. Uebrrgens schüttelte Tr. Sattler die über die nationalliberale Unterstützung des Antrags v. Kardorff in Empörung geratene „National-Ztg." von den Rockschößen der Partei ab. Das Zensoramt in Parteiangelegenheiten könne diesem Blatt nicht zugeftanden werden. Ihm, Tr. Sattler, sei der Antrag äußerst unerwünscht, er habe sich zur Unterschrift äußerst schwer entschlossen. Mer das Unterfangen der kleinen Minderheit, dem Parlament chren Willen aufzwingen zu wollen, mache solches Vorgehen erforderlich. Das möchten auch die Nationalliberalen im Hause und im Lande, die Gegner des Antrags sind, bedenken. Mg. Thiele (Soz.) drückte sich in einer sehr bilderreichen Sprache aus. Er sprach von Zollräubern, von modernen Bassermann's chen Gestalten, vom parlamentarischen Guerillakrieg, vom poliHschen Meuchelmord, von Laurahütten-Moral, und schloß diesen eigen arHgen Reigen mit einer Verunglimpfung des Präsidenten, den er .Hehler der Stehler" nannte. Graf Ballestrem erteilte die angemessene Antwort. Eine entschiedene Veredelung hat der Ton darnach doch nicht gerade erfahren. Es ist aber wohl nicht gerade zu befürchten, daß oer Knotenstock in Aktion treten wird, der dem grimmen Abg. Ulrich (Soz.) aus seinem he ssi sch en W ah l kreise „zum Dreinschlagen" geschickt wurde. . . . Abg. Zllrich im Mästdium der Zweiten Kammer. Die Wahl des sozialdemokratischen Abgeordneten Ulrich als Schriftführer für die zweite hessische Kammer — worüber sich eine Korrespondenz unseres Darmstadter Bureaus jüngst ausführlich äußerte — erregt noch immer lebhafte Erörterungen in der Presse. In sehr bemerkenswerter Weise tadeln jetzt auch Mainzer und Darmstädter Blätter die von der Kammermehrheit vollzogenen Wahl Ulrichs. Tas „Mainzer Tagblatt" bezeichnet diese Wcchl mit fetter Schrift als einen ,-Schwabenstreich der zweiten Kammer" und legt in ausführlicher Begründung dar, daß die Mehrheit mit dieser Wahl wohll dem Präsidenten der Kammer eine Liebenswürdigkeit haben erweisen wollen, da derselbe mit dem neuen Schriftführer eng befreundet sei. Mit Bezug auf diese Wahl und die näheren Intema erhalten wir jetzt von Herrn Landtagsabgeordneten Brauer, dem bisherigen Inhaber des zweiten Schjrifd führeramtes, folgende Zuschrift: „Ter Umstand, daß ich, wie von verschiedenen anderen Zeitungen — auch von der Ihrigen — als nationalliberal bezeichnet werde, veranlaßt mich zur RichHgstellung zu er« klären, daß ich keiner Partei angehöre. Im übrigen vertrete ich den in Ihrem Blatt mit Recht betonten St andpun kt, daß ein Sozialdemokrat nicht in das Bureau eines deutschen Parlaments gehört. Tie gleiche Stellungnahme hat die nationalliberale Partei im vorigen Landtag bethätigt. Trotz ihres auch diesmal einstimmig gefaßten Beschlusses, hierbei zu beharren, hat sie nachgegeben, nachdem Zentrum und die, später der „hessischen Volkspartei" angehörigen, Abgeordneten beschlossen batten, den Sozialdemokraten einen Sitz im Bureau zu gewähren. Nicht zum wenigsten hat zu diesem Meinungswechsel die Befürchtung des Präsidenten Haas Betgetragen, daß die nationallib. Partei bei Zusammenschluß der anderen Parteien sämtliche Ehrenämter verlieren könnte. (Auch nach dem Prinzip der gleichen und gerechten Verteilung der Aemter? Die Nationalliberalen bilden doch immer noch die größte Partei in der zweiten Kammer. T. Red.) Tie freisinnige Partei hat zu Gunsten der Sozialdemokratie jaiut einen Sitz im Bureau verzichtet. Die wenigen Sttmmen (12) habe ich gegen die verabredeten Abmachungen von meinen nächsten Freunden erhalten, aber nicht von der späteren „Hess. Volkspartei", mit deren Mitgliedern ich mit Karell und Joutz im letzten Landtag zusammen die freie wirtschaftliche Vereinigung bildete." Sehr vielsagend ist die Genugthuung, mit welcher der .LZoftoärts" die Wahl des Dbg. Ulrich begrüßt. Das Blatt schreibt: „Die Wahl eines Sozialdemokraten zum Kammer- Schriftführer wäre schon im verflossenen Landtag erfolgt, wenn sich unsere Genoffen darauf eingelassen hätten, etwaige Repräsentations-Verpflichtungen dem Hofe gegenüber zu erfüllen. Tamals erklärten unsere Genossen einfach, daß sie weiter keine Verpflichtungen übemebmen als diejenigen, welche nach der Berfaffung und der Geschäftsordnung von ihnen verlangt werden könnten. Die Folge war, daß ein Sozialdemokrat nicht gewählt wurde. Am Montag haben nun die bürgerlichen Parteien den Versuch, unseren Genossen nur unter gewissen Bedingungen einen Sitz im Prä- sidium zu überlassen, nicht wiederholt. Die GleichherechH- gung unserer Partei ist somit bedingungslos anerkannt worden." Kin Ausflug in den Karz. (Nachdruck verboten.) Berlin, 30. Nov. Mir war es zu viel geworden in dem Großstadt- tmbel, zu viel der interessanten Leute, der geistreichen Dnterhaltunaen, Kunstausstellungen und Theaterneuheiten r- zu viel Geist und zu wenig Natur. Und dabei lachte draußen eine Novembersonne, wie frie sonst nur der Oktober noch aufzuweisen hat, lachte liiib lockte, bis ich kurr enffchlossen mein Bündel schnürte imb auf einige Tage tu den Harz ging. Das nächste, das bi’fte — ich wählte Thale. Mends kam ich an und sah von inrni Orte nur Schattenrisse. Ein freundlicher alter Herr nuhm sich meiner an und bald fand ich am Rande des Waldes für Geld und gute Worte Unterkunft und Atzung 6 >i tüchtigen, liebenswürdigen Bürgersleuten. — Arn nächsten Morgen war ich in den Bergen. Das ist fteilich ellwas anderes als der Berliner Tiergarten und wenn u noch so festlich dreinschaut. Mas sind wir doch für Thoren! Wir scbwärrnen für faS Gold, ba§ bei den Venetianern in der Luft Hemmschwirrt und denken, nur daher stamme der satte Gold- tun der venetianifchen Maler. Und derweil wühlt unser I3?ber Herrgott hier hoch oben im Norden im Golde und schafft eine Landschaft mit Stimmungen und Tonwerten, d.cß einem Hören und Sehen vergeht. Vom reinsten Avldgelb durch alle Nüancen von Rotgelb bis hinüber zur schweren goldbraunen Bronze. Mte verwetterte Felsen ragen dazwischen hinein — vereinzelt tauchen grüne Tannen afif in aft der goldigen Pracht, die Bode springt schäumend vwn Fels zu Fels, — plötzlich ein gespenstisches Krachen und Zacken! Ich wende mich erschrocken um, ob gar der r-iockenaeist in Person erscheine — statt dessen sind es ganz prosaische alte Weiber, die dürre Zweige von den Bäumen brachen. .... Ein paar Tage später und von dem goldig Mmmern- öct Bergwalde ist kaum etwas geblieben. In den Nächten tobte ein Sturm, als jage der wilde Mer mit seiner tollen Schar durch die Lüfte. Sie haben's O getrieben - all die goldenen Blätter haben sie herab- oevirbelt und den Wald kahl und traurig zuruckgelasfen. lii) doch hat auch der seines goldenen Schmuckes beraubte 23alb feine Reize. Die Felsen schieben sich gigan- ttscher vor, die schwarzen Bäume erzählen eine eigene melancholische Weise. Wo sich aber verein zell Keine zierliche Goldblätter gehalten haben, da ist es gerade, als hätte eine verschwenderische Hand blitzendes Cdelgestein ausgestteut. Gegenwart und Sage verquicken sich seltsam hier. Noch führt die Hexentreppe hinauf zum Hexentanzplatz, aber so degradiert ist die historische alle Treppe, daß statt der allen Brockendamen seligen Gedenkens nur über- müHge Straßenjungen hinaufklettern und noch dazu ganz einfach auf ihren eigenen zwei Beinen ohne jedes mythische Besenwerk. Ter Hexentanzplatz existiert noch wie vor Mters, aber die jungen und alten Hexlein, die dort allsonntäglich ihre Zusammenkünfte haben, schauen aus lustigen Augen so fromm und sittsam, daß man ihnen schier keine andern Hexenkünste zuzutrauen wagt, als wie sie allüberall von ihren Schwestern in den Bergen und auf dem flachen Lande geübt werden. Traurig, aber wahr! — Das ganze lustige Gesindel der Hexen, Kobolde und sonstiger böser und guter Geister scheint vor dem Hämmern des Eisenwerkes, vor den qualmenden Schloten der Fabriken die Flucht ergriffen zu haben. Wie kann sich auch Poesie erhalten in unferm ma? schinenrasfelnden säculum! Man lese im Reisehandbuch: „Thale, ein Dorf von über 10 000 Einwohnern — großes Hüttenwerk, das allein über 3000 Menschen beschäftigt. „Thalenser Emaillewaren" mit und ohne Fehler; mit Fehlern von fliegenden Händlern vertrieben, fehlerlos — Ehre, dem Ehre gebührt! — in fein aus gestattet en Geschäften an seine Leute verkauft." Geehrte Leserin, jetzt kennst Du Thale, und in so einem emaille- und eisenproduzierenden Neste mit über 10 000 Einwohnern sollte noch Sinn für Poesie fein, für echte rechte Harzpoesie! Kein Wunder, denfft Tu, daß die Hexen und alle guten Geister entflohen. Ja, fehlgeschosfen! Sei nicht zu voreilig in Deinen Schlüssen! Erscheint der Mensch auch noch so prosaisch— in irgend einem Winkel seines Herzens hat er doch ein Keines verschlossenes Heiligtum uni) glückt es, in einem unbewachten Moment einen Blick hineinzuwerfen, sieht man da i>rinnen einen Altar errichtet, auf dem irgend etwas Poetischen oder Heiligem die ewige Flamme brennt. Ten guten Thalensern ergeht es nicht besser. Auch sie huldigen in der SHNe einem Ideal, das nichts mit ihrem Alltagsleben zu thun hat und dies Ideal ist niemand anders als „unser Kronprinz". Ties „unfer" betonen sie mit einem Stolze, als hätte des Kronprinzen Wiege mindestens in einem Thaleschen Hause gestanden. Alljährlich einmal kehrt der deutsche Kronprinz auf kurze Zeit in dem behaglichen Keinen Forsthause nahe am Hexentanzplatz ein, um dem edlen Waidwerke zu ftohnen. Tiese kurze Zeit bildet den Glanzpunkt des Jahres für die Thalenser. Strahlenden Auges erzählen sie von dem Empfang, den ihm seine Thalenser bereiten. „Und wie der Kronprinz aus dem Wagen springt, so flott und so frei, und wie er dreinschaut — wie er grüßt, das ist alles so ganz anders wie bei andern Menschen — so apart und so sonnig, daß einem schier das Herz im Leibe lacht." Tie niedlichsten Legenden knüpfen sich an die jugend- ftische, herzbezwingende Erscheinung „unseres Kronprinzen" und wollte ich aus der Schule plaudern und verraten, wie alte und junge Damen versuchen, sich Reliquien von ihrem er körn en Helden zu verschaffen — es käme viel Trolliges ans Licht. Mer ich weiß nicht, ob es den Beteiligten recht wäre, fürchte auch, die Reliquien könnten von ihrer Wunderkraft einbüßen, wenn sie durch solches Zurschaustellen profaniert würden. „Giebt es denn bei all den Fabriken hier keine Sozialdemokraten?" fragte ich meine Wirtin, als sie nicht müde wurde, mir von dem Besuch des Kronprinzen zu erzählen. „I freilich, die giebt es schon und oft machen sie einem viel zu schaffen, aber wenn sie auch arg demokratisch sind, unfern Kronprinzen haben sie doch alle gern." Ich denke bei mir, das ist eine Sozialdemokratte, die ich mir gefallen lasse. Ob da nicht doch einer von den Berggeistern dahintersteckt, so einer von den neckischen guten, die den Menschen alles zur Freud' ersinnen, die Fäden hin und wieder spinnen und wenn sie gleich mal tollen UeBermut treiben, doch sorgen, daß die Kinder ihrer Berge vor Tücke bewahrt bleiben? So viel ist gewiß — auch im November lohnt sich ein Ausflug in die Berge! Man spürt und erfährt da allerlei, von dem man sich hinter dem warmen Ofen nichts träumen läßt. E. Politische Tagesschau. Radikale Maßregel«. Von besonderer Seite wird uns aus Berlin, L Dezember, geschrieben: Taß die Mehrheit im Reichstag mit dem Gedanken rnngehe, den Antrag Kardorff auf en bloe-Annahme des Zolltarifs zurückzuziehen, hrirb beute abend als Gerücht verzeichnet. Nach unseren Erkundigungen ist ein solcher Vorschlag nirgends in Anregung gebracht worden, auch bei den Nationalliberalen nicht. Aber, so hören wir, es sei eine ganz andere Frage, ob die Nationalliberalen diejenigen neuen Abänderungen der Geschäftsordnung mitmachen, die vom Zentrum und von der Rechten zur Erreichung des Ziels, d. h. zur Durchsetzung der Zollvorlage, für erforderlich gehalten werden. Es finden über diese Aenderungen Besprechungen statt. Soweit dabei in Betracht kommt, eine uferlose Ausdehnung der „Geschäftsordnungs- bebatte" über den Antrag v. Kardorff mittels Schluß- antraas zu verhindern, dürste die Unterstützung der Mehrheit oer Nationalliberalen zu erwarten sein. „Radikale" Maßregeln jedoch, die in der Wirkung darauf hinausgehen, die Rechte der Minderheit dauernd zu verkümmern, werden zurückaewiesen werden. Abg. Paasche von den Nationalliberalen ist zwar mit Energie thätig, die Durchführung des Kampfes zu empfehlen. Mein die Anwendung allzu heroischer Mittel birgt große Gefahren in sich, die Gefahr vor allem, daß der Reichstag zum Schauplatz unerhörter, das Dagewesene noch überbietender Szenen wird. Man hat sich innerhalb der Zollmehrheit die Sache leichter voraestellt und man ist einigermaßen verblüfft, daß auch in derjenigen Presse, die für den Zolltarif eintritt und die Obstruktion verwirft, erheblicher Widerspruch gegen die Zulässigkeit des Antrags Kardorff sich geltend macht. Noch einen Schritt weiter durch ein Zurechtbiegen der Geschäftsordnung für die Zwecke, die man zu erstreben wünscht, so kann es geschehen, daß die Oeffentlichkeit, die ein feines Rechtsgefühl hat, überwiegend für die Minderheit Partei ergreift. Die „Kreuzzta." ermuntert soeben ausdrücklich die Regierung im Folgenden: „Auch an maßgebenden Stellen in der Reichsleitung wird man an diesen Vorgängen nicht teilnahmslos vorübergehen dürfen." Das sind Anzeichen, die stutzig machen müssen und zu großer Vorsicht insbesondere die Nationalliberalen gegenüber den Verbündeten des Augenblicks mahnen. Die Engländer und der Mullah. Der „tolle Mullah", der den Engländern im tiefsten Innern Afrikas schon so viele Kopfschmerzen bereitet hat, erzielt anscheinend jetzt wieder recht ansehnliche Kriegs- erfolge gegen den Obersten Swayne. Wie der „Morning Post" aus Aden gemeldet wird, sind die dortigen Militärbehörden einhellig dafür, daß die Jahreszeit für eine nachdrückliche Weiterführung des Feldzuges in Somaliland jetzt, da die Regenfälle aufgehört haben, vorbei ist. Bis zum August werde kein wirksamer Vormarsch möglich fein und bis dahin wahrscheinlich, abgesehen von der Verstärkung der militärischen Stationen, nichts unternommen werden können. — Die Engländer halten es also für das Geratenste, die vom Mullah erhaltenen Schläge einstweilen ruhig einzustecken. Sie haben ja immer äußerst praktisch gedacht! — Das Meutersche Bureau meldet aus Garrero vom 26. November: Der Mullah hat einen Zug von Kamelen hierher gesandt, welche Vorräte trugen, die der Mullah im Gefecht mit dem Obersten Swayne erbeutet hatte und die alle unbrauchbar gemacht waren. Desgleichen sandte der Mullah eine herausfordernde Botschaft nach Bo- hotle, wo jetzt eine Kompagnie Bombap-Grenadiere und eine Abteilung Sikhs liegen. Außerdem hat er starke Vorposten ringsum Bohvtle fn Entfernungen von 1000 Yards bis zu vier Meilen aufgestellt, mit denen die englischen Vorposten Schüsse wechseln. Parlamentarisches. Berlin, 2. Dez. Die heutigen Morgenblatter melden: Es verlautet, Abg. Frhr. v. Hehl beabsichtigt, zum Zolltarif eine Resolution einzubringen, durch die der Reichskanzler zu Verhandlungen mit den anderen Staaten aufgefordert wird und sich gegenseitig zu verpflichten, daß zukünftig keine Meistbegünstigungsverträge abgeschlossen werden. Das .Hauptorgan des Zentrums, die Berliner „Germania" erklärt heute: Nachdem ein Kampf um die Grundlagen des deutschen Verfassungslebens im Reichstage entbrannt fei, müsse die Mehrheit durchhalten, nicht allein um des Zolltarifes, sondern auch um Ordnung des Gesetzes Millen, um die Grundlagen unseres konstitutionellen Verfassungslebens ni erhalten. Gebe die gegenwärtige Geschäftsordnung der Obstruktion Handhaben zu einer mißbräuchlichen Berufung auf dieselbe, so bleibe nichts übrig, als sie zu ändern. Deutsches Reich. Berlin, 1. Dez. Dem „Reichsanzeiger" zufolge nahm der Kaiser am Samstag im Schloß Neudeck den Vortrag des Vertreters des Auswärtigen Amts, Gesandten von Tschirsckkv und Bögendorff entgegen. — Aus Beuthen (Oberschlesien) wird vom Montag abend gemeldet: Der Kaiser fuhr heute nachmittag 1 Uhr von Schloß Neudeck nach dem Bahnhofe von Nadzioukau, von wo er um 3 Uhr 35 Min. mit Sonderzug nach Groß-Strelitz weiterreiste. -2— Der deutsche Kronprinz wird nach dem „Berl. Tageblatt" mit dem Prinzen Heinrich und dessen Geschwader den dänischen Hof erst im nächsten Frühjahr besuchen, der Kaiser vielleicht erst im Herbst 1903, bei welcher Gelegenheit er wahrscheinlich mit dem Zaren und dem englischen Könige zusammen- trifft — Der über das Befinden des Herzogs vonSach- sen-Altenburg am Montag ausgegebene Bericht besagt, daß die letzte Nacht, wenn auch noch durch Husten aestört, doch besser war, als die vorige. Am Morgen betrug die Temperatur 37,9, der Puls 90, die Atmung 30. Der Herzog fühlt sich schwach, doch beginnt sich der Appetit zu regen. — Der am Nachmittag ausgegebene Krankenbericht besagt, daß der Herzog den Tag wieder leidlich ver- bradii hat. Er verbrachte eine halbe Stunde im Stuhl schlafend und nahm etwas, wenn auch nicht viel Nahrung zu sich. — Ter „Reichsanz." veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung betr. die Rechte an Grundstücken in den deutschen Schutzgebieten vom 21. November 1902, sowie die Ausführungs-Verfügung dos Reichskanzlers dazu vom 30. November 1902. — Der „Reichsanz." veröffentlicht die Ernennung des Geh. OberregierungsratS im Reichsamt des Innern, von Jonguiereö, yem Direktor der Normal-Mchmigs-Kow- mission. Kiel, L Dez. Prinz Heinrich trat heute mittag an Bord seines Flaggschiffes Kaiser Friedrich HI." mit dem ersten Geschwader eine Winterreise nach der norwegischen Küste an. Neustadt a. H., 30. Nov. Heute nacht starb Kommerzienrat Th. Knöckel, Besitzer der Papierfabrik Ph. Knöckel Söhne. Knöckel war der Führer der Nationalliberalen im hiesigen Kreise, und saß auch im Stadtkollegium. Hervorragendes leistete er in der Fürsorge für seine Arbeiter, und die Armen der Stadt werden ihn sehr vermissen. Breslau, L Dez. Der Zweig-Verein des Vereins deutscher Eisenhüttenleute sandte an den Kaiser ein Dank-Telegramm auS Anlaß der Essener Rede. Desgleichen richtete der Verein ein Telegramm an die Direktion der Firma Krupp, in welchem derselbe der tiefen Trauer Ausdruck giebt über das Hinscheiden Krupps. Ausland. Wien, 1. Dez. Nachdem durch das wahrscheinliche Zustandekommen des deutschen Zolltarises die Kündigung der Handelsverträge wahrscheinlich geworden ist, werden, wie offiziös verlautet, die Ausgleichsverhandlungen mit Ungarn demnächst wieder ausgenommen werden. Athen, 1. Dez. Bei den Kammerwahlen errangen die Telyannisten 135, die Zaimisten 22, die Throtokisten 60 und die Teligeorgisten 10 Sitze. Tie Minister Negris, Korpas und Monphantvs find unterlegen. Paris, 1. Dez. In der Teputiertenkammer wurde heute ein Antrag Plichon verteilt, nach dem die Zölle aus Bier abgeändert werden, in der Weise, daß der allgemeine Tarif auf 25, der Minimaltarif auf 18 Frcs. Per 100 Kilogramm Reingewicht erhöht wird. In dem Mo- ttvenbericht heißt es> daß die Maßnahme die guten Beziehungen mit den benachbarten Nationen nicht stören dürfte, da Deutschland, welches die einzige Nation sei, die Bier nach Frankreich exportiert, im gegenwärtigen Augenblick ein Beispiel gebe, indem es einen höheren als den bisher bestehenden Zolltarif vorbereite. Konstantinopel, 30. Nov. Während der gestrigen Audienz beim Sultan hat der deutsche Botschafter demselben angeraten, die Administration Macedoniens durch gewisse Maßregeln zu bessern. London, 1. Tez. Nach einer Blättermeldung ist der Zustand des Generals Louis Botha kein befriedigender. Ter Kranke verbrachte die letzte Nacht schlaflos. Aus Stadt und Land. Gießen, den 2. Dezember 1902. ** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten - Versammlung am Donnerstag dem 4. Dezember 1902, nachmittags 4 Uhr: 1. Genehmigung von Rechnungen. 2. Sielbau; hier: a. Lieferung von Spül- brunnenrohren, b. deSgl. von verschiebbaren Spülklappen. 3. Vergebung von Wegbauarbeiten im Gießener Stadtwatd. 4. Anlage eines neuen Friedhofes; hier: Kunstschloffer- arbeiten. 5. Notstandsarbeiten. 6. Straßenkostenbeiträge für die Alicestraße. 7. Desgl. für die Johannessttaße. 8. DeSgl. für die Wiesenstraße. 9. Gesuch der Architekten Stein u. Meyer um Eröffnung der verlängetten Ludwigstraße. 10. Ausführung des Gesetzes vom 2. August 1899 über die Dienstverhältnisse der Staatsbeamten; hier: militärische Organisation der Schutzmannschaft und Polizeikosten. 11. AuS- nahmetage für die BeschästigungSzeit und den Ladenschluß der Geschäfte im Jahre 1903. 12. Rechnung der Plock'schen Stiftung für 1901/02. 13. Voranschlag der Plock'schen Stiftung für 1903/04. 14. Gesuch des Karl Ernst Christel um Erlaubnis zum Betriebe der Gastwittschaft im Hause Seltersweg 40. 15. Gesuch der Anna Frötsch Witwe um Erlaubnis znm Betriebe einer Schankwittschaft im Hause Nordanlage 1. • • Aus dem Bureau des Stadttheaters. Das Gastspiel deS Herrn Richard Kirch, erster Held und Liebhaber am Frankfutter Schauspielhaus, findet nunmehr definitiv Freitag den 5. d. M. statt. Vorbestellungen auf Billets nimmt Herr Challier vom Donnerstag an entgegen. * • Das 3. Abonnementskonzert findet diesmal nicht am Donnerstag, sondern schon heute Abend, Dienstag, statt, well die Kapelle für Donnerstag nach auswätts verpflichtet ist. * * D er Bauersche Gesangverein beabsichtigt, am Sonntag, 7. d. MtS., nachmittags 5 Uhr in Steins Saalbau seinen passiven Mitgliedern und Freunden einen Cyclus seiner schönsten Lieder vorzutragen. Da die Leistungen des strebsamen Vereins längst als gut bekannt sind, so wird es ihm an Besuch nicht fehlen, um so mehr, als sich auch CuttiS ergreifender Chor, „den Toten vom Iltis", der in Gießen noch nicht öffentlich gesungen ist, auf dem Programm befindet. * * Männer-Turnverein. Am 29. November feierte der Männer-Turnverein Gießen in SteinS Gatten sein dieSjähttgeS Winterfest. Eingeleitet wurde dasselbe-durch einen vom ersten Sprecher vorgetragenen Prolog, worauf Maffenstabübungen, Turnen einer Vereinsriege an zwei Barren und von einer Anzahl Turner Gipfelübungen am Reck vorgefühtt wurden. DaS daran anknüpfende Festspiel „Jahn im Olymp", in welchem Marmorgruppen, ein Reigen römischer Gladiatoren, ein Fahnenreigen der Knaben, Pyramiden, die von Turnerinnen und Turnern gestellt wurden, Eisenstabwindeübungen und Gipfelturnen am Barren von Turnern deS Vereins gezeigt wurden, erntete bei allen Zuschauern ungeteilten Beifall, sodaß die Schlußgruppe wiederholt gezeigt werden mußte. Den Schluß des Festes bildete ein Ball, der die Teilnehmer bis zum frühen Morgen zusammenhielt. — Gießener Volksbad. Im November wurden 8024 Bäder verabreicht gegen 7560 im Oktober 1902 und 8055 im November 1901 oder im Durchschnitt auf den ganzen Badetag 292 Bader gegen 261 im Oktober 1902 und 288 im November 1901. Der Besuch im einzelnen hat sich wie folgt ©erteilt: Schwimmbad 4394 Männer, darunter 841 zu 10 Pfg., , 677 Frauen, , 159 „ 10 , Wannenbäder 1. Klaffe 285 Männer, 88 Frauen, , 2. , 624 „ 350 Dampf- und Heißlustbäder, sowie Maffage zusammen 164 । Männer, 15 Frauen. Brausebäder 1191 Männer, 236 Frauen. Die Personemvage wurde von 200 Personen benutzt wub daS Bad von 7 Personen besichtigt. * * Der Herr Kontrolleur. Brr! jetzt wird eS erst gelungen, jeA ist der Herr Konttolleur schnellen Satzes auf. gesprungen: „Bitte Ihren Fahttchein her!" Jetzt beginnt ein Schläferrütteln und ein Taschenfutter-Schütteln. Unter Brummen, unter Fluchen fängt man an den Schein z» suchen: Hosen, Rock und Weste, je! Ueberzieher, Potte» monnaie, nirgends ist das Ding zu fasten! Wo hab' ich daS Beest gelösten? Einer hat auS dem Billette sich gedreht ’ne Zigarrette, und ein Mädchen — ganz verzückt — hat in Stücke eS gepflückt." • * Dezember! Der Monat Dezember, in welchen wir gestern eintraten, ist der Greis im Lebenslaufe de- JahreS. Pelzwett, Pulswärmer, heraufgeschlagene Kragen sind seine charaktettstischen Zeichen. Von allen Monaten tß er der größte Freund und Protektor der Jägerschen Doll- methode und wegen seiner Kälte ist er der Liebling der Pelz, und Kohlen-Händler, allein der Feind des Hausherrn, den er mehr wie andere Monate in die Tasche zu greifen nötigt Als Beschützer der langen Nächte ist er ebenfalls nicht geliebt von der Hausfrau, die von dem vielen Pettoleum. unb GaS-Verbrauch nicht gerade erbaut ist, wie überhaupt bie Frauen — so sagt man — alte finsterschauende Männer nicht leiden mögen! Dagegen ist der Dezember, wie alle alten Leute, ein unbestrittener Freund der Kinder! Bringt der Dezember doch die Hauptfreude für die kleine Welt, daS Weihnachtsfest mit seinen Geschenken und Lichtern, so daß er durch deren Glanz ersetzt, was ihm an Sonnenschein mangelt Darum sei der Dezember unS willkommen! p. Fried berg, 1. Dez. Nm SamStag wurden in mehreren hiesigen Wirtschaften die Sammelbüchsen mit In. halt gestohlen. Dem Dieb oder den Dieben fielen mut- maßlich über 100 Mk. in die Hände. Obgleich die Polizei sofott nach der That eifrige Nachforschungen anstellte, gelang es nicht, die Verbrecher zu erwischen. Von einem derselben konnte durch Zeugen folgendes Signalement festgestellt werben: bleiches Gesicht, schwarzer Ueberzieher und Filzhut, schwarzer Schnurrbatt, Größe ca. 1,70 Meter. Tie entwendeten Sammelbüchsen sind insofern leicht zu ettennen, als sie Nach- bilbungcn des hiesigen Adolfturmes sind. n. Münster bei Lich, 1. Dez. Unsere Gemeinde hat ihre Eingabe an die Gemeinde Ettingshausen wegen Anschluß an die dort im Bau befindliche Wasserleitung zurückge- nommen und beabsichtigt, eine eigene Wasserleitung in der Nähe der EttingShäuser Quellen anzulegen. ES werden des. halb in aller Kürze Bohrversuche gemacht werden. Wetzlar, 2. Dez. In großer Aufregung befindtt sich die Familie deS in dem einsam zwischen Oberbiel unb Albshausen an der Lahn gelegenen .SchiffShauS* wohnenden Arbeiters Kullmann. Frau K. sandte gestern, wie der ,,W. A." schreibt, ihr siebenjähttgeS Söhnchen mit einem Auftrage nach Oberbiel. Von diesem Gang ist daS Kind nicht zurückgekehtt. Man nimmt an, daß eS den nächsten Weg über die hier zugefrorene Lahn — um den Umweg über die etwas weiter unten liegende Brücke zu sparen — wählte und unter das EiS getteht; doch fehlen auch hierfür sichere Anhaltspunkte. ■L-.s'j- .-■■■-----!— 1 ..l*1 , Schwurgericht. W. Gießen, 2. Te^ Tie gestrige Verhandlung vor dem Schwurgericht würbe von Landrichter Kvch alS Vorsitzender deS Gerichtshofes eröffnet. Als beisitzende Richter nahmen an der Verhandlung teil Landgerichtsrat Müller und Amtsrichter Neunhagen. Tie Staatsanwaltschaft wurde durch Staatsanwalt Reuß vertreten. Verhandelt wurde gegen den bisher unbestraften, 19 Jahre alten Pferdeknecht Wilhelm Janisch aus Kohden, der der Brandstiftung angeklagt ist. Tie Verteidigung des Angeklagten führt Rechtsanwalt Dr. Jung. Zur Verhandlung waren sieben Zeugen geladen. Tie Än- gelegenhett wurde bereits am 9. Oktober b. I. verhandelt und damals vertagt, weil die Verteidigung begründete Zweifel darüber äußerte, ob bei der Brandstiftung auch wirklich das in Fra^e kommende Hau? in Brand geletzt worden war. Neberernstimmend mit seinen früheren Angaben erklärte gestern Janisch, daß er an einem SunStag um Ostern dieses Jahres herum in der Nähe des Cber- steinbacherhofes, der sogenannten .Hutenburg bei Leibgestern, welche vorn Landwirt Klein gepachtet sei, mit dem 3d'dfcr von der Ludwigshöhe, dem Jakob Schäfer uis.immenge- troffen sei. Janisch war bei demselben Tienstherrn als Pferdeknecht thätig. Schäfer sei mit ihm in das .Haus der Hutenburg getreten, hier habe der Jakob Schäfer ihm ein Streichholz gegeben und ihm zugeredet oder ilm aufge- forbert. das noch von Schäfers Vorgänger in der ersten Etage des Hauses liegende Strohlager in Brand zu si'tze^ Er will der Aufforderung nachgekommen sein. Anfängliw habe das Stroh, ohne eine Flamme von sich geben, nur gequalmt, sie hätten beide darauf das Haus verlassen. Ter Angeklagte will dann noch einmal in das 5?au5 zurüch gegangen sein, um nach^usehen, ob das Stroh auch toirfna verbrannt sei; es sei jedoch in dem Raume, wo er b« Stroh entzündet, ein solcher Rauch gewesen, daß er roiebet habe umkehren müssen. Später sei Peter Junker vorüber- gekommen und habe gemeint, im Hanse der £ut£P?ur5 brenne es. Janisch will nun nach dem Herd des zurückgekehrt sein, er habe versucht, den Brand mrt den Füßen zu löschen: da ihm dies aber nicht geglückt sei, hade er aus dem Fenster heraus um Wasser gerufen, woraus Jakob Schäfer ihm seinen Hut voll Was'er gereicht, mtt dem er das Feuer vollständig gedämpft habe. Auf befragen des Vorsitzenden giebt der Angeklagte zuerst zu. er have in der Voruntersuchung erklärt, daran gedacht zu haben, daß das Haus abbrennen könne, wenn er in dem,eiben das Stroh anstecke. Auf Anregtlng des Verteidigers richtet der Präsident, Landrichter üoch an Janisch Frage, was er denn gedacht hat, als er das Stroh in Brand fepw- Ter Angeklagte erklärt darauf, daß er gar nichts gchacnc habe, es sei seine Msicht gewesen, durch Feuer das zu vernichten. Erft als dieses gebrannt habe, habe er 'Jngi bekommen, und ihm sei der Gedanke gekommen, es ktmne auch wohl das Saus mit in Brand gesetzt werden, darum habe er das Haus verlassen. Janisch deponiert noch, MB er mit seinem Tienstherrn gut gestanden unb daß er mevt im mindesten daran gedacht habe, diesen durch Branv- stistung zu schädigen. — Aus der Verlesung deS von Lano- gerichtSrat PrätoriuS als Untersuchungsrichter vorgenommenen Augen scheinbenrndes geht hervor, daß in dem Raume des Lbersteinbacherhofes der ziemlich star»e Holzfußdodev Mag durchgebrannt war, daß die HolKverlleDungen M Zensier und Thür durch Feuer beschädigt vorgeftnhen Wurde». — Ter als Zeuge vernommene Schäfer Jakob Hchäfer erklärt, daß er nicht mehr in Diensten des Pächters Lllein aus der Ludwigshöhe sei; er bemerkt weiter, daß «r wegen des Brandes in Untersuchungshaft genommen gewesen und als Beschuldigter den Janisch als den wahren ?lchäter der Brandstifütng angegeben hat. Er will an jenem 75age, einem Sonntage um Ostern herum, in der Nahe äiec Hutenburg seine Schafe getrieben haben Janisch sei 5-l chm gekommen und habe ein Schwefelholz verlangt, Elches er chm auch gegeben habe, ohne eine Abuung davon g-t haben, welchen Gebrauch derselbe damit habe machen wollen Ter Zeuge bestreitet, mit dem Angeklagten gemeinsam an jenem Tage ein Gebäude der Hutenburg oe- iireteu zu haben, es sei auch die Angabe des Janisch uu- ivahr, oaß er chn verleitet habe, das Lagerstroh in Brand zu setzen. Ter Zeuge bekundet, daß er dem Angeklagten, als dieser aus Anraten des Peter Junker das Feuer löschte, seinen Hut voll Wasser zu diesem Zwecke in das Haus getragen habe; er weiß auch, daß das Haus zur Zeit der That und lange Monate vorher von Menschen Nicht be- ivohrll gewesen und auch keine Einrichtung zu einer mensche lvichen Wohnung enthielt. Ter Gerichtshof beschloß, wegen Les' Verdachts der Mitchäterschast des in Frage kommenden Verbrechens, den Zeugen Schäfer nicht zu vereidigen Ter äjeuge Peter Junker von Steinbach deponiert, nie er an Lern Sonntag um Ostern herum an der Hutenburg bei Leihgestern vorübergebvmmen sei und aus dem Tach habe Lauch kommen sehen, der ihm verdächtig schien Er sah nähergehend den Angeklagten Janisch aus dem Hause Obnunen. Ter Schäfer Jakob Schäfer stand bei seiner Herde etwa 40—50 Schritte vom Hause entfernt. Junker hat dann die Beiden aysgesordert, den Brand im Hause zu löschen panisch ging in das Haus und verlangte Wasser; da hat Schäfer gesagt, wer das Feuer angelegt habe, möge zusehen, wie er es wieder lösche. Erst auf Zureden von Junker hat Schäfer sich herbeigelassen, seinen Hut voll Wasser in das iMis zu reichen. Auch dieser Zeuge bestätigt, daß das in s^rage kommende Haus lange vor der That nicht mehr lmwohnt war und auch sich vor dem Brande in recht verwahrlostem Zustand befand. Frau Pächter Klein von der Ludwigshöhe giebt dem Angeklagten das Zeugnis, daß er c in An echt war, wie sie sich besser keinen wünschen könne. Derselbe sei in ihren Diensten brav, treu und ehrlich gewesen, und man habe denselben zu allem brauchen können Der Geschworene Fabrikant Zurbuch-Gießen wünscht von boer Zeugin zu wissen, ob sie über den Zustand des Hauses am Tage des Brandes Auskunst geben tonne. Die Zeugin imneint dies. Ter Vorsitzende konstatiert aus dem Augen- sicheinprobokoll, daß es sich zwar um ein Gebäude handele, d»as einige zerbrochene Fenster hatte, dessen Thür aber moch intakt war und auch sonst seiner Beschaffenheit nach noch als Haus im Sinne des Gesetzes wohl zu gelten habe. Dlndgerichtsrat Prätorius erklärt, daß er ja nicht gesehen habe, daß durch das Strohseuer auch das Haus in Brand gesetzt worden sei. Er habe das Haus selbstverständlich nicht brennen sehen, aber nach dem ganzen Befund der Brandstelle müsse er sagen, die Dielen des Hauses, die Limperien an Fenster und Thür seien zum Teil bis auf b as Mauerwerk zerstört gewesen, und zwar, wie er aus (yrunb seiner Erfahrung annehmen müsse, durch die Kämmen. Daraus wird auf die Vernehmung der weiteren trugen verzichtet Ter Geschworene Zurbuch bittet um Mfklärung, ob es nicht möglich ist, annähernd festzustellen, mie gro ßder GebLudeschaoen ist, der durch den Brand verursacht wurde. Unter den Zeugen ist niemand, der b arüber Auskunft erteilen kann. Der Staatsanwalt ist der Alirsicht, daß der Schaden höchstens 40—50 Mk. betragen ffinne. Damit ist die Beweisaufnahme geschlossen. — Den Geschworenen werden zunächst folgende Schuldfragen vor- g clegt: 1. Hauptfrage. Ist der Angeklagte schuldig der vorsätzlichen Brandstiftung, begangen an einem Gebäude, Elches zur Wohnung von Menschen dient? 2. Hauptfrage im Fall der Verneinung der Frage 1. Liegt vorsätzliche Brandstiftung, begangen an einem Gebäude, welches frem- d.» Eigentum ist, vor? 3. Nebenfrage bei der Bejahung d w Frage 2. Sind mildernde Umstünde vorhanden? Hierauf nimmt Staatsanwalt Reuß das Wort und laßt die Anklage insoweit fallen, als er der Ansicht ist, d.aß das in Brand gesetzte Gebäude nach Lage der Beweisaufnahme vor und während der That nicht zur Wohnung Dion Menschen gedient habe. Wohl aber sei die Frage 2 mit einem Ja zu bcantworten. Der Angeklagte brauche wicht den Vorsatz, gehabt zu haben, das Haus, um das es sijlh handelt, in Brand zu setzen, es genüge, daß er mit Ur Möglichkeit der Inbrandsetzung habe rechnen können um die gegebenen Bedingungen des § 308 des Strasgesetzes als gegeben anzunehmen. Herr Reuß tritt aber auch fmr zuzubilligende mildernde Umstände ein. Ter Angeklagte fad noch jung, er sei bisher unbestraft, er sei durch dessen Lhat, der er übrigens geständig sei, kein großer Schaden entstanden. , _ . , Ter Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Jung bemerkt, daß en mit dem Vertreter der Staatsbehörde einig sei in der , Beurteilung der That seines Klienten, soweit die erste Schuldfrage in Betracht komme. Diese müsse verneint teert)en Er habe bisher in der Verhandlung geschwankt, |o'i der Angeklagte schuldig sei der vorsätzlichen Brand- ftiftimg nach § 308 des Strafgesetzbuches, und da müsse en sagen, er habe die volle Ueberzeugung, Janisch sei schuldig, mit Vorsatz bei seiner Thal gehandelt zu haben. wolle kein Hehl daraus machen, daß er persönlich dem Maeklagten nicht glauben könne, daß dieser, wie er sagt, emt daran dachte, daß das Haus mit anbrennen würde, n ichdem er den Zündstoff, das Stroh in Brand gesteckt bitte Ter Verteidiger erklärt, seiner Ansicht nach hatte >2)er vernünftige Mensch, und ein solcher ser sein Klient, fciffen müssen, daß das brennende Stroh auch das Haus in Brand fetzen würde. Meine Herren Geschworenen, so ungefähr fuhr der Verteidiger fort, für Sie darf ine Ansicht des Staatsanwalts, für Sie darf die persönliche An- scht des Verteidigers in der vorliegenden Sache nicht maßgebend sein, Sie haben als Richter die heilige Pflicht, jeLber zu prüfen, ob im vorliegenden Falle der Angeklagte richt doch fahrlässig gehandell hat. Schenken Sie dem Angeklagten nach jeder Richtung vollen Glauben, so mujfen Gäe auch die zweite an Sie gerichtete Sä)uldfrage ver- itiitnen, es muß dem Angeklagten die 2Lbsicht nachgewiejen wurden und darüber, ob dies geschehen, kann man Oer* Med en er ficht fein. Ter Vorsitzende eröffnet noch ein* null die D. ausnahme und richtet cm den Angeklagten erneut die schon Mngangs der Verhandlung gestellte fr:age, ob er sich bewußt gewesen, als er den Hausen C^roh anzündete, daß auch durch das Feuer das Haus ui Brand geraten würde, welche Frage Janisch wieder mit fai beantwortet. Als hierauf Tr. Jung bittet, der Vor- Unioersitäts-Uachrichleu. — Der bekannte Professor Dietrich Schäfer in Heidelberg hat einen Ruf an die Universität Berlin angenommen. Derselbe wird nach Ablaus des Winter-Semesters nach Berlin übersiedeln. — Ein studentisches Arbeitsamt ist, wie aus Halle a.S. geschrieben wird, nunmehr auch dort nach dem Muster von Char- lottenburg, Berlin, Leipzig und einiger anderen deutschen Hochschulen von der Freien Studentenschaft gegründet worden. Das Arbeitsamt weist armen Studierenden, die schon während der Studienzeit den Kampf ums tägliche Brod führen müssen, Beschäftigung nach, wo sie angemessen gelohnt werden, nicht, wie es leider infolge der Unterbietung auch in Halle bisher der Fall war, mit 50, ja mit 30 Pfg., für die Privatstunde. Als Minimalsatz hat das Arbeitsamt 1 Mt. pro Stunde festgesetzt. Die Neuerung wird von Allen, die den sozialen Fortschritt vertreten, angenehm vermerkt. — Aus Heidelberg schreibt man: In einer Resolution hat eine Versammlung, in welcher mit Ausnahme des S. E. alle satis- faktionsgebenoen Korporationen der Studentenschaft beschlossen, dem Beispiel anderer Hochschulen folgend, bei Ehrenhändeln mit Offizieren, den Säbel vor der Pistole zu wählen. — Aus Karlsruhe wird gemeldet: Oberbaudirektor Pro- feffor Dr. Durm dahier, ist infolge der Aufhebung dieser Behörde unter Anerkennung seiner langjährigen treuen und ersprießlichen Dienste und unter Ernennung zum Geheimrat 2. Klasse, sowie unter Belassung in der nebenamtlichen Stellung an der Technischen Hochschule auf Schluß des Jahres in den einstweiligen Ruhestand versetzt, ferner die beiden außerordentlichen Mitglieder der Baudirektion Oberbaurat Professor Dr. Otto Warth an der Technischen Hochschule und Oberbaurat Direktor Philipp Kircher an der Baugewerkeschule dahier auf den gleichen Zeitpunkt ihrer nebenamtlichen Thätigkeit enthoben. — Eine deutsche Vorlesung an der Sorbonne. Wie aus Paris berichtet wird, ist dem Dr. phil. Siegsried Benignus die Erlaubnis erteilt, an der Sorbonne einen freien Kursus in seiner Muttersprache — d. h. also deutsch — zu halten. Dr. Benignus liest nun vom 3. Dezember ab jeden Mittwoch nachmittag in der Salle Quinet über ,2)ie deutsche Litteratur seit 1889*. Berlin, 1. Dez. Dem Berliner Tageblatt wird aus Madrid gemeldet: Der Gouverneur von Barcelona besuchte die Universität und entschuldigte vor versammelten Professoren das Eindringen der Gendarmerie in das Universitäts-Gebäude. Die verhafteten Studenten wurden in Freihett gesetzt. Die Regierung hofft, daß nun die Ruhe wieder emkehren wird. möge benr Angeklagten eine von ihm formulierte Frage zur Aufklärung der Sachlage vorlegen, erklärt Janisch fast wörtlich: Als er daS brennende Streichholz cm daS Stroh gehalten, habe er nicht daran gedacht, daß das Feuer das Haus in Brand setzen könne, erst als das Stroh gequalmt ljai, sei er ängstlich geworden und habe sich m das Freie begeben. Der Verteidiger beantragt nunmehr, auch wegen der Schuldftagen 1 und 2 noch die Fragen an die Geschworenen zu stellen, ob der Angeklagte die eine oder die andere Tbat aus Fahrlässigkeit begangen. Nach eingehender Rechtsbelehrung durch den Vorsitzenden und nach kaum 10 Minuten währender Beratung der Geschworenen, verkündet deren Obmann, Fabrikant Adolf Zurbuch-Gießen, den Wahrspruch, der auf schuldig der fahrlässigen Brandstiftung eines in ftemdem Eigentum befindlichen HauseS lautet Das Urtdl lautete auf drei Monate Gefän gnis, unter Llnrechnung von zwei Monaten der erlittenen Untersuchungshaft Ter Staatsanwall halle fünf Monate Gefängnis beantragt Der Angeklagte erklärte das Urteil annehmen zu wollen, und weiter seine Bereitwilligkeit den Rest der Sllafe sofort verbüßen zu wollen. Ter Haftbefehl war nämlich durch den Gerichtshof für aufgehoben erklärt worden Der Prozeß des Malers Syndon. Paris, 30. November. Vor den Geschworenen der Seine-Jnfsrieure (Rouen) begann vorgestern bet äußerst zahlreichem Zuspruch der Prozeß des Malers Syndon, welcher am 21. September im Seebade Etretat den Wechselagenten David an der Seite feiner Gattm niederschoß. Zwischen Frau David und dem Künstler hatte schon seit längerer Zett em zärtliches Verhältnis bestanden, wie vorliegende Briefe bezeugen: doch behauptet der junge Mann, der vor Gericht einen sehr günstigen Eindruck macht, und dem seine ehemaligen Lehrer im Atelier Jullian, die Maler Bonnat, Jules tefebre und Tony Robert-Fleury, die günstigste Nachrede halten, es sei rein platonischer Art gewesen. Was ihn, wie er sagt, gegen David aufbrachte, das war, daß dieser ihn bei seiner Frau verleumdet, indem er ihr einzureden suchte, Syndon wolle ihre halberwachsene Tochter, der er Zeichenunterricht erteilte, verderben. Einige Tage vor dem Drama tu Etretat hatte David den Künstler in seinem Atelier ausgesucht, ihn geschmäht und geschlagen. Syndon ließ sich mißhandeln, weil er sich, wie er nachher zu einem Freunde sagte, an dem Gatten nicht vergreisen wollte. Die Geliebte Syndons meldete sich krank; ihre Schwiegermutter trat als Zivilpartei auf. Syndon wurde der vorsätzlichen Tötung des Gatten seiner Geliebten schuldig erkannt und zu zehnjähriger Zwangsarbeit verurteilt. Nach der Urteilsverkündung kam es im Gerichtssaale zu erregten Szenen. Die Schwester des Verurteilten wurde von einer Nervenkrisis befallen; sie schrie mit gellender Stimme: „Gebt mir meinen Bruder wieder, ich will meinen Bruder sehen l* Dann stürzte sie auf den Bruder der Madame David, Herrn Ehrenberg, los, schlug ihn mit ihrem Schirm ins Gesicht und ries: „Ihre elende Schwester hat meinen Bruder ins Unglück gestürzt!* Das arme Mädchen mutzte mit Gewalt fortgeführt werden. — Inzwischen spielte sich ein anderer Zwischenfall ab. Der Advokat Decori, der Verteidiger Syndons, erhob sich und erklärte, daß er die Kassation des Urteils beantragen wolle, wett die Geschworenen während der Pause mit dem Publikum in Berührung gekommen seien. Ein Geschworener hatte nach dem Plaidoyer des Anwalts der Zivilkläger Bravo gerufen. Der Präsident lehnte jedoch ab, diese Erklärungen zu Protokoll nehmen zu lassen, und weigerte sich gleichfalls, eine Enquete über dre von Decori angefühllen Vorkommnisse vornehmen zu lassen. Das sehr aufgeregte Publikum nahm für Decori Partei. Der Präsident schloß in schroffer Weise die Debatte. Er wird heute in sämtlichen Pariser Blättern scharf angegriffen, während das Urteil von den meisten gebilligt wird. Syndon hatte das Urtett äußerlich ruhig und mit großer Selbstbeherrschung angehört. Vermischtes. • In Lüttich ist die sozialistische Genossenschafts- Backerei abgebrannt. Der Schaden beträgt etwa 150 000 Franks. Landet und Verkehr. Volkswirtschaft. . Märkte. Gießen, 2.Dez. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter pr. Pfd. 1,10—1,20 Mch Hühnereier 2 St. 15—19 Pfg., 2 Stck. 00—00 Pfg., Gänseeier v0—00 Psg^ Enteneis 0—0Psg^ Käse vr. Stck. 5—8 Pft Kasematte2 Stck. 5—6Psg^ Erbsen pr.Liter 21 Pfg., Linsen pr. Liter 32 Pfg., Tauben pr. Paar 0,80—0,90 Mk., Hühner pr. «St. 1,00—1,20 Mch Hahnen pr. Stück 0,70—1,25 All., Enten pr. Stück 2,00—2,60 Mk., Gänse pr. Pfd. 50—64 Pfg^ Ochsenfleisch pr. Pfund 66—76 Pfa., Kuh- und Rindfleisch pr. Pfund 60—64 Pfg^ Schweinefleisch pr. Pfund 70—80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, pr. Pfund 84 Pfg., Kalbfleisch pr. Psd. 68—72 Psg., Hammelfleisch pr. Pfund 50—70 Psg., Kartoffeln pr. 100 Kgr. 5,20—5,50 Mt, Weißkraut per Stück 00—00 Psg., Zwiebeln pr. Zentner 3chO—4,50 Mk., Milch per Ltter 18 Pfg. Aepsel per Pfd. 0—00 Pfg., in Körben 00—00 Pfg. Trauben 00—00 Psg. Die Marktzett dauert von morgens 8 Uhr bis nachmittags 2 Uhr. Gegenstände des Wochemnarkwerkehrs dürfe« vor Beginn der Marktzett überhaupt nicht und während der ersten dr« Stund« der Macktzeit nur aus den dafür bestimmten unb angewiesen« Verkaujsplätzen, also auch mckt tm Umlierziehc-n, seilgeboten werden. Familien Nachrichten. Gestorben: Lehrer i. P. Görlach in Gießen, 76 Jahr« alt. Neueste Mewungen. vriginaldrahtmel-ungen des Gießener Anzeiger. Berlin, 2. Dez. Die Morgenbläller melden: Zur Re- oision des Sllasprozesies wurde vom Staatssekretär deK Reichsjustizamts Nieberding eine Kommission einberufen, m der 21 Mitglieder sitzen. Die Sitzungen beginnen am 14, Januar. Berlin, 2. Dez. Die Ernennung des LegallonsratÄ bei der bayrischen Gesandtschaft in Berlin, Frhr. v. Gullen- berg znm bayrischen Ministerresidenten in Pari^ wird offiziell beftätigt Groß-Si . litz, 2.Dez. Der Kaiser wurde bei der Ankunft gestern nachmittag von Grafen v. Tschirschky-Renard, Landrat v. Alten, Güterdirektor Diederici und Bürgermeister^ Gundrun begrüßt Vom Bahnhofe fuhr der Kaiser mit dem Grafen unter begeisterten Hurrarufen der Menge nach dem Schlöffe. Der Weg war mit Fackeln und Lampions beleuchtet. Abends 7 Uhr fand im Schlöffe ein Diner zu 26 Gedecken statt. Bonn, 2. Dez. Der ordenttiche Professor Dr.ElemenL- 93acumfer, der an der hiesigen Universität das katholischer Ordinat für Philosophie bekleidet, hat auf Grund des Vorschlages der Straßburger philosophischen Fakultät als Nachfolger des nach Heidelberg berufenen Professors Windelband einen Ruf nach Straßburg erhalten und wird demselben am 1. April Folge leisten. Wilhelmshaven., 2. Dez. Gegen das Artille-» rie-Depot wurde von einem unbetcurnten Thäter ein Schuß abgefeuert. Tie Kugel stammte aus einem 8 Millb- meter-Gewehr, und flog in die Registratur, ohne jedoch, irgendwelchen Schaden anzurichten. Tie Verfolgung des; Thäters blieb infolge des Nebels resultatlos. Kiel, 2. Dez. Der Küftenpanzer „Hildebrand^ erlitt vor Cuxhaven erhebliche Beschädigung des Steuerruders. Tie Reparatur bedingt eine zweitägige Verzögerung der Wellerfahrt des Schiffes. London, 2. Dez. Mehrere Morgenblätter beschäftigen sich mit der Lage der aus Südafrika zurückgekehtten Re- servisten, welche ohne Ardell sind. — Der Kriegsminister hat eine Untersuchung eingeleitet über den Selbstmord zweier Reservisten, welchen der schuldige Sold nicht auSgezahlt worden war. London, 2. Dez. ,Daily Mail^ meldet aus New- Pork: Ein furchtbarer Sturm wütet auf dem atlantischen Ozean. Der Dampfer ,©t. Louis" ist mit 2tägiger Verspätung in New-Poll eingetroffen. Der Kapitän elllälle^ er habe eine sehr stürmische Ueberfahll gehabt. Dep Dampfer ^Campania" ist ebenfalls mit Verspätung eingetroffen und berichtet ähnliches über die Ueberfahll. Rotterdam, 2. Dez. Ter Prätendent des Suttanats Atchin, der den Holländern so lange viel Mühe und Opfer gekostet, wurde, wie aus angeblich sicherer Quelle verlautet, in den Bergen von Pantei Radja getütet Von der holländischen Kolonie wurde sein Siegeünng wieder erkannt Dlarseille, 2. Dez. 600 Reisende, welche hier vergebens auf Fahrgelegenheit wallen, haben gestern eine Versammlung abgehalten, in welcher sie beschlossen, ein Protesttelegramm an den Ministerpräsidenten Combes zu. llchten. Rom, 2. Dez. Das Blatt „Epocccll erfährt aus London : Die italienische Regierung habe der englischen gestattll, Truppen auf italienisches Gebiet zu landen, um diese nach dem Somalilande zur Bekämpfung des Mullah zu bringen. Ein italienischer Offizier werde die Engländer begleiten. Die Landung soll Ende Dezember ftattfinben. Wien, 2. Dez. Auf der hiesigen russischen Botschaft werden die gestern verbreiteten Gerüchte von einem Attentat auf den Zaren als völlig unbegrünbet bezeichnet Wien, 2. Dez. Die Kabinette von Wien und Petersburg haben sich, wie mit Sicherheit verlautet, nunmehr! dahin geeinigt die Durchführung von Reformen in Maeeoonien unter ihre gemeinsame Kontrolle zu stellen. Sowohl der österreichische wie der russische Botschafter erklärten dem Sultan, daß dies das einzige Mittel fei, Klarhell in die Lage zu bringen und die Gemüter zu beruhigen. Mll Rücksicht auf das österreichisch- russische liebereinfommen vom Jahre 1897 sei bei einem solchen Arrangement jeder Gedanke an eine Verletzung der Hohellsrechte des Sultans oder an irgendwelche Terrllo-s rial-Veränderungen der Türkei ausgeschlossen. UeberdieK würde auf diese Weise einer Einmischung der Mächte vorgebeugt, die unvermeidlich wäre, wenn die maeedonische Frage zum Frühjahr wieder akute Formen annehmen sollte. Ottawa, 2. Dez. Der Holz-Jndustrielle Mc. Kay ist gestorben. Er hinterläßt em Vermögen von 250 Millionen Dollar. Kay kam als einfacher Arbeiter nach Kanada. Telephonischer Kursbericht« Jt'rankturt a. 2. Dezember 1902. 3*/a% Reiohsanleihe . . 101.85 3°/o do. ... 91.50 3‘/,°/o Konsole .... 101.85 8% do.....91.45 3*/2°/n Hessen .... 100.30 8% Oberhessen . . . 99.80 4% Oesterr. Goldrente . . 103.00 4‘/,% Oesterr. bilberrente 101.40 4% Ungar. Goldrente . . 101.50 4°/. Italien. Rente . . . 103.20 4V,% Portugiesen . . . 49.00 n°/ Portugiesen. .... 31.00 \% C. Türken .... 27.80 Türkenlose......121.60 4% Griech. Monopol.-Anl. 44.10 41/,% äussere Argentiner —.— 8d/o Mexikaner .... 24.75 4,/«Vg Chinesen .... 91.50 Electric, bohuckert . . . 79,90 Nordd. Lloyd . . . . 94.85 Kreditaktien .... 211.70 Diskonto-Kommandit . . 188.50 Darmstädter Bank . . . 137.20 Dresdener Bank .... 142.80 Berliner Handelsges. . . 155.90 Oesterr. Staats bahn . . , 148.30 Lombarden ..... 17.30 Gottharabahn.....179.70 Lanrahütte...... 202.50 Bochum ....... 167.00 Harpener......167.00 Tendenz: fest. Sammte, Velvets, Elten & Keussen, 0.1 Krefeld. Für die polll. Red alt. veranttvvrttich. I. V.: F. HaunemaMH Bekanntmachung. Der Voranschlag der Gemeinde Ettingshausen für 1903/04 liegt vom 5. Dezember ab acht Tage lang auf dem Bürgermeisterei-Büreau zur Einsicht der Interessenten offen. Ettingshausen, den 1. Dezember 1902. Broßh. Bürgermeisterei Ettingshausen. Keil. 8375 Haupt-Versammlung des 3ideigmeins vm Roten Kreuz in Gießen (HilfSveretu f6t die Krankenpflege trab Unterstützung der Soldaten im Felde). Die verehelichen Mitglieder des hiesigen Zweig-Vereins werden zu der Mittwoch beu 17. Dezember L I., abends 8 Uhr, an Zotalt des Caf6 Ebel dahier ftattfindenden ordentlichen Haupt-Versammlung ergebenst eingeladen. LageS-Orduung. 1. Bericht über die ThLtigkeit des Zweigvereins. 2. Rechnungsablage. 8. Beschlußfassung über Antrüge von Seiten de§ Vorstandes oder einzelner Dereinsmitglieber. 4. Vorstandswahl. 8882 Dreßen, den 2. Dezember 1902. Der Vorstand deö Zweigvereiu» dom Roten Kreuz. 3. 93.: Dr. Hüugettch, Großh. Landgerichtsdirektor. Steins Garten. Heute, Dienstag den 2. Dezember: III. Abonnements-Konzert aus^eftthrt von der 8385 Kapelle des Inf.-Reg. Kaiser Wilhelm (2. Grossh. Hess.) Nr. 116 unter persönlicher Leitung des Grossh. Musikdirektors Herrn C. Krausse. Anfang prScli 8 Uhr. Eintritt 60 Pfg. Steins Saalbau. Soutttag bett 7. Dezember 1902, nachmittags 5 Uhr: £ieder-Vorträ« des Aauer'schen Gesangvereins. EtutrittSkarteu b 50 Pfg. sind im Vorverkauf bei Herrn Ernst Ehallier und an der Kaste zu haben. 8384 ilotionnlilitrflltr öcmn. Vortrag* des Herrn Professor Dr, Sievers über: „Peuische Interessen in Mittet-Amerika" Donnerstag den 4. Dezember, abends 8*/, Uhr, im obere« Saale des Cafö Ebel. 8386 Auch Nichtmitglieder des Vereins sind willkommen. Ium Krokodil. Morgen, Mittwoch: Wehetsuppe. 05369 Morgens: Wellfleisch mit Kraut. Auch ist da8 berühmte Storchenbrän, Speyer, im Anstich ES ladet freundlichst ein Wilh. Mayer. Johann Seibel LubwigSplatz 13 empfiehlt LubwigSplatz 13 alle Backzuthaten zur gtin65ifmL Prima Blütheumehl 16 und 18 Pfg. Obst- und ie ^erflrtgcrs«g findet ganz veliiDmt statt. Gießen, den 2. Dezember 1902. 8388 Leipel, Gerichtsvollzieher. Stöbt. Schlachthaus. Fretbank. Heute und morgen: 8369 Killdükisch 54 pfg. Fomage-Licfeniilg. Die Lieferung von Hafer, He« u. Roggenstroh für die nrümper- Verwaltunq deS Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm für daS erste Halbjahr 1903 soll im ganzen oder geteilt vergeben werden. DreiSanqebote (üoer Hafer mit Probe) sind bis zum 15. d. M. an Sergeant U sing er, Kaserneli, versiegelt einzureichen, woselbst auch die Vertrags-Bedingungen eingesehen werden können. |8387 Tie Lrümper-Derwaltuug. Versteigerung. Mittwoch, d. 3. Dezbr. d. IS. nachmittags 2 Uhr versteigere ich im Pfandlokal Seltersweg 11 gegen Barzahlung: 1 Billard, 1 Wagen, 1 Kastenschrank, 1 Vertikow, Sophas, Kommoden, Kleiderschränke, Wanduhren, Tische, Spiegel, 10 buchene Dielen, 5 Käsige u. a. m. 8233 Johan«, Pfandmeister. 05361 Heute (Dienstag) Metzelsuppe bei F. Harnickel, Kaiserhof. 05374] Junge Frau empfiehlt sich im Unfertigen von Kinder, kleidchcn und Blusen u. s. w. Näheres Wetzstemstraße 34. Frisch Moiscnk Hasri Pariser Kopfsalat empfiehlt 06357 Heinrich Klotz, Mäusburg 17. 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