Nr. 283 Dienstag, 2. Dezember 1902 152. Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags. Tie „Gießener Zainilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Tellr P. Wiltko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brüh l'schen UnioersitätSdruckerei (Pietsch Erben), Gießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 2 2 7. Sitzung vom 1. Dezember. 1 Uhr. Das Haus ist mäßig besetzt. Am Bundesrathstisch: Kommissare. Die Geschäftsordnungs-Debatte, die sich an die Einbringung des Antrags v. Kardorff geknüpft hat, wird fortgesetzt. Abg. Kuncrt (Soz., sehr schwer verständlich) vertheidigt das Verhalten der Minorität des Hauses, die sich ihr Recht nicht nehmen lassen werde, um so mehr, da die übergroße Majorität des Volkes in diesem Kampfe hinter ihr stände. Es ist nicht ein Kampf um die Geschäftsordnung, sondern ein Kampf zwischen Vertretern des Proletariats und des Kapitals. Die Kapitalisten wollen den Gewinn möglichst bald einheimscn. Aber warten Sie nur ab, bei Philippi, im Juni sehen wir uns wieder. Redner verbreitet sich des Weiteren über die Vortheilc, die die Großgrundbesitzer von den Kornzöllen haben, und bezeichnet den Kaiser als den größten Großgrundbesitzer. Präsident Graf Ballestrem: Es ist nicht zulässig, die Person Sr. Majestät in die Debatte zu ziehen. Abg. jtunert (Soz.) schließt damit, daß seine Partei fortfahren werde, für Freiheit und Recht zu kämpfen. Abg. v. Kröcher (fonf.): Die in der Luft liegende Spannung wird cs mir unmöglich machen, zu sprechen, ohne sachlich etwas scharf zu werden. Ich habe die Absicht, alle persönliche Polemik zu vermeiden und auch in der Form verbindlich zu sein und ich hoffe scgar, wenn die Herren auf der äußersten Linken mich nicht daran hindern, manchmal gemüthlich zu sprechen. (Heiterkeit.) Das Meiste, was ich sagen werde, werden Sie selbstverständlich finden, aber ich halte es für nöthig, es auszusprechen. Nach dieser Captatio bencvolentiac komme ich zur Sache, oder um mich korrekter auszudrücken, zur Geschäftsordnung. (Heiterkeit.) Meine Herren Sozialdemokraten, Sie haben den Antrag Kardorff eine Ucbcrrumpelung genannt. Sie haben das mit einem großen Grade von sittlicher Entrüstung gethan. Verzeihen Sie mir, wenn ich ein bischen an dieser sittlichen Entrüstung zweifle; ich kann mir nicht verhehlen, daß ich einige Zweifel gehabt habe, ob diese sittliche Entrüstung echt ist, denn ich kann Sie wirklich nicht für so kindlich halten, daß Sie über diesen Fall sittlich entrüstet sind. Wir von der Mehrheit müßten doch wirklich sonderbare Heilige sein, wenn wir im Kriege mit dem Feinde anders verfahren würden. Und im Kriege mit der Sozialdemokratie befinden wir uns ja; Herr Bebel hat uns doch am 12. November die Kriegserklärung überreicht, die Urkunde steht im stenographischen Bericht. Allerdings hat Herr Bebel nur gesagt: „Wollen Sie den Krieg, so haben Sie ihnl'^ Aber kennen Sie in der ganzen Weltgeschichte, mit Ausnahme des Kampfes der Engländer gegen die Boeren, vom trojanischen Krieg an bis zum Krieg mit Napoleon im Jahre 1870 einen Fall, wo der Kriegserklärer nicht gesagt hätte, der Andere hat angefangen? (Heiterkeit.) Sie haben das Vorpostengefecht doch schon ■eröffnet, und wie ich sagen muß, siegreich. Sie haben zwei Siege erfochten, Sie haben am Freitag Herrn Bachem durch körperliche Gewalt, d. h. durch die Gewalt Ihrer vereinigten Stimmen ^(Heiterkeit.) daran gehindert, seine Rede zu halten. (Sehr gut! rechts.) Herr Singer hat sogar erklärt, die Sozialdemokraten würden von Herrn Bachem keinen Vortrag mehr entgegcniiehmen, bis dieser Herr das gethan hätte, was Sie (zu den Sozialdemokraten) von ihm verlangen. Das ist doch, wenn Sie nicht zum Hanen und Stechen übergehen wollen, das Aeußcrste, was Sie leisten können. (Sehr gutl rechts.) Den zweiten Sieg haben Sie am Sonnabend durch die Konstatirung der Beschlußunfähigkeit errungen. Uebrigens hätten Sie gar nicht nöthig gehabt, den Saal zu verlassen, denn wir waren auch mit Ihnen nicht beschlußfähig. (Sehr richtig! und Heiterkeit.) Es ist mir sehr unangenehm, daß es am Sonnabend nicht zur Auszählung gekommen ist. Ich habe schon vor etwa 14 Tagen bei einer namentlichen Abstimmung einen sehr pointirten scharfen Artikel gegen die Abwesenden geschrieben und ihn drei hiesigen Zeitungen verschiedener Farbe angeboten, aber zu meinem Bedauern haben sie ihn sämmtlich abgelehnt, weil er ihnen zu hanebüchen war. (Heiterkeit.) Nachher habe ich ihn in eine Provinzial-Zeitung, die „Pommersche Reichspost", lauzirt und dann die Herren hier in Berlin gebeten, ihn wenigstens jetzt abzudrucken, aber sie sagten: Nein, das geht doch nicht wegen der Namen, die darin genannt sind — ich hatte die Namen der Herren von der Rechten, die nicht anwesend waren, veröffentlicht. Als das nächste Mal die Beschlußunfähigkeit festgestellt wurde, habe ich die Namen wieder der „Pommerschen Reichspost" übersandt, ich weiß nicht, ob sie abgedruckt sind. Auch Sonnabend hätte ich Ursache dazu gehabt. Nun möchte ich einige Worte an die bürgerlichen Parteien des Reichstages richten, ich nehme dabei die Freisinnigen aus, und zwar die freisinnige Volkspartei nehme ich deswegen aus, weil ihre Anhänger von mir und meinen Freunden für ehrliche, aber entschieden diametral entgegengesetzte politische Gegner gehalten werden. Ich bin sehr dankbar für die Haltung, die die freisinnige Volkspartei, dem Beispiel ihres bedeutenden Führers folgend, einnimmt. Ich nenne Herrn Richter einen bedeutenden Führer. Das ist er unzweifelhaft in heutiger Zeit, denn es ist sa keine Frage, wir Alle in den bürgerlichen Parteien, wir sind nicht mehr die Leute, die früher hier gestanden haben. Unter den Ministern giebt es, um von Bismarck zu schweigen, keinen Roon mehr, unter den Konservativen keinen Stahl, keinen Gerlach, keinen Strosser, unter dem Gentrum keinen Windthorst, Mallinckrodt, Schorlemer und Reichensperger, unter den Liberalen keinen Waldeck, Twesten, Vincke, Miquel und Bennigsen. Wir reichen nicht an die Leute heran. Das ist eine bedauerliche Thatsache, aber sie wird nicht besser, wenn man sie verschweigt. Darum richte ich die Bitte cm die Herren, nach Möglichkeit dafür zu sorgen, daß ihr Absentismus abnimmt. (Beifall bei der Mehrheit.) Wer die Geschichte der französischen Revolution von Thomas Earlyle gelesen hat, der wird sich sagen, daß niemals die Gleichgiltigkeit und Vergnügungssucht so groß gewesen ist, wie unmittelbar vor der Revolution, so groß, daß viele von den Grandseigneurs erst, als sie auf dem Schaffott waren, aus ihrem Taumel aufwachten. Und tauschen Sie sich nicht, unsere Lage hat jetzt eine verzweifelte Ähnlichkeit mit jener Zeit! (Schallendes Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Daß Sie (zu den Sozialdemokraten) darüber lachen, ist ja natürlich. Aber ich bitte die Herren von den bürgerlichen Parteien — ich vergaß noch nachzuholen, daß ich die freisinnige Vereinigung deswegen ausnehme, weil ich annehme, daß sie nach ihrer bisherigen Haltung sich der Kriegserklärung des Herrn Bebel angeschlossen hat; ich möchte sie nicht gerade Femd nennen, ich suche nach einem Ausdruck,' und möchte sie als analog zu Freundchen mit Feindchen bezeichnen. (Heiterkeit.) Auch in ernster Zett darf der Humor zu seinem Recht kommen., Es geht letzt positiv um Kopf und Kragen, es geht um die Existenz von Allem was wir erhalten wollen, und da bitte ich, daß die Herren, die bis setzt mcht hier gewesen sind, wenigstens in Zukunft Herkommen ^ch ver- fenne nicht, daß es sehr schwer ist für einen Abgeordneten, immer hier zu sein, und daß viele Abgeordnete sich nur sehr ungern in den Reichstag haben wählen lassen. Ich bin ein klassischer Zeuge dafür, ich habe mich auch erst wählen lassen, nachdem in der Vertrauensmännersitzung, wo ich den Leuten auseinandersetzte, daß ich als Präsident des Abgeordnetenhauses nur selten im Reichstag sein könne, ein alter Bauer auftrat und fagte: Na, Herr von Kröcher, das werden Sie doch zugeben, es ist immer besser, ein Guter fehlt, als ein Schlechter ist da. (Große Heiterkeit.) So mag es ja vielen von meinen Freunden auch gehen, aber ich sehe darin keine Entschuldigung. Wenn blos diejenigen Herren am Sonnabend gefehlt hätten, die durch dringende Geschäfte verhindert waren, und wenn diejenigen von den vielen Herren hier gewesen wären, die statt dessen Fasanen oder Hasen geschossen haben, (Hört! hört! links.) so wären wir nicht beschlußunfähig gewesen. Den Sozialdemokraten möchte ich eins sagen. Sie werden mir zu- geben müssen, daß mein Standpunkt nicht der eines Heuchlers ist. Ich will wirklich absehen von Ihren Personen; gegen die habe ich gar nichts, im Gegcntheil, wenn Sie Ihre Ansichten so zurück- rcüibirten und sie so verständig machten nach meiner Ansicht, daß Sic in die bürgerlichen Parteien hinüberrutschen könnten, ja, bis zu uns auf der Rechten — ich würde Sie willkommen heißen. Wir sind lange nicht so arglistig, wie die Herren auf der Linken immer annehmen. Einer unserer vornehmsten und bedeutendsten Führer in alter Zeit war ja der Jude Stahl. Aber spricht es nicht einfach gegen den gesunden Menschenverstand, daß die Sozialdemokratie hier im Reichstage vertreten ist? Ist es nicht eine Contradictio in adjecto, daß eine Partei, welche auf ihr Programm geschrieben hat Umsturz — natürlich auf gesetzlichem Wege — Umsturz der gesammten Gesellschaftsordmnung, also Umsturz des deutschen Reichs und der Bundesstaaten, daß diese Partei durch ein aktives und passives Wahlrecht mit berufen ist, über das Wohl und Wehe desselben deutschen Reichs und derselben Bundesstaaten mit zu entscheiden? Das ist doch, um mich höflich auszudrücken, ein Widersinn. Die Sozialdemokratie eignet sich nach ihren ganzen Grundsätzen nicht zum Subjekt, sondern nur zum Objekt der Gesetzgebung. (Lachen bei den Soz.) Die Sozialdemokraten haben zwei Siege errungen, ich vergleiche sie mit dem Gefechte von Saarbrücken, wo die Franzosen siegreich waren, aber wenn es nach mir ginge, würde unmittelbar darauf ein Weißenburg, Wörth, St. Privat und Sedan folgen (Beifall rechts.), Schlag auf Schlag. Aber es wird ja wohl nicht so rasch gehen. (Zuruf des Abg. Pachnicke: Wie wollen Sie es denn machen?) Sie können doch nicht von mir verlangen, daß ich, wenn ich mich mit Ihnen im Kriege befinde. Ihnen auch noch die Mittel angeben soll, mit denen ich Sie bekämpfe. Ich habe alle Achtung vor Ihnen, Herr Pachnicke, aber es ist beinahe ein bischen betrübend für mich, daß Sie mir eine solche Dummheit Zutrauen. (Heiterkeit rechts.) Wenn Sie (nach links) von einer Ucbcrrumpelung sprechen, dann möchte ich Ihnen doch rathen, künftig die Augen besser aufzumachen, damit Ihnen das nicht wieder passirt. Wenden Sie sich doch an die Herren vom „Vorwärts", die finden so oft Privatbriefe auf ihrem Redaktionstisch (sehr gutl rechts), vielleicht finden Sie da auch etwas, was Sie künftig gegen eine Ueberrumpelung sichert. Nur noch ein bischen über die Frage der formellen Zulässigkeit des Anttages. Ich habe keine Zweifel, daß die Ansichten darüber im Hause getheilt sind. (Lachen links.) Die Antragsteller sind sehr entschieden der Meinung, daß der Antrag zulässig ist, die Herren Sozialdemokraten haben in mehr oder minder scharfer Form erklärt, daß er parlamentarisch unzulässig sei. Der Präsident selbst habe bei Verlesung des Anttages einen leisen Zweifel an der Zulässigkeit geäußert (Zurufe links: leise? —), immerhin einen Zweifel. Leise nenne ich ihn darum, weil er lange nicht so' stark war, wie der Zweifel gegenüber dem Antrag Südekum, den er für so unzulässig hielt, daß er ihn nicht publizirte und auf das Verlangen des Abg. Südekum dann — meines Erachtens ganz korrett — die Entscheidung des Hauses darüber herbeiführte, ob er zulässig sei oder nicht. Was soll denn weiter werden? Zu einem Loche muß doch der Fuchs raus. (Heiterkeit.) Es muß doch Jemand sein, der entscheidet über Zulässigkeit oder Unzulässigkeit, und der berufene Interpret ist doch — ich bin überzeugt, darüber ist nur eine Ansicht — der Reichstag. Einen anderen giebt es doch nicht, den Bundesrath werden Sie doch nicht dazu nehmen wollen. (Große Heiterkeit.) Meiner Ansicht nach ist der Reichstag der zuständige Interpret. Und wie soll desien Meinung herbeigeführt werden? Dafür giebt es doch auch nur ein Mittel — die Abstimmung. Es entscheidet die Mehrheit, was Recht ist. Wir auf der rechten Seite sind doch wahrhaftig nicht Vertreter des Mehrheitsprinzips, wir haben doch den Konstttutionalismus nicht eingeführt. Ob wir ihn abschaffen wollen oder können, ist ja eine andere Frage; eingeführt haben wir ihn aber gewiß nicht. Nun, wir haben ihn, also bleibt doch nur die Abstimmung übrig. Deswegen zögern Sie doch nicht lange; lassen Sie uns bald abstimmen. Der Worte sind nun genug gewechselt, jetzt laßt uns endlich Thaten sehn. (Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Zubcil (Soz.): Die Rede des Abg. von Kröcher bestand nur aus einigen starken, aber meist dummen Witzen. Präsident Graf Ballestrem: Herr Abgeordneter, Sie dürfen die Witze eines anderen Abgeordneten nicht dumm nennen. (Heiterkeit.) Abg. Zubeil (fortfahrend): Herr von Kröcher möchte gern den Krieg gegen die Sozialdemokratie anführen, die Sozialdemokratie vom Erdboden verschwinden lasten. Aber sein Lieblingswunsch wird nicht in Erfüllung gehen. Auch wird es uns nicht so gehen, wie den französischen Revolutionären im vorigen Jahrhundert. Die Mittel, die Sie gegen uns anwenden, werden alle schmählich versagen. In der famosen lex Aichbichler haben wir ja eine Probe davon gehabt. Tie Abstimmungen stimmen niemals. Es wird flüchtig gezählt, nachher stellt sich heraus, daß das Resultat ein völlig anderes ist, als verkündet. Und nun gar der niederträchtige Antrag Kardorff--- Präsident Graf Ballcsttem: Sie dürfen einen von Mitgliedern des Hauses gestellten Anttag nicht nicderttächtig nennen. Ich rufe Sie deshalb zur Ordnung 1 Abg. Zubeil (fortfahrend): Die Antragsteller fühlen ja selbst, foie ungesetzlich ihr Vorgehen ist. Und trotzdem hat Die Regierung dabei mitgewirtt. Es scheint, als ob der Bundesrath eine Extra- Einladung zu dem dritten Akte dieses Dramas erhalten hat. Denn kaum war der Anttag verlesen, als die Stühle des Bundes- raths rechts und links bis aufs Aeußcrste stark besetzt waren; die Herren wollten offenbar der Erdrosselung der Minderheit beiwohnen. Redner aposttophirt sodann den Abg. von Kröcher, indem er ihm entgegenhält, daß er als Präsident des preußischen Abgeordnetenhauses einen solchen Anttag, wenn er gegen die Kanal- rebeHen gerichtet gewesen wäre, für unzulästig erklärt hätte. Sodann lvirft er dem Gentrum vor, am Sonntag vor acht Tagen, Mittags 1 Uhr, im Reichstag eine Fraktionssitzung abgehalten zu haben, wodurch die Sonntagsruhe der Reichstagsdiencr gehört worden sei. Das habe die Partei der „Gottesfurcht und frommen Sitte" gethan! Auch der Abg. Bassermann habe sich zum Schrittmacher Der Parteien gemacht, die das Recht beugen wollen. Herr von Kröcher hat, nicht fo deutlich wie fönst, aber doch deutlich genug zu verstehen gegeben, daß ihm das geheime Wahlrecht ein Dom im Auge ist, das beseitigt werden muß. Man weiß bloS noch nicht, wie man vorgehen soll. Aber der erste Schritt auf diesem Wege ist bereits gethan. Und dann sehe man sich an, waS Herr Dr. Bachem gethan hat, er hat die schwersten Verleumdungen gegen uns geschleudert. Präsident Graf Ballestrem: Ich nehme an, daß Sie das Wort „Verleumdung" nicht recht verstehen. Der Begriff der Verleumdung setzt immer eine Absicht voraus. Sie können eine solche wohl schwerlich angenommen haben; sonst müßte ich Sic zur Ordnung rufen. Abg. Zubeil: Jawohl, Herr Präsident, ich habe diese Absicht vorausgesetzt. Präsident Graf Ballcsttem (mit starker Stimme): Dann rufe ich Sie zum zweiten Male zur Ordnung und mache Sie auf die gcschäftsordnungsmäßigen Folgen aufmerksam. Abg. Zubcil erklärt, daß das Volk auf das ungesetzliche Verhalten der Majorität die rechte Antwort finden werde. Abg. Richter (freif. Volksp., besteigt zu allgemeinem Erstaunen die Rednertribüne, was er während seiner ganzen parlamentarischen Thätigkeit, soweit man zurückdenken kann, wohl noch nicht gethan hat. Die Abgeordneten sttömen in den Saal, der während der Rede des Abg. Zubcil fast leer gewesen war.): Meine Herren! Alles, was ich vorgestern gegen den Anttag Kardorff vorgebracht habe, halte ich vollständig aufrecht. Die nachfolgenden Ausführungen haben mich von meiner Ansicht nicht abbringen können, daß der Antrag geschäftsordnungswidrig ist. Ich würde mich nicht noch einmal zum Wort gemeldet haben, wenn ich nicht provo- zirt worden wäre. Tas geschah in der letzten Sitzung durch den Abg. Dr. Barth, der in meiner Stellung gegenüber der jetzigen Obstruktion einen Widerspruch fand zu meinem Verhalten bei der lex Heinze. Herr Dr. Barth las eine Stelle vor aus einer Rede, die ich am 16. März 1900 gehalten. Ich habe schon durch einen Zwischenruf zu verstehen gegeben, daß ich AllcS, was ich damals ausgeführt habe, auch heute noch aufrecht erhalte. In jener Rede führte ich aus: Man könne verlangen, daß eine Mehrheit, trenn sie über die Bedenken der Minderheit vollständig httiweg- geben wolle, auch präsent sein muß in einer Weise, daß sie allein beschlußfähig ist. Hätte Herr Barth nicht blos eine einzelne Rede herausgegriffen, sondern auch noch die weiteren Reden beachtet, so würde er gefunden haben, daß ich am 18. Mai dann gesagt habe, cs würde ganz falsch sein, solche außerordentliche und an sich unzulässige Mittel systematisch auszudehnen und anzuwenden. (Hört, hört! rechts.) DaS ist eben der Unterschied: ein Mittel, welches zur Abwehr gegen den willkürlichen Schluß der Diskussion dienen darf, darf nicht systemattsch auf andere Fälle ausgedehnt werden. (Hört, hört! rechts.) Noch am selben 16. März 1900 führte ich aus, daß cs sich nur um eine gründlichere Berathung der beiden Kunstparagraphen handle. Erinnern Sie sich doch, wie es kam! Diese lex Heinze war jahrelang verhandelt worden. Endlich war sie 1900 in der zweiten Berathung erledigt, und nun sollte die dritte Lesung ganz rasch zu Ende geführt werden. Die Mehrheit schnitt der Minderheit das Wort über die beiden Kunstparagraphen ab. Daher diese Kämpfe, die nothwendig waren, weil damals in der That die Mehrheit sich nicht beschlußfähig zeigte. Als später die Situation sich änderte, bin ich cs gewesen, Der im Seniorenkonvent einen Vorschlag machte, so daß in 24 Stunden das Gesetz verabschiedet werden konnte. (Sehr richtig! rechts.> Ich bleibe bei meiner damals geäußerten Ansicht: Solche Abwehrmittel gegen eine augenblickliche Ueberrumpelung halte ich für gerechtfertigt. Und ich glaube, alle Parteien thun dies. Ich erinnere an das Verhalten der Rechten bei der Münznovelle, bei dem Abschluß des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Ganz etwas Anderes ist es hier. Herr Dr. Barth hätte am wenigsten Anlaß, mir einen Wechsel der Anschauungen vorzuwerfen. Wie steht es denn mit der Festigkeit seiner Anschauungen, z. B. gegenüber der Flotte? (Heiterkeit.) Im Sommer 1897 erklärte Herr Dr. Barth in der „Nation": Die gesetzliche Festlegung des Flottenetats sei eine absurde llcbertragung des Fideikommißgedankens auf die Marine. Unmittelbar darauf trat er für diese Absurdität selbst ein (Hört! hört! und Heiterkeit), nachdem er auf dem Parteitag in Neumünster erklärt hatte, er hätte alle alten Parteivorurtheile resolut über Bord geworfen. (Heiterkeit.) Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß aus dem Glashause mir ein Stein geworfen werden würde. (Große Heiterkeit.) In meinem langen parlamentarischen Leben habe ich auf der einen Seite solche Lobsprüche und auf der anderen Seite so bitteren Tadel und Beleidigungen entgegennehmen müssen, daß ich nachgerade dazu gekommen bin, Beides zu kompensiren und auf keiner Linie abzuweichen von dem Standpunkt, den ich mir gebildet habe. Und wenn jetzt von der Gegensette mir Lobsprüche gespendet werden, so sage ich mir: Aus allzuviel Liebe geschieht daS nicht (Heiterkeit), a Bißl Falschheit ist alleweil dabei. (Heiterkeit.) Nur um eine Polemik unter den Gegnern des Zolltarifs zu vermeiden, habe ich es bisher unterlassen, meine Ansicht bezüglich dcS takttschen Verhaltens der Sozialdemokratie und der freisinnigen Vereinigung hier zu äußern. Erst die fortgesetzten Verdächtigungen im „Vorwärts", die ärgsten Beschimpfungen gebieten es jetzt meiner Selbstachtung, es klar auszusprechen, wie wir zu diesem ObsttuktionS- feldzug stehen. Es ist offen verkündigt worden, daß man cs durch Verzögerungen jeder Art verhindern wolle, daß noch in dieser Legislaturperiode die Entscheidung über die Zollvorlage getroffen werden könne. Und von diesem Augenblick an hat es sich nicht mehr um einen Kampf um die Sache, fonbern um einen Kampf um die Zett gehandelt. (Sehr richtig!) Nachdem so offen dieser Plan dargelegt war, hielten es meine Freunde, die freisinnige Volkspartei und die deutsche Volkspartei, geboten, in einer besonderen Sitzung von vornherein klarzustellen, wie wir uns verhalten sollten. Wir sind einmütig der Ansicht gewesen, daß, wenn man grundsätzlich die Verhinderung durchführt, 18, 19 Monate hindurch, gegen den Willen einer Majorität, daß man damit gegen den Grundgedanken des Parlamentarismus überhaupt anfämpft, (Sehr ridjrigl) der darauf beruht, daß die Mehrheit ihren Willen zur Geltung bringen kann, daß man durch das Hinausschieben der Entscheidung bis zu den nächsten Wahlen das Recht derjenigen Volksvertretung bekämpft, die auf die Dauer von 5 Jahren gewählt ist, daß man damit ein suspensives Veto für sich in Anspruch nimmt. (Sehr richtig!) Wenn meinem Falle ein solches suspensives Veto platzgreift, so kann es in anderen Fällen sehr zu unserem Leide auch geschehen (sehr richtig!) Beispielsweise hätte die Zuckerkonvention mit Ob- sttuktionsmitteln sehr leicht verhindert werden können. (Lebhafte ^s.) Das suspensive Veto könnte man ja bann schließlich auch m solchen Fallen anwenden, wenn man gar nicht auf eme andere Mehrheit tn dem neuen Reichstage redjtnete, sondern blo§ eine bestimmte Parteiagitation betreiben will. (Sehr richtig!) Wir haben keine Volksabstimmung, wie in der Schweiz, die Wahlen entscheiden nicht über eine einzelne Frage, sondern über alle Fragen, Die tm Lause von 5 Jahren Vorkommen können. Also diese Analogie erachteten wir als durchaus verfehlt. Ferner sagten wir uns: Wenn man nicht für drei Tage, nicht für eine Woche, sondern für 19 Monate offen und angekündigter Maßen einen ObstruktionS- die zu gebrauchen. Pflicht zu thun, auf die Jagd von Fasanen und der Ich frei). Vp.: Das ist eine unwahre BehauptungI) Vicepräsident Graf Stolberg: Ich weiß nicht, von wem Ruf: „Das ist eine unwahre Behauptung!" ausgegangen ist. erkläre ihn für unzulässig. Abg. Bebel (fortfahrend): In der Kommission haben Hasen gehen. Bedauerlich ist cs. daß ein so hervorragender Mann, wie Herr v. Kröcher. der Präsident des preußischen Abgeordnetenhauses. so wenig Einfluß auf seine eigene Parteiprcsse hat. daß sie nicht einmal einen Artikel von ihm abdruckt, aber ich will ihm ein Mittel angeben, wie er künftig solche Artikel los werden kann. Wenn er wieder einmal einen Artikel über seine Partcifteunde schreibt, den er nicht unterbringen kann, so trage er ihn nach dem ..Vorwärts" (Große Heiterkeit), ich gebe ihm mein Wort: der „Vorwärts" ist so unparteiisch, so cdelmüthig, daß er selbst seinem geschworensten Feinde gern cntgegcnkommt und ihm den Liebesdienst erweist, den seine eigencnParteifteunde ihm zu erweisen sich weigern. (Erneute Heiterkeit.) Es war mir auch interessant, zu hören, wie klein das Geschlecht der Epigonen geworden ist. die heute im Hause das Wort führen. Ja. wären diese Epigonen ihrer Vorfahren würdig, so würden unsere Berathungen nicht so kopflos sein. Solche Debatte wäre unmöglich, wenn die Herren nur ein wenig über ihre Nasenspitze hinaus sehen könnten. Ihrer Kopflosigkeit ist es zu danken, daß Sie aus einer Sackgasse in die andere gcrathen. Herr v Kröcher verglich die jetzigen Zustände mit denen vor der franzöfi- schcn Revolution, ich glaube, er hat diese Weisheit aus seinem Leib- nicht einmal möglich gewesen, einen der von unserer Seite gestellten Anträge wegen ihrer Form zurückzuweisen, wohl aber ist oas dem Abg. Richter passirt. Wenn Herr Richter uns die Annahme des Antrags Trimborn vorwirft, so vergißt er ganz, daß sein Antrag auf Aufhebung der Verbrauchsabgabe auf Zucker eine blcße Nachäffung des Antrags Trimborn war. (Widerspruch bei der freif. Vp.) Gewiß haben wir für den Antrag Trimborn gestimmt, aber sind wir denn Schuld daran, daß das Gentrum seinen in der Kommission durchgesctzten Antrag im Plenum im Stiche ließ? Ist das vielleicht auch durch unsere Obstruktion kerbeigeführt? Ach nein, das sind nur ganz faule Ausreden. (Sehr richtig! bei den Soz.) Daß die National-Lcheralen, das Centrum und die Rechte die Ausführungen des Abg. Richter mit Jubel begrüßten, daß sie sich in den nächsten Monaten vorzugsweise darauf stützen werden, das können wir den Herren nicht verdenken, aber die Gründe des Herrn Richter sind außerordentlich fadenscheinig. Die Taktik der freisinnigen Volkspartei ist schon in der Kommission darauf hinausgegangen, den Tarif um jeden Preis fertig zu stellen. (Ruf bei der Abg. Bcbcl (fortfahrend): Interessant war es, daß Herr von Kröcher darüber entrüstet ist, daß feine Parteigenossen, statt ihre parlamentarische Pflicht zu thun, auf die Jagd von Fasanen und Herren von der freisinnigen Volkspartei wiederholt ganz oder theil- weise gefehlt, sogar bei den sehr wichtigen Eisenzöllen haben sie z. B. durch Abwesenheit geglänzt, die Organe ihrer Partei haben schon damals heftige Artikel gegen die Taktik meiner Freunde gebracht. Redner schildert eingehend den Verlauf der Kommissions- berathung. Die fortgesetzten Angriffe freifinniger Blätter auf unsere Taktik zeigen deutlich, was die Herren beabsichtigen; sie wollen den Tarif noch vor den Wahlen erledigen, denn sonst wäre die freisinnige Volkspartei gezwungen, mit uns gemeinsam energische Opposition gegen den Zolltarif zu machen, und in den Stichwahlen würden ihr dann Gentrum und Konservative ihre Hilfe entziehen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Um zu verhindern, daß die Partei, die heute nur auf fremden Krücken in den Reichstag einzieht, das nächste Mal ganz in die Brüche geht, bietet sie Alles auf, den Tarif noch in dieser Session zu erledigen. Das ist die einfache und ganz naheliegende Erklärung für das Verhalten des Abg. Richter und seiner Freunde. Herr Richter sagt, der „Vorwärts" schimpft. Nun, ich habe hier aus den letzten Wochen mindestens ein Dutzend Nummern der „Freis. Ztg." zur Verfügung, die sich in den stärksten Beschimpfungen gegen meine Partei ergehen. Ich verstehe nicht, wie Herr Richter sagen kann, daß die Negierung an unserer Haltting eine besondere Freude hat. Soviel ich weiß, ist der Antrag Kardorff mit Zustimmung der Reaierung vereinbart worden. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Daß ein solcher durchaus ungesetzlicher Antrag eingebracht werden konnte, der doch nur der Furcht entsprungen ist, man könnte auf gesetzlichem Wege dcn Tarif nicht durchberathen, das beweist dann noch alles Andere als eine Sympathie der Regierung gegen uns. Nein, die Negierung hat keine Ursache, uns dankbar zu sein. Es ist ja möglich, daß die Wähler des Herrn Richter ihm glauben, wenn er ihnen so kindliches Zeug vorträgt, es mag den Herren von der Mehrheit gefallen, wenn sie solche Oberflächlichkeiten hören (Heiterkeit.) — die Herren von der Rechten und vom Gentrum lächeln verständnißvoll. (Heiterkeit.) Sie selbst glauben doch nicht, daß unsere Taktik Sie zur Einigung veranlaßt hat. Nein, erst als der Reichskanzler seine bindende Erklärung am 21. Oktober hier abgegeben hatte, da erkannten Sie den Ernst der Situation, da sind Sie zusammengetreten, da zog Herr Spahn, mit dem Gylindcr bewaffnet, in das Reichskanzlerpalais. (Große Heiterkeit.) Und als dann das Gentrum sah, daß ein Theil seiner Anhänger anfing, Rebellion zu machen, da bot es Alles auf, um die Verständigung herbeizuführen. Nun zu den Ausführungen des Herrn von Kröcher, für dessen unerhörte Rede Herr Richter kein Wort des Tadels gehabt hat. (Abg. Richter: Den habe ich ja gar nicht erwähnt!) Herr von Kröcher ist bekannt als derjenige, der vor ein paar Jahren nach dem starken Mann suchte. Er fühlt sich unzweifelhaft als dieser starke Mann. Er hat heute sein Programm gegenüber der Sozialdemokratie entwickelt, ein Programm, von dem er hofft, daß es an höherer Stelle die nöthige Beachtung ftnden werde. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Herr von Kröcher glaubt, daß er selbst einmal berufen fein wird, diesen starken Mann abzugeben. Er hat an uns heute eine sehr ruhige und dankbare Zuhörerschaft gehabt. Wir haben ihn mit keiner Silbe unterbrochen, wir haben sogar einige Male direkt Mühe gehabt, Heiterkeitsausbrüche, die uns kommen wollten, zu unterdrücken. Ja, selbst als er uns eine Beleidigung ins Gesicht warf, blieben wir ruhig. Herr von Kröcher thut uns bitter Unrecht, wenn er glaubt, es macht uns ein besonderes Vergnügen, hier Wochen und Monate lang Tag für Tag mit Aufbietung aller physischen und geistigen Kräfte diesen Tarif zu bekämpfen. Nein, wir wären ftoh, wenn der Tarif überhaupt nicht gekommen wäre, aber nachdem er einmal gekommen ist, versteht es sich von selbst, daß wir den Kampf bis auf» Messer führen. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozial- bemrofratenj Das ist unsere Schuldigkeit. Wir würden Verrath üben an unseren Grundsätzen, Verrath an unseren Wählern, Verrath an unserem Programm, wollten wir anders handeln, als wir bisher gehandelt hab^n. Es ist wahr, daß wir Herrn Bachem gehindert haben, zu reden, und daß wir es gethan haben, dessen schämen wir uns nicht. (Hört, hört! rechts und im Gentrum. Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Worte des Herrn Bachem bedeuten eine Verdächtigung meiner Partcifteunde, eine Beleidigung meiner Partei und zugleich den Versuch, zwischen die freifinnige Vereinigung und die Sozialdemokratie einen Keil zu treiben. Wir haben mit der freisinnigen Vereinigung keine andere Gemeinschaft als die, daß sie gleich uns den Zolltarif bekämpft. Genau so haben wir und das Gentrum so und so oft Schulter an Schulter mit einander gekämvft, insbesondere gegen die jetzigen Heloten des Gentrums, die National-Liberalen. (Lachen bei den National- Liberalen.) Wir haben stets Alles gethan, was eine Partei thun kann, die es ehrlich mit ihren Grundsätzen und Uebcrzeugungen auch dem Feinde gegenüber meint, und daß Sie (zum Gentrum) unser Todfeind sind, das wißen Sie selbst. Wir haben Ihnen gegenüber stets Gerechtigkeit geübt. Aber Sie haben uns gegenüber die Gerechtigkeit mir Füßen getreten, wie auch jetzt der Antrag Kardorff Recht und Gerechtigkeit, Gesetz und Sitte mit Füßen tritt. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Vicepräsident Graf Stolberg: Der Redner hat gemeint, der Antrag Kardorff trete Recht und Gerechtigkeit mit Füßen. (Gin sozialdemokratisches Abgeordneter ruft: Thut er auch!) Ich erkläre es für unzulässig, von einem Antrag von Mitgliedern dieses Hauses solche Ausdrücke zu gebrauchen. feldzug in Scene setzt, wird sich da wirklich eine so jammervolle < Mehrheit finden, bic ruhig ftrü ball? (Sehr gut!) Die nicht die schärfsten Gegenmatzregcln ergreift? umso schärfere Gegcnmaß- regeln, je mehr man Zeit gewinnt, sie sich zu überlegen. /Sehr richtig!) Deshalb haben toir uns gegenüber der Obstruktion von Anfang an ablehnend zu verhalten oorgenommen. Wir sagten uns, daß wir ohne Obstruktion die beste Aussicht hätten, den Zolltarif zu Fall zu bringen (Sehr richtig!) Namentlich wegen der großen Gegensätze, dte innerhalb der Mehrheusparteien vorhanden waren und sich fortgesetzt verschärften. Wir rechneten mit der Möglichkeit, daß eine Koalition von rechts und links die Vorlage zu Fall bringen könne, und weiter mit der Möglichkeit, daß, wenn nicht um die Zeit, sondern um die Sache gekämpft würde und alle sachlichen Gründe im Einzelnen vorgebracht würden, und Angesichts des Mangels an jedem Geschick der Regierung schließlich die Vorlage unerledigt bleiben würde vor Ende der Wahlperiode. Wenn sie aus diesem Grunde unerledigt bliebe, so wäre das etwas ganz Anderes, als wenn sie unerledigt bleibt wegen äußerer Hindernisse durch eine Obstruktion. (Sehr richtig I) Wenn das Zollschiff an einer der von mir genannten Kftvpen gescheitert wäre, so wäre es sicher niemals wieder in See gegangen. (Lebhafte Zustimmung bei den Volkspaneien.) Tie Thatsachen haben gezeigt, wie richtig wir die Situation beurteilt hatten. Die Hoffnung der Mehrheitsparteicn, daß in der Kommission vielleicht ein Ausgleich gewonnen werden tonne, hat sich nicht verwirklicht; im Gegentheil, die Gegensätze haben sich in der Kommission noch weiter verschärft. Ein großer Thcil Der Kommissionssitzungen ist ausgefüllt worden nicht durch die Reden der Sozialdemokraten und der Mitglieder der freisinnigen Vereinigung, sondern durch die Kämpfe innerhalb der Mehrheits- Parteien. Die Obstruktionsversuche haben gamichts genützt. Man hat die Kommissionssitzungen ausgedehnt auf die reichstagslose Zeit, man hat Diäten für die Kommissionsmitglieder eingeführt, man hat den Reichstag schon im Oktober einberufen, man hat nach der ersten Tauerrede die Sitzungen eine Stunde früher beginnen lassen, man hat die Besprechung der Interpellationen und auch die Einbringung des Etats hinausgeschoben. Auf der anderen Seite waren unter den Mehrheitsparteien auch noch im Oktober die schärfsten Gegensätze vorhanden. Der Abg. Bebel hat iwch auf dem Münchener Parteitage seine ganze Hoffnung darauf gesetzt, Unterstützung von rechts zu erhalten. Tie Sache war 10 gründlich verfahren, daß noch am 30. Oktober der Abg. Dr. Sattler, der von Anfang an ein großer Freund der Negierungsvorlage war, sagte, die Verhandlungen winden zu keinem günstigen Resultat führen, und er sehe bei der Haltung der Mehrheit das Scheitern Der Vorlage voraus. Vis dahin also hatte die Obstruktion überhaupt nicht gewirkt, sie hatte höchstens die sachliche Berathung durch Dauerreden eingeschränkt. Tann trat eine Verschärfung der Obstruktion dadurch ein, daß am 1. oder 2. November Herr Bebel in recht unvorsichtiger Form und mit einer gewissen Ruhmredigkeit in Hamburg seinen Standpunkt dahin dar legte, daß 700 namentliche Abstimmungen beantragt werden würden, und daß er, als er hier auf diese Bemerkung hingewiesen wurde, betonte, er sei ja noch sehr großmüthig gewesen, denn der Zolltarif habe 946 Positionen. Jetzt, nach Annahme der lex Aichbichler, würde aber bei jeder einzigen Position die Beschlußfähigkeit des Reichstages bezweifelt werden. — Dadurch und durch die Dauerreden ist die Situation verschärft worden, noch mehr aber durch die Formen, welche diese Dauerreden annahmen. Sie waren derart, daß man annehmen konnte, die Mehrheit des Hauses sollte dadurch zum Besten gehalten werden. (Sehr richtig!) Ich erkannte darin ein Mindermaß von Achtung nicht nur gegenüber dem Parlamentarismus, sondern auch gegenüber jedem einzelnen Abgeordneten. (Sehr richtig!) So ist es denn gekommen, daß die Gegensätze der Mehrheitsparteien über die Zollsätze zurückgetreten sind hinter dem wachsenden Widerwillen über die Art der Bekämpfung des Zolltarifs. Indem die Herren darüber beriethen, wie sie sich gegen diese Behandlung schützen sollten, kamen sie schließlich auch zu einer materiellen Uebereinstimmung. Dies der Verlauf der Dinge, den Seber, der Augen hat, erkennen muß. So kam die Formel auf: Es handelt sich nicht mehr um den Zolltarif, sondern es stehen höhere Interessen auf dem Spiel; es handelt sich um die Frage, ob ein Fünftel des Reichstages mehr zu bedeuten haben soll, als die anderen vier Fünftel (sehr richtig!). Und damit auch der Humor der Sache nicht fehle, so wiegten sich die Herren Sozialdemokraten derart in Sicherheit, daß sie gar nicht merkten, daß ihre letzten Dauerreden den Mehrheitsparteien sehr tvillkommen waren; denn diese brauchten ja Zeit, um sich zu einigen (lebhafte Zustimmung). Die Sozialdemokraten wußten gar nicht, was draußen vorging. Und das schönste Stück war: Keine Partei hat auch materiell um das Zustandekommen des Kompromisses sich so verdient gemacht, wie gerade die Sozialdemokratie (Heiterkeit), indem sie den Antrag Trimborn annahm. (Sehr richtig!) Ohne ihre Zustimmung wäre der Antrag abgelehnt worden. Damit hat die Sozialdemokratie den Grundpfeiler für das Kompromiß aus- gerichtet (sehr richtig!), ich glaube nicht, daß es möglich gewesen wäre, die Gentrumspartei auf anderem Wege auf das Kompromiß zu bereinigen. Also die Sozialdemokratie ist die Urheberin des Kompromisses, und die Regierung hat noch nie Ursache gehabt, einer Partei so dankbar zu sein, wie in diesem Falle der Sozialdemokratie. (Große Heiterkeit und Zustimmung.) Nun stehen wir vor der Thcüsache, daß zwei Drittel des Reichstags sich in allen materiellen Punkten einig sind und daß bei ihnen nur noch die Frage aufgeworfen wird, wie sie in legitimer Weise zur legitimen Festlegung ihres Willens gelangen. Ich halte den Antrag Kardorff nicht für legitim und nicht für zulässig, und ich weiß nicht, wie es nun überhaupt weiter werden soll; eins ober weiß ich, daß, wenn in dieser Weise weiter verhandelt wird, Wochen- und monatelang, bis April, Mai nächsten Jahres, daß bann der Parlamentarismus an Autorität und Ansehen tief erschüttert wird. (Lebhafte Zustimmung.) Die Kämpfe werden naturgemäß immer heftiger werden, und wir werden dann Zustände wie in Oesterreich erlangen. (Sehr richtig!) Sollte der Neichs- iag, dem ich über 31 Jahre angehöre, jemals ein Bild, ähnlich wie der österreichische Landtag, darstellen, dann würde ich es für feine Ehre mehr halten, einer solchen Körperschaft anzugehören und angehört zu Haden. (Stürmischer Beifall.) Wir wollen uns doch nicht die Bilder des Auslandes als Beispiele vor Augen halten. Die Zeit liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, wo man in Deutschland die Formen des Auslandes nachahmte. Der deutsche Reichstag soll anderen Parlamenten zum Muster dienen. (Beifall.) Wenn die Zolltarifvorlage, wie es die Mehrheit beabsichtigt, zu Stande kommt, dann trägt die Sozialdemokratie und die frei® finnige Vereinigung vor dem Volke einen Haupttheil der Verantwortlichkeit dafür, daß dasjenige geschieht, was ich als durchaus nachtheilig für die wirthschaftliche Entwickelung ansehe. (Lebhafter Beifall. Zuruf aus der freisinnigen Vereinigung: Und gegen Herrn von Kröcher sagen Sic lein Wort? — Abg. Richter: Das kommt später.) Abg. Bebel (Soz.): Was die Rechte und da? Gentrum bis jetzt nicht fertig gebracht haben, das hat der Nebiier der freisinnigen Volkspartei wenigstens versucht, fertig zu bringen. Herr Richter hat ja im Laufe der letzten Monate vielfach gezeigt, daß er ganz und gar seine sonstige Ruhe und Contenance verloren hat. Wenn er aber jemals vollständig aus der Nolle gefallen ist, die er gegen diesen Entwurf hätte einnehmen müssen, so heute. Herr Richter vergißt, daß er unb seine Freunde bei der lex Heinze systematisch mit und Obstruktion getrieben haben unb baß die damalige Obstruktion eigentlich noch weit schlimmer war, als unsere heutige, denn die Obstruktionsmittel, die wir bei der lex Heinze systematisch anwandten, haben wir hier überhaupt noch nicht angewandt. Genau so war cö bei der Branntweinsteuer. Es ist in der That ein starkes Stück, wenn derselbe Redner, der damals bic Obstruktion mit feierlichen Worten gerechtfertigt hat, sich jetzt gegen unsere Obstruktion wendet. Es stand bei der lex Heinze viel auf dem Spiele, aber der Schaden, den dieser Tarif anrichtet, ist tausendmal schlimmer. (Sehr wahr! bei den Soz.) Wir haben uns bisher streng an die Geschäftsordnung gehalten. Dem Präsidenten rst es blatt, der „flrcuycitung", geschöpft, die ja auch auf Herrn Richter im Kampfe gegen uns rechnet Herr Richter ist überhaupt in diesen Tagen moralisch zu Tode gelobt worden. Revolutionen sind bisher immer von Minoritäten gemacht worden, aber wenn es wieder einmal zu einer Revolution kommen sollte, in Folge der fortgesetzten Unterdrückung des arbeüenben Volkes, dann wäre es eine Revolunon der Majorität, eine Revolution der Massen, die heute eine politische Einsicht unb Bildung besitzen, wie nie zuvor. Eine solche Revolution zu verhüten, ist unsere Pflicht, und deshalb treten wir hier ins Parlament cm, um mit Ihnen gemeinsam Gesetze zu machen unb um zu verhüten, daß die Massen noch weiter unteebrüdt, ausgebeutet unb entrechtet werden. (Lebh. Beifall bei den Soz.) Daß Herr den Kröcher sich ungern in den Reichstag hat wählen lassen, glaube ich ihm gern. So verhaßt ist ihm das Reichstagswahlrecht, daß er sich nicht einmal wählen lasten will. Er zählt sich zu den Guten. Ach, wie bescheiden! Er gehört sogar zu den Besten, zu den Edelsten der Nation! (Große Heiterkeit b d. Soz.) Herr v Kröcher wies auf Stahl hin; er wollte damit sagen: wenn sich die Sozialbemo- Iratie so gemausert hat, wie ich es will, dann nehmen wir auch euren Singer (Heiterkeit.) Nun, ich glaube, Sie wären ftoh, wenn Sie diesen sozialdemokratischen Juden hätten. Ihnen fehlt es an Führern. (Zuruf: Arendt!) Na, das ist nun gerade Einer, wie er nicht sein foll. (Große Heiterkeit b. b. Soz.) Sie werfen uns Obstruktion vor. Aber hat nicht Herr Bastermann unb feine Freunbe bic Obstruktion bei der lex Heinze mitgemacht? Haben denn die Konservativen bei der Kanalvorlage keine Cbnruftion getrieben? (Widerspruch rechts.) Traurig wäre es um den Staat bestellt, wenn er nur auf Sie angewiesen wäre. (Abg. v. Kröcher: Dann wäre es besser!) Wir können nur wünschen, baß Sie Ihre Gewalt einmal in ihrer ganzen Nacktheit gegen uns anwenben. (Abg. von Kröcher: Na, ich glaube nicht, daß Ihnen dies angenehm wäre!) Von dem Präsidenten einer parlamentarischen Körperschaft hätte ich etwas Tieferes erwartet. Etwas Oberflächlicheres, etwas Non« galanteres, wie Herr v. Kröcher über den Antrag v. Kardorff gesagt hat, ist hier in den ganzen Tagen nicht gesprochen worben. Freilich, bie Herren geben sich überhaupt keine Mühe, zu denken. Gewalt unb abermals Gewalt unb zum brüten Male Gewalt — das ist Ihr politisches Programm. Es ist auf den Wiener Reichs« rath hingewiesen, aber dort machen bie freunbe bes Herrn Liebermann fortgesetzt Skandal aus Freude am Skandal.mjch unb meine Freunbe treibt bie sittliche Empörung. (Lachen rechts.) Sie allein, m. H von ber Mehrheit, sind für bicse Sccncn verantwortlich. Tie Mehrheü rebet von Zeüvergeubung, unb habet bat sie uns jetzt erst toicbcr mehrere kostbare Tage gestohlen. (Ruf rechts: Gestohlen?) Sie erfüllen Ihre Pflicht nicht, währenb wir mit größtem Eifer arbeiten wollen. (Lachen rechts.) Wohin ist es mit bem Ansehen bes Reichstags gekommen? Schreit man doch schon nach böm Strafgesetzbuch, um gegen Abgeorbnete An klage wegen Hausftiedensbruchs zu erheben! Der Antrag v. Kardorff ist nicht dem Gehirn bes Herrn v. Karborff entsprungen, fein (St* Hirn reicht dazu nicht aus (Heiterkeit b. d. Soz.), bie Spibn, Groeber unb Bachem, bie» heiligen brei Könige bes Gentrum5 (Hei, terfeit), haben ihn formulirt. Wenn es seinem Zweck bient, ift bas Gentrum bereit, bic ganze Geschästsorbnung zu zertrümmern unb zu zertrampeln, unb die National Liberalen folgen ihm babei. Das ist bie Nemesis ber Geschichte, baß bie, bie einst am hestiallkn von ihnen bekämpft sinb, jetzt ben National-Liberalen ben Fuß auf ben Nacken setzen. Sie (zum Gtr.) sinb den National-Liberalen gegenüber der Rattenfänger von Hameln (Heiterkeit), wenn Herr Spahn bie Regierungsflöte bläst, bann laufen bie National Lide, raten kopflos unb rathlos hinter ihnen her. (Erneute Heiterkeit.) Speziell Herr Basiermann, dieser Abonis bes Liberalismus (Stürmische Heiterkeit), er hat sich heute als häßlicher reaktionärer Mephisto erwiesen. Herr von Karborff hat erklärt, baß sein Antrag die en bloc* Annahme bes Gesetzes bebeutet, was gegen ben klaren Wortlaut des § 19 ber Geschästsorbnung verstößt. Ter Herr Präsident hat erklärt, daß er selbst zwar starke Zweifel an ber Zulässigkeit bei Antrages habe, aber ba er annehme, daß Widerspruch aus dem Hause erfolgen würbe, wenn er ihn für unzulässig erklären würben so würbe er die Zulässigkeit zur Debatte stellen. Einige Tage vorher, als ber Abg. Richter seinen Zucker steueranttag einbrachte, da erklärte ber Präsibent kurzer Hand, er fei unzulässig und werde ihn nickst zur Debatte stellen. Damals haben wir, obgleich wir uns nickst denken konnten, baß ein so alter, erfahrener Parlamentarier, wie Abg. Richter, sich so irren könne, geschwiegen. All aber ber Antrag Karborff einkam, da hat der Präsident nicht einfach kraft seiner Machtvollkommenheit entschieden, unb er hatte doch ba taufenbmal mehr Ursache bazu. Was soll bas heißen: dal Haus soll über bie Zulässigkeit entscheiben? Doch nichts AnbcreS, als baß biefelbe Majorität, bie ben Antrag eingebracht hat, auch über bie Zulässigkeit entscheibet. Wenn bas so gchanbhabt werden sollte, bann ist ja bie Minorität jeber Willkür ber Majorität schutzlos preisgegeben. (Sehr richtig! links.) Tas ist gerabe so, als wenn ein Beamter in eigener Sache entscheiben soll; als ob der Wolf entscheiden soll, ob er das Lamm fressen bars. Dann ist ja der Präsident nicht mehr der Präsident des Hauses, sondern nicht- weiter, als das einfache Organ der Mehrheit, nichts weiter alber Büttel. Dann muß bie Minbcrhcü jebes Vertrauen .uim Präsibenten verlieren, bann muß sic sagen: mit diesem Präsidenten können wir nicht mehr gehen — — — Vicepräsibent Büsing: Ich habe geglaubt. Ihnen geniwnb Spielraum geben zu müssen. Wenn Sic aber jetzt in bedingter Weise ein Urtheil über bie Geschäftsführung bes Herrn Präsidenten fällen, so muß ich mit aller Entschiebenheit biefc Kritik eines noch bazu abwesenben Präsibenten zurückweisen unb bitte den Herrn Redner, sich in Zukunft einer solchen strikte zu enthalten. Abg. Bebel: Zunächst kann ich in dieser Situation nicht sehen, Wer im Augenblick präsidirt (Redner steht nämlich auf der Tribüne, also mit bem Rücken gegen den Präsidialsitz) — — — Vicepräsibent Büsing: Auch wenn ber Herr Rebner dem Präsidentensitz den Rücken zuwenbet, so weiß es doch genau, wer ihn mnehat. Der gewöhnliche Taft hätte ihn verhindern müssen, gegen ben abwesenben Präsibenten so vorzugehen. Abg. Bebel: Als ich bas Wort ergriff, präsibirte Graf Stolberg. Mit wem er inzwischen den Platz gewechselt hat, konnte ich nicht sehen, unb wußte ich nicht. erkläre ich auf Ehrenwort. Endlich aber haben sich meine Worte überhaupt nicht gegen die Person, sondern gegen die Stellung des Präsidenten gerichtet. Vicepräsibent Büsing: Solange bas der Fall war, habe ich Sie nicht unterbrochen. Als ber Herr Redner aber die Wendung nahm, von bem Präsidenten, der damals präsibirte, zu sprechen, mußte ich ihm dies untersagen. Abg. Bebel (fortfatirenb): Ich kann mich mü dem Herrn Präsidenten nicht in eine weitere Diskussion entlassen. Der Herr Präsident hat zu entscheiden, mir blciti nichts übrig, all zu schweigen. Der gesetzliche Weg wäre cs gewesen, den § 19 der Geschäftsordnung zu ändern. Wir hätten uns dem widersetzt, aber wir hätten ben Beschluß nicht verhinbert. Der Tarif soll ben herrschenden Klassen auf Den Weihnachtstisch gelegt werden, damit sie bei Austern und Ehampagner fingen können: O du fröhliche, o du selige Weih- noicktszeü. Den Frieden predigen Sie unb ben Haß rufen Sie durch solche Gesetze hervor. 110 000 Petitionen ftnb zu dem Gesetz eingegangen, 4 Millionen Unterschriften bitten um Ablehnung des Tarifs. Sie haben nur Angst vor dem Volksgericht, deshalb wollen Sie nicht, daß der Tarif ben Wählern vorgelegt wird Die verbündeten Regierungen machen sich zum Mitschuldigen del parlamentarischen Staatsstreichs. Der Anttag von Karborff ist ein Tcntmal bet schände der Mehrheü. Vicepräsident Büsing: Ich rufe Sie wegen dieses Ausdruck! zur Ordnung. Abg. Bebel (fortfahrend): Die Mehrheit handelt jetzt ebenso» wie der römische Senat zu Zeüen Neros und Ealigulas. (Beifall bei den Soz.) Abg. Dr. Sattler (not.«üb.): Die Herren Sozialdemokraten sprechen immer davon, daß durch ben Antrag Kardorff daS Ansehen des Reichstags herabgewürdigt werde. Nach meiner Meinung wird ba! Ansehen des Reichstags durch nichts mehr heruntergedrückt. E3 der als Kriegsgefangener nach Wiesbaden interniert worden war, und seine Entweichung in einer Weise erzählt, die uns manchmal ein ungläubiges Lächeln abzwingt. Am 28. Oktober 1870 wurde er mit der Armee von Metz gefangen genommen, als er Artillerie-Kapitän und Adjutant des Generals v. Berckheim war, welcher die Artillerie des Marschalls Canrobert konrmandierte. Ms Kriegsgefangener auf Ehrenwort wurde er, nachdem am 1. November seine Mreise von Metz erfolgt war, in Gemeinschaft mit dem General v. Berckhnm nach Wiesbaden gebracht und er bezog daselbst mit dem ihm befreundeten Kapitän Dmiöde bei einem Stallmeister ein kleines Logis. Der Park bot ihm, wie er erzählt, Promenaden, und am Mend verbrachten sie einige Stunden im Kurhaus, woselbst noch das Roulette-Spiel fortdauerte, um daselbst die Journale durch^usehen. Sie sahen in Wiesbaden die deutschen Siege feiern und zur Dekoration die schwarz-weißen Fahnen Politische Tagesschau. Eine Adreffe an den Kaiser. Die Arbeiter der Gußstahlfabrik F. A. Krupp haben Astern nach Schluß der Arbeitszeit eine Mresse zur Unter» Schrift ausgelegt, welche aus Anlaß der Ehrung des ver- Svigten Alfred Krupp durch den Kaiser an diesen gerichtet werden soll. Die Adresse lautet: Allerdurchtauchtigster, großmächtigster Karser und König, allergnädigster Kaiser, König und Herr! Ew. Majestät haben Merhöchstselbst unscrm verblichenen Herrn Krupp die letzte Ehre erwiesen, die höchste Ehre, dre Äem Verewigten ziu Teil werden konnte. Hierfür schulden «w. Majestät auch wir Arbeiter der Kruppschen Werke Keißen, unauslöschlichen Tank. Tiefen Dank in Ehrfurcht abzustatten, haben war uns ;usarnmengefunden, und wir bekräftige hierdurch un,er ^Nännerwort durch viele tausend Unterschriften, daß wir nnserm hochverehrten, geliebten Herrn Krupp die Treue, fin der wir zu ihm gehalten haben, solange er lebte und unausgesetzt für uns bestrebt war, auch über das Grab l hinaus bewahren. Sein Andenken rein und fleckenlos zu • chalten, soll uns heilige Pflicht und stete Sorge fern. Als j mßeres Zeichen unserer Liebe und Dankbarkeit wird sich >as Denkmal erheben, das wir unserem Heimgegangenen Zohlthäter zu errichten beschlossen habet:. Wir verabscheuen die Frevler, die es gewagt «haben, Krupp anzugreifen und seinen makellosen 'Urnen zu beschmutzen, und werden die ernste Mahnung, die Ew. Majestät an unsere Vertreter am Tage der 'geerdigung gerichtet haben, beherzigen und Elemente, die nit den Verleumdern Gemeinschaft haben. Nicht unter ms dulden. t _ Ew. Majestät aber, die das Saus Krupp und uns alle, bie wir dem Kruppschen Werke angehören, unter allerhöchst- ihren mächtigen kaiserlichen Sckmß genommen haben, geloben wir hierdurch in unauslöschlicher Dankbarkeit unverbrüchliche Treue zu halten, jetzt und immerdar. Ew. Najestät allerunterthänigste Arbeiter der .Krupvschen Werke. Tie Arbeiter in Bochum veranstalten eine ähnliche Kundgebung. Vermischtes. • Die Kaiserin und die Reformkleidung. Von Frau Oberstleutnant Pochhammer erhielt der Konfektionär folgende Zuschrift: „In einem Artikel — Gedanken über die Reformkleiderbewegung — erwähnen Sie, die Kaiserin hätte, als ich ihr bei Gelegenheit einer Ausstellung über die Vorzüge der Reformtracht hätte Vortrag halten wollen, noch vor Beginn des Vortrags zu mir geäußert: „Ich sage Ihnen gleich, Sie können mir erzählen was Sie wollen, mich bekommen Sie nie dazu." Diese Schilderung entspricht nicht ganz den Thatsachen. Die Kaiserin war es vielmehr selbst, die interessiert an unserer Koje stehen blieb, die Erklärungen von mir wünschte nnd ihnen aufmerksam zuhorte. Daß es nicht gelingen konnte, sie für die neuen Gedanken, d. h. für ihre persönliche Annahme derselben zu gewinnen, lag einmal an der Kürze der mir zu Gebote stehenden Zeit, dann aber an der Art der Ausstellung, die nur Kranken- und Pstegerinnenkleidung enthielt. Die Einwendungen, mit denen die Kaiserin mir entgegnete, waren aus letzterem Grunde, durchaus berechtigt, bewiesen aber noch nicht, daß sie ein für allemal die neue Kleidung ablehnt. *Das gestohlene Automobil. Aus Berlin wird berichtet: Böses Pech hatten zwei Diebe, welche sich auf einfache und billige Weise in den Besitz eines den Erfordere flattern. Da beschloß er zur französischen Armee zuruck- zukehren und er begab sich daher am 7. Dezember, um nicht wortbrüchig zu werden, zum General v. Sänger, welcher daselbst Platzkommandant war. Es war ihm aber, erzählt er, nicht möglich, sich mit ihm zu verständigen, da dieser General kein Wort ftanzösisch verstand — was wohl selten bei einem deutschen General vorkommen mag — und ihm immer das Wort „echanger!" (Auswechseln!) entgegenschrie. Dem Kapitän Zurlinden, der als geborener Elsässer ganz gut deutsch sprach, erlaubte es aber, wie er seinen Lesern erklärt, sein Patriotismus nicht, deutsch zu sprechen, und so ließ denn zuletzt der General v. Säng^:, nachdem sie sich eine Viertelstunde lang vergeblich ab- aeplagt hatten, einen beider Sprachen mächtigen Bedienten fi,domestique") als Dolmetscher antreten. Merkwürdig nur, daß ein so sprachunkundiger General und Platzkommandant auch keinen geeigneten Offizier zur Stelle hat, "und zu seinem Kutscher oder sonstigen Diener eine Zuflucht nehmen muß. Nachdem der General ihn schließlich ohne weitere Erklärtmg entlassen, wurde Zurlinden am Albend desselben Tages verhaftet und über Mainz und Görlitz, woselbst er wegen der nahen österreichischen Grenze einen Fluchtversuch vergeblich plante, nach Glogau auf die Festung gebracht.' Dort glückte ihm aber am 2. Dezember die Flucht infolge der Trunkenheit des Aufsehers, welcher die Thüre zu verschließen versäumte, und er flüchtete mit der Bghn über Frankfurt a M. nach der französischen Grenze. Unterwegs nahm er in der Babu, um jeder Unterredung auszuweichen, die Miene an, als ob er eifrig die „Kreuzzeitung" studiere; er hörte aber einmal, als er zwei Kaufleuten gegenüber saß, daß der Eine mit Bezug auf ihn zu seinem Gefährten sagte: „Das ist kein echter Deutscher, il a trop ftoid!" Muß das ein kluger Mensch gewesen sein, der unserem Elsäfler sofort anmerkte, daß er aus dem „warmen" Frankreich stamme! Es wird wohl ein Franzose gewesen fein. . In Frankreich übernachtete er in entern Gasthof in steter Besorgnis vor der Vorlage des Fremdenbuchs. Ms er aber früh morgens das Hotel verließ, schimpfte er den dienstthuenden Kellner darüber aus, daß er ihn nicht schon um 5 Uhr habe wecken lassen, und infolge dieser List vergaß der Kellner glücklicherweise, ihm das Fremdenbuch vorzulegen. _ Welche Gefahr wäre er aber wohl gelaufen, wenn er den nächsten besten Namen und als Reiseziel eine beliebige Stadt eingetragen hätte? Nach Passierung dieser Klippen ut Frankreich angelangt, machte er sich das Vergnügen, durch den General v Berckheim zu Wiesbaden den Platzkommandanten von Sänger von seiner glücklichen Flucht benachrichtigen zu । lassen; er vergißt aber mitzuteilen, ob hierbei abermals der berühmte Bediente als Dolmetscher zugezogen ' Auf alle Fälle wird diese Publikation in jener „Revue" — so meint der „Rh. C." — dem General Zurlinden seitens seiner Landsleute mancherlei Glückwünsche in? Komplimente eintragen, die ihm übrigens von Herzen gegönnt ein mögen._______ Aus Stadt und Aand. Gießen, den 2. Dezember 1902. ** Gedenktage. Bei Austerlitz fand am 2. De» zember 1805 die „Dreikaiserschlacht" statt, wie Napoleon die Niederlage des österreichischen Kaisers Franz und deS russischen Kaisers Alexander in seinem Siegesbericht selbst nannte. Die Rußen verloren den größten Teil ihrer Artillerie und des Heeres. Statt einen neuen Angriff zu wagen, ließ ich Kaiser Franz bereden, Napoleon einen demüttgen Besuch im ftanzöstschen Lager abzustatten und in einen Waffenstillstand einzuwilligen, der Oesterreich der Willkür des Siegers preisgab. •• Auszeichnungen. S. K. H. der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 1. Dezember geruht, dem Wachtmeister :. P. Diehl, seither im 1. Großh, Dragoner-Regiment (Garde-Dragoner-Regiment) Nr. 23, dtt Krone zum Silbernen Kreuz mit Schwertern des Verdienst^ ordens Philipps des Großmüttgen zu verleihen. Grebenhain, 28. Nov. Nachdem schon vorgestern bu Nachricht hier eingetroffen war, daß der des Mordes dringend verdächtige Kroate in der bayerischen Pfalz ver- haftet worden sei, weilte der Untersuchungsrichter, Landgerichts« rat Pretorius von Gießen gestern und heute im hiesige« Ort. Den geladenen Zetlgen ist die Photographie deS 93er» hafteten vorgelegt worden und haben fast alle übereinstimmend in derselben denjenigen erkannt, der am fraglichen Tage der That vom hiesigen Ort aus den Ermordeten begleitete. Der der That dringend Verdächtige soll sich noch im Untersuchungsgefängnis in Landau befinden. Eine Menge Schaulustiger hatte sich gestern hier eingefunden, welche glaubte, den Thäter sehen zu können. He in ch en b. Altenstadt, 1. Dez. Der hiesige Krieger» verein hat beschloßen, ein Kriegerdenkmal errichten zu lassen; dasselbe wird von Odenwälder Granit und Syenit erbaut und oben mit eine Bronce-Adler gefrönt werden. Die Ausführung ist der Firma Fr. Hewel, Bildhauerei, in Gießen übertragen worden. Zur Krisis im Reichstag. In der gestrigen Sitzung des Reichstages gab es wiederum erregte Auseinandersetzungen zwischen dem Pra- 'identen und den sozialdemokratischen Mgeordneten Jn- -olgedessen gehen die Mehrheitsparteien ernstlich mit der Erwägung um, Maßnahmen zu finden, die eine Wiederholung von Verhöhnungen der Prafidialgewalt unmöglich machen, wie sie sich, namentlich am Freitag abend vor der Rertagung zugetragen haben. Am Bundesratstische, von dem aus die Vorgänge aus allernächster Nahe verfolgt werden konnten, ist man entsetzt gewesen über die höhnische, yon einem Mitgliede der äußersten Linken dem Präsidenten nach Erteilung des zweiten Ordnungsrufes entgegengeschleuderte Frage: „Wo bleibt denn der dritte? Solchen Dingen soll ein für allemal ein Ende gemacht werden. Ferner werden Bestimmungen geplant, GeMsts- ordnungsfragen unter Umständen rascher, jedenfalls ohne die ermüdenden, selbst tagetangen ©nirterungen Entscheidung zu Bringen. Daß eine Geschaftsordnung^batte sich nur „verbluten", nicht „unterbunden werden dürfe galt bisher als üblich; es ist indessen festgesteNt, daß früher schon durch Annahme eines Schlußantrages das Ende herbeigeführt worden ist. EinGerüchts.wonach die Zurückziehung des Antrages vonKardorff in Aussicht stehi , findet in parlamentarischen Kreisen wenig Glauben. Namentlich das Zentrum soll dafür nicht zu haben lern. Die K iegsgesangenschaft des K n^rals Zurlivden. Das neueste Heft der Pariser „Revue des deux mondes" bringt „Erinnerungen aus meiner Gefangenschaft vom November und Dezember 1870" vom General Zurlinden, 6T3 dadurch, daß ein Th eil der Mitglieder sich tobend und schreiend um den Redner herumdrängt und ihn so am Sprechen verhindert. Einige Herren haben sich darüber gewundert, daß die Herren Sozialdemokraten heute nicht wieder dasselbe Benehmen zeigen, wie neulich. Diese Erscheinung ist offenbar nur dadurch zu erklären, daß die Herren inzwischen selbst eingesehen haben, daß sie mit einem derarttgen Verhalten nicht gerade einen sehr großen Eindruck' machen. Die Entrüstung der Sozialdemokraten gegenüber dem Abg. Bachem war ganz unangebracht, denn wie oft haben wir es erlebt, daß Herr Bebel mit der sittlichsten Entrüstung der Welt es zurückgewiesen hat, für seine Behauptungen den Gewährsmann zu nennen. (Lebhafte Zustimmung rechts und im Centrum.) Herr Bebel durfte es uns auch nicht verdenken, daß wir die Entscheidung der vorliegenden Geschäftsordnungsftage durch den Reichstag selbst für richtig erachten. Herr Bebel hat dabei vergessen, daß es ein Sozialdemokrat, der Abg. Südckum war, der neulich, als der Präsident erklärte, es sei gar nicht ftaglich, daß dieser Antrag unzulässig sei, an die Entscheidung des Hauses appellirte. Herr Bebel hat eine stellenweise ganz intereßante Rede gehalten. Der Ton war zum Theil scherzhaft. Ich verstehe aber nicht, wie em geistreicher Mann, wie er, so abgedroschene Witze wiederholen kann, wie den von den „Heloten des Centrums", den National-Liberalen. Solche Witze sind doch nicht angängig gegenüber Parteien, die nur das Interesse haben, die wirthschaftlichen Bedürfnisse des Landes zu befriedigen, und die Aufrechterhaltung der Aktionsfähigkeit d-s Parlaments vertreten. (Lebhafte Zustimmung.) Sehr Uu; richtig war es, wenn Herr Bebel behauptete, daß ich und meine Freunde an der Obstruktion bei der lex Heinze theil- oenommen haben. Die ganze Behauptung kann sich wohl nur auf einen Vorgang stützen. Eines Tages, als wir sehr lange gesessen hatten, hatten meine Freunde keine Lust, ihr Mittagessen länger warten zu laßen, und gingen deshalb bei der Abstimmung nicht mehr hinein. (Heiterkeit.) Wir haben aber weder an diesem Lage noch sonst während der Berathungen über die lex Heinze irgendwelche Obstruktion getrieben. Ich wende mich nun zu Herrn Dr. Barth. Seine Behauptung, daß die „National-Zeitung" das Organ oder das Hauptorgan der national-liberalen Partei sei, trifft nicht zu. Die „National- Zeitung" hat bereits selbst vor Jahren erklärt, daß es chr nicht in den Sinn komme, in ihrer Politik über einzelne witthschaftliche Fragen als Organ der Partei zu gelten, es liegt aber auch nicht im Willen der Partei, der „National-Zeitung" das Amt eines Cen- sors über ihre Haltung einzuräumen. Wenn die Herren, die dort gegen unsere Haltung aufgetreten sind, sich mit ihrem Urtheil etwas mehr Zeit gelassen hätten, dann wäre es denkbar, daß das Urtheil anders ausgefallen wäre, zumal da der eine Censor es selbst etn- räumt, daß nach einigen Monaten der Antrag Kardorff moralisch gerechtfertigt gewesen wäre, es sich bei ihm also nicht um eme Sritif unseres Vorgehens an sich handelt, sondern nur um die des Zeitpunktes unseres Vorgehens, und als der andere Censor zugesteht, daß der Antrag dem Geiste, wenn auch nicht dem Wortlaute der Geschäftsordnung zuwiderläuft. Die „National-Zeitung" hat in ihrer freihändlerischen Richtung unzweifelhaft eine Hinneigung zur freisinnigen Bereinigung, was Herrn Dr. Barth doch bekannt sein herrschen. Gelingt bo3 diesmal, so ist die Obstruktion ein fÄ allemal eingeführt in das Arsenal der parlamentarischen Begriffe, und bei jeder wichttgen Vorlage wird man dann genothtgt fern, wenigstens etwas Obstruktion mit in den Kauf zu nehmen. Es würde für uns ein ganz ungeheures Unglück fern, besonders auch auf dem Gebiete der Sozialgesetzgebung, wenn die,es ungesetzliche und verwerfliche Mittel Einzug in den Reichstag hielte. Wir müßen daher jetzt, wo so offen und klar dieser Versuch gemacht wird, den Herren zeigen, daß der deutsche Reichstag nicht gewillt ist, sich der Herrschaft einer kleinen Minorität (Lärm bei den Sozialdemokraten) zu unterwerfen, sondern daß die Mehrheit auch m der Lage sein soll, nach geordneter Diskussion ihren Willen zum Ausdruck zu bringen. Das sind die Gründe wirthschastlicher und politischer Natur, die uns bewogen haben» nach langer, ernster Ueberlegung diesen Antrag zu unterschreiben. . . Ich wende mich deswegen auch an meine Freunde un isanoe, die sich noch nicht mit dem Anträge befteunden können, mit der Bitte, sich in unsere Lage hineinzuversetzen und von die,em Standpunkt aus die Richtigkeit unseres Vorgehens anzuerkennen. (Beifall.) Abg. Thiele (Soz.): Wenn nach dem Dr. Sattler die „National- Zeitung" auch kein national-liberales Blatt ist, so haben doch andere national-liberale Zeitungen genau dasselbe geschrieben, tote die „National-Zeitung". Der Anttag v. Kardorff widerspricht so dem § 19 der Geschäftsordnung, daß man an dem gesunden Menschen- verstand Derjenigen zweifeln muß, die dies leugnen. Wir sind gegen den Anttag, weil wir wollen, daß die Geschäftsordnung, die so lange bestanden hat, auch weiter gehandhabt wird. Der Versuch, so den Tarif durchzudrücken, wird immer ein Schandmal für das Gentrum sein. Glauben Sie denn, daß diese Laurahütten- Moral ohne Einfluß auf das Volk sein wird? So etwas wird sich das Volk nicht gefallen laßen. Das Volk wird bei den Wahlen seine Stimmen zu unfern Gunsten abgeben. Vor der letzten Auflösung schloß Präsident von Levetzow die Sitzung mit den Worten: Ave, Caesar, morituri te salütant! Dies Wort wird jetzt freilich nicht gesprochen werden, aber es wird doch für die Mehrheitsparteien Geltung haben. Der Anttag Kardorff darf überhaupt nicht zur Debatte gelangen. Geschieht dies doch, dann wird man im Volke sagen: Der Präsident ist mitschuldig, denn der Hehler ist eben so gut wie der Stehler. Präsident Graf Ballestrem: Ich rufe den Redner wegen dieser Aeußeruiig zur Ordnung. (Beifall rechts^ Ich muß em für alle Mal erklären, daß ich mich von dieser Stelle aus nicht entlassen kann, in die Debatte einzugreifen. Von dieser Stelle aus wird nicht d e 6 a 11 i r t, sondern Ordnung gehalten, Ordnung der Rede und die Ordnung im Saale. Ich kann Ihnen daher nicht antworten, und finde es sehr wenig hübsch, wenn die Abgeordneten immer wieder die Person des Präsidenten mit in ihre Aeußerungen hineinziehen. (Lebhafter Beifall rechts und im Centrum.) Hierauf vertagt das Haus die weitere Berathung aus Dienstag 1 Uhr. Schluß 6% Uhr. dürfte. ES spricht sich darin auS, daß sie die Ausführungen, die am verletzendsten waren, der Hinweis auf unseren Führer Bennigsen, sehr lebhaft an eine Rede erinnerten, die Herr Pachmcke am selben Tage gehalten hat, und dieser Hinweis entweder Herrn Pachnicke nachgeschrieben ist oder sich jedenfalls ganz in seinem Geiste bewegt hat. Nun hat man uns den Vorwurf gemacht, ich hätte im Oktober gesagt, am besten wäre es, wenn die Regierung die Vorlage zuruck- zöge. Ja, damals hatten wir auch noch keine geschloßene Mehrheit, die eins mit der Regierung war. Jetzt ist die Vorbedingung erfüllt. Die Mehrheit hat sich im Interesse des Zustandekommens der Vorlage mit der Regierung und uns geeinigt, und nun ist es die Obsttuttion, welche Die Durchführung des Werkes verhindern will. Der Zolltarif ist ein Rüstzeug für die verbündeten Regierungen zum Abschluß neuer Handelsverträge, und um ein solches Rüstzeug den Regierungen zu geben, verlohnt es sich allerdings, Anstrengungen zu machen. Für mich und alle Unterzeichner des An- ttages war Der Anttag selbst sehr unerfreulich und unerwünscht, und ich bestteite es, daß wir schon lange, bevor er gestellt war, diesen Weg geplant haben. Das ist eine vollständig unrichtige Behauptung. Ich kann nur sagen: Ich habe mich nur mit äußerst schwerem Herzen zur Unterzeichnung des Anttages entschlossen. (Zuruf des Abg. Singer: Es ist aber doch gegangen!) Wir sind aber zur Beschreitung dieses unerfreulichen Weges gezwungen gewesen durch das Verhalten der Obsttuttion. In der Nothlage, m der wir uns befanden, mußten wir diesen Ausweg benutzen. Sie haben uns durch Ihre von vornherein angefünDigte Absicht, den Willen der Minderheit an die Stelle des Willens der Mehrheit setzen zu wollen, in diese Nothlage gebracht, denn Sie bekämpften und bedrohten Damit den Parlamentarismus und verhöhnten die Mehrheit. (Sehr richtig!) Ich bin ganz gewiß bereit, die Geschäftsordnung sonst in einer Weise auszulegen, die den berechtigten Wünschen der Minderheit entgegenkommt, aber wenn man, wie Sie, die Geschäftsordnung nur zur Geschäftshinderung brauchen will, wozu ja die „Nattonal-Zeitung" noch einige Monate gewähren will, so kann man einer solchen Obstruktion nur gewähren, was Recht ist, aber nicht mehr, dadurch, daß man den Wortlaut der Geschäftsordnung nicht verletzt. Sie haben jetzt keinen Anspruch, anders als nach dem Wortlaut der Geschäftsordnung bebandelt zu werden, und diesem Wortlaut widerspricht der Anttag Kardorff nicht. (Zustimmung bei der Mehrheit.) Ich habe mich nur zur Unterzeichnung des Anttages entschlossen, weil wirthschaftlichen und politischen Gründe uns dazu zwingen. Es ist von höchstem Jntcreße für unsere Industrie, für unsere Land- wirthschaft und vor Allem auch für unsere arbeitende Bevölkerung, daß wtt zu neuen Handelsverträgen gelangen, Die Stellung der verbündeten Regierungen gegenüber dem Auslände ist aber bet den Verttagsverhandlungen die denkbar ungünstigste, wenn der Zolltarif nicht zu Stande kommt. Auch Freiherr von Marschall hat es anerkannt, daß wir unbedingt einen neuen Zolltarif dazu brauchen. Es handelt sich ferner darum, ob bie Aktionsfähigkeit des Reichstags auftecht erhalten werden soll oder nicht, ob es zungenfertigen und redegewandten Leuten an die Hand gegeben werden soll, den ganzen Übrigen Reichstag zu Ihrannisiren und zu be- Kerzi betrat Es starben an: Tuberkulose der Sikh Kleff RÜO' ®run 21.5 nacht und 10 U 600 Lie 260 Sk 5 Men! iltljkN atiffo sch«' 27. T bcftxa1 tbitfi nm Hm>" ftm (Ro ftim W«i vom 2.-15. Jahr daß drr 1 über Lehr ju f bis, flfnb Mttti Vw. hbi Ilben 9b tri a> Len- *2 N* ^ip< b Forma« — vorzügliches Schuupfcumittell Familien Nachrichten. Gestorben: Frau Marie Wagner, geb. Räder in Lffenda- Gerichtssaal. Berlin, 29. Nov. Ter sozialdemokratische Stadtverordnete Riealer mürbe heute in der 2. Strafkammer des Landgerichts II wegen Beleidigung des Potsdamer Regierungspräsidenten, begangen in der Spandauer Stadtverordnetenversammlung zu 100 Mk. Geldstrafe event. 20 Tagen Gefängnis verurteilt. Leipzig, 29. Rov. Der am 10. November vom Schwurgericht Weimar wegen Mordes der Frau .Harz in Jena zum Tode verurteilte 28 Jahre alte Schlosser Behnert aus Nordhausen stand heute vor dem hiesigen Schwurgericht unter der Anklage, am 9. Dezember v. I. die Trödlerin L o r y in Leipzig ermordet und beraubt zu haben. Bch- nert gestand die That ein und wurde wegen Raubmordes auch hier zum Tode und dauerndem Verlust der Ehrenrechte verurteilt. Ein Mordgenos'e an der Leipziger That, der 1884 zu Waldschnitz bei Aussig in Böhmen geborene Schiffsbauer Stroppe konnte nur zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt werden, da er zur Zeit seiner Unthat noch nicht 18 Jahre alt gewesen war. * Eine Rabenmutter aus der englischen Gefell- schäft stand dieser Tage vor den Londoner Gerichten unter der Anklage, ihre Tochter mißhandelt zu haben; die über sie verhängte Geldstrafe von 1000 Mark steht in merkwürdigem Kontrast zu der Thatsache, daß erst jüngst zwei Arbeiter, die ein Pferd mißhandelt hatten, zu längerer Gefängnishaft verurteilt wurden. Tie Dame (Gattin eines angesehenen Friedensrichters!) hatte, um nur einige Beispiele anzuführen, ihrem Kinde Bienen unter die Kleider gesteckt, sie hatte es mit Brennesseln im Gesicht fürchterlich zugerichtet, es mehrere Stunden lang im Winter auf einem Baume frieren und oft auf Tage ohne Nahrung gelassen, sodaß das unglückliche Geschöpf (ein Mädchen) seine Nahrung in dem Futternapfe des Hundes suchen mußte. Zusammen: Erwachsene: im 1. Lebensjahr: Feuilleton. _. Von Arnold Aöcklins Persönlichkeit entwirft .Idols Frev nach den Erinnerungen seiner Züricher Freunde 'M Tezemberheft der „Deutschen Rundschau" ein an interessanten Einzelzügen reiches Bild. Er schildert die äußere Erscheinung des Meisters, b*c Gottfried Keller mit der emes „schweizerischen Majors älterer Sorte" verglichen hat, und hebt besonders den Eindruck hervor, den man von seinen graublauen Augen empfing. Sie waren von den Zidern stark überschnitten, sodaß sic wie aus einem Dreieck heransleuchteten und etwas Beachtendes, Forschendes, hatten. Sie waren auch von ungewöhnlicher Scharfe. Als Böcklin eines Tages mit einem Freunde in Zurich über die Meisenbrückc ging, blieb er plötzlich stehen und deutete auf einen Weih, der hoch in der Luft kreiste und den der andere eben nc»ch wahrnahm. „Sehen Sie! Zm linken Flügel sticken ihm einige Schwungfedern: brnm 1J. ec JJi seinem Fluge gehemmt." Er verunochte einen kleinen -Jogel auf dem höchsten Zweig eines großen Baumes $U Kennen, den keine Begleiter nicht nrehr sahen, oder er machte aus die zartesten Krallenspuren der Vögel im Schnee aunnerk^am. auf den Eindrilck, wo die beim Äuffliegen abstoßende schwinge den Boden berührt hatte. Allerdings ~ • n, cr l^chrzehntelange Hebung und Gewöhnung mit. ©em Juae war völlig normal gebaut, wurde jedoch nach dem fünfzigsten Jahre weitsichtig, sodaß ihm beim Arbeiten mit einer Brille nachgeholfen werden mußte. Bo al ins Spannkraft. die ibm immer wieder aufhalf, beruhte mif einer eigentümlich'm Mischung von robustem Wesen und Sensibilität. Das Gefühl keiner Kraft erfüllte ihn mohlio und verlieh ihm etwas Männliches, Gelassen^, aus sich Ruhendes. Sie leistete ihm die Gewähr einer langen Jugend und damit des ungehemmte Schaffens. Jung will und muß ich sein :das gehört zu meinem G-lchäft", schrieb er noch int März 1896 an einen Freirnd Als die Gebrechen des Alters kamen, peinigte ihn der Gedanke, daß die Kraft sollte man Wuch hoffen dürfen, daß ein besserer Anschluß der auf dieser Linie verkehrenden Züge herbeigeführt wird. So trifft z. 23.~ber Abends von Gelnhausen kommende Pcr- sonenzug auf Station Sießen um 7 Uhr 25 Minuten ein. und um 7.26 fahrt ein Per'onenzug von dort nach Londorf ab. Wer also aus dem Lumdathal mit oben genannten- Zug von der Richtung Gelnhausen Gießen kommt, har ba= Vergnügen, noch dreiviertel Stunde auf Bahnhof Gieße,, zu warten und dann mit dem nächsten Zug Gießen-Kasie' bis nach Lollar zu fahren, daselbst ausrusteigen, aisbarn bis D-aubringen, Mainzlar, Trais rc. bei finsterer Aack- winterlichem Detter, den schmutzigen Weg zu Fuß rurückleger zu können; eigenes Fuhrwerk dürfte den Wenigsten >ur Verfügung stehen und auch den Meisten schwer balter solches -auttreiben zu können. Welche Gefühle bei den- jenigen vorherrschen, welche Anwohner dieser neu eröfs neten Bahnlinie sind, und in die Lage kommen, mit be^ betr. Zuge von der Linie Gelnhausen-Gießen /u kommen mag sich jeder selb'st leicht ausmalen können. Denn dies- Zeilen dazu beitragen, daß hier eine Aeuderung zum Besten- eintritt, dann ist der Zweck dieser Zeilen erreicht und der Dank vieler gewiß. Andernfalls dürfte eine gemeinschast. liche Eingabe der Ortsvorstände an der Strecke Lollar-Len- dorf belegener Orte sehr zweckmäßig sein. Anmerkung der Redaktion. Ursprünglich sollten die Züge der Nebenbahn Londorf-Lollar m Lollar endigen, bis die Weiterführung bis Gießen im 3n- teresse des Publikums stattfand. Weiter ist schon, wie wir hören, in Erwägung gezogen worden, wie weit es möglich sein wird, die Anschlüsse in Gießen an andere Linien noch zu verbessern. nissen der Neuzeit entsprechenden Verkehrsmittels zu setzen wünschten. Die beiden Herren, welche offenbar der zeitraubenden und ansttengenden Notwendigkeit des „zu Fuße Gehens" überhoben zu sein wünschten, erbrachen nämlich ein auf unbebautem Terrain gelegenes Wagenhaus und stahlen daraus ein dem Baumeister Frttsche in Charlotten- burg gehöriges Automobil im Werte von 5000 Mk. Sie vergaßen jedoch etwas sehr Wichtiges: nämlich den Kessel mit Kühlwasser zu füllen, und so explodierte der Cylinder der Maschine, kurz ehe die Herrschaften nach Wilmersdorf kamen. Unterdessen hatte Baumeister Fritsche die Polizei verständigt und die heilige Hermandad kam gerade zur rechten Zeit. Beide Missethäter waren durch die Explosion aus dem Fahrzeug geschleudert worden. Ter eine hatte so schwere Verletzungen erlitten, daß er nach dem Krankenhaus transportiert werden mußte, der andere wurde -verhaftet. Für die nächste Zeit werden die Jünglinge wohl keine Gelegenheit finden, ihrer Vorliebe für den Automobilsport zu huldigen, ein wenn auch schwacher Trost für den Herrn Baumeister, dem durch die Mißhandlung seines „Autos" ein Schaden von 500 Mark entstanden ist. * Vom Treber-Sckrnidt. Neuerliche Meldungen verschiedener Blätter über den Stand des gerichtlichen Verfahrens gegen den Treberdirektor Schmidt sind dahin klarzustellen, daß nach hierhergelangten Nachrichten die französische Regierung sich einverstanden erklärt hat, den Auslieferungsbeschluß auch auf andere Delikte als die mit Hem persönlichen Konkurs Schmidt zusammenhängenden auszudehnen, also auch auf solche, welche die Schädigung der Treberaktionäre herbeiführten. Der Wortlaut des Beschlusses liegt aber noch nicht hier vor. Wann daher die öffentliche Verhandlung gegen Schmidt stattfinden wird, kann jetzt kaum mit Sicherheit gesagt werden. * Eine verwegene Raubthat wurde in der Nackt vom letzten Freitag auf Samstag, nach Telegrammen Londoner Blätter aus Amerika, kaum zwei Kilometer von der Stadt Davenport im Staate Iowa verübt. Davenport liegt am Mississippi, an der Grenze von Iowa nach Illinois. Ein von Davenport kommender Nachtzug wurde eine halbe Stunde vor Mitternacht an einem Bahnübergänge durch ein rotes Signallicht auf der Linie zum Stehen gebracht. Mährend Lokomotivführer imd Heizer nach dem Manne spähten, der die Signallampe vorhielt, wurden sie durch i0ine kleine Bande von fünf durch schwarze Masken unkenntlich gemachten Räubern überrumpelt und mit vorgehaltenem Revolver gezwungen, die Personenwagen von dem aus Lokomotive, Gepäckwagen und dem sogenannten Expreßwagen bestehenden" Teile des Zugs loszukoppeln. Der Expreßwagen gehört der Privatgesellschaft, die, als Erpreß Company bekannt, die Beförderung von Wertgegenständen und auch die Postsendungen vermittelt. Hierauf wurde der Gepäckschaffner und der Agent der Expreß Company, wieder unter Androhung des Todes, gezwungen, ihre Wagen zu öffnen und wieder die Lokomo- ttve zu besteigen, wo drei der Banditen sie bewachten. Während die übrigen im Expreßwagen barm gründliche Untersuchung hielten, wurde die Maschine mit den beiden Wagen drei Kilometer weiter gefahren und die Personenwagen auf der Linie zurückgelassen. An Ort und Stelle anaekommen, sprengten die Banditen den im Expreßwagen aufgestellten Kassenschrank der Gesellschaft mit Dynamit, beraubten ihn seines ganzen, auf 20 000 Dollars geschätzten Inhalts und schlugen sich mit der Beute in den Wald. Etwas über einen Kilometer vom Schauplatz der That wurde im Laufe der Nacht einem Landwirt ein Wagen und ein Gespann Pferde gestohlen, das gegen Tagesanbruch von einer Farm, mehrere Kilometer weiter, bemerkt und erkannt wurde. Man vermutet, daß die Räuber damit das Weite gesucht haben. Inzwischen waren nach Abfahrt der Lokomotive mit den Gepäckwagen einige von den Reisenden, die bis dahin auch von den Revolvern der Räuber im Schach gehalten worden waren, ausgestiegen, auf der Bahnstrecke nach Davenport geeilt und hatten die Polizei alarmiert, die sich alsbald zur Verfolgung der frechen Schnapphähne auf den Weg machte. Meldungen von einem Erfolg ihrer Spürthätigkeit sind bislang noch nicht eingelaufen. ,* Was für Nebeneinkünfte amerikanische Universitäten haben. Bei einem Fußballwettkampf, der kürzlich zwischen den Mannschaften der amerikanischen Universitäten Pale und Princeton stattfand, wurden 32000 'Lollar (128 000 Mk.) an Eintrittsgeldern eingenommen. L*a die Unkosten nur 2000 Dollars betragen, bleibt ein Reingewinn von 30 000 Dollars, der gleichmäßig zwischen den beiden Universitäten geteilt wurde. — Das Resultat von Wettkämpfen gegen Entree auf geistigem Gebiete wäre zweifellos ein gewaltiges Defizit gewesen. Aus Camburg wird geschrieben: „Theodor Körnett', eine vieraktige „Biographische Handlung" von Stefano Do- naudy, war die dritte Opcrn-Neuheit am Hamburger Stadt theater in dieser Spielzeit. Die Feuerprobe verlief, von einer glänzenden Darstellimg unterstützt, vortrefflich. besonders der sehr wirksame dritte Akt mit der äußerst fernen Instrumentierung des Gebetes der dem Geliebten Körner (Pennarini) nach Breslau gefolgten Braut (Frl. Schloß1 und die dramatische Schwurszene brachten dem Komponisten und den Künstlern lang anhaltenden Applaus. In Wien ist Hauptmanns „T er armeHeinriw^ mit erst sich steigerndem starken, dann vom dritten Akte ab mit sich abschwächendem Erfolge aufaeführt worden. Fott- dauernde Qualen ermüdeten. Tie Erlosungsszene im vierten Akt war wieder ein Höhepunkt. Der letzte Akt fand wegnt seiner pictisttschen Mystik wenig Teilnahme. Die Darstellung von Kainz und Frl. Medeisky war vorzüglich. Joses Laufs arbeitet jetzt an feinem neuen Hohen- zollcrndrama „Unterm Sturmyut". Im Mittelpunkt der Dichtung stehl die Gestalt des großen Kurfürsten. Oskar Wildes „Salome", die in Berlin verboten wurde, ist soeben vom Intendanten Baron zu Pullik für das Hoftheater in Stuttgart erworben worden und wird am 19. Tezember dort zur ersten Aufführung gelangen. Für die Darstellung der Salome wurde Frau Gertrud Evsoldt gewonnen, welche die Rolle in Berlin am ,Kleinen Theater" mit so großem Erfolge gespielt hat und von der Direktion der genannten Bülme für zwei Abende freigegeben wurde. „Ratziputzli" ist der Titel eines DühnenmürchenS, dessen Verfasserin Frau Cäcilie Töpler-Denzel ist, die Witwe des verstorbenen Professors Döplcr der Aeltere. Ihr Sohn, der junge Töplcr, wird zu dem Werke, dessen Erstaufführung voraussichtlich in Hamburg ftattfinbet, by Dekorationen und Kostüme entwerfen, während die Geschwister Rubensohn in Altona die hierzu erforderliche Musu komponieren werden. und das Jugendgefi'chl ihn verlassen sollten. Er wies jede Hilfeleistung zurück und empfand es bitter, wenn man seinen nnthsam gewordenen Gang ober seine schwer gewordene Zunge bemerkte. In Konstanz wollte er, ber schwere, siebzigjährige Mann, bei Verwanbten eines seiner Söhne ein Fahrrad besteigen, znm ersten Mal in seinem Leben, unb ben Abmahnenden entgegnete er: „Das kann ich schon!" „Vor bem Abgrund packte ihn zuweilen dämonische Lust, dem Alter und dem Tod herausfordernd entgegenzulachen. Als seine jungen Zechgeirossen bei einer der häufigen Zusammenkünfte in San Domenico ein burleskes Leichenbegängnis veranstalteten, indem sie einen der ihrigen auf eine Bahre oder etwas ähnliches legten und herumtrugen, stellte sich der grei'e Böcklin an die Spitze des funebren Zuges und schlug mit zwei Pfannendeckeln die schaurige Totenmusik." Und andererseits verlor ber sensible Mann das innere Gleichgewicht io leickt, daß er der geringsten Widerwärtigkeit ansbog. Oft öffnete er Briefe nicht, die nach ihrer Herkunft ettvas Unangenehmes zu enthalten drohten, und er trug so fortwährend ein kleines Archiv von ungelesenen Dokumenten in der Rocktasche mit sich herum. Die Furcht vor Erschütterungen hielt ihn vom Theater fern. Schon als Vier-igjähriger erklärte er, er gehe so ungern dorthin, weil er bei einer Situation, die ihn ergreife, unwillkürlich weinen mürfc, daß ihm die dicken Thränen die Wangen herabliefen. Als er in Zürich seinem Vorsatze einmal untren wurde, um den „Fidelio" zu hören, bemerkte man, wieder sich während der Kerkerszene wiederholt die Augen wischte. Ein Nichts, ein Eindruck, den ein Anderer taum spürt, legte sich seinem Schaffen leicht in den Weg Ter Bildhauer Bruckmann, fein Schwiegersohn, trat eines Tages ins Nebenatelier, in den Bau, wo er zu arbeiten pflegte, und begann, ohne zu wissen, daß fein Schwieger- ■ vater nebenan war, laut die Marseillaise zu pfeifen, hörte 1 dann aber nach den ersten vier Taften zufällig auf. Böcklin konnte nicht anders, er mußte die Melodie weiterpfeifen, 1 kam bann herüber und sagte: .Herrgott, jetzt hast Du mir glücklich ein Motiv totgepfiffen." Kandwirtschast. Gießen, L Dez. Bei der kürzlich in Würzburg abgehaltenen Getreide-Ausstellung konnte man sich überzeugen, roic vorteilhaft die Verwendung einer Getreidereinigungsmaschine mit Zentrifuge für den Saatverkauf ist. Tie ausgestellten Maschinen (von mehreren Firmen) sonderten Unkrautsamen, zerbrochenes, minderes, mittleres und schweres Getreide in einer solch vorzüglichen und leichten Weise, daß man erstaunt sein mußte. Welche Vorteile eine derartige Maschine für den Landwirt bringt, gleichviel ob er für den Verkauf Getreide zieht oder für eigenen Bedarf, ist einleuchtend. Am rentabelsten wäre, nach dem „Prakt. Wegweiser", Würzburg, die Anschaffung einer Getreidezentrifuge, wenn eine Gemeinde ober mehrere Landwirte sich zusammen zum Kaufe und zur Benützung entschließen könnten. Berg (Pfalz). Die erste Pfälzer TabakverwertungSgenoffen- schaft (Zigarrenfabrik) e. G. m. b. H. dahier erhielt bei ber Ausstellung des Bauernvereins in Gernsheim (dessen) ein Div- l o m für her-vorragenbe Leistungen auf dem Gebiete ber Selbsthilfe in ber Landwirtschaft. Eingesandt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Arttkel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Deutsche Raucher. Rauchet deutsche Zigarren und nicht Havanaimporten, deren Fabrikation jetzt Rockefellers Petrolenni-Portemonnaie füllt. Früher waren Havanaimporten bestes Zigarrenfabrikat, heute ist es Trustmache der nordamerikanischen Tollarkonige. Sie haben es, die Herren Amerikaner, wahrlich in der kurzen Zeit, in der sie im Besitz der berühmten Havaneser Zigarrenfabriken sind, herrlich weit gebracht. Zur Zeit der unabhängigen Privatindlistrie mar ein Zigarrenmacher auf Kuba ein rarer Artikel, ber sich die Arbeitsgelegenheit ausfucken konnte, und wurde für seine Kunst nach deutschen Begriffen fürstlich entlohnt. Jetzt, ivo der Trust die bedeutendsten Fabriken im Besitz hat, gehen diese Leute, die sich nicht mit Unrecht Künstler in ihrem Fach nannten, betteln! — Des Räisels Lösung ist sehr einfach. Ter Trust kann mit Recht die Zigarrenfabrikation auf Kuba als seine Domaine betrachten, eine wirkliche Konkurrenz hat er nicht mehr. Folglich wird der „Artikel" nach echt amerikanischer Art grünblid) ausgeschlachtet, wie's nach unserer naiven Auffassung „gar nicht Mode ist". Jetzt muß an ben „Flores" rc. so gut wie alle? verdient werden, denn ber Trust hat's nötig. Er hat m seinem brutalen Kampf, freie ehrliche Existenzen zu vernichten, so viel Millionen springen laffen, baß er sich an den kubanischen Fabriken gründlich erholen will unb muß. Jetzt werben natürlich solche „Rauch Du sie extra muros" verbrochen, daß es wenig Wunder nehmen kann, wenn die einst so blühende Industrie, die in ber Branche nicht ihres Gleichen hatte, ihrem Niedergang entgegengeht. Auf der neu eröffneten Bahnstrecke Lollar-Lon- >orf ist durch Einschaltung einiger Züge bem reisenden Publikum etwas Entgegenkommen gezeigt worden, nun Eisenbahn Zeitung. Wiesbaden, 28. Nvv. Der Minister der offent- licheri Arbeiten hat an die Handelskammer Wie-- baden nachstehenden Erlaß gerichtet: „Von dem Wunsche der Handelskammer wegen Belassung der Sttecke Castel- Oberlahnstein bei der Eisenbahn-Direktion Frankfurt a. M. habe ich Kenntnis genommen. Ich bemerke indessen, daß über eine etwaige Mtrennung dieser Streck vom Frankfurter DirektivnZbezirke bisher eine endgilti« Entscheidung nicht getroffen ist, daß aber selbstverständlich, bevor Entscheidungen über derartige Grcnzverschieb- ungen getroffen werden, den Behörden der allgemeinen Landesverwaltung Gelegenheit gegeben wirb, dazu Stellung zu nehmen. Im übrigen kann die Hanbelskammer her- sichert sein, daß, falls — etwa im Hinblick auf die Eisenbahn-Neubauten um und bet Mainz — Grenzver'ckiebune/n zwischen den Bezirken ber Eisenbahn-Direktionen in Frank furt a. M. unb in Mainz erforberlich werben sollten, meine vornehmste Sorge der Pflege bes Verkehrs, unb zwar ebensowohl des Lokal-, wie des Durchgangsverkehrs gelten wird." Geheizte Gütertvageu läßt die bayerische Dahnvci-waltuu« auf den Strecken Aschaffenburg—München, Paffau—Würü'uky, Hof—Würzburg und zurück während des Winters zweimal wecken: lich verkehren behufs Beförderung von Obst, Gemüse. 'Kartoffeln. Bier, Wein usw., soweit diese Güter im inneren bayerischen 5>cr kehr zur Aufgabe kommen, gegen einen Frachtzuschlag von 40pCt der tarifmäßigen Fracht. giddjrntlidif Ilrbrrfidjt brr Cobtüfnllf in brr Stabt Sitfa. 47. Woche. Vom 16. bis 22. November 1902. (Einwohnerzahl: angenommen zu 26 400 (inkl. 1600 Mann Militär) Sterblichkeitsziffer: 22,08, nach Abzug von 6 Ortsfremden: 10,04V