Nr. 117 Freitag dm 27. Juni 1884 r Gchulstraße 7. Ersch«nt tNlM mit Ausnahme des MonLasS. PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brinoerlobn. bic biogen vierteljährlich 2 Mark 50 PL Betreffend: Die Gründung einer Arbeitercolonie für das Großherzogthum Hessen und den Königlich Preußischen°Regkmngsbezü:k^Wiesbaden Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des KreiieS. anstalteten^Collecte"' ‘m 9ZuiIfianbe finb' erinnern ®ir atT die baldige Einsendung der Betrage der für die zu gründende Arbeitercolonie ver- vr. Boekmann. Politische Ueberficht. Gießen, 26. Juni. Der Reichstag hat noch am vorigen Samstag die zweite Plenarberathung des Unfallverficherungs-Gesetzes beendigt und hierbei auch den Rest der Vorlage fast durchgängig nach den Commissions-Anträgen genehmigt. An der definitiven Annahme der Vorlage in der dritten Lesung ist sonach nicht un Geringsten mehr zu zweifeln und dürften gegen den Entwurf nur die Mit- glreder der deutsch-freisinnigen Partei und der Volkspartei, sowie die Socialdemokraten stimmen. Mit der Erledigung der Unfallversicherung hat der Reichstag die Hauptaufgabe der gegenwärtigen Session gelöst und was an Vorlagen noch übrig, wird sich nunmehr bequem erledigen lassen, so daß man dem Schluß der Session noch in dieser Woche entgegensehen kann. In der nächstfolgenden Sitzung vom Montag begann der Reichstag die zweite Lesung des Actiengesetzes, welche noch am gleichen Tage zu Ende geführt wurde. Der vom 'Abg. Lipke vertretenen Anschauung, daß gegenwärtig ein tatsächliches Bedürfniß zu einer Reuregulirung des Actienwesens nicht vorhanden sei, wurde von anderer Seite, namentlich auch vom Staatssecretär im Reichsjustizamt, Dr. v. Schelling mit Entschiedenheit entgegengetreten und blieb jene Auffassung vollkommen isolirt. Nachdem ein von dem genannten Abgeordneten gestellter Antrag, den gesetzlich zulässigen Minimalbetrag der Actien von 1000 auf 400 herabzusehM,^^ eine ganz geringe Minorität gesunden, wurden auch die übrigen Abänderungs- Anträge abgelehnt und fand zunächst der von den Actiengesellschaften handelnde Theil der Vorlage den Commissions-Anträgen gemäß die Zustimmung des Hauses. Auch die Bestimmungen über die Commanditgesellschaften gelangten unverändert zur Annahme und ebenso die den letzten Theil des Entwurfes bildenden Strafbestimmungen. Zu letzteren lagen verschiedene Amendements vor, von denen namentlich der combinirte Antrag Träger - Windthorst zu § 249d (Haftung der Zeitungs-Redacteure für betrügerische Publikationen und Inserate bezüglich der Actiengesellschaften) hervorzuheben ist. Nach dem Antrag soll der Redacteur für eine Mittheilung im redactionellen Theile des Blattes verantwortlich bleiben, dagegen von der Verantwortlichkeit für Inserate befreit bleiben, welche die Unterschrift einer Person tragen, die innerhalb der deutschen Gerichtsbarkeit haftbar zu machen ist. Der Antrag wurde schließlich, gleich den übrigen Amendements, mit geringer Majorität abgelehnt. Am Dienstag beschäftigte sich der Reichstag mit der zweiten Lesung des Militär-Relictengesetzes. — Am Montag ist ihm auch der Stempelsteuer-Entwurf zugegangen, der es aber kaum über die erste Lesung hinaus bringen dürfte. Dagegen soll Aussicht vorhanden sein, daß die Dampferlinien-Subventions-Vorlage doch noch zu Stande kommt, und zwar, wie es heißt, in Folge der vom Fürsten Bismarck aus dessen parlamentarischer Matinöe nach dieser Richtung hin geäußerten Wünsche. Der am Sonntag in Breslau stattgesundene Parteitag der schlesischen Nationalliberalen ist unter zahlreicher Betheiligung in ebenso würdiger Weise verlaufen, als dies hinsichtlich der in Heidelberg, Neustadt, Berlin u. s. w. stattgefundenen nationalliberalen Versammlungen der Fall gewesen ist. Der Parteitag hat einstimmig seine Zustimmung zu der Berliner Erklärung vom 18. März d. Js. erklärt und zugleich die Bildung eines nationalliberalen Central-Comites für Schlesien beschlossen. Die starken Regengüsse der letzten Tage haben in einem großen Theile Deutschlands, namentlich in Mittel- und Ost-Deutschland, Ueberschwem- mungen zur Folge gehabt. Auch aus dem Auslande, in erster Linie aus Galizien, laufen ernste Nachrichten über Hochwasser ein. Glücklicherweise bestätigen neuerliche Meldungen überall ein Fallen der Wasserläufe. @ Die Resultate der am Sonntag zum Abschluß gelangten Reichs- tagswahl-Campagne in Ungarn liegen nunmehr vollständig vor. Es sind 231 Liberale, 59 Gemäßigt-Oppositionelle, 73 Radikale (Unabhängige), 16 Nationale, 10 Parteilose und 17 Antisemiten gewählt worden. Außerdem haben noch sieben Stichwahlen stattzufinden, welche aber an dem definitiven Wahl- ergebniß nichts mehr ändern können. Dem Cabinet Tisza ist also auch in dem neuen Reichstage die absolute Mehrheit sicher, ob aber die liberale Partei das Cabinet auch fernerhin in allen Fragen unterstützen wird, ist noch keineswegs ausgemacht und wird Herr Tisza im Reichstage vermuthlich noch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden haben. Das Arrangement zwischen Frankreich und England wegen Egyptens ist am Montag sowohl der französischen Deputirtenkammer, als auch dem englischen Unterhause mitgetheilt worden. In jener gab der Conseil- präfident Ferry eine Uebersicht über die dem Abschlüsse des Vertrages vorausgegangenen Verhandlungen mit der englischen Regierung und erklärte, daß die । politische Klugheit Frankreich geboten habe, dem Mitbesitze Egyptens zu entsagen; Egypten sei weder englisch noch französisch, es sei ein Werk des ganzen Europas. Aus den ferneren Mitthellungen Ferry's geht hervor, daß beide contrahirenden Mächte einander Concessionen gemacht haben. England hat in der Neutralist- rung Egyptens und des Suezkanals und in die Räumung Egyptens Seitens der englischen Truppen vom 1. Januar 1888 gewilligt, falls die Mächte der Meinung sind, daß die Räumung die Ordnung in Egypten nicht gefährde Frankreich hat seinerseits auf die doppelte Controle verzichtet und sollen nach Abzug der englischen Truppen alle Befugnisse der Controlbehörde auf die internationale Schulden-Commission übergehen, deren Präsident ein Engländer sein wird. Die Ausführungen Ferry's wurden öfters von Beifall unterbrochen, einen definitiven Beschluß wegen der Convention faßte die Kammer jedoch noch nicht, es dürfte dies vielmehr erst an diesem Donnerstag geschehen, an welchem Tage die Besprechung der vom Deputirten Delafosse eingebrachten Interpellation wegen der egyptischen Frage erfolgt. Ziemlich kurz waren die Mitthellungen, welche Mr. Gladstone dem Unterhause in derselben Angelegenheit machte. Von einer Zinsen-Reducirung erwähnte der englische Premier gar nichts und sagte sonst über die Finanzsrage nur, was schon aus den oben mitg erhellten Erklärungen Ferry's bekannt ist. Die erste Conferenz-Sitzung findet nächsten Samstag ...ttl^ das Parlament den Conferenz-Beschluß ablehne, mune die Die.Fm-mWroiecte könnten dem Parlamente erst nach den Beschlüssen der Conferenz vorgelegt werten, mentarische Entscheidung über die egyptische Frage und somit über das Schicksal des Cabinets Gladstone ist also in Folge dieser Erklärung vorläufig wieder hinausgeschoben. — In Toulon ist eine Epidemie ausgebrochen, die namentlich unter den Hafenarbeitern und der Marine-Infanterie wüthet und als sporadische Cholera bezeichnet wird. Die französische Regierung hat schleunigst Maßregeln gegen die Weiterverbreitung der Seuche ergriffen. Das Ableben des Prinzen Wilhelm Alexander von Ora- nien, des holländischen Thronerben, hat in der niederländischen Bevölkerung tiefe Bewegung hervorgerufen. Der Dahingeschiedene war der zweite Sohn des regierenden Königs, Wilhelm HL, aus dessen erster Ehe mit Königin Sophie, einer geborenen Prinzessin von Württemberg, und seit dem am 13. August 1879 enfolgten Tod seines älteren Bruders der Erbe der Krone. Durch seinen Tod geht die Anwartschaft auf den holländischen Thron nunmehr auf die vierjährige Prinzessin Wilhelmine, Tochter des Königs aus dessen zweiter Ehe mit Königin Emma, geborenen Prinzessin von Waldeck und Pyrmont, über, da in Holland auch die weibliche Linie erbberechtigt ist. Nachdem die Marokko-Angelegenheit bereits in den Parlamenten von Rom und London Gegenstand von Erörterungen gewesen ist, hat sie nun auch in den spanischen Cortes jüngst zu einer Interpellation geführt. Der Minister des Auswärtigen, Marquis Elduayen, bedauerte indessen, die wegen Marokkos zwischen den in dieser Frage zunächst interessirten Mächten gewechselte diplomatische Correspondenz nicht vorlegen zu können, da diese einen rein vertraulichen Charakter trage. Doch wies der Minister auf die Adreßdebatte hin, welche Gelegenheit zu einer parlamentarischen Erörterung der Marokko-Angelegenheit geben würde und versicherte im Uebrigen, daß die Rechte und Interessen Spaniens geachtet worden seien. Aus Egypten werden einige neue Kraftanstrengungen der englischen Armeeleitung gemeldet, die sich aber nicht über das Niveau von Truppen- Dislocationen untergeordneter Natur erheben. Darmstadt, 25. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog sind mit J.J. K. Gr. H.H. dem Erbgroßherzog und den Prinzessinnen Irene und Alix gestern aus Schloß Fischbach, wie uns von dort gemeldet wird, wohlbehalten eingetroffen. Die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften wurden auf der Durchreise in Breslau von dem commandirenden General des 6. Armee- Corps, Generallieutenant v. Wichmann, begrüßt. Die Herrschaften gedenken die nächste Zeit ohne Unterbrechung auf Schloß Fischbach zu verwellen. (D. Z.) Berlin, 25. Juni, 9 Uhr Abends. Im Lauft des heutigen Tages haben hinter den Coultssen noch Versuche stattgefunden, den Schluß der Reichstagssession hinaus- zuschteben, um noch die Dampfersubvention, wie andere wissen wollten, auch das Börsensteuergesetz zur Berathung zu bringen. Diese Versuche können als gescheitert gelten. Der Schluß ist, wie aus Wmdhorsts Aeußerungen, bei Feststellung der morgigen Tagesordnung und aus dieser selbst hervorgeht, für Freitag in sichere Aussicht genommen. Es soll übrigens das Ende der Legislaturperiode festlich begangen werden. Das Präsidium bereitet für Freitag Abend eine gesellige Zusammenkunft im Garten des Herrenhauses vor, der dem Reichstag zur Mitbenutzung frei steht. Concert einer Militärkapelle, gemeinschaftliches Souper u. dgl. sind in Aussicht genommen. (Fr. Z ) Telegraphische Depeschen. Wolff'S UU6