Ne. R4L. Samstag den 21. Juni 188* idiener Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. N«rssttr Gchulftrahe?. Erscheint tÄKtlich mit Bvvrnchme des Msntsgs. AwLticher Hheit. PreLA vierteljährlich 2 Mar! 20 Pf. mit Bringerlcchn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pt. BekanntMachung. _ vpv In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat Mai 1884 veröffentlicht: ' 9 Hafer 17.— Heu JL 6.75, Stroh «X 6.— per 100 Kilogramm. Gießen, den 19. Juni 1884. Großherzogliches Kreisamt Gießen. Dr. Boetmann. Politische Neberficht. Gießen, 20. Juni. Die zweile Plenarberathung des Unfallversicherungs- Gesetzes im Reichstage hat am Montag unter ziemlich günstigen Auspicien begonnen. Die drei ersten Paragraphen wurden unter Ablehnung fast jammt* licher hierzu gestellten Gegen- und Abänderungs-Anträge nach den Commissions- Anträgen angenommen, die sich im Wesentlichen mit den bezüglichen Vorschlägen der Negierung decken. Einzig der Antrag Buhl, durch welchen auch die Schornsteinfeger in den Kreis der Versicherungs-Pflichtigen eingereiht werden, fand außerdem die Zustimmung des Hauses. Auch zu ven §§ 4—8, welche der Reichstag am Dienstag discntirte, lagen verschiedene Abänderungs-Anträge vor. Das Hauptinteresse beanspruchte die Debatte über § 5 (Gegenstand der Versicherung und Umfang der Entschädigung), welche sich um die wichtige Frage der Dauer der Carenzzeit drehte. Die einschneidendsten Amendements waren hierzu gestellt worden; so beantragten die Socialdemokraten den Wegfall der Leistungspflicht von anderer Seite während der ersten 13 Wochen der Krankheit und Ersatz des vollen Arbeitsverdienstes für die ganze Dauer der Krankheit, resp. des Heilverfahrens. Die deutsch-freisinnige Partei hatte durch den Abg. Dr. Barth den Antrag gestellt, den Verunglückten schon vom dritten Tage nach dem Unfall an eine Rente zu zahlen und die Nationalliberalen endlich wollten an die Stelle der von der Commission vorgeschlagenen 13wöchentlichen Carenzzeit nur eine solche von 4 Wochen gesetzt wissen. Bei der Abstimmung wurden indeß fämmtllche Anträge abgelehnt und § 5 durchaus in der Com- missions-Faffung angenommen. Auch § 4 (Ausschluß der Beamten, die in Betriebsverwaltungen des Reiches, eines Bundesstaates oder Communalverbandes mit festem Gehalt und Pensionsberechtigung angestellt sind), § 6 (Regulirung des Schadenersatzes im Falle der Tödtnng), sowie die mehr untergeordnete Fragen behandelnden §§ 7 und 8 wurden unter Ablehnung aller Anträge nach den Commissions-Vorschlägen genehmigt. — Fürst Bismarck war in beiden Sitzungen kurze Zeit anwesend, ohne jedoch das Wort zu ergreifen. Der Senioren-Convent des Reichstages dürfte noch im Laufe dieser Woche zusammengetreten sein, um über den Termin für den Schluß der Session seine Entscheidung — natüllich möglichst im Einverständniß mit der Reichsregierung — zu treffen. Nach Lage der Dinge ist jetzt auch die Erledigung der Actiengesetz-Novelle wieder fraglich geworden und die Zolltarif-Novelle wie das Zuckersteuergesetz werden schwerlich mehr als die erste Lesung passiren, während der Stempelsteuer-Entwurf überhaupt nicht mehr zur Verhandlung gelangen dürste. Die vom „Berliner Tageblatt" gebrachte Mittheilung über ein in Wiesbaden geplant gewesenes Dynamit-Attentat, in Folge dessen der Kaiser seine Reise nach Wiesbaden ausgegeben habe, wird von der „Nordd. Allg. Ztg." als in allen wesentlichen Punkten erfunden bezeichnet. Die Ernennungen zu Mitgliedern des preußischen Staatsrath es in der Zahl von 71 sind nunmehr sämmtlich erfolgt. Indessen verzögert sich die Bekanntgebung des Termins für die Einberufung des Staats- rathes noch immer, was darauf schließen läßt, daß doch noch nicht alle Vorfragen erledigt sind, namentlich was die mit der Staatsraths - Angelegenheit eng zusammenhängende Entlassung des Fürsten Bismarck aus dem preußischen Ministerium anbetrifft. Interessant ist, daß unter den in den Staatsrath berufenen Persönlichkeiten sich Vertreter aller größeren parlamentarischen Parteien befinden und daß bezeichnender Weise nur die deutsch-freisinnige Partei ausgeschlossen erscheint. Die leitenden militärischen Kreise finden ihre Vertretung im Staats- rathe, u. A. auch durch den General-Quartiermeister Grafen Waldersee. Unter den Zeitereignissen in der habsburgischen Doppel- Monarchie interessiren nach wie vor am meisten die Reichstagswahlen in Ungarn und der große Anarchistenproceß in Graz. Für letzteren ist der Umstand charakteristisch, daß sämmtliche Angeklagte mit Entrüstung die ihnen zugeschriebenen hochverräterischen Pläne und verbrecherischen Absichten auf das Leben des Kaisers Franz Joses zurückweisen und daß aus ihren Aeußerungen vielmehr die größte Liebe zu dem Monarchen und sein ganzes Haus spricht. Ob sie hierbei den Richtern nur eine Komödie vorführen, läßt sich bisher noch nicht ersehen. Was die ungarischen Reichstagswahlen anbelangt, so wird sich ein Gesammtbild derselben erst nach dem letzten Wahltag, am Sonntag, zeichnen lassen. Immerhin kann man aber jetzt schon constatiren, daß der Ansturm der Radikalen wie der Antisemiten und consecvativen Magnaten gegen das Cabinet Tisza gescheitert ist, und daß die Liberalen, die Partei des Herrn Tisza, auch im neuen Reichstag die Majorität haben werden. Anderseits läßt sich freilich auch nicht verkennen, daß diese Majorität nicht mehr so stark ist, wie früher und daß von den Gegnern der Regierung namentlich die Antisemiten verhältniß- mäßig viel Sitze gewonnen haben, während zugleich hervorragende Koryphäen der liberalen Partei in ihren angestammten Wahlkreisen zu Aller Ueberraschung unterlegen sind. Im Ganzen bestätigt der bisherige Verlauf der Wahlen, daß neue schwere Stürme gegen das liberale Negierungssystem in Ungarn im Anzug begriffen sind, denen gegenüber das Ministerium Tisza seine ganze Energie nöthig haben wird. In der innern französischen Politik dominirt seit acht Tagen die Rekrutirungs-Vorlage, welche die Deputirtenkammer schon seit voriger Woche in Anspruch nimmt. Bis heute hat die Debatte über diesen Gegenstand ein geradezu verblüffendes Schauspiel von Verwirrung der Geister und eine unglaubliche Zerfahrenheit der Meinungen gezeigt. Was die Kammer den einen Tag votirt, lehnt sie den andern Tag wieder ab, wie es z. B. anläßlich der Be- rathung des Amendements Lanessan geschah und dieses ewige Schwanken macht das Schicksal der Vorlage wieder von Neuem ungewiß. Bei der in dieser Woche fortgesetzten Berathung der Rekrutirungs-Vorlage wurde am Montag das Amendement Durand, welches die Dienstbesreiung von Schülern der höheren Staats-Lehranstalten fordert, abgelehnt; am Dienstag genehmigte die Kammer die Rekrutirungs-Vorlage bis Art. 38. In England beherrscht das Abkommen mit Frankreich die politischen kreise in ungleich höherem Grade als dies bezüglich der Ereignisse im Sudan der Fall ist. Nach den neuesten Meldungen aus London haben England und Frankreich den Mächten nunmehr übereinstimmende Mitthellungen über die zwischen, ihnen bezüglich Egyptens getroffenen Vereinbarungen gemacht. Es deutet dies darauf hin, daß die beiden am Nil hauptsächlich concurrirenden Staaten sich endlich in gegenseitig befriedigender Weise auseinandergesetzt haben und da nicht daran zu zweifeln ist, daß die übrigen Mächte dem englisch-französischen Arrangement zustimmen werden, so kann man die Vorfragen zur Conferenz endlich als erledigt betrachten. Es bleibt freilich immerhin ab- zuwarten, ob auch das englische Parlament Ja und Amen zu dem Ueberein- kommen mit Frankreich sagen wird. Nach mancherlei Schwankungen steht endlich die Liste des neuen belgischen Cabinets fest. Daffelbe ist folgendermaßen zusammengesetzt: Malou, Präsidium und Finanzen, Bernaert, Landwirthschaft und Industrie (ein ganz neues Ministerium), Jacobs, Inneres; Woeste, Justiz; Moreau d'Andoy, Aeußeres; Pontus, Kriegsminister; van den Peereboom, Verkehranstalten. Außerdem sind Bara, Thonnissen, Pirenez und Nothomb zu Staatsministern ernannt worden. Durch königliches Decret ist der belgische Senat aufgelöst und sind die Neuwahlen auf den 8. Juli anberaumt worden. An demselben Tage werden auch die neuernannten Minister sich der Neuwahl unterziehen. Das Fünkchen, welches der serbisch-bulgarische Conflict repräsentirt, wird glücklicher Weise weder die Balkanhalbinsel und noch weniger ganz Europa in Brand setzen. Die Großmächte haben den Streitenden ihre guten Dienste zur Vermittelung angeboten, die von Serbien bereits dankend acceptirt worden ist, und so dürfte sich dieser ©turnt im Glase Wasser wieder ohne weitere Folgen legen, zumal die Nachrichten über die Mobilisirung der serbischen Armee und über die Concentrirung bulgarischer Truppen an der serbischen Grenze sich jetzt als erfunden Herausstellen. Mit dem Falle von Berber ist die Sudan-Rebellion um eine neue Etappe nach dem eigentlichen Egypten hin vorgerückt. Wadi-Halfa, Korosko, Assuan, die drei hauptsächlichsten Garnisonen. Ober-Egyptens, sind nunmehr von den siegreichen Heerschaaren des Mahdi fast direct bedroht, denn zwischen ihnen und den siegreichen Belagerern von Berber befindet sich nur noch das schlecht befestigte Dongola, gegen welches ebenfalls 35,000 Araber im Anmarsch sind. Die egyptische Regierung ist gesonnen, alle disponiblen Truppen nach Ober-Egypten zu dirigiren.__ Berlin, 18. Juni. Der „Reichs-Anz." veröffentlicht in Betreff des Staatsrathes folgende königliche Erlasse: Nachdem Ich durch Meinen Erlaß an das Staatsministerimn vom 20. April d. Js. die Wiedereinberufung des Staatsrathes besohlen habe, will Ich Ew. Kaiserliche und Königliche Hoheit und Liebden hierdurch zum Präsidenten der gedachten Körperschaft ernennen. Die Ihnen in dieser Eigenschaft zukommenden Befugnisse und Obliegenheiten wollen Ew. Kaiser!, und Königl. Hoheit und Liebden aus dem beifolgenden Regulative, betr. die Verhandlungen des Staatsraths, ersehen, welches Ich mittelst des abschriftlich anliegenden Erlasses an das Staatsministerium vom heutigen Tage genehmigt habe. Zugleich benachrichtige Ich Ew. Kaiser!, und Königl. Hoheit und Liebden, daß Ich Meinen Reichs- LS Verwischte S. Groß- Gerau, 17. Juni. Bei der am Sonntag bier stattgehabteo Versammlung in Sachen des durch den Höhenrauch verursachten Schadens wurde beschlossen, daß von einer hierzu besonders bestimmten Commission eine Petition an den Reichstag ausgearbeitet und dieselbe an die Vertrauensmänner in allen Orten der Provinzen Starkenburg und Rheinhessen zum Zwecke der Ctrculation zur Massenunterschrift etn- gesendet werden soll. Mainz, 16. Juni. Vom Schwurgericht wurde die Wittwe Magaretbe Becker aus Zmnheim, 40 Jahre alt, welche emgestand, daß sie ihren Gatten Balthasar Bccker mit Schwefelsäure, in Branntwein gemischt, vergiftet, zu 5 Jahren Zuchthaus verur- thetlt. Der Mitangeklagte Taglöhner Johann Peter Held aus Stadecken, 23 Jahre alt, welcher der Verurtherlten bet dem Mordversuche geholfen haben sollte, wurde frei- gesprochen. Seligenstadt, 17. Juni. Während des Brandes, welcher unlängst in der Aufseher-Wohnung b-r h.sigen Stärkemehlfabrik in Abwesenheit des Aufsehers und dffsm Frau ausgebrochen war, schwang sich ein hiesiges Mädchen, Fräulein Salome Grel, Tochter des Schlossermetsters Franz Gtel, rasch entschlossen über die Fensterbrüstung und rettete noch im letzten Augenblicke die drei Kinder des Aufsehers, welche bereits dem Erstickungtztode nahe waren. In Anerklnnung dieser heroischen Thal überreichte der heldcnmüihigm Dame dieser Tage der Herr Verwalter des Etablissements ein kunstvolles schweres golbenks Kreuz. — Vor dem Schöffengericht in Bamberg stand dieser Tage ein siebzehnjähriges Fräulein, Emilie ***, unter der Anklage, Abends zwischen 8 und IOV2 Mr bet geöffneten Fenstern in fortgesetzter und die Nachbarschaft belästigender Weffe Klavier gespielt und sich dadurch pegen § 360, Z'ffer 11 des Strafgesetzbuches (derselbe lautet: „Mit Geldstrafe bis zu 500 Thalern oder mit Haft wird bestraft, wer ungebührlicher Weise ruhestörenden Lärm . . . verursacht") versündigt zu haben.^ Da der durch die Anklage behauptete Tbatbrstand nachgewtesen wurde, sprach das Schöffengericht Fräulein Emilie schuldig, der Ruhestörung und des groben Unfugs und erkannte auf die Strafe von 1 jUa und Tragung der sämMtl'chen Kosten. Heidelberg, 16. Juni. Die Anzahl der Studirenden an hiesiger Universität beträgt in diesem Sommersemester 956 und hat gegen die Frequenz im vorigen Sommer etwas adgenommen. Zum ersten Male seit Menschmgedmken wird diesmal auch b