Nr. ISS Freitag den 13. Juni 1884 Gießener Anzeiger Amts- md A«zeqebl«tt für den Kreis Gießen. 7. •*** «W mit btß »«ntoe». L« ÄÄ gPW®BSMBgSgg3ffigs»»«PE%g^^BaBE!!gE§g!9!EgMg!^»gmnMagmw!g!j^^ Amtlicher Hßeil. Gießen, den 11. Juni 1884. Betreffend: Anfrage der französischen Regierung über die gewerblichen Verhältnisse des Großherzogthums. Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises. Diejenigen, welche noch im Rückstand sind, erinnern wir an die alsbaldige Erledigung unseres Ausschreibens vom 9. v. Ms. in obigem Betreff, das im Gießener Anzeiger enthalten ist. Dr. Boekmann. * Gießen, den 11. Juni 1884. Betreffend: Die Bildung der für das Jahr 1884/85 nöthigen Weinsteuer-Einschätzungscommissionen. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des KretseS. Diejenigen, welche noch im Rückstand sind, erinnern wir an die alsbaldige Erledigung unseres im Gießener Anzeiger enthaltenen Ausschreibens vom 10. v. MtS. in obigem Betreff. _______________ Dr. Boekmann._______________________________________________ " Lehrer-Con fee enz des Conferenz-Bezirks Lich» Hungen: Mittwoch den 18. Juni, Vormittags 10 Uhr, in Lich. Gießen, den 10. Juni 1884. ............... Büchner, Kreisschulinspector. Dolieische Ueber-cht. Gießen, 12. Juni. Weit hin in allen deutschen Gauen hat man die erhebende Kunde von der glänzenden und würdigen Feier der Grundsteinlegung für das Reichstagsgebäude in Berlin vervommen und erfahren, wie in der kaiserlichen, bei der Feier vom Reichskanzler verlesenen und in den Grundstein gelegten Urkunde der Kaiser dem deutschen Volke verkündet, daß unter der begeisterten Hingabe der Nation und dem gegenseitigen Vertrauen der Bundessürsten das Reich in Macht und Glanz erstanden ist und die Pflege seiner Wohlfahrt in die eigene Hand genommen hat; daß, wie bisher bei der gemeinsamen Arbeit des BundesratheS und der Volksvertretung für die nationale Wohlfahrt, auch in dem neuen Reichstagsgebäude, dessen Grundstein gelegt worden ist, der Ordnung, der Freiheit, der Gerechtigkeit und Liebe für alle Volkskreise diese Arbeit im Reichstage gewidmet ist. Im gleichen Sinne und Geiste sprachen auch ihre Segenswünsche bei der feierlichen Grundsteinlegung und der Darreichung von Kelle, Mörtel und Hammer an den Kaiser Namens des BundesratheS der bayerische Bevollmächtigte Gras v. Lerchenfeld und Namens des Reichstages der Reichstagspräsident v. Levetzow aus und mit beredtem Munde fügte der Oberhofprediger Dr. Kögel dem Reichstagsbau den Segenswunsch zu, dem er die Ehre Gottes, die Liebe zu Kaiser und Reich und die Einigkeit von Deutschlands Fürsten und Stämmen nach drei Bibelsprüchen zu Grunde legte. Soll nun aber der Grundstein des bedeutsamen Reichstagsbaues ein dauernder Markstein im Herzen des deutschen Volkes werden, so gilt es, die Beklommenheit und Alltäglichkeit, aber auch die Kleinlichkeit und Haderlust, mit der unser öffentliches Leben nur zu oft durchtränkt ist, abzustreifen und sich zurückzuversetzen in die großen Tage, welche bereits vor 20 Jahren für Deutschlands politisches Glück begannen. Der Stein, der am 9. Ium 1884 als Symbol der deutschen Einheit und Kraft in den Grund gesenkt wurde, er wurde schon in's Rollen gebracht, als 1864 preußische Truppen die große dänische Zwingburg Düppel eroberten und der Welt verkündeten, daß auf deutschem Boden kein fremder Fürst mehr herrschen könne. Dann stockte die Weiterführung des Steines der Einheit an dem unglückseligen Dualismus Preußens und Oesterreichs im deutschen Bunde und leider gab es schließlich kein anderes Mittel, als die Auseinandersetzung durch das Schwert, die Preußen, den größten und mächtigsten deutschen Staat, in das natürliche Recht einsetzte, der führende Staat im neuen Bunde zu fein. Und wer noch daran zweifelte, daß der neue Bund und die neue deutsche Einigkeit unter Preußens Führung das Rechte, das Segensreiche für das deutsche Vaterland waren, der konnte semen Jrrthum erfahren, 1870/71, wo die unter Preußen geeinigten Stämme Abrechnung mit dem alten französischen Widersacher hielten, Alldeutschlands Unantastbarkeit aller Welt verkündeten, alte Stammländer dem neuen Reiche beifügten und dre stolze deutsche Kaiserkrone im helleren Glanze als je zuvor es der Fall war, wieder errichteten. Und der erhabene Träger der deutschen Kaiserkrone, er hat fern kaiserliches Wort von 1871 erfüllt, ein Schirmer und Mehrer des Reiches zu sein, nicht an kriegerischem Ruhm, sondern auf friedlichem Gebiete. Große Fortschritte hat Deutschlands innere Wohlfahrt seit 1871 gemacht und das deutsche Reich steht als von allen Staaten respectirtes Bollwerk des Friedens, als" ein Förderer der eigenen Wohlfahrt wie der gesammten Culturwelt da. Daran ma()iit der Grund- und Eckstein des Reichstagsgebäudes die deutsche Nation und ihre späteren Geschlechter! n _ , Unter dem Eindruck der nationalen Feier vorn 9. ^unr sind zwei Feierlichkeiten, die am Tage vorher am kaiserlichen Hofe stattgefunden haben, etwas zurückgetreten, die aber trotzdem nicht mit Stillschweigen übergangen werden können. Die erste derselben, die Investitur des Prinzen Heinrich von Preußen mit dem ihm vom König von Spanien verliehenen Orden des Goldenen Vließes, war zwar nur ein mehr ceremonieller Act, trotzdem legte er wieder Zeugniß von den ausgezeichneten Beziehungen ab, die zwischen Deutschland und Spanien fortdauernd obwalten und welche durch den vorjährigen Besuch des deutschen Kronprinzen in Madrid so günstig eingeleitet wurden. Die andere Feierlichkeit wmde durch den Empfang der Deputation der Transvaal-Republik durch den Kaiser gebildet. Die Abgesandten der südafrikanischen Boern - Republik sind nach Berlin gekommen, um mit dem deutschen Reiche einen Freundschaft^, und Handelsvertrag abzuschließen, und die freundliche Aufnahme, welche die Vertreter der töpfern Boers beim deutschen Kaiser und seinen Rathgebern gefunden haben, bürgt für den Erfolg ihrer langen und mühseligen Reise. Der überaus stürmische Charakter der Wahlbewegung in Ungarn hat sich jüngst wieder in bedenklichster Weise gezeigt. Aus Gyöngyoes, Szent Miklos, Gnessing und besonders aus Mindszent werden die schlimmsten Exceffe gemeldet. In letztgenanntem Orte, wo der liberale Candidat, Markgraf Pallavicini, seine Programmrede halten wollte, kam es zu einem regelrechten Feuergefecht zwischen den Gensd'armen und dem Pöbel, wobei es mehrere Todte und zahlreiche Verwundete gab. Man kann unter diesen Umständen dem am nächsten Freitag beginnenden Wahlacte nur mit den größten Besorgnissen entgegensehen. Nachdem sich die französische Deputirtenkammer drei volle Sitzungen hindurch mit der Verwaltung Korsikas beschäftigt, hat sie in dieser Woche ihre Aufmerksamkeit wieder nothwendigeren Dingen zugewendet. Die dreitägige Discussion über Korsika hat sich aus der bekannten Affaire oes Journalisten St. Eime unter viel Lärm und vielfach unangenehmen Zwischenfällen zu einer Kritik der gesammten Verwaltung Korsikas und zugleich zu einem concentrirten Angriffe aller demokratischen, ultraradikalen und monarchistischen Elemente der Kammer auf das Cabinet Ferry entwickelt. Letzteres ist aber aus diesem Rencontre mit vollständig heiler Haut hervorgegangen und die am Samstag mit einer Majorität von über 100 Stimmen erfolgte Annahme des von Ferry verlangten Uebergangs zur einfachen Tagesordnung ist ein neues Vertrauensvotum der Kammermehrheit für die Regierung. In der folgenden Montagssitzung verlas der Depulirte Dreyfuß den Bericht der Commission für die Verfaffungs-Revisions-Vorlage, welcher die Annahme derselben durch die Commission erklärt. Entgegen dem Commissions-Antrage beschloß jedoch oie Kammer, die Weiterberathung über diesen Gegenstand erst nach Erledigung des RekrutirungS-Gesetzes vorzunehmen. Nach mancherlei seltsamen Wendungen kann endlich das Schicksal der Londoner Conferenz als gesichert betrachtet werden. Die französisch-engli- schen Verhandlungen über die Vorfragen haben zu einem befriedigenden Abschluß geführt und erübrigt nur noch, den Termin für den Zusammentritt der Conferenz festzustellen. Die englische Regierung selbst scheint sich aber in einer ganz unnöthigen Geheimnißkrämerei zu gefallen, denn in der Montagssitzung des Oberhauses erklärte der Minister des Auswärtigen, Lord Granville, auf eine Anfrage, er könne noch keine bestimmten Mittheilungen über die Conseren; und die hiermit zusammenhängenden Fragen machen, hoffe aber, dies in nächster Woche tlmn zu können. Seine Herrlichkeit hätten gleich sagen können, daß es sich nur noch um die Zusammensetzung der internationalen Finanzcontrole handelt. Aehnliche unbestimmte Erklärungen, wie Granville im Oberhause, gab Gladstone am gleichen Tage im Unterhause ab. . Auf das von Serbien gestellte Ultimatum m Sachen des Conflictes mit Bulgarien ist am Montag die Antwort dec bulgarischen Regierung erfolgt. Dieselbe weist die serbischen Reklamationen als unbegründet Zurück, in Folge dessen die serbische Agentur in Sofia geschlossen worden ist und hat der serbische Agent am Dienstag Sofia verlassen. Die ossicielle Candidirung des Senators Blaine für den Präfi- -entenposten der Vereinigten Staaten Seitens der in Lhicago versammelt gewesenen republikanischen Convention stößt auf den heftigen Widerstand fast sämmtlicher republikanischen New-Aorker Blätter. Da der Nominirung Blaine's bedenkliche Spaltungen der republikanischen Partei vorangingen, so erscheint die Befürchtung der „New-Jork Times", daß die Republikaner bei der Prästdenten- wahl am 4. November d. Js. unterliegen würden, nicht unbegründet. Das Scheitern der Mission des englischen Admirals Hewett beim König von Abyssinien und der Fall von Berber find zwei neue Demüthigungen für die egyptische Politik Gladstone's. Welche Folgen namentlich die Einnahme von Berber durch die Aufständischen für die weiteren Ereignisse im Sudan haben wird, läßt sich zwar noch nicht übersehen, jedenfalls sind aber hierdurch die Verlegenheiten der englischen Regierung in Egypten wiederum vermehrt worden. —L Darmstadt, 11. Junt. [ßroette Kammer der Landstände.j Die zweite Kammer fuhr heule Morgen tn ihrer Berathung fort und ging man, nachdem die Interpellation deü Abg. Lautz, betr. die Verlegung des Knotenpunktes der Hessischen LudwigSbahn-Stattou WlebelSbach-Heubach nach Groß Umstadt auf Wunsch des Jnter- pellanten vertagt worden war, zur Besprechung der Interpellation des Abgeordneten Maurer bezüglich des Gesuchs der Gemeinden Arhellgen und Wixhausen, die Haltestelle der Mam-Neckar-Etsenbahn betr., über. AuS der Antwort der Großherzoglichm Regierung, bte durch Se. Exc. Ministerpräsident Schlciermacher gegeben wurde, geht hervor, daß außer den Gemeinden Arhellgen und Wixhausen auch noch die Gemeinde Erzhausen um die Errichtung einer besonderen Haltestelle etngekommen ist. Die Regierung kann sich nun, nach Anhörung der Directton der Main-Neckar Bahn, diesen Gesuchen mit Rücksicht auf die Größe der entstehenden Kosten nicht anschl eßen, nimmt aber en. eine Vergrößerung der Station Arhellgen in Aussicht und wird tm Uebrigen die Wünsche der Gemeinden vorläufig im Auge behalten. Die Interpellation des Abg. Stephan, das Verfahren bei Ermittlung des Reingewinnes aus Grund und Boden zum Zweck der Heranziehung zur Einkommensteuer betreffend, wurde durch die Beantwortung Seitens der Großhcrzogl. Regierung ebenfalls in günstigem Sinne erledigt Man schritt hierauf zur Berathung über die Recommunication der 1. Kammer bezüglich der Vorlage Grotzh. MinfftertumS der Finanzen, den Gesetzesentwurf, die Herstellung mehrerer Nebenbahnen betr., und wurden dem Ausschußantrag entsprechend die Summen, wie sie von der 1. Kammer bewilligt worden waren, ohne Debatte einstimmig angenommen. DaS Gesuch des Stadtvorstands zu Alsfeld um Uebernahme der Schwalmbrücke durch den Staat, wurde gemäß dem AuSschußantrag für erledigt erklär^ nachdem die Negierung die Erklärung abgegeben hatte, die Brücke vom Beginn der nächsten Ftnanzperiode an in die Unterhaltung deS Staates zu übernehmen, wenn dieselbe vorher durch die Stadt AlSfcld tn einen vollständig ordnungsgemäß.n Zustand gebracht werden würde. Bezüglich der Recommunication der 1. Kammer über die Vorlage Großherzogl. Ministeriums dcr Finanzen, den Gesetzesentwurf, die E bschasis- und Schenkungssteuer betr., beharrte die zweite Kammer tn den wesentlichsten Punkten auf ihren früheren Beschlüssen, trotz der Bitte der Negierung, man wöge doch durch daS starre Festhalten an einzelnen, wenn auch richtigen Punkten nicht das ganze Gesetz scheitern lassen. Es wird also der Beschluß der 1. Kammer, daß keinerlei Bezüge aus Famtliensttstungen der Steuer unterliegen sollten, obgelehnt. Ebenso werden die von dcr 1. Kammer beschlossenen Zusätze zu Arl. 6: „Bei der Nachfolge in Fidetcommtsse sind als DeScendenten Diejenigen zu betrachten, welche vomStifbr des FideicommrffeS abstammen", und ferner: „Vermächtnisse und Stiftungen zu wohllbätigen Zwecken sind von der Steuer befreit", fast einstimmig abgelehnt. Von Seiten der Regierung wurde dann folgende Erklärung abgegeben: „Obwohl der G sctzeSentwurf zwar nicht allen Wünschen b>r Regierung entspreche, so erkenne dieselbe doch diese zeitgemäße Neuerung des Entwurfs an und erkläre sich mit dem von der 2. Kammer beschlossenen Entwurf einverstanden. Bei dcr weiteren Recommunication der 1. Kammer über die Vorlage deS Großh. Ministeriums der Finanzen, die Gesetzesentwürfe: 1) die allgemeine Einkommensteuer, 2) d!e Einführung einer Kapttalrentensteuer, 3) die gleichmäßige Besteuerung der Gewerbe betreffend, beantragte die Mehrheit des Ausschusses, lediglich um ein Zustandekommen des Gesetzes zu ermöglichen, Beitritt zu den jenseitigen Beschlüssen, welche neulich hierorts schon gemeldet wurden. Nach längeren, lebhaften Debatten wurden die Ausschußanträge saft einstimmig angenommen, tm Wesentlichen also der Declarationszwang bei der Einkommensteuer fallen gelassen und die Scala in der Umänderung der 1. Kammer angenommen. Ein Antrag des Abgeordneten Wolf8kehl, den Termin der Jnkrafttretung des GewerdsteucrgeseheS auf den 1. April 1885 festzusctzen, wurde einstimmig angenommen. Nachdem noch die Abgeordneten Dittmar und Han st ein wieder zu Mitgliedern des 4. Ausschusses ernannt worden waren, vertagt der Präsident die Kammer bis Freitag den 13. Juni. Telegraphische Depescherr. Wolff'A telegr. EorresporrÄenz-Brrrsau» Berlin, 11- Junt. Se. Majestät der Kaiser nahm beute zahlreiche Vortrüge und militärische Meldungen entgegen und ertheilte dem türkischen Brigade-General und Ober-Stallmeister deS Sultans, Hobe Pascha, sowie dem Commandeur des 1. Brandenburgischen Ulanenregiments (Kaiser Alexander II. von Rußland) Nr. 3, Oberstlieutenant v. Treskow, welcher sich zur Vermählung deS Großfürsten Sergiu« mit der Prinzessin Elisabeth von Hessen noch Petersburg begibt, Audienz. Um 1 Uhr Nachmittags con- ferirte Se. Maj. mit dem Fürsten Reichskanzler. — Die Abreise des Kaiser« nach Ems ist nach den nunmehr getroffenen Dispositionen auf Freitag den 13. d. M, Abends, festgesetzt. — Die Commission für die Vorberathung der von den Abgeordneten Munckel und Lenzmann gestellten Anträge wegen Wiederemführung der Berufungsinstanz für Strafsachm hat die Generaldiskvssion erledigt. Der Staatösecretär Schelling gab hierbei die Erklärung gab, daß die Negierung der Frage keineswegs völlig ablehnend gegenüberstehe; der preußische Justizmintster werde der Frage seine volle Aufmerksamkttt zuwenden, falls der Reichsiaq durch sein Votum daS Verlangen nach Wiedereinfüdruna der Berufung feststellen sollte. B — Die Commission für die Vorberathung des Actiengesetzcs beendete heute die 2. Lesung und faßte hierbei den von der 1. Lesung abweichenden Beschluß, daß die Regreßansprüche gegen den Vorstand oder den Aufsichtsrath einer 5jährigen Verjährung unterliegen und daß der Antheil, mit welchem persönlich haftende Gesellschaften be- tdeiltgt sein müssen, für den 3 Millionen übersteigenden Betrag von V20 auf y50 herabgesetzt wird. — Die Commission für daS Uufallversicherungsgesttz hat bin von dem Abg. v. Hertltng aufgestellten Bericht genehmigt- Die Plenarberathung über diesen Gesetzes- Entwurf soll SamStag beginnen. Berlin, 11. Juni Für die heutige Sitzung de« Reichstages stand der von dem Abgeordneten Wtndihorst wegen Aufhebung des Expatrtirungsgesetzes gestellte Antrag als erster Gegenstand auf der Tagesordnung. Bei der Begründung seines Antrags hob der Abgeordnete Windhorst hervor, daß die bereits früher von dem Reichstage beschlossene Aushebung des GesitzeS nur an dem Widerspruch des Bundes- rathes gescheitert sei. Der Abgeordnete Hobrecht sprach gegen den Antrag, der nur die Bedeutung einer Demonstration gegen den Bundesratb habe; er fügte hinzu, daß sich über die Abänderung des Gesetzes reden lassen werde. Die Abgeordneten 0. Minnigerode Langwerth von Simmern und Jagdzcwski sprachen für den Antrag. Dem letztgenannten Redner gegenüber bemerke der StaatSsecretär von Bötticher, daß in dcr Diöcese Culm zahlreiche Dtöpense crthetlt seien und daß dies in einem noch größeren Umfange geschehen wäre, wenn die Bischöfe die Personalverhältnisse der Gttstlichcn genauer angegeben hätten; die Erzd'.öcese Posen-Gnesen werde mit dem gleichen Maße, wie b‘f andern Diöcesen gemessen- Der Abgeordnete Richter (Hagen) trat für den Antrag ein und erging sich hierbet in Angriffen gegen den Standpunkt der Nationalltberalen, welche der Abgeordnete Hobrecht zurückwies. Der Abgeordnete Schröder (Lippstadt) äußerte sein Bedauern, daß der Reichskanzler die kirchenpoltttsche Frage fortgesetzt diplomatisch behandle. Nachdem sich der Abgeordnete Richter nochmals gegen bte Nationalltberalen gewandt hat, wurde die erste Lesung geschlossen. — Bei der zweiten Lesung befürwortet der Abgeordnete Reichenfperger den Antrag. Der Paragraph 1 wurde zunächst In namentlicher Abstimmung mit 217 gegen 40 Stimmen und demnächst auch der übrige Thetl des Antrags angenommen. — Es folgte die Berathung über den Antrag des Abgeordneten Ackermann, betreffend die Einrichtung von Gewerbekammern. Dcr Abgeordnete von Kleist-Retzow empfahl den Antrag, indem er aus ähnliche bewährte Institute für die Großindustrie, den Handel und die Landwirthschaft hinwieS. Der Abgeordnete Richter (Hagen) sprach gegen den Antrag; die Gewerbetreibenden würden bei einer freien Vercinsthättgkeit ihre Interessen besser wahren, als dies bet einer amtlichen Zwangsorgantsation geschehen könne. Von dem Staatö- secretär von Bötticher wurde die Erklärung abgegeben, daß die Regierung dem Anträge sympathisch gegenüberftehe; bte Vorarbeiten für einen berartigen Gesetzentwurf feien in Preußen bereits sehr wett gediehen, ob auch die Ausdehnung aus daS Reich möglich sein werde, sei zur Zett jedoch noch nicht zu übersehen. Der Abgeordnete Ackermann zog hierauf seinen Antrag zurück, der Abgeordnete Richter (Hagen) nahm denselben jedoch wieder auf. — Das Haus vertagte sich nun bi« Freitag. — Der Reichsanzeiger oeröffentltcht das Gesetz gegen den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch von Sprengstoffen. Karlsruhe, 11. Juni. Zweite Kammer. Staatsminister Turban zeigte, in Beantwortung der gestrigen Anfrage über die Stellung der Negierung zu der Frage der Abänderung des Nahrungsmittelgesetzes, schriftlich an, daß der Regierung keine Mittheilungen über die Ergebnisse der Berathungen der Sachverständigen-Commission vorlägen, ihr auch nichts von den Vorschlägen derselben an ben Vundesrath bekannt sei. Sie sei deshalb nicht in die Lage gekommen, über ihre Stellungnahme im Bundesrathe zu dieser Frage schlüssig zu werden und der Staatsminister sei außer Stande, die gestrige Interpellation zu beantworten. Wien, 11. Juni. Der ehemalige General-Adjutant des Kaisers, Graf Grünne, erlitt gestern in Baden-Baden einen Schlaganfall, welcher eine Lähmung der linken Körperhälste zur Folge hatte. Der Zustand des Patienten flößt bei dem hohen Alter desselben Besorgnisse ein. Agram, 11. Juni. Im kroatischen Landtage erklärte der Abg. Star- cevic, die Gerüchte über eine von ihm geleistete Abbitte beruhten auf Erfindung; er habe Niemand Etwas abzubitten, da er nur die Wahrheit gesagt habe. Der Präsident entzog ihm schließlich das Wort. Petersburg, 11. Juni. Auf Grund des Preßgesetzes ist der Einzelverkauf der in Moskau erscheinenden „Nußkija Webomosti" von dem Minister des Innern untersagt worden. — Die Univerfitüts - Statutssrage ist gestern in dem Reichsrathe zur Sprache gekommen und dürfte in allen Hauptfragen bestätigt sein. — Die „Nowosti" melden als Gerücht, daß die Einführung einer drei- procentigen Steuer vom Reingewinne industrieller und comtnercieller Unternehmungen vom Reichsrathe als noch nicht zeitgemäß abgelehnt sei; angenommen sei derjenige Theil des Gesetzentwurfs des Finanzministers, welcher die Docu- inente für den Handelsbetrieb betrifft. Konstantinopel, 11. Juni. (Telegramm des „Reuter'schen Bureaus.") Die Pforte lehnt es ab, die Conferenz zu beschicken, sofern nicht die ganze egyptische Frage auf derselben berathen werde oder sofern nicht vorher ein' Einvernehmen über die egyptische Frage zwischen England und der Türkei erfolge. Lokale-. Meßen, 11. Juni. Das heutige Jahresfest des „Oberhessischen Vereins für innere Mission" fand unter außergewöhnlicher Theilnahme nicht nur von Geistlichen, sondern auch von Gemetndegltedern der Stadt und des Landes statt. Die Hauptanziehungskraft übte wohl die packende Feftpredigt and, mit der Vormittags 10 Uhr nach ttner sauberen Liturgie Herr Generalsuperintendent Dr. W. Baur von Coblenz, ein alter Hesse, seine Hessen und Nassauer zur Mitarbeit an der Inneren Mission weitherzig, gründlich, energisch und geweiht durch Matth. 9,35.38 aufrief. — Der darauf folgende Jahresbericht, vom Schriftführer, Pfarrer Schlosser von Gi-ßen, vorgetragen, stellte daS stille unscheinbare und doch anregende Fortgehen der Vereinsarbeit dar, der neben manchen Pfennigsparkaffen tn der Provinz besonders daS Nauheimer Ktnberhokpital und besonders die Herberge zur Hetmath tn Gtlßcn den Anstoß und Förderung verdanken. Das Nauheimer Spital hat in seiner jetzigen Erweiterung 169 skrophulöfe Kmder durch 4 Schwestern kürzer oder länger verpflegen können, freilich auch eine Schuldenlast von 20 000 JL zu tragen und sich auf weitere Bergtößerurigen zur Befriedigung des Bedürfnisses vorzuberetten. Die Herberge zur Hcimath in Gießen hat erfreulicherweise unter einem tüchtigen Verwalter bet wachsendem Besuch (1883 insgesammt 11496 Nächte) sich ehrenhaft durchbringen können, bedarf aber mit ihrer ztnSpfltchtigen Schuld von 41000 JL nach rote vor sehr der wohtthätigen Theilnahme, um ihren pecuniär nicht rentablen Beruf an den hetmath- lofen Wanderburschen tn Barmherzigkett ausrichten zu können. Die Bedeutung der Herbergen zur Hetmath tn unserem Lande ist überdies durch die in Aussicht stehende Arbeitercoloni« tn ein neues Stadium getreten, denn nur in dcr Verbindung mit tüchtigen NaturoerpflcgungSstationen kann auch die Arbeitercolonte gedeihsn. An den allgemeinen Jahresbericht knüpfte sich noch eine kürzere Schilderung der Agententhätigkett, welche der Reifeprediger für Innere Mission tn Hessen, Pfarrer Deggau von Darmstadt, gab. Derselbe hat in Oberhffsen während des v rflossenen Veretnsjahres über 20 Male an 15 Otten hauptsächlich für „Gemeindepflege" (Klein- klnder-, Armen- und Krankenpflege) und für „Jugendfürsorge" Vorträge gehalten und Anregungen zu allgemeinen und lokalen Unternehmungen gegeben. Darauf folgte der sehr ausführliche und ftosfreiche Vortroa von dem Leiter deS Darmstädter Diaconissenbauses, Pfarrer Werner, über „Die Gemetndedtokonte und die Gewinnung von Kräften für dieselbe". Aus dem überreichen Inhalt, an den sich nur chic kurze Besprechung schloß, trat das große Bedürfniß städtischer und ländlicher Gemeinden nach geordneter „Gemeindepflege" hervor, dem die Dioconissenhäuser nur sedr dürftig genügen können, weil ihnen nicht genug Dtaconiffen zugeführt werden. Um letztere zu vermehren, könnten und sollten Eltern, Lehrer und Geistliche wider herrschende Vorutthcile die Freude an diesem herrlichen Berufe mehr in die Tochter pflanzen; und wo kein völliger Eintritt in ein Diaconissenhaus zu erreichen ist, da wird wentgftens zu einem Kurs in der Krankenpflege für freier bleibende Pflegerinnen den Gemeinden, welche solche auS- bilden und anstellen wollen, vom Mutterhaus Gelegenheit gegeben. Möchte diese wichtige Anregung beachtet werden! Bei der nun folgenden Vorsiandswahl wurde der alte Vorstand durch Accla- mation wieder gewählt und demselben die Ermächtigung zur Kooptation eriheilt. Mit einem schlichten, aber rederetchen Mahle tm „Einhorn" schloß das bt- Bermischtes. ~ Das deutsche Kanonenboot „Hyäne" besuchte, wie der „Reichsbote" der „Austral. Ztg." entnimmt, am 19. Februar den nördlichen Theil Neu-J.lond6, einer Insel bei Neu-Gutnea, als dem Capitän Herrn Gießler gemeldet wurde, daß b4^ 3970 Redaction: A- Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Hoflieferant, Heinrich Steul II. von Bettenhausen Robert Haas Scltersweg 59. Der Rentmeister. Schmidt. I. Ä-: Widekind. Fürstliche Rentei Lich. Kreiling. pr. Pfund. 35 Pfg. «K. Wilh. Wehlig Der Eisenbahnbaumeiftcr. Ttegmayer. Hais, im früheren Heichelheim'schen Laden. Hochachtungsvoll lolhenumt Bekanntmachung. Die aus Dienstag den 17. Juni l. I. anberaumte Versteigerung des Heugrases von den Fürstlichen Wiesen, in den Gemarkungen Mühlsachsen, Ober- und Riederbesfingen, wird nicht an diesem Tage, sondern Donnerstag den 19. Ium, Vormittags präcis 8 Uhr, abgehalten. Zusammenkunft: Mühlsachsen. Lich, am 11. Juni 1884. Bekanntmachung. Das diesjährige HeugraS in den Freiherrlich von Nordeck zur Rabenau'schen Wiesen und Gärten soll Donnerstag den 19. Juni er. in Abtheilungen an Ort und Stelle versteigert werden, nämlich: a. Vormittags 10 Uhr von 15 Morgen in der Gemarkung Alten- Buseck und b. Nachmittags 1 Uhr von 2Vr Morgen in der Gemarkung Trohe. Rabenau, den 11. Juni 1884. Die Lieferung der für den Umbau des Bahnhofes Gießen erforderlichen Packlagefteine soll an einen geeigneten Unternehmer vergeben werden. Nähere Auskunst über die Lieferungsbedingungen ertheilt der Ingenieur Find eis en in Gießen. Offerten sind an die unterzeichnete Bauinspektion einzusenden. Marburg, am 10. Juni 1884. Königliche Eisenbahn-Bauinspektion. bringt ihre Spezialitäten Gebr. Java-Kaffee’s in empfehlende Erinnerung. Alleinige Niederlage in Giessen bei Allen Freunden und Bekannten hiermit die schmerzliche Nachricht, daß es dem Allmächtigen gefallen hat, unseren innigstgeliebten unvergeßlichen Gatten und Vater Mechamlus Christian Jung in ein besseres Jenseits nach langem schwerem Leiden zu sich zu nehmen. Gießen, den 12. Juni 1884. Die tieftrauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet Freitag Nachmittag 3 Uhr vom Sterbe- Berlin, ) flegr. 1831. Bekanntmachung. In dem Concurse über das Vermögen des Kaufmanns Carl Lange zu Gießen ist Schlußtermin auf Freitag den 4. Juli 1884, Vormittags 9 Uhr bestimmt. Gießen, den 9. Juni 1884. Neidhart, Gerichtsschreiber Großherzoglichen Unter günstigen Bedingungen ist ein fast neues Wohnhaus in der Westanlage zu verkaufen durch 3520 I. Blitz. Oaflfee rohen und gebrannten in größter Auswahl empfiehlt in guten Qualitäten zu billigen Preisen MerMifchte Auzeigm. 4018 Ein Kindermädchen auf sofort gesucht. Frau Anna Kleinhenu, Kreuzplatz 1. Ein wahrer Schatz für die unglücklichen Opfer der Selbst- befleckuug (Onanie) und geheimen Ausschweifungen ist das berühmte Werk: Dr.Btetau’s Selbst- he wahrem gf. 80. Sufi. Mit 27 Abbild. Preis 3 Lese es Jeder, der an den schreck« lichen Folgen dieses Lasters leidet, seine aufrichtigen Belehrungen retten jährlich Tausende vom sichern Todr. 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Wagenklasse zu ermäßigten Fahrpreisen für die Tour Gießen-Fulda- Elm-Gelnhausen -Gießen und umgekehrt ausgegeben. 4010 Die Tarifbestimmungen können bei den Billetexpeditionen erfahren werden- Gießen, den 10. Juni 1884. Großherzogliche Direktion. WerheUche WOchnen. Die Herstellung der Fundamentirung für eine Brückenwaage auf Station Lich soll durch Submission vergeben werden. Die Bedingungen und Zeichnungen können auf der Station Lich eingeseheu werden. Angebote sind an den Unterzeichneten, verschlossen und mit entsprechender Aufschrift versehen, bis zum 18. Juni, Abends 5 Uhr, einzusenden. Gießen, den 11. Juni 1884. AeWeVstenes. Ein Wohnhaus mit Stallungen und großem Garten, am Wiesecker Weg gelegen, ist zu dem festen Preis von Mk. 12000.— mit wenig Anzahlung zu verkaufen durch 3746 I. Blitz. 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