165. Jahrgang Zweites Blatt Nr. 2 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Lanv-- und forsLwirts^astlitde verusrgenossenjchast Deuticbc Kolonien Redaktion, Expedition und Druckerei: Srbul- ftroBe 7. Expedition und Verlag: e=g^cl. Redaknon:^M112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen. Die „Siehener Zamiliendlätter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. Di«, „Landwirtschaftlichen 5eit- fragen" erscheinen monatlich zweimal. Freitag, 3. Januar 1913 Rotationsdruck und Verlag der Vr ü bl'schen Universiläls - Buch- und Sieindruckerei. R. Lange, Gießen. Die böse Presse schlägt kräftig zu Und zeigt sick immer dolyser — C hätten wir lieber doch in Ruh Gelassen den braven Moser! Der Kladderadatsch wollte die Bearbeitung der Presse durch Kiderlen-Wächter geißeln. Ein Zeichner des Wochenblattes läßt einen württembergischen Plesiosaurus uns dem Schiefer hervorsteigen, der sich beim nahenden Ende des Jahrhunderts einmal die moderne Welt ansehen will. Das Tier fühlt sich von -den Gewohnheiten der neuzeitlichen Reptile nicht sehr erbaut und sieht mit Verwunderung, W Herr v. Kiderlen-Wächter, auf einem modernen Reptrl reitend, einen Leitartikel schreibt: Moser weg! N.cht minder boshaft ist eine Darstellung einer ganzen Reihe von „Reptilen", darunter heute noch sehr gelesener Zeitungen, die aus der Preßlrippe fressen, in die Herr v. Kiderlen-Wächter die offiziöse Preßtinte eimerweise schüttet. Das Scherzgepkänkel endete sehr ernst. Der damals in Vertretung des Redakteurs Trojan den Kladderadatsch verantwortlich zeichnende Herr W. Polstorff wurde von Herrn Kiderlen-Wächter zum Duell gefordert. Der Zwei- ~ " Polstorff erhielt einen ** For st Personalien. Der Groß Herzog hat dem Oberförster der Oberförsterei Lörzenbach, Dr. Jak. Weber zu Lörzenbach, den Charakter als Forstmeister verliehen. ** L a n d w. B e r u f s g e n o s s e n s ch a f t. Ernannt wurden der Sekretär der land- und forstwirtschaftlichen Berufsgcnossenschaft für Hessen W. Pieper zum General- ekretär der Berufsgenossenschaft und Haftpflichtversicherungsanstalt und der Assistent und Buchhalter K. Weis zum Sekretär und Abteilungsvorsteher. *♦ Jubiläums-Bereinigung ehem. 116er. Der geschäftsführende Ausschuß hielt am 30. Dezember eine Sitzung ab. Es wurden sämtliche einzelnen Arbeitsausschüsse gebildet und ihnen ihre Aufgaben zugewiesen. Besprochen wurde besonders die Einteilung des Festplatze?, die insofern Schwierigkeiten bereitet, als Teile des über die Kirschenallee hinausgelegenen Trieb mit Rücksicht auf die dort geplante Kaiserparade nicht benutzt werden können. Es wurde deshalb beschlossen, das gesamte Gebiet der Liebigshöhe mit einzubeziehen und dem Bauausschuß anheimgegeben, die drei zu erbauenden großen Festhallen möglichst in den Raum in der Nähe der Germania, den Juxplatz dagegen entfernt von ihnen, entlang der Kirschen- ailee, zu legen. Man war sich darüber einig, daß außer den großen Festzelteu Bierzelte mit einem Fassungsraum und Sitzgelegenheiten für mindestens 15 000 Personen auf- geschlagen werden müssen. Ter Wirtschaftsausschuß wurde beauftragt, in diesem Sinn mit den einzelnen Brauereien zu verhandeln. Für den Verein selbst soll eine Militär- lapelle für die drei Tage des Festes angenommen werden, neben der vielleicht noch eine weitere Militär- unb Zivilkapelle in Tätigkeit treten. Die Verhandlungen hierüber wurden dem Musik- und Bergnügungsausschuß übertragen. Bis zur nächsten Sitzung sollen die Einzelaus- schusse ihre Voranschläge vorlegen. Schon jetzt war aus dem Mitgcteilten ersichtlich, daß das Fest außerordentlich große Anforderungen an den vorbereitenden Ausschuß stellen wird. In der Einquartierungsfrage ist beabsichtigt, deinnächst gemeinsam mit dem Herrn Regimentskommandeur einen Aufruf an die Bürgerschaft Gießens um Zeichnung von Freiquartieren und Einqnartierungs- zuschüssen zu- veröffentlichen. Jrn Anschluß daran werden Zeichnungen durch die Bezirlsobmünner des Woh- nungsausschusses eingeholt werden. Die nächste Sitzung deS großen Festausschusses der Jub.-Bereinigung wurde aus den 8. Februar, vormittags 10 Uhr, bestimmt. Auf Anfragen wurde von dem Borsitzenden mitgeteilt, daß die kürzlich in verschiedenen Zeitungen erschienene Veröffentlichung, wonach das Fest Dom 13 —15. Juni stattfinde, unrichtig ist, daß vielmehr Seine Königliche Hoheit der Großherzog als Festtage die Zeit vom 7.-9. Juni bestimmt haben. ** Verhaftet wurde gestern abend ein Arbeiter von hier, der während der Feiertage P o st a u s Helferdienste getan und diese Gelegenheit benutzte, eine größere Anzahl von Briefen z u u n t e r s ch l a g c n. Er hat die Briefe geöffnet und die darin befindlichen Werte für sich verwendet. Landkreis Gießen. — Klein-Linden, 2. Ian. Der Gesangverein „Arion" hält seine Winterfeier am 26. Januar in der „Deutschen Eiche" bei Konzert, GesangSvorträgen, Theateranffnhrungen and Tanz ab. — Großen-Linden, 1. Ian. lieber die Einkommen der Ortsgerichtsmänner sind vielfach irrige Meinungen verbreitet. Es sei deshalb mitgeteilt, daß im Jahre 1912 jeder hiesige OrtsgerichtSmann an Gebühren 6 M ark ver- üent hat. = Lollar, 2 Ian. Im Jahre 1912 wurden in die mesigen StandesanltSregllter 68 Geburten (41 männliche'und 27 weibliche), 30 Stcrbefälle und 16 Eheschließungen eingetragen. ' © Lich, 3. Jan. Blühende Veilchen zu Weihnachten und Neujahr dürften wohl eine außergewöhnliche Seltenheit sein. Ein hiesiger Landwirt pflückte gestern ein kleines Sträußchen an einer besonders geschützten Stelle unter einer Hecke. io(d)e von 200 Mk. Nachweisen. Bon diesen Beträgen sind 400 Mk. von Europäern und 150 Mk. von Farbigen bei de Linie zu hinterlegen, um als Deckung der Rückfahrkosten zu dienen, falls die Behörde die Landung nicht gestatte: oder die Heimsendung anordnet. Tie Rückzahlung tau. nur erfolgen, nachdem das Gouvernement seine Zustim mung erteilt hat. Diese Bestimmungen finden and) An Wendung auf solche Personen, mit Ausnahme von Ehe Tauen und Kindern, deren Angehörige in Ostafrika ansässig sind. Bestimmungen für Einwanderer in die Kolonien. Um den Zuzug Mittelloser nach den Schutzgebieten zu verhindern, wird vorn 1. Januar ab von jedem Einwanderer, der ohne sichere Lebensstellung nach Sud- westafrika reist, die Hinterlegung von 300 Mk verlangt: ohne dies erhält der Reisende kemen Fahrschein. Der Betrag wird bei der Landung von den Agenturen der Dampferlinie zurückerstattet, wenn die Behörden damit einverstanden sind. Für O st a f r i t a ist die Regelung fvl aende: die Europäer müssen, wenn sie keine feste Anstellung haben, eine Barschaft von 600, die Farbigen eine Giehener Anzeiger General-Anzeiger für Gberhefien für h sien. Darmstadt, 30. Dez. Die Genossenschaftsversammlung fand ant Sonntag hier unter dein Vorsitz des Geh. Regierungsrats Bich mann 'tatt. Anwesend waren Obermedizinalrat Dr. Balser, di. Geh. Oberforsträte Dr. Walther und Dr. Grünewald sowie Finanzamtinann Hesse, f ent er die bisher von den Kreistagen gewählten Mitglieder aus den 18 Kreisen. Die von dem Vorsitzenden für 1911 erstatteten und im Druck erschienenen Geschäftsberichte der Berufsgenossenschaft und der dieser angegliederten Haftpslichtversich rungsaustalt lassen eine erhebliche Steigerung des Geschäftsnrnfanges erkennen. Die Zahl der angemeldeten Betriebsunfälle betrug 3229. llebernommen wurden aus dem Vorjahre 1509 Unfälle, so daß insgesamt 4738 Unfälle neu zu bearbeiten waren. An Entschädigungen für Renten an Verletzte, Kosten des -Heilverfahrens wurden 1 Oll 450 Mk. bezahlt und 4571 Rentenbescheide erlassen. Die Summe der erstmalig im Rechnnngs- jahre gezahlten Entschädigungeii betrug 185 270 Mk. Die Mittel der Rücklage beziffern sich auf 1998031 Mk. Die Zahl der bearbeiteten Schriftstücke betrug 47115. Die Reichsversicherungsordnung verlangte die Aufstellung einer neuen Satzmtg und Dienstordnung. Ebenso machte die Abänderung des Gemeindeumlagegesetzes die Ermittlung eines neuen Maßstabes für die Beitragserhebung nötig. Das Landesversicherungsamt wurde mit dem 1. Oktober auf- g eh ob en, die Berufsgenossenschaft untersteht fortan ebenso wie die Landesversicherungsanstalt dem Rcichsversiche- rungsamt. Außer den für landw. Maschinen erlassenen Unfallverhütungsvorschriften sind für 1913 Vorschriften zur Verhütung von Unfällen für die landiv. Bau-, Vieh- und Fuhrwerkshaltung, ferner für landw. Geräte und Sprengmittel in Aussicht genommen. Die Anstellung eines Vertrauensarztes, die einer Forderung des Reichsv ersick>e- rungsamtes entspricht, wurde in der Person des Generaloberarztes Dr. Eichel beschlossen. Ebenso steht die Anstellung eines technischen Aufsichtsbeamten bevor, worauf das Reichsversicherungsamt ebenfalls dringt. Der Voranschlag schließt mit dem Betrage von 2 760 361 Mk. ab. Die Haft- pflichtversichierungsanstalt hatte im Berichtsjahre einen Zugang neuer Mitglieder zu verzeichnen. Ihre Zahl beträgt jetzt nahezu 11000 Personen. Das Vermögen beziffert sich auf rund 80000 Mk. Der Rückversicherungsverband, durch den Schäden über 5000 Mk. gemeinsam getragen werden, umfaßt die Haftpflichtversicherungsanstalten Her Ostpreußischen, Schlesisckwn, .Hessen-Nassauischen. Pommerschen und Brandenburgischen Berufsgenossenschaft, sowie der für das Fürstentum 'Reich j. L. Die Haftpflichtversicherungsanstalt des Provinzialverbandes Hannover wird demnächst in den Verband neu ausgenommen. Die Einnahmen und Ausgaben der hessischen Anstalt finb mit 24 600 Mk. eingestellt. Aus der weiteren Tagesordnung find die Beratungen des Entwurfs einer neuen Satzung, Aufstellung eines Gefahrentarifs und Neuaufstellung einer Dienstordnung hervorzuheben. Aus den Bestimmungen der ersteren möge erwähnt sein, daß entsprechend dem neuen Ausführungsgefetz die Genossenschaf tsberfammlung lünftighin aus je einem aus jedem Kreise zu wählenden und drei weiteren vom Ministerium der Finanzen ernannten stimmberechtigten Mit gliedern bestehen wird. Die Wahl der ersteren erfolgt provinzweise durch die Ausschüsse der Landwirtschaftskammer nach den Grundsätzen der Verhältniswahl au: Gruird einer von dem Ministerium des Innern zu erlassenden Wahlordnung. Ein weiterer Vertreter, den ebenfalls das Ministerium bestellt, wird aus der Zahl der selbständigen Handelsgärtner entnommen, insolange die landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft die Gärtnereibetriebe umfaßt. Neu find ferner die Besttmmungen, daß die Beiträge der Berufsaenossen nach dem Steuerwert der beitragspflichtigen Grundstücke, wie er für die Gemeinde- steuerveranlägung festgestellt wird, umgefegt werden und die Genossenfck-aftsversammlung für die der Genossenschaft zugehörigen Betriebe durch einen Gefahrentarif Gefahr- klassen nach dem Grade der Ungefähr zu bilden und danach die Höhe der Beiträge abzustufen hat. Der Vorstand fami gegen Unternehmer, die ihren satzungsmäßigen Pflichten zuwiderhandeln, auf Geldstrafen erkennen. Wichtig für die Betriebsunternehmer ist die Vorschrift, daß em Lohn- 1 nachweis, sowie die Aufstellung von Lohnlisten, aus denen : sich die Namen, die Art und Zeit der Befätzistigung sowie : her Entgelt der einzelnen Betriebsbeamten uird Facharbeiter für den einzelnen Tag ergeben, zu erfolgen hat, ■ von dem Vorstand künftighin verlangt werden wird. Bon i der neuen Dienstordnung, die den Besttminungen der Rcichs- l versicherungsorduung Rechnung trägt, ist zu sagen, daß die - Berufsgenossenschaft, abgesehen von den Beamten, die : bereits mit den Rechten imb Pflichten der hessischen Zivck- ' staatsbeamten angestellt sind, nunmehr die Fürsorge für alle Bediensteten nach Maßgabe der Besttminungen der Fürsorgekasse für die hessischen Gemeindebeamten selbst übernimmt. Bezüglich der Invaliden- und Angestellten Versicherung wird nach Maßgabe der gesetzlichen Bestimmungen Versicherungsfreiheit in Anspruch genommen. lieber den derzeitigen Stand des Antrags auf Errichtung eines Lehrstuhls für soziale Medizin an der Landes- nniversität und Erbauung eines Unfallkranken- Hauses in Gießen lag ein ausführliches schriftliches Referat des Vorsitzenden vor, in dem die zurzeit noch bestehenden Schwierigkeiten eingehend dargelegt sind. Es wird zu dieseni Gegenstand nach einer Erwiderung des Obermedizinalrates Dr. Balser, der den jederzeit wohlwollenden Standpunkt der Regierung zu der ganzen Frage kämpf sand im April 1894 statt. , , nicht lebensgefährlichen Schuß in die Lunge und mußte später auf die Festung Glatz. Er starb in, Jahre 1906. Die veischnngrseier für ttlderlen-wachtcr. Stuttgart, 2. Jan. Reichskanzler v. B e t h m a n n Hollweg ist heute mittag 11.50 Uhr in Begleitung zweier Herren hier eingetroffen. Die Leiche des Staatssekretärs wurde heute früh vom Sterbe- zimmer in der Wohnung feiner Schwester, der Freifrau v. Gemmingen-Guttenberg, in deren Salon verbracht und dort in einem einfachen schwarzen Holzsarg auf gebahrt. Er ist förmlich in Blumen eingehüllt, die in ungeheurer Menge im Trauerhause einlaufen. Bald nach zwei Uhr sanden sich die Trauergäste im Trauer- Hause ein. Der Reichskanzler legte int Austrage des Karscr- paares eine kostbare Blumengabe am Sarge nieder. Der Ober- hosprcdiger Dr. v. Kolb hielt eine kurze Andacht. Daraus wurde der Sarg auf die Straße getragen und im Leichenwagen geborgen. Alsbald setzte sich der Zug von der Friedrichstraße durch'die Bahnhofstraße zum Pragfriedhofe in Bewegung. Tas Musikkorps des 7. württembergischen Infanterie-Regiments Kaiser Friedrich, König von Preußen, Nr. 125, in dem der Verstorbene den F e l d z u g von 1 87 0/7 1 mitgemacht und dem er jahrzehntelang als Reserveoffizier angehört hatte^ spielte auf dem Wege Trauermärsche. Die Studentenschaft der Stuttgarter Technischen Hochschule und Vertreter der Tnh'no"r akademisclmi Ber- bindung Normania, bei der Herr v. Küurlen in ferner Student n- z ir aktiv war, schritten dem Leichenwagen ooraus, der nut kostbaren Blumengewinden und Palmen und prächtigen ^cksteifen mit Widmungen fast bedeckt war. Unmittelbar hinter dem Sarge schritt der Reichskanzler v. Bethmann Hollweg als Vertreter des Kaisers und der Kaiserin, begleitet von Frhrn. v. Palm, einem Verwandten des Verstorbenen. Daraus folgten die Vertreter der anderen Fürstlichkeiten, darunter der bayerische Ministerpräsident Frhr. v. Hertling im Namen des Prinzregenten Ludwig von Bayern und Graf von Abelmann als Vertreter des H'ürsten von Hohenzollern. Dann kamen die Vertreter der fremden Regierungen, die Staatssekretäre Krätke und Dr. Solf, das hiesige diplomatische Korps und die württembergischen Minister. Auf dem Pragfriedhose war König Wilhelm von Württemberg persönlich erschienen. In seiner Begleitung befanden sich die hier weilenden Herzöge des königlichen Hauses. Ter Sarg wurde in die Kapelle getragen. Unmittelbar hinter ihm folgten der König, der auf die Schwester des Verstorbenen, Freifrau von Gemmingen Guttenberg, zulchritt und ihr in herzlichen Worten sein Beileid aussprach. Tem König folgten die Herzöge, sodann der Reichskanzler mit feinem Adiutanten, beibc_bic Kränze des Kaisers und der Kaiserin tragend, die sie am Sarge niebedegten. Der Geistliche richtete sodann Worte des 4,ro)tc5 an die Angehörigen und schloß mit einem Gebet. Hieraus wurde der Sarg zum Grabe getragen, gefolgt von der Trauerversammlung, wie bei dem Einzug in die Kapelle. Oberhofprediger Prälat Tr. v. Kolb sprach am Grabe nochmals ein Gebet. Hieraus trat ber König als erster an bas Grab und watt einen Tannenzweig in bas Grab hinab. Es folgten die Herzöge, die Vertreter der fremden Fürstlichkeiten und die übrigen Herren des ^raucr- gefolges. Tic Trauerfeier, die mit einem Choral schloß, war um Uhr beendet. .... ._ Der Reiwskanzler hat heute nachmittag 5 Uhr dem Ministerpräsidenten Dr. v. Weizsäcker einen Besuch abgestattet. Zu Ehren des Reichskanzlers fand heute abend ein Abendessen beim König statt. Der Reichskanzler reifte abends um 9.17 Uhr in Begleitung des italienischen Botschafters Pansa nach Berlin ab. Geheimrat „Spätzle" und der Kladderadatsch. Herr v. Kiderlen-Wächter war im Auswärtigen Amt int Jahre 1893, wie schon erwähnt, als Vortragender Rat das Ziel scharfer Angriffe, die der Kladderadatsch gegen ihn und feine Tafelfrennde bei Borchardt eröffnete. Die Taselfrennde waren vor allem: Fürst Philipp zu Eulenburg und v. Holstein. Kiderlen erhielt den Spitznamen „Spätzle" nach' der württembergischen Eierspeise, die er so gerne aß. Diesen Dreien wurde nachgesagt, daß ihr emsiges Bestreben dahin ginge, anstelle des Herrn v. Moser ihren Freund Axel v. Varnbühler als württembergischen Bundesratsbcvollmächtigten nach Berlin zu bringen. Der Kladderadatsch adressierte ein Gedicht „an Herrn Geheimrat von Späkle", worin es hieß: 'Tu schüttelst Tein sonst so kluges Haupt Und sprichst zu Dir bcHoinnieit: „Die Sache, ist — wer Hütt' es geglaubt Nun doch ans Licht 'gekommen." Was wir gesponnen mit stillem Fleiß ' In treu verschwiegenem Bunde, Es liegt jetzt oor mir Schwarz am Weiß Und macht durch das Reich die Runde. -ervorhebt, schließlich ein Antrag ans der Mitte der Versammlung auf Vertagung angenommen. Zum Schluffe er- olgte die Mitteilung einer Verfügung des Ministeriums des Innern über die Wahlen der Genoffenfchaftsverfamm- 'ung und zum Genoffenschaftsvorstand. Hiernach geht die Amtsdaner der Mitglieder der ersteren mit dem 1. Januar ',n Ende, während die derzeitigen Mitglieder des Genossen- 'chaftSvorstandes noch bis zum 1. Septauber 1913 im Amt verbleiben. Alsdann hat auch hier eine Neuwahl nach den Grundsätzen der Verhältniswahl zu erfolgen. Ans Stadt nn- Land. Gie ' en, 3. Januar 1913. 3itm Kampf gegen die Schundliteratur. Vom Lande wird uns geschrieben: Wie energisch wird er geführt — und wie gering sind feine Erfolge auf dem Lande. Dem Städter stehen Verzeichnisse guter Bücher znr Verfügung. Er kann wenigstens das Gute wählen. Ganz anders ist es im Dorfe. Der Bauersmann greift am langen Winterabend auch gerne nach einem Buche. Doch was wird da gelesen? „Die Wetterhexe", „Der Schinderbannes", „Ter Räuberhanptmann Pikard Fetzer". Das sind ständige Gäste.' Sie wandern von einem Hans zum andern und gehen durchs ganze Dors. Wieviel Schund und Schmutz steckt darin, von aller Unwahrheit abgesehen. Welchen schädlichen Einfluß solche Bücher auf Geist und Gemüt ausüben, kann man sich denken. Gibt es denn gar nichts Besseres im Dorfe zu lesen? Doch! Da sind ja die Bibliotheken der Gemeinde und Schule. Wieviel schöne, echt volkstümliche Geschichten bieten sie! Gehr nur hin und fordert euch die Bücher, und ihr werdet sehen, daß sie euch mehr geben für Herz und Geist, als solch ein ellenlanger Schundroman. Gerade in unserer Landbevölkerung ruht die Volkskraft, und für sie ist das Beste gut genug. (?) Lich, 2. Jan. Zur Erinnerung cm die große und schwere Zeit vor 100 Jahren veranstaltete der Turnve rein gestern abend in der Turnhalle eine Abendnnterhaltung. Ein turnerisches Festspiel „Vater Jahns Ehrenschild", das 'Mit Verständnis gespielt und mit viel Beifall ausgenommen rvurde, versetzte in $ie Zeit, als Ludwig Jahn und sein Mitarbeiter Friedrich Friesen die große Erhebung deS Jahres 1813 auf den ersten deutschen Turnplätzen mit vorbereiten halfen. Eine Huldigung an Jahn und das deutsche Turnen «waren auch die sich an das Festspiel anschließenden leben- 'den Bilder, 311 denen Lehrerin Frl. Heller in formvollendetem Vortrag die verbindenden und erklärenden Worte sprach. An den ernsten Teil der Jahngedenkfeier schloß sich noch mancherlei Unterhaltiing an, so Gesangs- und Musikvorträge und turnerische Darbietungen, welch letzter unter Leitung des Turnwarts Fr. Schmidt in ihrer exakten Ausführung viel Beifall fanden. Kreis Friedberg. 3 Bad-Nauheim, 2. Jan. Am kommenden Sonntag wird hier unser Reichstagsabgeordneter Lanbgerichts- rat Strack-Gießen, in der Turnhalle über die politische Lage sprechen. Kreis Wetzlar. — Krofdorf, 2. Jan. Tas Gesamtergebnis der Vieh- und Schlachtungszählung vom 2. Dezember für die Bürgermeisterei Atzbach-Launsbach ist: Gehöfte 1868, solche mit Viehstand 1742, Haushaltungen mit Vieh 1764 und zwar 239 Pferde, 5629 Rinder, 417 Schafe, 3879 Schweine, 976 Ziegen, 22 011 Federvieh und 298 Bienenvölker. In 1635 Haushaltungen wurden geschlachtet: 2657 Schweine, 388 Ziegen, 4 Schafe und 1 Rind. Sport. — Fußball. Am Neuiahrcstaae trofen sich aus dem Sportplätze an der Hardt die ersten Mannschaften des Sportvereins ■von 1900 Gießen und des F. E. „G e r m a n r a" - S i e g e n. Das Spiel mar von Anfang bis zum Schluß äußerst schnell und sehr spannend. Tie Gäste drücken anfangs stark, da die hiesige Mannschaft noch nicht vollständig war. Nach und nach kommt Gießen etwas auf und das Spiel ist nunmehr gleichmäßig verteilt. Bei der Pause stehl das Spiel 2:1 Tore für Gießen. In der 2. Halbzeit zeigt der hiesige Sturm ein etwas besseres Spiel und kann bis zum Schluß weitere 6 Tore erzielen, während die Gaste nur einmal erfolgreich sind. Das Spiel wurde somit von der hie* si en Mannschaft mit 8:2 Toren gewonnen. Die 2. Schülermannschaft des Sportvereins von 19' 0 Gießen konnte den F. E. ,Gerinania*-Gießen nut 20:0 Toren schlagen. vermischter. * Französischer Pöbel. Aus Paris, 2. Januar, wird gemeldet: Am Schluß des gestern im Boulogne-Wäldchen stattgehabten Fußballwettkampfes zwischen den Vertretern der fran- -ölischen und der schottischen Vereine, bei dem die Schotten einen glänzenden Sieg errangen, wurde der Schiedsrichter, der Schotte Baxter, von den über die Niederlage der Franzosen wütenden Zuschauern in arger Werse beschimpft, mit Stöcken bedroht und mit Kies beworfen. Schutzleute und Gendarme mußten ein- schreiten, um Baxter vvr ernsteren Mißhandlungen zn schützen. Kleine Tagerchronik. Bei Birresborn in der Eifel geriet ein Weichenwärter, der einen Zug begleitete, unter diesen. Es wurden ihm beide Beine und Arme abgefahren. Der Tod trat bald ein. Der Verunglückte ist Vater von sieben Kindern. Eingesandt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Gießen, 1. Januar. Verehrte Redaktion! Verzeihen Sie, wenn ich Sie noch einmal Mit einer „Leichenrede" über die Filialsteuer, die ja für die Stadtverordneten-Versammlung durch ordnungsmäßigen Beschluß erledigt ist, belästige. Soweit es an mir liegt, verspreche ich Ihnen, daß es das letzte Mal ist. Gleich zur Hauptsache, zur S t e u e r f r a g e. Daß die Herren S. u. F. mit ihren etwa 25—30 Filialen in 15—20 hessischen Städten insgesamt schon eine ansehnliche Summe Steuern bezahlen, ist selbstredend. Bleiben wir aber bei den Gießener Verhältnissen. Bei 300000 Mark Umsatz schätzen die Herren sich selbst aus 400 Mark Staatssteuer ein. Das entspräche einem Reingewinn von nicht ganz 4 Proz. vom Umsatz. Sollte ein hessisches Finanzamt mit dieser Gewinnquote einverstanden sein, dann empfehle ich jetzt schon allen Lebens- mittelhändlern in Hessen, versteuert unter Berufung auf Schade u. Füllgrabe ruhig 4 P ro z. vom Umsatz — Ihr sollt schon sehen, wie den Finanzleuten die Augen aufgehen. Nun nochmals der Vergleich mit der Kolonialwaren-Großhandlung mit 600000 Mark Umsatz. Diese Firma liefert ihre Waren bis 150 .Kilometer von Gießen franko, gibt 1V2 Proz. Skonto bei Barzahlung (was allein den sechsfachen Betrag der nur gegen bar verkaufenden S. 11. F. an Steuerleistung dar- stelltt und bezahlt trotzdem: a) Staats st euer: 1. vom Geschäftseinkommen 1368,50 Mark, 2. vom GesckwftS-Anlagekapital 228,00 Mark Vermögenssteuer, Summa 1596,50 Mark. b) Gemeindesteuer: 1. 120 Proz. von 1368,50 Mart gleich 1642,10 Mark, 2. Gewerbesteuer 535,44 Mark, Summa 2177,54 Mark. Alles zusammen 3774,04 Mark. Die gegen meine letzte Zusammenstellung noch fehlenden 353,58 Mark sind Grundsteuern und Steuern von 183,50 Mark '9,*n^Tt.cjnn.n^mcn aus Privatkapital (davon Steuer ca. 2 Mark'. Berücksichtigt man außerdem noch, daß dieses Eugros-Geschäst beinahe für jeden einzelnen Artikel leiftungssähige Spezialkonkurrenz der kapitalsähigsten Firmen in Frankfurt, Kassel, Köln usw. auszuhalten hat, daß die Preise wie eigentlich noch nie gedrückt sind — und vergleicht dann seine dreifache Steuerleistung gegen S. u. F„ ein Blinder kann die teuerllche Bevorzugung der außerhalb Hessens vorhandenen Filialgeschäfte mit dem Stock fühlen. Ilm den Herren auch nur noch ben Scheingrund der Steuerleistung ihres Personals aus der Hand zu schlagen, sei bemerkt, daß gegen ihre angegebenen 15 000 Mark besagtes Engros-Geschäft 30000 M t. für Löhne und Gehälter ausgibt, die sämtlich in Hessen versteuert werden. Dabei arbeitet das Personal von S. u. F. täglich durchschnittlich 4 Stunden länger wie im Engros-Hause, also auch noch, sagen wir bescheiden — lleberleistung in die Taschen von S. u. F. >Die tatsächliche Arbeitszeit der jungen Leute in dm Filialgeschäften, namentlich die Arbeiten nach Geschäftsschluß, empfehlen wir den Arbeitervertretern zur Beachtung, die solche Geschäfte für eine „fortgeschrittene Form" im Wirt- chaftsleben halten.) Ich muß dabei bleiben: Die Steuerleistung der Filialbetriebe ist für den Umfang und Ertrag mehr wre bescheiden gegenüber einheimischen Firmen. Daran ändern alle Eingaben dieser Herren nichts. Mer selbst wenn sie so viel bezahlten wie einheimische Ge- cksäfte (es ist nicht der Fall), würde die Umsatzsteuer voll- tändig berechtig! sein. Wer 100 Geschäfte hat, muß ans sozialen und Reckstsgründen von jedem einen viel höheren Satz entrißen, wie der Mann mit einem Geschäft. Für letzteren gilt das Gleichnis „vom Scherftein der Witwe". Wer 100 000 Mk Einkommen hat, kann eher 30 000 Mk. Steuer vom Uebersckmß bezahlen, wie ein kleiner Mann von 2000 Mk. Einkommen, der 50 Mk. Steuer leisten muß. Für unersättliche Allesmack/er wären noch andere Sätze am Platze, als sie in Gießen beschlossen sind. Ich will dem Verspeisen der kleinen Leute durch großkapitalistische Haifische nicht untätig zusehen, gerade weil ich als Sozialdemokrat den Kampf f ü r die Kleinen, gegen das Großkapital nicht bloß theoretisch zn führen gedenke. Nun znm Nebensächlichen. Meine Blumenkohlkennt- nisse sind schwach, das erkenne ich gerne an. Mir mackste die Geschichte nur deshalb Spaß, weil der Käufer ein Bewunderer von S. u. F. „billigen Preisen", auf der Stelle gründlich tariert wurde; er glaubte eben, daß er einen ganz, besonders „billigen Fisch" gefangen hätte und war grausam enttäuscht, als ihm bewiesen wurde, daß er sich geirrt hatte. Mit den Zuckerpreisen habe ich mich geirrt (bitte er- gebenft um Entschuldigung) aber mir im — Datum. Die Schleuderei ist erfolgt nicht im Sommer 1912, wie ich aus dem Gedächtnisse schrieb, sondern im September 1911, als die Herren S. u. F. in Gießen einigen. Da mußte erst der GlorleusckMN der „Billigkeit" ums Haupt gewoben werden und da wurde mit Zucker in unverantwortlicher Weise geschleudert. Damit nickst mir bei den Linsen, „Ende der Saison" „Ankunft neuer Ware" usw. als Grund für den Preis angegeben wird, behaupte und beweise ich, daß Leute, die ein größeres Quantum haben wollten, mit einigen Pfund ab gespeist wurden. Man wollte recht v i eien Leuten zeigen, wie sie von der seitherigen Bezugsquelle übervorteilt seien und da waren — entgegen kaufmännischem Bestreben — viele kleine Portionen geeigneter wie wenige große. Das sind die sogenannten „Ka mpf pr ei se", mit denen beim Publikum der Glauben an die „besonders billige Bezugsquelle" 'hervorgerusen und gestärkt werden soll. Im kaufmännischen Leben nennt man eine solche Handlungsweise das Gegenteil von — sauber gewaschen. Deshalb meine Herren, den Mund nicht fo voll nehmen gegen die Handelskammer in Gießen, wenn sie wahrheitsgemäß solche Praxis geißelt. Ausnahmsweise will ich auch noch einige Worte über die Preisvergleichungen der Herren S. u. F. verlieren. Nali-ezu bei allen Artikeln spielt Qualität, Marke, Gehalt (wie 'Fett bei Seife) eine viel größer? Rolle als der Preisunter schied. Das ist aber nicht alles: wer z. B. kleinere Mengen lauft, bezahlt auch bei S. u. F. mehr, wie er aus den Angeboten ent nehmen kann: ich machte mir das Vergnügen und kaufte bei S. u. F. Mengen unter einem Pfund bei verschiedenen Waren. Das ergab Ausschläge bei 5 Artikeln (einer wurde zum Pfundpreise gegeben) von 6 10 - 10 10 - 33Vz"o. D" mnrfv i-h hm Herren feinen Vorwurf daraus: ich halte solche Aufschläge nicht für unreell, wer aber im Publikum zeitungsgläubig ist, kann annehmen, daß 1'1 Pfund Korinthen auch nur 12 Pfg. kostet, wenn das ganze Pfund mit 4 8 Pfg. angeboten wird. Ko stift es aber den Preis, den ich bezahlte, bann kann der kleinste Hinderwäldler des Kolonialwarenhandels reckst gerne so verkaufen wie S. u. F. Auch nehme ich meine Waren lieber Netto aewvgeu als in doppelt zu großen Düten Brutto. Darüber vielleicht noch an anderer Stelle mehr. Gerade für kleine Verbraucher sind S. u. F. „billige Preise" doch recht fraglich. Die Ansickst der Handelstantmer in Sachsen in Ehren, sie mögen das tun, ivas sie für richtig halten. Die Gießener Handelskammer ist aber kein Pavagei, der nachzusprechen bat, was in Sachsen vorgesprochen wird. Den Herren Filialgeschästs-Jn- haberu sängt es in Hessen an, ungemütlich zu werden, vielleicht verlegen sie ihre Tätigkeit nach. Plauen, Chemnitz, Zittau usw., die besten,Wünsche der hessischen Geschäftsleute würden sie bei der Uebersiedelung nach Sachsen begleiten. Es würde den Herren auch passen, wenn alle, die etwas vom Kvlonialwarenhandel verstehen, als „interessiert" in der Ecke Iteben würden: den Nichtbranchekundigen könnte man dann als Nichtswisser umso sicherer bekämpfen. Ich persönlich mache mir nichts aus den Vorwürfen, würde ich meine Interessen ver treten, so täte ich ja nichts anderes wie meine Widersacher: ich kann es aber ohne Hilfe von Staat und Gemeinde aushalten: aber schämen würde ich mich, wenn ich nickst in der Not meinen Heineren Kollegen zur Seite stände. Ich bin in meinem Leben jo oft gegen den Strom geschwommen, habe meiner Parteistellung wegen so manchen Boykott, so manche geschäftliche und noch schlimmere Zurücksetzungen ertragen: daß ich mir erlauben darf, auch für etwas einzutreten, was mir gerade keinen Schaden bringt. Noch eine Kleinigkeit: Warum schreiben die Herren S. u. F. in ihrer Filiale tu der Bahnhofstraße nicht, wie es das Gesetz vorschreibt, den Inhaber ihrer Firma an? Glauben sie wie bei der Steuer auch schon andere Privilegien in Hessen zu haben Für Gießen ist die Steuerfraqe erledigt. Ein „Einspruchsrecht" der Herren S. u. F. existiert nur in ihrer Einbildung. Die Stadtverwaltung ist n entani) Rechenschaft schuldig, wenn sie von einer gesetzlichen Einrichtung Gebrauch mackp, auch nicht, den sich anscheinend als ettvas ganz besonderes dlinkenden S. u. F. Den anberen Hessischen Städten aber sei Gießens Beispiel zur Nachahmung empfohlen. E. Krumm. Meteorologische Beobachtungen der Station Siehe» II* lä ~ ~ a. ?-£l Jam 1913 । Baromete auf Oe reduziert c