Nv. 83 Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags. Die „Gießener Zamillenblätter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen 8ei1- fragen" erscheinen monatlich zweimal. 163. Jahrgang Donnerstag, 10. April 1913 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul-- straße 7. Expedition unb Verlag: e^5L Redaktionr^KIIL. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen« Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Gberhesfen Mb. Deutscher Reichstag. '135. Sitzun g, M i ttwoch, den 9. April. Am Tische des Bundesrats: v. Heeringen, Kühn, Delbrück. Präsident Dr. Kacmpf eröffnet die Sitzung um 1 Uhr. Sie erste Lesung der wehrvarlagen. (Dritter Tag.) Abg. Dr. Doormaun (Vp.)t Eine kurze Nachlese! Sachlich und nüchtern, ohne Voreingenommenheit, aber auch rhne Enthusiasmus, werden wir die Vorlage in der Kommission prüfen. Der Reichskanzler hat ja weitgehende Aufklärung zugesagt. Wir erwarten dort die Bekanntgabe der tieferen Gründe. Wir wünschen nicht, daß die Sache verschleppt wird. Was geschehen muß, muß möglichst bald geschehen. Es ist weitaus die größte Vorlage, die uns je vorgelegt wurde. Es ist selbstverständlich, daß das deutsche Volk in der'Stunde der Not einig zusammensteht, um seine nationalen Güter zu wahren. Darum sollte man diese Selb st Verständlichkeit hier nicht immer in phrasenhafter Art wiederholen. (Lebh. Zustimmung links.) Das Parlament befindet sich einer Militärvorlage gegenüber immer in einer mißlichen Lage. Es fehlt uns an Sachverständigen unter den Abgeordneten. Denn wer ein warmes Herz fürs Heer hat, der ist noch nicht sachverständig. Es genügt nicht, daß man sagt: Mehr Soldaten sind besser als wenige! (Heiterkeit!) Darum werden wir in der Kommission sehr eingehende Informationen fordern. Es ist leicht, im Volke eine gewisse Erregung hcrvorzurufen, Gemütswcllen zu produzieren. Das hat aber keine dauernde Bedeutung. Dr. Müller hat gestern auf das gefährliche Treiben eines Aeils der konservativen Presse hingewiesen. Gegen sie hätte Herr v. Heeringen seine Verwahrung richten sollen. Der Kriegsminister gab zu, daß er vom Ballankrieg überrascht worden ist. Er sagte: Aber auch andere Leute, auch Abgeordnete, seien überrascht worden. Gewiß, aber wir haben auch nicht den kostspieligen Nachrichtenapparat zur Verfügung, wie die Behörben. Ein Glück für uns ist es, daß bei uns ein Ausbau der Dienstpflicht überhaupt noch möglich ist. Auch wir haben Bedenken, ob es möglich sein wird, die neuen Offiziers- und Unteroffiziersstellen zu besetzen. Die Besserstellung der Unteroffiziere sollte auch auf die Marine ausgedehnt werden. Entschiedenen Widerspruch erheben wir dagegen, daß die Fachoffiziere schlechter gestellt werden sollen. Eine falsche Ansicht ist es, als hätten wir ein unerschöpfliches Reservoir von Tauglichen, die man nur auszuheben braucht. 1911 wurden nur 10 000 Taugliche nicht eingestellt. Dazu kamen allerdings 85 000 künftig und bedingt Taugliche. Dreiviertel von ihnen werden nun ebenfalls dienen müssen. Solche bedingt tauglichen Leute sind dann im Ernstfälle das Futter für die Lazarette. Man soll nur Leute einstellen, die man mit gutem Gewiffen einstellen kann. Wir verlangen Rücksicht auf die bürgerlichen Verhältnisse. Nicht alles, ist gut im Heere. Wer vor Uebertrei- hungen soll man sich hüten. Bedenklich ist es, daß soviel Arbeitskräfte dem Lande entzogen werden. Der Zustrom ausländischer Arbeiter wird weiter wachsen. Der wirtschaftliche Körper Deutschlands wird die Entziehung sovieler Kräfte schwer empfinden. Wir werden in der Kommission nichts versäumen. Möge die erhöhte Friedens- ficherheit die schweren Opfer lohnen. (Beifall.) Generalleutnant Wandeli erwidert dem Vorredner, daß die erforderlichen neuen Rekruten ausgehoben werden können, ohne daß in den Anforderungen herabgegangen wird. Die Frage ist genau geprüft worden, und die Sicherheit ist gegeben. Es werden dieselben Anforderungen än das Rekrutcnmaterial gestellt, wie bisher. Auch 1893 konnten wir 60 000 Mann neu einstellen, ohne die Anforderungen herunterzusetzen. Nur in dec Körpergröße gingen wir herunter. (Rufe: Aha!) Von 1000 Mann wurden 256 ausgehoben. Nach derselben Berechnung würden wir 338 000 Mann ausheben können. Man würde also mit einem Plus von 73 700 Mann rechnen können, was über den jetzt ausghobenen Bedarf erheblich hinausgeht und über das, was die Vorlage verlangt. So aber wird die Höchstbelastung erheblich geringer sein. Die Franzosen stellen etwa 82 Proz. der Wehrpflichtigen ein, nur würden sie alles in allem auf 58 b i s 59 Prozent kommen. (Hört! Hört!) Auf die Frage, ob eine Aeriderung in der Behandlung der Reklamationen beabsichtigt sei, kann ich erwidern, daß das Verfahren nicht geändert, die Bestimmungen nicht verschärft werden sollen. Auch wird im Verwaltungswege keine Anordnung getroffen werden, die die Reklamationen strenger behandelt. Wir werden sie, wie es früher geschehen ist, mit allem Wohlwollen behandeln. (Beifall.)^ Abg. Haegy (Elsässer):' Die Bevölkerung Elsaß-Lothringens glaubt' an d'ie Möglichkeit eines Weltfriedens und verurteilt die Kriegstreibereien. Wir wenden uns mit aller Entschiedenheit dagegen, daß die Elsaß- Lothringische Frage jemals ein Moment eines europäischen Krieges wird. Ein bekannter Politiker hat mit aller Entschiedenheit gegen die verbrecherischen Bestrebungen sich gewandt, Elsaß-Lothringen um den Preis eines blutigen Krieges wieder mit Frankreich zu vereinigen. Durch die neuen deutschen Rüstungsvorlagen ist ein Moment der Beunruhigung in die europäische Oeffentlichkeit getragen. Wenn die Wehrvorlage nicht durchgeht, fallt auch in Frankreich die dreijährige Dienstzeit. England hat ein Feierjahr für die Flotte vorgeschlagen: auch Frankreich würde einen Sabbath in den Heeresrüstungen freudig akzeptieren. Den wahren Interessen des Reiches, des Volkes und der Sache des Weltfriedens wird mit einer Ablehnung der Wehroorlage am besten gedient, Abg. Werner-.^ersfeld (Refp.)' Der Vorredner lehnt die Vorlage ab aus Fried'ensgründ'en. Dient aber denn das Auftreten Wetterles dem Frieden? Der Redner bespricht die internationale Lage. Herr Nikita, der Souverän der Hammeldiebe, darf den europäischen Frieden nicht stören. Präsident Dr. Kacmpf ruft den Redner zur Ordnung. Abg. Dr. Frank (Soz.):' Die einzig würdige Einleitung für bie Hecres- dorlage wäre ein Ministerwechsel gewesen. Der Reichskanzler hat sich in seiner Rede nach allen Seiten verbeugt, wie ein Türke beim Gebet. (Heiterkeit.) Er hat fortwährend seiner Friedensliebe Ausdruck gegeben. Wenn ein Bauernbursche an einem Tische sein Messer herausnimmt und es zu schleifen anfängt und dabei nach den Nachbartischen fortwährend seine Friedensliebe versichert, so wird ihm doch niemand seine Harmlosigkeit glauben. Die ernste Begründung der Vorlage steht noch immer aus. Die Regierung hüllt sich in Schweigen. Verlassen Sie sich ja nicht auf die Kommission. Dort hingen oft schm: an der Tür große Zettel, die auf sehr geheimnisvolle Beratungen hinwiesen, und dann erfuhr man Dinge, die schon wochenlang vorher in den Zeitungen gestanden hatten. (Heiterkeit.) Es ist für das Deutsche Reich nicht ehrenvoll, daß es ernsthafte Menschen gibt, die behaupten, wir hätten die Vorlage in dieser Gestalt nicht bekommen, wenn nicht die Jubiläumsfeier des Kaisers bevorstände. (Der Kriegsminister schüttelt mit dem Kopf.) Und dann die Heranziehung des Jahres 1813. Karl Marx sagte einmal: Jedes Drama der Weltgeschichte wird wiederholt in Form einer Farce. Ich will den Gedanken in Verbindung mit dem Jahre 1813 nicht weiterspinnen. Der Reichskanzler käme ja nicht zu kurz dabei. Er wäre Stein. (Heiterkeit.) Und Herr von Heeringen wird sich nicht beklagen, wenn man ihn nach Scharnhorst setzt. (Heiterkeit.) Wir kämen nur in Verlegenheit, wenn w'r einen Napoleon suchten. Dann müßten wir uns entscheiden für Peter von Serbien oder für den heute schon erwähnten Nikita von Montenegro. (Heiterkeit.) Dann der Hinweis auf die Südslawen. Wie stellen sich zu dieser Gefahr denn die Leute, die diesen südslawischen Ansturm auszuhalten hätten, unsere österreichischen Verbündeten? Ein angesehenes österreichisches Militärblatt, „Danzers Armeezeitung", hat erklärt, daß zwei bis drei Armeekorps genügen würden, um dem serbischen und griechischen Gegner Widerstand zu leisten, wenigstens so lange, bis im Nordosten die Entscheidung gefallen ist. Das zunächst bedrohte Oesterreich reicht also mit zwei bis drei Armeekorps aus. Uns aber kommt man mit dieser ungeheuren Vorlage. Auch von der russischen Armee muß man mindestens zehn Armeekorps abziehen, die in Sibirien festgehalten sind. Gestern wurde das Parlament der chinesischen Republik eröffnet. Ich hoffe, daß die Anerkennung von deutscher Seite nicht lange auf sich warten läßt. Wir wünschen, daß diese Republik sich gut entwickelt. Vielleicht kommt der Tag, an dem Rußland sich schwerere Sorgen um feine Ostgrenze machen muß, als wir. (Sehr richtig!) Vergessen wir auch nicht, daß 300 000 russische Reser- visten als ländliche Arbeiter bei uns tätig sind. I ch traue der preußischen Regierung jede Dummheit zu, (Heiterkeit!) aber ich glaube doch nicht, daß sie im Ernstfälle die 300 000 Arbeiter der russischen Regierung zur gefälligen Verwendung in der russischen Armee einschicken wird. (Sehr gut!) Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Diese Begründungen der Vorlage schlagen also nicht an. Es mutz also etwas anderes dahinterstecken. Die „Kreuzzeitung" hat auch schon darauf hingewiesen, daß die Armee eine nationale Schule fein soll, datz man die Weiterentwickelung der Sozialdemokratie verhindern will. Das ist ein Kinderglaube. Unter den 136 000 neuen Rekruten werden 50 000 Sozialdemokraten fein, wenn sie in die Kaserne hineingehen, und 80 000, wenn sie wieder herauskommen. (Beifall der Soz.) Wie war angesichts dieser mangelhaften Begründung d i e Aufnahme der Vorlage im Hause: große Ueber- raschungen gab es nicht. Herr Bassermann konnte es gar nicht erwarten und hat schon in Hannover Ja gesagt. Die einzige Ueberraschung war die etwas stark betonte Begeisterung des Zentrums. Ueberall in der Welt sind die Klerikalen Kriegshetzer. In Frankreich stehen sie an der Spitze der Agitation für die Heeresverstärkung, in Rußland sitzen die Erz- bifchöfe auf dem Podium, wenn die Panslawisten zum Kriege hetzen, und auch die Deutschland erweist sich jetzt wiederum das Zentrum als die beste Schutztruppe des Militarismus. (Lebhafter Beifall links.) Herr Erzbergcr meinte, wir Sozialdemokraten sollten doch nicht zur Auflösung dr äugen, da wir sonst nicht in der Stärke von 110 Mann wiederkämen. Ach, Herr Erzberger, wenn Sie das sicher wüßten, dann würden Sie schon längst einen Grund zur AuflösuiH gesunden haben. (Gr. Heiterkeit.) Und wenn Herr Erzberger weiter meinte, datz wir zu Zeiten einer Militärvorlage große Mandatsverluste erleiden, so sage ich: 1907 haben wir nicht deswegen Mandate verloren, weil wir gegen die Militärborlage stimmten, sondern weil wir Seite an Seite mit dem Zentrum gekämpft haben. (Große Heiterkeit links.) Wenn wir den demokratischen Ausbau der Verfassung und des Heeres verlangen, so fordern wir das nicht als ein Geschepk für das Volk, sondern weil wir meinen, dqtz der freiheitliche Ausbau des Reiches der wichtigste Teil des Ausbaues der Heeresversastung ist. Die moralisch-politische Rüstung ist mindestens so wichtig als die militärische und finanzielle. Hier wäre ein Gebiet, wo wir das russische Reich nicht bloß erreichen, sondern überflügeln könnten. Eine Einheit der Armee gibt es nur, wo eine Einheit des Volkes herrscht, und die Einheit des, Volkes ist nur vorhanden, wo es eine Einheit des Rechtes gibt. Gäbe es z. B. eine bessere moralische Rüstung, als die Beseitigung des preußischen Wahlrechts? (Lachen rechts.) Ich weiß, daß Sie (nach rechts) den Preis nicht zahlen wollen, auch wenn das Reich zugrunde geht. Gäbe es eine bessere Sicherung unserer Ortsgrenze als die Aufhebung der AusnahmegeseHe gegen die Polen? Das Zentrum fordert zahlreiche Reformen anläßlich der jetzigen Wehrvorlage. Wir werden ihm durch Anträge Gelegenheit geben, zu zeigen, wie ernst es dem Zentrum damit ist. Nur ein paar Beispiele: Einzelne Herren vom Zentrum haben mit vor Erregung zitternder Stimme diesem Herrn Kriegsminister die Fehde angesagt wegen seiner Haltung in der Duellfrage. Wir werden sehen, ob sie unserem Antrag zustimmen werden, daß jeder Offizier, der eine Forderung zum Duell annimmt, mit schlichtem Abschied entlassen wird. Damit kommen wir doch einem Wunsch der Herren vom Zentrum entgegen und ebenso, wenn wir das Privileg der Mitglieder der regierenden Häuser beseitigen »vollen, wonach sie nicht wehrpflichtig sind. Weiter wird es Sache des Zentrums fein, sich zu entscheiden, wie es zum Einjährig-Freiwilligen-Privileg steht. Im deutschen Volk wird es nicht verstanden, daß soviel Tausende wohlhabender Leute bevorzugt werden, und man verlangt mit Recht, daß die Wohlhabenden genau solange wie die Arbeiter und Bauern in der Kaserne bleiben. Endlich wollen wir den beschämenden Zustand beseitigen, daß der Wille eines einzigen Kommandeurs durch die Verhängung des Boykotts über ein Lokal die ganze Existenz eines Gastwirtes in Frage stellen kann. E§ ist eigentlich recht unklug, daß Sie den Kampf gegen so schwere Eingriffe in datz bürgerliche Leben uns Sozialdemokraten überlass, n. Es kommt sonst nicht viel Gutes aus Sachsen. (Gelächter und Heiterkeit! Zuruf: 22 Ihrer Mitglieder!) Das sind erfreuliche Ausnahmen. (Erneute Heiterkeit.) Aber einen derartigen Boykott gibt es wenigstens in Sechsen nicht. Dringend erforderlich wird auch eine gesetzliche Festlegung der Bürgerrechte der Reserveoffiziere sein. Nirgends in der Welt gibt es eine derartige Schnüffelei über die politische Betätigung der Reserveoffiziere. Es ist geradezu beschämend, daß bis hier in den Reichstag hinein Abgeordnete, ja sogar ein Präsident des Hauses zur Verantwortung gezogen werden können für Steuerungen, die sie in Erfüllung ihrer Pflichten getan haben. Kein vernünftiger Deutscher hat ein Interesse daran, daß die Rüstungen gesteigert werden, wenn nicht gleichzeitig die Rüstungen der anderen Völker wachsen. Eine Ausnahme gibt es davon, und diese Ausnahme wird repräsentiert durch das RüstungS- kapital und die Presse, die davon lebt. Es wird ernstlich zu prüfen fein, ob deswegen nicht dir ganze W a f f e n f a b r i f a t i o n in die Regie des Reiches zu übernehmen ist, 'und wir wollen sehen, ob das Zentrum dabei Mitwirken wird. In bürgerlichen Kreisen hat sich eine Stimmung der Hoffnungslosigkeit, der Resignation geltend gemacht. Sollte es wirklich richtig fein, daß man die Dinge gehen läßt, wie sie gehen und alles hinnimmt wie ein unabwendbares Schicksal? Oder wäre es nicht besser, einen ernstgemeinten Versuch zu einer Verständigung zu machen? Während noch vor wenig Jahren die Leute, die zur Verständigung mit England rieten, mit Hohn behandelt wurden, sehen wir jetzt zur Freude des ganzen Landes, wie sich diese Verständigung anbahnt. Sollte es unmöglich sein, auch mit Frankreich zu einer Verständigung zu gelangen? Es wäre richtig, dem Ruf aus dem Schweizer Land Folge zu leisten, der zu einer offenen und ehrlichen Aussprache zwischen Deutschland und Frankreich auffordert. Wenn die Regierung nicht die Initiative ergreift, bann ist es Sache der Volksvertretung, es zu tun. Es würde einen ganz gewaltigen Eindruck in Europa machen, wenn wir zu einer Verständigung gelangten, und es wäre der Anfang der Entwickelung, die ja doch einmal kommen muß. Ich bin überzeugt, daß die Vernunft auf dem Marsche ist und daß sie sich auswächst zu einer europäischen Großmacht, die Herr wird über all das, was jetzt der friedlichen Entwicklung ent» gegensteht. Wir hoffen und wünschen, daß wir bei diesen ernsten Versuchen, dem Frieden zu dienen, nicht allein sein werden, sondern daß auch die bürgerlichen Friedensfreunde mit uns vorgehen. Niemand mehr als wir würden uns freuen, wenn das geschähe. Lassen Sie uns aber allein, so werden wir den Weg allein gehen, von dem wir wissen, datz hinter uns der Wille zweier Arbeiternationen steht. Wir gehen diesen Weg in dem Bewutztsein, Bürger der Kulturgemeinschaft zu fein und dem Vaterlande zu dienen, indem wir diese Kulturgemeinschaft fördern. (Beifall bei den Soz.) Abg. Haeusler (Zentr.): Wie alle meine politischen Freunde und die meisten Mitglieder des Hquses bin auch ich Der Ueberzeugung, daß wir alles tim müssest, um die Armee auf der Höhe zu halten. Der Kriegsmini st er hat sich gegenüber der vorjährigen Militärvorlage in einen geradezu unglaublichen Widerspruch versetzt. (Hört! Hört!) Die einzige richtige Behauptung in dieser Vorlage ist die, daß die allgemeine Wehrpflicht bei uns mehr auf dem Papier steht, weil das Wachstum unseres Heeres mit der Bevölkerungszunahme nicht gleichen Schritt gehalten hat. Weil der Kriegsminister damit rechnet, ist es eine vollständige Bankerotterklärung bet bisherigen Septennaie unb Quinquennate. Was hat bas QuinguennatSgesetz für einen Zweck, wenn in jedem Iahte neue Militärvorlagen gemacht werben. (Anbauernder Beifall auf der äußersten Linken.) Auf eins der wichtigsten Rechte des Reichstags wurde dabei Verzicht geleistet. Auf eine jährliche Bewilligung der Präsenzstärke, unb zwar nicht nach ber Kopfzahl, sonbem eine Anpassung ebenso an bas Wachstum ber Bevölkerung wie an bie Veränderung ber Kriegsführung. Was nun bie Heranziehung der gesamten wehrfähigen Bevölkerung anlangt, mit der ich prinzipiell einverstanden bin, so muß ich auf die Begründung der Militär- Vorlage von 1905 zurückkommen. Da sagte ich, Deutschland wirb in Rücksicht auf feine Finanzkraft den Grundsatz der Durchführung ber vollen Wehrpflicht niemals zur Slusführung bringen (Hört! Hört!), sonbem muß sich Beschränkungen auferlegen. Zur Verstärkung bet kriegerischen Nutzbarkeit unserer Volkskraft gibt es ein Mittel, unb bas ist bic weitere Verkürzung der Dienstzeit. (Hört! Hört!) Die ganz außerordentliche Vermehrung der Kavallerie, die in dieser Vorlage wieder gefordert wird, ohne daß in der Dienstzeit das mindeste Entgegenkommen gezeigt wird, beweist ein ängstliches Verkennen ber militärischen Fähigkeiten des deut- schen Volkes. Die Aufrechterhaltung der dreijährigen Dienstzeit ist durch die Verhältnisse auch für die Kavallerie nicht mehr bedingt. Man braucht nicht an das Milizsystem zu denken, aber weitere Verkürzungen durch Hinausschiebung des Einstellungstermins um einen Monat, eine gesetzlich eingefiihrtr Beurlaubung für einen Monat im ersten unb zwei Monate im zweiten Jahre, bann können im gleichen Verhältnis bie Mann- schäften erhöht werben. Ich habe schon früher darauf hinge- wiesen, in welchem hohen Maße die militärische Ausbildung, die Möglichkeit der Vereinfachung, dec Zeitersparnis dadurch verbessert wird. Das zeigt die Schweiz, der wir an militärischer Routine gewiß überlegen sind, gegenüber der wir aber an Marsch- unb Schietzfertigkeit trotz unseres langen Dienstes zurückbleiben. (Hört! Hört!) Keinen angenehmeren unb sorgloseren Beruf gibt es wie ben Beruf ber Offiziere. Namentlich die höheren Offiziere tonnen mit ein- bis zweistündiger Dienstzeit auslommen, abgesehen von einigen Zeiten, wo viel zu tun ist. (Hört, hört? bei den Soz.) Daraus ergibt sich bic Notwenbigkeit der weiteren Verminderung der Dienstzeit. Wir sollten sie als Antwort geben auf die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit in Frankreich (Beifall der Soz.) im Bewußtsein unseres militärischen Könnens und zur Sicherung unseres kulturellen und wirtschaftlichen Vorsprungs. (Beifall bei oen Soz.) Der Krieg kann nur durchgeführt werden mit Hilfe der Arbeiter, bic in ber Reserve vorhanden sind, die Schuld des Krieges zu bezahlen. Je besser, und wirksamer die finanzielle Vorbereitung eines Krieges ist, um* so mehr ist die Steuerkraft zu stärken. Da darf man nicht bic. Steuerschraube als ungesunde, unproduktive Nachhilfe bis auf das Niveau eines erotischen Staates hinabbrücken. Was bei der Finanzreform von 1909 als bringeub geboten hingestellt würbe, mutz auch heute richtig fein, baß gesunde Finanzen für den Er-? folg nach außen die erste Voraussetzung sind. Erzberger hat gestern schon eine Reihe von Punkten genannt, wo noch erhebliche. Ersparnisse zu machen sind. Ich kann sie noch erheblich ergänzen. Der Redner spricht über die hohen unb zahlreichen R a - Honen ber Generäle, bic sie gar nicht brauchen, weil sie Slutomobil fahren usw. Im Dienst des Vaterlandes muß man nicht für eine außerordentliche Bemühung eine Entschädigung, haben wollen, und am wenigsten in einem Staat, der zur Deckung seiner Militärkosten zur Vermögenskonfiskation greift. Haben totr nicht nn deutschen Heer viel zu viel an hohen Stellen? Millionen an Gehältern und Nationen könnten erspart werden. Welche Ersparnisse würden wir machen, wenn wir uns entschließen, wie Frankreich es in seinem Kadergesetz tut, eine Zwischenftelle zwischen Offizieren und Unteroffizieren zu schaffen; dann werden auch die Militäranwärter, die bei der Vermehrung der Unteroffiziere nachgerade für unsere Volkswirtschaft eine Kalamität werden, weniger werden. (Beifall der Soz.) Die Dienstreisen müssen beschränkt werden. Der Luxus und die bunte Uniformier« n g muß beseitigt werden. Das ist nichts toie Spielerei. Auch die wissenschaftliche Vorbildung der Offiziere entspricht bei uns nicht den Bedürfnissen einer Nation, deren gesamte Intelligenz in Rech und Glied steht. Man sollte jetzt im Frieden alle Mißstände beseitigen, die im Kriege einen ungünstigen Eindruck üben: Reform des Beschwerderechts, Wehr der Disziplinarstrafen. (Der Reichskanzler erscheint.) Kriegsminister v. Hecrmgen: Wenn die Kritik des Herrn Abg. Haeusler auch nur in wenigen Prozenten zuträse, so stände es um die Armee allerdings schlecht. Das ist aber nicht der Fall. Die llebcttreibungen, wenn ich mir den Ausdruck erlauben darf, (Unruhe und Glocke des Präfidenten), treffen zum großen Teil die Sachen überhaupt nicht. Ich weiß nicht, wo der Abgeordnete seine Erfahrungen gemacht hat. Ich kenne nur die jetzige Armee, und da stehe ich und mit mir viele andere auf einem durchaus anderen Standpunkte. Wenn man Sparsamkeitsbestrebungen in der Weise,wieesderAbgeordnete vorgeschlagen hat, an dem Etat des Reichs Heeres vornehmenwill, dann würde ich Vorschlägen, einfach einen Rotstift z u nehmen und rücksichtslos, ohne darauf zu achten, was auf der Seite steht, die Seite durchzu- streichen. (Lebh. Unruhe.) Es kommt vor allem auf die Schlagfertigkeit der Armee an. Der deutsche Soldat kostet allerdings mehr als der französische, weil er eine höhere Löhnung bekommt und besser untergebracht iit. Der deutsche Soldat bekommt 108 Mark Löhnung, der ftanzösische 14,40 Mark im Jahr. Der deutsche Soldat wird für 57 Mk. jährlich untergebracht, der ftanzösische für 40 Mk. Die Bekleidung kostet in Deutschland weniger als in Frankreich. Im ganzen kostet der Deutsche Soldat 440 Mk., der ftanzösische 362,40 Mk. Der Vorredner hat dann von der reichlichen Bezahlung der deutschen Oftiziere gesprochen. Ich möchte den Offizier kennen lernen, der durch seine aktive Dienstzeit Reichtümer gesammelt bat! (Große Unruhe.) Eine größere Anzahl höherer Offiziere muß stets für den Kinegsfall vorhanden fein. Der Prozentsatz der inaktiven Generale über 60 Jahre überwiegt weit die Generale unter 60 Jahren. Hieraus ergibt sich die Unmöglichkeit, im Kriegsfall auf sie in nennenswertem Umfange zurückzugreifen. In einem Punkt hat der Abgeordnete Recht, die wissenschaftliche Bildung der Offiziere muß noch gefördert werden, es geschieht aber nach dieser Richtung schon sehr viel. Wenn der Vorredner weiter behauptet hat, das Material unserer Artillerie genüge nicht mehr, so muß ich dagegen entschieden Protest erheben (Sehr richtig! rechts), schon damit seinen Ausführungen keine weiter- gehende Bedeutung beigemessen wird, wenn sie im Auslande bekannt werden. (Lebh. Zustimmung rechts.) Unsere westlichen Nachbarn haben in der Ausbildung der Artillerie jetzt denselben Weg beschritten, auf dem wir uns schon •feit 15 Jahren befinden: der beste Beweis für die Richtigkeit unseres Vorgehens. (Lebh. Zustimmung rechts.) Für den Sieg hn Kriege kommt es nicht nur auf Marschfähigkeit und Schlagfertigkeit an, hauptsächlich auch auf Disziplin. Die Disziplin kann man aber nur in einer gewissen Zeit in die Leute hinein- bringen. Eine Verkürzung der Dienstzeit Ät nur möglich, wenn man die Schlagfertigkeit der Armee herabsktzt. Die jetzige Vorlage will aber doch gerade die Schlagfertigkeit der deutschen Armee stärken! In Frankreich führt man die dreijährige Dienstzeit für die Kavallerie ein, weil man sie vor dem Rum bewahren will. Die Weglassung alles Parademäßigen ist in der deutschen Armee schon völlig durchgeführt. (Lachen bei den Soz.) Das geht auch ans den Bestimmungen für die Ausbildung der Truppen hervor, in denen gesagt wird, daß die Ausbildung der Truppe nur richtig ist, wenn sie das leistet, was der Krieg erfordert und sie dann nichts zu verlernen hat, was sie im Frieden eingeübt hat. Auf die Ausbildung der Ersatzreserve läßt sich die Armee nicht ein; das wäre Wasser in ein Sieb schöpfen. Die in 20 Wochen ausgebildeten Ersatzreservisten könnte man doch nicht in die mobilen Truppen einreihen Es ist besser, eine kleinere ZaU gut ausgebildeter Reservisten zu haben, die man sofort verwenden kann. Es ist gewiß richtig, daß 1613 die preußischen und deutschen Soldaten eine nach heutigen Begriffen sehr mäßige Ausbildung hatten. Aber welchen Gegner hatten sie? Wenn das alte französische Heer noch bestanden hätte, hätten die preußischen Truppen einen viel schwereren Stand gehabt. Wie gering ihre militärische Ausbildung war, geht auch daraus hervor, daß nach der Schlacht bei Dennewitz die preußische Landwehr das Gewehr umdrehte: „Das fluscht besser", riefen sie. Das zeigt auch den Unterschied in der Kriegsführung damals und heute. Di' deutsche Armee wird aber nur dann ihre Aufgaben erfüllen, wenn sie im Frieden für den Krieg richtig vorgebildet wird. (Beifall rechts.) Bayrischer Militärbevollmächtigter Generalmajor Wenninger: Herr Abg. Haeusler ist ftüher General gewesen. Wenn er aber während feiner Dienstzeit von den Anschauungen, die er heute ausgesprochen hat, gelebt hat, daß man mit etwa ein bis zwei Stunden Dienst auskomme, dann würde er es wohl kaum zum General gebracht haben. (Lärm und Unruhe b. d. Soz.> Herr Haeusler hat innerhalb seiner Waffe als ein © ach verständiger gegolten. Ich glaube, ich muß ihm erklären, daß gerade die Feldartillerie durch die Fortschritte der Technik in einer Weise vorgeschritten ist, wovon er nach.seinen Erklärungen nichts weiß. Er hat feit vielen Jahren der Waffe nicht mehr angehört und hat diese Fortschritte am eigenen Leibe, durch eigene Anschauung nicht mehr erlebt. Seine Sachverständig- keit ist dadurch, ich will einmal sagen, etwas eingeschränkt worden. (Heiterkeit und Beifall rechts, Unruhe b. d. Soz.) Er hat auch von der französischen Kavallerie gesprochen. Ich möchte sagen nach seiner Laufbahn hat er wohl nicht genügend Gelegenheit gehabt, sich darüber ein zutreffendes Urteil zu bilden. (Unruhe und Lärm b. d. Soz.) Herr Haeusler hat das durch seine eigenen Darlegungen klar bewiesen, daß er nichts mit der Kavallerie zu tun hat. (Weitere Unruhe.) Ich muß das hier sagen, weil die Meinung, als ob die sogenannte Sachver- standigkeit des Herrn Generals.....(die weiteren Worte gehen in der Unruhe verloren. Vizepräsident Dove: Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß die Herren hier nur Abgeordnete find? — Stürmische Zustimmung' links.) Ich werde also in Zukunft nur noch von dem Abg. Hausler sprechen Ich habe es aber für meine Pflicht, als Vertreter der bayerischen Armee angesehen, hier zu sprechen. (Beifall rechts. Unruhe links.) Abg. Laux (Bayr. Bauernbund): Der bayerische Bundesratsbevollmächtigte scheint ganz vergessen zu haben, daß Kollege Häusler hier nicht General, sondern Abgeordneter ist. Im allgemeinen halte uf> es für bedenklich, hier derartige Details vor aller Oeffentlrchkert zu erörtern. Der Redner verlangt Ernte- urlaub für Soldaten in stärkerem Maße als bisher. Reichskanzler Dr. v. Bethmarm Hollweg: ES ist nicht der letzte Teil der Debatte, der mich veranlaßt, das.Wort zu nehmen, sondern ich habe das Bedürfnis, zu zwei Punkten, die gestern und heute erwähnt worden find, kurz Stellung zu nehmen. Zunächst will ich der SIu§tiigung 'entge'gen- treten, welche einige Redner meinen Bemerkungen über den slawisch - germanischen Gegensatz gegeben haben. Ich habe von den panslawistischen Strömungen gesprochen, denn ich konnte heute cm diesen Strömungen nicht vorübergehen, weil sie in der gegenwärtigen Balkankrise eine markante Rolle spielen. Aus diesen panslawistischen Gegensätzen hat ein Teil der Publizistik eine kommende Auseinandersetzung zwischen dem Slawentum und dem Germanentum gefolgert. Gegen dieses Schlag wort habe ich entschieden Widerspruch eingelegt, ich habe vor ihm gewarnt und ich wiederhole diese Warnung heute noch einmal mit ernstem Nachdruck. Das Schlagwort verwechselt die pan- slawistischen Strömungen mit der Zugehörigkeit zur flawischen Rasse. Die ftawische Rasse ist ebenso wie die germanische auf viele Länder verteilt und wohnt da im Zusammenhang mit anderen völkischen Bestandteilen. Schon insofern ist dieses Schlagwort unwahr und unrichtig. Das Schlagwort ist ober auch um deswillen unrichtig, weil es einen realen Interessengegensatz zwischen uns und Rußland nicht gibt. Das habe ich mit großer Entschiedenheit betont. Das Schlagwort schädigt endlich die Politik, die ich zu führen wünsche und die auf Erh altung eines gut nachbarlichen Verhältnisses zu Rußland gerichtet ist. (Beifall.) Der zweite Punkt ist der, daß hier von verschiedenen Rednern ganz irrtümliche Darstellungen über die Entstehung der Wehrvorlage ausgesprochen worden sind. Weder der Wehrverein hat die Wehrvorlage veranlaßt, noch ist eine Kapitulation des Kriegsministers oder meiner Person vor dem Generalstab vorgekommen. Aus autzerpolitischen und militärpolitischen Gründen habe ich mich im November vorigen Jahres von der Notwendigkeit überzeugt, neue Rüstungen für unsere Armee vor- zu nehmen. (Lebhaftes Hört! Hört!) Auf Grund dieser Ueberzeugung, die von dem Herrn Kriegsminister und dem Chef des Großen Generalstabes geteilt wurde, sind die Vorarbeiten in Angriff genommen worden. Daß wir damit nicht sofort an die Öffentlichkeit getreten sind, dafür werden Sie wohl ein Verständnis haben. Aber der Entschluß stand damals fest, und dieser Entschluß ist entstanden aus dem Verantwortungsgefühl für die Sicherheit unserer Zukunft. Ich habe aus dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen den Eindruck gewonnen, daß die große Mehrheit der Parteien dieses hohen Hauses sich bei ihren kommenden Entschlüssen von dem gleichen Gefühl der Verantwortlichkeit leiten lassen will (Beifall), daß Sie es erkannt haben, welch große und ernste Bedeutung für Deutschland d i e Entschlüsse haben werden, die Sie fassen wollen. (Beifall.) Vizepräsident Dove: Die Debatte ist geschlossen, da weitere Wortmeldungen nicht vorliegen. Persönlich bemerkt Abg. Hausler (Zentr.)'? Ich wollte in feiner Weise eine Inferiorität unserer Artillerie feststellen, sondern ich wollte nur auf Mängel Hinweisen. Ich würde es bedauern, wenn mir ein Wort entschlüpft wäre, welches in jenem Sinne gedeutet werden könnte. I ch bin überzeugt, daß die deutsche Artillerie und insbesondere die bayerische Artillerie die beste der Welt ist. Das Eingreifen des bayerischen Militärbevollmächtigten nehme ich ihm als Landsmann gar nicht übel. Ich muß mich aber ganz entschieden verwahren gegen feine Kritik meiner Fähigkeiten als Abgeordneter. (Beifall links.) Bayr. Generalmajor Wenninger: Ich habe noch das Bedürfnis, im Namen des bayerischen Offizierkorps das tieffte Bedauern hier auszusprechen, daß der Herr Abg. Häusler Worte gesprochen hat, die ihren Beifall nicht aus den Reihen seiner eigenen Partei, sondern auf der äußersten Linken gefunden haben. (Großer Lärm bei den Sozialdemokraten.) Abg. Ledebour (Soz.): In der nunmehr wieder eröffneten Debatte habe ich das Wort ergriffen, um entschieden Verwahrung dagegen einzulegen, daß einer der Herren Militärbevollmächtigt-en sich erlaubt, einem Abgeordneten darüber Vorhaltungen zu machen, wo er Beifall erhält, und zwar in einer Form, die den Anschein erwecken mußte, als ob ihm dadurch eine moralische Minderwertigkeit zugesprochen würde. Ob ein Abgeordneter auf irgend einer Seite des Hauses uni) nicht bei seiner eigenen Partei Beifall findet, das geht den Herrn Bun- desratsbevollmächtigten gar nichts an. (Großer Lärm.) Ich sollte glauben, daß auf allen Seiten dieses Hauses, bei allen Parteien soviel Selbstgefühl als Volksvertreter vorhanden wäre, daß sie meinen Ausführungen zustimmen müßten. Bayr. Generalmajor Wenninger: Ich habe als Bundesratsbevollmächtigter nichts zu sagen. Aber als bayrischer Offizier..?, (großer Lärm, Zuruf bei den Soz.: Das gibt's hier nicht)." Abg. Dr. Frank (Soz.)5 Die erneute Erklärung des bayrischen Bundesratsbevollmäch- tigten ist die besteJllustraiion zu dem, was heute von verschiedenen Seiten gesagt worden ist, über die Anmaßung militärischer Kreise und ihre Uebergrisfe auf das bürgerliche Leben, die aud» nicht zurückschrecken, das Parlament zu terrorisieren. (Vize-Präs. Dove rügt den Ausdruck.) *— Sie versuchen es wenigstens. Wenn seine Bemerkung überhaupt einen Sinn haben sollte, so Ii)nnte es nur der Sinn sein, das dem Abg. Häusler in seiner Eigenschaft als Mitglied des deutschen Heeres außerhalb des Hautes Schwierigkeiten gemacht würden. Wenn das nicht der Fall ist, dann tonnten sie nur den Zweck haben, ihn in den Augen feiner Berufskollegen herabzusetzen. Ich weise diese Art in die Rechte der Abgeordnet e'n einzugreifen auf baä nergifiiffte zurück. Ich erwarte, daß alle Mitglieder des Hauses sich diesem Protest anschließen. (Großer Lärm, Zuruf bei den Soz.: '2ms Zentrum schweigt!) Die Debatte toirb abermals geschlossen.Die Vorlage geht an die Budgetkommission. Sie ecjfe Lesung oet Setfötigsootlßgen. Schatzsekretär Kühn leitet die erste Lesung ein: Wir sind vor eine Aufgabe gestellt, wie sie in solcher Schwere noch nicht da war. Die Vorlagen der letzten Jahre forderten nur einen Bruchteil der jetzigen. Schon die einmaligen Ausgaben erreichen eine Höhe, wie wir sie bisher nicht gehabt haben. Die große Steuergesetzgebung von 1909 hat unsere Leistungen vorbereitet. Die Firianzgebarung, die darauf aufgebaut war, hat zu einer gewissen Befestigung unserer Finanzen geführt, so daß sicb die Vollendung der (Sanierung in kurzer Zeit erwarten ließ. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, die verbündeten Regierungen schlämm dazu den einmaligen Wehrbeitrag von V» Proz. auf das Vermögen vor. Der Sßorfdjlaif mag überrascht haben, er verliert aber bas Ueberraschende bei näherer Erwägung. Wir werden uns die Opfer früherer Zeiten nicht verkümmern lassen können. Eine Anleihewac ausgeschlossen. Ich kann nicht versprechen. daß der gegenwärtige Leiter der Neichsfinanzverwallung bamtt nicht kommen wird, nachdem er noch vor Jahresfrist mit Zustvn- mung des ganzen Hauses sich zu diesen Finanzgrundsätzen be- kannt hat. Auch kein anderer an meiner Stelle könnte die Verantwortung übernehnten. Wir müssen uns aber aus dem Sumpf der Schulden hervorarbeiten. Immerhin können sich für das Reich Möglichkeiten ergeben, die eine Anleihe nötig machen, aber in dem gegenwärtigen Stadium unserer Finanzen erscheint das ausgeschlossen. Eine Anleihe würde sich jetzt nicht rechtfertigen lassen. Man hat zwar gesagt, die Zwecke sollen der Zukunft zugute kommen, darum soll die künftige Generation auch ihren Anteil daran haben. Die Heeresverstärkung ist aber eine Forderung der Gegenwart. Es ist auch hier gestern ausgeführt worden, daß wir das, was wir versäumt haben auch selbst zahlen und nicht erst künftigen Generationen überlassen. Und was wäre auch mit der Verweisung des Bedarfs auf eine Anleihe gewonnen? DieTilgung allein hätte eine erhebliche neue Steuer erfordert. Tie großen Einnahmequellen des Reiches wären aber erst nach einigen Jahren stark genug, um den Bedarf zu decken. Außerdem wäre die Anleihe zu ungünstigen Bedingungen auf den Markt gekommen, hätte nur zu einem überaus niedrigen Kurs gegeben werden können, der wiederum auf die sonstigen Anleihen der Bundesstaaten gedrückt hätte. Der Wert der verzinslichen Papiere wäre zurückgegangen, ihre Inhaber hätten sehr bedeutende Verluste erlitten, sicherlich mehr als einhalb Prozent, die wir in dem Wehrbeitrag fordern. Ueberhaupt haben die Staatsgläubiger unter der unglücklichen Entwicklung der letzten Jahre schwer zu leiden. Gewiß hat der Vorschlag auch mancherlei Nachteile, das ist nicht zu leugnen. Ich glaube aber doch, er wird auf Zustimmung rechnen können. Aus wirtschaftlichen Gründe» sind wir gegen jede Anleihe, ein derartiges Vorgehen würde beim Aus. land den Eindruck eines nur schlecht berhü Ilten Staatsbankerotts machen. Ganz das .Gegenteil besagt unser Vorschlag. Er ergreift jeden, ohne Unterschied des Standes und Vermögens und wird verhältnismäßig leicht getragen werden. Vor allem toirb er unsere Widerstandsentschlossen- beit und Widerstandsfähigkeit vor aller Welt dokumentieren. Selbstverständlich können über die Einzelheiten abweichende Meinungen bestehen. Hierüber wird viel verhandelt werden, ebenso wie über die Einzelheiten der Steuergesetzgebung. Der Leistungsfähigkeit der Beitragspflichtigen wird der Vorschlag gerecht. Diese Leistungsfähigkeit ist aber vorhanden. Er bringt eine Besitzsteuer auf Vermögen und Einkommen, und er ist einfach und einheitlich gestaltet. Schon deshalb wird die einmalige Abgabe durchzuführen fein. Der Antrag 33a ff ermann verlangt eine Best tz st e u e r, diesem Verlangen Ividerspricht der Wehrbeitrag nicht. Aber mit ihm ist der Antrag nod) nicht erledigt. Ter Wehrbeitrag soll den Charakter einer Ausnahme haben. Die neuen Steuern Haben eine wesentlich andere Ausgabe als früher be« willigte, »sie sollen wesentlich nur zur Deckung der militärischen Aufgaben dienen. Für sie kämen als direkte Steuern eine Vermögens- oder Erbschaftssteuer in Betracht. Wir haben diese namens des Reichs nicht borge schla gen, weil diese Einnahmequelle ebenso wie die Einkommensteuer den Bundes st aalen zur Erledigung ihrer eigenen Ausgaben gelassen werden soll. Die Erbschaftssteuer verstehen wir in dem Sinne, daß die bestehende aus Kinder und Ehegatten ausgedehnt würde, wie sie früher einmal von der Regierung vorgeschlagen war. Wir haben davon ab- gesehen, einmal, weil die Verhältnisse jetzt anders liegen, dann aber auch aus Gründen recht praktischer unb nüchterner Art. Zunächst wirkte der Wehrbeitrag hemmend. Ein Vermögen, das von einer solchen hohen Abgabe betroffen war, kann man nicht unmittelbar hinterher wieder besteuern. Dann hätte die Erbschaftssteuer den Betrag auch nicht gedeckt. Auch gegen die Vermögenszuwachssteuer sprachen gewichtige Grunde, die Erhebung allein war zu hoch. Wir toit es Vorschlägen, ist eS den verschiedenen DuiHesstaaten möglich, die geforderten Leistungen durch neue Zuschläge zu ihren Einkommen- und Erbschaftssteuern zu erheben. Es soll nur in Form einer Befitzsteuer geschehen. An dem Mobiliarvermögen der Bevölkerung konnten wir nicht ganz vorübergehen. Für das Erbrecht der Staaten ist eine sehr milde Form gewählt worden. _ Gerade in neuester Zeit haben hervorragende Fachmänner begründet, daß der Staat in gewissen Fällen ein Erbrecht haben müsse. Das vorgeschlagene Erbrecht erreicht lange nicht den Betrag einer Erbschaftssteuer. Derartige Bestimmungen haben in den Zeiten des Zollvereins bestanden und sind zum Teil unverändert erhalten worden. Die günstigen Ergebnisse der letzten Jahre machen vielleicht eine Erleichterung der Ausgaben möglich. Die Heber* schlisse von 1909 haben allein 75 Millionen für einmalige Ausgaben zurückgestellt. Es ist nur richtig, wenn wir unsere Einnahmen wachsen lassen, als immerfort neue Steuern bei neuen Bedürfnissen einzuführen. Diese loyale Rücksicht auf die Bedürfnisse der Bevölkerung sollte in weiten Kreisen Anerkennung finden. Bei der Zuckersteuer haben wir kein Versprechen abgegeben, sondern lediglich eine Vereinbarung mit der Reichstage getroffen, die nur mit Zustimmung beider Faktoren geändert werden kann. Bereits 1912 _ ift die Aufhebung der Steuer zurückgestellt worden. Die Erhöhung des Kriegs sch atz es auf 120 Millionen macht keine be> sonderen Schwierigkeiten, sie dient ebenso wie die Sch atz an« Weisungen der Stärkung des Goldvorrates. DieNachsragenach kleinen Kassenscheinen ist sehr groß. Einem völligen Verzicht, wie ihn der Abg. Dr. Arendt vorgeschlagen hat, möchte ich nicht zustimmen. Man müßte bann dazu kommen, Kassenscheine und Reichsbanknoten zu zehn Mark nebeneinander herlaufen zu lassen. Bei Steuerprojekten es allen recht zu machen, ist eine Kunst, die niemand kann. Hätte ich mich hierüber in einer Täuschung befunden, so würden mich die Hunderte von Zeitungsartikeln hierüber aufgeklärt haben. Die Presse hat es allerdings leichter, als wir. Sie kann Vorschläge machen, deren Annahme bei der Volksvertretung und den verbündeten Regierungen von vornherein unmöglich ist. Sie kann sich auf den Tadel beschränken und das Bessermachen anderen überlassen. Anders bei den gesetzgebenden Körperschaften. Ich sehe den Verhandlungen hier im Hause mit Ruhe entgegen. Man wird zugeben müssen, daß ich versucht habe, für eine der größten Ausgaben aller Zeiten Deckung zu schaffen, ohne an den Grundlagen unseres Finanzwesens und dem föderativen Charakter des Reiches zu rütteln, und ohne den grundsätzlich ausgesprochenen Anschauungen der Parteien entgegenzutreten, ohne Handel, Verkehr, In- dustrie und vor allem die breiten Massen in irgend einer Weise mit neuen Steuern zu belasten, in einer Weise, wie es wohl keiner von denen, die jetzt so herbe Kritik üben, überhaupt für möglich gehalten hätte. Ich glaube doch eine Basis gegeben zu haben, auf der, wenn auch nichts Vollkom» menes, so doch etwas Befriedigendes, nicht bloß geschaffen werden kann, sondern geschaffen werden muß und geschaffen werden wird. Denn wenn wir nun einmal den Ausbau unseres Heerwesens als nationale Notwendigkeit erkannt haben, arbeiten wir, indem wir zu seiner finanziellen Untermauerung die Steine fügen, doch noch immer an dem Ziel, das unser aller Herzen am nächsten steht, an der Sicherheit, an der Wohlfahrt, an der .Größe unseres ge< meinfamen Vaterlandes. (Beifall.) Das Haus vertagt die W c i t c r be t a t u n g aus Dou« nerstag 1 Uhr, pünktlich.