kk. 255 Drittes Blatt 165. Zahrgang Erscheint tägUch mit Ausnahme deS Sonntags. Die „Siehener ZamilienblLtter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal. Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Gberhesjen Dienstag, 7. Moder M3 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäls - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: e<ä>51. Redaktion:^^112.Tel.-AdruAnzeig«Gießen. 27. Hauptversammlung des Allgemeinen deutschen Zrauenvereinr. K. N. Gießen, 6. Oktober Der Allgemeine Deutsche Frauenverein eröffnete seine geschäftlichen Sitzungen heute vormittag um 91/2 Uhr in der großen Aula der Universität mit einer Begrüßungsfeier, an der die Vertreter der staatlichen und städtischen Körper- schäften, sowie zahlreiche Abgeordnete der einzelnen Ortsgruppen des Frauenvereins teilnahmen, im gcmzen etwa 160 Damen, sowie 7 Herren. Fräulein Helene Lange begrüßte die Versammlunfg tnit herzlichen Worten und wies darauf hin, daß die heutige 27. Hauptversammlung die letzte im ersten halben Jahrhundert der Frauenbewegung sei und deshalb eine besondere Bedeutung habe. Sie erteilte dann dem Rektor, Herrn Prof. Dr. Körte, das Wort, der die Generalversammlung als Hausherr begrüßte. Es ist mir eine Ehre und Freude, so etwa führt-s der Rektor aus, Sie, meine Damen, hier willkommen zu heißen. Auch der Rektor Magnisizentissimus, unser Großherzog, hat sich vorgestern mit wärmstem Interesse über die Tagung und die Bestrebungen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins ausgesprochen. Niemals vorher hat die Universität ihre Pforten soweit einer Frauen- Versammlung aufgetan, aber dennoch sind die Beziehungen der Universität zu der Frauenwelt verhältnismäßig recht alt. Schon am Ende des 18. Jahrhunderts haben viele Frauen den politisch- statistischen Vorlesungen des Professors C r 0 m e zugehört. Einige Zeit später wurde einer Frau Siebold in Parmstadt von der hiefigen medizinischen Fakultät ehrenhalber der Doktorgrad der Medizin verliehen. Zwei Jahre darnach erwarb ihre Tochter aut Grund einer wissenschaftlickten Arbeit an der Gießener Universität den medizinischen Doktor. In den 30er Jahren war ein Fräulein Zimmermann rite inskribirt. Dann wurden diese Fäden allerdings zerrissen, um erst in neuester Zeit wieder ausgenommen zu werden. Seit dem Jahre 1903 hat der hessische Staat durch eine besondere Verfügung die Zulassung der Frauen zum Universitätsstudium geregelt, aber die Zahl der Studentinnen ist bei uns vorläufig noch recht klein. Im vergangenen Sommer waren nur 30 Damen in Gießen eingeschrieben. Aber das Frauenstudium ist ja auch nur eine Seite der modernen Frauenbewegung und wohl keineswegs die wichtigste. Professor Körte schloß mit den Worten, daß die alma matcr die Teilnehmerinnen an der 27. Allgemeinen Deutschen Frauenversammlung als Mitstreitcndc, als Kolleginnen begrüße, und daß die Tagung verlaufen möge zum Heil und Segen unseres Volkes. Nach einem Dankeswort der Vorsitzenden hieß der Provinzialdirektor, Geheimerat Dr. U s i n g e r, im Namen der Regierung die Erschienenen herzlich willkommen, indem er folgendes ausführte: Hochgeehrte Anwesende! Nachdem Seine Magnifizenz der Herr Rektor in seiner Eigenschaft als Hausherr Sie hier begrüßt hat, nehme ich, einem Wunsch der Frau Vorsitzenden der Gießener Ortsgruppe nachkommend, gleichfalls gerne Anlaß, die zur 27. Generalversammlung des Mlgemcinen Deutschen Frauenvereins erschienenen Vereinsangehörigen in meinem Verwaltungsbezirk freundlichst willkommen zu heißen. Ich darf wohl sagen, daß wir politische Beamte in der Hauptsache erst durch die Arbeit des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins barauf hingewiesen worden sind, mit der Frau Äs Faktor im öffentlichen Leben zu rechnen, und daß wir hierbei manches umlernen, manches neu lernen mußten, nicht zum Nachteil derjenigen Ihrer Bestrebungen, die darauf gerichtet sind, den Grundsatz der Gleichw e r t u n g der Arbeit der Frauen mit derjenigen der Männer je länger je mehr zur Geltung zu bringen. Wir Männer stehen den Zielen, die Sic verfolgen, vielleicht immer nitf) etwas befangen gegenüber. Nicht, etwa deshalb, weil wir die Rolle, die heutzutage die Frau in unserem Volksleben zu spielen berufen ist, verkennen. Wir wissen genau, welchen Dank wir der Frau schulden dafür, daß sie die Arbeit des Staates und der Kommunen, insbesondere auf charitativem Gebiete, glänzend unterstützt. Wie wären heutzutage wirksame Armenpflege, Krankenpflege, Wöchnerinnenpflege, Säuglingspflege, Gesundheitspflege, wie wäre die Erziehung unserer Jugend denkbar ohne die Mit- arbeit der Frau. Wenn wir trotzdem nach Ihrer Ansicht in der Förderung Ihrer Bestrebungen hier und da noch zu zurückhaltend sein sollten, so dürfte diese Zurückhaltung ihren Grund in der geschichtlichen Entwicklung der Frauenfrage überhaupt und in den von dieser Frage nicht zu trennenden Interessen der Männer haben. Schon nach der Bibel sind diese Interessen älteren Datums. Rechnen Sie es deshalb den Männern nickt zu schwer an, roertn sie sich in ihrer Gesamtheit nicht so leicht zu allen Punkten Ihres Programms bekehren lassen. Bei vielen Männern haben nun einmal — ob mit Recht oder Unrecht, das haben wir ja glücklicherweise hier nicht zu entscheiden — Ihre Bestrebungen auf Erweiterung des weiblichen Berufsgebietes, auf Hebung der Frauenarbeit und Verleihung politischer Rechte an die Frauen ein „gewisses Etwas" ausgelöst, mit dem sich nickst so schnell abzuftnden ist, weil Ewfolge der einen Seite gleichbedeutend sind mit Verlusten im bisherigen Besitzstand der anderen. Nehmen Sie es den Männern auch nicht übel, daß sic bis jetzt nicht kampflos kapituliert haben. Kampf ist nun einmal die Lebensbedingung jeden Fortschritts. Er erzieht Freund und Feind zu scharfem Durchdenken der gestellten Probleme and führt auf der Basis des Erreichbaren mit der Zeit zu einem el/rlichen Frieden. Wenn Sie auch noch nicht am Endziel Ihrer Bestrebungen stehen, so können Sie doch mit Befriedigung auf das bis jetzt Erreichte zurückblicken. In einer Reihe von Fällen hat sich bereits die Gesetzgebung auf Ihre Seite gestellt und gewisse Gebiete des öffentlichen Lebens der Mitarbeit der Frau erschlossen. Wir in Hessen sind mit unter den ersten in Deutschland "gewesen, die weibliche Gewerbeaufsichtsbeamte bestem haben; auf sitten polizeilich em Gebiete sowie auf dem Gebiet der Wohnungsfürsorge walten bereits in einigen Städten Frauen ihres Amt-s Ein weiterer, in seiner Tragweite nicht zu unterschätzender Schritt ist in den, anfangs des vorigen Jahres in Kraft getretenen revidierten Vcrwaltungsgesetzen insofern getan worden, als sowohl unsere Städteordnung wie auck unsere Landgemeindeordnung übereinstimmende Vorschriften darüber enthalten, daß ten kommunalen Deputationen für das Armenwesen für Unterrichts- und Erziehungswesen, tzKsundheckspflege und Kranken- fürsorqe F r auc n bis zu der Mitglieder mrt Sitz und Stimme anoebören können. Erläuternd ist diesen Vorschriften, von denen honen klick recht ansgicbig Gebrauch gemacht wird zugetügt, datz die diesen Deputationen angehörigen grauen dw allgemeinen Erfordernisse für die Stimmberechkigung und Wählbarkeit in der Gemeinde selbst nicht zu besitzcii brauchen. Sw sehen also, merne sehr verehrten Damen, daß die Erfahrungen, die man in Hessen HZ tior kurzem mit der Frauenarbeit gemacht hat, gute gewesen sein müssen; sonst wäre es wohl kaum dazu gekommen, daß Vor- schriften, wie die vorhin von mir erwähnten, die hofstntfijch auch S i e als einen Fortschritt anerkennen, in unsere neueste Gesetzgebung hätten ausgenommen werden können. Ihre heutige Tagung gilt, wie alle früheren, dem weiteren Ausbau Ihres Verbandes und der tocitcrcn Förderung Ihrer Ziele. Man urteilt ja heute über die Frauenbewegung anders, wie zu Zeiten des großen Königsberger Denkers I m a n u e l Kant, der einmal schrieb: „Mühsames Lernen ober peinliches Grübeln, wenn es gleich ein Frauenzimmer darin hochbringcm sollte, vertilgen die Vorzüge, die ihrem Geschlechte eigentümlich sind und können dieselben wohl um der Seltenheit willen zum Gegenstand einer kalten Bewunderung machen, aber sie werden zugleich die Reize schwächen, wodurch sie ihre große Gewalt über das andere Geschlecht ausüben." Immerhin geben seine Worte auch jetzt noch Anlaß zum Nachdenken insofern, als sie zum Bewußtsein bringen, daß von der Natur gesetzte Unterschiede sich nicht ohne Nachteile für das Ganze verwischen lassen. Daß Sie, meine verehrten Damen, in dieser Beziehung das richtige Augenmaß nicht verloren haben, ist wohl die Öauptursachc Ihrer seitherigen Erfolge. Mögen deshalb auch Ihre heutigen Verhandlungen Ergebnisse zeitigen, die nicht nur Sie, sondern auch alle diejenigen befriedigen, die außerhalb dieser Versammlung Ihren Beratungen mit Aufmerksamkeit folgen. Die Vorsitzende dankte für die freundliche Begrüßung durch die Regierung und bemerkte, daß Kant heute wohl zu anderer Ansicht kommen würde, denn es sei doch wohl keine Bestätigung seiner Meinung, daß die jungen Aerztinnen und Lehrerinnen immer sehr rasch weggeheiratet würden, viel rascher als dem Verband lieb sei. Beigeordneter Keller überbrachte Gruß und Willkommen der Sttadt Gießen, indem er sich folgendermaßen äußerte: Meine hochgeehrten Damen! Der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins entbiete ich Gruß und Willkomm der Stadt Gießen. Es hat uns mit Freude und Genugtuung erfüllt, als die Kunde kam, daß Ihre diesjährige Tagung in unserer Stadt abgehalten werden solle. Denn wir begrüßen in Ihrem Verband eine angesehene Vereinigung, die den Kultureinfluß der Frau zur Geltung bringen will, eine Organisation, die mit deutschem Ernste der Frauenbewegung den Weg gewiesen hat, die unter hervorragender, besonnener Führung, mit geistiger Selbstzucht und, in ruhiger Erwägung des Erreichbaren ihr Ziel verfolgt und sich dabei völlig fernhält von den leidenschaftlichen Formen, die wir im Auslande mitunter erblicken müssen. Meine Damen! Die rasche Entwicklung unserer Kultur, die Verschiebung unserer Erwerbs-, Gesellschasts- und Bildungsverhältnisse haben mit Naturnotwendigkeit die Frauenbewegung hervorgerufen und somit die Frage aufgeworfen, ob und wie in dieser veränderten Gesellschasts- und Wirtschaftsordnung auch die Frau ihren Platz finden und Spielraum zur Erfüllung ihrer besonderen Ausgaben und zur Betätigung ihrer Wesensart gewinnen müsse. Probleme mannigfacher Art find auf den Plan getreten. Zunächst das wirtschaftliche, bedingt durch die fortschreitende Erweiterung der Erwerbswirtschaft, welche die Frau in zunehmendem Maße auf sich selbst stellt und Freiheit des Berufs erheischt, damit die Frau auch außerhalb der Familie ihre Kraft in einer ihr angemessenen Form verwerten kann. Sodann das g e i st i g e Problem, wurzelnd in der fortschreitenden allgemeinen Geiftcs- kultur, die das individuelle Selbstbewußtsein der Frau gesteigert hat und Freiheit der Bildung begehrt, auf daß die innerlich selbständige Frau mit den allgemeinen Kulturmitteln ihre Art entfalten kann. Und in jedes dieser Probleme ist — als besonders schwieriges und besonders bedeutsames — hineinverwoben das weitere Problem: wie lassen sich diese Bestrebungen in Einklang bringen mit der Stellung der Frau in der Familie, mit ihrem Beruf als Gattin und Mutter und Führerin der Heranwachsenden Jugend? Denn auch die Frauenbewegung darf an der Tatsache nicht vorübergehcn, daß die natürlichste weibliche Aufgabe im Hause liegt, daß die Hauptsphäre der Frau die Familie ist und daß es keine leere Redensart, fondcrn ein Spruch voll Wahrheit und Weisheit ist: die Familie ist die Grundlage des Staates. Meine sehr geehrten Damen! In langjähriger, keineswegs leichter Arbeit hat der Allgemeine Deutsche Frauenverein den Interessen der Frauenwelt gedient und zahlreiche Erfolge errungen, hie ich Ihnen, bm Wissenden, im einzelnen gewiß nicht näher darzulegen brauche. Der Kommunalpolitiker erinnert sich gern und freudig des Umstandes, daß deutsche Stadtverwaltungen in der Armen- und Jugendpftege, in der Schulverwaltung und Wohnungsfürsorge vielfach verständnisvoller und hingebender Mitarbeit von Frauen sich erfreuen dürfen, und aus eigener Erfahrung vermag ich, herzlichen Dankes voll, die opferwillige und erfolgreiche Tätigkeit hiesiger Frauen in der öffentlichen Armenpflege und Jugendfürsorge zu ivürdigen. Aber, meine Damen, wie reich auch die Ernte gewesen sei, der fleißige fürsorgliche Landmann wirft schon im Herbst bie neue Saat aus, die int kommenden Jähre jhm erblühen soll. So möge im Sonnenglanz dieser Herbsttage von Ihnen neue Saat ausgestreut werden, die vielfältig gedeihen und zum Segen gereichen möge, Ihrem Verein und allen denen, für die zu wirken er berufen ist. Dies sind die Wünsche, mit denen die Stadt Gießen Ihre Tagung begleitet. Nach einem herzlichen Dankeswort, in dem Fräulein Mene Lange darauf hinwies, daß sie freudig überrascht sei, hier bei den Behörden soviel menschliches Verständnis zu finden, sprachen die Vertreterinnen der Gießener Frauenvereine. Frau Marie Schmidt begrüßte die Versammlung namens des kaufmännischen Vereins weiblicher Angestellten, indem fte die gemeinsamen Ziele der beiden Vereine betonte. Fräulein Din Feld ein sprach im Auftrag des Lehrerinnenvereins, den ein starkes Band mit dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein verbinde, der immer tatkräftig für- die Mädchenbildung eingetreten sei. Eine besondere Bedeutung habe die Tagung für den Lehrerinnenverein noch dadurch, daß ihre Vorsitzende zugleich die Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins fei, die sich um die Hebung des Lehrerinnenstandes hervorragende Verdienste erworben habe. Frau Höhl bäum übermittelt die herzlichsten Grüße des Evangelischen Gemeinde-Frauenvereins, der die Arbeit des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins mit regem Interesse verfolge, namentlich die, die darauf hinauslaufe, den Frauen neue Wege in der Gemeindetätigkeit zu bahnen. Frau Vogt spricht namens des Vereins für Frauenstimmrecht, der sich aus dem großen Programm der Frauenbewegung dieses «eine Ziel ausgewählt habe, weil man glaube, daß mit der Erreichung des Frauenstimmrechtes, das natürlich verdient werden müsse, viele Frauen fragen gelöst werden ikönnten. Es sei das gemeinsame Ziel, die Frauen tüchtig zu machen für Aufgaben, die eine neue Kultur an sie stelle. Als letzte Rednerin spricht Frau Goldschmidt-' We i l im Namen der hessischen Frauenvereine. Fräulein Helene Lange erstattet nach einem kurzen Dankeswort den Geschäftsbericht über die Zeit vom 1. Oktober 1911 bis 30. September 1913. Während dieser Zeit sei die Tätigkeit des Vorstandes hauptsächlich der Fundierung derZentralesürGemeinde- ämter der Frau in Frankfurt a. M. gewidmet gewesen. Die Zentrale, deren Aufgabe cs ist, durch Materiaffamm- lung, Auskunfterteilung und unmittelbare Anregungen die Einstellung von Frauen in ehrenamtliche oder berufliche Gemeindearbeit zu fördern, war durch ihre Entwickelung in den letzten Jahren über den Rahmen hinausgewachsen, innerhalb dessen sie durch freiwillige oder ehrenamtliche Arbeit verwaltet werden konnte. Der Verband sah sich daher vor die Notwendigkeit gestellt, den Bestand und eine erweiterte Fortführung der Zentrale durch Anstellung einer vollbeschäftigten beruflichen Arbeitskraft zu ermöglichen. Diese Arbeit mußte von einer nationalökonvmisch und sozial- wissensckfaftlich geschulten Beamtin geleistet werden, deren Anstellung zu ermöglichen war. Die Beschaffung eines Kapö tales war die nächste Aufgabe. Es wurden aufgebracht an einmaligen Beiträgen 9380 Mk., an regelmäßigen auf bestimmte Zeit zugesagten Jahresbeiträgen 2426 Mk. ferner 1*160 Mk. auf drei und 284 Mk. auf 5 Jahre. Damit konnte im Mai dieses Jahres der Ausbau der Zentrale vorgenommen und Frl. Dr. Marg. Bernhard als Geschäftsführerin angestelll werden. Allerdings sichern die bis jetzt aufgebrachten Beträge den Bestand der Zentrale noch lange nicht in genügendem Maße und es müssen auch weiterhin noch beträchtliche Mittel aufgebracht werden. An der großen Frauenausstellung in Berlin war der Vorstand des Verbandes wie alle großen Frauenorganisationen lebhaft beteiligt. Von den Anregungen der letzten Generalversammlung wurde der weiblichen Jugendpflege weitere Aufmerksamkeit zugewendet. Ferner beteiligte sich der Verband an einer von der Zentrale für Volkswohlfahrt und vom Bund deutscher Frauenvereine einberufenen Konferenz, zu der eine Zentrale für weibliche Jugendpflege gegründet wurde. Auch eine Anzahl von Petitionen reichte der Verband ein, darunter eine um Zulassung weiblicher Schöffen bei den Jugendgerichten. Weiterhin wurden Gruppentagungen eingerichtet, um den Zusammenhang unter den Vereinen auch während der Geschäftsperiode zu verstärken und die Arbeit zu beleben. Die Gegenstände dieser Tagungen betrafen kommunale Armen- und Waisenpflege, Vormundschaft, Wohnungspflege, Schankkonzessionswesen, Schwindsuchtsbekämpfung, Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit und Jugendpflege, insbesondere die Fürsorge für die zuziehenden Jugendlichen in der Großstadt und das Problem der Verpflanzung der Großstadtjugend auf das Land. Die Zahl der Ortsgruppen ist mit 14 dieselbe geblieben wie im letzten Berichtsjahr. Die Zahl der angeschlossenen Mrt- gliedsvereine ist von 44 auf 57 gestiegen. 3 Vereine sind ausgetreten, 16 neu hinzugekommen. Die feit 1894 bestehenden Realgymnasialkurse des Allgemeinen deutschen Frauenvereins zu Leipzig werden mit Ostern 1914 eingehen, da in Leipzig eine städtische Studienanstalt begründet wurde. Ostern 1913 bestanden 25 Schülerinnen die Reifeprüfung, der sich Ostern 1914 35 unterziehen werden. , Auch die Arbeit der Ortsgruppen war recht ersprießlich, besonders auf dem Gebiet der Wohnungsinspektion und anderen Gebieten kommunaler Wohlfahrtspflege, darunter Ausstellungen zur Bekämpfung der Schundliteratur in Halle, Gießen, Gera und Darmstadt. Auch an der Reform für private Wohltätigkeit werde weitergearbeitet. Die gewerbliche Fortbildungsschule für Mädchen und die Einführung der Angestelltenversicherung gab Gelegenheit zu weiterer wichtiger Tätigkeit. Dazu kamen noch die Erweiterung und Verbreitung der weiblichen Vormundschaft, die Rechts- fchutzarbeit, die Berufsberatungen usw. Eine interessante und wichtige Ausgabe ist der Jugendgruppe in Darmstadt anvertraut worden, indem man ihr die Schülerinnen der städtischen Frauenschule zur Einführung in die soziale Hilfsarbeit übergibt. Das Bild der geleisteten Arbeit sei zwar, so schloß die Vorsitzende, natürlich unvollständig, aber es zeige doch, daß sich im öffentlichen Leben und in der Wohlfahrtspflege eine Frauensphäre organisch entwickele, die von frischen arbeitswilligen Kräften immer reichlicher besetzt werde. lieber die Tätigkeit des Propagandaausschusses berichtete dann Frau Traun, die auch bei der Durchführung der Gruppentagungen in hervorragendem Maße beteiligt war. Alsdann sprach Frl. Dr. Marie Elisabeth Lüders, Berlin, über die Probleme der städtischen Wohnungspflege unddieWohnungsinspektorin. Die Vortragende gibt auf Grund eines reichen statistischen Materials einen lleberblick über ihre Tätigkeit als Wohnungsinspektorin und schildert an einer Anzahl von Beispielen, wie dringend notwendig eine planmäßig durchgeführte Wohnungsinspektion vor allem in Preußen sei. Hessen, das ja ein Wohnungsgesetz habe, sei wesentlich besser daran. Besonders scharf wendet sich Frl. Dr. Lüders gegen die Einpferchungen zahlreicher Menschen in engen Wohnungen, gegen das Schlafgängerwesen, das ein großer Schaden vor allem für die Heranwachsende Jugend sei, und auch für deren Gesundheitszustand von größtem Nachteil werden müsse. Daraus gehe schon hervor, daß die Mängel im Wohnungswesen in erster Linie dem Wohnungsinhaber zur Last sielen, der sich nicht selten in der schlimmsten Weise gegen das Eigentum eines Dritten — die Wohnung — verging, indem er sie fahrlässig, wenn nicht gar gröblich verschmutze und minder brauchbar mache. Dadurch werde aber wieder eine mittelbare Verteuerung der Mieten veranlaßt, da der Hauseigentümer die Herstellungskosten doch verrechnen, also auf die Miete schlagen müsse. Niemand könne ihm zumuten, diese außergewöhnlichen Kosten aus seiner eigenen Tasche zu bezahlen, um die Wohnung wieder bewohnbar zu machen. Hier müsse vor allem durch Erziehung Besserung versucht werden. Wie die anderen Schäden zu bessern seien, das wären schwerwiegende soziale Probleme, deren Lösung ungemein schwierig sei. In manchen Städten habe man dafür besondere Fonds zur Verfügung, vielerorts seien private Hilfsquellen vorhanden. Um aber das Hebel an der Wurzel zu fassen. ntffte man sich eingehend mit den bedürftigen Fawillen beschäftigen, wozu in allererster Linie Wohnnngsinspektorrn- nen zu berufen seien, da sich die Frau der Frau viel eher anvertraue als dem Manne, der gerade im Hauswesen häufig auch nicht den scharfen und geschulten Blick der Frau habe. Das praktisch allerdings unerreichbare Ideal würde dk-e Architektur sein, die zugleich volkswirtschaftliche Bildung und soziale Praris besitzt. In der Aussprache, die sich zuweilen recht lebhaft gestaltet, bedauert zunächst Frau Kruckenberg (Kreu^ach), daß nicht genug Frauen vorhanden wären, die befähigt und gewillt seien, tatkräftig mitzuwirben. Vielleicht könn- ten hier Führungen von interessierten Frauen viel Gutes wirken. Fräulein Tr. Kröhne, Kreiswohnunasinspektorin von Worms, gibt einen Ueberblick über die Wohnungspflege im Kreis Worms und bedauert ebenfalls, daß das Verständnis der Frauen in dieser Lache noch wenig geweckt sei. Ein sehr wichtiges Kapitel sei die Ausgestaltung der Schlafräume für die Dienstboten, denen erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden sei. Fräulein Tr. Bernhard (Frankfurt a. M.) stellt folgenden Antrag: Ter Allgemeine Deutsche Frauenverein möge die Zentralstelle mit der Bildung eines Ausschusses beauftragen, der sich mit dem Bund der Wohnungsreformer in Verbindung setze und die Berufung von Wohnungs- infpektorinnen betreibe. Frau Bensheimer (Mannheim) wendet sich unter starkem Beifall gegen den Vorschlag der Frau Krucken- berg, daß Führungen durch die Wohnungen veranstaltet toerden sollten. Das führe nur zu einer Bloßstellung der armen Familien und habe auch wenig praktischen Wert, da unter den hierfür zur Verfügung stehenden Damen eine ganze Anzahl sei, die nicht das richtige Verständnis hätte. Frau Krücken berg stellt ihren Vorschlag dahin richtig, daß nur befähigte Damen geführt werden sollten. Frl. Tr. G. Bäumer bespricht die Verhältnisse in den Großstädten und den Zuzug vom Lande, der oft alles zu wünschen übrig lasse. Frau Eggers-Smidt (Bremen) regt Mutterbesprech unaen an. Frau v. Forster (Würzburg) hält einen ehrenamtlichen Wohnungsausschuß nicht immer für einen Vorteil, da es häufig nur ein Beruhigungsmittel für die Behörden fei und die Anstellung von Wohnungsinspektorinnen hinausziehen könne. Tie Aussichten seien ohnehin nicht gerade glänzend. Frau Kirchner (Gera) spricht über die von der dortigen Ortsgruppe veranstaltete Umfrage, die zwar betrüblich, aber ergebnisreich gewesen sei. Frau Altmaun-Gotthciner meint im Gegensatz zu Frau v. Forster, daß die Aussichten zur Anstellung von Wohnungsinspektorinnen niemals günstiger gewesen seien als heute. Frau H. Führt (Frankfurt a. M.) wendet sich gegen die gute Stube, die nur Platz beanspruche und niemanden erfreue. Frl. Kaiser (Frankfurt) regt an, daß die Damen, die dürftige Wohnungen sähen, den Armenvereinen Mitteilung machten. Der Antrag des Fräulein Dr. Bernhard wird angenommen. Nach einem «Schlußwort von Tr. M. C. Lüders, die alle Meinungen noch einmal zusanrmenfaßte, wurde eine kleine P auf e gemacht. Bei Wiederaufnahme der Verhandlungen hat sich der Saal sehr gelichtet, unb der Glocke der Vorsitzenden gelingt es erst allmählich, den lebhaften privaten Gesprächen, wie Frl. Helene Lange meinte, ein Ende zu machen. Zur Abstimmung stand der Antrag des Vorstandes: „Ter Allgemeine ^Deutsche Frauenverein möge Schritte tun für die Beseitigung derjenigen Bestimmungen in den bundesstaatlichen Beamterigesetzen bezw. Verordnungen, die der Ehefrau des Beamten die Ausübung einer Erwerbs- ckätigkeit verbieten." Der Antrag wurde nach längerer Aussprache gegen die Stimme des Kaufmännischen Vereins für weibl. Angestellte in Gießen angenommen. Darauf wurde ein Antrag der Ortsgruppe Halle wegen der vorgeschrittenen Zeit auf morgen vertagt. Im Anschluß an die geschäftliche Sitzung fand in Steins Garten ein gemeinsames Mittagessen statt. Darnach wurde die Brvckensammlung, die Frauenarbeitsschule uitf> das Säuglingsheim besichtigt. Die erste öffentliche Ab e n dv e rs amm l ung hatte sich eines sehr starken Besuchs zu erfreuen; auch sehr- viele Männer waren erschienen. Saal und Emporen waren dicht besetzt und viele, die keinen Sitzplatz mehr erhallen konnten, hatten sich an den Wänden ausgestellt. Frl. Helene Lange begrüßte die Erschienenen und gab die an den Großherzog abgesandte Begrüßungsdepesche bekannt, die folgenden Wortlaut hatte: Die 27. Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins gedenkt bei ihrer Tagung in Gießen, die sich mit der Einführung der Frauen in die soziale Arbeit der Kommunen beschäftigt, in Dankbarkeit der Förderung, die Euere Könial. Hoheit dem Gebiet der sozialen Fürsorge angedeihen lassen und sendet ehrerbietige Grüße. I. A. Helene Lange, Vorsitzende. Darauf ist folgende Antwort eingelaufen: Herzlichen Dank für Ihre aufmerksame Begrüßung. Ich wünsche Ihrer Tagung reichsten Erfolg. Ern st Lud wig. Nach Verlesung der Telegramme sprach Frl. Dr. Marie Bernays (Heidelberg) über die Frage: Besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwi- schenderFrauenbewegungunddemGeburten- r ü ck g a n g ? Die Vortragende führte etwa aus: Im letzten Viertel des 19. Iahrhunberts hat eine Abnahme der Geburtenziffern in allen Mulhirlänbem eingesetzt, die mit zunehnteudcr Schnelligkeit bis heute sortdancrt. Mssenschaftliche Untersuchungen über diese neuzeitliche Bevölkerungsbewegung haben folgende Hauptergebnisse gehabt: 1. Der Geburtenrückgang ilt eine Entwicklungserscheinung der gesamten KuUurwelt, die nur in ihren internationalen Zusammenhängen begriffen werden kamt. Hinsichtlich dieses Vorgangs im Völkerleben nimmt Deutschland inmitten der anderen Staaten durchaus eine Mitrelstelluilg ein. 2 Der Geburtenrückgang ist nicht auf die Städte beschränkt geblieben: auf dem Lande finkt die Geburtenzahl snror etwas langsamer als in den Städten, ist aber in allen Kulturländern merklich zurückgegangen. In den kontinentalen Riesenstädten, vor allem in Berlin und Paris, hat der Geburtenrückgang einen erschreckenden Umfang angenommen. 3 Der Geburtenrückgang ist weit weniger physiologischen Motiven, mangelnder Gebärfähigkeit, als psychologischen Motiven, mangelnder Gebärwillrgkeck, zuzuschreiben. Die Beschränkung der Kinderzahl ist hauptsächlich in den Mittelschichten W Hause, drc in unserem heutigen Wirtschaftsleben auf ein sozial^ Em Vorkommen hoffen können, vor allem aber Deklassierung zu fürchten haben. Frauenbewegung oder Frauenemanzipation werden als Mtt- chüldige an dem Nebel des Geburtenrückgangs angeklagt, unter dieser Bezeichnung aber alle Veränderungen im modernen Frauenleben, vornehmlich der Frauenkultus,, die Neue-Ekhik-Bewegung, die Frauenerwerbsarbeit zusammengefaßt. Darauf ist zu entgegnen : 1. Die Grundgedanken des Frauenkultus und der sexuellen Frauenemanzipation, die beide auf den Geburtenrückgang einen — wenn auch nur geringen — Einfluß üben, stehen im Wider- pruch zu den Grundgedanken der Frauenbewegung. 2. Der Einlus; der Frauenerwerbsarbeit der unteren Stände auf die Gebär- älstgkeit der Frauen ist zuzugeben, ihr Einfluß auf die Gebärwilligkeit ist unbewiesene Hypotl/ese. Nachweislich setzt in den Schichten der qualifiziertesten Arbeiter die Geburtenabnahme ein: in diesen Schichten sind die Frauen durchweg nicht außerhäuslich erwerbstätig. Das uns zugängliche statistische Material reicht ür einwandfreie Feststellungen nicht aus. 3. Die Frauenbewegung hat die Frauenfabrikarbeit bei ihrem Entstehen vorgefupden, nicht geschaffen oder gefördert; sie weiß aber, daß die Hoffnung auf Beseitigung derselben ins Reich der Utopie gehört. Die Frauenbewegung wird weiter für die steigende Zahl erwerbstätiger Frauen und Mädchen verantwortlich gemacht: die neuen Frauenberufe 'etzen den Wert des Hausmutterberufes herunter: bei den Mädchen verringere sich die Neigung zur Ehe; bei den Männern durch die weibliche Konkurrenz die Möglichkeit der Familiengründung; bei den verheirateten Frauen erwache der Konflikt zwischen Erwerbs- beruf und Mutterpflichten. Abgesehen davon, daß 1. das Heiratsalter der Männer in keinem Zusammenhang mit der weiblichen Konkurrenz in ihren Berufen steht, daß 2. die Heiratsziffer die Geburtenziffer nicht erklärt und daß endlich 3. die Frauenbewegung niemals die außerhäusliche Erwerbstätigkeit der Ehefrauen als erstrebenswerten Zustand hinstellte, ist mit allem Nachdruck hinzuweisen, das; gerade in den breiten Mittelschichten, ^Großbauern, Kleinbürger, Kaufleute, niedere, mittlere und teilweise höhere Beamten), wo die Erwerbsarbeit der Frau teils seit Jahrhunderten gebräuchlich und mit ihren Mutterpflichten vereinbar war, teils durch Sitte oder gar durch Gesetz verboten ist, der Geburtenrückgang am deutlichsten nachweisbar ist. Volllommen belanglos für die Bevölkerungsbewegung der Nation ist die Zahl der Mädchen, denen das Bewußtsein ihres eigenen Wesens die ausschließliche Hingabe an überpersönliche Werte gebietet und die noch kleinere Zahl der Ehefrauen, deren Tätigkeit für objektive Kulturleistungen wirklich mit ihren Gattungsaufgaben in Konflikt kommt. — Weder auf deduktivem noch auf induktivem' Wege läßt sich ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Frauenbewegung und Geburtenrückgang nachweisen. Beide Erscheinungen haben nicht einmal denselben^ gedanklichen Ursprung. Der Geburtenrückgang ist als R-ationalisieru.ngserscheinung verständlich, in der Frauenbewegung leben dagegen idealistische Kräfte, die sie an kultureller Bedeutung hoch über rein wirtschaftliche Bewegungen emporheben. In der Aussprache tritt Frau Fürth (Frankfurt a. M.) warmherzig für die unehelichen .Kinder ein, die nicht durch ihre Geburt, aber durch das Verhalten der menschlichen Ge- ellschaft häufig zu mindertauglichen Wesen würden. Wir rlle aber hätten eine Verantwortung für das, was zur Welt komme. Alles was Menschenantlitz trage, müsse ein menschenwürdiges Dasein haben. Nach der Statistik seien 80 Prozent, nach der Meinung bedeutender Aerzte gar 90 bis 95 Prozent aller Morte krimineller Natur. Hier müsse )er Hebel eingesetzt werden, aber man solle nicht ängstlich von einer Entvölkerung Deutschlands reden, beim wenn auch )ie Geburtenziffern zurückgingen, so seien sie immer noch o hoch, daß der Geburtenrückgang, bei gleichbleibender Tendenz, erst in 150 Jahren brennend würde. Bis dahin sei man aber vielleicht froh, daß man ein Ventil für die Ueber- völkerung habe. Sie selbst habe übrigens acht Kinder, sie' sei also an dem Geburtenrückgang nicht schuld. Prof. Dr. Opitz wendet sich zunächst gegen die Behauptung der Frau Fürth, daß es mit i>em Geburtenrückgang nicht so schlimm sei. Im Gegenteil, es sei viel schlimmer, als es den Anschein habe. Dabei spielten die Abtreibungen eine außerordentliche Rolle. Auf hundert Geburten kommen in manchen Kliniken hundert und mehr Fehlgeburten. Dabei sei die Neigung zu Mtreibungen so verbreitet, daß man staunte, wenn man erfahre, w^r alles mit solchen Anliegen in die Kliniken komme. Auch die Justiz verurteile Abtreibungen nicht mehr so scharf, weil es sich ganz in da^ Bewußtsein des Volkes eingeschlichen habe, daß man solche Eingriffe eigentlich machen dürfe. Er begrüße es freubig, daß der Allgenreine Deutsche Frauenvereiri in der Bekämpfung dieser Mißstände eine seiner Hauptaufgaben sähe. Frau Kruckenb erg weist darauf hin, daß der Dienst- botenmangel und die Wohnungsnot einen großen Einfluß auf den Geburtenrückgang habe. In vielen Fällen erkundige sich der Vermieter zuerst nach der Kinderzahl. Es müßten deshalb Erleichterungen in der Wohnungsfrage für kinderreiche Familien geschaffen werden. Frl. Tr. Bäumer stellt fest, daß sich der Bund deutscher Frauenvereine auf der Breslauer Tagung entschieden f!ür die 'Beibehaltung der Strafe für Mtreibungen ausgesprochen habe. Frau Lehmann bemerkt, daß der uneheliche Vater häufig der Urheber der Mtreibung sei, um sich seinen Verpflichtungen entziehen zu können. Hier müsse durch Belehrung und strafrechtliche Heranziehung eingegriffen werden. Daß ein Weib sich leichtherzig von feinem werdenden Kinde trenne, das könne sie nicht glauben. Frau Wendt, Hamburg, meint, es fei außerordentlich bedauerlich, daß für bedürftige Wöchnerinnen feine Staatshilfe vorhanden sei, während zur Bekämpfung der Reblaus und zur Pferdezucht Millionen zur Verfügung ständen. Frau Fürth belegt ihre Ansicht, daß es mit dem Geburtenrückgang noch sticht so gefährlich sei, mit einigen Zahlen aus der Frankfurter Bevölkerungsstatistik. In ihrem Schlußwort betont Fräulein Tr. Bernays nochmals, daß .der Allgemeine Deutsche Frauenverein scharf gegen den Geburtenrückgang anzugehen suche. Fräulein Helene Lange schließt die Versammlung, indem sie lächelnd bemerkt, daß die meisten der Frauen, die heute abend gesprochen hätten, Mütter zahlreicher Kinder wären. Verehisnadirid)ttÄ. Reiskirchen, 5. Oft. Der hiesige dem Lahn-Dünsberg- Turuerbund angehörige Turnverein hielt heute seine, sehr gut besuchte, ordentliche Generalversammlung ab. In der Ävr- standswahl lehnte der seitherige 1. Sprecher Becker eine Wiederwahl ab. Cs gingen aus der Wahl hervor die Herren K. Spanier 1., Werkmeister H. Schäfer 2. Sprecher, K. Peter 1., Karl La unspach 2. Turnwart. CanbwivtfdMft Günstige Anfiedlungsgelegenheiten für deutsche Landwirte sind in Südösterreich und zwar vor allem in Untersteiermark und Kärnten vorhanden. Die Grundpreise sind dort durchweg weitaus niedriger als in Süddeutschland, desgleichen ist die Fruchtbarkeit eine größere und das Klima milder und gesund Die Preise stellen sich für ein österreichisches Joch, d. i. 57 Ar in den für die Ansiedlung in Betracht kommenden Gegenden in Steiermark durchschnittlich auf 800 bis 1200 Kronen, wobei die Gebäude, das Vich und Inventar meist inbegriffen sind. In Kärnten sind die Grimde noch etwas wohlfeiler, da bort der Weinbaai wegfÄlt. . _ . Was die Fruchtbarfett anbelangt, so gedeihen in ^eterman vor allem Wein und Obst in den besten Sorten, aber auch Getreidebau und Viehzucht wird neben Waldwirrschaft fleißig und mit Erfolg betrieben. Die Absatzverhältnisse sind gleichfalls sehr günstig, da die Nachfrage nach Lebensmitteln in den letzten Jahren auch in Oesterreich so stark gestiegen ist, daß dieses Land heute schon vielfach auf ausländische Einfuhr angewiesen ist unb für Naturprobukte hohe Preise gezahlt werden. Die altansässige Bevölkerung Untersteiermarks ist mit Ausnahme der deutschen Städte und Markte vorwiegend slowenisch, jedoch friedfertig und beutfd)1 freundlich, in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht aber noch aut einer derart tiefen Stufe, daß deutsche Landwirte, vor allem Reichsdeutsche, den Wettbewerb mit ihnen leicht aufnehmen können. Das hat auch der deutsche Schutzverein Südmark in Graz in Erfahrung gebracht, als er vor sechs Jahren durch Seßhaft- machung von einigen Landwirtefamilien aus Württemberg in der Gemeinde St. Egydi in den Kindischen Büheln (nördlich von Marburg a. d. Drau) seine Besiedlungstätigfett aufnahm. Heute sind dort und in der Gegend von Mahrenberg im Drautale 57 ,An- iedlerfamilien mit insgesamt 355 Köpfen wohnhaft, die durchweg sehr gut vorwätts kommen, so daß keine einzige Familie mehr an bie Rückkehr in die Heimat denkt, sondern im Gegenteil sie noch weitere Anwärter von Zeit zu Zeit zuziehen. .Gute deutsche Schulen und deutsc^evangelischer Gottesdienst find ebenfalls vorhanden, desgleichen stehen die altanfässigen Bewohner mit den Anfiedlerfamilien auf bestem Freundschaftsfuße und gehen ihnen in jeder Hinsicht mit Rat und Tat an die Hand. In Kärnten liegen die VerlMnisse ganz ähnlich, nur kommt dort hauptsächlich Acker-, Wiesen und Viehwirtschaft in Betracht, welch letztere insbesondere durch die den Bodenverhältnissen angepaßten Sommerweiden besonders günftige Erträgnisse abwirft. Weinbau wird fast gar nicht betrieben, dagegen gedeihen die verschiedensten Obstsorten vorzüglich. Auch wird viel Bienenzucht betrieben. ♦ F. C. Schlitz, 5. Oft. Am 1. Oktober ist eine neue M o l k e r e i - Öl e n o s s e n s ch a s t hier unter dem Namen „Molkerei-Genossenschaft „S chl i tz e rl a n d" in Betrieb genommen worden, die von einer größeren Anzahl Landwirte aus dem Schlitzerland ins Leben gerufen wurde. Sport. = Fußballspiele. In der AI. Klasse trafen sich hier am Sonntag Gießener Sportverein 1900 II. u. B. C. Wetzlar I. Tie hiesige Mannschaft zeigte sich im Angriff dem Gegner überlegen und gewann mit 5 :1 Toren. In der All. Klaffe fegte der Gießener Sportverein 1900 3. Mannschaft über B. C. Gießen 2. Mannschaft mit 3:0 Toren. Kleine Eagerchronik. Ter Gendarmenmörder Emil Klingel aus Kaiserslautern, der am 27. September vom vf älzischen Schwurgericht wegen E r» mord u n g des Gendarmen Lindner aus Kaiserslautern zum Tode verurteilt wvrdeu war, bat kurz vor Ablauf der Revisionsfrist durch seinen Anwalt Revisioii beim Reichsgericht einlegen lassen. In Chicago wurde ein Manu namens Henry Spencer verhaftet, der beschuldigt wird, die Tanzlehrerin Rerroad ermordet zu haben. Er soll diesen und 13 andere Morde, von denen er zehn im Jahre 1912 begangen haben will, e i n g e ft a n b e tf haben. Briefkasten der rredaktion. (Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.) Fran G. Sie fragen an, ob Sie aus der Grenze Ihres Ge« bietes Bäume einpslanzen können: — Ja, Sie können auf Ihrem Gebiete tun und lassen, was Sie wollen, selbst auf die Geiahr bin, daß ein Verlust der unmittelbar angrenzenden Kulturen des Nachbargebietes angenommen werden kann. Nur i'l dabei die eine Frage nicht außer Acht zu lassen, daß alles Wachstum, ivas jen- eits der Grenze erfolgt, Eigentum des dortigen Grundstücksbesitzer? ist. Wenn Sie beispielsweise dicht an der Grenze einen Obstbaum einpslanzen, so hat der Besitzer des Gruirdstückes jenseits der Grenze das Recht, sich als Besitzer aller Zweige des Obstbaumes zu betrachten, die über die Grenze hinausragen; d. h. er darf sie entfernen, er darf die Früchte einernten usw. Markte. Gießen, 7. Olt. M a rktberi cht. ?htf heutigem Wochen« markte kostete: Butter das Pfund 1,05—1.15 Mk^ Hühnereier I Stück 9—10 Pfg^ 2Ctiick0Pfg., Enteneier 1 Stück 10—0 Psg., Gänseeiei ISt. 14 Pf., Käse das Stück 6—8 Psg., Kasematte 2 Stück 5—6 Pfg., Tauben pr Br. 0,80—1,00 9)if„ Hühner pr. St. 1,00—1,60 Mk., Hahnen pr. Stück 1,50—2,50 Mt., Guten pr. St. 2,00-3,00 Mk., Gänse das Psd. 70—80 Pfg. Ochsensleisch pr. Psd. 92—100 Pfg., Rindfleisch pr. Psimd 90—94 Psg. üuhfleisch 80 Psg. Schweinefleisch pr. Pstrnd 90—110 Psg., Zialbfleisch pr. Psd. 91-98 Pfg., Hammelfleisch pr. Pfd. 70—96 Psg., Kartoffeln pr. 100 Kg, 4.50 bis 5,00 SDlf., Weißkraut das Stück 10 bis 20 Psg., Zwiebeln per Ztr. 4,00—6,00 Alk., Milch das Vitec 22 Pfg. Nüsse 100 Stück 50—60 Psg. per Ztr. 0—00 Mk. Birnen das Pfund 10 bis 20 Pfg., Aepsel der Zentner 10 bis 22 Alk., Zwetschen der Ztr. 4.0,>—o.00 Mt., Bohnen 1 Pfund 10 bis 20 Psg. Marktzeit von 8 bis 2 yhr. Tic Marktpreise für Vieh unb Frucht unb bie Gießener Fleisch- unb Brotpreise am 6. Oktober 1913. Amtlicher Teil. Schlachtviehpreise in Franks u rt cu M. Fleischpreise in Gießen Ochsen Kälber Schweine 50 Kg. Schlachtgewicht 85—98 Nik. '/, Kg. Schlachtgiv. 98-115Bf. '/, , , 80—83 „ '/, Kg. 92—100 Pfg. ’/, , 94—98 , '/, , 90-110 , Getreidepreise in Mannheim Brotpreise in Gießen Weizen 100 Kg. 20.00-20.25 Mk. Roggen 100 Kg. 16.60-16.75 Alk. Weißbrot 2 Kg. 62 Ut Schwarzbrot 2Kg. 54 Psg. Betr.: Jahresbericht der Großh. Gewerbemspcktion für 1913; hier: Erhebung über den Umfang der Hausarbeit. An die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises, an das Großh. Polizeiamt Gießen und das Großh. Polizeikommisfariat Arnsburg. Wir erinnern Sie, soweit Sic noch damit rückständig sind, an Erledigung unseres Ausschreibcns vom 12. September 1913 (Kreisblatt Nr. 74) mit Frist von 1 Woche. Gießen, den 3. Oktober 1913. Großherzogliches Krcisantt Gießen. ___________________________Dr, U f i n 9 e r. Bekanntmachung Betr.: SB al j arbeiten-auf den Kreisstraßen. Die am 20. September l. Js. angeordnete Sperrung der Kreisstraße Reiskirchen—Hattenrod wird aufgehoben. Gießen, den 6. Oktober 1913. Großherzogliches Kreisamt Gießen. I. B.: Welcker.