Nr. 254 Zweites Blatt 165. Jahrgang Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Tie „Siebener Familienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Nreirblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal. Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Sberheffen Montag, 6. Moder 1915 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^@51. Redaktion:S-^ 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen. S3 daß bei der gegenwärtigen Haltung der Fortschrittspartei deren wirtschaftspolitisck-cs Ideal noch immer der Freihandel ist lind die heute den allmählichen Abbau der Zölle fordert, nicht zu denken ist, so bedauerlich dies auch sein mag. Tie nationalliberale Partei wird sich natürlich solchen Versuchen widersetzen: sie wird aber ebensowenig für übertriebene Forderungen zu haben sein. „Wir können," so schließt Dr. Stresemann seine Artikel, „aus den Zolldebatten der nächsten Jahre ohne leidenschaftliche Erregung der Menge, ohne Ausspielung eines Berufsstandes gegen den anderen herauskommen, wenn sich alle bürgerlichen Parteien diesen Standpunkt der nationalliberalen Partei aneignen würden." Ganz unsere Meinung. Der Antrag Schönbergers, Aushebung der veMrkaffen in Hessen betreffend. Ein Finanz beamt er schreibt uns: Der Schwerpunkt des Antrags Schönberger liegt u. E. in der Frage: Können die Städte und Gemeinden verpflichtet werden, die Erhebung der Staatssteuern im besonderen und der Staatseinnahmen im allgemeinen unentgeltlich vorzunehmen? Wenn ja, dann hätte man diese Verpflichtung schon bei der Einrichtung der Untererhebstellen aussprechen sollen, denn letztere decken sich in der Hauptsache mit den Gemeindekassen. Um Ersparnisse für die Staatskasse zu erzielen, würde es dann einfach genügen, den Untererhebern, soweit sie Gemeindeeinnehmer sind, die Hebgebühren zu entziehen, dagegen da, wo es sich um selbständige Untererhebstellen handelt, diese aufzuheben und an die Gemeindekassen anzugliedern. Hiermit wäre mit einem Schlage die Staatskasse von den Kosten der vielumstrittenen Untererhebstellen entlastet, nicht aber wären dies auch gleichzeitig die Steuerzahler. Wenn es auch möglich fein sollte, die Gemeinden zur Uebernahme der staatlichen Erhebungen zu zwingen, so kann dieser Zwang nicht ohne weiteres bis auf die Gemeindeinnehmer ausgedehnt werden, welche zu ihrem Arbeitgeber in einem ieder- zeit kündbaren Vertragsverhältuis stehen und nach bem, Grundsatz von Leistung und Gegenleistung sich ihrer Arbeit entspreckfend bezahlen lassen. Den Zugang der staatlichen Erhebungen werden diese nicht ohne entsprechende Vergütung hinnehmen, welche, wenn der Staat sie ablehnt, von den Gemeinden zu übernehmen wäre. Also: Entlastung des Staates, Mehrbelastung der Gemeinden. Gerade in diesem Zeitpunkt wurden in der letzten Zeit von den Kommunalvertretern heftige Klagen geführt und hervorgehoben, der Staat treibe Sparpolitik, indem er einen Teil seiner Lasten auf die Gemeinden abwälze oder letztere in verstärktem Maße zu staatlichen Leistungen nötige. (Erhöhte Heranziehung der Gemeinden zu den Lehrerbesoldungen, den Oberförsterbesoldungen, Erhebung von Gebühren der Rechnungsrevision usw.) Der Gedanke, Staatssteuern von den Gemeindekassen erheben zu lassen, ist nicht neu, er wurde auch schon von dem Herrn Oberbürgermeister unserer Residenz ausgesprochen. Nachhaltig weiter verfolgt wurve er aber nicht, wohl deshalb, weil man sich von dessen Unausführbarkeit überzeugte. Voraussetzung für die gemeinsame kostenfreie Erhebung von Staats- und Gemeindesteuer wäre deren Anforderung auf einem Zettel, was sich aber bis jetzt bei den Veranlagungsbehörden als undurchführbar erwiesen hat, da die Unterlagen für die Gemeindesteuerausschläge, die Gemeindevoranschläge, so spät fertiggestellt werden, daß mit dem Ausschlag der Staatssteuern hieraus nicht gewartet werden kann. Der Herr Antragsteller nimmt sich Preußen zum Vorbild. Es fei deshalb gestattet, die dort bestehende Einrichtung eingehend zu beleuchten. In Uebereinstimmung mit Hessen ist in Preußen das Kassenwesen auf das glatte Land hin, in inniger Fühlung mit den Pflichtigen, verzweigt. Tie Erhebung der Staatsgefälle geschieht durch die Gemeinderentmeister unentgeltlich und zwar als Gegenleistung für die Ueberlafsung der Realsteuer an die Gemeinden. Slblieferungspflichtig sind diese Stellen an die Kreisrentmeister, deren Dienstbezirk sich mit einem Kreise, je nach Größe auch mit mehreren, deckt und welche ungefähr mit den Bezirkskaffen in Hessen übereinstimmen. Der Aufbau nach oben gipfelt in Preußen in den Regierungshauptkassen als Zentralen, in Hessen in der einzigen Hauptstaatskasse. Die Zuständigkeit der hessischen Bezirkskassen reicht aber bedeutend weiter als die preußischen Kreiskassen, da sie noch die Gerichtskosten, gerichtlich anerkannte Strafen usw., ferner Domanialgefälle aller Slrt zu erheben haben, wofür in Preußen Gerichtskasfen, Forstkassen und Domanialkasfen bestehen, welche sämtlich an die Regierungs- hauptkafsen ablieferungspflichtig find. Wo sonach in .Hessen als Vorinstanz zur Zentrale ein einziges Kassensystem besteht, sind es in Preußen deren vier. Und nun soll nach Ansicht des Herrn Sch. dieses eine Institut überflüssig sein, es soll die Möglichkeit vorliegen, etwa 1000 Gemeiudekaffen in ein direktes Ablieferungs- und Abrech- nnngsverhältnis zur Hauptstaatskaffe zu bringen? Diese Frage stellen heißt sie verneinen. Es ist gar nicht auszudenken — auch für den fernerstehenden nicht — welchen Ausbau die erwähnte Behörde erleiden müßte, um der Ausgabe gewachsen zu sein, die ihr für die Zukunft gestellt würde. Herr Sch. hat es eilig. Er wünscht, daß seine Gedanken schon in Bälde umgesetzt werden, übersieht aber hierbei, daß man etwa 40 bermafige Bezirkskassiere nicht ohne weiteres ihrer Stellung entheben kann. Diese sind pensionsberechtigt und würden im Falle ihrer Zwangs- pensionierung die Staatskasse mit etwa 150 000 Mark Ruhegehältern belasten. Ob es mit der Sparabsicht des Herrn Antragstellers in Einklang zu bringen ist, drei Dutzend rüstige, arbeitsfähige und arbeitswillige Beamten zur Untätigkeit zu verurteilen, ihnen aber dafür Bezahlung zu geben, möge füglich bezweifelt werden. Ms s. Zt. die Miguelschen Reformen in Preußen cingefübrt und durch Ucbertragung der Staatssteuererhebung auf bie Gemeinden viele Beamten entbehrlich wurden, konnte man diese als Lotterieeinnehmer unterbringen. In Hessen wäre ähn- liches gegenwärtig nicht möglich. . ' Ob sonach der Antrag Sch., auf Ersparnis,e abzielend, prak- tisch durchführbar und namentlich ersparnisbringend sein wird, bleibt noch zu beweisen. Mle diejenigen, welche der bestehenden Organisation Verständnis entgegenbringen, glauben dies mit nein beantworten zu sollen. £an6tag$abgeorönekr Dr. heydenreich f. bs. Darmstadt, 5. Oft. Am Samstag abend gegen 6 Uhr starb in seiner Wohnung, Eichbergstraße 24, nach kurzem Krankenlager der Landtagsabgeordnete und Direktor der Zentralgenossenschaft der hessischen Landwirtschaftlichen Konsumvereine Dr. Aug. Heydenreich. Der Verstorbene stand int 67. Lebensjahre; er wurde geboren am 8. Juli 1846 zu Affolterbach i. O. Er besuchte die höhere technische Schule in Darmstadt sowie die Universitäten Gießen, Halle und Heidelberg. Sein Hauptbetätigungsfeld war die Landwirtschaft. Er volontierte auf verschiedenen Gütern und arbeitete vom Jahre 1869 an bis 1887 als praktischer Landwirt auf dem Gute feiner Eltern, das er 1880 als Eigentum übernahm. Von 1887 ab stand Heydenreich im Dienste der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften. Seit 1881 war er Mitglied des Vorstandes des landwirtschaftlichen Provinzialvereins Starkenburg und. feines Ausschusses. Ferner gehörte er dem hessischen Land- wirtschaftsrat an. Bis zu seiner Nebersiedlung nach Darmstadt im Jahre 1887 war er auch Mitglied des Kreistages des Kreises Heppenheim und des Provinzialtages der Provinz Starkenburg. Seit dem 28. Oktober 1893 gehörte Heydenreich der Zweiten Kammer an, auch war er Mitglied der hessischen Landwirtschaftskammcr. In der nationalliberalen Partei, der der Verstorbene angehörte, nahm er die Stellung eines stellvertretenden Vorsitzenden ein. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, in der Hauptsache ein Vertreter der landwirtschaftlichen Interessen zu fein. Aber auch in steuerpolitischen Fragen hörte man gern den Rat Dr. Heydenretchs. Er vertrat den Wahlkreis Wald-Michelbach. Der Verstorbene gehörte dem Finanzausschuß der Zweiten Kammer und der Kommission zur Beratung über die Vereinfachung der Staatsverwaltung an. Die Beisetzung der Leiche soll am Mittwoch in Affolterbach stattfinden. Unser imperialistisches Zeitalter habe die Reibüngssläckien unter den Nationen immer größer werden lassen. Klar habe das heute das deutsche Volk ernannt und die Konsequenz daraus gezogen, indem es gewaltige Opfer für die Stärkung unserer Wehr brachte. Das sei nicht tzuletzt ein Erfolg der nationalliberalen Politik. Zeit ihres Bestehens habe die nationalliberale Partei diese Gedanken ins Volk getragen. Einst war sie fast Prediger in der Wüste, mußte sie sich des Hurrapatriotismus zeihen lassen, heute sei die klare Erkenntnis von Iber Notwendigkeit einer kraftvollen, durch eine machtvolle Rüstung gestützten auswärtigen Politik Gemeingut des gesamten Bürgertums. Und das stolze Bewußtsein, diese Erzie- lMngsarbeit selbstlos geleistet zn haben, Wune der nationalliberalen Partei niemand rauben. Auf diesen Bahnen unserer Partei wollen wir weiter arbeiten. Eine Politik der Resignation auf dem Gebiet der auswärtigen Politik darf es nicht geben. Wir wollen Opfer nicht umsonst bringen, sondern wollen unfern Platz an der Sonne haben. — In der inneren Politik rückte Herr Bassermann die Neuregelung unserer Handelspolitik in den Vordergrund. Mit Recht werde man an jede Partei appellieren : Wie stehst du zu den Fragen der Wirtschaftspolitik? Für uns ergebe sich die Antwort, wenn wir uns vergegenwärtigten, welchen Aufschwung das deutsche Volk in den letzten Jahren wirtschaftlich genommen. Dieser Aufschwung zeige, daß die Grundlagen unserer Wirtschaftspolitik gesund sind. Deshalb werde die nationalliberale Partei fest halten an den Grundlagen, die sie 1902 mitgeschaffen habe, einig in allen ihren Gliedern, Her deut - schen Volkswirtschaft den Schutz der nationalen Arbeit zu erhalten. — Die Partei bleibe sich aber auch bewußt, daß sie in allen Fragen eine Politik der mittleren Linie verfolgen müsse. Das führte Herrn Bassermann zu einer nachdrücklickten Betonung auch des liberalen Teils des nationalen Programms. Gesetzgebung und Verwaltung wollen wir, so sagte er, mit liberalem Geist durchdringen, und dieser Aufgabe wollen wir neben der nationalen nachstreben. Guten Mutes, unbekümmert um hämische Angriffe von rechts und links, wollen wir unser Ziel zu erreichen suchen: eine kraftvolle nationale Politik, getragen von liberalem Geist, der letzten Endes doch Herr werben muß über Klassen- und konfessionelle Streitigkeiten. Eine Reihe weiterer Reden, künstlerische und turnerische Darbietungen verstärkten den Eindruck der Feier. — Am Sonntag folgten Besichtigungen, sowie ein gemeinsames Essen, am Montag eine Fahrt nach Rüdesheim. * Die Geschäftsstelle der „Freien Vereinigung hessischer Nationalliberaler, Mainz", schreibt uns: In ben gegenwärtig eifrig betriebenen wirtschaftspolitischen Erörterungen rückt bie Haltung ber nativnalli beraten: Partei gegenüber unserer heutigen Wirtschafts- und Zollpolitik immer mehr in den Mittelpunkt. Es ist bies wohl im Hinblick auf die wichtige Rolle, die die nationalliberale Partei bei den aus Anlaß der Neuregelung der Handelsverträge im Reichstage ftattfinbenben Bei Handlungen spielen wird, bis zu einem gewissen Grade verständlich. Eigentlich ist bie wirtschaftspolitische Stellung ber Nationalliberalen Partei aber keine Frage mehr, denn es steht längst fest, baß unsere Partei in die Phalanx ber schutzzöllnerischen Gruppen gehört unb unter allen Unist ä n b e n an bem bestehenden maßvollen Schutzzollsystem f e st h a l t e n will. Auf diesen programmatischen Standpunkt hat sich die Partei durch die Erklärungen ihrer Fraktionen, die Kundgebungen ihrer Parteitage unb bie Aenße- inugen ihrer verantwortlichen Redner wiederholt sestgelegt, so daß jeder objektive Politiker mit dieser Stellungnahme wie mit einer gegebenen Tatsache rechnen sollte. Wenn gleichwohl in bet agrarkonservativen Presse systematisch die Meinung verbreitet wird, daß die gegenwärtige deutsche Wirtschaftspolitik in Gefahr stehe, zugunsten sreihändlerifcher Tendenzen geopfert zu werden, da bei ber dem Gedanken des allgemeinen Abbaues geneigten Haltung verschiedener unter dem Einflüsse des Hansabundes stehender nationalliberaler Abgeordneter auf bie nationalliberale Partei kein Verlaß fei, so entspringt ein solches» Vorgehen durchsichtigen Gründen. Aus der Haltung der nativ n a l l i b e r a l e n Partei in Sachen der gegenwärtigen Wirtschafts- und Zollpolitik wird sich aber, darüber sollten sich eigentlich bie führenden Kreise des Bundes der Landwirte klar sein, fein Kapital schlagen lassen, denn sie ist unangreifbar. Daran ändert auch selbstverständlich nichts bie Zugehörigkeit natio- nallibcralcr Parteimitglieder zu dieser ober jener, wirtschaftspolitischen Organisation. Wenn dies der bekannte Syndikus Dr. Stresemann im „Deutschen Kurier" in Abwehr der erwähnten agrarkonservativen Angriffe mit Nachdruck betont, so kann man sich in Anbetracht seiner Beziehungen zum Hansabund über.eine solche Feststellung nur freuen. Wertvoll ist vor allen Dingen das von Dr. Stresemann für den Hansabund — dem wir, wie wir ausdrücklich bemerken, als politische Partei vollständig unabhängig gegenüber ft eben — abgegebene klare und unumwundene Bekenntnis zur heutigen Schutzzollpolitik. Wie bie für die Erkältung der Grundlagen unserer heutigen Wirtschaftspolitik eintretenben Kreise haben den natürlichen Wunsch, daß sich bie Reihen ber zum Schutze ber nationalen Arbeit Bekennenden um neue Gruppen verstärken möchten. Daraus erklärt es sich auch, daß von Dr. Stresemann es als wünschenswert betrachtet wird, wenn auch die Fortschrittliche Volkspar- t e i von einer Agitation auf Herabsetzung der Zölle absehen unb sich den Schutzzöllnern auschließen würbe. Wir glauben aber, wiederholt funbgegebenen Stellung lehnen wir einerseits den Abbau der bestehenden Schutzzölle, welchen Industrie unb Lanb- wirtsck-ast ihr Erstarken unb ihre Blüte verbauten, anbererfeits extreme Schutzzollsorberungen ab, weil solche eine Erschwerung ber Lehenshaltung unseres Volkes herbeiführen unb den an sich schon cküvierig gewordenen Mschluß guter Handelsverträge, bie wir ür bie Stetigkeit unserer volkswirtschaftlichen Entwicklung für unbedingt notwendig erachten, gefährden ober unmöglich machen würden." Die Beratung ber Frage des Arbeitswilligen- s ch u tz e s endete mit der Einsetzung eines Ausschusses, der bas bereits vorhandene reichhaltige Material verarbeiten und die Grundlage für die weiteren Entschlüsse der Fraktion schaffen soll. Ueber die Bestrebungen auf Schaffung eines Staatsarbeiterrechts wurde ebenfalls Beratung gepflogen. Man einigte sich dahin, im Reichstag einen Antrag einzubringen, aus Vorlegung einer Denkschrift über die rechtlichen Verhältnisse der außerhalb des Beamten-Ver- hältnisses in den Betrieben des Reichs beschäftigten Personen. Die Prüfung der schwebenden Fragen der Gewerbe- und Handwerkerpolitik wurde einem dreigliedrigen Ausschuß übertragen, der der Fraktion bei ihrem Wieder- zusammentritt Bericht zu erstatten hat. Am Samstag abend fand eine Begrüßungsfeier statt, die einen glänzenden Verlauf nahm. Im Mittelpunkt stand eine politische Rede des Reichstagsabgeordnete n V a s s e r m a n n, der an den Wiesbadener Parteitag von 1907 erinnerte, damals die Zeit erfolgreicher Blockpolitik, heute dagegen eine Zeit gärender Unruhe im Innern und nach außen. Die diesjährige Tagung der nationalliberalen Reichstayssrattion die am Samstag und Sonntag in Wiesbaden stattfand, erfreute sich wie die des Vorjahres in Heidelberg, eines zahlreichen Besuchs. Etwa 30 Abgeordnete hatten, teilweise mit ihren Damen der Einladung Folge geleistet. Erörtert wurde zunächst die auswärtige Politik, weiter die braunschweigische Thronsolgefragc; hierzu wurde folgende Ent- s ch l i e st u n a angenommen: Die nationalliberale Fraktion des Reicl)stags hat von ber PutfATieüuna ber uationalliberalen Lanbesorganisatiou Hannovers sti der Frage der braunschweigischen Thronbesteigung Kenntnis stellt fest, baß bie bann ausgesprochenen B e- f ir A unaeu durch das Don ber Seifenpartei in ber turöHungctt Verhalten in vollem Umfang ge- JprfSp? worden find. Sie billigt unb teilt den in ber 3Le Als er t i gt gebrachten Staubpunkt unb ist bereit, Entschließung zum - - Gebote stehenden parlamentarischen ’&tÄS bm X" jungen zur Geltung zu brilT9Cer unveröffentlichter Skizzen und Malereien in Liä-tbildvorsührungen unterstützt. Im Anschluß an die Festsitzung erfolgte die Eröffnung der Ausstellung von Werken Frankfurter Architekten. Schwurgericht. th. Gießen, 5. Okt. In der gestrigen letzten Verhandlung der diesmaligen Tagung des Schwurgerichts der Provinz Oberhessen wurde gegen die 59 Jahre alte unbestrafte Ehefrau des Konrad G ö r g von Storn- dors verlwndclt, die des Brandstiftungsversuches in 2 Fällen beschuldigt ist. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Dr. Brill; die Verteidigung führte Rechtsanwalt Metz jr. In der Verhandlung waren 12 Zeugen und als medizinischer Sachverständiger Geheimer Medizinalrat Dr. Haberkorn zu hören. Der Tatbestand der Anklage war der folgende: Die Konrad Görg Eheleute wohnten im Hause des Schmidt in Storndorf zur Miete. Am 21. Mai d. I. um 8 Uhr abends kam der 15 Jahre alte Maurerlehrling Schmidt von der Arbeit und begab sich eine Treppe hoch in die Kammer; er verweilte darin kurze Zeit, um sich umzuziehen, und ging dann in das Erdgeschoß, wobei er die Kammertür unverschlossen ließ. Durch den Gang von der Kammer getrennt war die Wohnstube der Eheleute Görg, in der die Frau allein anwesend war. Kaum batte sich der junge Schmidt zum Abendessen niedergesetzt, da ertönte von der Straße her Feuerlärm; es brannte in der Kammer, die der junge Schmidt etwa 10 Minuten vorher verlassen hatte. Das Feuer wurde gelöscht, ohne erheblichen Schaden angerichtet zu haben. Auffälligerweise war ein Strohsack in Braud geraten, der zu unterft in einem Bett lag; die Kamme des Hauses waren in bester Ordnung und die Oesen nicht geheizt. Man nahm an, der junge Schmidt habe fahrlässigerweise das Feuer verschuldet. Dieser stellte aber jede Schuld in Abrede und erklärte, er habe gar kein Feuerzeug bei sich gehabt. Am nächsten Abend kam ein junger Bursche in das Schmidtsche Haus, um eine Schubkarre zu leihen. Schmidt, der gerade seine Karre nicht zur Hand hatte, wies den Burschen an die Görgs, und die Ehefrau Görg ging mit dem jungen Menschen in die Scheuer, händigte das Verlangte aus.und ging wieder in ihre Wohnung, sie soll nun nachher noch einmal in die Scheuer zurückgekehrt sein und dort einen Brand angelegt haben, dem ein Haufen Stroh zum Opfer fiel. Die Angeklagte, eine Frau, die an Fallsucht leidet, bestreitet ganz entschieden, in beiden Fällen an den Bränden schuld zu sein. Sie hat an dem Abend des Brandes, wie sie behauptet, die Scheuer nicht wieder betreten, ebensowenig, wie sie am Abend vorher in der Kammer war. In der Beweisaufnahme wurde festgestellt, daß überall da, wo die Görgs Eheleute während der letzten 20 Jahre zur Miete gewohnt haben, Brände ausgebrochen sind. In einem Fall war sogar das Strafverfahren wegen Brandstiftung gegen die Angeklagte eingeleitet, doch mußte es wegen Mangel an Beweisen eingestellt werden. Tatsache ist, daß die Angeklagte, als die Leute das Feuer bei Schmidt löschten, gesagt hat: „Laßt es doch nur brennen, mein Werk ist ja gut versichert." Es wurde auch durch Zeugen bekundet, daß Frau Görg einige Zeit, ehe es in der Scheuer brannte, in der zu ebener Erde befindlichen Küche gewesen ist, von der man durch einen Spalt in der Mauer in die Scheuer gelangen kann. Die Angeklagte hat bei den Bränden aus ihrem Wohnstubenfenster herausgesehen, während die ganze Nachbarschaft in Aufregung war. Der Beigeordnete hat noch am Abend des Brandes, als er auf der Brandstelle anlangte, dem Schmidt gesagt: „Laß doch die Görgs sofort ziehen, wo die wohnen, brennts immer." Bet der Vernehmung des Ehemanns der Angeklagten kam es zwischen dem Vorsitzenden, Landgericktsrat S ch u d t, und deut Verteidiger, Rechtsanwalt Metz, zu einem Zusammenstoß. Der Ehemann Konrad Gorg war vom Vorsitzenden befragt worden, ob er in der Sache gegen seine Ehefrau aussagen wolle. Dieser hatte dies verneint. Rechtsanwalt Metz erklärte, der Zeuge habe dke Frage, die an ihn geridytet war, nicht verstanden und wollte ihn selbst fragen, ob er ein Protokoll machen wolle ober nicht. Landgerichtsrat Sdpidt erklärte, er könne in diesem Falle dem Verteidiger das Fragerecht nicht einräumen, weil es Sache des Vorsitzenden sei, über das Recht der Zeugnisverweigerung zu belehren. Dies sei geschehen, der Ehemann habe seine Aussage verweigert und damit sei der Fall erledigt. Der Verteidiger verlangte über seinen Antrag einen Beschluß des Gerichtshofes, der im Sinne des Vorsitzenden erging. Daraus erklärte der 70jährige Ehemann Görg, indem er vor die Schranken des Gerichts trat, er wolle aussagen, er habe die Frage nicht richtig verstanden. Landgerickstsrat Schudt bemerkt dem Zeugen noch einmal, er habe das Recht der Zeugnisverweigerung, er brauche kein Protokoll zu machen. In der Hauptsache bestätigte Konrad Görg, daß seine Ehefrau an Krämpfen leide, aber keinen Schnaps trinke, wft in Storndorf behauptet wird. Er ist bei dem Brande in der Scheuer zu Hanse gcroefen; die Frau hat längere Zeit vor dem Brande auf ganz kurze Zeit das Zimmer verlassen. Teit Geschworenen werden zwei Sck)uldfragen vorgelegt, auf den Versuch der Brandstiftung 1. an einem von Menschen bewohnten Gebäude; 2. an einem in fremden Eigentum stehenden Hause. Zur 2. Frage wurde auch die Frage nad) mildernden Umständen gestellt. Vor der Fragestellung hatte der Sachverständige, Geheimrat Dr. Haberlorn erklärt, daß die Angeklagte nicht geisteskrank sei, and) nad} der Beweisaufnahme, wenn sie der Braird- ftiftungen überhaupt für schuldig befunden wird, die Straftaten nicht in einem Dämmerzustand oder mit Bewußtlosigkeit begannen haben kann. Frau Görg leidet an Epilepsie und ist daher milder zu bestrafen, als wenn ein gesunder Mensch an ihrer stelle stünde. Staatsanwalt Tr. Brill erklärt, wenn es fidj um den Brand in der Kammer allein handeln würde, hätte er die Anllage nicht erhoben, aber es sei doch kein Zufall, daß es an zwei Abenden hintereinander in ein und derselben Hvfreite in dem kleinen Storndorf brenne. Ueberall, wo die Angeklagte gewohnt hat, seien Brände ausgebrochen, und dies komme bod) nicht von ungefähr. Die Schmidt Eheleute, die schlecht und niedrig versichert hatten, waren vollständig ohne Interesse an einem Brande: anders liege die Sache aber mit der Angeklagten, deren Mobilien mit 1500 Mark versichert waren, während diese höchstens 300 Mk. ivert sind. Der Staatsanwall tritt dafür ein, beide Schuldsragen, aber auch die Frage nach milderen Umständen zu bejahen. Rechtsanwalt Metz ist der Ansicht, die Beweisaufnahme habe nichts weiter ergeben, als ganz vage Verdachtsmomente. Der Herr Staatsanwalt habe versucht, einen Indizienbeweis zu führen, der aber sehr mager ausgefallen sei. Tie Beweise langen nicht hin, um ein Schuldig aussprechen zu können. Die Geschworenen folgten in ihrem Wahrspruch dem Verteidiger und verneinten beide Schuldftagen, rooraui der Gerichtshof ein frei sprechendes Urteil fällte. Vermiete»» * (Sine seltsame Geschichte wird ansNemPork getnelbel: Ter junge Hermann Oeftich. der Solm des unlängst verstorbenen deutsch-amerikanischen Multimillionärs, wurde gestern verhaftet, weil er eine junge Dame namens Lucie Singleton angeblich durch Messerstiche verletzt habe. Tie junge Dame, die Tochter eines Bergwerksbesttzers aus Texas, soll am vergangenen Dienstag mit einem Studenten, den sie unter dem Namen Clag- horn fennen lernte, diniert haben und nachher aui einer Spazierfahrt in einem Automobil von ihm mit einem Instrumente gestochen morden sein. Tas Automobil fuhr gegen einen Baum, die Tarne wurde dabei nicht unerheblich verletzt. Sie lud den Studenten zu einem Besuche ein und ließ ihn in ihrer Wohnung von einem Detektiv verhaften, wobei der junge Manu identifiziert wurde. * Merkwürdiger Selbstmord. Aus Varis ivird gemeldet: Ter junge Baronet Frederic Williams, bev einer reichen englischen Adelsfamllie angehört, wurde in seinem Schlafzimmer, das er in eine Art Grabgewölbe verwandelt hatte, im tiefsten Aetherschlaf vorgefunden. Er starb in den Annen seiner aus England herbeigeeilten Mutter gestern im Krankenhause. ’ Eisenbahnunglück. Aus Reichenbach (Vogtland), wird unterm 3. Oktober amtlich gemeldet: Heute morgen kurz vor 4 Uhr stieß am oberen Bahnhof der einfahrende Zwickau— Hofer Güterzrrg Nr. 6214 mit der Maschine des Reichenbach—Altenburger Güterzuges 6303 zusammen, wodurch der Zugsührerwagen, der Postwagen und der Eilgutivagen zertrümmert wurden. Mehrere Wagen sind entgleist. Der Zugführer Wunderwald aus Zwickau mürbe tödlich verletzt. Der Verkehr wurde während der Betriebsstörung burd) Umleiten über andere Geleise aufrecht erhalten. 'Ein e i n s a ch es D r e s s u r m i11 e l gegen das H unde- g e b e l l. In der Zeitschrift für »Experimentelle Pathologie und Therapie" empfiehlt Dr. Helly-Würzburg im Hinblick auf die Hunde- Haltung der pathologisch-anatomischen Institute (der Rat ivird gewiß auch vielen Laien willkommen fein), neu eingestellte Hunde, sobald sie zu bellen beginnen, mit einem kräftigen Wasserstrahl aus einem Cpritzenschlauch anzuspritzen und diese Prozedur nach Bedarf zu wiederholen. Die Hunde lernen dann sehr halb den Zusammenhang zwischen Bellen und der unangenehmen Bespritzung zu erfassen unb lassen das Bellen bann dauernd bleiben. Tas Drefsurmitel ist vor allen Dingen völlig unschädlich. kf. W i e sich ein amerikanischer Millionär be° graben l ä ß f. Eine sonderbare, etwas teure Degräbniszeremonie hat sich der amerikanische Millionär Janies Busch in seinem Testament ausbedungen. Seine Leiche mußte im Beisein von mehreren tausend Personen, begleitet von feierlicher Musik, verbrannt werden. Dann wurde die Asche in eine kunstvoll ausgeführte, silberne Ihne gefüllt und in die Lieblingsjacht ihres ehemaligen Besitzers getragen und im Salon mitten unter Blumen ausgestellt. Ein Schleppdampfer zog dann die Jacht auf hohe See hinaus. Endlich hielt er an. Zwei Personen begaben sich auf die Jacht hinüber, öffneten einige Klappen, kehrten wieder zurück, und langsam senkte sich das reizende Fahrzeug ins Meer. Eine Kapelle spielte traurige Weisen und nach einer halben Stunde war die amerikanische Flagge, die hoch auf dem Maste der Jacht fröhlich im Winde flatterte, von den Wogen verschlungen. Vüchettisch. — Quentin-Mahlau's grauer Taschenfahrplan für Winter 1913/14 ist soeben im Verlage von Mahlau u. Waldschmidt Frankfurt a. M., Gr. Gallusstr. 3, in der bekannten reichhaltigen und gediegenen Ausstattung zum Preise von 30 Pfg. erschienen. 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Oktober, abends s Uhr: Zum ersten Male: „Die weiße Weste/ Lustspiel in 3 Akten von Fritz Friedmann- Frederick). Mittwoch, den 8. Oktober, abends 8 Uhr: „Tie weiße Weste." Donnerstag, den 9. Oktober, abends 8 Uhr: „Liliom/ Freitag, den 10. Oktober, abends 8 Uhr: „Tas Beschwerdebuch/ Samstag, den 11. Oktober, abends 8 Uhr (Strindderg-Abend): „Wetterleuchten/ Hierauf: »Mit dem Feuer spielen/ Sonntag, den 12. Oktober, nachmittags 3 Uhr: „Püppchen." '.'Ibens 8 Uhr: „Die weiße Weste/ Montag, den 13. Oktober, abends 8 Uhr : Zum ersten Male (erste Aufführung in Deutschland): „Das Mahl der Spötter/ Dramatisches Gedicht in 4 Aufzügen von Sein Benelli. Deutsch von Hans Barth. Dienstag, den 14. Oktober, abends 8 Uhr: .Prinz Friedrich von Homburg." Mittwoch, den 15. Oktober, abends 8 Uhr: „Das Mahl der Spötter." Donnerstag, den U« Oktober, abends 8 Uhr: »Der Kampf um die Festung/ Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. Cft 1913 Barometer auf 0° reduziert Temperatur der Lust Absolute Feuchtigkeit 1 Relative Feuchtigkeit Windrichtung Windstärke Grad der Bewölkung! In Zehntel der fldjlb. QimmeUfL Wetter 5 2" 739,2 16.9 10,1 70 SW 2 6 5. 9 740,5 11,7 96 93 SW 2 10 6. 7U 741,2 11,5 9,0 89 SSW 5 Höchste Temperatur am 4. bis 5. Oktober — -p 17,4' C. Niedrigste , , 4. „ 5. „ *■ 4- 11,6* C. Niederschlag: 1,1 nun. Nur auf em am.. muß aUf • u -m Einkauf achten. » . . s^e echtl müssen Sie beim Emkau _ dann ist sw der Lampe stehen. npröescUschafL I. des Wärmeschutz billigen und glänzend begutachteten Jso- eines iermittels für Dampfkörper. A. Salomon & Cie. ISI13/! und Professoren OmsM Steiger für eine gröbere Sieger-1 Suche per sofort, tüchtiges Ilinder Eisensteingrube ges. Mädchen.mr einige Lochen Näheres daselbst. 5970 [6581 Lcbr, Welslar. Bleichstrabe 4 p. 6513 Wenn mW ß ss6/0 Zimmer. 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Direktion der Landes-Heil- und Pflegeanstalt bei Gießen. _______I. A.: Lotz, Großh. Hausverwalter. C7IO 1. Futterlieferung für die chirurgische und medizinische Beterinärkliuit. Für die Zeit vom 1. November 1913 bis zum 31. Oktober 1914 soll die Lieferung von Heu, Stroh (Maschinen- und Handdrusch), Hafer, Weizenkleie, Weizenschalen und Hundekuchen vergeben werden. I.VerkausvonDünger Der in der Zeit vom 1. November 1913 bis zum 31. Oktober 1914 gewonnene Dünger, soll nach dem Gewichte, so wie er sich in der Grube befindet, an den Meistbietenden verkauft werden. Reflektanten werden ersucht, ihre Angebote an die unterzeichnete Direktion bis zum 20. Oktober d. Js. einzureichen. Die, Bedingungen sind auf dem Berwaltungs- bureau der Veterinärkliniken einzusehen. (D4/10 Gießen, den 4. Oktober 1913. Direktion der chirurgischen und medizinischen Veterinärklinik Gießen. ________ Ein tüchtiaer Wagner Gehilfe für fof.’ttt dauernde Stell, aes. Aua. Jüngst, Waaenbau, Herborn. Fernwr. 279. 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