Nr. 76 Zweites Blatt 162. Jahrgang Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Oberheften Wctetnt ILgNch mH Äulnohme bei 6omtiagl. D'e ^Äietzener SemHlenbiatter- werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegl. da» „Kreliblati ffir de» Kreit Sietzen" zweimal wöchentlich. D,e ..landwirtschaftlichen Seit- Ireflen" erscheinen monatlich irocimol Zreitag, 29. März 19|2 Rotanonsdnicr and t’rrleg der 8rüblichen Univerniais - Bnch- und 6trmbnideteL 9t Lange. Lieben. Webaftton, (hrpebihon und T ruderet: Schul» ftrnse 7 Erved lion und Verlag: e»® 51. Redaktion:112. Leß-Adru AnzeigerEieven. Der neue Entwurf des Gesetzes, betreffend die Sonntagsruhe im Hanbelsoewerbe, der bekanntlich im Bundesrate vorliegt, ist zur nochmaligen Begutachtung den Handelskammern überwiesen lvorden Diese Ueberweisungist, so wird uns aus Berlin geschrieben aus ausdrücklichen Wunsch der Interessenten erfolgt, da diese der Meinung waren, das; die Bestimmungen der Regierungsvorlage noch zahlreiche Mängel aufweisen. Ter Entwurf wird vorläufig im Bundesrat nicht weiter beraten werden. Bekanntlich sieht der Entwurf für offene Berkaufsstellen an Sonntagen eine Beschäftigung bis zur Tauer von drei Stun- den por, während die Beschästigungszeit in Kontoren an Sonntagen nicht mehr als zwei Stunden betragen darf Mit diesen Bestimmungen ist mau in Interessentenkreisen im allgemeinen einverstanden, doch find Wünsche lant ae- worden betreffs der Gewährung von Ausnahmen für bestimmte Betriebe und für eine größere Anzahl von Sonntagen. Es ist anzunehmen, daß in den nächsten Monaten mit den Jnteresseiitenkreisen neue Verhandlungen gepflogen werden, damit der Enyvurf allen berechtigten Wünschen entspricht und vom Reichstage ohne Schwierigkeiten verabschiedet werden kann. Es ist ferner der Wunsch geäußert worden, in dem Eiitivurs Bestimmungen aufzunehmen betreffs des Bedienens von Kunden kurz vor den Schlußzeiten, da das jetzt bestehende Verbot, im Geschäft anwesende Kunden bei Eintritt der Schlußzeiten noch weiter bedienen zu dürfen, zu großen Unzuträglichkeiten geführt hat. > Au; der nationalliberalen Partei. -.Der geschäftsführende Ausschuß der nationalliberalen Partei hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag Herrn Geheimrat Prof. Tr. Friedberg zum Vorsitzenden und die Herren Prinz zu Schönaich-Carolath und Geheimrat Tr. K r a u s e zu Stellvertretern des Vorsitzenden gewählt. Der Ausschuß hat beschlossen, den allgemeinen Vertretertag auf Sonntag, 12. Mai, nach Berlin zu berufen. Bon der Reichstagsfraktion geht der „Natt. Korresp." folgende Mitteilung zu: „Tie nationalliberale Fraktion des Reichstaaes bat gestern über die Sachlage beraten, die durch die Beischlüsse des ^entralvorstandes vom 24. März 1912 geschaffen worden ist. Allseitig wurde der Meinung "Ausdruck gegeben, daß die Vertretung der Reichstagsfraition 7,n Zentralvor- stände erweitert werden müsse Zurzeit gehört ihm nur der Vorstand der Reichstagssrattion an. Das erschien ungenügend. Ten Männern, die ihre Person im Wahlkampfe für die Grundsätze der Partei eingesetzt haben, und nach erkämpftem Wahlsiege in erster Linie für die national- liberale Politik im Reiche verantwortlich sind, gebührt eine volle Vertretung in dem nächst dem Vertretertage wichtigsten Crflane der Gesamtpartei. Aus diesen Gründen ist ein von fast allen Mitgliedern der Fraktion unterzeichneter Antrag beim Zentralvorstande eingereicht worden, welcher satzungsgemäg auf die Tagesordnung des kommenden Dertreterlags zu bringen ist. Cb sonst eine Umgestaltung der Organisation der Partei nötig ist, hat die Fraktion einem aus ihrer Mitte gewählten Sonderausschüsse zur Vorberatung überwiesen. Etwaige Anträge auf Abänderung der Satzungen würden so rechtzeitig eingereicht werden, daß sie noch von dem Vertretertage, dessen schleunige Einberufung bekanntlich beschlossen worden ist, erledigt werden könnten." Ter Antrag geht demnach dahin, daß die Mitglieder der nationalliberalen Fraktion des Reichstags künftighin Mitglieder des Zentralvorstandes sind. Wie wir weiter hören, wird die preußische Landtagsfraktion im Anschluß hieran auch für sich einen ähnlichen Antrag stellen. Ausland. Tos englische Oberhaus nahm das Mindestlohn- gesctz in dritter Lesung ohne Zusatzanträge an Im englischen Unterhaus ist der Gesetzentwurf betr. das Frauenstimmrecht mit 222 gegen 208 Stimmen ab» gelehnt worden. Tas Ergebnis der Abstimmung ries allgemeine Ueberraschung hervor und wurde von den Gegnern des Frauenstimmrechts mit ungeheurem Jubel ausgenommen. Premierminister Asauith und .Kolonialminister Marcourt stimmten gegen das Gesetz. Finanz nn nistet Lloyd George und Minister des Auswärtigen Grey dafür. Die Verhandlung bot kein Moment von außergewöhnlichem Interesse. Arbeiterbewegung. Friede im Schneibergewerbe. Frankfurt a. M., 28. März. Der Friede im Schneidergewerbe ist nunmehr endgültig gesichert. Nach dreitägigen Verhandlungen vor dem Magistratssyndi- kus Tr. Hiller zu Frankfurt a. M. ist die (Einigung wieder hergestellt worden. Ter letzte Einigungsvorfchlag des Ber- handlungsleiters mürbe von den Arbeitgebern angenommen und die Arbeitnehmer verflichteten sich einstimmig, diesen Vorschlag der in den nächsten Tagen statt finden den Versammlung der Arbeitnehmer dringend zur Annahme zu empfehleii. Ter Einigungsvorschlag sichert den Arbeitern eine ö prozen tige Erhöhung der Grundlöhne und überträgt die Entscheidung über »veitergehende Forderungen der Arbeiter einem noch von zwei weiteren Unparteiischen zu bildenden Schiedsgericht, das vom 2. April ab in Jena tagen soll. Am gleichen Tage wird die Wiederaufnahme der Arbeit erfolgen. .. bs. Darmstadt, 28. März. Am nächsten Sonntag undet bekanntlich in Tarmstadl eine Vertrauensmänner- Berfammlung der hessischen nationalliberalen V darzubieten Ach werde auf die Zeit, in welcher ich mich als Organ des Bundesrates im Reichstag über die Grundsätze gesunder Finanzpolitik einigen durste, fröblid) zurückbiiien unb im besonderen Ihre Anteilnahme an dieser Finanzpolilit in lebhaftester Erinnerung bewahren. In auftichtiger Verehrung Wermuth, bisher Schatzsekreär. Der Allgemeine Parteitag der F o r t s ch r i t t l i ch e n Volks- Partei soll am 5. bis 7. Oktober in Mannheim abgclxilien werden. €aii£wirtfcbaft, "Förderung der Schafzucht in Ob er dessen, .lnlätzlich der aus Anregung des LandN'irlsch.inslaminer Aus- iämsi"» für Oberhessen Aniangs Februar statt gefundenen sehr stark Lciudifii Lchaszüchlerverfammlung zu Gießen wurde ber Antrag auf Veranstaltung von Kreisversammlungen gestellt, ui denen die Verhältnisse auf dem tkebiete der Schaszudu burdi Austausch ber Ansichten besser gehört und die von der Allgemeinheit geteilten Wunfche zur «vorderuug der Schafzucht vollständiger zum Austausch ununeit könnten, ai.> in einer allzugroßen Versammlung Die Üreisversammlungen sanden im Lause bc5 Monats März statt, waren ebenfalls sehr stark besucht und führten zu sehr lebhaft ii M e i n u n gsa u sspratt-en Tie in den einzelnen Versammlungen im fas r. ii E n t f d> l i e ß u ;i g e N lass it lid) m folgenden Sätzen zufammensassen: Tie Verfamnilnngtrn betrachten eine weitgehendere Berüttsichtigung und mohlivollcnbiTc Hstil lick auf die v rb sj । ti und begrüßen mit Freuden die vom Landwirtschis kammer-AuSschui: für Cbcrhefl'en bisher angewandten Fördern in Maßnahmen. 3nr Erfüllung der Ausgaben ir. i.i> insbesondere der Fleischversorgung unserer Bevölkerung ,vifallen, werden folgende Mittel in Vorschlag gebracht: I. Verbesserung suchtmateriales in Frühreife, Getvichl und Schlattuauatit : burdi i'oriidjtige Bluteinmischung einer englischen Flcischsd>a fraise Eotswolds- unter Erhaltung der für unsere Gegend wertvollen Eigensdaften des Vomlsberger Vanbfdxnee 2 Weiterführung ber beitehcnden zwei Stammschäfereien zwecks Befestigung eines einheitlichen Zuchttypns und Heranzucht guten Zudumaterialcs. o Festlegung des Zuditzieles für das veredelte obcrhcffifdK Lond- fdiat 4. Untcrflellung der Schafzucht unter das Kötgefetz .">. Unter - ftülung £cr Oberl/sfifchen Schasereibel riebe beim An sause geeigneter Sdiasböcke burd) Gewährung 20 prozentiger Zuschüsse zu beu Ävläuiskosten. (>. JBcrbreihtng besserer Grundsätze über Züdi- otng, Fütterung unb Haltung 7. Erhaltung bewährter Sdwser turch zeitgemäße Aufbesserung ihrer Bezüge, Auszeichnung langjähriger Dienstleistungen und Prämiierung von 3 d}a fix eben. 8. Heranbildung tüchtiger junger Schäfer durch Einführung einer dreijährigen Lehrzeit, Veranstaltung von Ausbüdungskursen, und Verleilmng des Sdxiferpatcntes auf Grund einer Prüfung. 9. Einrichtung einer Tienstnachweisstelle für geprüfte Sdxifer. 10. Erhaltung und Verbesserung der natürlichen Schafweiben. 11. (?r- wirlung des Hutrechtes an den Gräben und Rainen der Kreis- straßen. 12. Benutzung von Waldweiden, wo dies ohne Schädigung der Forstkultur geschehen kann. 13. Erleidjterung bestehender Härt eit in ber Seuchengesetzgebung 14. Umwanblung ber Genossen - schaslssd-äsereicn in Gerncindeschäfereien, in ben Gerneinben, m denen burdi Beibehaltung ber ersteren ber Weiterbestanb der Sdiai - zudjt gefährdet ^sein mürbe. 15. Zulassung von dem Zucht ziel entsprechenden Schafen auf hessischen Ausstellungen, Beantragung einer Prämiierung von Einzeltieren unb Sammlungen unb Br- sthidung der Wanderausstellungen. 16. Möglichste Erhaltung der Schafzucht in ihren seitherigen Verbreitungsgebieten: Aufklärung der Landwirte darüber, daß nach der Feldbereinigung die Schaf- zücht durch das weitverzweigte Wegnetz und die unbeschränkte Zugänglichkeit der Grundstücke unter Umständen eine bessere Stellung erhält, als vor der Bereinigilng. 17. Tunlichste Ausdehnung der Schaszudst auf Gegenden mit günstigen Lebensbedingungen fiir dieselbe. 18. Beschränkung der Schafhaltung auf das wirtschaftlich zulässige und zweckmäßige Maß m den Gemeinden mit über triebener schaslwltting. 19. Verbesserung der Absatzverhältnisse für Wolle, Zucht und Gangviel), sofern ein Bedürfnis hierfür twr- licgt. 20. Wahrnehmung berechtigter Interessen der Schafzüchicr. Diese mit eingehender Begründung in Vorschlag gebrachten Maßnahmen bedürfen natürlich nodi der sorgfältigsten Prüfung und Beratung. Der Landwirtschastskammer-Ausschuß wird deshalb das in den Kteisversammlungen gefammelte Material einer engeren Kommission von Sack,verständigen zur Begutachtung überweisen, zu der sowohl Schafzucht er und Schäfer, als auch Vertreter ber Regierung, Vekerinnärpolizei, Forst- und Gemeindeverwaltung zu- «Hieben sind. Hiernach wird sich das Programm endgültig fest- stellen lassen, welches der Landwittschm'tskammer-Ansschuß seinen Maßnahmenn zu Grunde legt. Ländliche N u t; g e f l ii g e l z u ch t. In Oberhesscn werden vom Landwirtschastskammer-Ausschuß 12 Leistung^- z n ch t st a t i o n e n für Hühner und fünf Zuchtstaliouen für Wassergeflügel unterhalten. In denfelbeu werden die beivährtesten landwirtschaftlichen Nutzgestügelraffen gezüchtet und zwar in sieben Stationen rebhuhnfarbige Italiener, in drei weiße WyandotteS, in Als doqnelm mit dem Kaifcr sprach ... Kaiser Wilhelm hat bei dem Fest auf der französischen Botf schasl das Andenken des älteren Eoauclin wieder wachgerufen, indem tt von diesem, seinem sranzösisdien Lieblingsschauspieler, im Tone warmen Gedenkens sprach. Es war vor zehn Jahren, am 18. Ja nuar 1902, als Eoauelin feine erste Audienz beim Kaiser hatte, und diesem großen Augenblick, einem der größten im Leben des lenialen Schauspielers, gilt eine Erinnerung, die Jean Chantavoine in einem französischen Blatte erzählt. Er war zufällig der Erste, der dem „guten Coq" nach der Audienz Unter den Linden begegnete; er bat den unmittelbarsten Eindruck von dem Hochgefühl empfangen, das Die Brust bes großen dislrionen schwellte „Idi idjlcitberte gerabe Unter den Linden bin", so plaudert er, ,,als id) vor dem Hotel Bristol einen jener botwagen halten sah, bic bic schwarz-weiße Livree des Kutschers unb Lakaien zum Gegenstanb respektvoller Neugier bei den Passanten macht. Im Fonds des Wagens erkannte ich den iveißcn Bart des Graten Hochberg, des damaligen Intendanten der Königlichen Theater: eine zweite Persönlichkeit verabschiedete sick) von ihm und schob sich dann rücklings aus Dem Wagen: es war Eaauelin. Wie er sich umdrohte, stieß er fast gegen mich: mit einer napoleonischen Geste schlug er seinen Mantel ein wenig Zurücks und zeigte sein Oberhemd. „Zu dieser Stunde im Frack?" „Still! Ich komme von ihm. Folgen Sie mir!" Eoauelin zog mich in ben List des Bristol-Hotels, dann in sein Zimmer, wo er vor dein Frühstüa den Frack mit Dem Jackett vertauschte. Er ivar furchtbar aufgeregt, wobei er beständig behauptete, er sei ganz ruhig. Er erklärte mir klipp und klar. Daß er noch niemals einen so entzuckenDen Mensckien, einen so hinreißenDen Plauderer getroffen habe, ivic Wilhelm II. Ter Kaiser^ spräche Französisch mit einer unglaublichen Reinheit, ohne den schatten eines frem- ben Akzents. Er wisse in allen Singen Des Theaters uni» Der Literatur besser BesclxiD als irgendwer, kurz, er sei ein Mann, nehmt alles nur in allem! ... Im übrigen hielt sich ber gute Coq an Die Allgemeinheiten: liber^Die Einzelheiten seines historischen Gesprächs bewahrte er em. Stillschweigen voll Würbe. Seine Lippen spitzten sidi unD preßten sich Dann zusammen, wie wenn sie mit aller Gewalt nn ungeheures Geheimnis zurückhaltcn müßten, unb seine linke ®3nD hatte jenes leichte Zittern, Das in der „Mllc. de La Seigliöre" bie Bewunderung Der Berliner Kritik erregt hatte. Ja, Der Kaiser hatte gesprochen. Was er gesagt hatte? Tas mußte ein mrverbrüchliches Geheimnis zwischen ihnen beiben bleiben. Waren «9 große Staatsassairen ober vettrauliche Gestänbnisse eines Frcun- — genug, sie waren ihm heilig, biese Worte, unb ruhten lnrschlossen in seiner Brust wie im sichersten Grab Er ließ es 6-’n Tiplomalen frei, ihre Hypothesen zu machen, ben Journalisten, ihre Enten zu lancieren. Man konnte sich auf mein Wort! fragen, ob Eoauelin nicht vielleicht in seiner Tasche Straßburg unb Metz uns zurückbrachte . . . Unb bem Ansturm ber Neugierigen begegnete er mit ber gleichen Kühle unb Verschlossenheit. Als er bann roieber mit mir allein war, fing er von neuem an. Wirklich, ber Kaiser war ein Mann. Unb auf Männer versteht man sich ein wenig, wenn man ber Freunb Garnbettas unb Walbeck-Rousseaus getreten ist, nicht wahr? Tenn, Kaiser oder nicht, ein Mann bleibt em Mann. Eoauelin beutete sogar an, baß nach seiner Meinung es ihm weniger verdienstvoll scheine, Kaiser zu fein, als etwas anderes, denn ein Kaiser, der feine Würde geerbt hat, ist doch kein self-rnade-rnan! O, er hatte nicht um diese Zusammenkunft gebeten: nein, er batte nicht einmal seine Karte ins Schloß geschickt, als er nach Berlin kam. Ter .Vluifcr hatte i h n sehen wollen. „Und wir werden uns Wiedersehen," trompetete der gute Eoa schließlich, „nächsten Herbst werde ich midi bei ihm mit gemeinsamen Freunden zur Jagd einlaben, um mit ihm über die Trevsußafsaire zu sprechen " Tcr Kaiser, ber damals Trauer um seine Mutter batte, konnte nicht den öffentlichen Vorstellungen Eoauelins beiwohnen, aber er sah ibn in einer Privatvorstellung des Evrano im Schauspiel Haus. Eoauelin zeigte mir nachher die Manschettenknöpfe, die ihm Wilhelm II zum Geschenk gemacht batte. Ter Kaiser war von Evrano entzückt gewesen. „Mr. Eoauelin," hatte er iu ihm gesagt, „ich habe fein französisches Stück in der Ursprache gehört seit „Polveucte", ben ich 1878 in der Eomedie-Fran^aisc spielen sah. Aber ich habe nichts verloren, indem ick aui S solche Preise waren noch zu hoch, um eine allgemeine Verwendung dieses Metalls zu Zwecken, für die es seiner besonderen Eigenschaften wegen wohl geeignet war, mit Vorteil zu gestatten. Erst als Hsroult in Europa und Hall in Amerika neue Verfahren zur Aluminiumgewinnung ausgearbeitet hatten, trat hierin ein Wandel ein. Beide Verfahren beruhen auf der Elektrolyse von geschmolzenem, reinem, wasserfreiem Aluminiumoxyd mittels möglichst aschenfreien Kohlenanoden, welche aber Silizium in geringen Mengen an das Metall abgeben. Hierbei erfolgt die Uebertragung der ^chmelzhitze auf die Tonerde nicht mittels eines Lichtbogens, sondern gleichmäßig durch den Leitungswiderftand deS geschmolzenen Elektrolyts selbst. Wohl bei keinem anderen Metall hat die Elektrizität einen so raschen Umschwung aller Verhältnisse bewirkt wie beim Aluminium. Ermöglichte dieselbe doch die Ge» roimtung dieses wertvollen Stoffes in so großen Mengen und zu so niedrigen Preisen, wie es vordem gar nicht für denkbar gehalten wurde. Der bis dahin mit 50 Mark immer noch als hoch geltende Preis fiel jetzt rapide und stand bereits im Jahre 1900 auf 2 Mark. Dadurch wurde das bisher nur als Luxusgegenstand bekannte Metall, das als solches nur eine ganz beschränkte Verwendung finden konnte, mit einem Schlage als Nutzrnaterial in den Bereich der Technik eingeführt. Tiese ließ sich auch gar nicht lang' nötigen, sondern nahm sich mit allem Eiker des ihm zur Verfügung gestellten neuen Metalles an, um für dasselbe seinen Eigenschaften entsprechende Verwendungsmöglichkeiten zu finden. Waren diese im Anfang auch ziemlich beschränkt, da dem Aluminium neben seinen Vorzügen auch Mängel anhaften, die abzustellen, oder doch, soweit das nicht angängig, bei der Benutzung zu berücksichtigen waren, so bauerte es doch nur eine verhättnismaßig^kurze Zeit, bis es seine heme schon in vielen Branchen dominierende Stelle erobert hatte. ZCunft und Wissenschaft. — Schließung deS Neuen Theaters in Hal le a. S. Eugen Mauthner, der Direktor des Neuen Theaters in Halle a. S., kündigt an, daß er am nächsten Montag sein Theater räumen werde, um einem — Lichtspielunternehmen Platz zu machen und sich selbst in Wiesbaden endgültig zur Ruhe zu fetzcii. Damit verschwindet in Halle ein kleines, tapferes Institut, welches außerordentlich viel für junge aufstrebende Schauspieltatente und Tra- maiiter getan hat und welches für Halle einen unschätzbaren Wert bedeutete, da dort sonst kein Platz für moderne dramatische Bestrebungen ist. Mauthner, der früher ein reisendes Ensemble geleitet hat, welchem auch M a t k o w s k eine Zeit lang an- achörte, war ein rastloser Arbeiter, der schauspieler, Sekretär, Bureauchef und Direktor in einem war und dem fcme künstlerischen Ziele unerreichbar schienen. — Tie Einweihung des neuen Campanile in Venedig. Venedig „Venezia la Hella" die Königin der Adria labet in diesem Jahre die Welt zum Feste ein. Ter neue Glocken- türm, der Campanile von San Marco, und die herrliche XSog* getta des Sansovino sind fertiggestellt an gleicher Stelle und genau bis in den kleinsten Einzelheiten so, wie sie ehedem waren. Am 25. April, am Tage des hl. Marcus, des Schutzpatrons der Stadt wird die Weihe stattfinden. Tie Majestäten Italiens und viele Fürstlichkeüen haben ihr Erscheinen zugesagt. Pius X. wird einen hohen Kirchenfürsten zu seiner Vertretung in fein altes Venedig senden. — Tie Feierlichkeiten werden mit der Eröffnung der großen Jnternatiomcken Kunst-Ausstellung, die am folgenden Tage ftattiinbet, Zusammentreffen. — In Pompeji wurde die Fassade eines Hauses entdeckt, die nach einer Meldung des „Berliner Tageblatts" vielleicht das Herrlichste ist, was von antiker Kunst überhaupt erhalten wurde. Die Fassade ist mit Fresken und Gotlerbuiten aeschmückl und weift ein gemaltes Fries auf, der ein feierliches Opfer bet Göttin Kybele darstellt. vermischter. * Ein glücklicher Schuld ner. Taß bei einem Z»)ang-- oerfaufe der Schuldner noch 70000 Mark herausbekomml, ist em in der Justizchronik wohl ziemlich einzig dastehender Fall unb erregt hier um so mehr Aufsehen, als sich hierbei zwei betonnte Hannoversche „Geldmänner" in der eigenen Schlinge gefangen haben. Am letzten Subhastationstage sollte vor dem hiesigen Amtsgericht ein in der Podbielskiftraße gelegenes Grundstück öf- fentlicy meistbietend versteigert werden. Es gehörte dem pensionierten Beainten Oe., der seinerzeit von dem Geldmann D. Baugelder erhcttten hatte, wofür er diesem eine Sicherheitshypo- thek und Wechsel gab. Oe. behauptete nun, T. sei auS der ersten Hypothek befriedigt und müsse die Wechsel herausgeben, D. hatte aber die Wechsel schon an den Bankier O. wecker- gegeben. Ter Bankier O. klagte die Wechsel ein und beantragte, da Zahlung nicht erfolgte, die Zivangsversteigerung des Oc.'scyen Grundstücks. Tiefen Antrag zog der Bankier aber wieder zurück, denn er hätte, um auf diese Weise das Haus zu bekommen, die gesamten Hypotheken, darunter auch eine der Frau Oe. über 30 000 Mark ausbieten müssen. Ter Bankier O. zog nun den zweiten Hypothekar S. mit heran und liefe sich von der ersten Hypothek in Höhe von 125 000 Mark den Bettag von 10 000 Mark zedieren. Nach dieser Zession betrieb er aufs neue die Zwangsversteigerung in der Absicht, nur die beiden ersten Hypotheken auszubieten und die anderen Hypotheken aussallen zu lassen Im Verkaufstermin wurde nun von dem Richter das Mindestgebot lGerichtskosten, rückständige Zinsen usw.) auf ca. 6000 Mark festgesetzt und verkündet, daß der Erwerber außer seinem Gebote die erste Hypothek in nunmehriger Höhe von 115 000 Mark zu übernehmen habe. Da O. nun mit ca. 152 000 Mark aus- lief, so hätte er unter Abzug der 115 000 'Dlarf insgesamt 37 000 Mark bar bieten müssen Er bot aber 152 000 Mark, obwohl der Richter ausdrücklich und wiederholt die vorgenannte Bedingung bekannt gegeben und obwohl O. seinen Rechtsanwalt im Termin bei sich hatte. Selbstredend erhielt er auf sein Gebot den Zuschlag, war aber aufs höchste überrascht, als ihn nach Erteilung des Zuschlags der Richter daraus aufmerffant machte, daß ihn das Grundstück nunmehr 267 000 Mark koste! Er will selbstverständlich den Kauf wegen Irrtums anfcchtcn, dürfte aber nach den vorliegenden Reichsgerichtsentscheidunaen damit nicht durchdringen, da nur ein Irrtum in der Sache zum Rücktritt vom Kauf berechtigt und hiervon nicht die Rede sein kann, da der Erfteher wiederholt auf die Bedingungen hingeivicsen worden ist. Der Schuldner wird nun den seltenen Glücksfall erleben, daß er nach Bezahlung sämtlicher Hypotheken noch 7000O Mark herausbekommt. Ob der Bankier seinen Rechtsanwalt haftpflichtig machen kann, ist eine Frage für sich. kf. Eine Ausstellung für rauchlose Feuerung findet gegenwärtig in der Londoner A g r i t u 11 u r a l • P a 11 statt. Es handelt sich dabei um eine Veranstaltung der Londoner .Gesellschaft für Rauchbekämpfimg" (Coat Smoke Abalement Society), die nicht nur alle modernen rauchschwachen Heizstoffe und rauchlosen Oesen vorführt, sondern auch gleichzeitig Vornäge halten läßt. Unter den Gelehrten, die mit der Leitung der Vorträge oe- traut sind, findet sich auch Sir William Ramsay. Unter den Vorträgen ist für die Rauchfrage Londons der von Sir Atthur Ehurch besonders wichtig, der die Einwirkung des KohlenraucheS auf bie Bauten und Wandmalereien behaiideln wird. Andere Vorträge sollen die Eiiiwirlung des KohlenraucheS auf Metalle sowie aus Das Tier und Pstanzenledeir behandeln. Außer den Wissenschaft- lichen Vorträgen finden Erörterungen von Gesetzesoorschlägen zur Kohlenrauchbekämpfung statt. — Haseund Bussard. Aus Jena wird den „M. N. N " geschrieben: Eine eigenartige Szene aus dem Tierleben wurde, wie aus Burgau berichtet wird, dort in der Flur beobachtet. Aus einem niedrigen Pfahl in freier Wiese hatte sich ein Bussard niedergelassen, um in aller Ruhe zu verdauen, was ihm sein Jagdzug über die Aecker eingebracht hatte. Ta erschien plötzlich ein Hase auf der Bildfläche und ging sofort zum Angriff auf den Bussard vor, vorsichtigerweise aber nicht von der Front, sondern vom Rücken her. Ter Raubvogel drehte sich notgedrungen und zeigte dem Angreifer das Gesicht. Sofort schlug der Hase einen Haken, um wieder dem Räuber in den Rücken zu kommen, womit er diesen zu einer neuen Wendung nötigte. So ging die wechselseitige Bewegung eine Weile weiter, bis der Bussard, der durä? aus nicht kampflustig schien, das „Hasenpanier" ergriff, unq dem tapferen Häslein das Kampffeld überließ. Was den „Furcht- hajen", der keiner war, zu seiner Tapferkeck veranlaßte, wurde erst später offenbar. Es war eine Häsin, die in der Nähe ihre Jungen hatte, für die sie in dem Bussard eine Gefahr erblickte, weshalb sie dem Raubvogel kühn zu Leibe ging und ihn vertrieb. ' Mutterliebe einer Hündin. In einem kleinen thurinaifchen Dörfchen, wo ich früher wohnte, so erzählt em gelegentlicher Mitarbeiter des .KoSrnoS", Handweiser für Naturfreunde, belustigte im Gasthof öfters ein fahrender Handelsmann die toa'tt, indem er seinen niedlichen schwarzen Spitz, eine Hündin, allerlei Kunststücke vorlühreu ließ. Eines Abends konnte er den Hund nicht ivieder mit nach Haufe nehmen, denn das hochträchtige Tier bat» im Pferdeslalle des ivastwirts Drei Junge geworfen. Tie Hundm sollte deshalb mit ihren drei Kleinen einstweilen im PferteuaU bleiben und gelegentlich wieder abgeholt werden. AIS am anderen 'Morgen gegen ö Uhr der Wirt in den Hof trat, bemerkte er, wi« die Hündin, eilt Junges in der Schnauze, durch ein schliwstoch den Pferdestall verließ, sich unter dem Hoftor hiltdurcuj'vangle und in Der Richtung nach Dem Städtchen abtrabte. Auch von den beiden anderen kleinen Hunden konrne der Wirt im Pferdestall ferne Spur mehr entdecken. Er benachrichtigte sofort den Handelsmann und bekam von ihm die Mitteilung, daß die Hündin setzt seinen eigenen Pferdeilall als Kinderstube für ihre drei BabyS bezogen habe. TaS liebevolle und treue Tier hatte also feine Kleinen m Der Nacht nach Hause getragen und auf diese Weise in der Zeu von abends 10 Uhr bis morgen- 5 Uhr den 1‘/, Stunden welle» Weg vom Dörfchen nach der Stadt, bezw. umgekehrt, fünfmal zuruckgelegt, und zwar Dreimal mit entern Jungen ut der Schnauz^ Ich weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Anhänglichfe" deS treuen Tieres oder feine Mutterliebe. — Kiebitzeier Wenn der März zu Ende geht, Jauche» in den Delikateßgeschäften die Kiebitzeier auf. Tie ©irterun® muß schon sehr kalt sein, um dem wackeren Mttgliede der FcMtllw „Regcitpfeiier" daS frühzeitige Eierlegen zu verleiden. allerdings liefert Freund Kiebitz ferne wodlschmecketrden Vaben zum Leidwesen aller Gourmets erst im April. Leicht »st Vas Suchen nach den Eiern des scheuen unb listigen Bogels nidjt denn, das Nest liegt meist gut verborgen in schwer passierbaren wucytas Wiesen und sogar im Moor. Besonders sind es das nordluyei Oldenburg und Ls'tfriesland, die den Lebensgewohnheitrn des Ktebrtz vorzüglich entgegenkommen. Immerhin haben die Getreuen von- Jever ihre lieoe Not gehabt, schon im März die für ben vpeburto*. lagstisch des Fürsten Bismarck bestimmten hundertundeln Etec rechtzeitig zusammenzubringen. Wenn bie Sendung pünktlich jum 1. Apnl cm ReichslanzlerpalaiS m Berlin ober in -schloß tirnto* ricbsruh eingetroffen war, schmunzelte bet Fürst, denn et wutzm bie Delikatessen des Vanellus außerordentlich zu schätzen, u“111?' am 1. April 1875 blieb die Sendung aus, — sie traf erst acht, Bein- Vtftirzanger) Spafll-GöOöft ta< teWägÄÄ Wilh. Paul, SchLiunactienneisttf WtUt«rtU«Me IM getztl Sonst’ tWBLER’SWMH* ANZÜGEu KLEIDCHEN MW am nächsten kommt. Ueberall erhältlich! | P|i3nZI mietnlac Fabrikanten: JL L. Itlohr, 6. m. b. fi., mtona-Babrcnleld r/ bietet stets aparte Neuheiten a»/ Waschgarnituren jeder Preislage Ä* äfe 1 ;U#'r s> tiidx taa, toaitc. 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