Nr. 43 DienZtng, 30. Februar 1913 Eichener Anzeiger Erschctnl tSgllch mit ÄuSnahmc brf Sonntag». General-Anzeiger für Oberhessen Min. 28 Zmtim. T 28 Zentim. Äi die bürgerlichen der Sozialdemo- Entwicklung der Kaiserreich, für Bündler Sozial- geführt. wir da» 163. Jahrgang 79 28 »en-Reisig. Hen-Reisig. lern-Reisig. itm-Reisig. Hie „Gießener Lamiltendlätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich be,gelegt, da» * Kretsblatl für den Krtls Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtichastlichea Leit- tragen" erscheinen monatlich zweimal. Präsident Kämpf eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 20 mit DankeSworten an die Schriftführer. (Beifall.) gegenzukommen und nach links zu rücken. Sie gegen dir umstürzlerische Partei gekämvft. Wir alle sind für eine scharfe Trennung von kratie. Wir kämpfen für die gesunde innerliche m. ■ti' b- !l Redaktion. Eppeditton und Druckerei: Schul- strave 7. Cjpeömon und Vertag: 5L Redaktion:112. Tet.-Adr^ AnzeigerGießen, Sozialdemokraten gegen drei KenlrumSleute und einen durckgeholfen baden. Sie bauen ein ganze» Dutzend demokraten und ein balbeS Dutzend Welsen zum Siege Sie sind aHo nicht rosarot, sondern dunkelrot anqestricken. feit links.) ES würde viel Sckmutzwaffer geben wenn RolaNonSdruck und Vertag der Br übliche» Unwersuät» • Buch- und Ereindruckeret. 8L Lange. Sieben. bis ^Juten- durch, melier *32 20,— bestebenden StaatSordw-ng, für Monarchie und alle nationalen @üh.r. (Lebhafter Beifall bei den Vlatumal- einen Finger breit der Sozialdemokratie ent- Wir haben wie r Kreisstraße Bmerkt imrbnx Holz mit dem )irb, und das ix jefefjen werden ■ mitverstcigert. ebruar 1912. x Steinbach. erente s- englischen Flotte, nicht annehmen. -rei. Mb Deutscher Reichstag. 0. Sitzung, Montag, den 19. Februar. Am Tische deö Bundesrats: Delbrück. Wermuth. £ i 6 r o , Krütke , v. Heeringen, v. Kiderlen u. a. Auf den Tifck des Präsidenten haben neben die Glocke die Schriftführer zu Ehren de» 70. Geburtstages dcS Präsidenten einen Fliederstrauß gelegt. Abg. Dr. Paasche (Natl.): Von politischer Bedeutung war wohl die Erklärung deSVor- tebnerd, daß sie die E r b s ch a f t S st e u e r unter allen llmitanoen aktlehnen und sich von diesem Standpunkt nicht abbrrngen lasten Die Generaldebatte zum Etat, (Fünfter Tag.) Abg. GanS Edler Herr zu Putlitz (.Ikons.): Die Gesundung der Finanzen ist von allen Partei, tebnern anerkannt worden. Auch von Herrn v. Payer, nur dah et sich mit den Geldquellen nicht einverstanden erklärte. Vor dem Finanzprogramm der VoltSpartei findet keine Steuer Gnade, eine ist immer ungerechter als die andere. Ja, woher soll das Geld für die Bedürfnisse deö Reiches kommen? Die ErbsckaftS- steuer hat bei der Volkspartei erst Gnade gefunden, nachdem sic zu einer politischen Frage erhoben worden ist. (Sehr rich- iifll rechts.) Sie ist aber dazu aufgebauscht worden nickt durch uns, sondern gegen unS. (Sehr richtigl rechts.) Wir batten erwartet, bah die auf die Finanzreform gehäuften Angriffe reckt- zeitig wirksam zurückgewiescn worden wären. Die Behauptung von dem unsozialen Charakter der Finanzreform richtet sich ebenso wie gegen unS gegen die Regierung. (Sehr wahr! rechts.) Tatsache ist, daß die bewilligten Steuern mehr Geld gebracht haben als c3 die Erbschaftssteuer getan hätte. (Sehr richtig!) Mit Rücksicht auf die Ausführungen deö Ech a tz s e k r e t ä r S habe ich im Auftrage meiner Fraktion zu erklären, nm Mißverständnisse zu vermeiden, daß wir an unserer ablehnenden Haltung mit Entschiedenheit beharre n und uns bovon nicht werden abbringen lassen. (Hört! Hört!) Tie Rede dcö ?lbg. Ledebour hat uns die Erbschaftssteuer ganz ftroift nicht schmackhafter gemacht. Nun die politische Lage, le Zunahmer der Sozialdemokratie. Trotz aller Mißstände, die von allen Parteien zur Sprache gebracht wurden, ist dock ein außerordentlicher Fortschritt auf allen Gebieten erzielt worden, wie in keinem anderen Lande, In der Presse der Linken und auch biet wird c8 so dargestellt, daß daS Bürgertum gar nichts zu sagen habe. Tas ist dock nicht richtig-, die Liberalen müßten uns dankbar sein dafür, daß wir in so vielen Beziehungen liberale Grundsätze in die Gesetzgebung eingc'iihrt haben. Notwendig ist eine Einheitlichkeit der Regierung, ist daS feste Gefüge von Staat und Reich. Wir sind der Thronrede dankbar und danken dem Reichskanzler, daß er sich zu dem gleichen Grundsatz iict ausdrücklich bekannt hat. (Beifall rechts.) Ich kann ihm sie Versicherung geben, daß er bei diesen Bestrebungen auf unseren vclfall rcifmcn darf. (Beifall rechts. Lachen links.) Ihr Lachen toirb das nicht ändern. Tie Kundgebung des Nationalliberalen Vereins in Bielefeld, und höher als dir Theorie steht Staat und Gesellschaft — ist unS auS dem Herzen gesprochen, und wir wün- sehen drmgeno, daß die bürgerliche Gesellschaft sich der Gefahr bewußt wird. Tie BolkSpartei hat sich in der letzten Zeit der Staatsautorität gegenüber ablehnend verhalten. WaS die Sozialdemokratie — wenn auch nur ein Teil der 4% Millionen Stimmen — will, bedeutet die Vernichtung der gesamten deutschen ß(iniflW). . ibcnd von 5Jh' g von Lunge sanken. usnahmemM- ihre Angchon^ Volt. I ffristlichen und die nationalen Stimmungen werden I im Volke sich schließlich geltend macken. Da ist es aber notwendig, E daß der Staat der Agitation der Sozialdemokrat,e seine A u t o - I. t i t ä t entgegenstellt, und daß auch die bürgerliche Geiclsickaft ihre 1 baltnng ändere. Der Rausch an der großen Stimmenzahl w,rd ■ bann aufhoren. Auf monarchischem Standpunkt muffen unter » Hintansetzung der trennenden Gesichtspunkte die bürgerlichen [ B arteten zusammenarbeiten. (Beifall rechts.) ■ 26 Zentim. 2k mit 39,80 Pi ä zu 12 äentirj mit 23,85 A» zu Spalieili2 dien Mittwock ul 10 Uhr, in 'M und Annawoür versteigert wntz .ach""»-",r fr* alles bis inS Einzelne festlegen wollen. Die Konservativen sind nickt mehr daS was sie 1907 waren Sie sind auch abgerückt, aber ins Reaktionäre Ein verständiger maßvoller KonservativiS- m,iS. der daS Bestehende und Bewährte erhalten wird ist völlig berechtigt. Aber wir Hatten nicht mit diesem Konservativismen zu kämvfen, sondern mit dem des Herrn v Heydebrand. deö Dr. Habn. Das war eine ganz andere Nummer. (Heiterkeit.) DaS war die engste Verbrüderung mit dem Zentrum. Der schlug eine unerhörte Tonart an. Der verfolgte rein materielle Interessen Zugleich aber spielte et fick alS Vertreter des Christentums und der ckristlicken Weltanschauung auf. im Geaensatz zu dem Materialismus und den liberalen Parteien. (Heiterkeit links.) Sic riefen bei Ihrer Gründung den christlichen Segen auf sich herab, um zu kämpfen gegen eine materialistische Intereffen- Vertretung, und setzt sind Sic eine christliche Organisation gegen den Materialismus der liberalen Partei. Es wurde sogar behauptet: Der Materialismus ift der Freihandel im Gegensatz zum — Christentuml (Heiterkeit links.) Wie hoben nun die Herren unter dem Banner des Christentums gegen den Materialismus gekämpft? Bei einer Wahlversammlung in meinem Kreuznacher Wahlkreise sagte der ZentrumSredner: „Ich glaube an den Allmächiigen Golt und seinen Sohn JcsuS Christus — das ist mein politisches Glaubensbekenntnis!" Bei einer solchen Kampfesweise bei einer solchen Verwendung der Religion zu politischen Zwecken muß einem anständigen Menschen der Ekel kommen. (Sehr richtig! links Unruhe im Zentrum.) Darauf müßte der Reichskanzler einen Teil feiner Kritik an wenden i:rb nicht auf unk, weil wir in der Stichwahl manchmal mit den Sozialdemokraten zusammengestimmt haben. Dr. Paasche spricht über die Präsidentenwahl. Warum soll der Reichskanzler nickt auch hier seine Kritik anS- üben? Wir kritisieren ja auch die Ernennung manchen Ministers und haben z B. kritisiert, als ein Kavalleriegeneral zum Staatssekretär des RcickSpostamteS ernannt wurde. Aber ick glaube, daß der Kanzler in feiner Kritik ein wenig z u weit gegangen ift: und wenn er nachher meinte, wir hätten einen Präsidenten gewählt, der Worte gegen das Kaiserhaus gebraucht halte, die nicht vergeffcn werden könnten, als ob wir Herrn Scheidemann in voller Kenntnis und al» Antwort auf die maßvoll gehaltene Thronrede, die ich vollständig anerkenne, gewählt hätten, so mödite ich ihn fragen, ob er, wenn ihm der Name Scheidemann plötzlich genannt worden wäre, gewußt hätte, was er einmal gesagt hat. (Oho! rechts.) Ja, meine Herren, recht wenige von uns hatten daS im Gedächtnis. Wie geht denn die Sache zu: Wenn der Präsident gewählt werden soll, so schlägt die Partei einen Namen vor, und eö ist üblich, ihn zu wählen. Kaum einer von unS hat an jene Aeußerung gedacht. Und vielleicht auch die Sozialdemokraten selber nicht. Jedenfalls bat von unS. als wir für Herrn Sch-idemann gestimmt haben, keiner an jene Aeußerung gedacht. Jetzt sehen wir seine Wahl als Tatsache an- Jetzt kann man sich auf der Rechten — und auch andern Lande sind viele Kundgebungen gekommen — nicht genug tun, um uns antinationale, revolutionäre und andere Beweggründe unterzuschieben, als ob wir dazu etwas beitragen wollten. Redner schildert dis Verhandlungen mit der sozialdemokratischen Fraktion und betont, daß Bebel ausdrücklich erklärt habe, die Partei würde alle staatsrechtlichen Verpflichtungen deS Präsidenten ordnungsmäßig erfüllen und so namentlich bei Verhinderung des Präsidenten nötigenfalls das Kaiserhoch auSbringen und zum Kaiser gehen. (Lachen rechts.) Da» war den Herren vom Zentrum nicht genug und darum wollten sie nicht ins Präsidium cintreten. Hat nicht d i e Sozialdemokratie einR e ch t, im Präsidium vertreten z u sein? Sie ist die stärkste Fraktion im Hause. Sozialdemokraten sind schon längst Vorsitzende von Abteilungen, von Kommissionen. Daneben sitzt der Minister, die BundeSratSbcvollmächtiaten, bitten den Vorsitzenden umS Wort, führen unter feiner Leitung die Verhandlungen. (Abg. Dr. Arendt ruft: 1903 war eS aber anders!) 1903 ift die Frage gar nicht an unS herangetreten', damals hat die Sozialdemokratie selbst nicht verlangt, einen Präsidenten zu stellen. Ich erinnere Sie an daS Wort BiSmarckS: er halte eS für einen großen taktischen Fehler der bürgerlichen Fraktionen, nicht darauf bestanden zu haben, daß die Sozialdemokraten als nächst- ftärlfte Fraktion nach dem Zentrum einen Präsidenten stellten. (Hort, hört! links.) Halten Sie das etwa für einen schlechten Witz? Gerade im Jntereffe der geordneten Geschäftsführung sollten auch Sie diesen Standpunkt teilen. Ilr < icriiiS; S»5-' WdM - r2,97 ?*,n g eritttn orm. von Ki »4. Sfr Riefer, s, uub Windinli^ ] ■ ■oufonimeniiri j beri) und ,Qm ei§ n. Vba. jf|~ j e Auskunft. ' ■ 1912. lerei Trejs. ftultur. (Sehr wahrl rechts.) Da» wirtschaftliche Leben der Arbeiterschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten ja ganz außerordentlich gehoben. Mit Zu- nähme der politischen Reffe wird sicher ein Teil der Mitläufer die Konsequenzen daraus ziehen. Die Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen beruht in der Hauptsache auf der Einwirkung der öffentlichen Meinung, die von der Mauserung sprach, von der krzichung zur Mitarbeit. Gewiß, sie werden mitarbeiten, aber in der Absicht, ihre eigenen Ziele dabei zu verwirklichen. (Der Reichskanzler v. Bethmann Hollweg erscheint) Tic Rede dcS Herrn v. Payer hat meine Ansicht, He ich schon in der Blockara hatte, bestätigt, daß ein Teil der Frei- sinnigen lieber mit den Sozialdemokraten als mit len bürgerlichen Parteien zusammengeht. Die Sozialdemokratie ändert sich nicht, außer für den Augenblick aus taktischen Gründen. Herr Iunck hat erklärt, daß seine Fraktion in ihrer überwiegenden Mehrheit einen Sozralde mokraten im Prä- sidium für angemessen halte. ES ist eine fBeyriffßbcr- tof zr u n a in einen Teil der bürgerlichen Keeffe eingezogen. £thb. Beifall rechts.) Nichts hat die Sozialdemokratie und ihre Organisation so gestärkt v'ic die Haltung dieser bürgerlichen Kreise im Wahlkampfe; sie sind wahrhafte Schrittmacher der Sozialdemokratie. DaS Problem der M i 11 e l st a n d S - Politik, des Schutzes der selbständigen Existenzen, hat erfreulicherweise jetzt auch auf der Linken Eingang gefunden, bei ben Nationalliberalen. Die Sozialpolitik wird wettergefuhrt werben; wir treiben sie nickt um der Sozialdemokratie wmen, ''andern weil wir daS Wohl der arbeitenden Klaffen im Auge haben. Was die Zölle anlangt, so kann ich gegenüber den Behauptungen der Linken bestimmt erklären, daß weder von den Konservativen noch vom Bund bet ~anö» Dir te eine Erhöhung der G e t r cd e zolle b erlangt worden ist. (Zustimmung und Hort, hort! rechts.) Tic Liebesgabe ist keine agrarische Forderung (Lacken hnf6a krkundigen Sie sick, ihre Beseitigung scheitert an dem Widerspruch Jer süddeutschen Regierung. Wenn die liberalen Forderungen. Ninisterverantwortlichkeit, parlamentarische Regierung, neue SMkreiseinteilung durchgeführt werden, so wurde d.c Macht der rozialdemokratic gewaltig gestärkt werden. In welchem Land )et Welt hat der Parlamentarismus günstig gewirNk Lachen links, Zuruf: England!) In England war cr b'S ,etzt in den Händen zweier großer aristokratiscker Parteien; sehen Sie iber die anderen Länder! Am letzten Ende wird die Sozial- Demokratie an ihrem eigenen Programm zugrunde geben, Lachen der Soz.). Die zunehmende politische Reise und die Graf Posadowsky hat erfreuliche Bemerkungen über den diplomatischen Dien st getan. AuS dem Munde eine» ManneS, der so lange mit hervorragender Sachkunde die Geschäfte des Reiches mitgeleitet hat, als Stellvertreter des Reichs- kanzlerS, hören wir, daß eine andere Auswahl und Vorbildung der Diplomaten notwendig ist. Wenn wir dasselbe sagen, erwiderte man unS von der Rechten: WaS versteht ihr vom diplomatischen Dienst. Und hier unterstreicht nun ein Sachverständiger dick daS, was meine politischen Freunde betont haben, daß, wo eS sich heute um wirtschaftliche Intereffen von Volk zu Volk handelt, nickt vor allem auf allerhöchste Eleganz und Tennisspiel und waS sonst dazu gehört, ankommt, sondern darauf, daß unsere Diplomaten in volkswirtschaftlichen und wirtschaftlichen Dingen so borge- bildet sind, daß _sie die Interessen der deutschen I n d u ft r i c und Volkswirtschaft wahren können. (Beifall links.) Ich knüpfe an die Worte, die der Reichskanzler — wir haben uns gewiß alle darüber gefreut — über die Anbahnungen besserer Beziehungen zu England gesagt hat. Aber man sollte doch nicht zu große Hoffnungen auf diesen Besuch deS Kriegsministers setzen. (Sehr richtig!) Ich glaube wir haben ein gutes Reckt zu gemischten Gefühlen; denn daß uns Albion — ich will daS übliche Epitcwn hier nicht anwenden — Wühltaten anbietet ohne Hintergedanken, daran glauben wir nicht. (Sehr richtig.) Und ich glaube, die Geschichte der letzten Jahre hat das deutsche Volk doch gelehrt, an daS Wort zu denken: Timea Danaos et dona ferenjes-, 5>ie Enthüllungen über die Kriegsbereitschaft der ( „ über die getroffenen Dispositionen lassen doch nicht dah nun plötzlich die Söhne Englands so friedenSlicbend geworden jino, daß sie die Spione mir hierher schicken, um von dem weit- vorgeschrittenen Deutschland zu lernen 1 Wenn die Vertreter der liberalen.) Wir sind immer für die nationalen Güter eingetreten, in vielen gäJen mchc alS die Parteien der Rechten. (Beifall bei den Nationalliberalen? Dir waren immer im Gegensatz zur Sozialdemokratie und werden daS auch weiter sein. Und wenn wir in der Taktik den bisherigen Wahlkampf anders geführt haben als früher, dann haben wir nur daS getan, was Sie von der Rechten auch getan haben. Wenn Graf Westarp sagte, daß der- jenige ein Schrittmacher der Sozialdemokratie sei, der in der Stickwabl einem Sozialdemokraten zum Siege verhalfen habe, dann sind Sie von der Rechten dreimal so viel Schrittmacher als wir. (Lebhafte Zustimmung links.) Sic können unS nur nackweiscn. daß in vier Wahlkreisen der Sozialdemokrat mit nationalliberaler Hilfe gewählt worden ist. Die Konservativen aber haben 12 Mandate den werden. Das erklärt er nnmenfl seiner Partei, obwohl er noch nicht weiß, welch ein Aussehen die Vorlage haben wird. Auch daS Zentrum hat ein Niemals gesprochen: nun, diese Partei bot bisher noch immet v-esianden. sich eine Türe offen zu halten (Heiterkeit). Ich nehme an. daß zur rechten Zeit Ihr patrio- tlscher G ei st erwacken und sich über doktrinäre Erwägungen und Gegensätze hinwegsetzcn wird (Unruhe rechts. Rufe links Abwarten!) DaS Wort vom lückenlosen Z o l l t a r i f ist wieder laut geworden. Mit diesem Schlagwort haben vor neun Jahren die Agrarier, die Führer dcS Bundes der Landwirte, auch gegen die Konservativen gehetzt. Herr v. Kröcher zog damals sehr scharf gegen Dr. Hahn und Rocsicke loS. Auch unö warf man vor, wir wären nicht landwirtschaftlichfreunblick, weil wir diese Lücken- lohgkeit nicht mitmachtcn. Jetzt ist man auch auf der anderen Seite bescheidener geworden. Wenn aber von extremer Seite diese Forderung wieder vertreten wird (Abg. v. Heydebrand: Wir denken nicht daran!), dann wird daS nur d i e Reihen der äußersten Linken stärken. Nun erklären fick die Agrarier bereit, auf Liebesgaben zu verzichten. Natürlich, sic haben ja die SpirttuSzentrale. Die Liebesgaben würden eben auf andere Weise bezahlt werden. Der Konsument müßte weiter zahlen. Gegen Herrn Wermuth sind ziemlich lebhafte Angriffe gc- richtet worden Ich muß mich ohne weiteres auf seine Seite stellen. Man sicht: ES steht ein Mann an der Spitze der Finanz- Verwaltung, der auS der Vergangenheit gelernt bat und d i e bisherige Bankrottwirtschaft nicht mehr mitmacht. Er ist auf dem richtigen Wege. Der Redner gibt eine drastische Schilderung von der Entwicklung der Schuldenwirtschaft. Wenn wir jetzt einen Staatssekreätr am Ruder haben, der fest auf dem Standpunkt steht, und den Mut bat, so kann eö nicht weiter gehen — ich meine, die Herren vom Zentrum können un- möglich ihn im Stiche lassen, wieder abgehen von der Erfüllung des SckuldentilgungsgesetzcS. Gerade daS Zentrum hat mit uns damals das drei Fünftel Prozent Tilgung auf ein volles Prozent erhöht. Viereinhalb SW i 11 i a r b c n Schulden für nicht werbende Zwecke — und waS damit beschafft wurde, ist zum großen Teil vergangen, verkommen, verdorrt, verrottet, verloren, verfault! Da fangen Sie wenig- stenS an mit der zahmen Tilgung von 1 Prozent! Die Matrikular- bciträgc sollten eine bewegliche Einnahme fein, heute sind sie eine cste Rente. Die Einzelstaaten haben jetzt deshalb gar kein Jntereffe daran, wie der Reichsetat aufgestellt wird: DaS einzige Bewegliche bei uns ist noch die Schuldentilgung. (Zuruf: Außer dieser Ihrer Klage!) Hat die Erbanfallstcuer Schwächen und Ungerechtig- feiten; ja, gibt eS Steuern, die sie nicht haben? Wenn Sie meinen, daß nickt nur der Grundbesitz sich bc*- Steuer entzieht, nun so helfen Sic unS; wir denken ja gar nickt daran, das mobile Kapi- tat ber Steuer entziehen zu wollen. Ick verdenke Ihnen ja gor nicht, daß Ihnen die Erbschaftssteuer, nachdem Sie sie so bekämpft haben, unangenehm ist; aber sich hinzustellen als die Parteien, die so große Opfer bei der Finanzreform gebracht haben, daS geht dock über das Zulässige hinaus! (Lebhafter Beifall, links. Unruhe im Zentrum und rechts.) Das ist einfach nicht wahr. Die großen Opfer, dic Sie gebracht haben, haben Sie gebracht auf unterer L e' t e Taschen (lebhafte Zustimmung links, Unruhe rechts und im Zentrum) und die Herren Hochagrarier usw. haben sich u m b i e Steuer gedruckt vnb haben die großen Opfer nicht getragen. (Zuruf rechts: Wer hat sie getragen?) Die kleinen Leute, die die Zündholzsteuer bezahlen müssen (Zuruf rechts: Börsensteuer!), die Börse, die drückt Sie gewiß doch auch nicht, da freuen Sic sich darüber da sind Sie ja stolz darauf, daß Sie anderen Leuten was aufgepackt haben; auch oiese Umsatzsteuer trifft nickt die besitzenden Klaffen. Dem Reichskanzler machen wir zum Vorwurf, daß cr das, was er Ihnen jetzt gesagt hat, warum er — im stenographischen Bericht eS ganz fett und dick gedruckt — die Ablehnung der Erbschaftssteuer nicht verteidigt hat, nicht schon vor den Wahlen gesagt hat. (Lebhafter Beifall links.) Wir waren die Vertreter der Vorschläge der verbündeten Regierungen, die sie auch heute noch für richtig hält. (Sehr richtig! rechts.) Und Sie haben dann so getan, als ob wir die gewesen wären, die die Regierung im Stich gelassen hätten. Nein, waS die Regierung damals mit aller Beredtsamkeit vertreten hat, ist auch heute noch unser Programm, und die ^Norddeutsche Allgemeine" hätte in ihren großen Spalten recht gut Platz haben können für die Er- klärung, daß die Regierung eS mißbilligt, daß Zentrum und Konservative die Erbschaftssteuer zu Fall gebracht haben. Dann wäre eS im Wahlkampfe viel ruhiger Angegangen. Manches wäre anders geworden, aber eS ist gar keine Rede davon, daß die Finanzreform etwa eine herrliche nationale Tat ist. Nun hat der Reichskanzler behauptet, wir hätten über die sozialdemokratischen Siege gejubelt. Er hat keinen Beweis für diese Behauptung erbracht. Gejubelt haben einige entschieden oder ganz entschieden Liberale, aber ich kenne kein nationalliberaleö Blatt, daS die sozialdemokratische Erfolge bejubelt hätte. Wir standen ja überall im schärfsten Kampfe gegen bie Sozialdemokratie. Wir waren ja fast nur mit Sozialdemo, traten in Stichwahl. Weshalb sollten wir da jubeln? Wir hätten zehnmal mehr gejubelt, wenn die Sozialdemokraten bei 80 Mandaten stehen geblieben wären, und wir auf 120 gekommen wären. (Große Heiterkeit.) Der Reichskanzler behauptete, wir wären nach links geruckt. Dagegen muß ick für meine Fraktion entschieden Widerspruch erheben. (Lacken rechts.) Können Sie selbst diese ernsten und wicktigen Fragen nickt mit der nötigen Ruhe behan- dein? Dir haben nicht daran gedacht, im Wahlkampfe auch nur bürgerlichen Parteien entrissen und den Sozialdemokraten zugesckanzt (Lebhaftes Hört! Hört! bei den Lid.) Fünf Mandate haben die Agrarier den Welfen auSgeliefert. (Erneutes Hört! Hört! bei den Sih.) Sind die Welfen etwa besonders treue Freunde der preußischen Monarckie? Sic nennen uni rosarot, weil wir vier 11 Negierung mi! bollem ^rnff VÄrWf sehen, fine sie Sie GfcTTuhg de? Deutschen Reiches sichern können, dann wollen wir uns nicht von Sentimentalitäten bestimmen lassen, und auch nicht, wenn uns ein Kriegsminister die Ehres feines Besuches zuteil werden läßt, nun glauben, alles ist im Reinen. Nein, wir sind verpflichtet, zur Erhaltung unserer Wehrkraft zu Wasser und zu Lande alles zu tun, was notwendig ist. Freilich, die vom Grasen PoscrdowSky aufgestellte These des Vertrauens zur KricgSver- Wallung und hiernach einfache Annahme oder Wlchnung der Militärvorlagen muffen wir ablehnen. Wir haben doch oft erlebt, der eine KriegZminkster verlangt das und fein Nachfolger etwas anderes, und der eine sagt in dem einen Jahr daö und in dem anderen etwas anderes; und was der Kriegsministcr in diesem Jahr zur Degründuna seiner Forderungen ausführen wird, wird wohl anders klingen alS vor Jahresfrist. (Heiterkeit.) Nein, wir müssen verlangen, ernst zu prüfen, ohne Ueberhebung. (Sehr gut!) Daß falsche Urteile von Laien ausgesprochen werden, und übrigens auch von alten Offizieren, die die Weisbeit in Erbpacht genommen zu haben glauben, wiffen wir auch; aber trotzdem sind wir als Vertreter des deutschen Volkes verpflichtet, genau zu prüfen. kBeifall.) Ter Redner spricht einige Worte für den Deutschen Wehrverein, der durchaus seine Berechtigung habe. Der neue Geist, der die Jugend Deutschlands durchzieht, ist von außerordent- kicher Bedeutung für die Stärkuna unserer Wehrmacht. Das ist keine Parteisache. Dr. Paasche wendet sich sodann gegen Dr. Arendt, den er doch nicht ganz überg-hen dürfe. (Heiterkeit.) Er hat vermißt, daß Herr Junck vom Schutz auch der industriellen Arbeit gesprochen bat; zum Schutz der Großindustriellen, deren Zukunftspartei ja die freikonservative Part-i ist. (Heiterkeit.) Wir wollen einen vollständigen Schuh der nationalen Arbeit, aller,gewerblichen Arbeit in Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie, und Herr Arendt hatte wirklich nicht nötig, uns aufzu- fordern, für die Industrie noch eine extra warme Lanze zu brechen. (Heiterkeit.) Das steht in unserem Programm, und alle unsere Freunde stehen auf diesem Programm. Ein Schlußwort über das parlamentarische Regiment, mit dem man uns jetzt als Verräter am Vaterlande branddmarkt. Wenn mein Freund Junck nach jeder Richtung an einem Ausbau der Geschäftsordnung und an die Anträge erinnert, die wir vor Jahren schon gestellt haben, die gesetzliche Festlegung der Verantwortlichkeit des Reichskanzlers durchzuführen, dann kommt man mit dem „parlamentarischen Regiment". Aber, wenn es einen Reichskanzler gibt, der den Mut hat, eine Reform des Preußischen Wahlrechts zu verlangen und den Mut hat, den Herren eine direkte Belastung der besitzenden Klaffen abzufordern, so ist das kein Ausdruck parlamentarischen Re- fimentS, wenn man möglichst alles tut, um diesen Reichs- anzler zu beseitigen! Ist dieser Reichskanzler unbequem, Sann kann sich Herr v. Hennigs-Techlin im Preußischen Abgeordnetenhause hinstellen und Töne anichlagen, die, wenn sie aus liberalem Munde gekommen wären, wahrscheinlich einen Aufschrei veranlaßt hätten: Seht mal, die streben nach parlamentarischen Regiment! (Sehr gut! links.) Und in B a v e r n, was haben Sie da anderes? Das Ministerium Podewils ist gestürzt, daß Ministerium Hertling dem ultcamon- tanen Charakter der Neuwahlen entsprechend, ist eingetreten. Das ist ganz etwas anderes, natürlich. Aber wenn wir -eine Aeußerung tun, man konnte Wohl die Verantwortlichkeit des Reichskanzlers festlegen, dann kommt Herr v. Putlitz und andere und erklären: Niemals werten wir uns gefallen lassen, daß die Rechte der Krone und des Monarchen an- getastet werden I Wir sind mindestens ebenso königS- treu bis auf die Knochen, wie Sie ! '(Stürmischer Beifall linte.)’ Wir schützen die Rechte der Krone genau so wie Sie. Aber die Entwicklung steht nicht still, das hat ja ter Reichskanzler selbst gesagt, und da ist es ein Gebot, das Staatsund Verfassungsrecht weiter^ubilden, nur dann sichert man seinen Bestand. (Sehr richtig! links.) Der Reichskanzler hat gemeint, et könne weder reaktionär, noch radikal sein. Dann hätte er sagen sollen: weder links noch rechts — in der Mitte, die goldene Mittel st raße! Wir sind weder reaktionär,^ noch radikal, aber bei ihm klang es so, als sollte es heißen, wir waren die Radikalen. Gelviß, keine Regierung würde Bestand haben, die reaktionär oder radikal regiert; aber wenn der Reichskanzler uns den Ruck nach links vorwirft, so kann die Politik der Regierung auch nur dann zum Ziele führen, wenn sie in gewisser Beziehung einen Ruck nach links mitmacht. Sie werden nicht mit einem lückenlosen Zolltarif, nicht mit einem überagrarischen Programm, nicht mit Hintertreibung einer Wahlreform in Preußen, nicht mit bureaukratischen und polizei- uchen Mißgriffen und nicht mit Niederhaltung der liberalen Forderungen in Kirche und Schule die Zufriedenheit im Volke erwerben. Denn es ist die Hauptsache: die Zufriedenheit im Volke! In den 4'^Millionen sozialdemokratischer Stimmen steckt ein großer Haufen Unzufriedenheit mit den bestehenden Zu- ständen, mit der bestehenden Verwaltung, mit der bestehenden Exklusivität, mit all jenen Mißgriffen, die immer und immer wieder im Wahlkampf zutage getreten sind. (Sehr wahr! links.) Und daher sage ich: Rücken Sie ein klein wenig nach links und helfen Sie die Unzufrieden- heit beseitigen. Dann werden Sie dem Umsturz wirklich einen Riegel vorschieben, (Stürmischer Beifall links; Zischen rechts und im Zentrum.)^ ~ 916g. Gothem (Vp.)k Wir fvürd'en eß für sehr wertvoll halten, lveNn die Mißber- ständnisse zwischen Deutschland und England endlich beseitigt mürben, allerdings unter Wahrung der berechtigten Interessen Deutschlands. Der Redner übt dann eingehende Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik und der bisherigen Steuerpolitik. Immer heißt eS: diese ober diese Finanzreform ist dis letzte! Auch auf die unwiderruflich allerletzte Finanzreform des Schatzsekretärs Shdow kam die wirklich unwiderruflich allerletzte des Herrn Wermuth. Und nun verlangt man schon wieder neue Steuern! Die letzte Finanzreform hat den erwarteten Erfolg nicht gehabt. Der Redner bespricht die Erträgnisse der einzel. neu Steuern. Der Scheckstempel hat nichts eingebracht. Wir haben ihn auch nicht borgescklagen. '(STEg. Erzbrrger '(Zenlr.s: Herr v. Mendelssohn!) Ich kenne keinen solchen Abgeordneten! Haben Sie sich dort Rat geholt, Herr Erzberger? Es ist ja inter- effant zu sehen, mit welchen Kälbern Sie pflügen. Auf die Vorschläge des Grafen Westarp geben wir nichts, seit er bei der Finanzreform die Wertzuwachssteuer der Stadt Köln mit ihren Fehlern wörtlich abschrieb und hier als eigene Arbeit vorlegte. (Heiterkeit.) Wir verlangen eine allgemeine Besitz st euer, entweder zur Deckung neuer Forderungen, oder zur Beseitigung anderer unsozialer Steuern. (Beifall links.) Die unerhörte Bran.rtweinskeuergesetzgebung muß zurückrevidiert werden. Die Erbschaftssteuer muß kommen, und wenn Die Rechte sie nickt will, auch ohne sie. Schon 1909 fanden sich auch bei der Rechten eine ganze Anzahl Stimmen dafür. Heute spielen Sie die Bourbonen, die nichts gelernt und nichts vergessen haben. Unser Jubel über die Wahlen 1907 und 1912 ist ganz berechtigt gewesen. Damals handelte es sich darum, eine Mehrheit des Zentrums und der Sozialdemokraten zu zu brechen im Interesse unserer Kolonien und die Eiterbeule auf- zustechen, wie der damalige verdiente Staatssekretär Dernburg sagte. Jetzt handelte eß sich um eine anberc Mehrheit, die wir ganz konsequent in den Stichwahlen bekämpft haben. Tie Rede des Reichskanzlers hat tatsächlich provokatorisch gewirkt, und er kann sich nickt wundern, wenn es ihm nun entsprechend entgegen schallt. Tie Rechte will, daß wir einen Zentrumsabgeordneten zum Präsidenten wählen sollen — als ob alles beim alten geblieben wäre! Tie Sezialdemokratie hatte einen Anspruch auf "einen Platz im Präsidium, und es war ein Fehler, daß man. sich früher dagegen sträubte. Aber was geht es den Reichskanzler an, welches Präsidium sich der Reichstag wählt. (Lebhafte Zustimmung links.) Das ist eine interne An- gelegenBeit deS Reichstags. (Sehr richtig! links.) Tann kann er ja ebenso gut verlangen, daß wir keinen Sozialdemokraten in die Kommissionen wählen. Wir haben den dringenden Wußsch, daß der Reichskanzler sich solcher Einmischungen in interne Angelegenheiten des Reichstages enthält. (Lebhafte Zustimmung links.) Ter Reichskanzler hat sich so ziemlich zwischen alle Stühle gesetzt. Das Verantwortlichkeitsgesetz wird kommen; auch China bat es schon, nur noch nicht Rußland. (Zuruf b. d. Soz.: Preußen!) Natürlich Preußen! Der Wahlapparat der Landräte hat bei den Wahlen wieder tadellos funktioniert . Fürst Bülow hatte so viel für die Konservativen getan, daß ihm zu tun nichts ui ehr übrig blieb. Tas hat ihm ober alles nichts genützt. So wird es dem jetzigen Reichskanzler auch gehen. Die Rechte schiebt die Erhaltung der monarchischen Macht vor, bloß um ihre eigene Macht zu erhalten und zu stärken. Die Sozialdemokratie glaubt nicht mehr an den Zukunftsstaat. Das Ziel ist ihr Nebensacke, die Bewegung ist ihr alles. Auch denkt sie nicht mehr an die Verstaatlichung der Produktionsmittel. (Lebhafter Widerspruch bei den Soz.) Mir hat einmal ein Sozialdemokrat in einer Versammlung gesagt, das wäre nur ein Schwindel, den die Liberalen aufgebracht hätten. (Große Heiterkeit.) Wir arbeiten weiter für den Fortschritt und die Freiheit des Volkes. (Beifall links.) Reichskanzler Dr. v. Bethmann Hollweg: Ich will nur einige Bemerkungen zu Fragen macken, die in der bisherigen Debatte aufgeworfen sind. Ter Abg. Gothein hat voichin gesagt, er wünsche nicht, daß ich mich in die Geschäfte deS Reichstages bei der Wahl des Präsidiums einmische. Denselben Gedanken hat der Abg. Ledebour am vorigen Sonnabend in der an ihm gewohnten etwas schärferen Sprache Ausdruck gegeben. Er hat es eine unerhörte Anmaßung, einen Uebergriff don mir genannt, was ich neulich über die Vorgänge bei der Präsidentenwahl gesagt habe. (Sehr richtig! links.) Ich habe nicht daran gedacht, eine Bemerkung darüber zu machen, daß dem Reichstage nicht die volle Freiheit zusteht, sich dasjenige Präsidimn zu wählen, das er will. Ich habe lediglich die Haltung der beiden liberalen Fraktionen zum Beweise dessen angeführt, daß nach meiner Ueberzeugung sich die liberalen Parteien nach links entwickelt haben. Es ist feine Anmaßung, das zu sagen, und daß ist kein Uebergriff. Es handelt sich dabei um Akte, welche in unserer gesamten politischen Oeffentlichkeit das größte Aufsehen erregt haben. Und daran soll der Reichskanzler stillschweigend Vorbeigehen? Nein, meine Herren, ich denke gar nicht daran. Ich werde barüber biejenigen Bemerkungen machen, bie ich von meinem Stanbpunkte aus für richtig halte. (Beifall rechts, Zurufe links.) Wenn ich tatsächlich ber eingebildete Sureaulrat wäre, als den mich bie rabifalc Presse unb die radikalen Redner immer hinzustellen pflegen, so könnte ich versucht sein, den Vorwurf der Anmaßung -zurück- zugeben. Aber die Sprache, die der Herr Abg. Ledebour am letzten Sonnabend nicht nur gegen mich geführt hat, ist mir in keiner Weise ärgerlich gewesen. Der Abg. Ledebour hat im Verlaufe seiner Rede sestgestellt, zwischen dem rechten und dem linken Flügel seiner Partei herrsche volles Einverständnis. Nun, wenn man die Sieben des Abg. Franck und des Herrn Ledebour vergleicht, wenn man, wie es Herr Ledebour getan hat, sie auf denselben Standpunkt stellt, dann ist doch aber bie Besorgnis gerechtfertigt, ob der Sieg des Revisionismus über den Radikalismus sich so schnell vollziehen werde, wie eß noch eben der Abg. Gothein angenommen hat. (Sehr richtig! rechts.)' M. H., es hat bann weiter in der bewegten Debatte die Frage der Erbschaftssteuer einen sehr breiten Raum eingenommen. Ich kann ja nichts dagegen einwenden, wenn sich die Herren über die Erbschaftssteuer, was die Vergangenheit angeht, unterhalten, obwohl ich einen großen Nutzen mir davon, wie ich schon neulich gesagt habe, nicht versprechen kann. Etwa? anderes ist eß aber, über bie Erbschaftssteuer zu sprechen im Zusammenhang mit der Steuervorlage, die von den veickündeten Regierungen noch gar nicht "elilgebrächt Ist. Ich Mine,'man sollte' d'esti Zeliffunkl Einbringung dieser Vorlage abwarten. Sonst bekommen wir j, immer vom Parlament zu hören. Deckung zu suchen, sei eine gäbe der verbündeten Regierungen und nicht beß Reichstags. Ich bin ganz derselben Ansicht, unb barum sollte man au.5 in diesem Falle nicht über die Deckung sprechen, bevor nicht tie Vorlage, die Vorschläge der Verbündeten Regierungen Ihnen vor- liegen. Wir, ber Herr Schatzsekretär unb ich, haben nicht onae. fangen, von der Erbschaftssteuer zu sprechen, sondern wir ha!?en nur erwidert auf Bemerkungen, bie au8 bem Hause gefallen sind unb haben e5 tun müssen, um zu zeigen, daß den verbünbeten Re- gierungen volle Freiheit in ber TeckungSfrage offen bleiben muß. Antizipierte Erörterungen üter diese Frage können die sckwierigr Situation nicht erleichtern, und ich möchte deshalb bie bringende Bitte an das Hohe Haus richten, die Kritik bis zu dem Zeitpunkt auf,uschieben, zu dem die verbündeten Regierungen mit ihren Vorschlägen hervorgetreten sind. Schließlich — ich will mich auf diese letzte Bemerkung 6e. schränken — hat Tr. Paasche gemeint, ich sei den Beweis für die Linksentwicklung des Liberalismus und namentlich der national, liberalen Partei schuldig geblieben. Tie Frage der Linksentwicklung der SafionnlTiberoTen ist in ihrer Parteipresse feit drei Jahren die TageS frage. Tie Jungliberalen haben sich zusammengetan, um die Partei weiter noch links zu ziehen. (Sehr wahr! rechts.) Ihre animofe Frontstellung gegen reckts — ick will bie Orünbe unb die Frage ber Berechtigung der Stellung nicht untersuchen; mir komm! es nur darauf an, die Tatsache zu konstatieren — Ihre Stellung gegen reckts (zu den Nationafliberalen) ist dock eine Signatur für das Bestehen dieser Bewegung in Ihren Reihen. Sie haben ja schließlich in den letzten Wecken — auch daS wird Ihnen nicht entgangen sein — mit der Haltung dec Partei zeit- weise selbst Gnade vor den Augen deS Berliner Tageblatts gefunden. (Große Heiterkeit.) Ich will von ber hauptstädtischen Presse nicht sprechen. Ter Abg. Paasche Bat, wie ich glaube, mit vollem Recht mir eine ganz besondere Stellung eingeräumt. Aber bie Herren werben bock an der Haltung der Provinzpresse, an den Beschlüssen, an den Bc. sorgnissen zahlreicher Parteivorstande, die zu ihnen gehören, nicht blinden Auges vorübergegangen sein. (Sehr richtig rechts und im Zentrum.) Aus allen diesen Tatsachen konnte, glaube ich, der un. parteiische Beobachter nur den Schluß ziehen, den ich gezogen habe. Belehren Sie mich eines Besseren, ich werde der erste sein, der daß freudig begrüßen wird. Und ich nehme schon heute dankbar von der Erklärung des Herrn Abg. Paasche Akt, daß seine Partei nicht daran denke, sich nach link- weiter zu entwickeln, (Heiterkeit rechts und int Zentrum), daß seine Partei an ihren alten Traditionen festhalten wolle. Sie haben das mit Heiterkeit begleitet. Ich habe das, meiner Ansickt nach, ohne jede Spur von — na, wie soll ich sagen •— Jronrr gesagt, sondern cS ist meine positive lieber« 3 e u g u n g. Ich werde Ihnen nur dankbar fein, wenn Sie diese Ihre Absicht verwirklichen, denn wenn Sie eß tun, dann kann ich hoffen, daß die Zeit wiederkehrt, wo sich trotz aller Gegensätze zwischen konservativ und liberal die Parteien sich nicht mehr auseinander entwickeln, baß die Tendenzen zu einer solchen Auseinanderentwickelung auch auf der rechten Seite aufhören, und daß damit bet Boden toietergefunben werden wird, auf dem sich schließlich im großen unb ganzen die Politik ber mittleren Linie bewegt hat, von Der unser Reich während seines gesamten Bestehens gelebt hat. Daß dieser Zeitpunkt bald wieder kommen möge, ist allerdings mein ernste' Wunsch. (Beifall rechts unb im Zentr.) Ein Vertagungsantrag wirb angenommen. Persönlich bemerkt Abg. Bcbel (Soz.): Ter Abg. Paascke ist irrtümlich unterrichtet, wenn er meint, wir hätten unß bereit erklärt, im Präsidium das Kaiserhoch auszubringen. (Hört! Hört! rechts.) Auf die Frage der Liberalen, wie wir uni zu den höfischen Verpflichtungen stellen, haben wir erflärt: diese erkennen wir nicht an, aber wir sind bereit, alle ftaatl- rechtlichen Verpflichtungen zu übernehmen, worauf die Nationalliberalen erflärten, mehr zu fordern, hätten sie keinen Anlaß. Sie erklärten sich also damit einverstanden. (Höri! Hört! rechts.) Ich habe auch dem Abg. Spahn erklärt, daß wir hinsichtlich der höfischen Verpflicktungen unseren alten Standpunkt nicht verlaffen, daß wir höfische Verpflichtungen nicht übernehmen. Auch der Fraktionsvorsitzende, Freiherr v. Hertling, fragte uns bann nach unterer Stellungnahme zum Kaiserhoch. Auch ihm gegenüber erklärte ich, daß wir an unserem alten Stanbpunkt festhalten. Ich stelle also fest, daß am 9. Februar kein Mensch über unseren Intentionen im Dunkeln fein konnte. (Hört! Hört!) Abg. Erzberger (Zentr.) stellt gegenüber bem Abg. Gothein fest, daß die Schecksteuer eine Regierungsvorlage gewesen fei, und zwar fei sie von Herrn von Mendelssohn unb anderen Großbankierl vorgeschlagen worden. -> Abg. Tr. Paasche (Nakl.)^ Ich kann nur feststellen, daß mein Fraktionskollege Dr. Schiffer, der seine Aussagen sehr scharf zu präzisieren pflegt, ausdrücklich erklärt hat, daß die Herren der sozialdemokratischen Fraktion damit cinberftanocn sind, daß bet sozialdemokratische Vizepräsident im Falle der Verhinderung btl Präsidenten auch die Verpflichtung übernehmen werde, das Kaiserhoch auSzubringen. Ich bin nun nicht dabei gewesen, ick kann nur feststellen, was mir mitgeteilt wurde, mag sich Herr Bebel mit Herrn Schiffer auseinanbersehen. (Hört! Hort!) Abg Bebel: Ich stelle fest, daß eine solche Erklärung nicht abgegeben worden ist. (Hört! Hort!) Dienstag 1 Uhr Weiterberatung, ferner die Anträge auf Revision ber Geschäftsordnung Schluß G% Uhr. Gerichtssaal. sb. Hildesheim, 1?. Februar. Eine gewisse Leidenschaft für militärische Hebungen hat für einen hiesigen jungen Kaufmanns- lehrliug sehr unangenehme Folgen gehabt. Während der letzten großen Manöver, die auch Nachtübungen in sich Ichlossen, faßte er mit einem Freunde den Plan, sich in das iDlanöuevgelänbe zv begeben. Zu diesem Zwecke mußten sie, da der Standort der Truppen ziemlich weit entfernt war, ein Automobil benutzen. Der junge Mensch, Georg Leising, kam nun, nm die Kosten zu sparen auf die ^dee, für die Fahrt ein Automobil zu benutzen, das in einem Schuppen seines Vaters untergeftellt war. Ain einem Nachschlüssel wurde der Raum geöffnet und Leising betätigte sich als Ehaufieur, obwohl er früher niemals einen Siraftivagen gelenkt hatte. Es schien auch alles ganz gut zu gehen. Die Hebungen wurden von den beiden jungen Leuten beobachtet und nachts gegen 2 Uhr trat man bie Heimreise an. In einem Doris, das zu passieren war, bemerkte der Führer des Wagens zu spät, daß er einem Meuschentrupp sich gegenüber befand. Es war eine CfhjierSpalrouiUc, die in der Nacht noch einen Auftrag auszniühren hatte. Tie Distanz war zu gering, um noch bremsen zu können und der Wagen fuhr in die Patrouille hinein. Immerhin war das Unglück noch nicht so grou, wie es hätte fein können. Emern Pferde wurden die beiden Vorderbeine abgefahren/ so daß es sofort getötet werden mußte. Ber Reiter kam mit dem Schrecken davon. Ter Führer der Patrouille, ein Rittmeister der Reserve, kam zu Fall, da sein Pferd gescheut hatte und erlitll verschiedene Bruche an den ttnochen des Fußes, woran er noch) heute laboriert. Als der junge Mensch merkte was er angerichiLl hatte, ergriff er die Flucht, tonnte aber bald ergriffen werden, Wr Genchtsl os verurteilte ihn nut Rücksicht auf seinen bodenlosen^Lkichtsnui zu einer Gefängnisstrafe von fünf Monaten. x. Vmirh'cbtes. • Aus dem finne r st - n r raut r ei ch. In der schönen Bretagne herrschen im Volke «och immer dunkelster Aberglauben und wunderliche Vorstellungen von Heren, Zauberet und lchwarzer Kunst. Ein für diese abergläubischen Ideen deS Volkes in der Bretagne charakteristischer Vorfall hat vor dem Polizeigericht von Saint Brieux jemen Abschluß gefunden, nachdem ein armer, unschuldiger Esel vorher dem Zauberglauben zum Lpfer gefallen war. Als Angeklagte erschienen eine Anzahl junger Burschen; sie hatten abends gegen 11 Uhr das Wirtshaus verlassen und aus dem Wege durch das Dorf stießen sie auf einen Esel, der mitten auf der Ltr-.iße stand. Sofort regten sich in den Gemütern der jungen üeute abergläubische Gedanken; ein Esel mitten aus der Straße — nein, das war sicher kein wirklicher Esel, das mußte ein Zauber- eiel sein. Der eine flüsterte es dem anderen zu und einer meinte schließlich, das sei der Ortsgeislliche, der die 'JJladjt habe, sich an gewissen Tagen des Jahres in einen Esel zu verwandeln. Tie Burschen standen beieinander, raunten und flüsterten, jeder einzelne von ihnen wäre ivahrscheinlich am liebsten umgekehrt und schleunigst davongelanien, aber einer mochte sich vor dem anderen schämen und jeder wollte jemen Mut beweisen. Und so traten sie denn tapfer auf das Ungetüm zu und riefen herausfordernd: »Wir haben keine Angst vor Ihnen, Herr Pfarrer, Sie sehen es jo, wir haben durchaus leine Angst vor Zhnen!" Unglücklicherweise stel es dem armen guten Langohr in diesem 'Augenblicke ein, seine Stimme zu erheben und ein trassiges ,ia* durch die Stille der Nacht ertönen zu lassen. Tie tapferen jungen Bretonen wichen entsetzt zurück, dann aber faßten sie sich ein Herz, stürzten auf den Esel los und ivaxfen das atme Tier in eine Sandgrube. Jeder zog sein Liesset und in ein paar Minuten war der Langohr regclredjt er- boid i Tas beichteten sie jetzt, ein wenig beschämt, vor dem Polizeirichter uno erklärten: „Wir haßten ihn." Sie haben dafür ö Wochen Untersuchungshaft sitzen müssen unb jeder von ihnen ist jetzt noch mit einer Geldstrafe von 50 Frs. belegt worden. Irischer Humor. )n diesen Tagen, in denen wieder io viel von Home Rule die Rede ist, macot folgende Geschichte oon irndhii’ Humor bie Runde in englischen Blattern. In einer Giic^tjchast in Fr land bringt ein Arzt, ein eifriger Unionist, Die Rede auj ,ei,i Lieblingstheina, die Home Rule. „Ich kann es beweisen- sagte er, „daß daS irische Volk nicht reis für Home Rule ist, da seine Ehrenhaftigkeit zu wünschen übrig läßt. , beweisen Sie es," riefen alle Anwesenden. ,.Schön, ich vrafiu* i früher in einem Arbeiterviertel und halte itber hundctt irtV Patienten in Meinen Büchern. Nun, und was glauben 3’ ’ viele von diesen Patienten mir mein Honorar gesandt babti „Tas können wir nicht wissen, aber wir werden es Ihnen gfaul» wenn Sie es uns sagen," erwiderte man ihm „Nur >cd - sagte der Toktor mit Betonung und sah sich triumphierend < Kreise um, wollen Sie noch weitere Beweise? oder wie wo.'' Sic das erdären? „Ach, ganz einfach," erwiderte bei '.''.ar der dem Dollar am eifrigsten widersprochen, ,,es waren noch zehn von all den hundert Patienten, die Sie behandelt, ’ Leben geblieben !" Er hatte die Lacher auf seiner 5eile. kf. Eine Herausforderung b c 6 Spiritismus •' die Wissenschaft hat kürzlich Fernand Giiod, ein dckoni c Pariser Spiritist, ergehen lassen. Er hat sich erboten, vor ' haben werden.