162. Jahrgang «Zweites Blatt Nr. 246 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag». 1 Räurnen des I Mer unsere deutsche Aktion ist zum Teufel wünschen. iben: ;iten zeigen. rbert en. fieber den schuhe ichmack. müssen die Anerkennung von den Engländern verlangen! Es besteht durchaus keine Notwendigkeit, daß unsere wirtschaftliche Rivalität zum Mampfe mit England führen müsse. Notwendig sei nur, daS eine zu bedenken in diesen ernsten Zeiten: daß das Ringen um unsere Wcltstcllung das Ringen um unsere Existenz ist. Unser neuer Vertreter in London, Fürst L i ch n o w s k y, hat nach früherer Veröffentlichungen ungefähr dieselbe Meinung. ;huhe n Preisen. ebenso unvermeidlich wie Mit den Türken im albanischen Krieg. In der neuen Aula sprach gestern auf Veranlassung kaufmännischen und des Ortsgewerbevereins Wir sind damals mit einem großen Aufgebote von Spannung und Mut hingewandclt an einem Abgrunde, den wir kannten. Markts meinte: Vielleicht sicht die Nachwelt die Zeit seil 1900 heroischer und größer an, als wir es tim: vielleicht war das Ganze doch eine historische Leistung! Nach der Betrachtung der Ereignisse bis 1911 kommt der Vortragende zu der Ansicht, daß vielleicht die eigentlich kritischen Zeiten in unserem Verhältnis zu England vorüber seien. Tann beantivortetc der Redner eine letzte Frage: Besteht ein guter Wille, eine Möglichkeit zur Verständigung? Es ist politische Klugheit, den Gegner gerecht zu beurteilen. Und von diesem Standpunkte aus tonnen wir eS wohl verstehen, daß die Engländer uns gern Kennst du den Weg? Es kennt ihn niemand. Wir wandern, wir wandern im langen Zuge, fort ins Ungewiss«. Ta^ vorne, irgend wo ganz vorne, so flüstert beruhigend eine innere Stimme, irgendwo ganz da vorne, da ist gewiß ein Führer, einer, der unfern Pfad lenkt. In schmaler Seitengasse staut sich der Strom. Vor bescheidener Tür blinken zwei Lichter, ihr Schein fällt auf irdene Töpfe, in denen verstört Lleanderbüsche grünen: da gehts hinein, da mußt du hinein, warte nur, balde. Tas Gedränge wächst, nervöse Frauen protestieren, ein Reiher zerbricht, man stolpert über einen von dem Andrang hingestrechen Cleanbcr, und der Humor kehrt erst wieder, als ein wohlbeleibter echter Berliner sich augenzwtnkernd Bahn bricht mit dem Rufe: „Vorsicht, drei Zentner!" Ein zähes, endlich siegreiches Ringen mit den Hütern der Garderobe, ein verständnisvolles Lächeln für die bleichen Kellner, die händeringend versichern, es sei niästs mehr da, es sei alles schon vus- gegessen, — und endlich ist das Heiligtum dieses improvisierten Musiktempcls erreicht. An der Tür verkündet ein im Augenblick eingetroffenes Telegramm die Entscheidung des Reichsgerichts, die Weingartner bis zum Jahre 1916 von Berlin ausschließt. Und bann, ja dann bricht ein tosender Beifall los, garte Hände röten sich bei der Arbeit. Stiefelabsätze donnern enthusiasmiert auf den Bretlerboden: er, der Verbannte, der Geächtete, der Verfolgte ist erschienen. . . . Ist er noch der Mte? Genugtuung und ein Strahl der Freude liegt über seinen Zügen. Berlin ist ihm treu geblieben. Und bekräftigend hebt er die Hände und winkt den Freunden zu, die ihm freiwillig ins Exil folgten. Sahen wir ihn nicht zuletzt au der Spitze des königlichen Orchesters in der Oper? Noch ist er der elegante, schlanke Held des Taklstockes, eine Augenweide für die Beirunderer schöner, sicherer, klassischer Gesten. Tie jugendliche Schärfe des Profils hat sich vielleicht ein wenig gemildert. Tie kameenhafte Reinheit der Züge hat vielleicht 'in Zähren des Kampfes und der Arbeit ein wenig gelitten. Tie Schärfe der Konturen hat sich verwischt. Und wie er sich jetzt zu seinem Pulte wendet und den Feldhermstab des Musikers hebt, sehen wir auch ein anderes Bild wie einst vor Jahren im königlichen -Opernhause. Ta reckte er mit jugendlichem Zuge den Arm mit dem Stabe plötzlich senkrecht empor und stand an der Spitze seiner Schar als jugendlicher Führer, eine schlanke, einzige Vertikale von faszinierender Kraft der Suggestion. Bis dann, mit einem Ruck, diese statuenhafte Bewegungs- Redaktion, Expedition und Druckerei: Schub straße 7. Expedition und Verlag : 51. Redaktion: 112. Tel.-Adru AnzcigerGießen. Tie „Lietzener Zamiliendlätler" werden dem „Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegl, daS „Kreilblatt flr den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen ownatlich zweimal. Zreitag, 18. ©Höbet 1912 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. des Tr. LM. W’&rthh fti itt. jj| politische Tagesschau, gor RkichNagswahl im Bezirk Berlin I. Der „Post" wird von parlamentarischer Seite schrieben: Voraussichtlich werde die Ortsgruppe Reichspartei entweder allein oder im Verein mit Konservativen einen rechtsstehenden Kandidaten im ersten Berliner Wahlkreise aufstellen. „Wie man sich bei einer etwaigen Stichwahl zu stellen haben wird, fann späterer Erwägung überlassen bleiben Eigentlich müßte nach dem Stichwahlabkommen vom vorigen Frühjahr seitens der Sozialdemokraten bei einer solchen die damals so erfolgreich angewandte „Tämpsung" der sozialdemokratischen Wahltätigkeit ein- treten, denn auch in Berlin I könnte nach den vorhandenen Parteiverhältnissen der sozialdemokratische Kandidat nur mit direkter oder indirekter Unterstützung der Rechtsparteien den Sieg erlangen Sollten gleichwohl die Sozialdemokraten ihren Wahl- bundesbrüdern das Präfidialmandat abjagcn wollen, roirb es von dem Verhalten der freisinnigen Volkspartei selbst abhängen müssen, wie die rechtsstehenden Wähler sich bei der Stichwahl verhalten losigkeit endete, der Arm blitzschnell herabsank und im Fallen den ersten Ton emporzauberte. Jetzt streckt er den Stab wagerecht zu seinem Pulte. Tic altvertraute Geste von ehedem bleibt aus und die anspruchslose Gelassenheit von heute ist vielleicht symbolisch für die Wandlung. Still, diese erste Sinfonie beginnt. Tas Scharren und Murmeln im Saal verstummt, aber nun läßt ein fernes, dumpfes Summen das Herz erstarren. In die atemlose Stille legt sich dieses Summen als etwas Unerklärliches, Fremdes, Rätselhaftes. Oben auf dem Podium, zwischen den grellen, ärmlichen Kulissenfetzen und Sosfitcn der bescheidenen Bühne, läßt der Meister den Arm sinken, suchend gleiten alle Augen umher: und nun, nun endlich erkennt man es: dort oben surrt und poltert ein Ventilator und will Beethovens Musik begleiten. 2000 Augen starren wortlos auf dieses fleißige geräuschvolle Rädchen. Irgendwo rennt hastig ein Mann mit weißer Binde den Gang hinunter, im Hintergrund gestikulieren ratlos blondgescheitelte Kontrolleure. Wird es gelingen? Wird man den rechten Knipser finden? Tonn löst sich die Spannung in fröhlicher Heiterkeit. Und das Lochen wirkt befreiend, fegt rauschend alle letzte Befangenheit aus dem Saale. Dies seltsam ärmliche, dürftige Milieu mit den schüchternen, in allen Farben glühenden Girlanden aus elektrischen Birnen wird uns jäh vertraut. Es ist, als sei die alte Zeit wiedergekehrt. Weingartner dirigiert Beethoven vor seinen dankbaren Berlinern. Und daß dies in Fürstenwalde geschieht, in abenteuerlich kleinstädtischem Raume, auf kulissenbehängter Provinz- bühne, das ist nur ein zartkomischer Reiz, der die Freude steigert. Zum Schluß nimmt der Jubel fein Ende. Eine große Familie. Er selbst, der gefeierte Verbannte, winkt zwanglos einzelnen Freunden im Publikum zu. Wir sind hier unter uns. Und iremb in dieser Harmonie ist nur der Tisch mit jener «gelben Broschüre, die die „Erlebnisse eines königlichen Kapellmeisters in Berlin" schildert und immer wieder daran erinnern will, daß wir nicht nur Beethoven hören, sondern auch gegen Weingartners Gegner demonstrieren sollten. • Ter Triumph der Sensation bleibt Felix Weingartner erspart. Achtlos drängen die Heimkehrenden an dem Tisck)e mit dieser Anklage vorüber. Tann stampft der Zug wieder durch das Tunkel. Und in dichtgedrängtem Kupee summen junge Enthusiastinnen die schwermütigen Klänge des Trauermarsches aus der Eroica leise vor sich hin, indes draußen unter bleickgestirntem, schwarzem Himmel herbstliche Birkenwälder vorbeirauscheru H. Winand, Aus Hessen. Tie Revision der Be!oldlmg?ordnung. Darmstadt, 17. Okt. Tie Beratungen der Regierung über die organische Revision der Besoldungsordnung nähern sich jetzt ihrem endgültigen Abschluß. In den einzelnen Ministerien finden zurzeit noch eifrige Erörterungeit über die 2lbänderungssätze für einzeln^ Äeamtenlategorien statt und Anfangs der Woche waren auch die Abteilungschefs zu einer gemeinsamen Beratung beisammen. Im Laufe der nächsten Woche dürfte sich noch einmal das Gesamtministerium eingehend mit der ganzen schwierigen Materie beschäftigen, und man hofft alsdann bestimmt gegen Ende des Monats die Vorlage zum Abschluß bringen und sie zunächst dem Präsidium der Zweiten Kammer überreichen zu tonnen. Ernst I ä ck h - Berlin über Albanien : Ter Redner gab einen kurzen lleberblicf über die Geschichte Albaniens. Um das Gebiet spielten sich in den letzten Jahr- bunbcrtitn lebhafte Kampfe ab, die mit desfen Unterwerfung endigten. Zwar ist es jetzt eine türkische Provinz, aber politisch keinen Neuerungen zugänglich. Der Name Albanien stammt aus der italienischen Sprache: der Bewohner selbst nennt sein Land „Adlerhorst" Seine Spraä-e unterscheidet sich erheblich von der türkischen. Dem Einbringen in bas Land stellen sich die größten Schwierigkeiten entgegen. Seine Schluchten sind kaum zu durchdringen. Das Klima begünstigt die gefürchtete Malaria. Von Ungeziefer wimmelt es allenthalben. Die Bewohner sind noch wilde Völker, die den Eindringling mißtrauisch verfolgen. Jeder wird für einen türkischen Spion gehalten. Aber auch die türkischen Beamten suchen hinter jedem neuen Ankömmling den Spion fremder Mächte. An der Hand einer Karte des Balkans crtlärtc der Redner die politische Lage. Italien wollte sich in Albanien sestsetzen, was Oesterreich nicht zugeben Fann, da sonst seine Flotte im adriatischen Meere wie in einem Binnensee eiuge- schlossen wäre. Aber durch die neuen Vorgänge in Tripolis ist Italien dort sestgelegt, so daß vorläufig nicht an eine Festsetzung zu denken ist. Montenegro möchte das nordwestliche Albanien für sich gewinnen, um einen größeren Küstenstrich zu besitzen. Dieser Plan wird schon lange mit allen Mitteln verfolgt. So überschreitet fein Albaner die montenegrinische Grenze, ohne von dem König empfangen und beschenft zu werden. Verwandtschaftliche Bande werden allenthalben, hüben und brüben, angeknüpst. Wie Montenegro nach Albanien schielt, sucht Serbien im Sandschak festen Fuß zu fassen, um ebenfalls mit der See verbunden zu sein. Die Ausführung dieses Planes wäre für Oesterreich die Trennung der Verbindung mit der Türkei. Daher haben diese beiden vor vier Jahren einen.Vertrag geschlossen, wonach Oesterreich verpflichtet ist, jede Besetzung zu verhüten. Ter Redner selbst hat mit einem albanischen Diener diese Gegend durchreist. Wir sehen im Lichtbild Albaner mit ihren Wasfen, Flinten mit Steinschloß, Mausergewehre, Browning usw. Ihre ®" br0"?^% ünigten Verbänden Mä. Haartracht ist dadurch merkwürdig, baß sic nur einen Büsche! stehen lassen. Sie wollen damit ihre Furchtlosigkeit bartun. Ter Feinb kann sie daran fassen um ihnen den Kopf abju schlagen. Tic wenigen Haare sind unter dem Käppchen verborgen. Ter Albaner ist, wie das Land, sehr arm. Tic Wirdum sind ärmliche Hütten, die mehr Vichställcn gleichen als Wottc-?, Häusern. Auch in ber Kirche bat der Albaner, der vom zwölften Sabre ab feine Flinte trägt, btc Waffen bei fick, und den Höhepunkt einer Messe bilbet bas Abschießen ber Geschosse, ^n ber Kirche ist aber and) nicmanb sicher. So würbe ein Priester getötet, weil er bie Gläubigen zu lange warten lieft. Ein anberer verlangte vom Volk, daß es pünktlich zur Messe komme. Da bics bem Verlangen nicht folgte, las er die Messe allein. Als er sie vor dem Volke auf dessen Drängen nicht wiederholte, trat cs einfad) zum Islam über. Die Priester sind von Oesterreich geschickt, reden aber meistens italienisch, da sic aus Süd tirol stammen. Tic Häuser sind Heinen Festungen gleich, ohne Fenster, nur mit Schieftscharten versehen. Wer bie Blutrad>c zu befürchten hat, verschanzt sich hier oft jahrelang. Die Blut- rache geht nach bestimmten Gesetzen vor sich, wie bei uns ein Duell. In einer solchen Hütte musste Redner einmal über nachten, in einem engen Raum, in bem auf ber einen Seite er mit der Familie des Albaners schlief, auf der anderen Seite die Pferde, 2d)weine usw. Taft diese Räume nicht gerade frei von Ungeziefer sind, läßt fid) denken. Das Frauenhaus ist nicht befestigt, da die Frau als unantastbar gilt. Jedoch wird diese nur als ein Ding gebraucht. Sie müssen die Lasten schleppen, wobei sie unaufhörlich stricken. Die katholische Kubanerin der Stadt ist im Gegensatz zur muhamcdanischen des Landes dicht Dcrfdjleiert. Ein anderer Brauch ist ber folgende: In der Wiege werden sie schon verlobt, verschmäht sie später ihren Bräutigam, so wird sie zur Virgine gemacht, b. h. sie bekommt Männerkleidung und Waffen. Sie ist also ein Mann. Bricht sie diesen Zustand und heiratet einen anderen als bett ihr bestimmten Mann, so hat sie bie Blutrache zu erwarten. Weitere Bilber bringen die Vegetation und Landschaften. Tas jetzt viel genannte Skutari ist noch ganz altertümlich wie das auf demselben Breitegrade liegende Pompe«. lieber die Straften liegen Steine, aus denen man bei Regen herüber und hinüber geht. Das Land ist schwer zu durchqueren, daher der albanische Gruft: Hast du die Schwierigkeiten gut überwunden? Aus die Antivort ja erhält man die Gegenantwort, bann bist du tüchtig. Brücken kennt man nicht. Errichtet ein Stamm einen Balkenübergang über einen Fluft, so reiftt ihn ber anbere wieder zusammen aus Furcht vor Uebersällen. Größere Flüsse werden mit Hilfe von aufgeblasenen Ziegenbälgen überschritten, die mit Latten zu einer Art Floß vereinigt werben. Am einfachsten find diese Geräte an ber österreichischen Grenze. Die Leute müssen dort mitten in Europa ein förmliches Robinsonleben führen. Tie nächsten Bilder zeigen türkisches Militär auf bem Marsche, im Gefecht, bei ber Parabe, im Lager. Zum Schlüsse erwähnte ber Vortragende, daß die Erhebung von den christlichen Serben, Bulgaren usw. ausgehe, die das Volk burd) Bombenattentate aufwicgcltcn. Die Türken hätten, die redlichsten Absichten mit den Reformen. Diese werden aber von ersteren unterdrückt, da sie nidst zu ihren Zielen paßten. In letzter Linie könne man sicher sein, daß England bie Hand im Spiele habe, da es die Türkei schwächen will, um seinen alten Plan zu verfolgen, Aegypten mit Jnbien burd) englisches Ge biet zu verbinden. Durch den Feldzug werden die Türken geschwächt, mag es ausgehen, wie es will. Allgemein neige man unter Sachverständigen der Ansicht zu, das; ber Türke siegreich bleibe. An Zahl sind die Türken den Balkanstaaten überlegen, an Ausbildung kommt ihnen nur Bulgarien gleich. Den ersten Siegen der Montenegriner ist Feine große Bedeutung beizumessen, da diese zumeist nur Banden- !ämpse sind. Der Vortrag, der vor überfülltem Saale stattfand, wurde mit regem Beifall ausgenommen. Weingartner im Exil. Berlin, 16. Oktober 1912. An dem stillen Balmhof von Fürstewoalde, ein halbes Hundert Kilometer fern von der Rcid)sl)auptsladt, herrscht buntes Treiben. \>alb Fürstenwalde steht am Bahnhossplatz, die Mädchen kichern ,ntb die Burschen blicken, die Hände rn_bcn Hosentaschen, eilt Denig spöttisch drein. Sic erwarten ein Sdrauspicl. Seit jenem ttnhvürbigcn Augusttage, da vor 5> Jahrhunderten in^ dem ircunblidwn Fürstenwalde, dem Städtchen mit den sieben Spree- Lücken, jener Vertrag geschlossen ward, durch den die bayerischen durften endgültig die Mark Brandenburg räumten, ist die alte Residenzstadt der seligen Bischöfe von Lebus nicht mehr so berühmt mit) so populär gewesen wie an diesem Oktoberabend des Jahres 1912. Fürstenwalde empfängt die tunsthungrigen Berliner. Felix Weingartner birigiert Beethoven, fern von Berlin. Wo sonst von Stadt zu Stadt ziehende flcine Theatertruppen derb naive SdjJvänFe exekutieren, soll heute Beethoven erflingen: die erste, die zn'eite, die dritte Sinfonie. Und die Berliner sollen kommen, um draußen in der Mark Weingartner, den Verbannten, die Eroica dirigieren zu hören. Und sie kommen. Tic langen Sonder zu ge ras,ein nach em- stundigcr Fahrt in den Bahnhof, einer nach dem anderen. An der Bahnsperre drängen sich die Hunderte von Enthusiasten, die schaulustigen Fürstenwalder draußen auf dem Bahnhofsplatz bilden Salier. Und nun füllen plötzlich auch laute Ruse die Luft, szundigeBerliner Zeitungsverkäufer sind den Wallsahrern vorausgeeilt: und während die Fürstenwalder schauen, staunen und grinsen, hallt S von allen Seiten über den Platz: „Tie Erlebnisse eines könig- .icken Kapellmeisters von Berlin! Tie Erlebnisse eines königlichen Kapellmeisters von Berlin!" Tenn diese Wallfahrt ins tillc Fürstenwalde hat — jeder weiß es — ihre Vorgeschichte, tat ihre demonstrativen Untertöne. Und viele, die vielleicht harmlos mr um der Rtusik willen die Mühsal der langen Fahrt auf sich nahmen, empfinden es plötzlich: hier ist man Parteigänger, hier iturb demonstriert, hier wird protctttert, hier imrd Klage erhoben. Die abenteuerlich? Fahrt ins Ungewisse erhält ihren heroischen Beiklang, den mild und gütig die zarte Komtk der Situation verklärt. Tie Großstädter, die daheim nur btc Straßenbahn verlassen, um sie mit der Untergrundbahn ober bem Automobil zu vertauschen, werden zu Fußgängern. Im schatten halbwüchsiger Linden wandert man durch das Tunkel. 9hrr hin und wieder erhellt tröstend der Schimmer einer schüchternen Laterne die Finsternis. Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Gberhefien Aur Stadt und Land. (Siegen, 18. Oktober 1912. ♦* Vorn Hessischen Staatsschuldbuch. Vom 1. April bis 30. September haben sich die Einträge im Hessischen Staatsschuldbuch um weitere 5 793 300 Mark vermehrt. Tavon wurden 1 178 900 Mark bar eingezahlt. Tie gesamte Buchschuld beträgt heute auf 2177 Konten 83 067 600 Mark. Tie steigende Inanspruchnahme des Staatssd)uldbuchcs ist in besonderem Maße zu beobachten seit dem Inkrafttreten der Aenderungen zum Schuld- buchgesetz. Sie brachten neben der Befreiung von den Etntragungs- gebühren wesentlicke Erleichterungen bei der Legitimation und laffen ferner Bareinzahlungen zur Begründung einer Schuldbuchforderung zu. Bei der Bareinzahlung können entweder zum Ein- bie englische Reaktion. Wir haben werden." Dürfen Deserteure nach Deutschland zurückkehren? Die amtlidic „Straßb. Korr." schreibt: In der Presse ist die Nachricht verbreitet, das; zwei aus Elfaß-Lothringen stammenden Emigranten die Aufenthaltserlaubnis versagt worden sei, welche sie zu dem Zwecke, an der Beerdigung ihrer Mutter teilzunehmcn, nachgesucht hätten. Es handelt sich um die Brüder Rcibel aus Oberehnheim. Der ältere, 1867 geboren, ist im Jahre 1888 von dem Gerichte der 31. Division für fahnenflüchtig erklärt und im ?lbwescnheitsverfahren verurteilt worden. Ihm unter Aussetzung der Strafverfolgung die Zu- cetfe nach Deutschland zu geftatten, gel>örte nicht zur Zuständigkeit der elsaß-lothringischen Landesbchörden, sondern zu der der militärischen Gerichtsbarkeit, welche gegenüber Deserteuren im ganzen Deutschen Reiche nach denselben Grundsätzen verfährt. Ter j ü n g e r c B r u - der, der wegen Verletzung der Wehrpflicht im Jahre 1895 verurteilt worden ist und inzwischen durch über zehnjährige Abwesenheit die deutsche Reichsangchörigkeit verloren hat, hat überhaupt kein Gesuch um Aufenthaltserlaubnis ein- gcreicht. Tast ihm die Erlaubnis versagt worden sei, ist also unwahr. * Deutschland und England. Professor M arcks, der bekannte Historiker, hielt über das stets aktuelle Thema: Deutschland und England einen bedeutsamen Vortrag im Verein Berliner Kaufleute und Industrieller. Er führte dabei uach der Tägl. Rdsch. aus: Tie Geschichte der neueren und neuesten Zeit beweist, daß England immer der Feind der stärksten Macht in Europa ge rocien ist. Ehedem war Mitteleuropa ja nur bas Hinterland der englischen Häsen. Wer ihm gefährlich werben konnte, wurde angegriffen: Holland, Frankreich: nicht zuletzt dadurch, daß man seine feindlichen Nachbarn unterstützte. Ein starker hcgemonischcr Trieb ist England also immer eigen gewesen. Freilich von 1815 bis 1875 hat eS auf bem Kontinent mit schwächeren Mitteln gearbeitet, weil cs damals keinen Rivalen hatte. Tann aber ändert sich mit dem Aufstcigcn Nordamerikas und Deutschlands ber Zustand: neue Konkurrenten treten auf den Plan, und feit 1870 hat Deutschland aufgehört, Englands Hinterland zu sein. — Der Redner geht dann den einzelnen Phasen des Verhältnisses zwischen Teuftchland und England nach, erinnert daran, daß 1880 die eigentliche Reibung zwischen Deutschland und England begann, als Teutschlands Weltpolitik nad) Asrika greift. Bismarck hatte keine einseitige Richtung in seiner Stellung zu England. Nur eines hat er abgclcftnt: Englands Soldat oder Englands Sturm» block gegen Rußland zu fein. Wilhelm II. hat dann die Konse- dumen gezogen: das wirtschaftlich aufstrebende Deutschland ist itatürlid) ein gefährlicher Konkurrent Englands, und man hat in diesen wirtschaftlichen Gegensätzen gern die eigentlichen Trieb kräfte des Gegensatzes beider Staaten gesucht Marcks bestreitet nicht, daß diese Gegensätze stark sind: jedod) entscheidend seien sie nicht. ES ist vor allem hinzmveiscn aus den cnglifdien Imperialismus, der hier im Gegensatz steht zu den dcutsd)cn Bestrebungen. Nad; dem Zkrüger-Telegrarnm setzte dann die Zeit der starken Spannungen ein. Dazu kam die Flottenagitation, und wir wurden nun zu Englands Rivalen proklamiert. Eingehend schilderte der Vortragende die Verhältnisse seit 1900. Die Gefahr eines cnglifdnm Ultimatums war groß genug. Siebte 7 Tg 111. i# $* BAU trag bestimmte Schuldverschreibungen aller Zinsgattungen vrovr- sionssrei cmgekauit werden, oder es erfolgt die direkte Eintragung nach dem jeweiligen Kurswert. Die direkte Eintragung ilt zurzeit auf die vicrvrozentigen, bis 1921 unkündbaren Anleihen beschränkt. Annahmestellen sowohl für cinzutragende Schuldverschreibungen als auch für 6)eldeinzahlungen sind in TarmNadt: das Großh. Staatsschuldbuchbureau Luisenitr. 1), drc Grotzy Staatsschuldenkasse und die .Hess Landes-Hypothekenbank: außcr- halb Darmstadts sämtliche Reichsbankanstalten, die Groyh Be- Zirkskassen lmit Ausnahme der Bezirkskassen Eichen I undMarnz l und II), sowie das Steucramt Gernsheim. Geldeinzahlungen tur Schuldbuchzwecke werden auch von der Reichspoit auf das Poitschea- konto der Großh. .Hauptstaatskasse Nr. 17, Frankfurt a. M. ent« gegengenommen. Ter Antrag ist in diesem Falle unmittelbar an das Staatsschuldbuchbureau oder an eine der obengenannten weiteren ?lnnahmestellen zu richten. Es genügt auch em kurzer Vermerk über die Bestimmung des Geldes aut der Zahlkarte. Tie näheren Bedingungen für den Eintrag sind aus de^„Amtl. Nachrichten über das Staatsschuldbuch" zu er,ehcn. Sie und nebst den erforderlichen Antragsformularen und einem Merkblatt bei dem Großh. Staatsschuldbuchbureau in Darmstadt rote auch bei sämtlichen vorgenannten Annahmestellen unentgeltlich zu haben. Tie Vorteile, welche die Schuldbuchcintragung für eine Urtiere und kostenlose Vermögensverwaltung und Vermögensanlage bietet, gewährt in gleicher Weise das Reichsschuldbuch für die Besitzer von Schuldverschreibungen des Reiches. Hierfür kommen als Annahmestellen neben dem Reichsschuldbuchbureau m Berlin tamt- liche mit .Kasseneinrichtung versehenen Reichsbankanttalten m Betracht, ferner die Großh. Hauplstaatskasse in Darmstadt, sowie die Großh. Bezirkskassen, mit Ausnahme derjenigen, an deren Sitz sich eine Reichsbankanstalt befindet. Bon diesen Stellen können die „Amtlichen Nachrichten über das Reichsschuldbuch sowie ein Merkblatt unentgeltlich bezogen werden, die über alles Wissenswerte Aufklärung geben. ..... " Emil Milan, der ausgezeichnete VortragSkunitler, der an der Berliner Universität das Amt des Lektors der VortragSkunst inne hat, wird am Sonntag, den 27. d. M., 71/2 Uhr, im GesellschastSverein sprechen, wo er auch vor zwei Jahren die Zuhörer mit Tolstois Legende ,2Bic viel Erde braucht der Mensch?", mit DoudetS »Die Alten", mit Schillers »Taucher' und anderen Perlen der Literatur entzückte. Diesmal wird er uns von Jens Peter Jacobsen die Erzählung »Frau Fönst", von Friedr. Hebbel die »Abendlieder und Nachtlieder', von Theodor Storm »Im Saal" und von Goethe »WerthcrS erste Begegnung mit Lotte" bringen, also ein wundervolles Programm, in dem tiefer Ernst und heitere Freude gemischt sind. MilanS einzig auf den Dichter gestimmte, selbstvcrleugncnde Kunst steht in beständiger lebensvoller Entwicklung. Wo andere durch Anspannung der äußeren Mittel, durch Ueberklugheiten der Auffassung zu wirken suchen, da genügt bei Milan ein Aufblitzen deS Auges, ein leise unterstreichender Ton, ein rasches Hinweg- gleiten über ein Wort eine Parenthese. Die aufS feinste ab- getönte Dynamik seiner Rede, die grandiose Ruhe, die jeder Dichtung den einheitlichen Ton wahrt, wäre erstaunlich, wenn Milan sich vom gedruckten Text stützen liebe. Da er frei auS dem Gedächtnis spricht, grenzen die Details seiner Leistungen anS Wunderbare. ♦* Stadttheatcr. Es sei nochmals darauf hin- gewieseu, das; nm Sonntag nachmittag statt der ursprünglich geplanten Aufführung von „Ehre" auf vielfachen Wunsch eine Wiederholung von .Hartlebens „Rosenmontag" angesetzt worden i)t. Die Vorstellung findet bei kleinen Preisen statt. ** D er fortschrittlich-politische Bildungs- b er ei n bat seine Tätigkeit gestern abend durch eine gut besuchte Versammlung im Hotel Schütz wieder ausgenommen. Lehrer Kinkel-Langen hielt einen Vortrag über die Aufgabeir des Liberalismus, der von der Versammlung beifällia ausgenommen wurde und eine lebhafte Aussprache herbeifuhrte. Der Vorsitzende, Landtagsabg. Dr. Urstadt, teilte mit, das; der Verein den Winter über mehrere öffentliche Vorträge veranstalten wird und besonders die Jugend dabei als Hörer erwartet werde. *♦ Radrennen Unter Leitung des Radklubs Germania, Gießen, finden am nächsten Sonntag auf der Radrennbahn „An der Hardt" die Diesjährigen Schluß- rennen statt, die bei der hervorragenden Besetzung alle Sportsfreunde und Gönner auf die Beine bringen werden. Neben interessanten Fliegcrkonkurrenzen findet ein großes Dauerrennen für Berufsfahrer um den Goldpokal von Gießen hinter .lOpfcrdigen Schrittmachermaschinen statt. Unter den Teilnehmern ragen an Form und Leistungen die Berliner A. Schulze, O. Peter und der Russe E. Kudela besonders hervor, deren Namen in der ganzen Sportwelt bekannt sind und für ein scharfes Rennen bürgen. Um jedermann den Besuch der Nennen zu ermöglichen, sind die Eintrittspreise äußerst niedrig gehalten. Wegen der frühen Dunkelheit ist der Beginn auf 3 Uhr nachmittags festgesetzt. ** Rekruten beförderung. Für das 8., 11. und 18. Armeekorps fanden die Rekrutenetnstellungen am 15. und 16. Oktober statt: ihre Beförderung erfolgte allgemein in den fahrplanmäßigen Zügen, nur ausnahmsweise wurden Sonderzüge bereit gehalten. Am meisten beansprucht innerhalb des Eisenbahndirektionsbezirts Frankfurt war die Strecke Gießen—Frankfurt, sie beförderte am 15. etwa 700 Rekruten, in umgekehrter Richtung etwa 100. Auf der Strecke Gießen—Köln kamen'an beiden Tagen ctn>a 450, Gießen—Fulda etwa 180, Gießen—Gelnhausen etwa 150 Rekruten zur Beförderung Im ganzen wikrden an beiden Tagen innerhalb des Eisenbahndirektionsbezirks Frankfurt etwa 5500 Rekruten befördert. Starkenburg und Rheinhessen. (b) Mainz, 17. Okt. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten verlas der Vorsitzende, Oberbürgermeister Dr. Göttelmann, ein Protestschreiben der städtischen Straßenbahndeputation gegen die „Mainzer Volksztg.". Die Zeitung hatte aus einer Sitzung der Straßenbalmdeputativn, die vertraulich war, einen Bericht gebracht und die Meinung der Deputation in Bezug auf Genehmigung von Arbeiterwochenkarten als „rückständige Auffassung" bezeichnet. Die Verhandlung über dieses Protestschreiben soll in der nächsten .Sitzung erfolgen. — Wegen der Teuerung werden die Armenunterstü'tzungen vom 6. Oktober ab bis Ende März so erhöht, daß die Bezieher von Armengeld die Höchltsätzc erhalten. Hierzu wurde ein Kredit von 12000 Mk. bewilligt. — Der Abschluß der städtischen Rechnungen für 1911, die Betriebsrechnung schließt mit einem Ueberschuß von 811 340 Mk. ab, wurde gutgeheißen und die gestellten Anträge genehmigt. — Für Mc Bewirtschaftung der städtischen Weinberge am Mrchelsdera wurden 5422 Mk. bewilligt. — Das städtische Straßenbahnpersonal hatte bisher jeden 10. Tag dienstfrei, von jetzt ab soll es jeden 8. Dag sein. Für die am 19 No vcmber beginnende elektrische Ausstellung in der Stadt- halle soll den Ausstellern der Strom für ihre Maschinen und Beleuchtung unisonst geliefert werden. — Zum Schlüsse wurde der Einteilung der Arbeit für das städtische Versicherungsamt zugestimmt. Als geschäftsführender Vorsitzender wurde der bisherige Polizeirat Dr. Ob st selber gewählt. Hessen-Nassau. )( M arburg, 17. Okt. Auch in diesem Winter finden hier wieder st u d e n t i s ch e Volks-Unterrichts- kurse statt. Gelehrt wird Deutsch, Rechnen, Schön- und Rundschrift, Stenographie, Französisch, Englisch, Literatur, Erd- und Himmelskunde und Buchführung. w Frankfurt a. M., 17. Okt. Gestern abend um 11 Uhr verunglückte in der Maschinenfabrik Pokorny li. Wittekind in Bockcnheim der 54jährige Schlosser Ernlt Langendorf auS Gräfenhausen dadurch, dast ihm eine schwere Holzdiele aus etwa 10 Meter Höhe aus den Kops siel. Ter Verunglückte erlitt einen Schädelbriich und ivar sofort tot. Seine Leiche ivurde nach dem Bockenheimer Friedhöfe gebracht. Unseren Anzeigenkunden zur gefälligen Beachtung. Um den größeren Anzeigen für die Samstagsnummer eine sorgfältige Satzausstattung zu sichern, empfiehlt es sich dringend, die Aufgabe ein bis zwei Tage vorher zu bewirken. Bei der großen Menge der Anzeigen kann nur bei rechtzeitiger Bestellung eine ivirkungSvolle Anordnung gewährleistet werden. Verlag der Siebener Anzeiger;. Gerichtssaal. w Heidelberg, 17. Okt. Noch viertägiger Derbaudlung vor dem hiesigen Schöffengericht endigte beute mittag der Belcidigungs- prozest des austerordeutlichen llnivcrsitätsproiessors Dr. Adolf Koch gegen den ordentlichen Ilniversttälsprofessor Dr. Max Weber mit der bedingungslosen Zurücknahme der Klage, ohne dast sich der Angeklagte in irgend einer Weise darum bemüht hatte. Au; der Rechtsprechung de; Reichsgericht;. Haftung für körperliche Beschädigung. Mitschuld des Beschädigten. Abwägung des beiderseitigen Verschuldens. BGB. §§ 823, 254. Die Klägerin verunglückte eines Abends beim Verlassen des .Hauptpostgebäudes in München dadurch, dast sie einige Treppenstufen, die sich zwischen einer sog. Windfangtür und der eigentlichen Ausgangstür befanden, herabstürzte und den linken Arm brach. Da die Kante der obersten Treppenstufe nur 32 Zentimeter von der Windfangtürc entfernt und der betreffende Vorraum nicht besonders beleuchtet war, bestand die Gefahr des Sturzes für jeden, .der den Schalterraum durch die Windfangtüre verliest. Ter Postfiskus bezw. die ihn vertretenden Beamten hätten für Abstellung dieses offensichtlichen Mangels sorgen müssen. Gemäß BGB. §§ 823, 276, 89, 31 wurde der Postfiskus zum Ersatz der Knrkosten, eines Schmerzensgeldes und des sonstigen Schadens verurteilt. Tas -Oberlandesgericht hatte mitwirkcndeS eigenes Verschulden der Klägerin angenommen und gemäß § 254 BGB. die Verurteilung des Beklagten nur auf ein Drittel des erwachsenen Schadens ausgesprochen, da die Klägerin beim .Hinausgehen auf ihren Begleiter geachtet und sich zum Besuch des Theaters besonders geeilt habe. Das Reichsgericht erwog, daß die Post räume auch für den eiligen Verkehr sicher fein müßten, und dast das Publikum hiermit rechnen könnte, und daß der Klägerin ein Vorwurf auch daraus nicht gemacht werden könne, daß sie beim .Hinausgehen auf ihren Begleiter geachtet habe: es sprach deshalb den Postfiskus zum Ersatz des ganzen Schadens schuldig. — E. d. RG. in d. Jur. W. Schr. v. 1912 S. — ' * Die klägerischen Eheleute wollten eines Abends in dem Ladengeschäft des Beklagten einen Ofen kaufen. Um ihnen weitere Kachelmuster zu zeigen, forderte sie der Beklagte auf, mit ihm durch den Hof nach dem Lagerraum zu gehen. Der Beklagte leuchtete hierbei mit einer Handlaterne, die nur nach vvynen Licht warf. Zn dem Lagerraum wandte er sich nach rechts, um von einem dortigen Gestell einige Kacheln herabzunehmen Die Kläger traten hinter ihm in den dunklen Lagerraum ein: hierbei fiel die kläye- rischc Ehefrau in eine in dem Lagerraum befindliche, von ihr nicht bemerkte Lehmgrube, die zwar sonst verschlossen gehalten wurde aber in diesem Augeirblick offen war, weil der daran besänftigt gewesene Gehilfe des Beklagten plötzlich abgerufen worden war. Der Beklagte wurde für schadensersatzverbindlich nach § 823 BGB. erachtet, weil er die Eheleute, als er sie nach dem Lagerraum führte, nicht in der erforderlichen sorgsamen Weise geführt und gewarnt habe. Er habe damit rechnen müssen, daß die Kläger ihm in den Lagerraum folgten. Er habe sich überzeugen müssen, ob die Grube wirklich verdeckt war: er habe die Kläger auf sie aufmerksam machen und auffordern müssen, am Eingang stehen zu bleiben. Er habe endlich den (Eingang genügend beleuchten müssen. Im Gegensatz zu dem Oberlandesgericht nahm aber das Reichsgericht weiter ein Mitverschulden der klägeriscyen Ehefrau an: sie hätte bei Anwendung der ihr gebotenen Sorgfalt in den ihr unbekannten dunklen Lagerraum nicht hineintreten, vielmehr an der Türschwelle stehen bleiben müssen. Das RG. sprach hiernach den Beklagten nur zum Ersatz von drei Viertel des Schadens schuldig. — E. des RG. in der Zur. W. Schr. von 1912 S. 586. — * Ein Gast hatte beim Gang zum Abort in einer Gastwirtschaft die neben der Aborttüre auf dem Flur befindliche Kellertüre geöffnet, .obwohl auf derselben eine deutlich lesbare Aufschrift war und auf dem Flur die Flurlampe brannte, und war die Kellertreppe hinabgestürzt. Tas Oberlandesgericht erklärte den Wirt für haftpflichtig, weil er nicht dafür gesorgt hatte, daß die mit der Aborttür verwechselbare Kellertür stets verschlossen gehalten wurde, zumal der Wirt auch mit unaufmerksamen, hastigen und angetrunkenen Gästen rechnen müsse. Tas Reichsgericht erwog, daß ein nüchterner, aufmerksamer Gast die Aufschrift auf der Kollertüre nicht übersehen hätte und gesichert gewesen sei, und daß mithin die eigene Unaufmerksamkeit und selbstverschuldete Angetrunkenheit des Gastes die wesentliche Ursache des Unfalles gewesen sei. und legte deshalb nur einen ganz geringen Bruchteil des schadens dem beklagten Gastwirt zur Last — § 254 BGB. zu bleiben; er habe endlich den Eingang genügend beleuchten Der amtliche bericht über da; Grubenunglück aus Zeche Lothringen. Der Reichs an zeig er veröffentlicht den Bericht des Ober- bergamts Dortmund an den Handelsminister über die Unter- suchung des Grubenunglücks auf Zeche Lothringen Die amtliche Untersuchung hat ergeben, daß die Schlagwetterexplosion ihren Anfang in dem im Auffahren begriffenen Querschlage der vierten Bauabteilung der dritten Sohle genommen hat Die Aussagen des einzigen Ueberlebenden der in dem Querschlag beschäftigt gewesenen Kameradschaft sonne des Betriebsführers der Zeche in Verbindung mit dem Qrtsbesunde nach dent Unfälle lassen hierüber keinen Zweifel. Es^ sind vor Ort des Querschlages sowohl zu Beginn der Schicht, wie auch bei der Befahrung der Arbeit durch den Betriebsführer Schlagwetter gefunden worden >Nach dem Fortgänge des Betriebsführers ift dann geschossen worden, und zwar, obwohl Kohle mit den Schießlöchcrir angebohrt war, verbotswidrigerweise mit Dynamit. Die Kameradschaft und der Steiger, den der Betriebsführer zur Beaufsichtigung der zur Vertreibung der Schlagwetter notwendigen Arbeiten in dem Querschlag zurückgelassen hatte, sind in der als Schießort (Zufluchtsort beim Schießen) dienenden Strecke des Flöpes 11 tot aufgesunden worden. Tie Verunglückten wiesen Brandwunden auf. Danach ist anzunehmeu, daß die mit Zeitzündern nacheinander angezündeten Tynamitschüsse den durch das Hereinbrechen des Flötzes sich bildenden Kohlenstaub und zugleich freiwerdende oder noch vorhandene Schlagwetter entzündet und damit die Katastrophe herbeigeführt haben. Tas Oberbergamt hat verschärfte bergpoli^eiliche Maßnahmen getroffen, welche der Wiederholung ähnlicher Unfälle möglichst vorbeugen sollen. Vermischtes. ♦ Der Einzug einer preußischen Fürstin in Berlin. Schon in den Morgenstunden herrschte am Brandenburger Tor reges Leben und Treiben. Die Feuerwehr begann die Nordseite des Brandenburger ToreS mit Girlanden zu bekränzen und die Säulen in ein festliches Gewand zu lchllen. Ein Schutzmannsaufgebot sorgte für Aufrechterhaltung der Ordnung. Die Verwunderung der Menge stieg noch, als eine Schwadron Schillsckwr Husaren sich in der Königgrätzer Straße formierte. Aus dem Pariser Platz erschienen weißgekleidete Ehrenjungfrauen, blumen- streuende Mädchen und eine Anzahl .Herren mit goldener Amtskctte in Fräcken, deren altmodischer Schnitt und bereit seltsam geschweifte Zylinderlmte zu spöttischen Bemerkungen heraussorderte. Bor einer Tribüne hatte sich „biet Volts" angesammelt, dessen Kostüme aus dem Jahre 1793 zu stammen schienen. Endlich erschien der Festzug. Inmitten der Husaren rollte der Galawagen heran, in dem die deutsche Kronprinzessin ihren Einzug gehalten hatte. Auf dem Pariser Platz hielt die Staatskarosse, Han,i Arnstadt vom Königlichen Schauspielhaus beugte sich heraus, der Bürgermeister hielt eine Ansprache, während drei ober vier kinematographische Apparate ununterbrochen in Tätigkeit waren. Der Einzug der Fürstin war nämlich nichts weiter als eine mit großer Prunkentfaltung in Szene gesetzte kinematographifche Aufnahme, die eine Gesellschaft für ihren Film: „Aus dem Leben der Königin Luise" hatte aufnehmen lassen. * F ü r 15 Millionen falsche Aktien. Die Obligationenfälschungen des Direktors W i 1 in ar t der Eisenbahngesellschaft Gent—Temeuzen, der flüchtig ist, sollen bereits finanzielle Zusammenbrüche im Gefolge gehabt haben. Bei der gestrigen Medioregulierung stellten mehrere Börsenleute dre Zahlungen ein, darunter einer, der einen großen Posten gefälschter Aktien in seinem Besitz hatte. Mau spricht außerdem von der bevorstehenden Zahlungseinstellung eines sweiteren lFinanzmannes. Die Summe der durch Wilmart abgesetzten gefälschten Schuldverschreibungen wird allgemein auf über 15 Millionen angegeben. Wie es heißt, ist die Gesellschaft für den ungerichtete^ Schaden haftbar, da Jahre hindurch von ihren Kassen die Kupons der gefälschten Obligationen eingelöst wurden. Gegen Wilmart hat der Staatsanwalt einen Steckbrief erlassen. * Automobilschmuggler. Wie aus Valcncien- nes gemeldet wird, fuhr gestern gbend ein von Belgien kommendes Automobil in rasender Eile an der Zollstation von Sebourg vorüber. Tie Zollwächter verfowten den Wagen und versuchten dessen Radreifen durch Revolverschüsse zum Platzen zu bringen. Das Äuto verschwand jedoch vor ihren Blicken. Infolge einer Panne mußte es aber bei Autnoy halten. Die Mageninsassen flüchteten querfeldein und ließen das Auto .zurück, in dem sich für etwa 18000 Fr. Zigarren und Tabak befanden. Tas Auto wurde beschlagnahmt. * Brückeneinsturz. Wie ans Tunis gemeldet wird, stürzte auf der Bahnstrecke Tunis —Kalaad- jerda eine Brücke in dem Augenblick ein, als ein Personenzug darüberfuhr. Die Lokomotive und mehrere Wagen stürzten in das ausgetrocknete Flußbett. Zwei Eisenbahn- bedienstet und ein Reisender lvurden getötet und zehn Personen verwundet. * Dec Schutz der Hummer. Die ein ft blühenden Huinmerfilchereien bei Neufundland sind heute nahezu erschöpft, so daß die Regierung der Insel einen Kredit zu ihrem Schutze bewilligt bat. Noch im Jahre 1889 ergab der Hummernfischfang über 76 000 Kisten: 1900 waren eS nur noch 29 000. Der Verlust beträgt also etwa 1 Million int Jahre. Um nun die Hummern zu schützen, wird man in den geeignetsten Buchten acht Gehege an- legen, die durch Eisengitter abgeschlossen werden und etwa 20 000 weibliche Hummern einsetzen. Mit Motorbooten soll den Hummern die Nahrung zugesührt werden, die in Ileberreslen vom Hering bestellt. Wenn alle Eier entwickelt sind, werden die Gitter entfernt und die Hummern wieder in Freiheit gesetzt. Kann man auch den übermäßigen Jang nicht verhindern, so hofft man dort, durch diese Maßregeln eine sehr starke Vermehrung der Tiere zu erzielen. Märkte. ~ Lauterbach, 17.Okt. Ter gestrige Herbstmarkt var, wurden Ferkel und Einlegeschweine rasck) abgesetzt und durchschnittlich hohe Preise erzielt. Creme parate lat derselbe2 VAllatln<4l«y V’er-/ $ nach Prof. Dr. med. iJul. Witael. ent- z haltend aktiven /Sauerstoff. Macht zdie Zihneblendend 4 weiß, beugt der jZahnflnlefStocklg- Jwerden der Zihne) 4vor, verhütet Zahn- zstein. Tube 60 Pf /Man achte genau »auf den Namen l.Kosmodonf. «Ucberall zu haben. XKolbergerAns lallen IfurExlerikultur ZUilseebad Kol berg. /parate ist < 2 vollständig 5 schwunden. Meine - Vor dem Gebrauch $ | Ihrer Präparate^ wareemeine Zihne £ganz mit Zahnstein; V bedeck t,nach sechs-( wöchentlichem Oe-4 brauch obiger Prl-4 Kosmodonf Zahn - Zihne sind jetzt klar und weiB. < O„ 5. 7. 08. J. M. »Ws-KCKvan nirwvw Warwe i tie. ’Wlt pfifft: ^nben betri ’ n iSs M- WMWri, blumrn. ”S®'18»iben,r ‘ Witt und deren !{c W) „diel Soffi- 4‘®i« itam ^mitten ft' ln bem die ottnt batte. Au, 'M? ^d, 2..M heraus, bei Ehrend -rei ober verbrochen in Ma. war nämlich nichts Uiung in Lzene ae. ne eine Gesellschaft Königin Luise'" hatte SÄ-S !,r-,Kr ;Ä ;:*1ÄT ^teinbr,*.1 ?n: gleich ?rc • $eJ bes lMe uno Damit »3% Aktien. DieObli. ors Wilmart der b der fluchtig ist, iche im Gefolge ge. Regulierung stellten -in, darunter einer, tien in seinem Besitz bevorstehenden Zah. uames. Tic Summe i)ten Schuldverschrei« Millionen angegeben, ir den angerichteten von ihren Kassen int i eingelöst mürben Alt einen Steckbrief Wie aus Balencirn. ib ein Don Bclgm 1 an bet FMatior jtcr net\o(aten btt n durch Revolver- > Äuto verschwand r Panne mutzte ei minsassen flüchteten id, in dem sich für ikfanden. Das Mo s Tunis gemeldk! > unis-Kalaad- lick ein, als ein Per- e und mehrere Wagen -tt. Zwei EiseMw getötet und M Tie einst blührndt» eute nahezu MfdjoPV t in ihrem Schuhe be- b der bummernWan, Ja 29000. Ser Berts m nun die Hummem p M» * Sm Jing berriere t>. 4’"" AU 41|IU ^ÄL-K » Miin E aaf -Jod»«'- ‘'Tücher- wä anstes Aroma ein paar gute Siegerin Winteridiuh Butter-Ersatzmittel! Unbestritten beste Ueberal! erhältlich! Herbst-«Winterwaren Billige Preise Reiche Auswahl Stück bringt seine Massarrfertigung 6587 Herren- und Damengarderoben Neu aufgenommen Damen-U Mädchen-Konfektion B“/i Nr. 11 natt. J. Schmücker Nacht putzt am besten alle Metalle Unterwelten für Militär Sftädt. 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