Nr. 250 Ter Clefeeittr Anzeiger erscheint täglich, ander Sonntag«. — Beilagen: viermal rrb.l c.ihdi GieszenerLamiliendlätter; JiDcimol ivöchentl Xrelr> laNsükdenNrei5Siehen (liciidtnfliinbrvrcimn); zweimal inonatl. tand- wirtschaftliche Leitsratzen Iernivrech - AnschU'rne: für die Redaktion 112, Verlag n. Expedition öl Adreste für Ter eschen: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen <ür die Tagednulniner bii vormittag» 9 Uhr. Erstes Blatt 161. Jahrgang Samstag, 50. September 19U General-Anzeiger für Oberhessen L?* . A Vj V mönftflirtiTöS^eiexlel- mener Amemer Ur/ v V X M MF r V ~ ÖlxfttbQhMir: 91 (Bocfc BV für den General-Anzeiger für Gberhessen ZZZZ Rotationsörud und Verlag der vruhl'schen Unio.vuch- und Steindruckerti N. Lange, «edalkion, Lrpedikion und Vruckerei: Zchulftratze 7. ^^.h*r •s,^‘ vüdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle vahndofpratze 16«. Anzeigenteil?Beck. Die heutige Nummer umsaht 24 Seiten. politische Wochenschau. Äietzen, 30. Sept. Dieser Sommer und Herbst ist voll von internal.onalen Spannungen. Eine löst die andere ab. Tast Tcutschland Marokkos wegen mit jyrantrei in einen Krieg verwickelt werde, brauchen wir mcyt mehr ZN besorgen. Aber, noch bevor unser R.ichStag int nng.« kündigten Weißbuch blättern wird, müssen un cre Tipio malen aufs neue am internationalen Schachbrett teilneh- men, und zwar gänzlich der Rot gehorchend, nicht bcni eigenen Triebe. Unser Treibundgcnosse Iial.en hat bk mastaebcnden Berliiter Pockck.er oneiwar vall.g überrascht Höchst sorgenlos hatten sie eben der Welt verlündet, Italien denke nicht daran, Tripolis zu besetzen — als e.nige Stunden später das Ultimatum Italiens bekannt wuroe. Wir vermuten, daß der Reicl;stag es sich nicht nehmen lassen wird, unsere Herren vom auswärtigen Amr eindringlich zu befragen, aus ivelchcnt Borne sie u)rcn unverwüstlichen Lprimiomuv geschöpft hatten. Man Lum sehr friedliebend fein, braucht aber deslvegen am Himmel noch lange ntdjl lauter Friebenvbastgeigeu zu sehen Ter Himmel über Tr.. poliS war lange genug bciuöllt, und dast unser Vertreter in Rom ein so schlechter Wetterprophet gewesen fein soll, ist kaum zu glauben. Alle iralienischen Ltätter luaren voll Eier nach nationalen Lorbeeren. Und das Üabinett Giv- lilti hat der nationalistischen Strömung, in der u.eritale, Liberale und Demokraten |ich vereinigten, uaryg g ben unu sich in das Abenteuer gestürzt, das nunmehr b.n Kriegszustand geschaffen hat und dessen höchst ernste folgen sich heute noch nicht übersehen lassen. Wirst man einen Rückblick au, diese italienischen Land- erwerbSgelüste, so stößt man aus eigentümliche Wandlungen. Schon im An sang bee- neunzehnten Jahrhunderts dachten manche italienische Politiker an das nordasrikanische Zukunftsreich. Aber erst nach der nationalen Einigung ,atzte man diese Zicke schärfer ins Äuge. Tas führte zur Mitgliedschaft Italiens am Dreibunds Ter aber war ein Friedens- und Abrvchrbündnis und liefe Landerraub nicht zu. Ta schickten die Italiener nach Marianne, von deren Einverständnis man |ia) angenet-me Abenteuer erhoffte. Ter sranzösisch-engltsche Vertrag vom 21. März 1899, der die beider seit, gen Einflußsphären in Nordostafrila in der bekannten Weise regelte, gab den römischen Polt- Ufern neue Antriebe. Seit 1902 ist Rom dem Treibund offenkundig untreu geworben. Es schloß zunächst mit Frankreich, dann auch mit England jene Abmachung, die ihm Versprechungen bezüglich der Znlunst von Trtpolis ein- brachten. England brauchte die italienische Einwilligung für seine damaligen asriianischcn Pläne kaum. Es l-atte aber erreicht, dast Italien vom Treibunde losgesprengt wurde und ein neues OMieb in der Kette der Etntreisung Teutschlnads geschmiedet werden konnte. Tie Wirkung haben nur jüngst in Algeciras gespürt. Heute will Italien die Früchte dieser langjährigen Politik in den Hasen bringen. Und es hat den Augenblick in der Tat geschickt ersaßt. Franrreich hat — mit i.alieni- schcr Zustimmung — sich angeschickt, Marokko zu nehmen, und wird dem Handstreich des Kabinetts Givlitti kaum Schwierigkeiten machen. Denn noch sind die deutsch-fran- zöstschcn Verhandlungen nicht beendet. Und die Türkei ist heute noch nicht zu fürchten. Tie Engländer hät.en Italien freilich gerne noch in unbestimmte Zukunft hinaus vertröstet. Mau hat das Land ins Schlepptau genommen, findet natürlich al'er gar fein Interesse daran, durch Einwilligung in den italienischen Gewaltstreich die Muselmanen gegen sich auszubringen. Und so brachte die amtliche „Westminster Gitzctre" ihre mit Warnungen an die italienische Adresse gespickten Artikel; für bie Türkei schöne Worte, vorläufig ohne hilsbereites Handeln. Tas Mabinett jwn St. James, das wieder einmal seine ausschlaggebende Stellung in der Welt bekundet, wirb es sich in aller Ruhe überlegen, ob es nötig werden kann, der Türkei tatsächlich tue in der „Westminper Gazette1 angedeutete Entschädigung zu garantieren. Tas füll wahrscheinlich von dem Vei halten der Balkanstaaten und dem Widerhall in der mc>- hammcdanischeii Welt abhängig g.'madu werben. Wenn England dadurch seine Interessen bedroht sieht, wirst cs den Türken irgendeinen Brocken zur Beschwichtigung hin So gewinnt es den Anschein, daß etivaige Gelüste der Bakkanländcr bald im Kenne erstickt werden können. Wir brauchen bei den jetzt ausdrechenden Feindseligkeiten zwischen Italien und der Türkei wirklich noch nicut an einen Dcitbrand zu denken. Freilich scheint die Türkei nach den neuesten Meldungen daran zu denken, sich an Thessalien schadlos zu halten. Es wird die Ausgabe der Großmächte sein, den Brand zu lokalisieren. £b Italien bei seinem Ecwaltstreich, der in der neuesten Staaten- gcschichte unerhört und ohne Beispiel ist, so ganz auf seine Rechnung kommen wird, ist. wie nur gestern |d)on ausführ tcn, sehr fraglid). Tie Zahl der in Tripolis stehenden türkischen Truppen tarnt heute nicht festgestellt werden. Vielleicht wird die Türkei von Aufständen fanatischer Stämme unterstützt. Aach der „Westminster Gazette" wohnen in der Türkei 50 000 ansässige Italiener, die alle zur Auswanderung gezwungen werden könnten. Und was der Boykott dem italienischen Handel anrichten könnte, wurde schon angedeutet. Tie deutsche Regierung wird gut daran tun, dem unsicheren Dreibnndtantonisten nicht zu fest die Stange zu Ij alten. Sie sollte sich das englische Verhalten zum Stuft er nehmen. Ter Gedanke einer Kompensation für die Türkei ist gar nicht so schlecht. Vielleicht rann Teutschland an! dieser Frage entscheidend mi.w.rl ., uni sich die Sympathie der Türkei zu erhalten und ic zu stärken. Italien scheint nach dem Wortlaut des Mt malumS nicht nut Tripolis, sondern auch die Aegyp.en b.nachbarte Prorinz Bengasi zu beanspruchen. Sein Borge..en ist ro tui.*) ein wahrer Hohn für die gerade auch von römische» Politikern so oft gepredig.e FricdcnSidce. Do bleiben nun die Bestimmungen in den Schlußakten der Haag.r Frieden.tonsercnz vom Jaljre 1899? In der „Voss. Zig" finden wir die Wiedergabe des Wor.la, 1 irfet Bestimmungen: Tie Signatarmächte kommen überein, i m Falle einer ernsten Meinungsverschiedenheit ober eine» Strei t-, bevor sie zu den Wafscn greifen, bic guten T i e n sl c ober Die Vermittelung einer befreundeten M a a, t ober ■ nüblichen Staaten iljrc guten Ticni.e ober ihre Vermittelung lande hierfür eignen... Tic ubung bicses Rechtes gut- Ticnste ober Vermittelung anjubictcni kann niemals von einem bet ft r e i l c n b e n Teile a i s unfreundliche 6audlung a nge i c i> i n werden. Bei e r n uc n , den Frieden gejährbenben Streitfragen wählt icdcr der im Streite befind- ic S l a. :, die er mit der Aufgabe i< traut, ui unmit Ibarc Verbindung mit her von b.r ciiLc.cn Seite gewählten Macht >a treten, um den Brno- der jricd- tichen Verletzungen zu verhüten. Auch Italien i,..r tleje? av.um.«cn unterzeichnet... Und bic internationale Soj.albcmotratk wirb ben uuoer- nifchen Sozialist'n angcze.teile allgemeine Ausstand ist ganz in bic Vrunzc gegangen. Wie gcog ift heute Der Unter* |d)icD zwischen dein „Militärstaat' Tentschlanb unb den iriedensschwürmerischen Temokratenstaaten! Ter äiitebrndj des Krieges zwischen Italien nnd der Türkei. Rom, 29. Sept. Ta die oltomani|dje Regierung die Forderungen des italienischen Ultimatums nicht äuge no mm en hat, siud Iiainn und die Tiiikei feit heute nach, mittag 2 Uhr 30 Mio. un Kriegszustand. Tie Blockade von Tripolis und Eyrenaika wird den flächten sofort nolisi) ert werden. Konstantinopel, 29. Sept. Auch hier ist die Kriegserklärung bereits bekanntgegeben. Konstantinopel, 29. Sept. Tie Antwortnote b e r Pforte auf bas italienische Ultimatum wurde heute früh der italienischen Botschast übermittelt. Tie Pforte erklärt, daß sie bereit ist, über wirtschaftliche Zugeständnisse an Italien unb bie Anerkennung der besonderen Interessen Italiens in Tripolitanien zu verhandeln unter der Voraussetzung, daß der S t a * tuSquo beibehalten wird und die Lkkupation nicht erfolge. Berlin, 29. Sept. Ein von heute aus Malta soeben eingegangenes Privattelegramm meldet, zwölf ita- lienische Kriegsschiffe warfen vor Tripolis Anker. Man ertvartet, daß nachmittags Mannschaften landen. Rom, 29. Sept. Sonderausgaben der Blätter melden: Tie italienischen Schiffe kreuzen vor Tripolis auf hoher See unb richten ihre Scheinwerfer auf ben Haien. Ter Dampfer „Hercules" ist heute früh mit 500 Europäern von Tripolis ab- gegangen. Ter Dampfer „Adri a" mit bem apostolischen Präs eilen Pater Bresciani ist bort angekommen. Die „Tribuna" meldet aus Tripolis: In der vergangenen Nacht herrschte große Auiregung unter Türken unb Arabern. Nachdem sich tic ilalicnifch.n Eeärbres zuerst dem Lasen genähert hatten, begaben sie sich wieder auf bic bofc oct, doch sind mehrere Lchtsfe sichtbar. D.e gesamte Bevölku- rung lagert am otranbe. Tie Terrassen aller Häuser find dicht von Menschen besetzt, bi: die italienischen Schisse sehen wollen. Tie Kriegserklärung Italiens. Konstantinopel, ... Sept. Tic Kriegserklärung Italiens wurde heute nachmittag durch ben italienischen Geschäftsträger auf der Pforte überreicht unb kurz daraus in der ganzen Stadt bekannt. „Öi o r n a I c bt ui i u oerö-entlieht cjic Reihe von Dokumenten, die sich auf Zwischenfälle beziehen, welche die Türkei gegen Italien hervorg.mfen hat Diese Zusammenstellung wurde von der Koniulta an alle Vertreter Italiens im Auslände geschickt. Ter Zusammenstoß, der so plötzlich zwischen Italien und der Türkei zu erfolgen scheint, sei nichts als die Folge einer ganzen Reihe von Belästigungen, bie sich die türkischen Behörden gegen Italien und gegen Italiener hätten zu schulden kommen lassen. „Tribuna" schreibt: Tie Antwort der Türkei stellt sich als ossenbares Verzögerungsmittel dar, erstens, um von diplomatischen Gesichtspunkten aus Zeit zu gewinnen und zweitens, um die für bie Landung günstige Zeit voruberstrcichen zu lassen. Das Slait will weiter erfahren haben, baß bie Konsulta dem türki- schen Geschäftsträger Seifcddin Bey einen Paß übermittelte und Baron Bordorano zu ihm entsandte, um ihm einen Reseroewagen für die Reise unb alles, was er sonst wünschen tönnie, anzubieten. „Tribuna" sagt wcner: Tie künftigen Operationen würden )e£t durch die Schis s Estadres beqoa- nen werden, bi? vor Tripolis iccuztcn. Denuiächst würde eine militärische Expedition unter General E o - n cva folgen. Tic chii < rierte Depesche, die daS U 11 i m a t u m enthielt, sei von Rom am 26. September 3 Uhr morgens abgegangen, in Äonstantinopel am 27. um 1 45 Ul r angclomin.il unb dem italienischen Gesäraftsträaer am 28 September 3 Uhr früh zugestellt worden. D ccvcna im tuiuic^en EpiruS geflüchtet. E.oe türkische Mtoifterkrisis. Konstantinopel, -'.«.Sept. Lv laufen e r ü d) t c um, die einen Minis.envcchfel nicht au.-geschlossen erscheinen laifCti. Man spricht über die mögliche Bilduitg eines Kabinetts unter uiatnil ober Satd. General 9lobi* laut unb bic übrigen in türkischen Diensten besinblichen italienischen Gcnbarmerie-Lffiziere sollen heute Lonstanlitwpcl verlasfen. — Rach griechischen Meldungen begannen von türkischer Seite Trtippe nkviizeittrationeu an der thessalonischen Grenze. 28 Kanonen sind in Elafsona cingetroffen Paris, 29. Scpt. Die Agence >?avas meldet auSH Koiinantiiiopel um 10 Uhr abcuos. I.alten hat der Türkei den Krieg erklärt. Tas M a b i n e 11 Hatti P a s ü> a hat demissioniert. Satd Pascha ift zuin Grofe- ioefir ernannt worden, Äiämil Pascha zum Minister des Aeußern; Mahmud Schef kel Pascha bleibt striegSminiftcr. Ein zweites in Konstantinopel um 10.30 Uhr abends ausgegebenes Telegramm besagt: Italienische Truppen find in Tripolis unb Ben Ghazi an l!an b gegangen. Ter türkische Mimsterrat und die Preße. Konstantinopel, 29. Sept. Uebcr tun AuSgang des Ministerrates, der bis nach Mitternacht bau ne, ui nicht» Authentisches bekannt. Tie gesamte Presse bcfunDet bie schärfste Entrüstung über daS Vorgehen Italicns. „Tanin" erklärt, uie Türkei werde zu ihrer Verteidigung ben Mrieg erklären uns sich mit allen Mitteln an veu Italienern rud.cn. — „I en i Gazc11a" bezeichnet das Vorgehen Italiens als pvluiiche Räuberei uns sagt, Italien liehe zedes mcnidilnhc Gesühl beiicite. Tie Annahme des Utttmaiuins wäre die Vernichtung des Hebens der Türkei. — „9t(em bar" kritisiert bic Haltung der Regierung, welche durch eine lahigere erietzt iverbni müsse — „Saba h ' hebt die Erunoio igtcti des Vorgehens Italiens hervor, welches ohne cnicn Zwud-cnsall bas Ultimatum überreichte und betont bic Rotwcndigleit einmütigen Handelns der Lttomanen zur Vcrtci i,nmg des Vaterlandes. Ausrollung der Kretafrage k Die Wiener „Reue urcie Pre,ie" tneldet: In diplomatischen iireiien, ivelchen bie Absichten der türkischen Regierung befannt |tnb, verlautet, die Türkei habe die Absicht, an Elriechenland in der energischsten Form heranzutreten und zu verlangen, dafe bas Kabinett in Athen in der kürzesten Frist fein Desinteressement an ttreta erkläre. Wenn das Labinett in Athen feine zufriedenstellende Erklärung abgebe, glaubt man, dafe bic Türkei sich bazu entschließen werde, militärische Demonstrationen an der Grenze von Thessalien aus- zitführen. Ter Schutz der Italiener in der Türkei. Tie Scriincr uocrcsponocn.cn occ „Tvio^na" und deS „Giornale d'Icalia" tci.cn m.t, daß Deutschland den Schutz von Leben und Lngenlunt der in der lurtct wohnenden Italiener übernommen habe. „Tribnna" und „Gior- nale d Italia" heben die Loyalität Deutschlands hervor. Zweifelhafte Bürgschaften. Rom, 29. Lept. o-tc italienische Regierung wird für die Italiener wie für die Angehörigen der anderen Rationalitäten in Tripolis unb Eyrc- naika mit allen ihr zur Verfügung ftehenbcn Mitteln forgen. Wien ,29. Sept. An ber Wiener Börse wurde heute ossiziell mitgcieilt, eS geschehe alles, um die italienisch- türkische Angelegenheit zu lokalisieren; es fei nicht wahrscheinlich, dafe die osterreichifchen Interessen berührt werden. Tie deutsche Levoute-Linie teilt mit: Degen her in «tapond cingctretencn politischen Verwicklung ift bic "Jüterannahmc nach tripoliianisck)en Hafenstäbten eingestellt worben. Eia französisches Kriegsschiff. Toulon, Sept Dem Panzenreuzer „Ernest Renan" ging ber Befehl zu, rocg*n oeö nalieiiisch lurli,chcn Konflikts im Laufe bey Rachmittags alle Vorbereitungen zur Ausfahrt zu treffen. Tie italieaifche Presse. Rom, 29. Sept. Tic Morgenblutter zollen bem Ultimatum an bte Türker )omü ber Rote an bie Vertreter Italiens an ben Balkan'taaten Beifall. „V i t a" sagt, ein längeres .jögern hätte nicht nur Italien einen großen wirtschaftlichen und moralischen Scha den zugefügt, sondern auch einer anderen Macht oen • wand und das Recht gegeben, Tripolis zu besetzen. „P o p o 1 o R o m a n o" betont bte Wichtiglett Der Role an bte Vertreter Italiens in den Balfanstaaten, die fine Bestätigung sei der von Italien beständig verfolgt.n Pol" tif zugunsten der Aufrechterhaltung des Statusquo in Der europäischen Türkei. „Giornale d I t a l i a" schreibt: In der Aonsulta wie in der tüctischen Botschaft blieb man gestern aucni> sehr lange und wartete das Eintreffen von Tepeschen aus Konstantnvopel ab. In den Konsulaten bereitet man die diplomatische Tätigkeit für die beiden Möglichkeiten vor, die durch die türfi)tf>e Antwort auf das Ultimatum go schaffen werden könnten. Heute morgen wurde der türkische Botschaftsrat Seifeddin Bei von San Giuliano empfangen. liebet die Unterredung wird strengstes Stillschweigen beobachtet. Heute vormittag fand ein Ministerrat statt. Russische Stimmen. Petersburg, 29. Sept. Tie „Nowoje W rem ja" schreibt: Tie russische Politik in Nordafrika mutz in der Solidarität mit dem verbündeten Frankreich bestehen, das bereits lange Italien die Freiheit des Handelns in Tripolis überließ. Augenblicklich müssen wir uns der Handlungsweise der italienischen Regierung gegenüber völlig passiv verhalten. Tie Jungtürken säteri Sturm gegen Nutzland, jetzt kommt Rußland ihnen nicht 311 Hilfe. „Rjets ch" schreibt: Es ist schwer, sich ein Dokument vorzustellen, das jeden Schamgefühls ebenso entbehrt, wie das italienische Ultimatum, das an die Epoche Cesare Borgias erinnert. Eine Berliner Aeusjerung. Berlin, 30. Sept. Der Berliner „Lokalanzeiger" äußert sich in einem zweiseltos inspirierten Artikel zu der italienischen .Kriegserklärung: Man muß zu den Staatsmännern Italiens das Vertrauen haben, daß sie die ungeheure Tragweite ihres Entschlusses nach allen Seiten hin reichlich erwogen haben und daß, sie zur Kriegserklärung nur geschritten sind, weil ihnen eine freundliche Verständigung mit der Türkei gänzlich aus dem Bereich der Möglichkeit zu liegen scheint. Trotzdem dürfen sie sich aber nicht wundern, wenn ihr rascher Entschluß die öffentliche Meinung in Europa so unvorbereitet trifft und Die Kriegserklärung Italiens nirgends wo vorbehaltslose Billigung findet. Man kann es nicht begreifen, warum Italien seine Aktion so geführt hat, daß weder der Türkei selbst noch den anderen Großmächten das Feld für gütliche Vermitteln ngs- Vorschläge offen blieb. Die Türkei wurde vielmehr ohne Umschweife vor ein Ultimatum gestellt, das sie ablehnen mutzte, wenn sie ihr Ansehen in der Welt nicht völlig einbüßen wollte und die Regierungen der Großmächte mußten bei ihrem Versuch, in Rom begütigend cinzuwirkcn, sehr bald inne werden, daß sie unabänderlichen Entschlüssen gegenüberständen. Die ganze Arbeit der europäischen Diplomatie wird nun der Ausgabe gewidmet sein, den unausbleiblichen Kampf möglichst zu lokalisieren und seine Ausbreitung auf die ohnhin stets unruhigen kleinen Balkanvölker mit aller Kraft zu verhindern. Mer auch, wenn ihnen dies gelingen sollte, müsse man aus weitreichendere Folgeerscheinungen dieses Krieges zwischen einer christlichen und einer mohammedanischen Macht gefaßt sein. Die neuesten Nachrichten ans Konstantinopel. Konstantinopel, 30. Sept. Mit großer Bestimmtheit erhält sich hier das Gerücht, daß türkische Truppen be- reits in Thessalien einzurücken begonnen haben. Tatsächlich wird in unterrichteten Kreisen ernstlich mit dem bevorstehenden Einmarsch türkischer Truppen in Thessalien gerechnet. Man weiß, daß die Mächte dagegen protestieren werden, w i l l s i ch aber auf das Beispiel berufen und rechnet damit, daß eine gemeinsame Aktion der Mächte für Griechenland doch unwahrscheinlich ist. Die Türkei habe auch die Möglichkeit einer Okkupation Kretas durch Griechenland im Auge. Es liegen Nachrichten vor, daß Griechenland die Besetzung von Tripolis zu einem Handstreich benutzen will, aber in der Hoffnung, daß die Großmächte einen Einmarsch der Türkei in Thessalien nicht gestatten würden. Die Türkei ist aber fest entschlossen, gerade Griechenland gegenüber sich schadlos zu halten und eventuell dem italienischen Beispiel eines räuberischen Uebersalles zu folgen. Vor Trapezunt soll ein russisches Geschwader erschienen sein. Eine Mitteilung, an die Mächte von Seiten der Türkei ist bisher nicht erfolgt. DieStimmung der Bevölkerung ist kriegersich und patriotisch. Man befürchtet in türkischen Kreisen, daß mit der Besetzung von Tripolis weitere Verwicklungen entstehen werden. Eine größere Zahl von türkischenOffizieren, hauptsächlich Tri- politaner, reisten über Marseille nach Tripolis ab, um an dem bevorstehenden Guerillakrieg teilzunehmcn. 50 000 Mausergewehre befinden sich angeblich in Tripolis, mit denen die dortigen Stämme bewaffnet werden sollen, so daß den Italienern schwere Arbeit bevorsteht. Der Sieg der Sozialdemokraten in Düsseldorf. Düsseldorf, 29. Sept. Bei der heutigen Reichstags-Ersatz-Stichw ahl erhielt Haberland (Soz.) 39 264 Stimmen, 'Dr. Friedrich (Ztr.) 36111 Stimmen. Haberland ist somit gewählt. Bei'der Hauptwahl erhielten: Friedrich (Ztr.) 29 291, Haberland 34 071, Dr. Breitscheid (Dem.) 3315, Herkenrath (Nationale Vgg.) 3148 und C h 0 z i s - zewski (Pole) 329 Stimmen. In der Stichwahl hat der Sozialdemokrat einen Zuwachs von 5193 Stimmen, der Zentrumskandidat einen solcyen von 6820 erhalten. Wenn die Wählerstimmen von der Nationalen Vereinigung und die Polenstimmen dem Kandidaten Friedrich zugute gekommen sind, so hat er noch etwa 3300 Stimmen aus dem liberalen Lager erhalten. Im Jahre 1907 waren bekanntlich 14 664 natwnalliberale und 593 freisinnige Stimmen abgegeben worden. Der Sozialdemokrat 5^aberland hat in der Stichwahl außer den demokratischen Stimmen noch beinahe 2000 Stimmen gewonnen. Bei der Stichwahl im Jahre 1907 hatte das Zentrum mit 33 317 gegen 25 233 Stimmen gesiegt. Die rote Flut wächst, das ist auch die Lehre aus der neuesten Ersatzwahl. Arbeiterbewegung. Der Aus st and der Straßenbahnführer in Saarbrücken scheint sich in die Länge zu ziehen. In einer Versammlung der Ausständigen wurde beschlossen, im Ausstande zu verharren, obwohl die Straßenbahndirektion behördliche Entlassung und Einbehaltung der gestellten Kaution angedroht hat, falls die Ausständigen nicht binnen 24 Stunden den Dienst wieder antreten. Erst wenn die Direktion ibreit vertraglichen Verpflichtungen nachkomme, soll nach dem Beschluß der Versammlung der Ausstand beendigt sein. Ans Stadt und Land. Gießen, 30. September 1911. Die Bluttat von Nieder-Mörlen. Dies entsetzliche Drama, dem am 6. Juli in Nieder- Mörlen ein Menschenleben zum Opfer fiel, hat nach zweitägiger Verhandlung am Schwurgericht seine Sühne gefunden. Es darf wohl gesagt werden, daß die Strafe, die den Hauptschuldigen Erbe betroffen hat, im allgemeinen dem Volts empfinden entsprochen hat, wenn auch der Unterschied zwischen feiner Strafe und der seines Mitschuldigen Wolf sehr groß erscheint. Dg hex Verteidiger Erbes', dessen Plaidoyer übrigens ebenso wie das des Oberstaatsanwaltes rednerisch wie juristisch hervorragend war, im Einverständnis mit seinem Klienten Revision gegen das Urteil einzulegen beabsichtigt, wird zunächst das Reichsgericht und möglicherweise noch ein anderer Schwurgerichtshof sich nochmals mit der Sache zu beschäftigen haben. Erbe hat während der Urteilsverkündigung seine Fassung in einer Weise bewahrt, als ob ihn die ganze Sache nichts anginge. Als er nach dem Urteilsspruch den Saal hinausgeführt wurde und an seiner früheren Geliebten Kath. Wolf vorüberkam, rief er ihr mit unterdrückter Stimme ein unflätiges Schimpfwort entgegen und fuhr dann fort: „Du hast keine gute Stunde mehr ausf der Welt. Wenn ich dich nur fünf Minuten h ä t t c." lieber Nacht scheint ihm dann seine Lage erst recht klar geworden zu sein, denn heute früh weint und schluchzt er in seiner Aelle wie ein Kind. Ob es übrigens, auch wenn die Revision leinen Erfolg haben sollte, zur Hinrichtung Erbes kommen wird, steht noch dahin. Bei oer Entscheidung hierüber fällt jedenfalls sehr ins Gewicht, daß sein Mittäter wegen seines jugendlichen Alters verhältnismäßig gut hinweggekommen i|t. Andererseits ist daran zu erinnern, daß der jetzige Großherzog bis jetzt ebensowenig wie sein Vater einen zum Tode verurteilten männlichen Verbrecher begnadigt hat. Schließlich noch einige Worte über eine unerfreuliche Begleiterscheinung dieser wie feder anderen sensationellen Gerichtsverhandlung. Wir meinen das Verhalten des P olikums. Wenn es auch erklärlich ist, daß ein solcher Fall ungewöhnliches Interesse hervorrust, so s.l tc di? Verhandlung doch nicht vom Publikum unter dem Gesichtspuntt eines interessanten, wenn nicht amüsanten Schauspiels, betrach- iet werden. Tie Szenen, die sich namentlich bei der Oefsnung des Saales abspielten, spotteten jeder Beschreibung; während der Verhandlung stellten sich Neugierige rücksichtslos auf die Heizungsanlagen usw., so daß es sogar zu Sachbeschädigungen kam. Daß so viele Frauen uno Mädchen Lust und Zeit hatten, zwei Tage lang die unerfreulichen Bilder der Verhandlung an sich vorüberziehen zu lassen, ist ein durchaus unerfreuliches Zeichen der Zeit. * ** Der Taschen fahrplan des Gießener Anzeigers wird heute der Stadtanflage des Blattes beigelegt. Die auswärtigen Abonnenten erhalten ihn in den ersten Tagen der nächsten Woche. " Tageskalender. Stadttheater: Sonntag abend 71/» Uhr Eröffnung der Svielzeit: „Ter Meister von Palmyra". Kolosse uni: Samstag abend Beginn der Spezialilaten- 6orstellungen. K i n e m a t 0 g r a v h: Täglich Vorstellung. Biograph: Täglich Vorstellung. » *• Sta dtthcater. Tie morgige Eröffnungsvorstellung der Spielzeit, die bekanntlich Adolf Wilbrandts dramatische Dichtung „Der Meister von Palmyra" bringt, beginnt, ivorauf hingewiesen sei, um V28 ll h r. **DieelektrischeStratzenbahn verkehrt von morgen ab nach dem Winterfahrplan. Er entspricht int allgemeinen dem Sommcrfahrplan, nur fallen auf beiden Linien morgens einige der ersten Fahrten aus und mehrere seither täglich verkehrende Wagen fahren im Winter nur cm den Wochentagen. Der letzte Wagen zum neuen Friedhof fährt 4,37 Uhr vom Bahnhof ab, vom neuen Friedhof tarnt man 5,05 Uhr zum letztenmal abfahren. Auf der roten Linie verkehrt der Wagen, der um 10 Uhr abends am Bahnho sabfährt, nur bis zum Siechenhaus. Der seither um 10,27 Uhr abends vom Schützenhaus abfahrende Wagen fällt aus. "Die Anlage musik am Sonntag, den 1. Oktober, fällt aus. An die Leser! Das neue Vierteljahr wird -schwerwiegende Umwälzungen bringen. Mit lebhaftester Spannung wird man täglich die Zeitung zur Hand nehmen. Der Gießener Anzeiger wird eine lückenlose, sorgfältige Berichter st attung sich angelegen sein lassen, nicht nur über die kriegerischen Auslandsnachrichten, sondern auch über alles Wissenswerte im Reich und unseren hessischen Provinzen. Gerade jetzt wird der Leser sich von den sensationellen, unwahrhaftigen Blättern abwenden und gediegenen Lese ft off, wie ihn der Gießener Anzeiger vermittelt, vorziehen. Mr laden zum Bezug für das 4. Vierteljahr ein und bitten unsere Freunde, in der Empfehlung und Verbreitung unseres Blattes uns behilflich zu sein. Alle Briefträger, unsere Zweigstellen und die Geschäftsstelle des Gießener Anzeigers nehmen Bestellungen auf den Gießener Anzeiger entgegen. Verlag und Redaktion des Gießener Anzeigers. Landkreis Gießen. -c-. Wieseck, 27. Sept. In der heutigen Gemein de- ratssitzung wurde der Rest des O r t s b a u st a t u t s durchberaten. Es soll nach einigen Abänderungen genehmigt werden. Ferner wurde der Ortsbauplan, an dem durch das Ministerium einige kleine Abänderungen gewünscht wurden, durch den Gemeinderat genehmigt. In nicht öffenckicher Sitzung wurde über die Frage der Wahl eines Berufsbürgermeisters beraten. Der Gemeinderat kam zu dem Entschluß, von diesem Rechte sofort Gebrauch zu machen. Es wurde zur Aufstellung von Satzungen geschritten, die später bekannt gegeben werden. Sodann wurde unter Vorsitz des Beigeordneten Schäfer zur Wahl geschritten. Sämtliche anwesenden Gemeinderatsmitglieder äußerten sich dahin, daß unser seitheriger Bürgermeister Scho mb er der rechte Mann zu diesem Posten sei, daß er ein Mann sei, der Kopf und Herz auf dem rechten Flecke habe und jedermann gerecht zu werden suche. Das Ergebnis der geheimen Abstimmung war die einstimmige Wahl des seitherigen Bürgermeisters Karl Schomber. Hiermit ist die öffentliche Bürgermeisterwahl, durch alle Wahlberechtigten, die für so viele Landgemeinden Hessens ein so großes Schmerzenskind ist, für Wieseck auf immer beseitigt. O Lich, 28. Sept. Tie Stadt hat bei den kürzlich vorgenommenen Obstversteigerungen an der Hattenröder- und Nonnen- röther Straße rund 800 Mark vereinnahmt. Gute Ernten waren auf den Kreisstraßen zu verzeichnen, wo vergangene Tage die letzten^ Versteigerungen vorgenommen worden sind. — Kommenden Sonntag und Montag wird hier die Kirmes gefeiert; in mehreren Lokalitäten »inden Tanzvergnügen statt. s. Lollar, 29. Sept. Ein Arbeiter der Eisenwerke erlitt heute morgen dadurch einen Beinbruch, daß ein Formkasten aus ihn fiel. Er wurde nach Gießen in die Klinik verbracht. Kreis Friedberg. b. F r i e d b e r g , 29. Sept. Tie Stadtverordneten beschlossen, daß bei der Anlegung des Grundbuches für die Gemarkung Schwalheim dahin zu wirken, daß das Holen von Wasser aus dem Schwal- heimer Sauerbrunnen für den Hausgebrauch erhalten bleibt. Zur Frage der Einsühmng eleftrifd)er Energie für Licht- und D:aft- zwecke beriet man über zwei Stunden. Zwei auswärtige Sachverständige berichteten über den Anschluß an das Wölfersheimer Werk und über die etwaige Anlage eines eigenen (SIcf trt» zitätswerks. Sic wurden beauftragt, ihr Material schriftlich der Versammlung einzureichen. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt; zunächst sollen sich die zuständigen Ausschüsse mit der Sache beschäftigen. Starkenburg und Rheinhessen. rm. Tarmstadt, 29. Sept. Die Landwirtschaftskammer für Hessen hielt heute zum erstenmal wieder unter Vorsitz des 1. Vorsitzenden Geh. Regieriingsrat Haas eine Vorstandssitzung ab, in der u. a. die Verwendung der Voranschlags-' mittel für 1911 eingehend erörtert wurde. Eine Anzahl, Entschädigungsansprüche wegen Minderwertigkeit von Weidefohlen wurde abgewiesen, dagegen soll für die nächste Hauptversammlung der Antrag auf Selbstversicheriing der Weidetiere, Erhöhung der Prämien und Ausdehnung auf den Minderwert gestellt werden. Einige Ilmlagereklamationen wurden entschieden. Zu den Ankaufspreisen der eingeführten Fohlen aus Belgien und Oldenburg wurde ein Zuschuß von 10 Prozent gewährt. Der Vorstand sprach sich dann noch gegen jede Herabsetzung des Zolles auf Mais und Futtergerste aus, da, er glaubt, daß durch eine derartige Maßnahme der Reichskasse großer Schaden erwachsen würde, während nur die Händler den Vorteil haben würden, zumal bereits bekannt sei, daß eine Anzahl von Händler in den Verkaufsformularen jede Herabsetzung des Zolles zu ihren Gunsten ausbedungen haben. In der nächsten Sitzung soll über die Abänderungsanträge zu den Satzungen entschieden werden. Schwurgericht. ! h. Gießen,' 30. Sept. Verbrechen im Amt. Heute verhandelte das Schwurgericht gegen den ehemaligen! Zuchthausrechner August Seid) n er vom Zuchthaus Marien- schloß bei Rockenberg wegen Verbrechens im Amt. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Dr. Brill. Verteidigt wird der Angeklagte von Rechtsanwalt Metz II. Es ist zur Sache ein Zeuge und ein Sachverständiger zu hören. Nach dem Anklagebeschluß wird der 34 Jahre alte Leichner beschuldigt, zum Nachteile des Staates 12 551,34 Mk. in amtlicher Eigenschaft unterschlagen und die darauf bezüglichen Bücher, die zur Kontrolle dienten, verfälscht zu haben. Ter Angeklagte erklärt, er habe, als er 23 Jahve alt war- bei einem geringen Gehalt heiraten müssen und habe Unglück gehabt, weil die Frau geistesgestört und in die Anstalt Hofheim untergebrad)t werden mußte. Er sei das zweitemal verheiratet. Mit seinem Sohn aus erster Ehe habe er auch viel durchgemacht; er habe ihm viel Geld gekostet, dazu kämen noch jährlich 400 Mk., die der Aufenthalt seiner ersten Frau in der Anstalt kostet. Der Angeklagte weist darauf hin, daß er, als er 1903 nach Rockenberg kam, Schulden von früher hatte; er bekam anfänglich 2300 Mark Gehalt, das sich im Lause der Jahre auf 3400 Mark steigerte. Auf Vorhalt des Vorsitzenden, daß man doch mit diesem Gehalt auf dem Lande sehr gut leben könne, erklärt er, daß in Rockenberg die Lebensmittel sehr teuer seien. Er gesteht auch zu, daß er seiner zweiten Frau gegenüber zu schwach war und einen gewissen Aufwand für Wohnung und Einrichtung getrieben habe. Der Angeklagte bestreitet, daß er selbst großen Aufwand getrieben habe. Er habe bei seiner Behörde 3000 Mk. Kaution stellen müßen und habe von einer Frau in dieser Höhe Staatspapiere überlassen bekommen, die er aber nach einigen Jahren ziirückgeben mußte. Da habe er das erstemal Geld, 3000 Mark, aus der Kasse genommen. Auf den Vorhalt des Vorsitzenden erklärt er, daß er sich aus falscher Scham nicht an seine wohlhabende Familie gewendet habe. Eine schwere Krankheit seines Kindes bat ihm mit Operation und Aufenthalt im Schwesternheim in Gießen und einer Badekur an 3000 Mack gekostet. Auf Befragen des Vorsitzenden stellt er entschieden in Abrede, daß er an der Börse spekuliert habe oder sonst große Ausgaben für sich gemacht habe. Der Angeklagte ist geständig. Direktor Borne mann vom Landeszuchthaus Marienschloß erklärt, er sei mit dem Angeklagten sehr zufrieden gewesen. Der Zcuge hat nadjträqlidj gehört, daß die Krankheit in der Familie, die viel Geld gekostet habe, zu dem Verbrechen geführt habe. Der Zeuge ist aber der Ansicht, daß Leichner schon mit Schulden zu ihm gekommen sei. Er hätte nicht das Recht, die Zud)thauskasse zu revidieren. Die Kontrolle finde alle 5 Jahre statt. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt Direktor B 0 r n e m a n u, daß bei den gegenwärtigen Verhältnissen der Kasse in Marienschloß der Rechner 5 Jahre lang Gelder unterschlagen und falsche Bücher führen kann, ohne daß dies jemand merken kann. Richtig sei, daß nach der Entdeckung der Angeklagte alles getan hat, um den angerichteten Schaden wieder gut zu machen. (Die Verhandlung Das Urteil lautete auf IV? Jahre Gefängnis, worauf 3 Monate her erlittenen Untersuchungshaft angerechnet wurden. Hoöesftur) Oes Kapitäns Engelhardt. Johannisthal, 29. Sept. Der Teilnehmer an der Berliner Flugwoche, Kapitän Engelhardt, stürzte ab und erlag bald darauf seinen Verletzungen. Engelhardt legte die letzte Runde wieder in geringer Höhe von etwa 20 bis 30 Metern zurück, als plötzlich die Maschine stark schwankte und sich gleich darauf seitlich nad) vorn herabneigte. Obgleich sich der 2lpparat nur in verhältnismäßig geringer Höhe befunden hatte, bildete der Doppeldecker einen Trümmerhaufen. Engelhardt lag unter den Trümmern. Der Mitfahrer Sedlmaver lag daneben. Bei Sckstmaper wurde ein Schädel- und Armbruch festgestellt. Er wurde ins Krankenhaus geschafft. Bis zum Wend chatte er das Bewußtsein noch nicht wiedererlangt. Für Kapitän Engelhardt kam die ärztliche Hilfe zu spät. Eine der abgebrochenen Streben, welche die beiden Tragflächen des Doppeldeckers miteinander verbinden, war ihm in den Leib gedrungen und hatte diesen vollständig aufgeriffen. Im Aerztezimmer, bei den Tribünen, starb er in wenigen Minuten. Handel. — Bankkrach in Göttingen. Die Göttinger Bank, ^Akt.-Ges., stellte ihre Zahlungen ein. Tie Treuhandgesellschaft ist beauftragt, den Status festzustellen. Die Bank hofft, bei ruhiger Abwicklung der Tepositenspargelder den größten Teil ihres Aktienkapitals zu retten. Wenn die Anlehnung an eine andere Bank unmöglich sei, soll die Liquidation erfolgen. Amtlicher Wetterbericht. Wetteransficbten in besten am Sonntag, t>en 1. Oktober 1911: Trüb, geringe Niederschläge, Temperatur wenig verändert. Letzte Nnebricbten. Der Krieg. Rom, 29. Sept. Die „Tribuna" schreibt: Die italienische Negierung iwtifizierte die Kriegserklärung in Konstantinopel telegraphisch und erteilte dem italienischen Geschwader heute abend den Befehl, in Aktion zu treten, „(y io male d'Jtalia" meldet: Tie ,Antwort der Türkei sei heute nachmittag 5 Uhr in Nom eingetroffen und antwortete auf die unaufschiebbaren Forderungen Italiens nicht. Das Verhalten der Pforte wurde vorausgesehen. Der Entschluß der Regierung, den Krieg zu erklären, sei das einzig Jogifd) Notwendige. Em türfndie» Torpedoboot zerstört. Paris, 29. Sept. Die „Agence Havas" meldet aus S a 10* n j'l_:. . Ei" italienischer Kreuzer zerstörte ein türkisches Torpedoboot im £>afen von Preseva und landete Tru ppen Die Militürbehörde kLßf ein Bataillon Soldaten noch Orefeva abyehen Der ..Agenee vavaS" gehen Blättermcldungen aus Konstantinopel au, wonach ttolie» »ische Panzerschiffe vor Smyrna und Saloniki erichiencn. Rom, 2tpt Tic Zeitungen gaben mehrmals Extraausgaben über den italienisch-lürkischcn itonfl.Ii heraus, die den Austrägern vom Publikum förmlich entrissen wurden. Zahlreiche (truppen veranstalteten einen Umzug und zogen unter den Rusen: „Doch Italien, Heer und Marine" zum Cuirinol, dem Ministerium deS Aeußern. dem Kriegs m.nisterium und dem Biktor-Gmanuel-Denkmal. Tie Ordnung nuirbe nirgends gestört. Ter hiesige türkische OleschäslSlräger reift morgen av Eriechenlan^S Haltung. Athen, 30. Sevt (Privattelegramm.) Gegen- über den Aeuüenlngen einiger chauvinisiischen Blätter unb verschiedener kretisckier Politiker, die gegfnroärliicn Röte der Türkei im Interesse einer endgültigen Lösung der kretischen 5rage aus zunuven, beobachtet die Regierung eine große Zurückhaltung. Tie halbamtliche „Patris" führt in einem o,fenbar beeinflußten Artikel auS, .obwohl nach d.-n Mitteilungen amtlicher ft-reife die Großmacht Europas im Hall eines lürlisch- italienischen ftriege» Maßr geln ergreifen würden, um dessen Rückwirkungen auf die Verhältnisse am Balkan zu verhindern. könne man dennoch die möglichen Folgen eine- solchen friegcrii’thm Zu'amm.mwncs nicht vorau-sehen Griechenland wünsche ein JoT- tor deS Frieden- im Orient zu inn. tienn der Fortgang her ttrngniife tedoch Umstände lxrbeiführe, unirr denen nach Än- sicht der Regierung eine Aenderung der ursprünglichen Haltung .ieooken lei. dann werde die Regierung nicht dem Beispiel üna Vorgängerinnen folgen, die wrwol.e Geleienhcilen zur Durch- sührung nationaler Rechte unbenupl gelassen baue. :r Rom, 30 Sept. (Privattelegramm.) Die Blök- lade von Tripolis wird gesichert durch die itahniftfce Mreuiertnoifion, während btc Tivision der Schlachtschiffe 1 'Nasse aus die Suche nach dem türkischen Geschwader ab- geht. daS, wie man annimml. vor Beirut vor Änkcr liegt. Man rechnet damit, daß — falls sich die nirhfdxn Kr». sich-.ne auf eine Schlacht einlassen — sie nur geringen Widerstand leilten können. Spiclplan des Siebener StadttlMters. inrliwn vci im slruiu^Uct komilaa. den 1. Oktober, abend- 7h llhr. bei gewöbnllchen Preilei,. E'öffiinna-vorslelluiig: ,Ter Meiner von Palmyra,' Schauspiel in 5 Au'znaen von ?lbol* Wilbrandt. Tienoiaa. een S. Oktober, abend H Uhr (1. Tten-iaaS-Tlbonnemenl-BorftelluntO: --'iora oder Em thtppftibrtm*. MiNwach, den 4. Oktober, abends 7 Ubr (1. Mitin o.'. s--t. onuemem-Bor'telllmai: .Tie u-c 998 59R0 Dr. Bicrmann. ID-, gewonnene Dünger soll nach dem Gewichte, der Grube findet, an den SPeifibtetcnben 31. Oktober 1912 so wie er sich in verkauft werden. Die Beeidigung findet Sonntag, den 1. Oktober, vormittag» 11 Ubr, auf dem neuen Friedhof statt. klinik Frankfurter Straße 85 einzusehen. Gießen, den 30. September 1911. öiefeen, lWeserftr. 9.1, Offenbach, LoL-AngeleS, den 2». September WIL Heute vormittag */t6 Uhr verschied sanft nach langem, schwerem Leiden unser lieber Sohn Die trauernden Eltern: B. Hahn und Frau Die Beisetzung findet in der Stille statt. Blumenspenden sind nicht im Sinne des Verstorbenen. Reflektanten werden ersucht, ihre Angebote an die Direktion bi» zum 15. Oktober d. 3». cinzureich'M. Tie Bedingungen sind in der medizinischen Veterinär. 1. 5>tttterlicferun^ für litt eröijiniiific SdrrinWIiiif in ßitörn. Für die Z it vom 1. November 1911 bi» zum 31. Dft. 1912 soll die Lieferung von Heu, Stroh (Handdrnschs, Hafer, Weizrnkleie, Melass-, Oelktich.n und Hundekuchen für die medizinische Veteriiiärklinlk vergeben werden. Die Anstnli bereitet in durchaus individuellem Untcnidjt zum Gius. , Vrim. , ^avurich u. Abit. b'rameu vor. Die 2d)ülmtibl 1 1 bcldmuili. Beite Vebrkraite. daher naä>iv>-iobar auogcieirstncte l C^rfolnc. BcstemoiobleneS Faiiiilienvem'ionat Nähere AuSkünste. I Angabe von Reicrcuzeu und Prospekte durch den Vorsteher •Cnr 5 Huindon I • runr » 10 1*L. . WuX 0 ’0 \ ero Jab' heleofbtunr nlrbi dcuv....... / a)eo M. • • •He in elnrtn lehr mit 8CHMIT>T> Wev-bmeertlne miau Todes-Anzeige. Heute früh 6 Ubr entschlief nach langem Vcibcn mein lieber (Matte, unser guter Bater. Schiviegervater und Großvater Herr Karl Dcchcrt, dahmvtttcr i. P. im Alter von 79 fahren. lUn stille Teilnahme bitten Tie traticrnbin Hinterbliebenen. Bekniintmachung. Am 1. Oklober d. F4. tritt gemäß der Großherzoglichen Verordnung vom 19. Juli 1911 an die Stelle der Akademischen Administrations-Kommission der Verwaltung»» auoschust der Landes.ttnivcrfilät. Vorsitzender desselben ist der jedesmalige Errektor, also für die Zeit vom 1. Oft. 1911 DiS znm So. September 1912 der Unterzeichnete. (Ließen, den 80. September 1911. Ter Rektor der Großherzoglichen LandeS-Universität: ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ Hospiz}™“ evang Scöwesternhaas. tileeaea «oXeneeMtr I V BesleBdtenlüllung i fix» IHf xetjeu«» 'eamben Mr flalmtben. «*i etarfitca Monopoldaunen rku «d»cn. Hfnfib im» *>. . Mark • \ .• s lui'teon^*. . 2» .Caee al BohmWe Wascfcmascftise Großh. Tircktion der medizinischen Velcrinärllinik. Höhere Privalschule Darmstadt Restauration Schäfer ftaiicr illlee 4 Siiftcr 51pfclmoft frisch von der Kelter. sA00 7/isitenkarten liefert ruci> und billiget Brühl bch» üalw^Üfacäerc*. Die neuen Formen in Herren-Hüten sind eingetroffen, und machen wir besonders auf die weltbekannten Marken Christy und Habig aufmerksam. Diese Hüte sind in Qaalit&t und Form unerreicht und jeder Herr, der Wert anf eine vornehme Kopfbedeckung legt, sollte obige Marken beim Einkauf zuerst berücksichtigen. GEBR. 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