Nr. 252 - -----r-a z- krscheinl täglich mit Ausnahme deS SonnkagS. Die „«ießener LamUiendlStter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „KrtlsblaM fSr den Kreit Sieben" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Sett- fragen" erscheinen monatlich zweimal. Donnerstag, 2(> Oktober 1911 Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Oberhefsen 191. Jahrgang Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläis • Buch- und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen. Redaktion, Expedition und Tnickerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: eyg® 5L Redaktion:^4K112. Tel.-Adru AnzeigerDteßen. Mb. Deutscher Reichstag. r 197. Sitzung, Mittwoch, den 25. Oktober. Am Tische dcS BundeSratS: Wermuth, Delbrück, Dr. LiSco, v. Lindequist. Präsident Graf Schwerin-LSwitz eröffnet die Sitzung um 1 Vi Uhr. Koloniale Redinungsfadien. Zunächst stehen auf der Tagesordnung die Uebcrsichten der Einnahmen und Ausgaben in den Schutzgebieten für 1908 und in Kiautfchou für 1904. Abg. Erzberger (Zentr.): Diese Rechnungen fordern wegen der großen Etatöüberschrcitungen eine scharfe Kritik heraus. Nahezu alle EtatSpositionen sind aufgehoben und annulliert worden. Besonders die Versorgungsgebührnisse und Pensionen sind erheblich überschritten, in einem Fall sogar um 100 Prozent. Die Pensionswirtschaft ist so bedeutend, daß unS der koloniale Militärpensionsfonds über den Kopf zu wachsen droht. Sparsamkeit und abermals Sparsamkeit! Abg. Noökc (Soz.): In der Etatswirtschaft zeigen sich nicht unerhebliche Verbesserungen. Das hat unsere Kritik bewirkt. Wir wünschen ober, daß den Forderungen des Reichstags noch mehr Beachtung geschenkt wird. Verschiedentlich sind Minder- auSgaben vorgekommen. Wir wünschen Auskunft über die Gründe. Vielleicht brauchen wir dann nächstens nicht mehr so diel bewilligen. Erhebliche Etatsübcrschreitungen werden damit begründet, daß die meisten abgehenden Unteroffiziere krank sind. Und da hat man im Wahlkampf 1907 Ostafrika und Südwest geradezu als klimatische Kurorte hingestellt! Die ganzen Uebersichten sind ein wildes Durcheinander von Etatsüberschreitungen und Ersparnissen. Abg. Dr. Görcke (Natl.): Dem PensionßfondS muß erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet werden. Auch die Gründe für die Minderausgaben müssen uns angegeben werden. Staatssekretär des Reichskolonialamts Dr. v. Lindequist: Die Versorgungsgebührnisse in Südwest sind erheblich überschritten worden. Daö ist auf die Nachwirkungen des Aufstau- k e 8 zurückzusühren. Wir sind aber sehr vorsichtig vorgegangen und prüfen auch jetzt noch immer von Zeit zu Zeit nach, ob die Betreffenden noch versorgungsbedürftig sind. Den Etatsüberschrei- tungen stehen auch Mehreinnahmen gegenüber. Abg. Erzberger sZentr.) führt Beschwerde, baß das ReichS- marineamt beim Etat für Kiautfchou FondSvcrwechsclungen vor- genommen habe. Der Reichstag darf es sich nicht gefallen lassen, baß sein Etatrecht verletzt wirb. Abg. NoSkc (Soz.): Die Rechnungökommission wird die Frage ernstlich prüfen müssen, weil dasReichSmarineamt mit erstaunlicher Hartnäckigkeit an seiner Auffassung festhält. Für s o l ch e Et a t s- schiebungen müßte der Staatssekretär aus der eigenen Tasche Ersah leisten. Abg. Tr. GSrcke (Natl.) stellt gegenüber Erzberger fest, daß von einem übergroßen Luxus bei dem Gouvernements- gebäude in Kiautfchou keine Rede sein könne. Abg. Erzberger (Zentr.): Der Luxus ist vorhanden. Wenn Dr. Görcke ihn bei seiner Reise nicht gesehen hat, so bedauere ich das. Ein Kommissar Les R e i ch S m a r i n e a m t ß erklärt, daß die hier angeschnittenen Fragen schon stundenlang in der Rechnungskommission erörtert worden sind. Die Etatsüberschreitung beim GouvernementSgebäude ist vom Reichs- marincamt ebenfalls scharf mißbilligt worden. TaS Reichs- marincamt denkt nicht daran, den Reichstag zu düpieren. Die Rechnungssachcn gehen an die Rechnungskommission. Die Interpellationen über die Neuerung. (Dritter Tag.) Abg. Graf Kanitz (Kons.):' Die Rede deS Reichskanzlers ist nicht überall mit Beifall auf- genonnnen worden. Wir sind ihm dankbar dafür, weil er erhärt hat, daß an unserem bewährten Wirtschaftssystem unter keinen Umständen gerüttelt werden darf. (Lcbh. Beifall rechts.) Denn, wird der Zolltarif erst einmal angeschnitten, werden die landwirtschaftlichen Zölle abgeschwächt, oder gar beseitigt, dann sind auch die industriellen Schutzzölle in Gefahr. Darüber besteht fein Zweifel. (Sehr richtig! rechts.) Unsere Wahlparole lautet daher: Schutz der nationalen Arbeit! (Lebh. Beifall rechts, Lachen links. Zuruf der Soz.: Und darum holen Sie Galizier und Polen in§ Land!) Herr Fuhrmann hat gestern mit einem Vorstoß gegen die Konservativen, gegen die Hyperagrarier geschlossen. Die beste Antwort auf diese Rede sind die Worte seines Parteigenossen, des Stadtdirektors Tramm ui Hannover, der darauf hinwies, daß das Hungcrgeschrei aus Rücksicht auf die Wahlen vielfach übertrieben sei. Für un5 ist die Volköernährung eine viel zu ernste Sache, als daß wir sie zur Agitation benutzen. (Beifall rechts. Lachen links.) Herr Oeser ist hier für keinen Abbau der Zölle eingetreten. Die Freisinnigen können aber auch anders. Herr Gyßling hat z. B. im Lande erklärt, daß kein Mensch daran denke, die Schutzzölle aufzuheben. (Hört! Hört! rechts.) Der Redner weist auf das Beispiel der französischen Sozialdemokratie hin, die alle Zollerhöhungen bewilligt habe. Er zitiert Schippel und Calwer, die für einen Schutzzoll sind. (Zuruf der Soz.: Calwer ist längst raus! Tr. Heim: Die Gescheiten treten eben aus! — Heiterkeit.) Das Einfuhrsclieinsystem ist für den Osten geradezu eine Lebensfrage. Der Redner bespricht bann ausführlich dieses System und legt ein großes Zahlenmaterial vor, um die Notwendigkeit der Einfuhrscheine zu beweisen. Auch die großen Städte Königsberg, Danzig, Stettin haben ein er- hebliches Interesse daran. . Mit allen Kräften muß darauf hingearbeitet werden, daß die kolossale Spannung zwischen den Viehpreisen und den Detail- Handelspreisen aufhört. Auch die Schlachthofgebü h r e n sind viel zu hoch. Ter Einfuhr argentinischen Fleisches stellt sich selbst der sozialdemokratische Schriftsteller Schulz mit Entschiedenheit entgegen. Es ist minderwertig. Es gibt keine F l e i s ch n o t. Das hat auch in der Königsberger Stadtverordnetenversammlung der Stadtrat Berg — Herr Gyßling wird ihn wohl kennen — insofern zugegeben, als er erklärte, daß tatsächlich viel Rindfleisch unverkauft geblieben ist, weil die Leute lieber Schweinefleisch wollen. Daß Herrn Dr. Heim der Viehstand so sehr am Herzen liegt, kann ich begreifen. In keinem deutschen Bundes st aat i st das Rindvieh so stark vertreten wie in Bayern. (Stürmische Heiterkeit.) Aber ich möchte Herrn Tr. Heim bitten, dafür zu sorgen, daß auch dem Getteidebau sein Recht wird. Würde wirklich, wie er es vorschlägt, mehr Getreide verfüttert werden, dann würde eine lieber- Produktion von Vieh eintreten und die Viehpreise auf dem deutschen Markt würden stark sinken. Tas würde aber auch Herrn Tr. Heim und den bayerischen Bauern wenig gefallen. Wir dürfen auch nicht verkennen, daß auch die Industrie schweren Schaden erleiden müßte, wenn wir die landwirtschaftlichen Zölle ermäßigten. Ich schließe mit den Worten des Sozialdemokraten Calwer: »Geben wir den Körnerbau preis, so opfern wir unsere politische Selbständigkeit!" Halten wir fest an dem Schutz der nationalen Arbeit. Nur dann werden wir mit Vertrauen in die Zukunft blicken können. (Lebhafter Beifall rechts, Unruhe links.) Staatssekretär Dr. Delbrück: Wenn man versucht, festzustellen, was denn eigentlich das Ergebnis der bisher beinahe Dreitägigen Debatte ist, so wird man zu dem Ergebnis kommen, daß die Erörterungen die miteinander streitenden Parteien und Meinungen nicht erheblich näher gc- bracht haben. Aber darin stimmt man auf allen Seiten überein, daß eine Teuerung besteht, und man bedauert auch allgemein die Bedrängnis, in die weite Kreise des Volkes, des Arbetterstandes, des Mittelstandes, vor allen Dingen auch die kleinen landwirtschaftlichen Produzenten, die Beamten durch die Folgen der Dürre des letzten Sommers gebracht sind und evtl, noch gebracht werden. Ich möchte ausdrücklich betonen, daß dic'eS Bedauern am allerlebhaftesten besteht bei den verbündeten Negierungen, bei dem Herrn Reichskanzler (Heiterkeit links), gerade um deswillen, weil wir uns bewußt iinb, daß uns wirksame Mittel zur Behebung dieser Miß stände nur in außerordentlichem geringen Umfange zur Verfügung stehen. Aber diese Mittel sind von dem Reichskanzler unverzüglich in Wirksamkeit gesetzt. Ich kann daran erinnern, daß die Beschäftigung des Reichskanzlers seit Monaten eigentlich durch die Frage der Dürre, ihre Folgen und die Möglichkeit einer evtl. Behebung absorbiert worden ist. Da drei Redner vom Regierungstische schon gesprochen haben, möchte ich nur die Frage erörtern, ob den Schwierigkeiten nicht dadurch abgeholfen werden könne, daß man die Fleischeinfuhr erleichtere oder erweitere. Man hat auf das Büchsenfleisch hingewiesen. Die Einfuhr deS Büchsenfleisches ist durch Gesetz verboten, und dieses Verbot ist auf Grund eingehender Erörterungen hier im Reichstage erlassen. Ich darf daran erinnern, daß bei den Beratungen des Fleischbeschaugesetzes, hier eine ganze Reihe von Fällen festgestellt wurde, in denen nicht nur einzelne Erkrankungen, sondern auch Massenerkrankungen infolge des Genusses von Büchsenfleisch eingetreten waren. (Hört! Hört! rechts.) ES ist damals zur Sprache gekommen, daß eine Untersuchung, die die amerikanische Armee veranstaltet hat, dahin geführt hat, daß während des spanisch-amerikanischen Krieges ganz minderwertiges Büchsenfleisch geliefert und zum Teil zur Verwendung gekommen ist. Es ist damals weiter festgestellt worden, daß auch während des B u r e n k r i e g e s die Engländer auf das schwerste mit der Unbrauchbarkeit und Minderwertigkeit des Büchse-n fleisches zu kämpfen gehabt haben. Der Grund liegt darin, daß sowohl die Art des Betriebes der auswärtigen Schlächtereien, als die Art der Verpackung und der Einfuhr es uns absolut unmöglich machen, die Beschaffenheit des Fleisches genau zu beobachten, so daß wir schon aus sanitätspolizeilichen Gründen gar nicht in der Lage sein würden, hier eine Aenderung des aus wohlerwogenen Gründen geschaffenen Verbots vorzunehmen. Tas auswärtige Fleisch können wir nicht günstigeren Bedingungen in bezug auf die Untersuchung unterwerfen, als unser einheimisches Fleisch, das bekanntlich aus sanitätspolizeilichen Gründen unter lebhafter Opposition der Produzenten einer sehr scharfen Kontrolle unterworfen ist. Das müssen wir bei dieser Frage des Büchsen- fleisthes festhalten. Wenn Sie vom Büchsenfleisch absehen, kann ja für eine Erweiterung der Fleischeinfuhr nur die Einfuhr von amerikanischem Vieh bzw. von amerikanischem Fleisch in Frage kommen. In Rücksicht auf die Kon- sumtionS- und Produktionsverhältnisse in Amerika kommt aber in der Hauptsache Argentinien in Betracht. Die Einfuhr von argentinischem Rindvieh ist aber verboten wegen der Gefahr der Einschleppung des Texasfiebers, das aller- dings vielleicht nicht direkt übertragbar ist; es besteht jedoch die Besorgnis, daß mit dem Vieh Insekten herübergebracht werden können, die die Träger der Ansteckung sind. Solange diese wissen- schastliche Ueberzeugung an den maßgebenden Stellen besteht, bin ich nicht in der Lage, die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß argentinisches Vieh lebend e i n g e f ü h r t wird. Im übrigen ist die Einfuhr von Schafen und Schweinen aus Nord- und Südamerika und ebenso von deren Fleisch gestattet. Nicht eingeführt werden kann a m e r i f a n i - sches Rindfleisch. Tafür sind maßgebend sachliche Grunde der Aufsichtsinstanzen, daß nämlich mit der Einführung dieses Fleisches ebenfalls die Gefahr der Einschleppung des Texasfiebers verbunden wäre. (Widerspruch links.) (Solange diese Ueberzeugung besteht und mit guten Gründen fest- gehalten werden kann, kann auch ich mich nichtfür eine an- dereAnordnung einsetzen. (Unruhe links.) Nun ist daraus hingewiesen worden, daß ja außerdem der Einfuhr frischen Fleisches aus Amerika hinder- lich im Wege stehen würde die Bestimmung des § 12 des Fleisch- beschaugesetzcs, wonach bestimmte Eingeweide des Tieres im Zu- sammenhang mit dem in zwei Körperhälften zerlegten Tier cm- geführt werden müssen. Diese Bestimmung hat ihren Ursprung darin, daß wir ohne diese Organe gewisse Krankheiten und Eigen- schäften des Fleisches nicht feststellen können. Diese Organe bilden auch bei der Untersuchung unseres einheimischen Viehes und der Verwertung seines Fleisches eine der wichtigsten Unter- suchungsgrundlagen, und es ist vollständig konsequent,, wenn wir diese Forderung aufrecht erhalten auch für die Einfuhr ausländischen Fleisches. Wir können unmöglich ausländisches Fleisch günstiger stellen, als das in Deutschland produzierte. (Zu- itimmung rechts.) Gegenüber dem Abg. Tr. Heim muß ,ch betonen, daß eine derartige Maßnahme, wie die Suspension des 8 12 d e s Fleischbeschauges ehe s, deshalb nicht in betracht kommen kann, weil die Einfuhr von ausländischem Fleuch eine Fülle von Einrichtungen des Handels und von Vorrichtungen auf den Transportdampfern erfordert, und sich niemand darauf einlassen würde, diese Maßnahmen zu treffen, wenn er vorher weiß, daß es sich nur um eine wenige Monate dauernde Einfuhr handeln würde. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Im übrigen würde aber gegen den Vorschlag einer Untersuchung des Viehes und Fleisches drüben im Auslände, event. durch einheimische, dorthin zu sendende Tierärzte immer einzuwenden sein, daß es in hohem Maße zweifelhaft ist, ob die Art Der Ein- richtungen Der großen Lchlächtereibetnebe jenseits des Ozeans Überhaupt eine derartige Untersuchung ermöglichen. (Sehr wahr! reckt- ) Es ist weiter zweifelhaft, ob sich die dortigen Produzenten einer solchen Untersuchung, wie sie nach unserem Ge,etz erforderlich ist, überhaupt unterwerfen würden. Es ist auch immer das Bedenken zu erheben, daß ein im Auslande aiigestellter Tierarzt schwer kontrolliert werden kann und immerhin Bccin» flunungeff von feiten der großen Produzenten, der Schlächter usw. ausgesetzt sein könnten. (Hört, hört! links.) Alle diese Erwägungen sind hier wiederholt, zuletzt int vorigen Jahre, vorgebracht worden und sie sind so start, daß die Verbündeten Regierungen nicht glauben, den Versuch, über sie hinwegzugehen, in einer Zeit machen zu dürfen, wo ja von einer Fleischnot nicht d i e Rede fein kann, sondern nur das Eintreten einer Fleischnot für möglich gehalten oder b c • ürdjtet wird. Ich will nur darauf Hinweisen, daß Der Fleischkonsum pro Kopf der Bevölkerung 1011 bis jetzt nicht kleiner gewesen ist als 1910. Unter diesen Umständen, zu denen auch gehört, daß im großen und ganzen bezüglich des Schweinefleisches eine Abnahme Der Preise festzustellen ist, vermag ich mich nicht davon zu überzeugen, daß Die schweren Bedenken, die ich eben geäußert habe, überwunden werden können zugunsten eines Versuchs mit der Einfuhr von argentinischem Fleisch. Es könnte sich dabei handeln um Kühl - oder Gefrierfleisch. Bei dem Kühlfleisch könnte der Preisunterschied gegenüber dem einheimischen Fleische nicht groß fein. Aber auch bezüglich des Gefrierfleisches habe ich die ernjtesteii Bedenken, ob cd sich tatsächlich auf unserem Markt einen speziellen Platz erobern könnte. In den letzten Tagen ist wiederholt gewünscht worden, wir möchten einmal das Ergebnis der Erkundigungen mitteilen, die. wir über die Erfahrungen bei der E i n f u h r a r g e n t i n i s chc n Fleisches in anderen Staaten eingezogen haben. Mas Oe st erreich betrifft, so bat man dort die Einfuhr von 4000 Tonnen argentinischen Gefrierfleisches zugelassen. Wie der Ministerpräsident Dr. v. Gautsch im österreichischen Abgeordnetenhause dargelegt hat, sind 1650 Tonnen nach Wien gebracht worden. ’ Von diesen sind 26 Tonnen an andere Konsumorte abgegeben, 54 Tonnen nach der Schweiz auSgcführt und 232 Tonnen nach Triest zurückgeschickt worden. In Wien wurden nur 051 Tonnen konsumiert, 327 Tonnen aber lagerten noch unverbraucht in Wien. Als Ursache dieses unbefriedigenden Absatzes wird zu geringe Spannung in den Preisen gegenüber dem einheimischen Fleisch und zu geringe Qualität angegeben. (Hört, hört! rechts.) TaS, was der Abg. Graf Kanitz zutreffend über das argentinische Fleisch ausgeführt hat, will ich nicht wiederholen. Es wird berichtet, daß es, gerade im Geschmack, sehr fett ist, sich nicht zum Kochen und zur Bereitung von Suppen eignet, sondern, wenn es schmecken soll, nur zum Braten und Schmoren verwendet werden kann. (Abg. Hue: Dann lassen Sie es doch die Leute wenigstens schmoren! — Sehr gut! links.) Der Beweis, daß c3 sich dafür eignet, ist aber auch noch nicht gegeben. (Lachen links.) JnderSchweizhat man es als F l e i s ch zweiter Qua- lität bezeichnet. Man ist nicht unzufrieden gewesen, aber es wird uns aus Bern berichtet, daß man in den Kreisen des Mittelstandes dieses Fleisch verkauft, daß dagegen in den Kreisen der. Arbeiter im allgemeinen das argentinische Gefrierfleisch abgelehnt wurde. (Hört! hört! rechts. Rufe links: Warum Denn?) Die Gründe sind nicht angegeben. Nach meiner Ansicht werben sie wesentlich darin liegen, daß die Beschaffenheit des Fleisches es für die Anforderungen eines Arbeiterhaushaltes weniger geeignet macht, als für Haushalte, wo eine andere Zubereitung üblich ist. (Zurufe links.) Ich kann ja nur das tun, was Sie von mir verlangt haben, die mir gegebenen Auskünfte mitzuteilen. (Zurufe links: Und England!) In England hat sich daS Gefrierfleisch aus Argentinien allerdings in gewissen Grenzen Eingang erobert. Aber, wie sogar ein Arbeiterblatt geschrieben hat, strebt auch die Arbeiterbevölkerung mit allen Mitteln danach, von der Notwendigkeit, dieses Fleisch zu konsumieren, abzukommen, weil die Beschaffenheit des Fleisches den Anforderungen nicht entspricht, Die auch der englische besser gestellte Arbeiter an das Fleisch stellt. (Zuruf links: Es wird aber doch nach England ein- geführt!) Ja. die englischen Sachverständigen sind der Meinung, daß das geschehen kann, unsere aber nicht. Ich habe nicht den Eindruck, daß Die Debatte die Auffassungen in den verschiedenen Teilen dieses Hohen HauseS und in der Regierung einander näher gebracht hat. Außerordentlich lebhaft ist nach wie vor der Streit über die Ursachen der Teuerung und er ist eigentlich von ausschlaggebenderBe- deutung. Denn die Ursachen, die man für eine Erscheinung findet, sind maßgebend für die Mittel, mit Denen man sie bekämpft. Der Abg. Oeser hat diese Ursachen gefunden in unserer Wirtschaftspolitik, und er hält es für ebenso feststehend, daß die Gesetzgebung in dieser Frage versagt hat, als daß eine Teuerung überhaupt besteht. Auf Die Gefahr hin, daß das „Berliner Tageblatt" mir den Vorwurf macht, ich hätte eine Wahlrede gehalten (Heiterkeit rechts), muh ich mich mit der Behaup. tung Dr. Oesers beschäftigen, daß ein allmählicher Abbau der Zölle notwendig fei. Ich bebaute, daß Dr. Oeser nickt die Zahlen angegeben hat, die ihn zu der Auffassung gebracht haben, daß eine Teuerung besteht. Tenn in einer Analyse dieser Zahlen liegt der Schlüssel Der Situation. Es ist gewiß f ü r b e n Redner angenehm und rücksichtsvoll für die Zuhörer, wenn man solche Zahlen wegläßt. (Ledebour: Zur Sache! — Unruhe rechts, Dr. Arendt ruft: Es ist unerhört!) Der Reichskanzler hat allerdings auch keine Zahlen gegeben, er würde ferne Rede damit nur belastet haben. (Heiterkeit links.) Er bat eS den anderen Herren vom Regierungstische überlassen, die Zahlen noch im Lause der Debatte beizubringen. Ich habe dieses Zahlenmaterial bereits dem Reichstage zugehen lassen. Die Berech- nungen sind angestellt am 19. Oktober 1911. Da wurde der Weizen in Berlin notiert mit 206 M., 1909 waren es 233 M-, 1891 224 M., 1882 204 M., 1881 219 M. und 1880 217 M. ES ergibt sich also, daß die Preise für Weizen nicht niedrig sind, daß sie aber lange nicht Die Höhe früherer Jahre bei niedrigeren Zollsätzen erreicht haben. Im übrigen zeigen Die Vreise in Berlin, Tas gilt auch für Roggen und Hafer im Laufe der letzten Jahre, eine langsam ansteigende Tendenz. Roggen wurde mit 185 Mark notiert. Der Preis für 1908 betrug 108 M., für 1907 193 M., für 1891 211 M. für 1881 195 M. und für 1880 187 M. Es ergibt sich also auch hier, daß in den früheren Jahren höhere Preise gewesen sind. Hafer wurde mit 186 M. bezahlt, 1909 mit 175, 1891 mit 181 usw. Tie Haserpreise sind im Laufe der letzten zehn Jahre erheblich gestiegen. Sie stehen also augenblicklich in Berlin höher als im Durchschnitt Der früheren Jahre. Futtergerste wurde in Breslau mit 155 M. bezahlt, der Preis ist in den früheren Jahren annähernd erreicht worden. Mais wurde in Breslau mit 177 bis 179 M. bezahlt. Der niedrigste Preis war 1908 mit 164 M., 1882 aber betrug er 178,5 und 1880 174 M. Tie Preise für Roggenmehl und für Weizen in diesem Jahre sind von denen anderer Jahre übertroffen worden. Für Kartoffeln hatten wir am 23. Oktober einen Preis von 60 bis 69 Mk., für Brennereikarwffeln von 40 Mk. Tiefer Preis ist innerhalb bei letzten Jahrzehnts einmal überschritten bzw. erreicht worden. Aber Immerhin war es ein Großhandelspreis derartig, daß auf einen Zentner Eßkartoffeln 3 Mk. kamen. (Abg. Hue: zu 8 Mk. den Zentner? — Dann bestelle ich gleich 20 Zentner!) Ich habe vom vttoßhandclkpreiS gesprochen, nicht vom Kleinhandelspreis. DaS Bild unserer letzten Ernte ist derartig, daß der Winterroggen erheblich quantitativ und qualitativ besser dastcbt als die Ernte dcS vorigen Jahres, daß die Ernte des Winterroggcns in diesem .Jahre beinahe die außerordentlich große Ernte des JahreS 1909 erreicht. Die Gerste erreicht die Ernte des vorigen JahreS annähernd, Hafer bleibt etwas hinter der Ernte des vorigen Jahres zurück, die Kartoffel erheblich. Tie Ernteschätzungen bei Kartoffeln ergeben einen Ertrag von 10,58 Tonnen pro Hektar gegen 14,45 Tonnen im vorigen Jahre. Wir stehen bei der Kartoffel zweifellos vor einem großen Ernteausfall, während wir in bezug auf Brotgetreide eine mittlere Ernte haben. Wie sicht es nun im Ausland aus? Für uns kommt in erster Reihe Rußland in Frage. Hier liegen mir Schätzungen von 860 russischen Gouvernements vor. Danach hat Rußland große Ausfälle bei Roggen, bei Winterweizcn und bei Sommerweizen, dagegen ein Plus bei Gerste. Tie Maisernte ist in der ganzen Welt eine außergewöhnlich schlechte. In Amerika ist der ErnteauSfall an Mais dieses Jahr auf über das Zehnfache von dem geschätzt worden, was Amerika im vergangenen Jahre an das Ausland abgegeben hat. Andere maisproduzierende Län- der in Südafrika sind kaum in der finge, den Bedarf des Handels zu decken. Tie einzigen Länder, die einen Ueberschuß an Mais abgeben können, sind die D o n a n l ä n d e r. Dort ist für den ganzen Westen Europas ein Quantum von 10 bis 12 Millionen Tonnen verfügbar gegenüber einem Jahresbedarf von Deutschland im Betrage von über 6 Millionen Tonnen, von dem der größere Teil nicht aus den Donauländern, sondern sonst aus Amerika kommt. Im ganzen ergibt sich, daß kein Anlaß borliegt, einen Mangel an Brotgetreide irgendwie zu konstruieren oder zu befürchten. Im Gegenteil, die Vrotgetreideernte ist ausreichend in der ganzen Welt. Auch das Futtergetreide ist ausreichend. Die Schwierigkeit der Situtation wird dadurch ver- durch den Ausfall an Kartoffeln geschaffen, die zollfrei sind. Die Schwierigkeit der Situation wird dadurch verstärkt, daß dasjenige Futtermittel, das zum Ersatz herangezogen werden könnte, der Mais, eine Ernte in so geringem Umfange hat, daß wir nickt darauf rechnen können, Mais in irgendwelchem nennenswerten Umfange in das Land zu ziehen, das heißt, ein zwar zollpflichtiges Futtermittel kann nur in unzureichendemMaße zu uns kommen, aber nicht infolge deS Zolles, sondern infolge der geringen Ernte. Danach werden Sie mir zugeben, daß die Ur - fache der Schwierigkeiten in keinem direkten Zusammenhangs mit unserer Wirtschaftspolitik steht. Die Fleischpreise werden natürlich durch diese Lage beeinflußt. Aber sie sind nicht besorgniserregend hoch, und es ist keinerlei Anhalt dafür vorhanden, daß diese Fleischpreise — ich spreche immer von den Großhandelspreisen — in einem ursächlichen Zusammenhang mit unserer Zollpolitik stehen. Gemüse ist bei uns knapp, aber auch in den Nachbarländern. Der Großhandel hat hier, wie auch auf anderen Gebieten, seine Pflicht getan. Es ist herangcsckafft worden, waS herangeschafft werden konnte. Aber gegen eine Mißernte im eigenen Lande und gegen eine Mißernte in den übrigen Produktionsgebieten i st kein Kraut gewachsen, und die Folgen dieser Mißernte treten in jedem Lande ein, mag seine Wirtschaftspolitik schutzzöllne- risch oder freihändlerisch sein. (Zustimmung rechts.) Wenn Sie die Preise in den einzelnen Großstädten beobachten, so werden Sie finden, daß im Laufe der Jahre die Preise für wichtige Lebens- . mittel überall gestiegen sind, in Kopenhagen, in London, dort in diesen Ländern des Freihandels, ebenso wie in Wien und Paris. Im Auslande sind sogar die Preise mitunter stärker gestiegen als bei uns. _ Gewiß sind die Zahlen nicht ohne weiteres bergleichbar, aber 'zweifellos steht fest, daß die Preissteigerung eine internationale ist; und der Beweis, daß unsere Wirtschafts. Politik diese internationalen Momente besonders beinflußt hat, ist nicht zu führen. Einen Zusammenhang unserer Wirtschafts. Politik, wie ihn Herr Ocser versucht hat, mit der augenblicklichen Teuerung und aus diesem Teuerungsmoment den Grund herzuleiten zu einem allgemeinen Abbruch unserer Wirtschaftspolitik, das ist unbedingt zu verneinen. Man muß doch fragen, ob denn auch die sonstigen Ereignisse des letzten Jahrzehnts irgend welchen Anhalt dafür bieten, daß unser Wirt- schastsleben ungesund ist und irgendwelchen Beweis für die Be- Häuptling des Herrn Oeser, daß dieses Wirtschaftssystem kritischen Zeiten nicht standhalten könne. Sie werden schwer einen Moment nachweisen, wo sich unsere Wirtschaftspolitik als nicht widerstandsfähig, als bankerott erwiesen hat gegenüber politischen und wirt- schaftlichen Ereignisien. . Der Staatssekretär hält hierauf unter Vorführung eines reichhaltigen vergleichenden Zahlenmaterials einen Vortrag über die Wirkung unserer Wirtschaftspolitik in der Richtung der wirtschaftlichen Erfolge des Landes. Deutschlands Außenhandel ist in 10 Jahren auf mehr als das Doppelte gestiegen, im Weltmarkt steht Deutschland an der zweiten Stelle und die Steigerung seines Welthandels in den letzten 20 Jahren ist ungleich größer als die des englischen. Für einen Bevölkerungszuwachs von 900000 Köpfen im Jahr ist Arbeit und Nahrunggeschaffen. Gibt da unsere Wirtschaftspolitik Anlaß zur Aende- rung? Der Ertragswert der landwirtschaftlichen Produkte ist ganz außerordentlich quantitativ und qualitativ gestiegen. — Der Staatssekretär gibt die Zahlen, desgleichen für industrielle Rohprodukte usw. In gleichem Sinne erörtert er die Entwicklung der Dividenden, den Stand der Banken, die Betriebsergebnisse der Eisenbahnen und bezieht sich den Sozialdemokraten gegenüber u. a. auf Calwcr. Ich mußte diese längeren Ausführungen machen, damit man mir nickt vorwirft, daß ich unerwiesene Behauptungen vorbringe. Wenn der Reichskanzler und die anderen Regierungsvertreter hier so eingehend über diese Fragen gesprochen haben, so ist das geschehen aus der Ueberzeugung heraus, daß alle Versuche, unsere bestehende Wirtschaftspolitik als überlebt zu bezeichnen, mit allen Mitteln zurückgewiesen werden müssen, auch im Interesse derjenigen, für die Sie jetzt zur Behebung der Teuerung Maßnahmen verlangen. Denn ich habe die Ueberzeugung, dak gerade die Gesundheit unseres Wirtschaftslebens uns auch die Kraft geben wird, bestehende Schwierigkeiten zu überwinden. Unsere Wirtschaftspolitik kann nicht verantwortlich gemacht werden für die Höhe der Preise, die wir alle beklagen. Auf wirtschaftspolitischem Gebiete können daher auch nicht dje Heilmittel liegen, die man verlangt. (Beifall rechts.) Preußischer Eisenbahnminister v. Vreitenbach bespricht die Tariffragen. Noch niemals sind auf deutschen Eisenbahnen so umfassende Tarifnachlassungen erfolgt, wie das jetzt zur Hebung der Not geschehen ist. Der Minister weist das zahlenmäßig nach. Die Wirkungen der Tarife auf die Eisenbahneinnahmen werden sehr erheblich fein. Wenn der Landwirt- sckaftsminister 15 Millionen Mark dafür angegeben hat, so ist das außerordentlich niedrig geschäht. Allein an Futtergerste und Mais werden wir einen Ausfall von 9 Millionen Mark haben. Dazu kommen die weiteren Ermäßigungen für Kartoffeln, Gemüse usw. Wir haben zu umfassenden Kartoffelankäufen im Großen angeregt, und haben auch für unsere Beamten billige Kartoffeln besorgt. Wir sind in der Lage, die Kartoffeln in der Rheinprovinz an unsere Beamten zu eimm Preise zu liefern, der nicht höher ist als derjenige, den sie im vorigen Jahre bezahlen mußten. So können die Beamten in Köln z. B. die Kartoffeln für 8,50 M. pro Zentner beziehen. Auch die Selbsthilfe der Kommunen hat auf die Preise mildernd gewirkt. Die Tarifermäßi- gungen sollen natürlich den Verbrauchern zugute kommen, nach- dem den Händlern schon früher int November Ermäßigungen gewährt worden waren, weil wir damals darauf aufmerksam gemacht wurden, den Handel stärker zu beteiligen. Wenn zu einem Teil mit der Auszahlung der Tarifermäßigungen an die Verbraucher zuruckgehalten wird, so entspricht das den Absichten der Tarifermäßigung. Ich hoffe, daß die Verhandlungen in diesem Hause dazu beitragen werden, einen großen Teil der Beschwerden, die erhoben worden sind, zu beseitigen. Ich habe mir aber vorgenommen, für alle Fälle Vorsorge zu treffen und vereint mit den Interessenten der Landwirtschaft und des Handels darüber nachzudenken, wie in Zukunft die ermäßigten Tarife, die dem Verbraucher dienen sollen, auch ausschließlich dem Nutzen des Verbrauchers zugute kommen. (Beifall.) Ein Antrag Bebel (Soz.), auf Vertagung wird gegen die Linke abgelehnt. . ......... Abg. Dr. Südekum (Soz.) Trotz seiner vielen Zahlen konnte uisö der Staatssekretär nicht sagen, wie unsere Wirtschaftslage bei einer anderen Wirtschaftspolitik sich gestalten würde. Durch das Loch des Schutzzolles wird die Not deS Volkes nicht gehoben. Das Zentrum schickte zwei Redner vor. Der eine mußte die Großgrundbesitzer im eigenen Lager und die junkerlichen Bundes* genoffen beruhigen, der andere hatte das Populäre zu besorgen. (Sehr gut! links.) Das Mindestmaß an Verständnis für die Not deS Volkes haben die Herren am Regierungötisch gezeigt. Daß trotz der Dürre Nahrungsmittel vorhanden sind, leugnet niemand (Lachen rechts); die billigen Kartoffelpreise, die der Landwirt- (Ein patentschwindelprozetz. ! Kassel, 25. Oktober?. Vor der ersten Strafkammer des hiesigen Landgerichts finden «gegenwärtig die Verhandlungen in einem außerordentlich umfangreichen Betrugsprozeß statt gegen den Diplom-Ingenieur Richard Gesse aus Brüssel, den Patentvermittler Rudolf Wggner aus Kassel, den Ingenieur August Mänkes aus Charlottenburg bei Berlin, 'beit Patentagenten Heinrich Brust aus Kassel und die Kaufleute August Wendeberg und Theodor Martens aus Kassel. Die sechs Angeklagten sind beschuldigt, in 66 Fällen die Unerfahrenheit von Patent- und Gebrauchsmusterschutzsuchenden ausgenüht und ihnen über 30 000 Mark in betrügerischer Absicht entlockt zu haben. Der Angeklagte Ingenieur Mankes wird von Justizrat .Dr. Sello (Berlin) verteidigt, während den übrigen Angeklagten !die Rechtsanwälte Dr. Kauffmann, Dr. Müller und Heldmann j(Kassel) zur Seite stehen. Den Vorsitz im Gerichtshof führt Land- jaerichtsdirektor Dr, Waege, die Anklage vertritt Staatsanwalt- 'schaftsrat Bauer, Da die Verhandlungen mehrere Wochen in Anspruch nehmen werden, sind zu dem Prozeß zwei Ersatzrichter ^ugezogen. Unter den SachveAtändigen befindet sich der Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Patentbureaus Direktor Lehnert (Dresden), der sich jedoch vor Eintritt in die Verhandlung für befangen erklärt, da er schon früher einmal gegen die Angeklagten und ihr Treiben habe Stellung nehmen müssen. Das Gericht erkennt jedoch sein Ablehnungsgesuch nicht als begründet an. i Bei der Vernehmung der Angeklagten ergibt sich, daß sie ! mehrfach vorbestraft sind, u. a. wegen Wechselfälschung. Ms «Anführer der Angeklagten erscheint der im 36. Lebensjahr stehende, i wegen Betrugs und Wechselfälschung vorbestrafte Angeklagte Patentvermittler Rudolf Wagner, der aus dem Rheinland stammt !und seine technischen Kenntnisse auf dem Technikum Hildburg- : hausen erworben hat. Nachdem ec längere Zeit im Auslande ials Ingenieur tätig gewesen war, begründete er in Kassel ein Patentoermittelungsbureau, für das er nach und nach sämtliche übrigen Angeklagten zur Mitarbeit verpflichtete. Das Geschäft erzielte etwa 36 000 Mk. Einnahmen im Jahr. Der Betrug wird vor allem darin erblickt, daß die Angeklagten gar nicht in der Lage waren, irgendeine Tätigtest im Patentamt zu entfalten. Ganz besonders niederträchtig aber handelten die Angeklagten bcniemgen Erwidern gegenüber, welche sich zu mündlicher Rück- 1 spräche bei ihnen entlauben. Ihnen wurde der Angeklagte Tiplom- Jngenieur Hesse in Brüssel als die Instanz benannt, durch deren Vermittelung das Patent für die Vermittelung im Ausland an- acmeldet werden sollte. Hierfür mußten sich die Erfinder zur Zahlung von Summen in der Höhe von 2000 bis $1000 Mark verpflichten Wegen dieses Veraehens ist in mehreren Fällen gegen die Angeklagten auch noch Anklage auf Wucher erhoben worden. Reichsgerichtsbrief. (Nachdruck verboten.) js. Leipzig, Okt. 1911. D i c eitle Stadt Worms. Dem Reichsgericht ist unlängst die Frage zur Entscheidung .Unterbreitet worden: Dürfen Gewerbetreibende das '.S t ad t Wappen für ihren Geschäftsbetrieb benutzen? Bei, Erörterung dieser Frage ist gleich zu Anfang darauf hmzuweisen, daß die Rechte an einem Stadtwappeu nicht mit den Rechten an solchen Wappen übereinstimmen, die von einer Privatperson oder einer Familie geführt werden. Denn ein Wappen, das einer Korporation, einer Stadtgemeinde verliehen worden ist, ist gleichzeittg auch den verschiedenen Mitgliedern der Gemeinde verliehen worden. Tatsächlich werden auch in vielen anderen Städten die Wappen von den Gewerbetreibenden in großem Umfange benutzt, man denke nur an das von den Brauereien ausgebeutete „Münchner Kindl" der Stadt München. Die rechtliche Stütze ihres Anspruchs dürfte die Stadtgemeinde, die den Gebrauch ihres Wappens untersagen will, einzig in dem § 12 des BGB. finden. Denn die etwa in Frage kommenden §§ 823 und 826 des Bürger!. Gesetzt», können solange keine Anwendung finden, als der Nachweis eines Schadens fehlt. Dagegen ist das Wappenrecht mit dem Namensrecht identisch. Die Unterlassung des Gebrauchs eines Namens kann nach § 12 BGB. verlangt werden, wenn das Interesse des Berechtigten dadurch verletzt wird, daß ein anderer dein gleichen Namen unbefugt gebraucht. Ist das in dem nachstehend mitgeteilten Verhältnis der Fall? Das Reichsgericht v e r n e i n t d i e s e Frage, Aus dem Rechtsstreit sind folgende Tatsachen mitzuteilen: Tie Schuh warenfirmaStrasser U. Lazar inWorms hat auf die Glasscheiben ihrer Schaufenster das Wappen der Stadt Worms malen lassen, auch in die Ladentüre hat sie das Wappen einsetzen lassen. Mit dem Gebrauch des Wappens hat sie ihrer Firma den Namen Wormatia beigelegt. Die Stadt Worms bestreitet der Firma dieses Recht und hat deshalb auf Unterlassung Klage erhoben. Landgericht Mainz und Oberlandesgericht Darmstadt haben die Stadtgemeinde abgewiesen. Zur Begründung führen die Urteile der Vorderrichter aus, daß man ein Wappen anbringe, um auf den Stifter hinzuweisen oder Symbole auszudrücken. Eine Verletzung dieses Rechts sei es nicht, wenn ein Geschäftsmann zur Verschönerung seines Ladens oder zum Vertriebe seiner Ware das Wappen seiner Stadt benutzt. Hier habe der Beklagte nicht beabsichtigt, sich als Eigentümer des Wappens auszugeben, sondern nur durch die Bennung seiner Firma mit dem Namen Wormatia die Beziehung seines Geschäfts zur Stadtgemeinde Worms dartun wollen. Gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Darmstadt hatte die Stadtgemeinde Worms das Rechtsmittel der Revision ergriffen. Der 4. Zivilsenat des Reichsgerichts hat die Revision zurückgewiesen und das Urteil des Oberlandesgerichts im Ergebnis bestätigt. vermischtes. * Grausame Kriegführung. In der „Jugend" ulkt Beda: Die italienisch-türkischen Kriegsmaßnahmen werden immer grauenvoller. So meldet jetzt der „Secolo" aus Kairo, daß die türkischen Hotels und Restaurants sämtliche Makkaroni auf der Speisenkarte gestrichen haben. Italien geriet hierüber in maßlose Wut und warf die Zigaretten und den Tabai türkischer Herkunft in die Abfalltonnen. Die kriegführenden Parteien vergessen in ihren Haßansällen, welch schreckliche Folgen ihr Vorgehen haben wird: Das italienische Jnvasionskorps ist gezwungen, die sonst für die Türkei bestimmten Makkaroni allein zu essen. Was wird die Folge sein? Tie Mannschaften werden in großer Zahl platzen! Statt der türkischen Zigarette rauchen die uaiie- nischen Offiziere und Mannschaften seit kurzem nunmehr iialre- nische Slaatsmonopol-Stinkadoree Ob sie mir den Slmkiateren die Muselmänner in die Flucht jagen oder selbst daran zugrunde Die heutige der ent« nich, atn Abgrund. Staatssekretär Dr. Delbrück weist den Vorwurf, t-5 Reichskanzler mit einer gewissen Brutalität geredet habe, schieden zurück. Abg. Dr. Südekum: Ich nehme den Ausdruck zur'V, meine aber, daß der Reichskanzler Lippendienst getrieben hat. Der Präsident ruft den Abg. Dr. Südekum zur Ordnung. Weiterberatung: Donnerstag 12 Uhr. Schluß 7. Uhr. Die ge! 2ie Italieners ,efien, wollen jetzt TL Deutschland M jetzt durch die Achter habe die na lereh'en verstärkte benutzt und dieses zu innen klaren BeM fisten in der W Politik gegenubn i Haltung der führe, kommen zu dem <- Italien Tripolis b Tunis und Aegypt Frankreich getmben Es starben an: Zusammen: Lebensschwäche i (n Lungentuberkulose 2 Hiruhaut-Eutzünduna 1 (1) Tarmkatarrh ' j enigekl. Bruch j m Blinddarmentzündung 1 m Krebs y Verbrennung j M Basedoiv'fcheKrankhcit 1 1) Gallenblaseuleideu i SummUmös- Anm.: ,L.u ui > Leutsche Reich unte (ien mit Truppen } All diese unsin I den schon dadurch I Tage im österreich I gelegt worden ist, s ■ sichten überhaupt n ■ Auch der neuest f Türken in Tripolis I haben: Tripolis, rt tobet verlief ruhic rückende fein! 15 Kilometer von I gerade Truppen, zier auf nicht N der Oase von Trip teidigungslinie, tz jedoch nicht angui itafcnifäen stiipp, - Dke im Stiiden \ I Lase wurde von gefa wohnten, gesäubert. , Nischen linken Flüge den zurückgela schlagnahmte eine st und moderner Kons, Waffen und Muniti, -ur der Umgebung vi Karawansereien, zwi lern und in unlerir dauern fort. Schon )mie als sicher betra wehr frei passieren: l Cm türkischer U W.ta ein uni stell untren und Ar> '"Hwen. Es Hand geschickt war nm \ men Zu beselige,, b£nen^ en bei ""möglich^ di7 jZugeben. Abei Erntettv j W tn»o I | «„et auf hneih* I lC W W(in eei' üben Tarnen Lü * iKWn?ten bett aJ ;n ,^re 'A-n Jj-1 tont 'Jenen & Nft »rei ^kvinw llen Sä ^54 der Todesfälle in bcr"b ^eöen gebrachte Kranke kommen. W Snlg <;,c",rsnKti56|e6 ^-ÄSrei--u '"'^..grpebihönl ^^s^Tepesche I MAE bis schaftSminister genannt hat, gelten nur am ProduktionSort unb' für unsortierte Ware. (Abg. v. Brockhauscn. Kons.: Auch bei mir können Sie sie für 2,80 Mk. haben. — Heiterkeit.) Erst in der Sterbestatistik späterhin werden wir die Wirkung der Teuerung klar erkennen. (Ruse Ohal Ohal rechts und im Zcntr.) . Die Hauptaufgabe des RcichLgesundheitSamtcS muß sein, die Versorgung des Volkes mit Nahrungsmitteln dauernd zu beobachten. Tie Regierung sagt: Aufhebung der Futtermittelzölle nützt nichts. Ick habe mehr Vertrauen zu Sachverständigen wie Dr. Heim, die diese Aufhebung fordern. Es handelt sich nicht um eine Parteifrage, die Linke bis zur Mitte ist hier einig. Graf Kanitz erinnerte daran, daß die französischen Sozialdemokraten für die Schutzzölle, sogar für Kartoffelzölle gestimmt hätten. Gewißl Aber in Frankreich, das genngenb Brotgetreide int Lande hat, haben die Zölle eine ganz andere Bedeutung. In Frankreich haben wir eine andere Vesitzverteilung. Frankreich hat k e i n e I u n k er. (Ahal und Gelackter rechts.) . tv r a n I • reich hat keine Junkerherrschaft! Ick erinnere an das, wa§ der Abg. Semler hier in seiner Wut nach Zertrümmerung des Bülow-Blocks ausgeplaudert hat, daß Graf Posadowsky ihm mit Bezug auf die Liebesgabe gesagt hat: Die Liebesgabe brauchen die Großgrundbesitzer für th re Sohne, die Leutnanls und Referendare, 'Hort! Hört! links) So etwas gibt es in Frankreich nicht. Do" der Agrarschutz ein Baucrnschutz. Im übrigen muiyte ich Graf Kanitz Mitteilen, daß in der französischen Tevutierten- fammer auch immer ein Herr ähnlich wie Graf Kanitz sagt: Seht, so machen es die deutschen Sozialdemokraten, das sind wenigstens Kerle! .(Heiterkeit.) (Zuruf rechts: In Frankreich flt auch ferne Einkommensteuer!) Nein! Ta können wenigstens die reichen Leute nicht die Einkommensteuer hinterzieh-n. (Große Heiterkeit.) Nicht ein Sozialdemokrat, sondern der Kaiser hat gesagt, daß die agrarische Schutzzollgesetzgebung d e r organt- fierte Brotwucher ist. (Hört! hört! und Unruhe rech.s.) Darüber kommen Sie nicht hinweg! Wo ist denn das Geld, das der Neichskasse durch die Einfuhrscheine entzogen ts . 'W Heine (Soz.): Trüben auf der Rechten!) Ja, es ist tn den unergründlichen Taschen der Großgrundbesitzer verscqw'mden. (Lachen rechts.) Die Folgen werden Sie am 1. Januar spüren! Der Reichskanzler ist der Gefangene der Junker! Ohne die Liebesgaben wären wir niemals m diese heillose Schiildenwirtschaft hineingeraten. (Der Abg. N e h b e l (Kons.): Das ist Unsinn!) Sie sind ja selbst em Liebesgaben- empfanget! Ist der Zeitpunkt zur Aufhebung des provisorischen § 12 des Fleischbeschaugesehes noch nicht gekommen? D,e Re- gierung hat sich darüber in allen ihren Organen und allen Spracken ausgeschwiegen. In der amtlichen Denkschrift :: irr die Teuerung ein A k t a u s g l e i ch e n d e r Gerechtigkeit genannt. (Hört! Hört! und Unruhe, Rufe: Wo steht das?) Der das geschrieben hat, ist wohl christgläubig. Aber er hat sich einer Blasphemie schuldig gemacht. Wir erwarten von diesem Reichstag nichts. Aber wir werden diese agrarische Mehr- heit nm 12. Januar dezimieren. (Beifall links.) Wir legen keine Lanze für das Gramer tum em Wir wollen ja gerade mit unseren Konsumvereinen das parasitische Zwischenhändlertum ausschalten. Dabei begegnen wir ja aU’* Ihrem Widerstände. In Dresden verlangt man von den Straßenfegern die eidesstattliche Versicherung, daß sie keinem Konsumverein angehören. (Hört! Hört!) Der Zwischenhandel trägt nicht allein die Schuld. Die Teuerung der Wohnungen trägt mit bei zur allgemeinen Teuerung. Wenn so viel Leute wie in dem reichen Berlin noch in Kellern hausen müßen, so hat dieses Land, in dem das möglich ist, keinen Anspruch auf die Bezeichnung „Kulturstaat". Die herrschenden Parteien haben, ihre Pflickt vernachlässigt, sie müssen abtreten! Jetzt wende ich mich dem Stuhl zu, auf dem der Reichskanzler sitzen könnte. (Heiterkeit.) Der Reichskanzler hat eine Wahlrede gehalten. DaS ist schließlich fein Recht. Aber er hatte nicht ein einziges Wort des Mitleids mit den notleidenden Klaffen. Eine Brutalität rr Kinder Erwachsene: int vom 1. Lebensjahr: 2,-15. Jahr : 7 2(,) z i(1) z z 1(1) - 1(1) - - 3(3) - - 1(1) - - 1(1) - __KD - - klang aus seinen Worten heraus. (Unruhe.) Gewiß, wir T'aben die Verelendungstheorie aufgegeben. ES wäre aber auch schlimm genug, wenn es unserer zähen Arbeit nicht gelungen wäre, die Lage der Arbeiter zu verbessern. Aber der Aufstieg reicht au8. Ein großer Teil des Volks steht oauernd 1*^) 1 (1) — . - ' Ziffern ttuen au, wie viel Kr.-nyett auf von auswärts nach gehen werden, weiß nur Allah. Wie wir hören, haben die europänchen Mächte gegen diese unerhörten Grausamkeiten energischen Protest erhoben! * D a s G e f,ä n gnissystemimLonvre. Der neue Herr des Louvre, Puwlet der dort als stellvertretender Direktor mit den blsherrgen Mißständen ausräumen soll, hat viel zu tun um Mittel zu ersinnen, die einen Diebstahl wie den der Mona'Lisa unmöglich machen. Wie der Figaro mitteilt, beabsichtigt er nun, alle ^Gema-de des Louvre an Einern System von Eisenstangen zu bie Diebe nicht von ihrem Platz entfernen können. Die ^.achter aber werden sie dank einer ingeniösen Emrichtung so leichr hcrunternehmen können, wie bisher die Dl/be. seine Ideen hat der Louvre-Direktor denjenigen Instituten entlehnt, denen an ernem sicheren Verschluß naturgemäß am meisten ge egen .sein muß: den Gefangmisen. Er hat das Pariser Zellen- gesangms besucht und hier einen Mechanismus bewundctt der einem Wachrer erlaubt, des abends mit einem einzigen Griff alle fl)m anoertrauten Zetten doppelt abzuschließen. Am Morgen kann er sie ebenlo leicht wieder öffnen. Pujalet bat den Schlossir- meister der Banque de France, der hier alle Sicherheitsvorricb- tungen ansertigt emen M. Rozier, damit beauftragt,^^ein^System zum Aufhangen der Bilder auszuarbeiten, nach dem die G^mä d^ ganz so abgeschlossen werden können, wie die Zellen Da der unter seinen Häftlingen die Rembrandts am höchsten . * Thea t er. Herr (ärgerlich): „Werden Sie denn nickt endllch Jhren großen Hut absetzen, Fräuleins ~ Mo6'ba6 Ä grausam fein, un/einen Aal iTbenl'^bjieS man locmierft du deine Kunden »L«'Ä!, che' 8)5 st^berstcht der Todesfälle i. d. Stadt slekiei!. t 41‘ Tfioche. Boni 8. bis 14. Oktober 1911 ® E.nwohnerrahi: »u 31,300 (intl. 160o “a„,r militäc). toieiuiict)teit§5incv: 21,6 7 "°ckl Abzug uau 10 Cttäheinbeu 5,0 •/„.