Nr. 267 Erscheint L-Nch mtf Ausnahme deS Sonntags. Die „«Iftfirr #«wtne*blättetN werden dem ,»nietflcre »termol wöchentlich berge!egt, da» „Kretsbhtl |ir bca Kreis Gieße," jroeimal wöchentlich. Di« ^a,dwtrtschaftliche, »clt* fragen“ «Schemen momUluh zweunat. SM 161. Jahrgang Montag, 13. November 1911 Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Gderhejjen flMfttienSbnid vnd Verlag der Vrühlsschm, Unwersuäts-Buch- und Eicuibrudeceu N. Lange, Lieben. IRetmTHon, Expedition und Druckerei: Schul- straffe 7. Expedition und Verlag: e^5L Nedaktion:^»SI12. rel.-Adr>Anze,gerG»eben« Mb. Deutscher Rekchstag.' 208. Sitzung, Sonnabend, den 11. November. Am Tische Le» Bundesrats von Kiderlen-Wächter, Delbrück. Golf, 2 i 6 r o, Kraetke u. a. Das Hau« ist stark besaht. Präsident Graf Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 11X Uhr. Der drifte Tag der ITlarokko* Debatte. Abg. Tr. Frank (Soz.): Ms Herr von Heydebrand seine Wahlrede hielt, fiel mir ein Vorgang aus den englischen Wahlkämpfen ein. Ter Minister Lloyd George wandte sich gegen den Führer der Konservativen, der turz vorher sehr heftig gegen Deutschland gehetzt hatte. Ter Minister sagte, es fei eine Gewissenlosigkeit, wenn der Führer einer großen Partei in derartiger Weise gegen eine andere Nation bic Leidenschaften zu erregen suche. Ich habe mit gewissem Neid dieser Rede zugehört und mich gefragt, wann wird in Deutschland ein Minister es wagen, gegen die deutschen Natio- naldemagogen einen derartigen Angriff zu richten. Jä muff gestehen, daß ich in den letzten Tagen in dieser Richtung angenehm enttäuscht worden bin. Als ehrlicher Gegner muß ich dem Reicktskanzlcr zugestehen, daß die Rede, in der er den deutschen Nationaldcmagogen d e p a t r i o t i s ch c M a s k e vom Gesicht gerissen l>at, eine mutige unb verdienstvolle Ta t von bleibendem Wert ist. (Heiterkeit links.) Ter k o nse r • vative Wahlpatriotismus ist diese Woche totge schlagen worden. ES fehlt noch der Angriff auf eine andere ebenso gefährliche Gorte von Patriotismus, und das ist der Ma n - neSmannpatriotlSmuS. Die Konservativen haben mit den deutschen Kanzlern ein stetig steigendes Pech. Die deutschen Kanzler werden gegen die Konservativen immer couragierter fei 1 BiSmarckS Zeit. Sein erster Nachfolger Graf Caprivi har noch^ge- fd>roicflcn, obwohl er vielleicht manches zu sagen gewußt hätte. Ter folgende, Fürst Hohenlohe, hat auch nichts zu sagen geivagt, aber er hat in sein gut und reinlich geführtes Tagebuch das Wort ge schrieben: ,.D i e I u n k e r p f e i f c n a u f d a ö R c i ch". Ter vierte Kanzler bat ihnen bei seinem Abgang zngcrufen: Die Konservativen treiben ein srwolcS Spiel nut den Interessen der Monarchie, des Reiches. Ter fünfte 5ianzler, der noch im Amre ist und wie es den Ansckicin hat, im Amte bleiben will, hat ihnen vorgeworfen, daß sie bic Interessen deS Reiches bewußt schädigen um ihrer Parteizwecke willen. Ich weiß es nicht, ob cs noch dieser Kanzler oder ein Nachfolger sein wird, der bic letzte Steigerung bringl, der von den Worten zur Tat übergeht, der das r c i d)6 - schädliche Junkertum dort angreift, wo es allein zu packen und zu besiegen ist, an seiner Wurzel, am preußischen Wahlrecht. (Beifall links.) Wir Sozialdemokraten machen uns über ific Motive, die vielleicht den Reichskanzler zu fernem scharfen Angriff veranlaßt haben, keine Illusionen. ES ist möglich, daß dem Reichskanzler jede starke parlamentarische Kontrolle unbequem ist. Da müssen wir mit aller Deutlichkeit feststellen, daß wir keine Lust haben, an die Stelle der Junkerherrschaft den dureaukrarischen AbiolutismuS zu setzcir, (Beifall Imtoein Zwischenfall hat in diesen Tagen ein MonbcrS grelles Licht auf die Unhaltbarkeit dieser Zustande geworzen. Wir haben auch keine Lust zu einem Absolutismus, der beschrankt ist durch den Familienrat. Während der Rede Heydebrands, der ja oft der ungekrönte König genannt wird, hat cm anderer noch Ungekrönter Beifall gezeigt, der Kronprinz. D,e Frage deS inneren Dienstes intcrcfiicrt uns nicht. W,e sich der schwarze oder schwarzblaue H u s a r e n o b e r st (Heiterkeit.) mit seinem Kriegsherrn abfindet, ist seine Sache. UnS interessiert nur die politische Seite. Das war doch ein a n • schauungSunterricht, wie er deutlicher dem deutschen Volke nicht gegeben werden kann. Von einem Zufall hangt eS nur ab, daß wir nicht mit Frankreich im Kriege sind. Mit allen Kräften müsien wir dahin arbeiten, daß bis zur Zeit, wenn der Äroirprinz einmal den Thron zu besteigen bosit, die Tcmokratl- ficruna Deutschlands vollendet ist, t-amit nicht in bic Hand eines Menschen eine Übermenschliche Macht und Verantwortlichkeit ge. legt ist. (Beifall bei den Soz.) Die erdrückende Mehrheit deS Volkes hat den festen Willen, daß cs in Deutzchland endlich anders werden muß. Wir lasicn und von China beschämen, dort müsien internationale Verträge vom Parlament genehmigt werden. Die Zeit ist nickt mehr fern, wo auch im europäisch c n Reich der Mitte bic Zöpfe abgcidjnittcn werden. -Beifall links.) Der Reichskanzler muß daS Gefühl baden, dag gegen d i e Leitung der deutschen auswärtigen Politik ein geradezu unerschütterliches Miß- trauen besteht. Wir hatten in den letzten Monaten Gelegen- hcit zu erfahren, wie selbst die patriotisch alldesttschen Krcuc Über die Fädigkeiten der Regierung denken. Der bekannte Dr. Wirth hat einem der maßgebendsten Manner des auswärtigen Amtes, der sich eben hier so angelegentlich unterhält, (gemeint ist Herr von Kiderlen-Wächter) die allerkrasicste Unwissen- heit vorgeworfen, und der konservative LcgationSrat a. D. vom Rat (Zurufe von den Nationalliberalen: Er ist Nationalliberal!'), also der Nationalliberale Herr vom Rat bat geradezu zer- schmetternde Vorwürfe gegen verschiedene Botschafter gerichtet, die an den wichtigsten Plätzen der Welt sitzen. Er hat behauptet, daß unsere diplomatiscken Vertreter in Petersburg und Tokio von dem Auöbruch des ruffisch-japanischen Kriegs vollständig überrascht wurden, und daß unser Botschafter in London vollkommen falsch über die Stimmung in England unterrichtet war und unterrichtet hat. Das bedeutet doch eine schwere Gefahr für die Sicherheit des Deutschen Reiches. Da muß jedenfalls in der Leitung unserer auswärtigen Politik Wandel geschaffen werden. Aber es handelt sich nicht mehr um die. Personenfrage allein, das ganze System ist vollkommen zusammen gebrochen. (Beifall bei den Soz.) Ich weiß nickt, ob der Reickskanzler ein Denkmal verdient, aber die Grundsätze einer vernünftigen Friedenspolitik, zn denen er sich in den letzten Tagen bekannt hat, begrüßen und unterstützen wir durchaus, aus dem einfachen Grunde, weil es unsere Grundsätze sind. Wir bähen nur daS Bedenken, daß der Reichskanzler nach diesem schönen Friedensprogramm nickt in allen Stadien der Affäre gebandelt hat. Der Reichskanzler möchte gerne hören, wie es besser gemacht werden kann, nun ich will es ibn: wiederholen: Einmal ist dem Reichskanzler nickt gelungen, aufzuklären, darum der „Pan.ber" nach Agadir geschickt ist, ein Abklatsch der Tangerfahrt, aber diesmal ohne jeden Kaiser. Warum mußten die friedlichen Verhandlungen mit Frankreich durch diese Sckiffs- fenbung unterbrochen werden? Wegen des Sckutzcs Deutscher Untertanen —, das glauben wir nicht. Wegen der paar Beamten der Mannesmann und anderer Firmen, die hin- geschickt sind nach Agadir mit dem Auftrage, Angst zu bekommen vor der Bevölkerung. (Heiterkeit.) Denn irgendwo deutsche Interessen militärischen Ähutz erforderten, bann wären e» doch die Häfen Casablanca, Mogabor gewesen, wo wirklich in größerer Zahl deutsche Niederlasiungcn sind. Hat aber bic Regierung nun einmal baS Schiff entfenbet, bann mußte sie in aller Ocffentlich- leit unb Offenheit die Motive klar legen. Sie butftc nicht Versteckens spielen, keine Geheimniskrämerei treiben unb burftc vor allem sich nicht gefallen lasten, die AuS Nutzung im alldeutschen Hetzsinne. DaS hat der Kanzler auch gestern nicht von seinen Rockschößcn abgeschüttelt. Bei der Geheimniskrämerei hat bic blutige Phantasie ber Artikelschrciber freies Spiel. Bamberger hat einmal gesagt: Die einzig wahre Kriegspartei der Welt sind doch die Journal i st e n (Heiterkeit.); sie sind bereit, mit der Feder in der Hand für das Vaterland zu sterben. (Heiterkeit.) Nur kleine Interessengruppen haben von einer Kriegshetze Vorteil. Die Massen wollen den Frieden, denn der wirtschaftliche Zusammenbruch nach einem Kriege wäre für den Sieger und den Besiegten gewiß. Die .Königsberger Volkszeitung", gegen die sich Dr. Wicmer gewendet hat, hat nur die geschichtliche Er- fahrung festgestellt, daß nur diejenigen Länder wirklich sicher sind gegen da» Ausland, die wirklich innere Freiheit haben. Königsberg liegt nun an der russischen Grenze. Dort kann man lernen, wie das inner-politische Elend auf die auswärtige Lage wirkt. Die russischen Soldaten sind von den Japanern nur besiegt worden, weil sie nicht wußten, für wen oder was sie kämpften. Herr Bassermann hat in seiner erstenRcde etwas mv lisch zu einer neuen Flotlenvorlage aufgeforbert. In seiner zweiten Rede hat er sich noch rasch aus ber Nachbarschaft bes Herrn v. Hcydebraud gerettet WaS das Gerede von den Kulturstaatcn auf sich hat, baS sieht man am Beispiel Italiens. Italien schickt ein Schiff voll Dirnen nach Afrika unb vollbringt an Frauen unb Kindern Taten, von benen sich die ganze zivilisierte Welt mit Abscheu wendet. Herr v. Heydebrand bat zur Einleitung der Wahlen versichert, daß unter Umständen feine Freunde auch bereit wären, eine Bcsitzstcucr zu gewähren. Ich nehme dankend davon Kennt- nie, daß nach dem Geständnis des Abg. v. Heydebrand bisher die Besitzenden noch nichts gezahlt haben. (Sehr gutI links.) Tas Versprechen vor den Wahlen, bic Besitzenden wollen auch etwas zahlen, genügt nicht. Tie Junker müssen auch schon noch versprechen, bag sie künftig nicht mehr die Landarbeiter, die Staatsarbeiter und die Staatsbeamten um ihr Koalitionsrecht bringen wollen, daß sie nicht mehr durch die Landrats- Politik jede Regung des freien Geistes niederhalten wollen, daß sie nicht mehr durch ihre Teuerungspolitik, durch ihre Hungerpolitik bad Volk zur Verzweiflung treiben wollen, daß sie das große Wahlunrecht in Preußen abschaffen wollen. Herr v. Heydebrand hat mit einem Zitat aus dem Befreiungsliebe geschlossen, .bas Schiller für bic Schweizer gedichtet hat, für den Befreiungskampf gegen den Landvogt, gegen den li anbrat. (Heiterkeit unb Sehr gut 1 links.) Wir wollen biefen Ruf aufnehmen im Kampfe gegen bic brutale Klassenherrschaft ber Junker. Wir wollen sie niederringen mit dem Ruf: Nichtswürdig die Nation, bic nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehret .(Lebhafter Beifall bei den Soz.), Abg. Graf v. Mielezynöki (Pole): Den Konservativen gegenüber variierte der Kanzler einen Heineschen Vers: Blamicr' mich nicht, mein schönes Kind unb schimpf m i ch nicht Unter ben Linden. (Heiterkeit.) Bis dann Bebel kam und mit seinem erfreulichen Temperament ein zweistündiges Gewitter brausen ließ — unb ber Reichskanzler war gerettet. (Heiterkeit.) Wir Polen hätten bei unserer Sonderstellung infolge der Polenpolitik eigentlich keinen Anlaß, in diese rein akademische Erörterung ein zu- greifen. Unsere prinzipielle Stellung in allen Fragen des Länder- erwerbs, ber Einmischung in fremde Affären, ist ja bekannt, Agadir ist alldeutsche Mache; der Krieg hing an einem Faden. Der Alldeutsche Verband hat geradezu gefähr- licke Artikel und Flugblätter geschrieben, besonders wirkte der bekannte Artikel in der „Post". Er. wurde zwar vom Chefredakteur und der Parte, verleugnet, aber noch 8 Tage lang brachte die „Post" Preßstimmen, die den Artikel billigten. Dieses chauvinistische nationalistische Schar,machertum will den Frieden weder im Auslände, noch im Inlands. Abg. Haußmann (Vp.)k Diese Novemberdebatte 1911 wird, wie die Novemberdebatte von vor genau drei Jahren, dem Reichstag ein historisches Gepräge geben und sie wird, wie jede wichtige Aussprache im Parlament, ihre reinigende straft nicht verfehlen. In solchen wichtigen kritischen Momenten, die mit einer Vater- ländi seheu Verständigung abschließen, kann die Debatte in boppcltem Stile geführt werden. Man kann versuchen, die eigenen Geschäftsführer herunterzuzichen, sie ber Unfähigkeit anklagen und muß bann aber damit auch eine TiskredAierung des eigenen Landes in den Kauf nehmen. Man konnte aber auch daran denken, daß jeder Vergleich Äonzestionen erfordert. Man konnte neben den Schattenseiten auch die Lichtseiten ins Auge fasten und bic Nebenwirkungen. Man konnte an die allgemeinen Auswirkungen wirtschaftlicher Verbesserungen denken, und die Marolkofragc ist doch eine Frage ber besseren Absatzgebiete. Es ist nicht gut, noch nach dem FrirdenSschluß mit dem Säbel zu rasseln. Man spricht von der Erregung b c 8 Volkes unb unserer Pflicht, ihr Ausdruck zu geben. Wir haben von unserem Fübrcr Richter gelernt, daß der Volkswille ein leitender Gedanke der Staatskunst sein muß, aber der Wille des Volkes wird nickt immer in Erregungszuständen vollkommen erkannt. (Sehr richtig! links.) Im Gegenteil, man bet die Pflicht, in E r - regungszu ständen kaltblütig zu bleiben, um den Willen des Bolle- in Wahrheit durchsetzen zu können. (Beifall links.) Es ist ein Verhängnis der rechten Seite des Hauses, daß sie in dieser historischen Tebatte ihren Standpunkt gewählt hat im heftigen Angriff gegen die Regierung, ausdrücklich als Kundgebung der Fraktion. Neben den Wirkungen. von denen ber Kanzler gesprochen hat, wird, fürchte ick, auch bic zu konstatieren fein, daß der Sprecher der Konservativen mitgewirkt bat an einer Zerrüttung des konservativen Gei st es in T eutsch- lanb. Herr von Hcybebrand, sonst Vertreter der Richtung, die in einem Uet ermaß von Kritil ein schweres Unrecht der Linken sieht, hat sich in einer Tadelsucht ergangen, die nicht davor zurückscheute, hier, wo to;r dem Auslände gegenüber sprechen, den Beweis für die Unfähigkeit unserer Geschäftsführer antreten zu wollen. Tas ist das Gegenteil von dem, was man eine Gtä :Iung der Autorität der Regierung nennt, eine Stärkung ber Rechte unb des .Einflusses de: Krone. Dus tji nicht Kritik, das ist Hcruntcrrcihcn. Die Regierung und ber Vertreter der Krone sind an geklagt der Friedensliebe. (Heiterkeit.) Da hat bann nur noch gefehlt, daß einer der Vertreter der Reckten — Herr Kreth soll c8 gewesen fein — als Wiemcr erklärte, es fei uncrtoünfdff daß sich bic Vorstellung feftfetze, daß eine Kr i cgSparte i mit dem Kronprinzen an der Spitze existiere, den Zwischenruf machte: Gott fei Dankl (Hort! Hört! links.) Wenn man, ww Herr v. Heydebrand e» getan bat, aufruft: dort sitzt der Feind, fo ist daS nicht die Sprache, die man hier gegen das Ausland führen soll, auch dann nicht, wenn man der Ansicht sein darf, daß England in dieser ganzen KnsiS nicht die von uns gewünschte Haltung eingenommen. Wenn man der Staatsmann ist, für den man von leinen Freunden gehalten wird, bann darf man nicht Worte gebrauchen, wir Herr v. Heydebrand in BreSlau, dann darf man nicht von Unverschämtheit sprechen. Wie darf man einem fremden Staatsmann Vorwürfe machen, wenn man sich selbst so maßlos ausdrückt l Der Kernpunkt des Angriffs gegen Lloyd George ist überhaupt falsch. Was wir vorwerfen, ist, daß Englano, daS durch staatsrechtlichen Vertrag 1901 förmlich verpflichtet ivar, Frankreich zu helfen, sich nicht auf diese vertragsmäßige Pflicht berufen, sondern eine Begründung gewählt bat, in ber es von sich aus ein diktatorisches Verbot ausgesprochen bat, wenn Deutschland sich an irgend einer Stelle niederlasten würde. TaS war daS Verletzende. Da» dürfen und muffen wir zurückwei'cn. Aber wir müssen uns auch zugleich verwahren, daß cs in Worten geschieht, die uns al» paffer füllte Feinde erscheinen lassen. Die amtliche „Westminster Gazette", hat ja in der letzten Zeit die Haltung de» Minister» selbst getadelt; daS macht das Voraiigegangenc nicht vergessen, muff aber bei der Abwägung bc5 ganzen in die Wagschale fallen als stille» Anerkenntnis einer zu schroffen Haltung. Herr von Heydebrand war gewöhnt, ber Regierung seinen ZBi n ,u diktieren. Darum war er über jede andere Meinung erbittert, daher die Fortsetzung seiner Desperadopolitik hier im Reichstage. Daher sein Angriff gegen Bethmann, der noch vor vier Wochen den Konservativen die wichtigsten Zusagen gemacht hat. Wir sind frei in ber Kritik, denn wir stehen in der Opposition gegen Bethmann, aber wenn Heydebrand, ehe der Hahn, zweimal gefrabt hat, dem Kanzler derart in den Rücken fällt wie gestern, bann ist das ein Schauspiel vor ganz Deutsch-' land, dos sich an der konservativen Partei noch scksiver rächen wird. (Zustimmung links.) Herr von Heydebrand ist aus» ganze gegangen, daS ist keine gute Führung. Nach den Wahlen wird er, tvohl nicht mehr zurückkehren, bann wirb man wohl sagen, baff er cm außerordentlich talentvoller Mann, aber ein schlechter Führer gewesen ist. (Sehr richtig! links.) Herr von Bethmann hat gestern dem Herrn von Heydebrand das SchwertauS dem Mu c geschlagen. (Lebhafter Beifall.) Er hat ihm vorgeworfen, daß er die deutschen Interessen schädigt. Mehr kann man nicht lagen.' (Zustimmung links.) Das GdHimmc aber ist, daß dieses Urteil gerecht ist. Alle großen Parteien sind einig darin, daß da» Verhalten deS Kronprinzen, daß dieser Weg eine 3er-; sctzung der ö ffentlichen Gewalten an der Spitze bedeuten würde. (Lebh. Beifall.) DaS Zentrum verfolgt den falschen Standpunkt: Haust du meinen Kanzler, bann hau ich deinen Kanzler. In der ganzen Marokkopolitik war früher die nervöse Hand de» Herrn von Holstein bemerkbar, diese» kleinen Tclcass^. Er ist zurückgetreten, und nur noch Maximilian Harden ist hereditär belastet. (Heiterkeit.) Aber keine Partei im Hause vertritt seine Ansichten. (Beifall.) Herr Bassermann weiß ja über Vergleiche unb Kompromisse Bescheid. (Heiterkeit.) Daher weiß er auch, daß das Vergnügen barüber schließlich nie ein reines ist. Aber falsch ist ec-, wenn bie Klientel auf bem Marktplätze über den Vergleich räfonniert, wenn die Gegenpartei noch zugegen ist und Freude darüber empfindet. Herr Frank hat sich unterstanden, die Angriffe Dr. WiemerS gegen die Massendemonstrationen „töricht" zu nennen. T-aS tut man nicht, baff man in gefährlichen Momenten die Einwohner eine» Lanbes erklären läßt, daß sie bei einem drohenden Kriege ben Gehorsam verweigern würben. (Lebhafter Beifall, Bebel ruft: Das verstehe ich nicht.) Das verstehen 5ic ganz gut, Herr Bebel, wenn Sie auch jetzt sehr erregt sind. Herr Frank hat behauptet, da» Wort: „Nichtswürdig bie Nation* usw. stamme von dem Freiheitsheldcn Wilhelm Teil. »Von wannen kommt dir diese Wissenschaft, du wunderbare» Mädchen?" TaS Zitat, das Tr. Frank erwähnt hat, stammt vom Bastard von Orleans. Wir dürfen das, was an Frankreich gegeben worden ist, nicht herabsctzen, obwohl das Land tatsächlich schon unter französischem Protektorat steht. Herrn Bassermann danke ich, baff et klar gesprochen hat, baff feine Partei einen Krieg wegen Marokko will. (Beifall.) Schmerzlich bedauere ich, daß die französischen Gesellschaften mit ihren Rechten nicht ab- gcloü unb auf dem französischen Kongo übernommen worden sind. Tie Regierung wird mit der Mißwirtschaft dieser Gesellschaften gehörig auf räumen müssen. Das Resultat: Teutschrand' hak iv i r t s ch a f kl ich L Vorteile erreicht. Wir haben das Recht, gemeinsam zu bedauern, baff es nicht mehr sinb. Aber die Haltung Deutschlands mar niemals schwächlich. Nicht aus Schwäche haben wir diesen Weg cingcschlagcn. Tic Friedensliebe Deutschlands hat sich wieder glänzend bewiesen. Ta» ist keine falsche Politik, wie bie Konservativen behaupten, sondern die einzig gangbare. Wir freuen uns, baff ber Reichskanzler den vorliegenden Anträgen nicht widersprochen hat (Zuruf im Zentrum: Kommt noch!) Tas bedeutet eine Verminderung ber Spannung, denn eS fambclt sich in diesem Punkt nicht um theoretische Rechthabereien, sondern um wichtige Existenzfragen bcS Volkes. Gerade in einem solchen Fall muff bic Regierung eigentlich wünschen, baff eine Mehrheit der Volksvertretung die Mitverantwortlichkeit übernimmt. Tann würde in diesem Hau» eine größere Vorsicht in den Heuffcrungen fein. Auch für bie Krone wäre e5 burchau» erwünscht, bann würde die Verstimmung nicht auf bic Krone zurückfallen. Im staatSerhaltenben Ginne also hoffe ich, baff wir in der Kommission einen Schritt weiter machen zu einer größeren Einheitlichkeit im deutschen Volke, bie getragen werden kann von einer Politik der Reichsregierung, die nicht nur die Heißblütigen, sondern auch die Kaltblütigen hinter sich hat. (Beifall links.), Abg. v. Siebert (Rp.)k Der Abgeordnete Schultz hat gestern den GtanbfmnTf der Reich^partei vertreten. Ich werde einen allgemeineren Standpunkt einnehmen, den nationalen Standpunkt. Da» Wort, baff wir nicht für uns selbst leben, sondern für ganz Europa, gilt nicht mehr jetzt iu der Zeit des Rauhzuges gegen Tripolis. Vizepräsident Schultz bitte! den Redner, sich zu mäßigen. Abg. v. Liebert bespricht die Marokkofrage unb bedauert, ba§ Deutschland einen absoluten Verzicht auf irgend eine politische Betätigung in Marokko au-gesprochen habe. Bei einem solchen Verzicht kann man bie Folgen nicht uberjchen,^.ir Haben Frank- teid) einen außerörbenkkich großen Machtzuwachs verschafft, und' der könnte sich einmal gegen uns selbst richten. In diesem Sinne bespricht der Redner die „schwarze Gefahr". Bataillon- weise werden die kriegerischen und intelligenten Negerstämme am Senegal schon militärisch ausgebildet. Das wird in größerem Maßstabe geschehen. Welch eine Panik würde es Hervorrufen, wenn plötzlich diese schwarzen Horden von Mülhausen nach Deutschland losgelassen würden. Das Marokkoabkommen bedeutet tatsächlich eine Machtfrage. . Es handelt sich um die nationale Existenz und das Selbst- bestimmungdrecht Deutschlands. England und Frankreich wollen uns einengen, aber die Geduld Deutschlands wird einmal reißen. Es ist hoffentlich das letzte Mal, daß wir in dieser Weise nachgegeben haben. Was die Neuerwerbungen anlangt, so habe ich dagegen gekämpft in Wort und Schrift, aber nun, wo wir den Zuwachs haben, sollen wir ihn nicht schlecht machen. Besitz ist Besitz und hat immer Wert. Sehr wichtig wird es sein, wie wir uns Spanien gegenüber stellen. In irgendwelche Beziehungen müssen wir zu Spanisch-Grünea kommen, wenn nicht durch Staatsvertrag, dann mindestens durch Zollvertrag. Auf die Einhaltung der uns gegenüber garantierten Freiheiten werden wir dringen müssen. Daß Deutsche aus den französischen Kolonien herausgewimmelt und herausgegrault werden, ist Erfahrungsta'sache. Das letzte Wort in den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland ist noch nicht gesprochen. Die Reibungen werden leider wieder beginnen, wenn die französischen Behörden sich in Marokko eingerichtet haben und Die deutschen Händler dann kommen werden. Ich hoffe aber, daß Deutschland auf seinen Schein be- ftehen, daß es fidi durch alle Schwierigkeiten durchsetzen und einen großen Weg durch die Weltgeschichte weitergehen wird. ^(Beifall.) Staatssekretär des Auswärtigen v. Kiderlen-Wächter: Es besteht ein Krieg zw'schen einer uns verbündeten Großmacht und einer uns befreundeten Großmacht. Wir können diesen Krieg bedauern, es steht uns aber nicht zu, eine Kritik über den Anlaß und die Gründe dieses Krieges auszusprechen. Dem Abgeordneten von Liebert hat es gefallen, diesen Krieg als einen „Raubzug" zu bezeichnen, der Präsident hat diesen Ausdruck bereits gerügt; ich sehe mich aber genötigt (mit erhobener Stimme), im Namen der kaiserlichen Regierung hier noch ausdrücklich und energisch diesen Ausdruck zurückzuweisen. .(Beifall und Bravorufe von den Tribünen.) Die Kommission wird noch Gelegenheit bieten, auf einzelne Punkte einzugehen. Ich will nur das richtigstellen, was Herr von Liebert über die afrikanischen Truppen gesagt hat. Er hat soeben wieder das Gespenst der afrikanischen Truppen vorgeführt, die über Deutschland losgelassen werden könnten. Das hat mich ganz besonders gewundert, weil Herr von Liebert die Kriegsjahre 1870/71 herangezogen hat, das hat mich besonders gewundert im Munde eines Herrn, der Soldat ist. Denn er mutz doch ganz genau wissen, wie es 1870/71 mit den Truppen aus Afrika stand. Alle Truppen, die man aus Afrika Herkommen ließ, machten insgesamt nur 19 000 Mann aus (Hört! Hört!), dabei standen in Algier 60 000 Franzosen, um dort Ordnung zu halten, und so wird es künftig auch sein. Nun mutz ich noch zur Ehre unserer Vertreter im A u s l a n d e ein Wort sagen. Es ist beliebt worden, in der Presse und auch hier auf der Tribüne des Reichstags, ohne jeden Grund und ohne jede Kenntnis der Sache zu behaupten, unsere Herren im Auslande seien nicht informiert. Und was das allermerkwürdigste ist, die Herren, die immer sagen, unsere Diplomatie tauge nichts, führen als Kronzeugen, als Evangelium, die Aeutzerungen der jungen Herren an, die nach recht kurzer Zeit unseren Dienst wieder verlaßen haben — und nicht gerade^ weil sie sich gut informiert haben. .(Große Heiterkeit.^ Abg. Erzbergcr (Zentr.)r zv Der Vorredner aus dem Hause hat das Marokköabkömmen sehr stark kritisiert und lobt das Kongoabkommen. Die meisten ,anderen Redner haben es entgegengesetzt gemacht. Ich stehe in der Mitte zwischen beiden. (Heiterkeit.) Ich will weder das eine zu viel loben, noch das andere zu viel tadeln. Wer die Marokkopolitik von 1904 hier verteidigt, darf den Abschluß von 1911 nicht tadeln, denn er ist nur die konsequente Fortsetzung dessen, was der Reichstag von jeher einmütig vertreten hat. Der Ver- Irag 1911 ist lediglich ein Kommentar, die Ausführung des Vertrags 1909. Nun wird gefragt: wo ist die Souveränität des 'Sultans? Ich frage dagegen: wo war sie denn früher? War chas Souveränität? Das war der große Irrtum der ^Algecirasakte. Wie lange sollte denn Marokko als Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich hin und her geworfen ^werden? 1905 war allerdings Gelegenheit, ein Stück Marokko zu bekommen. Die Mitteilungen der „Täglichen Rundschau" .hierüber sind nach meinen Informationen ganz zutreffend. Der Staatssekretär wird uns in der Kommission nähere Auskunft darüber geben müßen, warum man damals auf das Anerbieten Rouviers nicht eingegangen ist. Damals hat man es sogar direkt abgelehnt, mit Frankreich zu verhandeln. Jedenfalls sind diese ,fünf Jahre nichts als die Folgen von Algeciras. Was sollte denn eigentlich anderes als Ählutzakkord der ganzen Disharmonie geliefert werden können? Südmarokko? Ja, wo bleibt da die Souveränität? Auch Herr Frank hat keine Vorschläge gemacht. Der einfache Mann aus dem Volke sagt sich: Was haben wir mit dem stärksten Heere, mit der großen Flotte erreicht? Alle anderen Staaten haben was bekommen, nur wir nicht! Darauf ist die Mißstimmung zurückzuführen. Die Regierung hat Fehler gemacht, hat denn der Reichstag in diesen drei Tagen alles tadellos gemacht? (Heiterkeit.) In England muß Erziehungsarbeit geleistet werden; man muß dort einsehen, daß der Deutsche da ist und da bleibt und nicht mehr in die ehemalige politische Ohnmacht wieder zurückfallen will. Die Zukunft Deuschlands ist durch Jeinen Geist und seine Energie garantiert, aber die deutsche auswärtige Politik hat sie zu föroern, und dazu darf man nicht rechts und links durch die ganze Welt tanzen, wie es unsere Diplomatie gemacht hat. Das sage ich nicht als Reichspreß- dczernent, wozu mich Herr Wiemer machen will, dazu habe ich keine Befähigung; dagegen wäre Herr Wiemer der geeignete Mann .für die Besetzung der Stelle des unabhängigen Sultans in Süd- jmarollo. (Heiterkeit.) Der Redner wendet sich gegen den Abg. s Frank, der in der bekannten Uebertreibung als Vertreter der ganzen Arbeiterschaft sich aufgespielt habe. Weiß Herr Frank jnicht, daß die Organisation von 1% Million christlicher Arbeiter «Stellung gegen die Haltung der Sozialdemokratie in der Marokkofrage genommen hat? (Sehr wahr! Unruhe der Soz.) Die christlichen Arbeiter haben auch schon eine sehr heilsame Wirkung auf die Sozialdemokraten geübt. Der Redner bespricht die Abkommen. Man soll Marokko nicht als das verschwundene Paradies und Kongo nicht als die Hölle behandeln. Frankreich nahm die Kongokolonie nicht ernstlich in Verwaltung, >weil man nichts davon hielt. Aber Kamerunkenner, wie Herr Won Puttiamer und Emil Zimmermann, glauben wenigstens an .Entwicklungsmöglichkeiten. Warten wir ab! Jedenfalls darf die europäische Kontinentalpolitik nicht auf Afrika übertragen wer- den. Die Weiße Raße mutz gemeinsam Vorgehen. Von allen Vorschlägen, die im Hause gemacht wurden, ist Das Marokkoabtommen immer noch das beste. (Hört! Hört! und .Rufe: Na alsol)^ Abg. Bebel (Soz.)k AvJ® rnn ^.r Eiberger foen letzten Satz seiner Rede an die Spitze seiner Ausführungen gestellt hätte, hätte er sich alles an- dere ersparen können. (Zustimmung.) Nach seiner Rede ist man .so rtug wie zuvor. Ich habe eine ziemlich lange parlamentarische ^rfabcung, aber keine Debatte hat mir so viel Vergnügen ge° A kw diese. Rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht. Da D u eil B e ich m a nn,Hehdebrand war einfach nicht zu bezahlen. Alle Parteien haben auf England losgeschlagen. ^Das^ machen wir nicht mit. Wir sind stets für ein freundliches Zusammengehen mit England eingetreten. Es gibt gar keinen ernsthaften Grund, mit England in Feindschaft zu leben. England ist uns auch nicht entgegengetreten. (Gelächter rechts und im Zentrum.) Wo denn? (Zuruf: Ueberall!) Das sind Redensarten, einen Beweis können Sie nicht anführen. Bei England genießen wir die größten Vorteile, weil wir unsere Waren zollfrei einführen können. Welchen Schaden würden wir erleiden, wenn England den Schutzzoll einführen würde! Aber Herr Stresemann und Genossen, das sind die besten Agitatoren, um England zu einer solchen Maßnahme zu veranlaßen. Bebel wendet sich sodann gegen die Bemerkungen Wiemers und auch Erzbergers über die Massen st reikabsichten der Sozialdemokratie für den Fall eines Krieges. Der Empfang der englischen Arbeiterdeputation wurde von der Regierung wider unser Erwarten trotz der Hetzereien der Alldeutschen nicht verhindert. Ick bin überzeugt, daß unsere Friedensdemonstration der Regierung außerordentlich gelegen kam, weil sie darin eine Stütze fand gegen die allgemeine Hetze. (Zuruf vom Zentrum: Bestellte Arbeit. Gegenruf der Sozialdemokraten: Auf Bestellung wird bei uns nicht gearbeitet.— Heiterkeit.) Man hat die Maßenstreikrede des Genossen Däumia in der Berliner Versammlung gegen uns verwandt, der „Vorwärts" habe dafür propagiert. Das ist eine leichtfertige Behauptung von Erzberger; der „Vorwärts" hat sich durchaus reserviert verhalten, weil die Anschauungen Däumigs nicht die der Partei sind. Der Ausschuß der christlichen Arbeiterpartei hat seinen Beschluß gegen die Sozialdemokratie gefaßt, weil man ihm die Däumigsche Rede als allgemeine Anschauung der Partei hinstellte. Das war ein Lufthieb. Hätte der „Vorwärts" das propagiert, dann wäre § 112 des Strafgesetzbuches in Anwendung gekommen wegen Aufreizung von Personen des Soldaten- und Beurlaubtenstandes zum Ungehorsam. Es wäre eine Pflichtvergessenheit des Staatsanwalts, wenn er diesen Paragraphen nickt zur Anwendung gebracht hätte. (Hört! Hört! und Heiterkeit.) Die Rede Däumigs hat eine große Hetze gegen die ganze sozia.demokratische Partei zur Folge gehabt, und da habe ich auf dem Parteitag in Jena den Ochsen bei den Hörnern genommen. Die deutsche Sozialdemokratie hat auf den internationalen Kongressen von jeher erklärt: auf Massenstreik für den Fall eines Krieges lassen wir uns nicht ein, und deshalb kam es zu der Stuttgarter Resolution, daß jede Nationalität mit den ihr am wirksamsten erscheinenden Mitteln sich gegen den Ausbruch des Krieges erklären sollte. Ich habe es nicht für möglich gehalten, daß ein so mit den Verhältnissen und Beschlüßen der Sozialdemokratie vertrauter Abgeordneter wie Erzberger — von Wiemer und Haußmann wundert es mich nicht. (Große Unruhe bei den Freisinnigen. Die Sozialdemokraten und Freisinnigen schreien einander an; es hat fast den Anschein, daß es zum Handgemenge kommen soll. Dr. Mugdan ruft: Diese Liebe fürs Zentrum! Bebel: Ihr habt ja hier 10 Jahre lang mit dem Zentrum gemogelt! — Große Heiterkeit.) Wer nunmehr, nachdem ick die Sache vor- dem Reichstag und der Nation richtiggestellt yabe, draußen im Wahlkampf die Behauptung wiederholt, der ist ein Verleumder. Abg. Dr. Mugdan (Dp.) Leider sind die Ausführungen Bebels für mich in keiner Weise beweiskräftig, selbstverständlich, die Partei als solche will den Massenstreik nicht, und der Parteitag hat erklärt, Generalstreik ist Unsinn, aber deswegen bleibt es bestehen, daß in einer Zeit, in der zwischen Deutschland und Frankreich eine schwieriK Verhandlung vor sich ging, die sozialdemokratische Partei durch die Protestresolution die Stellung Deutschlands geschwächt hat. Jetzt ist es leicht, über den Redakteur Däumig den Stab zu brechen. In dem Görlitzer sozialdemokratischen Blatt hieß es: Die Morgenröte einer neuen Freiheit sei angebrochen. Da wurde all der Unsinn aus jener Versammlung als Meisterstück ausgegeben. Bebel ist gewiß klug genug, um eingesehen zu haben, daß das seiner Partei den empfindlichsten Schaden zufügen muß, daher war seine Erklärung in Jöna selbstverständlich. Aber in den Versammlungen haben sie bei den Massen unbedingt den Glauben erweckt, daß das Proletariat in der Lage ist, durch Massenstreik einen Krieg zu verhindern. (Große Unruhe der Sozialdemokraten. Sie springen von den Plätzen und rufen dem Dr. Mugdan andauern o das Wort: Lüge, Unwahrheit zu. Bebel ruft immer wieder: Sie sagen die Unwahrheit!) Präsident Graf Schwerin rügt die Unterbrechungen und bittet Dr. Mugdan, der unten am Fuße der Treppe, mitten unter den Sozialdemokraten, sprach, feinen Platz auf der Rednertribüne einzunehmen. Abg. Dr. Mugdan macht in diesem Sinne weitere Ausführungen gegen die Sozialdemokratie. (Abg. Dr. Südekum ruft: Laßen Sie das doch, die Konservativen stimmen in Görlitz doch nicht für Sie.) In einem halben Dutzend französischer Blätter war damals zu lesen: was sollen wir uns um Deutschland kümmern! In Deutschland gibt es eine Partei von 3y2 Millionen, die hat erklärt, daß ihr Marokko gleich ist und sie den Krieg verhindern will. (Entrüstete Rufe der Soz.: Welche Zeitungen?) „Matin", „Journal", alle möglichen. Daher hat Dr. Wiemer vollständig recht, wenn er behauptet, durch jene Versammlungen ist der Frieden gestört worden. Denn wenn die französische Regierung auch so dumm gewesen wäre (Abg. Dr. David ruft: Wie Sie — Große Heiterkeit) und hätte den Versammlungen den Wert beigemessen, wie die Sozialdemokraten, dann wäre es vielleicht zum Kriege gekommen. Ich habe es von Anfang an für nichts als große Prahlerei gehalten, und nachdem der italienisch-türkische Feldzug unter dem jubelnden Beifall des italienischen Proletariats eingeleitet ist, muß ich über diese Dinge wirklich lächeln. Weder der Staatssekretär des Auswärtigen noch der Reichskanzler haben es in den letzten Tagen verstanden, das mangelnde Vertrauen des deutschen Volkes zu heben. Das ist, das Bedauerliche in diesen Verhandlungen gewesen, daß sich in ihnen eine Mißachtung des deutschen Parlaments ausgesprochen hat, wie sie unerhört ist. Ja, wenn die Leiter unserer auswärtigen Politik so außerordentlich fähige Personen waren. Aber nach den Erfahrungen, die ich in meinem parlamentarischen Leben gemacht habe (Dr. Südekum ruft: In Ihrem kurzen!) — erst abwarten! — habe ich diese Ueberzeugung nicht und zu dem schulmeisterlichen Ton, mit dem der Staatssekretär dem Reichstag vorwarf, daß man wage, die Diplomatie anzugreifen, hat er wahrhaftig nicht die geringste Veranlassung. Will er etwa leugnen, daß die deutsche Diplomatie weder etwas gewußt hat vom Ausbruch des russisch-japanischen Krieges, daß wir auch vollständig überrascht sind vom türkisch-italienischen Krieg? Will er leugnen, daß unser Botschafter in London die Geschäfte recht merkwürdig geführt haben muß, da doch sonst alle Diese Verwicklungen nicht hätten Vorkommen können? Sonst wäre ja die Rede von Llohd George absolut unerklärlich, die er, wie ja jetzt feststeht, im Auftrage des Ministeriums gehalten hat, wenn der deutsche Botschafter die Fähigkeiten gehabt hätte, die ich von einem Botschafter verlange. Die Rede des Herrn v. Kiderlen-Wächter wird das Haus nicht überzeugen, daß in unserer Diplomatie alles so ist, wie es sein soll. Und der Reichskanzler: ich habe mit dem Reichstage nichts zu tun, ich wohne in den Wolken! Es könnte doch einmal eine Zeit kommen, wo es beiden Herren ganz angenehm wäre, wenn sie im Reichstage sich auf irgendeine Gruppe stützen könnten, und ich habe die feste Ueberzeugung, in dem Kampf zwischen Reichstag und Regierung siegt der Reichstag, denn in allen Ländern der Welt hat in solchen Fällen das Parlament gesiegt. Ist es nun wahr ober nicht, daß Vertreter der Preße im Juli vom Auswärtigen Amt empfangen sind und in den Glauben versetzt werden mußten, daß es sich bei Marokko um etwas ganz anderes handelte? Darüber muß Auskunft gegebeft werden. Der Staatssekretär und Der Reichskanzler haben gesprochen, aber dieser Punkt ist ausgeblieben. Unsere auswärtige Politik wird solange nicht genügen, solange auf der einen Seite die Regierung und auf der anderen der Reichstag steht. Gute mit „Nein" antworten $ie heutig Man hat uns borgeworfen, das Auswärtige Amt hätte Pressevertreter dahin instruiert, daß wir in Marokko Land erwerben wollen. Davon ist absolut fein Wort wahr. (Hört! hört! bei Den Soz.) Es ist weder von mir, noch von irgend einem Beamten des Auswärtigen Amtes jemals einem einzelnen Pressevertreter oder einer Versammlung von Preßevertretern etwas derartiges gesagt worden. Der Abg. Bebel hat diesen Vor- Wurf zuerst erwähnt. Ich hätte ihm gleich ____... können. Ich habe eS aber deshalb nicht getan, weil ich erst einmal der Sache nachgehen wollte, wo denn dieses Gerücht immer her- kommt. Eine Versammlung von 50 Pressevertretern, von der gesprochen worden ist, konnte im Auswärtigen Amt nicht stattfinden, wir halten keine kleinen Preßekongreße dort ab. Es hat aber tatsächlich eine Versammlung stattgefunden, wo etwa 50 93 er» auswärtige Politik kann nur getrieben werden, wenn Regierung und Volksvertretung zusammengehen, wenn die Regierung das Vertrauen Der Volksvertretung hat. (Beifall links.) Staatssekretär des Auswärtigen Amts b. Kiderlen-Wächter: fit. t-r ®id), ° tMz-Wla Ws 0ie.. sKs Die C «0 .MAnsang iva fc? ’Mteä Ä, Mj dm Ws S*ff* M WÄ Neff'8 * ÄW MQnJeA3 hma eine? -r im Tneue y^nbtot ^Mer Mr nn,7Jln0t, £ ; ? »ft N," N fr, »II freier Der Presse teils alldeutscher Richtung bei- fammen waren; diese haben allerdings unter s i ch die An- nektion von Marokko beschlossen. (Große allseitige Heiterkeit.) Ich gebe zu: in unverbindlicher Weise. (Erneute allseitige Heiterkeit.) Wir haben aber das einzige getan, was wir. tun konnten, wir haben einen Beamten zu den Hauptmata- doren geschickt und ihnen sagen laßen: seien Sie vorsichtig, Sie allein werden es nicht machen können (Heiterkeit), und die Regierung steht nicht hinter Ihnen. Damit ist die Sache wohl genügend aufgeklärt. Abg. Erzberger (Zentr.):i Der Abg. Bebel hat mir leichtfertige Behauptung vorgeworfen, weil ich gesagt habe, daß Die deutsche Sozialdemokratie im Fall eines Krieges mit dem Massenstreik gedroht habe. Ich werde das beweisen und verlange von der Anständigkeit des Abg. Bebel, daß er dann seinen Vorwurf zurücknimmt. Ich berufe mich aus Den „Vorwärts". Danach ist in einer Versammlung in Der kritischen Zeit des August gesagt worden: Unsere Anhänger sind genug geschult, um im Falle des Krieges die richtige Lösung zu finden. Mit platonischen Erklärungen kommen wir nicht davon. Die Frage des politischen Massenstreiks erscheint in neuer Be- leuchtung. Wir müßen alle möglichen außerordentlichen Kampfmittel anwenden. (Hört! Hört!) Im Anschluß daran hat der „Vorwärts" erklärt: „Das ist Die Meinung der deutschen Sozialdemokratie." (Lebhaftes Hört! Hört!) Wie kommt Da Der Abg. Bebel dazu, mir leichtfertige Behauptungen vorzuwerfen. (Abg. Bebel: Ich bleibe Dabei!) Ja, Dann hört jede Diskussion mit Ihnen auf. Sie müßen mit Ihren scharfen Angriffen etwas vorsichtiger sein. Auch Die eineinviertel Million nationale Arbeiter hat sich gegen Das Spiel mit Dem Maßenstreik im Falle des Krieges seitens Der Sozialdemokratie gewendet. Dafür hat sie Der „Vorwärts" mit „Schwefelbande" bezeichnet. (Hört! Hört!) Kurz, Die Sozialdemokratie bat also erklärt, daß Mittel der Tat notwendig seien. (Bebel: Welche Mittel?) Ja, das weiß ich nicht. (Bebel: Das müßen Sie doch wissen, wenn Sie das so behaupten!) Ick halte mich an den „Vorwärts", Abg. Fischer (Soz.):' Es ist eine interessante Erscheinung, daß ein Mitglied deS christlichen Zentrums gegen uns Anklage erhebt, weil wir für Den Frieden eingetreten sind. (Gelächter im Zentrum.) Wir haben innerhalb der Grenzen der bestehenden Gesetze Protest erhoben. Wenn Sie überall unserer Meinung wären. Dann gäbe es keinen Krieg mehr. Stattdessen aber segnet der Gefangene im Vatikan die italienische Armee, die nach Afrika zieht. Das ist christliche Heuchelei. (Gelächter im Zentrum.) Es ist kein Zufall, daß die Marokkodebatte in eine Sozialistendebatte ausläuft. Herr Erzberger und Dr. Mugdan haben hochnäsig auf die Bedeutungslosigkeit Der Sozialdemokratie hingewiesen. Leugnen Sie es doch nicht, Sie stehen alle unter dem Banne Der sozialdemokratischen Bewegung. Ihr Denken und Fühlen hängt nur daran. Es ist eine Ironie der Weltgeschichte, daß sich gerade in diesem Marokko- falle Die Regierung auf die große und starke Sozialdemokratie stützen mußte, um den Frieden zu wahren. (Gelächter.) Der Vorsitzende des Reichsverbandes gegen Die Sozialdemokratie und sein freisinniger Gesinnungsgenosse, Dr. Mugdan, haben hier Verleumdungen gegen uns verbreitet. (Unruhe. Vizepräsident Schultz rügt den Ausdruck.) Sie haben Verleumdungen wiederholt, die außerhalb des Hauses verbreitet wurden. (Vizepräsident Schultz: In Dem Zusammenhang, in Dem Sie sprachen, lag Der Eventualdolus der Bewußtseins, daß Sie ein Mitglied des Hauses meinten.) Herr Erzberger bat auf eine Rede des Genoßen Däumig hingewicsen und behauptet, dieser habe aufgefordert, Dem Mobilmachungsbefehl keine Folge zu leisten und ihn mit dem Massenstreik zu beantworten. Davon steht kein Wort in der Rede. (Widerspruch Erzbergers.) Man sieht an Erzbergers Behauptung, tote leichtfertig er handelt. (Vizepräs ident Schultz: Ich möchte um etwas liebenswürdigere Form bitten.) Schön, also wie leichten Herzens er vorgeht. Kein Blatt unserer Partei hat Den Standpunkt Däumigs verteidigt. Er hat allein für sich gesprochen. Es können doch in unserer Partei verschiedene Meinungen Vorkommen. Es kann auch einmal iemand eine Meinung äußern, die mit Der Parteimeinung im Widerspruch steht. Schließlich können wir doch nicht ^erlangen, daß alle Esel bei Ihnen im Zentrum organisiert sind. (Heiterkeit.) Und selbst, wenn Däumig, was man aus seinen Worten nicht herauslesen kann, aufgefordert hätte, dem Mobilmachungsbefehl nicht Folge zu leisten und den Massenstreik zu machen, was beweist denn das alles gegenüber dem ganz anders lautenden Parteitagsbeschluß in Jena. Vizepräsident Schultz.» Ich mache darauf aufmerksam, daß das Marokkoabkommen zur Debatte steht. (Lebh. Sehr richtig!) Ich bitte doch die Herren, sich kürzer zu saßen. Abg. Erzberger (Zentr.)k Was ich behauptet habe, halte ich aufrecht. Als ich hörte, daß Herr Fischer mir erwidern will, erinnerte ich mich an einen auf dem Jenaer Parteitag gesprochenen Satz: Das ist Fischer, wie er leibt und lebt, der mit großen RückzugSkanonaden eine verlorene Schlacht maskieren will. Damit schließt die Debatte. Es folgen persönliche Bemerkungen. Abg. von Liebert (Rp.): Dem Staatssekretär muß ich erwidern: Ich habe als alter Soldat bei Weißenburg und Wörth gegen die Turkos gefochten und habe sie als beachtenswerte Gegner kennen gelernt. Die Ausführungen des Staatssekretärs können für die heutigen Verhältnisse nicht gelten. Seit 1870 sind 40 Jahre vergangen, Frankreich hat eine ganz neue militärische Organisation bekommen. Da- mals hatte es 300 000 Soldaten, heute 4% Millionen. (Hört! hört!) Abg. Dr. Wiemer (Vp.):' Der Abgeordnete Erzberger hat mir den Posten eines Sultans von Südmarokko angeboten. Ich danke ihm verbindlichst für Die große Liebenswürdigkeit. Ich erkenne sie um so mehr an, als Der Abg. Erzberger zweifellos ein Vorrecht auf solche Posten als Herrscher Der Schwarzen in Deutschland besitzt. (Große Heiterkeit.) Das Haus vertagt sich. Die Abkommen mit den dazu gestellten Anträgen gehen an Die Budgetkommmission. Montag 2 Uhr: Sozialdemokratische Interpellation über Die Entlassung von Eisenbahnarbeitern, Ausgabe kleiner Aktien. " . Schluß 5% Uhr. Lin Rußland hat xKK Krund zu dibsM !^ch?Ationalit rigfeiten machen, in Persien an, c 1907 England gni anerkannt haben, recht" nicht nur über persliche zinanzbeirat M Mes" auch dm Rußland oft leite schäft," so meinte in Jspahan iW nun Toman et schuldet. Sie!ve unterdrücken köm Finanzinteressen In dem Str drohung geführt Zchua es Sulla: das von der pe sollte, indem fick hatten. Wir er! Petersbu graphenagenlur Morgan Shustei Deschlagnah Untertanen Prinzen Sch fchcchs, zu eil GeneraUon setzung des hau entsandte rwns tollten. 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