Nr.2l»6 Dritter vlatt 161. Jahrgang Samstag, 11. November Wil tr1d)etnt klgllch mit UtiSnafime de- Sonntag». Lt« ..Wietzener LamiUendlLNer" werden dem „Anzeiger* etermal wöchentlich beigelegt. da» „Mreisblati fli Hl Kreti Wietzen" ireeimal wöchentlich. Die ..Landvirklchastlichen Lett- fragen" erscheinen monatlich grocimaL Giehener Anzeiger General-Anzeiger für Gberhefsen Rotattonsdruck und vertag der vrüblichen Universität»»Buch- und Sretndruckeret. 9t. Lange, Dietzen. Redaktion, Expedition und T1 ruderet: 6djul- (traue 7. Expedition und Verlag: 5L Redaktion:«^ 112. TeU-Adr- AnzelgerDietzen. Mb. Deutscher Reichstag. 202. Sitzung. Freitag, den 10. November. Am kische des BundeöratS: v. Dethmann Holl weg. d. Kiderlen-Wächter, Solf. die anderen RessorlchejS der Reichsämter und die BundeSbcvollmächtigten. Die Tribünen find bi» auf den letzten Platz gefüllt, da» HauS ist stark besetzt. * Präsident Graf Schwerin.Löwitz eröffnet die Sitzuna um 1 Uhr 15 Min. Die ITlarokko- und Kongo*Abkommen. Broeiter Tag der Besprechung. Abg. Dr. Wiemer (93t).): Tie gestrige Verhandlung klang aus mit dem Appell Basier- tnannfl, für die Ehre und das Anseyen des Vaterlandes mit aller Entschiedenheit einzutreten. Wir tun baß. getreu dem Wort eineß Fortschrittsrnanneß, daß unser Herz immer da steht, wo unsere Fahnen wehen. Aber wir sind mit dem ReichStauzler einoer. standen, daß mit überhitzter Chauvinisterei, mit Säbelrasseln dem deutschen Interesse nicht gedient ist. Erne solche Sprache ist >m Reichstag nicht am Platz. Wenn wir mehr Einfluß in der auswärtigen Politik verlangen, dann muffen die Verhandlungen mit ernster Ruhe und 5Harf)cit und Sachlichkeit geführt werden. Auch die Nähe der Wahlen kann m dem Reichstage eine chauvinistische Sprache nicht entschuldigen und Drohungen gegen andere Mächte, wie eß gestern zu meinem Bedauern Herr von Heydebrand am Schluß seiner Rede getan hat. (Große Unruhe.) Tie konservative Partei hat kein Monopol auf daß Tichicrwort: Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre; daß ist Gemeingut de» ganzen Volkes. (Sehr richtig! liiiks.) Herr vonHeydebrand hat gestern erklärt, daß seine Freunde bereit seien, mit Gut und Blut iur daß Vaterland einzutreien und auch Lpfer zu bringen. Tiefe Versicherung will ich nicht in Frage stellen. Aber warum sind ähnliche Erklärungen nicht jjor zwei Jahren bei der Reiä)ßfinanzreform abgegeben worden? (Sehr gutl linkß.) Ich weiß nicht, ob Herr von Heydebrand darauf hat hin- deuten wollen, daß die Konservativen bei der jetzigen Regierung für die Erbschaftssteuer eintreten wollen. (Lebhafte Ruse rechts: Nein! — Ahal links.) Ich habe nichts anderes erwartet. Ich richte weiter an Sie die Frage, werden Sie denn in Zukunft für eine RcichSvkrmögenßsteuer eintreten? (Rufe rechts: Kotie- rungSsteuerl) Wenn die konservative Partei bezüglich des Opfer- bringens eine ähnliche Stellung vor zwei Jahren eingenommen hätte, wäre manches anders gekommen und dem deutschen Volke wäre Unheil erspart worden, baß jetzt über baß ganze Land ge. kommen ist. Eß ist Pflicht, auch auf bem Gebiete der auswärtigen Politik, an der Haltung bet Regierung eine scharfe Kritik zu üben, wenn Anlaß zur Kritik gegeben ist und die Zeit dazu gekommen ist. Während der Verhandlungen wegen Marokko haben meine politischen Freunde Zurückhaltung geübt. Wir sind immer bereit und halten unß verpflichtet, die auswärtige Politik der Regierung zu unterstützen, vorausgesetzt, daß wir sie für richtig halten. Diese Pflicht werben wir auch jetzt erfüllen. Ter Marokkohandel hat manche unerfreuliche Erschei- nungen gezeigt. Den Hauptfehler sehen wir in der Entsendung deß .Panther" nach Agadir. Herr Basiermann meint, sie habe einen Jubel der Zustimmung im Volke hervorgerufen. Bei einem großen Teil meiner Freunde war die Zustimmung nicht so groß. (Zustimmung und Lachen.) Der Reichskanzler hat sich gestern mit vollem Recht absprechend über die bekannte Versammlung der Alldeutschen geäußert, aber trägt das Auswärtige Amt nicht auch einen Teil der Schuld? Es heißt, baß am 8. Juli hier eine Versammlung von alldeutschen Journalisten unb Politikern in enger Fühlung mit dem Auswärtigen Amt stattgefunden habe. Ein Prozeß soll ja schweben; hoffentlich ergibt er, daß baß Auswärtige Amt nichts damit zu tun hat. Die offiziöse Presse hat sich nicht auf der Höhe gezeigt. Ich bezweifle freilich, daß die Einheitlichkeit deß PresiebureauS zu erzielen fein wird; ich bezweifle, daß baß TZarineamt und baß Auswärtige Amt auf ihre besonderen PresiebureauS verzichten werden, selbst wenn Herr Erzberger zum ReichSpreßdezernenten ernannt werden sollte. (Hallohl) Auch dieSozialdemokrtaten haben keine tadelfreie Haltung gezeigt; während der Verhandlungen mit Massenstreik und ähnlichen Dingen drohen, dadurch wird die Position beß Auswärtigen Amtes gewiß nicht gestärkt, und eß ist nur zu verwundern, daß trotz dieses Verhalten» und dieser Maßnahmen der Friede erhalten worden ist. Der Reichskanzler hat vollständig recht, man kann nicht alles bekommen, waö man gern haben möchte, und wir haben unS deshalb von Anfang an auf den Boden der AlgeeiraSakte gestellt. Aber wir haben unsere Zustimmung immer nur unter der Voraussetzung der Unabhängigkeit beS Sultan» und der Integrität beß schenfischen Reiches ge- geben. Die Verantwortung für die jetzige Entwicklung bat aber nur die gegenwärtige Reichsleitung zu tragen, sie bat nicht da» Recht, einfach von einer Hinterlassenschaft zu sprechen, die Jie liquidieren mußte. DaS Marokkoabkommen hat seine Vorzüge unb seine Schwächen. Auf die Paragraphen allein kommt eß nicht an, sondern auf den guten Willen des Staate», der die politische Macht hat, von dem Entschluß Frankreichs, die Paragraphen loyal auszuführen. Bei der Zusammensetzung beß Schiedsgerichts — darin hat Herr von Heydebrand recht — hat jedenfalls Frankreich den mafegehenben Einfluß. Bedenklich scheint unS die Angelegenheit der Fläckensteuer; hierüber und über die sonstigen wirtschaftlichen Fragen in Marokko wird in der Kommission noch naher zu verbandeln sein. ES wird der intereffante versuch gemacht, da» Prinzip der offenen Tür in Paragraphen festzulegcn. Der Kanzler sagt, bisher stand die offene Tür nur auf dem Papier. Ja, aber wer sagt denn, bah baß nicht auch jetzt weiter der Fall sein wird? _ Auch wir beurteilen baß Kongoal'kommen ungünstiger al» baß Marokkoabkommen, und die gestrigen Ausführungen dc? Reichskanzlers waren in keiner Weise geeignet, die Bedenken zu zerstreuen. Mir ist in meinem parlamentarischen Leben noch keine Kundgebung der Regierung zu Gesicht gekommen, die so sehr zum Widerspruch herausfordert und zum Teil die LachmuSkeln reizt wie die von Herrn Solf gezeichnete Kongodenkschri ft. Mit bem Grundsatz: für ein Kolonialpolitik treibendes Volk ist jeder koloniale Zuwachs ein Vorteil, werden Sie, Herr Solf. keine Politik im Reichstag treiben können. Nein, Herr Solf, da» werden wir nicht tun, sondern wir werden uns die Kolonialpolitik daraus ansehen, ob sie verständig ist, ob die neuen Gebiete auch dientabili- tätSaußsichten haben. Aber mit solcher Milchmädchenrechnung, wie sie die Tenkschrist aufmacht, ist nichts anzufangen. Die Schlaskrankheit — Herr Sols hat den Trost, daß wir so den Herd der Schlafkrankheit in unseren Besitz bekommen; warum hat er nicht noch hinzugefügt. eigener Herd ist .Goldes wert? (Heiterkeit.) Gegen den Gouverneur Sols führe ich den früheren Kameruner Gouverneur Pullkamer an. Tie französischen Gesellschaften ist keine erfreuliche Beigabe. Wir werden sie abloicn oder unter den bisherigen vertrugen weiter wirtschaften lassen — zwei gleich unerfreuliche Perspektiven! von -Verbindlichkeiten" ist da die Rede: hierüber wird in der Kommission noch näher Aufklärung gegeben werden müssen. Aber die Hauptfrage ist: Was wird unß diese Neuerwerbung kosten? In der Tenlschrift heißt eß: «Tiefe Kosten müssen wir auf unß nehmen/ Herr Gouverneur Solf, daß werden wir uns sehr überlegen. — Herr v. Lindequist hat den Amtßiiaub von seinen Pantoffeln geschüttelt. ES ist bezeichnend, daß fast die einzige Zustimmung bei der Kanzlerrede gerade an dieser Stelle erfolgte; aber die Zustimmung galt nicht den Ausführungen des Kanzler», sondern der männlichen und ehrlichen Art, wie Herr v. Lindequist sein Amt geführt und die Konsequenzen gezogen hat. Daß erinnert an die Szene auö der Jungfrau von Crleanß: „2er Connetable schickt sein Sckiwerl zurück und sagt den Dienst mir auf. In Goltesnamen so sind wir eine» mürrischen Mannes los der unverträglich unß nur meistern wollte." Herrv. Lindequtstverstand eS, zur rechten Zeit zu gehen. Ich wünschte, wir hätten mehr Leute, die zur rechten Zeit zu gehen wissen. (Große allseitige Heiterkeit, an der sich der Reichskanzler lebhaft beteiligt.) Ter Kanzler hat kein Wort der Anerkennung für den Mann gehabt, der seine Kräfte ehrlich eingesetzt hat m feinen Remtern. (Widerspruch rechts und Zuruf: Er hat es ancr(anntl) Wir danken Herrn v. Linde- a u i jt für die Arbeit, die er geleistet hat, und auch für die warmherzige und entsckilosscne Verteidigung, die er seinem AniiS- Dorgäng.-r Ternburg hier im Reichstage gegen ungerechtfertigte Angriffe gewidmet bat. (Beifall links. Sachen im Zentrum.) Tas selbständige siolonialamt! Tas Zentrum hat dafür nicht gestimmt, also taugt die ganze Geschichte nichts (Sehr richtig! im Zentrum. — Heiterkeit.) Es wird anderer Ansicht fein, wenn ein ihm genehmer Staatssekretär im Kolonial- amt sitzt. (Heiterkeit.) Tas Kolonialamt hat sjch^ durchaus be. währt unter den Männern, die bisher an seiner Spitze standen Wir wünschen im Gegenteil, daß die Reichsämter überhaupt nicht wie jetzt Nachgeordnete Stellen bleiben, sondern mit eigener Verantwortung ausgestaltete, selbstän- dige iReictiSamter werden. Wir würden bereit fein, die Schattenseiten des Abkommens auf unß zu nehmen, wenn wir sicher waren, dadurch eine dauernde Vereinbarung mit Frankreich herbeizuführen. Aber da» ist nicht der Fall. Ter Löwenanteil ist Frankreich zugefallen, wir wollen eß ihm gönnen. Die neue Aera der Verständigung ist ein schöneß Ziel, aber nach den bisherigen Erfahrungen halte ich eS für eine Fata Morgana. Unß wird man den Vorwurf blindwütigen HasieS gegen England nicht machen können Nichtsdestoweniger kann ich auSsprechcn, daß die Haltung Englands auch in unseren Reihen Verstimmung unö Grbiitcrung erregt hat. Es ist noch nicht genügend geklärt, waS den englischen Schatzkanzler zu seiner Rede veranlaßt hat, unb waS den englischen Botschafter in Wien anlangt, so reicht daß DeruhigungSpulver, baß unß der Reichskanzler gestern in homöopathischen Dosen verzapfte, nicht auß. Wir werden nicht Einspruch erheben, wenn England seine Interessen wahrnimmt, sich überall Stützpunkte sucht für seinen Einfluß; aber baß gleiche Recht verlangen wir auch für unß. Wir beanspruchen auch für uns den uns zu kommenden Platz in der Welt. Und die englische Nation kann davon überzeugt fein: baß deutsche Volk lehnt es einmütig mit aller Entschiedenheit ab, englische Jntereffen al» entscheidend für die deutsche Haltung anzusehen oder vor den Drohungen englischer Mi- nister zurückzuweichen. (Lebhafter Beifall.) Aber eben- so bestimmt ist Einspruch dagegen zu erheben, daß wir im Hin- blick auf England hier in kaum verhüllten KriegStönen sprechen, wie es gestern geschehen ist. Die Rede Greys bekundete den ernsten Wunsch, daß die Spannung verschwindet. Tie gestrige Rede Asquiths auf dem Lordmayors-Dankett sollten auch wir anerkennen und wir sollten von seinen Erklärungen mit allem Ernst Akt nehmen. E» ist nicht wohlgetan, die R ü st u n g s - schraube von neuem anzuziehen, denn man folgt bann auf der anberen Seite sofort und die Hochwaffermarke steigt von neuem. Es ist unverantwortlich zu einer Zeit, wo auf englischer Seite ernste Bestrebungen zur Besserung unserer Beziehunaen vorhanden sind, in die früheren Fehler zu verfallen. Wir haben allen Grund, unß vor jeder Unbesonnenheit zu hüten, da unsere politische Situation durchaus nicht glänzend ist. Die Vorgänge der jüngsten Zeit in Italien und der Türkei haben in den weiten Kreisen die Frage angeregt, ob denn der Drei- b u n b heule noch ernste Bebeutung hat. Wir bebauern, daß durch das Vorgehen Italien» unsere jahrelange Friedenßarbeit in der Türkei beeinträchtigt worden ist. Ich bebaurc, wenn es wahr ist, daß der deutsche Kaiser kürzlich gesagt habe, daß der Islam eine Gefahr werden könne. Tas könnte die Stimmung der Türkei ungünstig beeinflußen. (Sehr richtig! links.) E» ist gefragt: wer trägt die Schuld? Ich stimme da Herrn Basiermann bei. Wa» Marokko anlangt, kann man dem Fürsten Bülow Inkonsequenz nicht vorwerfen. Wenn man aber die Entwicklung der letzten 20 Jahre verfolgt, kann man sich bem Eindruck nicht verschließen, daß die deutsche Politik die Einheitlichkeit, Klarheit unb Stetigkeit hat vermissen lassen. Bald batten wir eine Politik der Liebenswürdigkeit, die nichts genützt hat, die Politik der Depeschen, die nur Schaden angerichtet hat. bald die Politik der verpaßten Gelegenheiten, die Poli- tU plötzlicher Eingebungen eines impulsiven Temperament». Auch in neuerer Zeit kamen solche Singe vor. Ich kann es auch nicht atß eine empfehlenswerte Neuerung an sehen, wenn, wie es gestern geschehen, der Erbe der Krone von der Tribüne des Reichstags in offener Weise gegen die Politik des verantwortlichen Reichskanzlers demonstriert bat. (Große andauernde Unruhe rechts. Lebh. Sehr richtig! link».) Dieser Vorgang hat auch in auswärtigen Blättern die unangenehmsten Aeußerungen herbeigeführt. Ter „Eclair" schreibt, der Vorgang zeige, daß inDeutschlandeine starke Krieg». Partei beftebe. (Zuruf rechts: G o 11 s e i D a n k!) von diesem Gott sei Dank nehme idi Akt. (Erneuter großer Lärm rechts.) War eine solche Demonstration hier notwendig? Nun, bei Reichs- kanzler mag sich mit der Behandlung selbst auSeinandersetzen. Ich behaare das Vorkommnis. Wo es sich um ein Friedenswerk banbclt, wo auch der Leiter der Politik sagt: Gott fei Dank, wir find im größten Einvernehmen, in diesem Augenblick durch der- artige Tinge alles wieder in Frage zu stellen, halten wir für falsch. (Lebh. Zustimmung links.) Man fragt im Lande: ist denn die deutsche Diplomatie auf der Hohe? (vielfaches „Sein" auf allen Seiten de» Hause».) Wir erbeben erneut Einspruch gegen baß System bei Besetzung der diplomatischen Posten bei unß. (Sehr richtig! links.) Auch bei unß, wie in anderen Kulturstaaten dars nicht die Rücksicht auf Namen unb Rang, vermögen und soziale Stellung bestimmend fein, sondern Begabung unb Tüchtigkeit allein. Wir brauchen auf den wichtigen auswärtigen Posten tüchtige Vertrauensmänner, die die Augen aufballen und nicht nur Briefträger, und die den mitunter außerordentlich geschickten Vertretern beß AiißlandeS gewachsen sind. (Beifall link».) Die Minderung unserer Stellung im Rate der Völker steht aber auch im Zusammenhang mit unserer inneren Politik. (Sehr richtig! linkß ) Unsere innere Politik. Die Ueberspannung. deß Sckuitzzollprinzip» hat die politischen Beziehungen zum Ausland verschlechtert. Dadurch wirb die Koalition anderer Staaten gefördert. die auf dem Boden demokratischer Verfassung stehen. In anderen Staaten werden rücksichtslos Zöpfe abgeschnitten, wie jetzt in China bei unv werden alte Vorrechte gestützt. In hieß Kapitel gehört auch die Behandlung der deutschen Volksvertretung in der Marokkoangelegenbeit. Wir verlangen die Einholung der Genehmigung beS Reichstag» zu den Abkommen. Daher unser Antrag, vielleicht können wir auch für den beß Zentrum» stimmen wenn er etwa» erweitert wird. Wir fragen den Reichskanzler, ob noch Sonder- oHommen bestehen, von denen unß nichtß milgeteilt ist. Wie ist es mit der SchiedSgerichtßklansel, von der in französischen Blättern zu lesen ist? Alle Wünsche auf Erweiterung der konstitutionellen Einrichtungen Haben keinen Widerhall vei Herrn v. Bethmann Er erklärt, die Regierung soll aber den Parteien stehen. Wir haben es ja gestern gesehen, daß Ziel hat er erreicht. (Heiterkeit.) Ich weiß nicht, ob er die Situation sehr behaglich gesunden bat. (Erneute Heiterkeit links.) Nun hat er in her ..Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" erklären (affen, daß er seine Politik weiter verfolgen werbe, wie auch der Ausfall der Reichstagßwablen sei. AllenNespekt vor derUeberzeugung beß Herrn Reichskanzler», aber daß bebeutet bw Verneinung der Grundlagen unsere» Berfassungiwesenß. (Zustimmung links.) Wenn er erklärt, daß nur seine eigene Meinung maßgebend sei, so spricht daraus so viel bureaukratische Selbstherrlich feit, soviel Unterschätzung der anderen zur Mitentscheidung berufenen Faktoren, daß wir gegen diese Auffassung Einspruch erheben muffen. (Lebhafter Beifall links.) Nicht bureaukratische Weisheit, nicht da» persönliche Regiment können baß Glück her Nation verbürgen, sonbern bie ernste und redliche Arbeit aller Volksschichten auf bem Boben der Verfassung für Fortschritt unb Freiheit. (Lebhafter Beifall links.) Abg. Schultz (Rp.)k Auch wir find ber Ansicht, daß baß enbgültige über bie Abkommen erst nach eingehenber Beratung in ber Kommission gefällt werden kann. Auch un» wäre eß zweckmäßiger erschienen, wenn die Abkommen so gefaßt worden wären, daß sie vom Reichstage genehmigt werden mußten. (Hört, hörtl links.) Die Regierung hätte dabei keinen Schaden erlitten. Die Anträge auf Abänderung ber Verfassung sind ein berebteß Zeichen für bie Herr- schende Stimmung. Man forbert bem Kaiser einen Teil feiner Rechte ab, um bie Rechte beß Reichstages zu erweitern. Bismarck, ber ja so oft hier; zitiert wirb, um Stimmung zu machen, hat immer betont, daß man bie Verfassung nicht änbem solle; sie sei ein kunstvolles Produkt, da» au» schwierigen Beratungen her- auß entstanden sei. Die Fortnahme eine» Steine» von diesem Gebäude könne Schäden für den ganzen Bau nach sich ziehen. Daß kann natürlich nicht davon abhalten, daß auch einmal eine Aende- rung ber Verfassung vorgenommen werben muß. Da» soll aber nicht ein fterbenber Reichstag machen, ber schon die hippokratischen Züge aufweist (Heiterkeit unb Zustimmung). Die Anträge beruhen auf ber augenblicklichen Stimmung. Man soll warten, bis biese Stimmung verflogen ist, und andere Erwägungen wieder Platz greifen. Die Kommission wird aber auch die Frage zu prüfen haben, Wie Weit baß spanisch-französische Geheimabkommen auf unsere Rechte in Marokko mitwirkt. Es ist sogar behauptet worben, baß dieseß Abkommen schon sieben Jahre beftanben_ hat, ohne baß die französische Kammer davon Wußte. (Hört, hörtl) Man wird unß auch in der Kommission sagen müssen, ob wir in der spanischen Marokko-Sphäre dieselben Rechte haben wie in der französischen. Bezüglich der Abkommen hat Herr Dassermann nicht so ganz unrecht, wenn er einen tiefgehenden Unterschied zwischen dem Abkommen von 1909 und dem jetzigen findet. Schon auffallend ist, daß das Wort Deutschland nur in ber Ueberfdjrift vorkommt. Es ist anzunehmen, daß dieselbe Politik der offenen Tür auch allen anderen Staaten eingeräumt ist. Im vaterländischen Interesse hätte ich gewünscht, daß die Zustimmung der Kaufmannschaft möglichst einheitlich ober boch wenigstens überwiegend gewesen wäre. Da» ist leider nicht der Fall. Man hätte den Leuten draußen, die feit Jahrzehnten in mühseliger Arbeit für deutsche Arbeit unb deutsche Interessen eingetreten find, mehr ber- schaffen sollen. Wir erkenn-n aber dankbar an, daß unsere Unterhändler diesmal eine Zähigkeit gezeigt haben, die wir früher bet ihnen vermißt haben. Em gutes und berechtigte» Mißtrauen war bei ihnen vorhanden. Ta» war notwendig, denn in Frankreich herrschte nun einmal die Protektionswirtschaft. (Abg. Bebel ruft: Und bei und?) In bem Sinne gewiß nicht. Eß wirb ener- g'fcher Maßnahmen unserer Regierung bedürfen, um solchen französischen Neigungen entgegenzutreten. Dabei möchte ich gleich die sozialbemokratische Anschauung zurückweifen, alß ob eß eine Schande wäre, einUntertanzu fern. (Sehr richtig I rechts.) Das K o n g o a b k o m m e n bietet für die Beurteilung wett größere Schwierigkeiten al» das über Marokko. Die sollen wir über den Wert der Ländereien urteilen? Aber der Reichskanzler hat reckt m bem, was er von den Zukunftsmöglichkeiten sagte. In bet Denkschrift ist von der .Möglichkeit" von Erzlagern die Rebe; jebenfallS enthält sie Marokko, baß wir. trauernden Herzen» verlassen, tatsächlich. Die dauernde Einräumung der Etappenstraße Wirb für die Franzosen wohl kaum die in ber Denk- schrift angenommene Pflicht ber Dankbarkeit bedeuten. Es ist eine Erleichterung für mich, daß ich nicht berufen bin, ein Gefamtvotum abzugeben: ja ober nein! Die Offenheit und Ehrlichkeit, bic ber Kanzler in ber Dchanblung ter Lindequist- Angelegenheit belunbe: hat, mildern nicht die Nachrufe, die man in der offiziösen Presse diesem Manne nachgeschleudert hat. Jene schmachvollen Zeiten, in denen fremde Machthaber über bic Grenzen Deutschland» Der fügten, sind unwiderbringlich dahin, das mögen sich die Herren vom Auslände gesagt sein lassen. D i e Beleidigung durch den e iglischen Minister waren in ber Qeffentlichkeit erfolgt; sie mußte deshalb in der Qeffentlichkeit zurückgenommen werben (Lebhafter Beifall.), und zwar sofort. (Lebhafter Beifall.) Wir haben mit Freude gehört, daß der Reichskanzler das nicht eingesteckt hat. Seine Vorstellungen scheinen von Erfolg gewesen zu sein, wir haben das nähere darüber noch nicht erfahren. Aber das Auswechseln von Noten in den Kanzleistuben, das kann nicht das ersetzen, was das Volk ersehnte. (Lebhafter Beifall.) Im Lande horchte man auf die Antwort und verlangte sie. Da sie ausblieb, datiert von dem Moment an der Mißmut im Lande, der unausrottbare Glaube, daß wir vor England zurückgewichen sind. (Sehr richtig!) An dieser Unterlassung ist das Schiff in Agadir gescheitert. Ich habe eS immer für Unrecht gehalten, wenn man den Nachfolgern des großen ersten Kanzlers die geistige Größe jenes Mannes vorhielt. Aber das nationale hochgespannte Empfind- lichkeitsg efühl gegenüber Kränkungen, die dem deutschen Namen angetan sind, das müssen wir von jedem Inhaber dieses Amtes verlangen. (Lebhafter Beifall.) Es scheint, ikaß man die Stimmung des deutschen Volkes nicht richtig eingeschätzt hat. (Sehr wahr!) Das System dieser Politik, das ist das System der großen Worte, der starken Fanfaren bei einer Aktion, die man nicht so hoch einschäht. Wir haben — daran ist für mich kein Zweifel und ich streiche dem Reichskanzler da keinen Buchstaben ab — wir haben nicht mehr in Marokko erstrebt, als die Regierung beabsichtigte. Sie hat in der Tat das durchgesetzt was sie durchsetzen wollte. Dann durfte man aber nicht solche Hoffnungen erwecken. (Sehr richtig!) Es sind hochgespannte Hoffnungen im Volke erweckt. Sie sind nicht erfüllt worden, weil sie nicht erfüllt werden konnten und nicht erfüllt werden wollten. Es bleUit nur übrig, die Rückkehr zur alten Bismarckschen Politik. Reichskanzler Dr v. Bethmann Hollweg: Nach den letzten Ausführungen des Abg. Wiemer wollen Sie mir gestatten, daß ich auch heute nach meiner Ueberzeugung spreche. Herr Wiemer hat die Ueberzeugungstreue des Herrn v. Lindequist gefeiert. Dem Reichskanzler hat er das Recht abgesprochen, nach seiner Ueberzeugung zu sprechen. Ich kann diesen Unterschied nicht akzeptieren. Ich kann auch nicht erkennen, wie es eine Mißachtung des Reichstags sein soll, wenn ich nach meiner Ueberzeugung handele. Auf die Kritik, die unsere Arbeit bei Ihnen durchweg gefunden hat, war ich von vornherein gefaßt. Ich habe schon gestern ausgesprochen, daß ich auf Ihren Beifall nicht rechne. Ich habe auch nicht behauptet, daß das Werk, das wir Ihnen vorgelegt haben, ein ideales sei. An dem Werk kann kritisiert werden, und ich bin dem letzten Herrn Vorredner dankbar für die ruhige Art der Kritik, die er an unser Werk angelegt hat, und die für mich in angenehmer Weise ab- geftochen.hat von manchen übertreibenden Worten, die gestern und heute gefallen sind. (Hört! Hört! und Sehr richtig!) Meine Besorgnis bestand darin, es würde nun aus Ihrer Mitte ein Mann aufstehen, der mir mit klaren und guten Gründen einen anderen Weg als den meinigen gezeigt hätte, einen Weg, wie wir mit befferem Erfolge aus den marokkanischen Schwierigkeiten herausgekommen wären, als es tatsächlich der Fall ist. Ja, meine Herren, auf diesen Mann warte ich noch! (Heiterkeit.) Ich würde dem Mann sagen: Du hast recht! Ganz ehrlich würde ich das sagen. Ich habe gehört: die Regierung hat eine schtvere Niederlage erlitten. (Sehr richtig!) Tripolis ist die Folge von Agadir gewesen, wir hätten eine verkehrte Verbrüderungspolitik inauguriert, wir hätten den „Panther" nicht nach Agadir schicken sollen, kurz, wir bgtfen alles verkehrt gemacht! Lassen Sie mich einmal zwei Punkts herausgreifen. Herr Bass ermann hat gesagt, Tripolis wäre eine Folge von Agadir. Ja, wenn die italienische Expedition nach Tripolis mit den marokkanischen Ereignissen im Zusammenhang gestanden hätte, dann würde sie doch nicht mit Agadir, sondern mit dem Vorstoß nach Fez begonnen haben. Wir waren es doch nicht, die jetzt die marokkanische Frage aufgerollt haben. Das haben die Franzosen mit ihrem Zuge nach Fez getan. (Sehr richtig!) Der hat uns zu einer Handlung gezwungen. Wie können Sie da behaupten, der Zug der Italiener nach Tripolis sei eine Folge von Agadir? Ich habe dieselbe Auffasiung vielfach in der fremden Presie gelesen, namentlich in demjenigen Teil der fremden Presie, der Deutschland besonders übel will (Sehr richtig!), der bei jedem Unbehagen, das in der Welt irgendwo entsteht, sagt: natürlich, Deutschland war das Karnickel! Ich muß erstaunt sagen, ich habe mich gewundert, daß der Führer der nationalliberalen Partei im Widerspruch mit den Tatsachen sich diesen Stimmen zugesellt hat. (Sehr wahr! rechts und im Zentrum.) Weiter hat Herr Bassermann folgendes an unserer Aktion ausgesetzt: Er hat gesagt, zur Zeit des Herrn Rouvier sei uns kein Angebot wegen Marokko gemacht worden, aber auch wenn es uns gemacht worden wäre, hätten wir es nicht annehmen sollen wegen unserer Orientpolitik. Er hat gesagt, diese gegenwärtige außerordentlich schlechte Politik habe die frühere mühselige zwanzigjährige Orientpolitik Deutschlands vernichtet. Herr Bassermann hat aber nicht nur gesagt, wir hätten ein Rouviersches Anerbieten nicht annehmen dürfen wegen unserer Orientpolitik, sondern auch, weil das Englands König Eduard VII. nicht erlaubt haben würde. (Hört, hört!) Also von der früheren Politik rühmt Herr Basiermann, daß sie sich wahrscheinlich einem Widerspruche Englands von vornherein gefügt haben würde, und die gegenwärtige Politik kann er nicht genug mit Vorwürfen der Schwäche und Nachgiebigkeit überhäufen, wenn sie es täte. Er meint, unsere alte gute Orientpolitik hätten wir vernichtet, früher würde man sich gehütet haben, dem Islam irgendwie zu nahe zu treten. Aber Herr Basiermann hat uns ja selbst vorgeschlagen, wir hätten die Souveränität des Sultans von Marokko int Norden preisgeben und das Protektorat in Kauf nehmen können, aber im Süden hätten wir sie aufrecht erhalten sollen. Wie stimmt dann das zusammen mit einer Vernichtung unserer Orientpolitik? Herr Basiermann hat auch immer noch gesprochen von der Sou- veränität des Sultans, nicht Basiermann allein, sondern auch andere Herren. Er sagte, wir hätten unendlich viel in Marokko preisgegeben, und Herr von Heydebrand sagte das auch. Ich habe gestern ausgeführt, und jeder, der den Tatsachen gefolgt ist, wird mir das zugeben müsien, die Souveränität des Sultans war längst illusorisch. Mir haben sie nicht aufgegeben, sie war gar nicht mehr in den Tatsachen be- gründet. Damit sind aber auch alle Vorwürfe des Preis- gebens hinfällig. Herr Schultz sagte eben, wir seien aus Marokko herausgedrangt worden: wir sind ja gar nicht drin gewesen. (Gelächter.) Ich sagte vorhin, ich hätte mich gefreut, wenn ich positive Vorschläge bekommen hätte. Sehr viele habe ich ja nicht bekommen, aber einige doch. Herr Basiermann sagte, wir hätten nicht ein Schiff nach Agadir schicken, sondern Maßnahmen an unserer Wcstgrenze treffen sollen. Was für Maß. nahmen denn? Doch wohl Truppenzusammenziehungen l Nun, Truppenzusammenziehungen in einem gespannten Moment find der Anfang einer Mobilmachung (Widerspruch), und eine Mobilmachung in einem gespannten Augenblicke bedeutet Krieg. Ich weiß nicht, ob das eine zweck- mäßige Einladung an Frankreich gewesen wäre, mit und ein Geschäft zu machen. Herr Basiermann meint, wir hätten zwar in Nordmarokko die Selbständigkeit des Sultans preisgeben, das Protektorat Frankreichs anerkennen können, aber wir hätten wenigstens Südmarokko freilassen sollen, um dort zu besseren Verhältnissen zu kommen. Ich kann mir die Ausführung dieses Vorschlages nicht recht vorstellen: ein und derselbe Herrscher, der Sultan, soll in Nordmarokko unter dem Protektorat Frankreichs stehen und in Südmarokko souverän sein? Nein, ich kann mir das nicht vorstellen, aber was noch weiter geht, unser wirtschaftliches Interesse, unser Handel ist wirklich gut nur in einem Lande gesichert, wo Ordnung herrscht. (Zurufe: Aha! Polizei!) Nicht die polizeiliche Ordnung, sondern die staatliche, in dem Sinne, daß ein einheitlicher, st a a t l i ch e r Wille vorhanden ist. Er ist die selbstverständliche Voraussetzung für Handels- und Jndustrieunternehmungen. Es gibt wirklich keine Möglichkeit, in Südmarokko Handel zu treiben, wenn dort 20 verschiedene Stämme unter 20 verschiedenen Vorstehern von keiner einheitlichen Gewalt zusammengebalten werden. Ich entdecke darin wirklich keinen Fortschritt. Wenn wir mit dem Ergebnis zurückgekommen wären: Nordmarokko unter französischem Protektorat und Südmarokko unter dem angeblich tcuveränen Sultan, dann hätte der Abg. Bassermann mich noch viel schlechter behandelt. (Zustimmung rechts und Heiterkeit ) Auch Herr von Heydebrand war der Ansicht, daß wir es batten besser machen können. Bester machen ist schwer. Herr von Heydebrand schlug vor. wir hätten uns völlig freie Hand behalten sollen, um unsere Ansprüche zu gegebener Zeit geltend zu machen. Ein derartiges Vorgehen hätte nach meiner Ansicht keine größere Bedeutung gehabt, als das. was wir gegenwärtig erreicht haben Ich habe jedes Wort, was Herr von Heydebrand sprach, wie immer, einer Prüfung unterworfen. Was hätte ich tun sollen? Auf eine gegebene Zeit warten? Also auf den Zug der Franzosen nach Fez nichts tun? Das wäre falsch gewesen, das wäre die । Politik der Schwäche gewesen, die man mir vorgeworfen hat. Es ' gibt Momente, wo man sofort handeln muß und auch riskiert handeln muß. Und das haben wir getan. Ernster nehme ich das, was Herr von Heydebrand über England gesagt hat. Herr von Heydebrand ist seinerseits auch wiederum auf den bekannten Artikel tn der „Neuen Freien Presie", ! der dem englischen Botschafter in Wien zugesprochen wurde, zurückgekommen und obwohl der Staatssekretär bereits gestern seine Erklärung abgegeben hat, ist auch der Abg. Wiemer auf , diese Angelegenheit zurückgekomm-n. Die Angelegenheit liegt vollkommen klar Ich habe die englische Regierung auf die be» rechtigte Erregung aufmerksam gemacht, die durch diesen Artikel der „Neuen Freien Presse" in Deutschland hervorgerufen ist, ich * habe dabei der englischen Regierung den Wunsch zu erkennen gegeben, eine Aufklärung herbeizuführen. Daraufhin hat mir die englische Negierung geantwortet, daß der englische Botschafter in Wien weder den bekannten Artikel der „Neuen Freien Presse" ! inspiriert, noch die ihm von dem Verfaster des Artikels zugeschriebenen Aeußerungen getan habe. Damit ist die Sache für ! mich erledigt. (Sehr richtig! rechts, Zuruf links: Aber für uns nicht!) Auch, meine Herren, für den Reichstag. (Widerspruch j links.) Wollen Sie mich doch aussprechen lasten. Auch für den Reichstag besteht in dieser Beziehung eine große Verantwortlichkeit und gegenüber der amtlichen Erklärung einer fremden Großmacht sind alle Zweifel von verantwortlichen Stellen ausgeschlossen. Herr von Heydebrand hat an den Anfang seiner Ausführungen über England die Bemerkung gestellt, daß er nicht die Absicht habe, di- Regierung herunterzureißen. Er hat dann aber in einem Atem konstatiert, daß wir in einer auf Beratung des ganzen englischen Ministeriums beruhenden Rede eines englischen Ministers Worte gehört haben, die man als eine Demütigung und kriegerische Herausforderung des deutschen Volkes bezeich.ien müsse und über die ich leicht mit dem Ausdruck „Tischrede" hinweggegangen sei. (Mit erhobener erregter Stimme.) Wenn Herr von Heydebrand damit hat sagen wollen, daß ich eine demütigende Herausforderung der deutschen Nation sozusagen mit einer kleinen Wortverdrehung habe kaschieren wollen, so muß ich es Herrn von Heydebrand allein überlassen, wie er diese Schmähung seiner eigenen Regierung vor der ganzen Welt mit seinem Vorsatz, die Regierung nicht herunterzureißen, und seinem nationalen Gewissen vereinbaren kann. (Große Unruhe im Hause. — Bravo-Rufe auf den Zuschauertribünen ) Ich muß es bedauern, daß in diesem Hause über unsere Beziehungen zu einem fremden Staate, mit dem wir in normalen Beziehungen stehen, in einem Tone gesprochen worden ist, der vielleicht in Wahlversammlungen nützlich ist (Lebhafte Zustimmung links.), der aber in einem seiner Verantwortung bewußten Parlament nicht üblich ist. (Erneute lebhafte Zustimmung links.) Wenn ich im Bewußtsein meiner Verantwortung wohl erwogene Worte über die Reden fremder Staatsmänner spreche, so muß und soll das zu einer Klärung unserer internationalen Beziehungen führen. Leidenschaftliche und alles Maß überschreitende Worte, wie die des Herrn v. Heydebrand (Sehr gut!), mögen Parteiinteressen dienen (Stürmische Zustimmung links.), das Deutsche Reich aber schädigen sie. (Erneute lebhafte Zustimmung links.) Ich würde es bedauern, wenn sich in diesem hohen Hause die Sitte einbürgern sollte, über unsere auswärtigen Beziehungen in diesem Tone zu sprechen. (Beifall.) Der Starke braucht sein Schwert nicht immer im Munde zu führen. (Stürmische Beifallskundgebungen auf der Linken.) Wir hatten Monate hindurch und erleben noch jetzt Tage, die von einer leidenschaftlichen Stimmung durchflutet sind, wie wir es wohl niemals in Deutschland erlebt haben. Ein Grundton dieser Stimmung ist der Wille Deutschlands, seine Kraft und alles was es vermag, in der Welt durchzu setzen. Tas war die gute und die e r h e b e n d e E r s ch e i n u n g, die wir erlebt haben, eine Erscheinung, die mich gestützt hat, auch wenn sie sich in Worten gegen mich fnantte, und ich empfinde Dank für diese Gefühle, die im deutschen Volke geherrscht haben. Aber es sind auch noch andere Kräfte dabei tätig gewesen. Sie sind zum Teil in den Reden, die wir gehört haben, hervorgehoben worden. Auch der letzte Vorredner, Abg. Schultz, hat in der Beziehung ernste Worte gesprochen. Wenn er bei dieser Gelegenheit gesagt hat, die Haltung, die ich gegenüber England ein- genommen habe, hätte das Signal gegeben zu dem Unwillen: Meine Herren, ich habe Ihnen dargelegt und ich hoffe, ich habe Sie überzeugt, ich habe der Ehre meines Volkes, der Ehre der Nation, der ich angehören darf, in unserem Verhältnis zu England nichts nachgegeben. Meine Herren, es sind Kräfte, auch das muß ich offen aussprechen, es sind dabei Kräfte im Spiele gewesen, die mehr mit den bevorstehenden Wahlen, als mit Marokko und mit dem Kongo zu tun haben. (Stürmisches Hört! Hört! bei den Soz. und der Fortschrittlichen Volkspartei. Anhaltende große Bewegung im ganzen Hause.) Das muß einmal off en aus- gesprochen werden. (Sehr gut! links.) Aber, meine Herren, wenn es so dargestellt worden ist in der Presse, als ob unser Vaterland Not litte, als ob wir vor dem Zusammenbruch als Nation ständen (Zuruf von den Natl.: Das hat in der Presie nicht gestanden!), so ist das nicht in den Tatsachen begründet ge- wesen. Um utopistischer Eroberungspläne und um Parteizwecke willen aber die n a t i o n a l en Leidenschaften bis zur Siede hi tze zu bringen — meine Herren, das heißt, den Patriotismus kompromittieren (StürmischerBeifall bei der Volksp. und den Soz.), ein wertvolles Gut vergeuden. (Erneute stürmische Zustimmung auf der Linken. Ungeheure Bewegung.) Abg. Lattmann (Wirtsch. Vgg.): Gestern war das Parteigezänl der Aussprache serngeb'siehen Der Sprecher bet fortschrittlichen Volkspartei hat heute das elende Parteigezänk bineingebracht. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Besonders unangebracht war es, die Person des Kronprinzen hincinzuziehen, (Sehr wahr! rechts. Ter Präsident kann die große Unruhe, in der sich der Redner anfangs nur schwer verständlich machen kann, nur mühsam zügeln.) Wenn unser Kronprinz auf der Tribüne der Sitzung beiwohnte, so tat er nicht mehr als jeder andere Tribünenbesucher, und er hat auch die Ordnung des Hauies wie jeder andere beachtet. Er hat sich völlig jeder lauten Aeußerung ferngehalten, >onst würde der Präsident gerade so gut wie bei jedem andern Tribünenbesucher eingeschritten sein. Wenn aus seinem Verhalten aus irgendwelche Zustimmung ober Ablehnung geschlossen wirb, so banbelt es sich dabei um Worte, die allgemeine nationale Fragen oetrafen, um keinerlei Parteifragen. (Sehr richtig! rechts.) Und bas dürfen m,r doch wohl noch erwarten, daß der Kaisersohn die Zustimmun.g zu solchen allgemeinen nationalen Fragen sich erlauben darf. Es liegt aber nicht im Interesse des kaiserlichen Ansehens und des beutschen Volkes, seine Person hereinzuziehen und unter Uebertreibungen dem Volke ein falsches Bild zu geben. Wir haben es auch nicht für richtig gehalten, daß man von einigen Seiten versucht hat, den Alldeutschen Verband in diesen Tagen als einen beliebten Prügelknaben zu benutzen. Mag er in einigen Aeußerungen zu weit gegangen sein, im einzelnen soll man sich freuen — und die Ausführungen des Dr. Wiemer zeigen gerade seine Notwendigkeit —, daß wir solchen unablässigen Mahner des nationalen Gewissens haben. (Beifall rechts.) Das Schelten der äußersten Linken läßt uns kalt. Es würde peinigend und beschämend sein, wenn wir in Fragen der auswärtigen Politik die Zustimmung der Sozialdemokratie bekämen. (Sehr richtig!) Es war ein bitterer, aber lehrreicher Augenblick, daß gestern beim Schluß der Rede des Reichskanzlers bei allen bürgerlichen Parteien Schweigen herrschte und nur die äußerste Linke Bravo rief, diese neuen Stützen der Regieruna! Wir Hetzen nicht zum Kriege, aber die Friedensliebe um jeden Preis ist in der Geschichte großer Staaten noch niemals ein brauchbares politisches Prinzip gewesen. (Sehr richtig!) Es ist nicht richtig, daß die Marokkopolttik des Fürsten Bülow immer konsequent gewesen ist. Nach der Fahrt nach Tanger, für die Fürst Bülow die Verantwortung übernahm, mußte man auch politische Interessen an Marokko deutscherseits Müßen. Fürst Bülow mußte bei der Fahrt nach Tanger auch die Konsequenzen vorausseben und sie eventuell auf sich nehmen. Er riet aber zu Reise nach Tanger, obwohl er im Jahre vorher unserem Freunde, Graf Reventlow, zugerufen hatte: Wir können doch Marokkos wegen nicht vom Leder ziehen. Das war politisch falsch. Marokkos wegen natürlich kein Schwert, kein deutsches Blut. Aber wenn eine solche Frage ins Rollen kommt, geht es um nationale und wirtschaftliche Fragen des ganzen und auch um bie Ehre Deutschlands.' (Sehr richtig!) Daß das Ansehen Deutschlands im Auslände durch die Marokkoaffäre gelitten hat, ersehen wir aus den Briefen, die wir von Forschern und Reisenden von überall her in der Welt bekommen haben. Weite Kreise des Volkes wollten nach den traurigen Erfah- ruTtgen von der Marokkofrage nichts mehr wissen. Da endlich kam das Pantherticr vor Agadir. Der Jubel war groß, und es war schön in jenen Tagen, daß die Streitigkeiten der bürgerlichen Parteien zurücktraten hinter der großen nationalen Frage: selbst bie Sozialbemokraten unterließen ihre Unkenrufe. Unb biesen nationalen Schwung bat bie Regierung gar nicht verstauben (Sehr richtig! bei ber wirtsch. Vgg.). Sie hat nicht berftanben, biese Sacke zu organisieren. Es kamen bann bie Fliegen vom Kongolande und versenkten bie Herren vom Preßbureau bes Auswärtigen Amtes in bie Schlafkrankheit. Gestern sagte ber Reichskanzler' er habe mit bem Abkommen alles erreicht, was er erstrebt hatte, er sei nicht zurückgewichen. Gestern sprach aber ber französische Minister von sehr beträgt« liehen Forberungen, bie Deutschlanb zu Beginn ber Verhanblungen erhoben habe unb bie herabzubrücken ber französischen Diplomatie gelungen sei. Wo ist bie Wahrheit? (Hört! hört! rechts«. Es ist ein un- toürbiger Zustanb, baß wir monatlang ben Munb hielten, Frankreich aber schwatzte. Die Schweigsamkeit der Regierung müßte im Volk als Zeichen des bösen Gewissens angesehen werden. Wenn die Regierung aber erklärt, sie hätte in Marokko nicht festen Fuß fassen wollen, so wird ihr das in weiten Kreisen des Volkes nicht geglaubt, unb wo es ihr geglaubt wird, wirb ihr gerabe ein Vorwurf barauS gemacht. Ein klares, energisches Vorgehen hätte dieses Ziel auch ohne Krieg erreicht. Was Herr b. Heydebrand gestern gesagt hat, ist in Millionen deutscher Herzen widerhallt. (Beifall rechts.) In Sachen des Wiener englischen Botschafters konnte die Diplomatie nicht mehr tun. Für das Volk aber ist bie Sache bamit noch nickt abgetan; wir sehen in der Erklärung ber englischen Regierung eine Kneife rei. Sollen wir gegen bie Kriegshetze Englands nicht ein scharfes Wort int Reichstag sagen? Die Regierung scheint feit einer Reihe von Jahren unter einer Suggestion zu stehen, dem Versöhnungsgedanken, wollen wir Frankreich versöhnen, bann müsien mir ihm Elsaß-Lothringen bingeben. Die „Deutsche Zeitung" hat Reckt: Frankreich in Marokko zum Wächter der Handelsfreiheit macken, bas ist, wie wenn ein Warenhaus einen Kleptomanen zum Kontrolleur ernennt. Viererlei ist erforberlich: ein starkes Heer unb eine starke Flotte, ein starkes Finanzwesen; eine kräftige Volkswirtschaft, um bie Opfer tragen zu können — benn bie Börse wirb es wie 1870 nicht tun, und nickt zuletzt die Pflege unb Stärkung ber sittlichen Kräfte deS Volkes. (Beifall ber Wirtsch. Vgg.) Abg. Bruhn (Rßv.) spricht vor fast leerem Hause. Die Sozialdemokraten, Volke- Partei und Nationalliberalen verlasien bis auf den letzten Mann den Saal. Abg. Dr. Ricklin (Elsässer)' Wir stehen nicht auf der Seite derer, bie bie Regierung wegen ber Marokkoangelegenheit bekämpfen. Was hätten bie Gegner benn für weitere Vorteile für Deutschlanb erreichen können? Deutschlanb hat in Marokko nur praktische Interessen, und diese sind in dem Abkommen gewahrt. Frankreich wird den Vertrag in loyaler Weise durchführen. Unser Handel und Industrie werden Vorteile haben. Es wird freilich noch lange dauern, ehe Frankreich sich des ungestörten Besitzes des Landes wird erfreuet können. Ich glaube auch nicht, daß Frankreich jemals marokkanische Truppen auf europäischen Schlachtfeldern wird verwenden können. Der Kongo ist nicht so wertlos, wie es häufig bargestellt wirb. Nicht richtig ist, baß in Frankreich eitel Freude über den Vertrag herrscht. Auch Frankreich mußte nachgeben. Wir freuen uns über das Zustandekommen ber Verträge. Abg. Gröber (Zentr.): verlangt weitere Aufklärung über Einzelheiten in ber Kommission. Herr Bassermann hatte viel Vorwürfe für bie fetzige Regierung. Unb dock ist die gegenwärtige Politik nur eine Fortsetzung ber von 4 1 i /rauchen ffrfnb I rissen. Ta tW M Tn WJ* I die €t«ihgfr.iw bet a* mi» ! iterhcfccn ißr uv- j die Regierun? g 1 !L. S8flP.'- 5V I , ES kamen bar" auf d« w p'°ne^» l.)f *A’'Ä I J "ch.der Sej,; ^'nuhiam w ' S’bung beitrcbr-,’ uns; ? anbete ka&r 'krugehailkn. trikh» ’?V galten er ■w-ofitn wird ;■ 1 nQl,°nale I J'Nl QB bet flatje:, I aUbemeinei I t- öS liegt aöet I uno des deutscher I er Uebedteibungtn I PXn’ dH man von 1 !°icn Verband I lgelknaben « I ju weit gegangen I 1 die Aussvbrungei I b»0teit -, bafj mir I ufionaitn @t> I eüen der äugerften I nd beschämend ler, I ’l bie fluftimmun» I Er trat ein I ‘item beim LLluz I igerlichen Parteien I ite Linke Vrrvo I cunn! Wir frpn I jeden Tteii ist in I in brauchbares polt- I ist nicht richtig, bat ' net kanseauent pe- ■ lie Mit Vülow die 1 politische Interessen ti n die Herren v« die Schlafkrankbeit. n,t dem flbkomm» nicht zurü-knem^ r von sehr betracht zu Segmn * herabzudrucken W i Do ’it du , ist ein un- ben $hmb ifcit der Rcg'erun. ,5 angesehen werl^ ■te in Mar° '.° i weiten *"« J rubt wird, wj.8 klares. «J* erreicht. ®° ti4e Sachen de» . ni^ me ^"sÄ i ^a"’X ei.« 7.Mn7«U 00 it.ir ^ranlw« ^eeSrÄ^V J.'S'äS Börscn-Wochcnbcricht. Frankfurt a. M., 10. Nov. Tie seit einiger Zeil vorherrschende feste Grund st irnmung kannte sich noch ver^ utfcn. Der Abschluß der Maroklovcrhandlungen Hal der Borke eine Anregung nicht gebracht, aber die Aussicht, daß nunmehr die Spannung zwischen den beteiligten Machten sich lö en werbe, hat befestigend gewirkt. ES kam hinzu, daß die Gcldmarltskorgen rnehr in den Hintergrund getreten sind, denn wenn auch der 0)616- bedarf anhaltend groß bleibt, so zeigt doch der internationale Geldmarkt eine für die Jahreszeit verhältniSmävig große Flüssigkeit, die eS auch dem heimlichen Geldmarkt ermoglichl, leichter über den JahreSschluß Hinwegzukommen. Was der Borte besondere Anregung gab, war der m 'Jieuijorf eingetretene vliminungswcchtel. Tie Bestürzung, in^die Wallstreet durch das Vorgehen der Regierung gegen den Stahltrust verieyl worden war, Hai einer beruhigteren Auffassung Plav gemacht, nachdem das Urteil gegen den Tabaklrust iviedcr überaus milde ausgefallen ist. Tiefe Momente gestalteten die Stimmung zuvcr- Üssiger, zumal sie einen starken Rückhalt in den gunnigen Rach- cichlen aus dem Wirtschaftsleben hatten, ^Namentlich aus dem rheinisch-westfalischen Jndustriedezirk lauteten die Berichte recht zuvenichtlich, die Nachfrage nach Kohlen ist lebhafter ge- vrordcn und verichiedentlich haoen Preiserhöhungen n.r ei'cn und Bleche slattgefunden. Wenn die Unternehmungslust den Anregungen nicht ganz entsprach, so kommt dafür in Betracht, bau die Spekulation noch zu sehr unter den im Herbst emgetretenen Verlusten zu leiden hat und sich Zurückhaltung aufcriegen muj. Andrerseits wird die Reserve burai die Ruäiichcnahme auf d.n -rieg ui Tripolis und die Revolution m China beoingl, du man sich in völliger Ungewißheit befindet, wie sich die Tinge gestalten werden. Hieraus erklärt sich, daß die Kursbewegung.n ikch nicht gleichmäßig vollzogen und Auswärtsbewegungeii durch lülbfchwachungen unterbrochen wurden. Immerhin sind aus den meisten Gebieten Kursbesserungen zu verzeichnen. Am Montan- vermischtes. • Kollegschwänzende Professoren. Einige französische Abgeordnete haben beschlossen, hin und wieder eÜimal daö Gollöge dc France zu besuchen, um nachzusehcn, ob auch alle Proseisoren die angcsagten Vorlesungen halten und das schöne Geld, daS die Rcpublik ihnen alS Geholt gibt, nicht ohne Gegen, leismng in die Tasche stecken. Auf den Verdacht, bar, es auch kollegichwanzcnd.- Proscssoren gibt, brachte lie daö Abenteuer, das jüngft einem lungen Romaiidichtcr passiert ist. Ter Herr Poet wollte in seinem realistiscl^n Drange für eine seiner nächsten Mäzenen öcii Typus eines pcd«Milchen Gelehrten Kubieren und faßte den Entschluß, zu diesem Zwect ein paar Wochen lang die Vorlesungen eines bekannten Professors des Collöge de France zu „schillden". So oft er aber auch hinging, er bekam den Professor nie zu sehen, und Kommilitionen erzählten ihm, baß ihn überhaupt noch kein Student gesehen hätte. Aus c machende Erkundiguligeti erfuhr der Dichter bann auch den Grund bim er profeisorlichen Pflichtpergessenheit der Gelehrte tarn nicht mehr, well er, so oft er früher auch erschienen war, den Hörsaat immer leer gefuiiden hatte. Was ihn aber nicht hinderte, sich jedes Vierteljahr pünktlich sein Gehalt auszahlen zu lassen. Im übrigen herrscht an Professoren, die vor leeren Hörsälen dozieren, kein Mangel. Ein solcher Professor war z. B. der berühmte Chemiker Venbelot; ihm liefen die Hörer davon, weil er seine Bor- lejungen recht eigenartig zu gestalten pflegte. Mitten in der Vorleiung unterbrach er sich ost und sagte: „Ich merke, bau ich Ihnen da eine gute, sogar eine sehr gute Idee auSeinLnderiebe; ich wette, daß man, wenn man sie näher ins Auge Ulfen würde, gute Resultate daraus gewinnen könittc. Gestatten Sie mir, daß ich sie weiter verfolgeSprach-, nahm, ohne erst eine Antwort abzmvarten, eilt 9üotijbüd)cld)cii aus der Tasche und vertiefte sich in Berechnungen, die kein Eiide nehmeil wollten; seine Hörer vergaß er darüber vollständig und merkte beiher and) nicht, daß einer nach dem andern den Höriaal verließ. Berthelot blieb mit seinem Problem und mit seinen algebraischen Gleichungen allein zurück und räumte das Katheder erst, wenn ein anderer Professor erschien. ♦ Pflastersteine aus Silber. Ein auS Bruchsteinen heraestellier Fußweg zwischen dec Stabt Cobalt unb ihrer Bahnstation ist, wie bie Zeitschrift „Steinbruch unb Sandgrube' belichtet, mit Silber gesprenkelt. Der G.anz in den Steinen nel einem Mann, der im Minenwesen bewandert ist, aus und bei einer Untersuchung stellte er ben Silbergehalt Jcit Tic etcine kamen Dom Ltbsall der Siver-Queen-Mine. ”VeÄ”’^ Ätzch 5»*£fe Sge- yäw* Uaueimaiin so Dul g-ru^mun ibuloroftbtn BolUit. IZu- ruf link»: €»ftemänberungl) Tal ist Einbildung. Herr Ballermann hat bie Bölowsche Politik von Anfang bit Hu (rnb- in den höchsten Lobeitönen gepriesen, aber die jebiar €iMtation ist eine notwendige Folg« dieser Politik. Herr Basier- mann widerlegt sich also selbst. Der Redner verliest dann Aeuße- runaen Bafiermann» oul trüberen Jahren, in denen die Bülow- Politik unterstützt wird. (Gelächter bet ben RationaNiberalen.s Herr Basiermann scbwörmte für einen selbständigen Sultan Unter französischer Oberhoheit? Wie stellt Herr Basiermann sich da» vor? Wäre e r vielleicht die geeignete Persönlichkeit für diesen Posten gewesen? (Heiterkeit.) Er hat -zu einer neuen Flottenvorlaae ermuntert. «Widerspruch der Ratl.s (Fr verlang» doch, daß Lücken aulgefüllt werden sollen. Woher tneifo er, daß solche Lücken vorbattden sind? Ist er Fachmann? Uber den .)? Ick wende mich zunächst zu ben Ausführungen be» Herr Gröber. Er bat unter anderem gesagt ick hätte gestern nne Vermehrung der Rüstungen geforbrrt Da» ist nickt richtig. Ick habe die Prüfiing gefordert ob Lücken vorhanden sind. Da» ist ganz etwa» andere». Ick habe im Gegenteil getagt, wir haben die volle lleberzeugung. dass nufere Webr aulreick'end ist. Weiter hat Herr Gröber gesagt, ick hätte die Bülow-Volitik gelobt, ihre Fortsetzung, die Bethmaun-Positif. getadelt. Dal habe ick ruckt getan. Ick habe im Gogente l gefügt, daß die jetzige Politik der Abbruch der 'rüderen Politik ist. Der Rcicklkanrler hat mir Wiber>'vruck vorgeworfen zwischen meiner Haltung 1905 und jetzt 1011. ffr bat meine Aul- tsihrungen unrichtig zitiert, und ick muß baber rickiigstcllen. Iva! -t gesagt habe. Ick h'be über ba» Iadr 1005 gesprocken unb habe getagt: damals war ein Sevaratabkommen mit Frankreich nicht möglich; bie gan-e vol titck'e Lage sprach dagegen, die geringe Wertschätzung in Deutschland kam dazu, und batu kam die Stcllunanahme England». Dal ist also ganz etwa» andere». Ilnd ich habe bann über 1011 gesagt: wir waren vor Agadir und ba mußten wir bleiben untere» Prestige halber. Wollten wir aber bert keinen Territorialerwerb, wollten wir nickt die 'lnabfiängigkeit del Süden! von Marokko, dann war dal ganze Agadir ein Fehler. (Sehr richtig!) Dann bat bet Reichskanzler davon gesprochen, ick häitc Tri- volil eine Folge von Agadir genannt unb hatte mir bie Argumente der deutschfeindlichen ausländischen Presse zu einen gemocht. Dal ist eine Unterstellung. um mick vor dem Lande zu dilkreditieren, die ich zurückweife. Außerdem sind aber seine Anlsührungen falsch, soweit er mich zitiert bot. Ich babe im Gegenteil gesagt: Tripoli! ist feine Folge von Agadir und zwar aul dem einfachen Grunde weil wir in Südmarokko kein Land genommen haben. Dann habe ick allerdingl gesagt: in dem Auaenbsick, in dem die Vrotektoratlfrage autgerollt war da musste die Triposilfrage in» Rollen kommen. Da» ist sonnenklar; dal muß eine fähige Diplo- ir.atic erkennen, unb wenn sie bal nicht erkannt hat, so ist dal eben sehr bedauerlich. D'e Unterstellung bezüglich meine! nationalen Empfinden», die in den Ausführungen de» Lie.ichskanzlerl lag, weise ich mit Entschiedenheit zurück. Sonnabend, 11 Uhr: Wciterberatung. Schluß gegen 6 Uhr. H. 4’ markt war die Hausse der Harpcncr Aktien, bie dann später eine solche der reinen Kohlenzechen nach sich zog, das hervor stechendste Ereignis. Neben den Beridiien über einen belferen Abruf am stoblcnmart stimulierten Meldungen über Angliede- rungSproickte in der Kohlenindustrie. Hüttcmvcrte traten mehr in den Hintergrund. Dagegen zeigte fick für einzelne Industrie- Papiere lebhafte- Interesse. Zm Vordergründe standen dabei Elektrizitätswerte, von denen Sdmckerl, Deutsche Ueberseeisdie, Brown Bvveri, Alkuinulatoren Berlin und Siemens Halske größere Avancen erzielten. Ter Abschluß wird bei der Siemens L Halske- und bei der Schudcrt-Gesellschait und den Siernens- Sdiuclert-Werkcn neue Nekordzifiern hinsichtlich der Msavmengen und der Gewinne ausweiscn. Maschinensavriken, Terrain-ÄHien und Zemcntwcrle waren gefragt und höher. Eine Steigerung von über 20 Proz. erfuhren Zuckerfabriken Frankenthal. Bon chemischen Werten waren Weiler ter Meer und Höchuer Farbwerke begünstigt aus Bericht vom Zusammenschluß beider Unternehmen. Slarkcr erholt waren Gummipeter-Aktien, obwohl die Geiclljchast kürzlich ihren Iahresverlnst mit 700 000 Mk. bezifferte unb noch keine Ausiiclit besteht, baß bie Kampspreise in bcr Pneumalikjabrikation halb aufgehoben werben. Bankaktien, Bahnen unb Schis sahrtswcrte konnten etwa- anzichen, ebenso heimische unb srembe Fonbs. Privatbiskont: 4V, Prozent. Wirrstroh 0,00—0,00 Mk. Alle! für 60 Kilo. Gefchäft flott, Tie Zufuhren waren aul Oberhessen, bem Kreise Dieburg und dem Cveiiauiuiö. Metcorologische vcobachtungcn der Station Sichen. Nov. Wett« 1U1 + 7,6 *0. 10. November --- — + 3,4 *0. 8 still SW 9. bist . Bed. Himmel Beiv. „ Nebel -45,H Vödnte Teniperatitr 9Ucbriflfic , Udebcilcblag: — 0,0 mm. Schafe 20, Schweine 254. Prer« pro lOu vto. IrfniUtepreil C cblen. üC.ei 88—91 60 Bullen. 81—87 47 39 40-00 80—00 40 63—64 49' 63 u3—54 437, 63 62 02-5 48)4 49 34 29 78—86 90—92 46 51 44 40 67 5U 43 uciumere unaii- und gute ^augtaluec 48—52 «.augtutver......41—4ö 64—69 66-62 71—76 63—69 SU—85 71—76 Vollsiessckige, oulgeniästete, höchsten Schlachtwerteö höchuens 6 Jahre alt 49—51 o cy a ' 6. Weidemastichafe . . . Schweins. Vollste,fchige, auSgeivachsene^ höchsten eculaaitiuertc»........43—46 Bolsiteuchige, jüngere......39—42 ü a 11 e n, U u l) 1 ollfteischige aulflemaiuie Lch>veuir inner 80 kj hebend- gewicht ..........4 M-49M 62-63 1c. , raulsuri a. M., 10. 2.ov. Heu- und Str ov markt. Anaeiahrcu waten » -agen Heu und •> Wogen Stroh. Btan uoiurie; eu 4.ibsteisch pr. Pftmd 84—86 Psg^ Ktihsleifch 70 Pfg^ Schiveine- fteijfl) pr. Pfuns 70—90 Pig^ halbiieiid) pr. Pib. 76—80 Psg* panuneliieiitt) pr. Pfd. 60—80 Pfg., Kartosjeln pr. loO Kg, 7.00 bi» st.OO Mk., Weißkraut da» Stuck 15 bi! 30 Pfg^ Zwiebeln per Ztr. io,OO—12,OO Mk» Milch das xitec 22 '4-ifr, Aeptel per Zlr. 15 Lu» 20 'Mk., Nüsse 100 Stuck 50—00 Pfg^ per Ztr. 0—00 Pik., Birneii das Pfund 15—25 Pfg. Marklzeit von 8—2 Uhr. F.C- Wielbadeu. V lehhof-Marktverlcht vom lu. Nov. Antrieb Rinder 71 (Lchfen 9, Kühe 62, Bullen 0), Kälber 94, vco lüu ß(u,l) ccn-^iiooa-bi) ,*P6rlk e,ne Blar N über di ■ M Smk gibt d' M^ng unterjef) W htätt ^^Hvurbe d $kle bk ! HS Telephon 165. Neustadt^ Allein-Verkauf: [”* Emil Koch, Damenfrisenr Seltersmeg 75. Telephon 787. in prima 6627 Qualität stets vorrätig bei hOlf >^o-prachfkaidlog und Kauften KbidcrwdgenyerdeddpcrtwäS®* ! 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