Nr. 28« Dritter Blatt 16L Jahrgang Dienstag, 5. Dezember 1$>11 Erscheint il-ttch mit Ausnahme de- ^onntaqT. Die „Gietzever L»m!ttendlSNer" werden dem , Stufiger* viermal wöchentlich beigelegt, daß „Hretsbletl fit den Krets »letzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwlrlichaftllchrn Lett- fraßen" erscheinen monatlich zweimal. Lietzener Anzeiger General-Anzeiger für Oberhefsen RotationSDruck und Verlag der Qrüblldieft Unweriuätß • Buch- und 6tembrudcrel. ÖL Lange. Dieben. Redaktion. Expedition und Driickerrt: Schul- ftraßc ?. Droedinon und Verlag: 6L Redaktion: 11L. r«L-Aür^Anze»gerDieben Mb. Deutscher Reichstag. 216. Sitzung, Montag, den 4. Dezember VTm Tische dcS Bundesrats: Wermuth. Daß Haus ist schwach besetzt. Pros. Graf Schwerin.Löwin eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 15 Minuten. Der Gesetzentwurf über die Verlänaerung der GültigkeitS- dauer de» Gesetzes betr. die militärische Strafrechtspflege iin Kiautschougebiet wird in erster und zweiter Lesung erledigt. Die Verlängerung geht bis zum 1. Januar 1918 Petltlonsberldite. Abg. Eickhoff (Dp.) berichtet über die in der Petitionskommission sehr gründlich behandelten Eingaben einer 'Reihe von Gruppen von Post- und Telcgraphenbeamten. Eö handelt sich um Wiederbewertung der Stellung der Oberpost- und Obertelegraphen- osiistenten als BeförderungSstcllung. die Gewährung einer pen- sionSfähiacn Zulage an die durch die Pcrsonalreform vom Jahre 1900 geschädigten älteren Kollegen, Stellenzulagen an die älteren, auS dem Zivilanwärterstande hervorgegangenen dec Post- assistentenklafse u. n Diese Eingaben werden für erledigt erklärt durch die in einer früheren Sitzung ocS Reichstages erfolgte Annahme einer Resolution der Budgetkom- Mission. Eine lange Reihe weiterer Eingaben wird sodann gleichfalls nach den Vorschlägen der Petitionskommission erledigt. So wird über eine Eingabe auf generelle Abschaffung der weid- tichen Bedien ung in Gast- und Schankwirt- schäften zur Tagesordnung übergegangen. Die Vorschläge der Deutschen K a l o n i a l gc s e l l s ch a f t und des A l l d e u t - schen Verbandes für die Abänderung des Gesetzes über die Erwerbung und den Verlust der Bundes, und Staatsangehörigkeit werden dem Reichskanzler als Material überwiesen. Als Material geht an den Reichs- kanzler u. a. auch eine Eingabe des Verbandes deutscher Bier- Verleger, die sich gegen mißbräuchliche Benutzung der Bierflaschen durch da» Publikum richtet. ES wird ein ReichSgesch gefordert »zum Schutz der Bierflasche n". Eine alö Material über- wicsenc Eingabe, die eine Kalenderreform fordert, und die Festlegung deö Osterfestes hat den Reichstag schon früher beschäftigt. Er hatte damals in einer Resolution den Reichskanzler ersucht, durch geeignete Maßnahmen dahin zu wirken, daß die großen zeitlichen Schwankungen dcS Osterfestes beseitigt werden. Als Material geht an den Reichskanzler weiter ein Wunsch deö Deutschen Sprachvereins, den Ver- merk »Frei laut Aversum" zu verdeutschen, etwa durch „Frei durch Ablösung". Unter ci icr Reihe von Bahnbauwünschen, die teils als Material, teils zur Erwägung überwiesen werden, befindet sich eine Eingabe der Stadt E o l m a r mit dem Projekt einer neuen Bahnverbindung zwischen Deutschland und Frankreich, einer dritten Vogesen bahn. Das Projekt wird dem Reichskanzler grundsätzlich zur Berücksichtigung, und soweit c» sich um die einzelnen vorgeschlagenen Routen handelt, zur Erwägung übertviesen. Der Fischcrei-Verbano von Vorpommern und Rügen ersucht um Einführung eines Schutzzolles auf frische Fische und Heringe. Die Kommission beantragt Uebergang zur Tagesordnung. Abg. v. Treuenfels (Kons.) beantragt Ucbcrwcisung der Eingabe zur E r w ä g u n g. Er erklärt, den Antrag nicht im Namen bcr Fraktion zu stellen. ES handelt sich um daS Lebenöinteresse der Fischerei an ter ganzen Küste. Auch die Marine, die sich ja aus Der Fischereibevölkerung in erster Linie rekrutiert, ist daran interessiert. Hoffentlich passiert eS mir nicht wie Herrn von Heydebrand, daß meine Rete nach 21 Stunden als Wahlmache bezeichnet wird; zumal ich ja nicht wieder kandidiere. Abg. Schwartz-Lübeck (Soz.) bekämpft den Antrag. Abg. Hormann (Dp.) gleichfalls. Anstatt dem Wunsch des Redners der Rechten zu folgen, sollte die Regierung für rascheren und zweckmäßigeren Fiscktransport in besonderen Fisck'bahnwagen in Schnellzügen sorgen Der Notstand liegt nicht in der Zufuhr ausländischer Fiscbc; wir können noch viel mehr konsumieren. Tie Fischerei- interessenten von Geestemünde usw. haben sich auf daS entschiedenste gegen den Fischzoll ausgesprochen. Slbg. Dr. Bnrckhardt (Wirtsch. Vgg.): Nur wcrll Herr Hormann von dem .Redner der Rechten" ge- shrocheu hat, stelle ich fest, daß Herr von TreuenfelS nur für seine Person gesprochen hat. Der Antrag TreuenfelS findet nickt die genügende Unterstützung, kommt also nicht zur Ab st immun g. Nack Erledigung der auf der Tagesordnung stehenden 24 Petitionen werden RecknungSberichtein zweiter Lesung verhandelt. Tas Wort wird dazu nicht genommen, ebensowenig zum Bericht der Reichsschuldenkommission. Die Mnanzpolitifche Erklärung des Reidisfchafzsekrefdrs. Der folgende Gegenstand der Tagesordnung ist die zweite Lesung der o st afrikanischen Bahnvorlage. Schatzsekretär Wermuth: In Ihrer Budgetkommission ist die Frage gestellt worden, ob die Finanzlage deS Reiches eine Mehraufwendung für die Tangan- jikabahn gestattet, und in Anknüpfung daran bat sich eine kurze Debatte über Die Entwicklung der Reichsfinanzen geknüpfL Ich sehe mich veranlaßt, hierauf zurückzukommen, und zwar nicht nur deswegen, weil die Zeitungsberichte über die von unserer Seite in der Kommission abgegebenen Erklärungen samt- lich ungenau waren (Hört! Hört! rechts.), sondern auch deswegen, weil sehr ungünstige Darstellungen über den Etat von 1912 verbreitet worden sind. (Hört! Hört! rechts und im Zentr.) Es ist gewiß jedermanns gutes Recht, den Finanzen ein bedrohliches Horoskop zu stellen, obwohl ich es von meinem Standpunkt nicht für glücklich halte, das immer wieder au8 dem Gesichtswinkel zu hm, weil man mit der Finanzgesetzgebung von 1909 nicht ein- verstanden ist. (Stürmisches Hört! Hört! im Zentr. und rechts.) Aber wenn die öffentliche Beurteilung der Finanzlage eine zu ab. trägl che wird, dann muß nicht aus Partei-, sondern aus allgemeinen Rücksichten (Hört! Hört! rechts und im Zentr.) die, Finanzverwaltung einmal auf dem Plan erscheinen, denn wir haben ein dringende» Interesse daran, daß da» vertrauen in unsere Finanzgesetzgebung nicht aufhört und den Kredit des Reichs nicht Do beeinträchtigt zu sehen, wo er voll begründeten Anipruck darauf hat als gut und al» voll- wertig angelegen zu Wersen, i Sehr wahr! rechts.) Ich gestatte mir deshalb — und nur deshalb zu erklären, daß wir Aussicht haben, die Gesundung Der Reichöfinanzen (Hört! Hört! rechts lind im Zentrum. Zuruf von links: Aussicht haben!) mehrere Jahre früher zu erreichen (Hört! Hört! rechts und int Zentrum), alö inan allerseits 1909 vorausgesetzt hat (Hört! Hört! rechts und int Zentrum, Unruhe und Bewegung.) DaS zeigt sich ganz deutlich in dem Stande der Anleihen. Seit dem Jahre 1909 ist die Reick>Sanleihe jedes Jahr in Stufen von je 50 Millionen Mark herabgegangen. (Hört! Hört!) und es darf angenommen werden, daß auch im Jahre 1912 von dem gegenwärtigen 100 Millionen l^ctragenden Stande wieder um die gleiche Stufe berabgegangen werden kann. (Hört! Hört! reckts und int Zentrum.) Damit sind wir dem Ziele, das unS gesteckt ift. überaus nahe gekommen, daß nämlich nut werbende Ausgaben auf Anleihen stehen — in der End- ziffer, ich komme Darauf noch zurück. Daneben steht die Kolonialanleihe, die aber bekanntlich nur auf werbenden Ausgaben beruht. Wie man den in dieser Ziffernreihe sich dock zweifellos ausdrückenden Erfolg in fein Gegenteil verkehren und wie man davon hat sprechen können, daß der Etat von 1912 nur durch einen neuen Pnmp balanciert weiden könne, ist mir unerklärlich. (Lebhafter Bei'all und Hört! Hört! rechts und im Zentrum.) Ein Rückblick auf den Finanzgesetzentwurf vom 3. November 1909 wird Sie davon überzeugen, daß man in jener Zeit eine wesentlich höhere Anleihe für die Jahre 1909 bis 1912 befürchtete, alö sie numncbi tatsächlich nach den von mir gegebenen Taten in die Erscheinung getreten sind. In den unglückseligen Jahren, die vorhergegangen waren, waren sehr große Summen auf Anleihe genommen worden, die noch jahrelang verbleiben mußten, und die bestimmungsgemäß größtenteils noch jetzt auf unseren Anleihen lasten. (Hört! Hört!) Diese provisorische Weiterbelastung des außerordentlichen Etats mit Ausgaben, die demnächst auf den ordentlichen Etat übergeführt werden müssen, hat ja bekanntlich auck die Folge gehabt, daß in den Jahren 1910 und 1911 die Schuldentilgung doch nicht voll zur Wirkung zu kommen schien, sonoern von den Anleihen sollte abqeschrieben werden. Aber ge- rode in diesem entscheidenden Punkte ist un3 die tatsächliche Entwicklung überaus nachdrücklich zu Hilfe gekommen. Was die Etats von 1910 und 1911 hier zu wünschen übrig lasier, das haben die Ueberschüsse nachgehol l. Wir hatten 1910 einen Heber- schuß von 117,7 Millionen Mark. (Hört, hört!) Und daö Jahr 1911 wird dahinter nicht Auriicfblcibcn. (Hört, hört!) Rechne ich nun die beiden Jahre 19'0 und 1911 zusammen, so ergibt sich — meine Herren, ich bitte, das als von besonderem Interesse sich merken zu wollen — so ergibt sich, daß wir in beiden Jahren die SchuldentilgungSbeträge, d'e im Etat stehen, int vollen Umfange zur wirklichen, nicht bloß zur scheinbaren Minderung der Reichs- schuld verwendet haben (Hört! Hört! rechts und im Zentrum), während die beiden Anleihen durch die Ueberschüsie und durch sonstige Verbesserungen d«-s Etats aus der Welt geschafft worden sind. (Hört, hört! Unruhe links, und Zuruf: Wahlrede!) DaS ist zunächst eine Reoe zur Feststellung desien, was die Finanzen nötig hcben: ick have keine Veranlassung gegeben zu diesem Zwischenruf. (Unruhe links.) Mit den Ziffern, auf denen der voraussichtliche Abschluß für 1911 beruht, stimmt auch vollständig daS Ansehen unseres Schuldenbestandes überein. Wir haben weder für 1910 noch für 1911 irgendeine Anleihe begeben. (Hört, hört!) Wir haben kleinere Beträge auSgelauscht gegen Schuldverschreibungen, die wir im öffentlichen Markte ankauften, aber die angekauften Beträge sind höher als die auSgegebenen. Und außerdem haben sich die Schatzanweisungen ganz erheblich vermindert, und endlich sind wir in der Lage gewesen, von den verzinslichen Schatzanweifungen, die am 1. Oktober dieses Jahres fällig waren, einen Teil, nämlich 40 Millionen, nicht zu ver- längern, sondern bar auszuzahlen. (Hört, hört!) Rechnen wir diese Beträge zusammen, so ergibt sich bis zum Ende des laufen» den Etatsjahres eine Verminderung des Schulden. beftanbeS, welche fast genau den Sckuldentilaungsbeträaen entspricht, die 1909 und 1910 eingestellt sind. Also die beiden Etats 1909 und 1910 haben die Aufgaben, die späteren Jahren Vorbehalten waren, bereits in vollem Maße erfüllt. (Hört, hört! rechts und im Zentrum.) DerEtatfür 1912 liegt zur Zeit dem Bundesrat vor. Ich bin deshalb nicht in der Lage, darüber im einzelnen Auskunft zu erteilen. Außerdem vermag ich die wirtschaftliche Entwicklung des nächsten JabreS nicht vorguSzusehen. Vorsicht und Nüchtern- heit ist hier gewiß am Platze. Aber das ftebt fest, daß wir auch für das Jahr 1912 mit erheblich steigenden Zoll- und Steuereinnahmen zu rechnen in Der Lage sind. (Hört! Hört!) Ebenso mit steigenden Nettoeinnahmen für Post und Äsenbahn, und daß wir festhalten an den Matrikular- beiträgen von 1910. ES ist und bleibt für uns ein Haupt- bestandtefi des gesamten Finanzprogramms, auf einem bestimmten Betrage Der Matrikularbeiträge zu beharren Voraussetzung Dabei ist natürlich — daS habe ich wiederholt erklärt, ich gestatte mir, eS hier noch besonders zu unterstreichen —. daß diese Abgrenzung nicht nur nach oben, sondern auch nach unten erfolgt; denn wenn hier eine Unsicherheit be- stände. Dann bliebe wie früher daS Wirtschaften auS einem Jahr in daS andere. Ich beschränke mich auf diese wenigen Worte, bin aber selbstverständlich bereit, über Einzelheiten, worüber ich gefragt werde, Auskunft zu erteilen. Mir lag nur daran. Ihnen im allgemeinen zu zeigen, daß die Finanzen nach wie vor auf gutem Wege sich befinden. Noch einen kräftigen Ruck haben wir nötig und die Hauptarbeit ist getan. (Beifall rechts und im Zentrum.) Sie wird so lange von Nutzen sein, als wir mit eiserner Konseguenz bei Den bisherigen GrunDsätzen verbleiben. Und um von diesen Grundsätzen an den Gegenstand Der Tagesordnung wieder anzuknüpfen, kann ich Ihnen mit gutem Gewissen die vorliegende Vorlage empfehlen. /Heiterkeit, fturmifchcr Beifall rechts und im Zentrum, Zurufe links, anhaltende Bewegung.) Als Vertreter der Regierung bei der ostafrikamschen Bahn- Vorlage ist der Gouverneur von Rechenberg an- wesend. Abg. Dr. Tröscher (Kons.) erstattet den Bericht über die Kommissionsverhandlung. Abg. Erzbcrger (Zentr.): Wir sind für D:e Vorlage. In unserer Sympathie sind wir Durch die heutigen Erklärungen des SckutzfekretärS noch bestärkt worden. Eö ist höchst erfreulich daß er einmal von dieser Stelle aus die Unmenge von Verdrehungen absichtlicher Art, die über die Finanzreform im Gange tvaren, mit der nöligen Sckärse zurückgewicsen hat. Er ift ihnen mit unbestreitbaren Tatsachen entgegengetreten. (Huruf ltnkS: E» war eine Wahlrede!) Es ist keine Wahlrede, wenn man solche Wahrheiten vorbringt, und wenn man so streng bei Der Wahrheit bleibt, wie bcr Schatzsekretär. (Beifall rechts und im Zentrum. Gelächter links.) Solche Wahlrede» wären uns immer sehr angenehm. Aber die Wahrheit muß ja einmal siegen. Da» sind nickt alles für Unwahrheiten verbreitet worden! Da hat zum Beispiel die ,Freisinnige Zeitung" behauptet, ein neuer Pump für 1912 fei in Aussicht gestellt Man kann da gar nicht einmal annebmen. daß sie aus Unkenntnis gehanDelt hat, man muß vielmehr glauben, daß sie wider besseres Wissen diese Be- hauoliing ausgestellt hat. Auch nach den Erklärungen deS Schatz- sekretärS in Der Blidgetkomminion hielt sie an ihren Behauptungen fest. (Hört! Hört! im Zentrum.) DaS ist wirklich sehr ungeniert. Besonders wertvoll ist Die Erklärung deS Staatssekretär-, daß weder im Jahre 1910, noch 1911 auch nur ein Pfennig neue Anleihen aufgenommen find. Tas ist ein erfreuliches Resultat, das um so größer und wuchtiger ist, als man sogar in den Voranschlägen neue Anleihen vorgesehen batte. Weiter ist bebeu- tuiigSvoll die Tatsache, daß wir sogar sckon zur Schuldentilgung übergegangen sind. Also schon jetzt haben die R eich» f inan- zencine Gesundung erlangt, die wir e r ft für 1916 erhofften. (Widerspruch links.) Ware eS Ihnen etwa lieber, wenn die Finanzen nicht gesund wären? So schlecht sind Sie doch nicht. (Abg. Gothein: T,c Liebesgaben bestehen ja immer noch!) Ach, da gibt cs noch ganz andere Liebesgaben. Wir kommen ja noch bei der Diamantcnfrage zu der Ternburgschen Liebesgabe an das Berliner Großkapital. (Unruhe links.) Die Finanzen sind gut, alle trüben Befürchtungen waren haltlos, waren Märchen und Unwahrheiten. Tie Au«- gaben für Post und Eisenbahn kann man natürlich gar nicht als Anleihen rechnen. In dieser Beziehung hat uns ja Herr von Gwinner sogar den Vorwurf gemacht, daß wir viel zu wenig Schulden machen. Der badische Finanzminister hat auch die gun- stige Entwicklung anerkannt. (?lbg. Dr. Müller-Meimngen: Spielen Sie sich wieder als Zensor auf?) Habe ich nidjt Da# Recht, zu allen Fragen Stellung zu nehmen? Etwas scharfer hat sich Der sächsische Finanzminister ausgesprochen. Er macht sogar für die Bundesstaaten Anspruch auf die Ucber- schüsse des Reiches. So haben wir nicht gewettet. Wir haben die Bundesstaaten durch das Abkommen von 1900 von einer schweren Last befreit. Sie hätten ohne Stundung alle» nachzahlen müssen. Die 80 Pfennig Matrikularbeiträge aber Jini fester Bestand. Wir wollen nicht mehr als 80 Pfenntg erheben aber wenn Ueberschüsse sind, sollen die Bundesstaaten auch nichts erhalten. Der Schatzselretär wird gut tun, alle weiteren Ansprüche der Bundesstaaten abzulehnen. Abg. Dr. Pnafche (Natl.): Meine politischen Freunde sind Dem NeichSschatzsekretäe aufrichtig dankbar, daß er klipp und klar gezeigt hat, wie die Lage der Finanzen ist. Daß die Lage der Finanzen jetzt leidlich günstig ist, hat unS alle auch auf dieser Seite nur erfreut. Ich kann aber daraus nicht die Konsequenzen zieheii, die der Abg. Erzberger daraus gezogen hat, nun em Loblied auf die Neichsfinanzreform zu singen (Zustimmung links). Denn dazu liegt gar keine Veranlassung vor. Ist eS ein Wunder, daß wir günstige Finanzen haben? Wenn ich als Privatmann meine Einnahmen erhöbe, bann sind meine Finanzen auch günstiger. Und wenn die einzelstaatlichen Minister auch mit der Finanzlage einverstanden sind, so haben wir es doch in der Hand gehabt; wir, speziell meine Freunde, haben gern daran mitgearbeitet, und ich bin derjenige gewesen, der den Antrag gestellt hat, daß die restierenden Matrikularbeiträge, die seinerzeit immer und immer wieder gestundet wurden, einfach gestrichen wurden und daß über 723 Millionen auf Anleihe übernommen wurden, um die Einzelstaaten von Den alten Laden- bütem, den alten Schulden, zu deren Zahlung sie eigentlich verpflichtet waren, mit einemmal zu entlasten. Daß die Reichs- finanzen auch von selbst besser werden würden, haben die Herren vom Zentrum bei der Beratung der Finanzreform, als sie noch in Opposition waren, mit allem Nachdruck betont. (Sehr richtig! links.) Die ersten 10 biS 12 Sitzungen der Kommission für die Finanzreform wurden vom Zentrum benutzt, um immer eine Anfrage nach der anderen zu stellen, um den Nachweis $u führen, daß die Finanzen beileibe nicht so ungünstig seien, wie die Damalige Tcnkschraft eS behauptete. Mir als Vorsitzenden Der Kommission wurden deswegen Draußen im Lande Vorwürfe gemacht, ich sollte schneller vorgehen, aber da waren eS gerade die Herren vom Zentrum, die immer und immer wieder Den Nachweis zu führen suchten, daß wir ja momentan nur in einer ganz besonders ungünstigen Finanzlage wären daß Die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse, Die geringen Zollerträge, die Depression an der Börse und bergt, daran schuld wären. Das Zentrum wollte damals ja auch nur 300 Millionen Steuern bewilligen. Mit dem Aufblühen De» Wirtschaftslebens sind Denn auch wieder bessere Zeiten für unsere Finanzen gekommen. Wir haben steigende Zolleinnahmen, gute Einnahmen auS den Steuern an der Börse und bergl. mehr. Und dazu kommen die reichen Mittel auS der Finanzreform, die natürlich zum Ausdruck kommen müssen. Es wäre eine Finanzwirtschaft, die nickt wert wäre, überhaupt kritisiert zu werden, wenn sie 500 Millionen in die Tasche stecken und noch Schulden machen wollte (Lebb. Zurufe links.) Unser Urteil über Die Finanzreform bleibt Dabei unangetastet. Die verbündeten Regierungen haben daS Geld genommen, obgleich sie bis zum letzten Tage immer und immer wieder erklärt haben, ohne Den sozialen Ein- schlag könnten sie Die Finanzreform nickt annehmen. Ihre Finanzen sind dadurch gebessert. Das ist selbstverständlich Sie haben seit Der Zeit auck wieder eine Finanzreform gemacht, sie hoben die Wertzuwackssteuer auch bekommen. Wir haben sie mitbewilligt. Jedenfalls bleibt das bestehen: ES ist sehr erfreulich. daß die Lage deS Reiches finanziell besser geworden ift Jeder Patriot wird sich darüber freuen. Wir bedauern aber, daß diese verbesserte Finanzlage durch eine Finanzreform zu- stände gekommen ist, deren Unterlage und deren sozialer Grundzug wir nicht für richtig erklären. (Lebhafter Beifall links.) Abg. Gothein (23p.): Diese ganze Debatte ist an den Haaren herbei« gezogen. Ick will nicht untersuchen, ob die Haarkünstler in der Regierung oder :n Zentrum sitzen. (Sehr gut! linkst Daß bei so großen neuen Steuern erhebliche Mittel eingehen, ist kein Wunder. Dex Schatzsekretär hätte uns mitteilen sollen, toieblti Abg. Zietsch (Soz.): ES ist recht auffällig, daß eine auf ein Korrespondenzbureau »urückzuführende Auslassung der »Freisinnigen Zeitung" zu dieser Erkläcuna des Schatzsekretärs geführt hat. Wann geben die Herren von der Regierung sonst etwas auf Aeußerungen der Presse, besonders der linken? Aber die Herren drüben haben Das lebhafte Bedürfnis, daß die Reichsfinanzrcform als ein gutes Wer! angepriesen wird. Es ist eine Wahlparole, die Rettung Lurch Herrn Wermuth, nachdem Sie am 7. November so oor den Kopf geschlagen sind. (Lachen rechts.) Im Grunde be- auftrete und die Tatsachen darlege? (Lebhafter Beifall rechts und im Zentrum.) Die Festigkeit unserer Reichsfinanzen, die Festigkeit unseres Kredits tft notwendig für unser Ansehen nach innen und außen. Ich halte mich für berufen» diese Festigkeit hier festzustellen, ohne Rücksicht auf alle Parteiinteressen. ((Lebhafter Beifall.) Ich will damit kein Parteiinteresse schä- Digen, aber ich kann keine Rücksicht nehmen, wenn es geschädigt wird, weil Sie sich selbst in diese Lage gebracht haben. (Beifall rechts und im Zentrum, Gelächter links.) Herr Gothein hat dieses Verhalten der Presse draußen hier fortgesetzt, er hat mich in die Notwendigkeit versetzt, hier wieder eine Finanzrede zu halten. Mir liegt an und für sich nichts ferner, als über die Zölle ustv. hier zu sprechen, ich will.meine Etatsrede erst im Februar halten und habe gar kein besonderes Interesse daran, schon heute etwas zu sagen, Ich muß es aber, da Herr Gothein hier Zahlen borgebracht hat, bte jeden Christenmenschen mit Schaudern erfüllen. (Große Heiterkeit.) Die Zahlen, die ich Ihnen vor- trage, sind nicht definitiv, sie beruhen aber auf tiefergehender Be- rechnung als die des Herrn Gothein. Ich dachte, ich hätte schlecht gehört, als ich von Herrn Gothein vernahm, daß die ganze Finanzreform 230 Millionen betrüge. Die Finanzreform Belief sich ja schon in ihrem ersten Ziele auf 417 Millionen Mark. Davon haben wir selbst schon 1910 in den Etat 298 Millionen Mark eingestellt, und diese sind auch boll eingegangen (Hört! Hört! rechts und int Zentr.), auch sie find sogar noch überschritten. (Hört! Hort! rechts.) Von dem Gesamtbeträge von 500 Millionen nahmen wir nicht an, daß er im ersten Jahre sofort eingehen würde. Wir haben mehrere Jahre gerechnet, die es dauern würde, bis die Steuererträge soweit ein- gingen, daß man zu einem Beharrungszustande kommen konnte. Wir hatten im ersten Jahr eingesetzt 293 Millionen Mark, im zweiten Jahre 30 Millionen mehr, 820 Millionen. Danach hätte die Finanzreform sich im zweiten Jahre, 1911, etwa um 90 Millio- neu Mark unter dem Beharrungszustande befunden. Wie ist es aber nun tatsächlich^ gekommen? Ich habe nur Schätzungen hier, aber amtliche Schätzungen, die aber in keiner Weise irgend jemandem zuliebe und zuleide berechnet worden sind. Wir haben im Jahre 1910 tatsächlich ein Minus von 103 Millionen Mark ge- habt, unter dem, was die Finanzreform hätte bringen müssen. Im Jahre 1911 aber haben wir nur noch ein Minus von 24,6 Millionen Mark gehabt gegen den BeharrungSzustand, also ein Mehr gegen 1910 von 79 Millionen Mark. (Hört! Hört! rechts und im Zentrum.) DaS ist also doch ein ziemlich rapides Zuschreiten auf den Beharrungszustand. Es fehlen immer noch 24 Millionen. Aber deswegen kann ich doch die ganze Finanzreform in keiner Weise als einen Fehlschlag bezeichnen, weil wir den BeharrungSzustand noch nicht erreicht haben, sondern erst im Laufe von vielleicht ein oder zwei Jahren endgültig erreichen werden. Die Rechnungen des Abgeordneten Gothein sind nach unseren Zahlen ganz unmöglich. Bei Kaffee und Tee hatten wir im Jahre 1910 noch ein Minus von 4,4 Millionen, im Jahre 1911 dagegen ein Plus von 0,2 Mil- honen. (Hört! Hört! rechts und im Zentr.) Dasselbe gilt vom Tabak. Der Tabak hat 1910 7,4 Millionen Mark mehr als der Voranschlag gebracht, (Hört Hort! rechts und im Zentr.) und 1911 tottb er voraussichtlich 21,5 Millionen mehr als der Voranschlag bringen. (Hört! Hört! rechts und im Zentr.) Der Abg. Gothein gehrWsschahen. ^(Dehr richtig? linTB.y Tabak und Zigaretten sollten 45 Millionen bringen, bringen aber 1910 nur 80 Millionen, Kaffee und Tee statt 37 nur 14,55 Millionen, das Bier bringt statt 100 nur 59 Millionen; und so geht eS fort. Sie sind mit Ihren Anschlägen ins Hintertreffen geraten. Statt der veranschlagten 420 Millionen sind nur 280 eingekommen, also 190 weniger. Wenn trotzdem die Finanzen gedeihen, wozu dann die vielen neuen Steuern? Warum belastet man dann das Volk? Alle wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich verschlechtert! (Dr. Arendt: Wir haben wirtschaftlichen Aufschwung!) Der lebt in Ihrer Phantasie. Wie, Herr Erzberger, Sie haben das alles nicht erwartet? Dann haben Sie uns 1909 blauen Dunst vorgemacht! Aber Herr Erzberger bringt ja alles gtigl Schaffen Sie doch die Liebesgaben ab, die Sie _ dem oarzblauen Block als Morgengabe dargebracht haben. (Gelächter Zentrum.) _ u. Es ist eine alte Erfahrung: ivenn es zu den Wahlen geht, dann wird die Finanzlage immer rosig dargestellt, weil die Ausgaben vorsichtig gehalten werden, weil der Schatzsekretär ein wenig den Daumen auf den Beutel drückt. Eine Gesundung der Finanzen aber, die durch ungesunde Mittel erzeugt wird,, ist keine tcuigmbe Gesundung für das Volk. (Beifall linto.V , ,, - ' Staatssekretär Wermuth: r-v Herr Gothein hat behauptet, ich hätte die FinanzdebaUe än den Haaren herbeigezogen, mehrfach fiel auch der Ausdruck .Wahlrede". Herr Gothein und die ihm nahestehende Presse hat die Veranlassung zu meinen Ausführungen gegeben. Kaum war nämlich die erste Zahl über den Etat erschienen, da schrieben sogleich Drei oder vier Zeitungen, daß wir einen neuen Purnv an- legen, daß die Finanzreform vollständig gescheitert wäre und daß kube Finanzausfichten vorhanden seien. Es mußte nach diesen Artikeln erscheinen, als ob unsere Finanzen sich tn der größten Misere befanden. Wollen Sie es mir da verdenken, daß rch hier wird er voraussichtlich 21,5 Millionen mehr als der Voranschlag bringen. (Hört! Hört! rechts und im Zentr.) Der Abg. Gothein kann die Zahlen gar nicht in vollem Maße zur Verfügung gehabt haben, es ist ein ziemlich kompliziertes Rechenexempel. Nun kommen die Beträge, die bisher ein Minus ergeben haben. Wenn ich jetzt Minus allein vorlegen werde, wird der Abg. Gothein gleich bei jeder Position Hört! Hört! rufen. Deshalb will ich vorsichts- halber gleich noch einmal vorlesen, was 1910 und 1911 ein- gegangen ist. Also beim Branntwein hatten wir 1910 noch ein Minus von 45 Millionen, 1911 aber nur noch ein solches von 10,9 Millionen. Bei den Leuchtmitteln ist das Minus von 10,1 Millionen auf 7,6 Millionen gesunken, bei den Zünd- toaren von 11,4 auf 6,8 Millionen. Beim Vier hatten wir allerdings im ersten Jahre noch ein Minus von 22,1 Millionen, hn zweiten Jahre nur noch ein solches von 4 Millionen (Hört! Hort! rechts und im Zentrum.) Daß die Wechselstempelsteuer nicht günstig gewesen ist, habe ich schon wiederholt betont. Ich will die Debatte nicht weiter ausspinnen. Ich habe die Debatte jotoeit sie mit der Finanzreform zusammenhangt und soweit sie sich gänzlich von dem Gegenstände, der ostafrikanischen Eisenbahn, entfernt, nickt provoziert. Der Abg. Gothein hat noch gesagt: wozik denn die vielen neuen Steuern, wenn die Finanzen so glänzend sind! Dieses Thema habe ich weder aufgestellt noch variiert. Wir haben uns 1909 lediglich Mühe gegeben, aus einer schweren Finanzd e r o u te h erauSzuarb ei- t e n. Wir sind jetzt im Begriff, das zu tun, und wir können uns freuen, wenn uns das in nächster Zeit gelingt. Darum au triumphieren und wieder in die frühere Gefahr zurückzufallen, davor muß ich am allerernstesten warnen, und ich würde das niemals mitmachen. (Lebhafter Beifall rechts und im Zentrum.) säg? doch die Erklärung' des SchatzsekretarS sehr wenig': doch nichts weiter, als daß auf Grund der neuen Steuern mehr Geld eingekommen ist, als die Herren von der Regierung erwartet hatten. Und darüber der Jubelschreil Auf den Wahlflug, blättern wird das ja noch ganz anders zum Ausdruck gebracht. In Wirklichkeit hat Herr Wermuth erklärt, daß sich etwas Be- stimmtes über die Zukunft noch nicht sagen lasse. Daß neue Schulden nur auf werbenden Anlagen gemacht werden — es wäre allerdings allerhöchste Zeit. Vor der Wahl sind wir den Erklärungen der Regierung gegenüber jedenfalls sehr vorsichtig. Als wir die Aufhebung der Zündholzsteuer beantragten, da sah Herr Wermuth die Finanzen weniger rosig an — da war die Wahl noch nicht so nahe. Die neue Militär- und Flottenrüstung wird den $ampf um die ErbschaftS- und indirekten Steuern von neuem bringen. Was die Vorlage anlangt, so werden wir für den ersten Teil, für bte Norbbahn stimmen, denn c5 handelt sich um ben Ausbau einer schon bestehenden Bahn und die Mittel bafiir werden sich durch die Erschließung des Landes ergeben. Den Weiterbau der Mittellandbahn aber lehnen mir ab; hier liegen die Verhältnisse anders. Sorgen Sie zunächst für die Hebung des Verkehrs in der Heimat. Bei uns aber erdrosseln Sie den Verkehr durch die Schiffahrtsabgaben, in Afrika geben Sie die Millionen zu Hunderten au8. Sobald Herr Wermuth an uns herantritt und zum Zwecke einer Steuerentlastung der Unbemittelten eine Heranziehung der Besitzenden bringt, wir werden ihn nickt im Stiche lassen; Sie Drüben aber werden ihm dann nicht Beifall klatschen. Sie werden rufen: Nieder mit ihm! ' STbg. Dr. Arendt WJ* Meine politischen Freunde werden für die Vorlage stimmen, die unseren Wünschen entspricht, und der wir mit Genugtuung aegenüberstehen. Wir begrüßen es, baß bie große wichtige Ver- binbung zwischen bem deutschen Haupthafen Daressalaam unb den großen innerafrikanischen Seen zum ersten Male hergestellt wirb, unb erwarten bavon einen außerorbentlichen Aufschwung der afrikanischen Kolonie. Wir hoffen, baß sich baran auch eine weitere Erschließung der Kolonien mit Eisenbahnen anschlietzen wird. Die Wahlrebe hat nicht ber Sckatzsekretär gehalten, sondern Herr Gothein. Die Aeußerungen in ber Kommission sind in ent- stellter Form in die Oeffentlickkeit gekommen unb so ist unsere Finanzwirtschaft falsch bargestellt worden; Klarstellung war un- bedingt notwendig. Daß daraus ein gutes Gesamtbild der Wir- kung der Finanzreform wurde, verdanken wir Herrn Gothein; ich spreche ihm Den besten Dank aus und Anerkennung für die Geschicklichkeit, mit ber er verfahren ist. Man sieht, wie selbst in ben klügsten Köpfen ber Fortschrittspartei infolge ber ständigen Lektüre Ihrer Zeitungen eine gewisse Verwirrung entsteht. Im übrigen: mehr als totgeschlagen kann man nicht werden, unb tot- geschlagen sinb bie Zahlen des Herrn Gothein. (Lebhafte Zu- ftimmung rechts. Abg. Gothein: Amtliche Zahlen!) Der Rebner polemisiert eingehend weiter gegen Gotbein sowie gegen Dr. Pansche wegen ihres Verhaltend bei ber Beratung ber Finanzreform. (Präs. Graf Schwerin ersucht ben Rebner schließlich, in bie Einzelheiten bet Finanzreform nicht zu weit einzugehen.) Hätten wir ohne bie Finanzreform biese afrikanische Bahnvorlage machen können, einen ber wichtigsten Fortschritte? Ich hoffe, baß bie Gesundung der Reicksfinanz- reform audj_tn ben kommenben Jahren ähnliche Vorlagen ermöglicht. Auch bie Fortführung ber Norbbabn ist er- forderlich. Ich empfinde mit besonderer Genugtuung, baß mein Iugendioeal in Erfüllung geht; wer hätte vor einem Viertel- jahrhunbert ein solches Fortschreiten unserer Kolonialpolitik vor- aussagen können! t Abg. Erzberger '(Zenkr.H Herr Paasche hat sich auf bie Anerkennung beschrankt, daß der heutige Stand ber Reichsfinanzen ein günstiger ist. Er hat auch bebauert bie Entstellung in linksliberalen Blättern. Das ist anzuerkennen. Herrn Gotheins Rede aber sollte in allen Gemeinden des Deutschen Reiches angeschlagen werden, fteilich zusammen mit ber bes Staatssekretärs. (Lebhafter Beifall rechts unb im Zentrum.) Das würbe eine Aufklärung zur Folge haben! Da; wird auch zur Stärkung des deutschen Ansehens im Auslände führen. Abg. Dr. Müller-Meiningen (Vp.)? (wirb mit großer Unruhs empfangen): Ja, wir haben nicht schuld an der Finanzreform-Debatte. (Gelächter rechts und im Zentrum. — Zuruf: Gothein!) O nein, der Schatzsekretär! Eingeleitet ist die Aktion von Herrn Mathias Erzberger und Genossen. Die Kommissionsverhandlung hat dem Schatzsekretär auch nicht den mindesten Anlaß gegeben, in biefer Weise gegen unsere Presse vorzugehen. (Unruhe.) Herr Erzberger hat es gewagt — heute tat er es etwas milder —, von schamloser V erlogen heit zu sprechen. Der Vor- sitzende der Budgetkommission hat diese Bezeichnung ja selbst auf das allerschärfste zurückgewiesen. (Hort! Hört! links.) Wenn Sie wissen wollen, Herr Erzberger, was schamlose Verlogenheit ist, bann schauen Sie in Ihre eigene Presse: Sehen Sie tn Ihre letzte Wahlbrojchüre: Wen wählen wir? Diese Aktion des Sckatzsekretärs, im Auftrage des schwarzblauen Blocks (Lärm und Gelächter im Zentrum.) ist die Entschädigung für bie gröblich unterlassene Vorlage des Etats von 1912. Die haben Sie boch verlangt. (Widerspruch rechts.) Lesen Sie denn Ihre eigenen Zeitungen nicht mehr? (Heiterkeit.) Wir wären sehr froh, wenn die rosigen Hoffnungen des Schatzsekretärs in Erfüllung gehen folgten; e3 toar aber nur eine Schönmalerei z u Wahlzwecken. Ter Redner geht auf die einzelnen Steuern der tfinangreform ein unb wirb zweimal vom Präsibenten zur Sache gerufen. Er beschäftigt sich bann weiter mit Herrn Erzberger unb bemerkt: Aus christlicher Liebe will ich nicht verlesen, wie die eigene Zentrumspresse über Herrn Erzberger geurteilt hat. Der Rebner verliest ein Urteil, in bem es heißt: Herr Erzberger hat mit allen diesen Dingen dem Ansehen der Partei so wenig gedient wie der Sache, selber. (Hört! Hört! links.) Wer hat das geschrieben? (Vielstimmiger Ruf vom Zentrum: Die „Kölnische Volkszeitung"!) Tann muß es doch wahr sein. (Rufe vom Zentrum: Nein!. Große Heiterkeit.) Wenn Sie Ihre eigene fresse, ganz abgesehen von der kleinen, hier in öffentlicher NeickS- lagssihung so verleugnen, so läßt das tief blicken. Ta haben Sie nicht das Recht, 018 Zensor gegen bie Parteien ber Linken auf- autreten. Wir werden das Volk über die Reichsfinanzreform aufklaren. (Gelackter rechts und im Zentrum.) Aber unsere Auf- klarung wird eine andere sein als ihre. (Stürmische Zustim- ung, rechts und un Zentrum Gelächter.) Abg. Bebel (Soz.): . $^fe Verhandlung macht den Eindruck einer ziemlich st ü t« mtjijcn aßablber famm I ung. (Sehr richtig!) Mir Ickeint die Rede des Staatssekretärs auch etwas Wahlmache zu lein. Aber immerhin, ich freue mich jedesmal, wenn die Herren von der Negierung aus ihrer Zua?'nöpill-"k ............ I dem Hause etwas sagen, was eS nicht gewußt hat. Freilich hätte der Staatssekretär auch bie nötigen Unterlassen mitbringen sollen, damit wir beurteilen können, aus welchen Quellen er die Mehr- einnahmen berechnet. Wenn bie Finanzlage so günstig ist, so konnte sie doch auch im Frühjahr iiicht ungünstig fein. Als wir da aber nur wenige Millionen verlangten zur Entschädigung der armen Zündholz- und Tabakarbeiter, bie durch die Finanzreform aufs schwerste geschädigt sind, da erklärte der Schatzsekretär, dafür sei kein Geld da. (Hört, hört! links.) Dieselbe ®r»‘ klarung bei der Reichsversicherungsordnung, als es sich um bie; Herabsetzung der Altersgrenze auf das 65. Jahr handelte, um- dis Verbesserung der Wöchnerinnenpflege usw., um bie Löhnung der Soldaten. Nun, jetzt scheint eS ja etwas anders zu fein,! bie Reichskasse schwimmt ja anscheinend im Golde. Ich hoffe, daß, der nächste Reichstag von diesem Geständnis Akt nehmen unb entiprechenbe Maßregeln beantragen wirb. Wir werben jeden- falls beantragen, bie brütfenbften inbirelten Steuern aufzuheben. Gewiß werden wir niemals indirekte Steuern bewilligen, das wäre ber Sterbetag ber sozialdemokratischen Partei. Der Staatssekretär hätte uns etwas mehr hinter die Kulissen blicken lassen sollen. Er spricht jetzt so sehr von Ueberschüssen. Es sind drei Ressorts, bie beim neuen Etat mindestens ihre Hände aufhalten. (Heiterkeit.) Gebrannte Kinder scheuen das Feuer, und wir gehören dazu! Denn wie oft hat man nicht weitere Rüstungen ab- geleugnett bis quf einmal bie Vorlagen ba waren. "* ' Schatzsekretär Wermuthr Man hak mir borgetoorfen, ich hätte im Auftrags des schwarz-blauen Blocks gehandelt. Da? ist ja eben daS bebauer- liche, daß man jede Finanzfrage jetzt unter diesem Gesichtswinkel betrachtet.. Jeder, der von ben Fortschritten unserer Finanzen spricht, wird verdächtigt, im Auftrage derjenigen zu handeln, die die Finanzreform gemacht haben. DaS ist durchaus nicht der Fall. Die ganze Frage wurde in der Budgetkommiffion angeschnitten, als ich persönlich gar nicht anwesend war, und von meinem Vertreter beantwortet. Ich mußte die unzutreffenden^ Berichte in der Presse richtig stellen, weil sonst der öffentliche Kredit Deutschlands geschädigt worden wäre. Ich ertrage eS gerne, wenn Sie mir vorwerfen, daß ich politische Nebenzwecke gehabt hätte. Ich bin mir in keiner Weise bewußt, daS getan zu haben. Ich habe auch nicht gesagt, daß wir im Golde schwimmen. Ich habe nur gesagt, daß wir daS Ziel, das wir uns gesteckt haben, nämlich die Gesundung der Reichsfinanzen, einige Jahre früher erreicht haben, als wir erwartet hatten« Liegt darin eine Färbung? Oder bie Behauptung, baß wir jetzt so ’m Golde schwimmen, daß wir unS jede Ausgabe leisten können? Nicht im mindesten. Und wenn Herr Bebel mit einem so großen Strauß von Forderungen kommen will, wie er an gekündigt bat, bann wirb er auch bis Konfeguenzen ziehen und unS die Deckungsmittel anr'ben müssen. Denn für unS bleibt bet erste Grundsatz: Keine Ausgabe ohne Deckung« Abg. Dr. Paasche (Natl.)'ü \ , Daß, wenn 500 Millionen neue Steuern eingeführ? werden,' bis Finanzen sich bessern, ist selbstverstänblich; baß nicht ein Mangel, sondern lieber febüne da sind, darüber freuen auch wir unS; deshalb wird bie Finanzreform doch nicht die große soziale Tat, als bie Sie sie heute hinstellen wollen. Die verbündeten Regierungen, Herr Sybow, haben wenige Tage vor ber Verabschied oung ber Finanzreform erklärt, baß sie eine Reichsfinanzreform ohne eine direkte Belastung ber Wohlhabenben nicht annehmen könnten; bas war ber soziale Einschlag, baS war die soziale Gerechtigkeit, unb daß Sie eS anders gemacht haben, daß Sie eine Fülle von indirekten Steuern gemacht haben, auf einen Tag zusammengedrängt, ohne daß man die Interessenten fragen konnte, 165 Millionen Steuern, von denen Sie drei Viertel wieder haben fallen lassen, das war eben die soziale Ungerechtigkeit. Abg. Erzberger (Zenir.)k Ihr Fraktionsführer hat namens der ©efamtfraTHon naH Ablehnung ber Erbschaftssteuer feierlich erklärt, daß bie National« liberalen bereit feien, 400 Millionen indirekte Steuern zu be* willigen, 100 Millionen Vefitzsteuern. und wir haben 810 Mill, indirekte Steuern bewilligt unb 110 Millionen Besitzsteuern. (Lebhafter Beifall unb Hört! Hört! rechts unb im Zentrum; große- Gelächter links.) Wir haben 810 Millionen auf Konsumartrkel bewilligt. Sie wollten 400 Millionen! Abg. Erzberger wende! sich unter andauerndem Beifall und der Heiterkeit seiner Partei freunde und der Rechten gegen den Abg. Müller-Meiningen. Er nennt ihn Müller-Kotzau, da Kotzau so gerade tn der Mitte zwischen Hof und Meiningen, seinem bayerischen und bem Reichs- Parlamentssitz, liege. Herr Müller-Kotzau hat nun schon zum dritten Mal das Zitat aus der „Kölnischen Volkszeitung* über mich in das Reichstagsproto*oll gebracht. Die „Kölnische Volkszeitung" hat auch mitgeteilt, daß Herr Müller-Meiningen bei Bülow geschluchzt und geweint habe, als der Block zusammengestürzt war. (Große Heiterkeit.) Herr Müller- Meiningen, ist das wahr? (Große Heiterkeit.) Herr Eickboff schrieb tn der „Barmer Zeitung" am 4. August 1909, daß als bie Regierung an Stelle der Nachlaßsteuer die Erbschaftssteuer einbrachte, die Nationalliberalen und Freisinnigen ohne Ausnahme threVereiiwilligkeit, 420Millionen indiretteSteuer» zu bewilligen, mit aller Deutlichkeit erklärt (Hört! Hört! im Zentrum unb rechts.) haben. Das sei eine unbestreitbare Tatsache, an ber kein ehrlicher Gegner rütteln sollte. ^(Hörtj Hört/ rechts und im Zentrum.), Abg. Dr. Wremer ' bestreitet, daß bie betreffende Ausführung der „Freisinnigen Zeitung" von Erzberger in richtiger Weise wiedergegeben sei; aber selbst wenn baS nicht der Fall wäre, berechtige das Erzberger nicht, im Parlament von schamloser Verlogenheit zu sprechen. Wer schimpft, hat unrecht. Wir waren bereit, die Finanzreform mitzumachen, aber wir verlangten, daß die reichen und wohlhabenden Klassen mehr als bisher herangezogen werden. Darum schlugen wir vor: eine Erbschaftssteuer, eine Vermögenssteuer! Es ist uns aber nie eingefallen, uns auf nur 100 Millionen direkter Steuern festzulegen. Der Schatzsekretär stellte sich als ahnungsloses Gemüt hin, der nicht wisse, welche politische Bedeutung seine Ausführungen haben. Sie waren der blauschwarzen Mehrheit in ihrem Hangen und Bangen hochwillkommen. Die Schönfärberei deS Staatssekretärwerden wir 'uns merken und mehr Freigebigkeit gegenüber Kulturfragen verlangen. Abg. Dr. Wagner-Sachsen (Kons.)'? Nachdem drei, vier Redner der einzelnen Parteien hier gesprochen haben, würde es auffallen, wenn niemand von unS sprechen würde. Man würde sagen: Die Konservativen sind zerknirscht! Zur Sache selbst: Wir stimmen geschlossen für die Vorlage. Dann weise ich die Unterstellung des Dr. Müller- Meiningen zurück, als ob die Rede des Schatzsekretärs bestellte Arbeit des schwarzblauen Blocks wäre. Kein einziger von unS hat gewußt, daß diese Rede kommen würde. Um 8 Uhr ergibt ein Hammelsprung die Beschlußunfähigkeit deS HauieS. 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S es EZ ö e - s-e -Z (D 1 4 s- Ecr = = LS^Z-S Z ->» « 00 - LZ-Z e = c- ISS LLZ = L :S k-2-C: NsAL ■e^ c 5 e> "•— 2 ci o „ o o x> — ,. 5»o E 3 E g ^Q-c-se X> ° n»-2 •—•=?:«- 22u = 3 £ r cQa .© So C c a *- SS -Z 2 4.Z4 -es '- s EL L ' -° s LZ X& ■*-» Z. o o k- a H eZ-T-LStz — — — c — - 5,‘C t 3 Ä <=_•=! s ctS 0*3 - c -s - 3 £ 3 3L.L -- €Si§ L2 V---S A cZ A S C ^rS <- C —, A . |32 2-S2 2 £Z -ZL ■^?l a ü3> »h SZZ "C e-*:<= «NL L ' Z K * •*= £S?o ZZZ'N 25t ?=WS(Sa § “■Sl=K-gS"=5 = 3«._ -. ggg g ££a *• 3 £7 K Zezs 2 § _S »K.jija’ o 2 ßß '°A ZZSE^Z oo U» U> w— S-^äißya^S ; ('l t’C Ats u5«I HT.° CT — 3 o.^.— — S~Sl£|KS8iS§®5S CCl a*5 3 o t c e g>- £ w — o c . 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