Samdtag 23. April 1910 160. Jahrgang Drittes Blatt Nr. 94 Gießener Anzeiger trldbetnt ISgNch mit Ausnahme de» Sonntag«. General-Anzeiger für Gbcrheffen Dv ^Gietzeaer Familien blätter* werden dem „Anzeiger^ otermal wöchentlich beigelegt, das „Kretiblatl für bei Krets Stehen" zweimal wöchentllch. Die ^avdwtNjchafllichea 5tü- fragen" erichemen monatlich zweunal. Rotationsdruck ind Verlag der Br Ührchen UnwersuälS - Buch- und Steindruckerei. 9L Lange, Dießen. Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: ^^112. Tel.-Adru Anzeiger Dreß en. Deutscher Reichstag. f70. Sitzung, Freitag, den 22. April '1910. Sim Tische be3 BundeSratS: Wackerzapp. Präs. Graf Schwerin-Löwitz eröffnet die.Sitzung utn 1 lltzc 15 Minuten. DaS Mülheimer EisenbahnunglvL Dle Interpellation Dassermann und Genossen (Null.) lautet: DaS gebeult der Herr Reichskanzler zu tun, um die Wiederkehr von Eisenbahnunfällen, wie des- jcnigen bei Mülheim a. Rh^ zu verhüten und die Opfer desselben oder ihre Familien zu entschädigen? In der Wandelhalle hat mit Erlaubnis des Reichs. tagSpräsidenten eine Hamburger Firma das Modell einer elef. Irischen Eisenbahn im Betriebe aufgestellt zur Erläuterung automatischer Sicherheitsvorrichtungen. Abg. Dr. Eemler (Rg Da wir die Frage bereits eingehend im preußsilsien Abgeordnetenhaus erörtert haben, erübrigt es sich, hier nochmals darauf einzugehen, um so mehr, als die Untersuchung noch schwebt. Ter Redner erörtert die Angelegenheit trotzdem. Abg. Frhr. v. Richthosen (Kons.)? Auch ich hatte, als ich die Interpellation la8, zuerst den Gedanken, daß sie überflüssig ist. Solange daS Resultat her Untersuchung nicht abgeschlossen ist, kann man ein richtiges Urteil nicht fällen. Heute "kann man schon sagen, daß die preußische Eisenbahnverwaltung alles getan hat, was zu tun war, und daß deshalb für das ReichSeisenbahnamt nichts zu hin übrig bleibt Ter einzige Grund, weshalb trotzdem die Interpellation eine Berechtigung ist, ist der, daß sie unS Gelegenheit zu einer einmütigen Sympathiekundgebung für die armen Opfer deS furchtbaren Unglücks gibt. Auch ich hoffe, daß die Hinterbliebenen und die überlebenden Verletzten reichlich entschädigt werden. ^( Beifall im ganzen HauS.), Abg. Eickhoff (Vp.sk Auch wir bedauern das furchtbare Unglück auf» tiefste und sind befriedigt, daß den Hinterbliebenen und den Ueberlebenden, die verletzt wurden, weitgehende Unterstützung in Aussicht gestellt worden sind. Wenn man nach der Ursache deS Unglücks forscht, so muß man vielleicht daran denken, daß der aufreibende Tienst die Lokomotivführer nervös macht. Tas erklären sie auch selbst. Denn ander» läßt sich gerade da» Mülheimer Unglück gar nicht er- klären. Vielleicht würde es sich nach dem Beispiele ausländischer Eisenbahnverwaltungen empfehlen, bei Expreßzügen einen dritten Mann eigens zur Beobachtung der Strecke auf die Lokomotive zu stellen. Natürlich muffen die Erfindungen neuer mechanischer Sicherheitsvorrichtungen von der Eisenbahnverwaltung stets sorg- faltig geprüft werden. Bisher existiert allerdings kein ver- läßliches automatisches Sicherungsmittel. Unsere Eisenbahnen können sich wohl sehen lassen, besonder» gegenüber den österreichischen, italienischen und auch den Schweizer Bahnen. ^Beifall lüiti.); Abg. Hengsbach (Soz.)'r Da» Unglück ist wie ein Blitz aus heiterem Himmel geTommeh. Wir wundern uns, daß man, zumal bei der Geschäftslage des Hause», die Interpellation überhaupt eingebracht hat. WaS hätten die Herren gesagt, wenn wir die Interpellation eingebracht hätten. Fest steht, daß der Lokomotivführer ein einwandfreier Mann war, und daß er sowohl wie der Heizer bestreiten, daß das Signal auf Halt gestanden habe. Die Mustergültigkeit der Dahn-- hosSanlage wird von Sachverständigen bestritten, ebenso ist eS nicht wahr, daß die Strecke gerade ist. DaS Rettungswerk hat versagt; der Eisenbahn-Sanitätswagen erschien erst nach 2% Stunden. Das Unglück Ware nicht so groß gewesen, wenn nicht für den Militärzug die ältesten Magen genommen worden wären. ^Sehr richtig bei den Soz.), Präsident fc:6 ReichSeisenbahnamt» Geh. Rat Wackerzapp: Heber die Verhältnisse in Mülheim selbst wird der an Ort' und Stelle an die Unglücksstelle entsandte Kommtsiar au» dem preußischen Eisenbahnministerium Auskunft geben. Den privaten Erfindungen schenken wir die größte Aufmerksamkeit. (Stufe links: Na, nal) Selbstverständlich ist der Verkehr auf der Strecke Düsseldorf—Mülheim stark, aber übergroß ist er nicht. Es ist falsch, von den alten Kasten des Militärzuges zu sprechen. Sämtliche Wagen waren drei- ober vierachsig, neuester Bauart und für Schnellzüge geeignet. Von einer übertriebenen Sparsamkeit auf Kosten der Betriebssicherheit kann nicht gesprochen werden. Geh. Oberbaurat Riedel bespricht einn^end die Mülheimer Bahnanlage, die technlsch durch- aus einwandssrei sei. Abg. Kölle (Wlrtsch. Rach den un8 gewordenen Mitteilungen haben wlr feinen Grund zu irgend einem Mißtrauen in die preußische Eisenbahn- Verwaltung. Tie Interpellation gehört eigentlich vor da» preußische Abgeordnetenhaus imb bedeutet ein unbegründetes Mißtrauen in die preußische Volksvertretung. Erst wenn diese versagt hätte, hatten wir einzuschreiten. Ich kann andererseits aber nickt annehmen, daß di« Nationalliberalen diesen tief traurigen Anlaß zu Reklarnezwecken ausschlachte» wollen. ^Unruhe links.) Abg. Lepda (Pole): Die Motive der Interpellanten mögen dahsngestellk STelben. Wir beklagen rein menschlich die Opfer, unter denen sich a u ch Polen befanden. Wir erwarten, daß die Behörden den Fall nach allen Richtungen hin genau untersuchen und etwaige Mißstände aostellen werden. Abg. Werner flRefrJt . < . . Dle Verhandlungen im preußischen Abgeordnekenhause hahen bereits die nötige Klarheit gebracht, so daß ich den Zweck der heuti- gen Jnterpellationsberatung nicht verstehe. Wir sind überzeugt, daß di« Eisenbahnverwaltung alles tun wird, tun die weitgehendste Sicherheit zu schaffen. Abg. Dr. Paasche Dir haben eS wohl nicht nötig, uns gegen He Anwurfe zu verteidigen, die gegen unS wegen der Einbringung dieser Interpellation erhoben wurden. Die heutige Verhandlung hat ja bewiesen, daß eS sich um eine Reichsangelegenheit handelt, unb deshalb hat bet Präsident be» ReichSeisenbahnamt- mit Recht bie Vertretung übernommen. Wir verlangen, daß da» Reich»eisen- bahnamt ebenso wie die preußische Eisenbahnverwaltung alle» daransetzt, um die Betriebssicherheit auf den Eisenbahnen zu heben. Wir können bei vielen Dingen sparen, aber nicht, wenn eS sich um das Leben und die Gesundheit unserer Mitbürger handelt. WaS soll denn im Mobilmachungsfall geschehen, wo doch mehr als ein Militärzug außersahrplanmähig verkehren muß?, Wenn da» ReichSelsenbahnamt größere Mittel braucht, um Versuche mit mechanischen SichernngSvorrichtun* gen zu machen, so wiro der Reichstag sie gewiß gern bewilligen,- (Beifall links.). Abg. Marx (Zentr.): Zweifellos sind Fehler begangen worden. Die Ver^ toaltung aber trifft keine Schuld. Die Strecke ist unüber« sichtlich. Deshalb konnte es passieren, daß der Lokomotivführer bas Signal übersehen hat. Man hätte die Streckenführuyf so einrichten können, daß sie bester zu übersehen ist. , Präsident deS ReichSeisenbahnamt» Wackerzapp*, Denn der Zugführer gegen die Bestimmung verstoßen hat, daß er auf die Signale zu achten hat, soweit eS die Dienstobliegenheiten zulasten, so wird er zur Rechenschaft gezogen werden. Damit ist die Interpellation erledigt», DaS Haus vertagt sich. Präsident Graf Schwerin-Lowitz bcrouml Me ,nLch st e Sitzung auf Sonnabend, 2 Uhr, an mit der Tage»ordnung;> Veteranenbeihilfe, Äolonialbeamtengesetz. Die Abgg. Bindewald (Ref.) und £icbetmautt ö. XSOttnett» berg (Wirtsch. 53g.) schlagen 1 Uhr vor. Abg. Bastennann (Natl.)'?' Der Seniorenkonve nt hat vor einer Stunde 'Ee^' schlossen, daß von jetzt an alle Sitzungen um 2 Uhr beginnen' sollen, da die Vorsitzenben der Kommissionen erklärt haben, daß sie sonst mit den KommistionZarbeiten nicht fertig werben. Wenn Sie jetzt diesen Beschluß umstoßeu, so hat die ganze Tätigkeit be5 Seniorenkonvents keinen Zweck. Abg. v. Norman» (Kons.) stimmt zu. -DaS Haus stimmt dem Vorschläge detz PrKsideiEM Schluß gegen 6 Uhr. 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