drftes Blatt 160. ZahrMS General-Anzeiger für Oberheffen polittschen Teil: August Goetz; für .Feuilleton^, ^Vermischtes^ und ^Gerichtsfaal": K. Neu- .Stadt uni) 91 breffe für Depeschen: Anzeiger Gießen. v , ... ?""KÄ Rotdioasörutf enö Verlag der vrühl'schen Univ.-Such- und Steindruckerei R. taug«. Nedattion, Expedition und Druckerei: Schulstratze 7. W. :'uet^-e6; iür ben bis vormittags 9 Uhr. Expedition ffir va-ingeu: vahnhosftrahe 16a. - Telephon Nr. 50. Anzeigenteil: H. Beck. Nr. 296 Der Sießener Anzeiger erfchernt täglich, außer SouniaqS. - Beilagen: rlCvmal wöchentlich GiehenerFamilienblötter juoeimolroöcbentLKieiS: hlatt fiirden NreirSießen lDiknstag und Freitag); irveininl monatl. landwirtschaftliche Seitfraaen sternsprech-Anichlüffe: lür die Redaktion 112, Perlag 11. Expedition bl Samstag, \t. Dezember 1910 ?Vez««4vretsr monatlich 75 Pi^ viertel» A jährlich Ntk. 2.20; durch '■ v:*Ny Ab ho le- u. Zweigstellen M ▼ monatlich 65 Pf.; durch die Post ivlk. 2.—viertel» Bf P fährt. ausschl. Beslellg. Wk Zeilenpreis: lokal IdPfr auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den Die heutige Nummer umfaßt 22 Selten. politifd?e wochenscha«. Gießen, 17. Dezember. Es ist in diesen Wocken viel Unmut und Spott über das „Gottesbnadentum" der Krone uusgeschüttet morden; man sagte, ihm sehle der feste Boden unter den Fußen, es have eine sickere Führung durch nicht aus der Welt zu fä^afsende Realitäten neben sich, müsse dem logischen Gang der Ereignisse gehorchen. Wer dieselben Kritiker, die ja sachlich mchtz unrecht haben, betrachten die Person des Kanzlers nicht unter denselben Voraussetzungen. Ueber- menschliches oder einfach nur seinen Rückzug scheinen sie von ihm zu fordern, und da sie keinen Heiligenschein bei ihm finden, drücken sie ihm eine Dornenkrone aufs Huupt. Herr v. Bethmaim-Hollweg ist heute für viele nic^t nur ein blauschw-arzer Dlockkanzler, sondern ein grasser Ignorant, eine politische Vogelscheuche. Zeder Fortbildungsschüler weiß politisch mehr als er, und längst hat maus ja auch in vielen Zeitungen gelesen, was der Kanzler hätte tun müssen, um als eine staatsmännische Kapazität zu gelten: die Finanzreform kassieren, die Reichs- tagsmehrheit zum Teufel jagen. Er hats nicht getan und hat darum hundertmal dasselbe hören müssen. Als er heute vor 8 Tagen zum Reichshausl)alt seine große Rede hielt, was hat man von ihm erwartet? Er hat von neuem enttäuscht, hat die Hausknechtsarbeit wieder nicht besorgt. Dafür hat et mit seinem Schatzsekretär einen neuen Haushalt vertreten, der die Steuerzettel nicht mehr höher belasten wird — die Wertzuwachssteuer war ja vorgesehen —, er will ferner für des Reiches Wehr uitb Macht sorgen und sich dagegen wehren, daß dem Reick)e durch grundsätzliche Aenderung der Wirtschaftspolitik der Boden unter den Füßen entzogen werde. Er hat auch dem Reichstag noch zwei neue Staatssekretäre vorgestellt, Herrn v. Kider- len-Wächter, den man für sein erstmaliges kurzes Auftreten allgemein gelobt hat, und Herrn v Lindequist, der trotz der großen Beliebtheit, die sein Vorgänger be- slTndets bei der Linken genoß, infolge einer in jeder Beziehung vorzüglichen Darstellung archh des Vertrauens der fortschrittlichen Redner sich erfreuen durfte. Freilich, die preußische Wahlreform, in der Herr v. Bethmann-Hollweg sich tatsächlich eine Schlappe zu gezogen hat, wurde auf der Reichstagstafel nicht aufäetragen. Welche Wunder sollten aber denn sonst noch geschehen? Trodtzem macht Der Abgeordnete Naumann an der Person des Kanzlers tiefsinnige Betrachtungen und wundert sich, was der an, diesem Platze soll: Genialität oder leichtes, prakttsches Talent, beides habe er doch nicht. Von ihm erwarten, so schreibt er in einem Hamburger Blatte weiter, die Menschen „Anweisungen in schweren Dingen", „während er noch das Grauen und Staunen über die Dinge selbst nicht überwunden hat". Arm sei er an Entwürfen und schöpferischen Gedanken usw. Zweifellos eine gut stilisierte, nicht geistlose Charak- teriftit Aber sie ist doch willkürlich gemacht und jetzt nicht mehr zeitgemäß. Der Kanzler wußte, was Herr Naumann von ihm etwa wünschen könnte, und er hat es abgelebt, durch Anlehnung an eine beftimmte Parteikombinatron einem Wahlagitationsschiff die Segeln zu schwellen. Nach unserer? Erachten mit Recht. Mag man bei den Neuwahlen gegen die Konservativen zu Felde ziehen, sie die Ablehnung der Erbschaftssteuer büßen lassen, die im Reichsinter esse besser zustande gekommen wäre. Dabei braucht man aber dem leitenden Manne an der Spitze des Reiches nicht schweres Unrecht zu tun. Ist es etwa ein Kinderspiel, die dem Reiche notwendigen 500 Millionen Steuern anderweitig zu beschaffen, ist es eine l eichte Bürde der Verantwortung, statt treulich auf gesetzlicher Grundlage neue finanzielle Klippen zu umschiffen, das Reichsschiff als Wrack liegen zu lassen, umtobt vorn Hader der Parteien? An Ehrlichkeit, Aufrichttgkeit und Mut gebricht es dem obersten Reichsbeamten, den man die schwerste aller Erbschaftssteuern bezahlen läßt, wahrlich nicht. Er hat dem bemcv- gogischen Geist unserer Tage trotzig die Stirn geboten, hat furchtlos auf die traurigen Folgerungen hingewiesen, die aus den unseeligen Moabiter Vorl'ommni.sen und ihren Folgeerscheinungen zil ziehen sind, und er hat mit ebenso ehrlich überzeugtem Sinne entschlossen auch die Mittel angedeutet, mit denen der zunehmenden skrupellosen Wühlerei unter ben Massen entgegenzutreten sei. Könnte angesichts der Neuwahlen dem Umsturz nicht auch das Streikg?speust im rheinisch-westfälischen Arbeitsgebiete wieder ein willkommenes neues Mttel zum Zwecke werden? Es ist ein bitterer und schwerer Gedanke, die bestehenden Strafmog- lichleiten zu bereichern,'um damit gleichzeitig einer trüben Zeit der Klassenverhetzimgen den Stempel aufzudrücken. Doppelt schwer ist solch ein Entschluß, wenn bürgerliche Schichten unter dem Zwang der Zeit stehende Regierungsschritte zu ihren Parteiinteresfen ummünzen. . Mag man in manche staatsmännische Fähigkeiten des jetzigen Reichskanzlers vorläufig noch Zweifel setzen — der freikonser- vattve Führer Frhr. v. Zedlitz wünschte im „Tag" Herrn v. Bethmann-Hollweg „etwas von der praktischen Psychologie der Presse", die den Fürsten Bülow ausgezeichnet habe— die Rechtlichkeit, der hohe Mut und die Beharrlichkeit, mit denen der Kanzler allen Widerwärtigkeiten trotzt, sollten «genügen, ihn vor Verspottung und Verunglimpfung zu schützen. Wie durch kleine Erbärmlichkeiten ein Ministersttirz herbeigeführt.werden kann) ist in Oesterreich bewiesen worden. Das' Ministerium des Frhrn. ü. Bienerth ist zurückgetreten, weil der Polenklub den Ausbau der galizischen Wasserstraßen von ihm vergeblich wünschte. Die Polen, die das Kabinett zu seiner parlamentarischen Mehrheit zählte, sind bisher über ein erträgliches Maß hinaus verhätschelt worden. Der Wellenschlag wurde ja bekanntlich sogar in Preußen fühlbar, wo infolge des österreichischen Wunsches die Anwendung des Enteignungsgesetzes unterblieb. Nach wiederholtem Ansturm, wie er ö ter in offenen parlamentarischen Anfragen und Forderungen sich geltend machte, war da§ Kabinett Bienerth, das seit den zwei Jahren seines Bestehens immer in Schwierigkeiten schwamm, mürbe geworden. Aber die galizische Wasserstraßen frage stellte an die österreichischen Finanzen allzu hohe Anforderungen, und Herr v. Bienerth hielt dieser Erpressung gegenüber nicht mehr Stand, d. h. er reichte feine Entlassung ein. Seine Lage war zuletzt traurig genug. In den Beginn seiner Laufbahn als leitender Minister sielen die tschechischen Skandale in Prag, wo das Standrecht verkündet werden mußte. Dann wand sich das Kabinett durch unerhörte Obstrukttonsszenen im Reichsrat, und der tschechische lieber* mut hatte dreimal die Auslösung des Abgeordnetenhauses im Gefolge. Die Reform der Geschäftsordnung des Paria-* mentes, die schließlich versucht wurde, versagte. Im böhmi- scheu Landtag dauerte der Bölkerzwiespalt bte auf diesen Tag. Immerhin, dort hatte man sich vor einigen Monaten auf einen iVerständigungsausschuß geeinigt, und es schien eine Zeitlang, als werde unter dem Kabinett sRenerty die innere österreichische Politik um einen Hochbedeutfamen Schritt gefördert werden. Es schien aber nur so, denn die Tschechen hatten es anders beschlossen. An den Deutschen hatte das Kabinett Bienerth noch einen Rückhalt; da »gaben die Polen ihm den letzten Stoß. Der österreichische Parlamentarismus ist eine trostlose Sache. Die Bewilligung selbstverständlicher Staatsnotwendigketten hängt von der Zustimmung zu allerhand nationalen Forderungen ab. Vielleicht wird Herr v. Bienerth am Ruder bleiben, wenn neue polnische und tschechische Parteigrößen sein Kabinett zieren. Ob früher oder später die deutsche Frage nicht zu einer endgültigen Lösung drän gen wird, die unter ben Nationalitätenhader einen festen Strick) macht? Das verWungsgesetz für Llsah-rothringen. Berlin, 16. Dez. Der Bundesrat hat in seiner heutigen Sitzung den Entwürfen des Gesetzes über die Verfassung El saß-Lot bringens und des Gesetzes über die Wahlen zur Zloeiten Kammer für Elsaß-Lothringen seine Zustimmung: erteilt. , , lieber den Inhalt beider Gesetzentwürfe, die dem Reichstage alsbald zugehen werden, kann folgendes mitgeteilt werden: Der Grundgedanke des Entwurfes ist, dem Reichslande einc< größere Selbständigkeit zu verleihen, ohne indessen seine historische Stellung im Reiche selbst zu ändern. Der Entwurf will daher an den staatsreä)tlichen Beziehungen des Kaisers zum Reichslande nichts ändern. Die Statthalterschaft, mit teils landesherrlichen, teils ministeriellen Befugnissen bleibt unverändert. Die weitgehende Selbstbestimmung, welche die Vorlage dem. Reichslande verleiht, äußert sich in der Bestimmung, daß Landes-'' gesetze für Elsaß-Lothringen künftig nur vom Kaiser mit Zustimmung des aus zwei Kammern bestehenden Landtages erlassen werden und in der Vorschrift, daß für zu erlassende Gesetze bie Uebereinstimmung des Kaisers und beider Kammern erforderlich ist; sowohl Reichstag wie Bundesrat scheiden als Faktoren der Landesgesetzgebung aus. Das Reichsland erhält eine Verfassung, wie sie die größeren Bundesstaaten ausnahmslos besitzen. Bei der Bildung der Ersten Kammer wird au ben zur Zeit bestehenden Staatsrat angeknüpft, cwßerdeor- berechtigten Gedanken einer berufsständischen Vertretung in gewissem Umfange Rechnung getragen. Der Ersten Kammer soll eine Anzahl höherer staatlicher und kirchlicher Beamter Kraft ihres Amtes und eine Anzahl beruss ständiger Vertreter angeboren, die aus indirekten Wahlen hervorgehen. Außere dem soll der Kaiser befugt sein, auf Vorschlag des Bundesrat, die gleiche Zahl von Migtliedern zu berufen, welche die beiden ersten Gruppen umfassen. Der Ersten Kammer werden als Mitglieder angehören: Die Bischöfe von Straßburg und Metz, die Präsidien des Oberkonsistoriums der Kirche augsburgischer Konfession und des Syiwdalvorstandes der reformierten Kirche, ein. Vertreter der israelitischen Konsistorien, sowie ferner ein Vertreten hier vier großen Städte, Straßburg, Metz, Kolrnar und Mülhausen, den die Gemeinderäte dieser Städte aus ihrer Vtttte wählen, der Präsident des Oberlandesgerichts in Straßburg und ein ordent- Iid)er Professor der Universität zu Straßburg, vier Vertreter pariser Weihnachtsvorbereitungen. W. Paris, im Dezember., In den von Deutschen besuchten Brasserien erscheinen Wand- plakate: „Hier wird Weihnachten und Silvester gefeiert". An ben Kais und auf vielen Plätzen sehen wir die Tannetibäumc auftauchen, bie entweder von deutschen Familienvätern gefairft werden oder von sranzösischen Revancheaposteln. Die einen sind dabei bet treuherzigen Ansicht, der lieben Sitte der Heimat gemäß zu handeln, die anderen der heroischen Ueberzeugrmg, den Kult der Rache zu üben, denn der Weihnachtsbaum ist eine elfäß-lothringische Eigentümlichkeit, und wenn die Franzosen diese Eigentümlichkeit annehmen, glauben sie, die deutschetr Provinzendiebte jenseits des Rl>eins schlabrührend zu ärgern. In den Stadt- tiierteln, die von angelsächsischen Pensionen unsicher gemacht werden, empfehlen sich die Verkäufer von Misteln, Stechpalmen unb Plumpudding. Der Entente cordiale zuliebe feiern auch manche französische Familien Christmas auf altenglische Art. Das Schlimme beim französisckZen Weihnachten ist eben, daß es nichts Lerrbewegendes, sondern nur Magenvcrderbendes hat. Auch hier beschenkt man die Kleinen, aber das geschieht durchaus nicht ausschließlich gerade am Weihnachtstage selbst, sondern verteilt sich aus die ganze Zeit des Zuckerbäckerfriedens, der von Noel (Weihnachten) bis zum Drei-Königstag dauert. Die Familien gingen früher m bie Mitternachüsmesse, als es noch für fein galt, kirchlich 5u sein. Heute, wo man als guter Republikaner Noel am liebsten in ein farbloses „Fest der Familie" um taufen möchte, gebt man sofort lum Reveillonschmaus, bei dem sich nach Mitternacht Fromme imb Gottlose vereinigen. Da ißt man Truthahn (unb Schwarzwurst und trinkt Punsch und ElMnrpagner bis zum Morgen, Es ist unter diesen Umständen begreiflich, daß Franzosen mit über das Materielle hinausgehenden Neigungen bie gemütvolleren Sitten der Nachbarvölker nachahmen. Indes bleibt es beim Reveillon, und die Restaurateure erfudten ihre Kunden, Plätze tz-um nächtlichen Gelage möglichst frühzeitig zu belegen, da sonst leicht fein Tisch mehr frei sein könnte. Zu den Weihnachtsvorberei^ tungen gehören auch bie Bekanntmachungen der Eisenbahnen, daß für die Noel- und Neujahrszeit bie Rückfahrtkarten eine ausgedehntere Geltungsfrist haben. Die Haupt reisenden sind die Deutschen: auf dem Nord- und Ostbahnhof treten sie in ganzen Karawanen an. Weihnachten ohne Tannenbaum unb Lichterglanz und dem „Stille Nacht, Heilige Nackü" lieber Kinder stimmen, ohne Glockenläuten und ohne trautes Geplauder mit ben Teuren daheim: bas ist eine Strafe für den Deutschen, und wer nur irgend iann, schnürt sein Bündel, kauft echte Pariser Geschenke und vertraut sich kühn der gefahrvollen französischen Bahn an. Die kleinen Landsmänninnen aus den Pariser Pensionen rücken mit strahlenden Gesichtchen an und in ben Nachtkurierzügen kommt man vor lauter Schwatzen nicht zum Schlafen. — Die Zurückbleibenden suchen such, so gut es geht, hi trösten. Gie setzen sich zu Hause hin, nehmen eine unvermutete Kassenrevision vor und stellen fest, roie» ihnen nach Abrechnung aller notwendigen „EtrenneS" noch bleiben wird, um Weihnachten zu feiern. Die Etrennes sind eigentlich die Neujahrsgesch-enke, aber sie werden, schon von der ersten Dezemberwock-e an eingesordert. Die sonst so säumige Post enhüidelt einen erstaunlichen Eifer. Die Herren, die am Abend zuvor rn einer Versammlung gegen die Schmach dieses Trinkgeldeinsammelns für republikanische Beamte gedonnert haben, kommen, uns einen Wandkalender .schenken unb ein paar Silberlinge ab- nehmen. 'Die Reinen .Telegrammausträger erscheinen immer als Dios kuren. So groß ist das Mißttauen schon in bet heutigen Jugend, und die Gefahr ist ja auch groß bei der Nahe der Pafteterrbäckereien. $f!uf den Boulevards beginnt der große Weihnachtsmarkt. Da erhebt sich von der Madeleine bis zur Bastille eine ganze Budenstadt, und die so strengen Straßenordnungen, um die man sich sonst schon möglichst wenig Flimmert, werden für die Zeit der Weihnachtsvorbereitungen auch mit amtlicher Feierlichkeit außer Kraft gesetzt. Es ist schwer zu sagen, was es in diesen Buden zu kaufen gibt, und noch schwerer ist es zu sagen, was da ni cht zu kaufen ist. Die Camelots Faunen ihr Anreißer-Genie zur vollen Geltung bringen, aber wir glauben, daß noch mehr Soustücke den stillen, verhärmten Frauen daneben mit ihrer armseligen Ware zufließen. Am interessantesten ist die sonst so vernachlässigte südliche Seite der Boulevards, denn sie ist ben Reinen Geschäftsleuten ein- geräumt, die selbst neue Spielwaren erfunden und sie ausschließlich mit Hilfe ihrer Familienangehörigen hergestellt haben. Alljährlich im Herbst findet im Ausstellungssalon ein Wettbewerb für dies Spielzeug statt, bei dem auf Anregung des Polizeipräfekten Lepine Preise verteilt werden. Diesmal scheinen abermals Flngmaschinen am beliebtesten zu fein, nur finden wir Militär-Fahrzeuge bevorzugt, und auch die famose Osttundfahtt an die deutsche Grenze nnrb dargestellt. Eine Neuheit ist der Halleysche Komet in allen erdenklichen Abarten, der uns den Weltuntergang bringen sollte, und der jetzt den Bebes als Kegelspiel oder zu sonstigem Unfug dient. Sic tranfit gloria mundi. Die Reinen Damen werden sich für die Püppchen interessieren, bie in neumodischen Fesselröcken als „enttavees" ein überaus drolliges Wettrennen veranstalten. Wie immer, sind auch allerlei Karikaturen wieder sehr beliebt. Daneben feiert das alte Lebensrad neue Triumpse und das Zu- fammenlegspiel unserer Jugend wird unter der englischen Firma „Puzzle wieder modern. Die großen Kaufläden überbieten /sich at immer anspruchsvoller werdenden Spielwaren-Ausstellungen. Die Leidenschaft für das „Kolossale", die eine häßliche Eigentümlichkeit der Deutschen, nach französischer Meürung wenigstens, fein soll, feiert in Paris wahre Orgien. Man weiß gar nicht, wo die Gören mit den Niesenpuppenstuben, Eisenbahnen, F-estungen, Theatern und Flngmaschinen von ein paar Metern Spanmocite hin sollen. Und wir fragen uns, wie der „Bonhomme Noel", der d)ch alle diese Sachen bringen soll, sie ohne große Güterzüge fortschaffen und wie er sie nach altgeheiligter Ueberlieferung am Kamin und gar in den Schrchw der Meinen unterbrmgcu wird- * — Friedrich der Große und Gellert. Wenn Dich« ter und Fürsten sich unterhalten, die „Beide auf der MenschhÄ Höhen stehen", so ist das stets als ein bemerkenswertes Ereignis angesehen worden. Die Unterredung zwischen Friedrich demk Großen und Gellett, die vor 150 Jahren stattfaird, am 18. Do zeuch er 1760, war nicht so bedeuttrngsvoll wie das Zusammen-- treffen Napoleons mit Goethe im Jahre 1808, aber immerhin interessant. Die Unterredung des großen Friedrich mit Gellert fand ivährend des siebenjährigen Krieges statt. Der König befand sich im ^nt er quartier in Leidig und ließ dort nacheinander Gottsched, Winller und Gellett zu sich kommen. Gellett mußte ihm einige seiner Fabeln vorlesen. Der König scmd besonders die Erzählung „von dem Maler zu Mhen" vottrefslich und gestand, daß er der deutschen Sprache nicht so viel Geschmeidigkeit zugetraut habe. Auf die Frage, warum weniger gute Bücher in deutscher als lateinischer Sprache geschrieben mürben, antwortete Gellett freimütig: „Vielleicht fehlt uns ein August und Ludwig XIV." — „Sachsen hat ja schon zwei AuMste gehabt," erwiderte der König. — ,^Ja, Sire," antwortete Gellett, „unb wir haben auch schon einen guten Anfang in der schönen Literatur gemacht. AlL die Griechen aushötten, fingen die Römer an. Hätten wir nur ruhigere Zetten!" — „So!" sagte der König, „gefallen Ihm diese Zetten nicht?" — „Wollte Gott, Sire, Sie gäben den Deutschen den Ftteden!" — „Steht denn das bei mir? Drei wider Einen!" erwidette der König, war aber doch keineswegs über den Freimut Gellerts ungehalten, denn er nannte ihn nach dieser Unterredung „le plus reifonnable de tous les savantS allemanbS". * — Papier! Gerhart Hauptmann veröffentlicht im Theaterjahrbuch des Verbandes deutscher Bühnenfchriftsteller, das in ben nächsten. Tagen durch den Eoncordia-Verlag in Berlin unter bem Titel „Die Rampe" zur Ausgabe gelangt, eine kleine Satire, bie hier wtebergegeben sei: Papiernes Zeitalter. Der Paprerne spricht: Ich bin Papier, bu bist Papier. Papier ist zivischen dir und mir, Papier der Hnnmel über dir, Die Erde unter dir Papier. Willst du zu mir und td) zu dir: Hoch ist die Mauer von Papier! Doch endlich bift du bann bei mir, Drückst dein Papier an mein Papier: So ruhen Herz an Herzen wir! Tenn auch die Liebe ist Papier. — Und unser Haß ist and) Papier, Und zweimal zwei ist nicht mehr vier: Ich schwöre bir, eS ist Papier. bet SanbtverßTamnter yn Straßburg, Metz mtb Colmar mtf Mülbausen, drei Vertreter des Landnnrtschaftsrats und ein von der .Handwerkskammer zu Straßburg gewählter Vertreter, im ganzen 18 Personen, zu denen die gleiche Zahl vom Kaiser aus Vorschlag des Bundesrats ernannter hin^utritt. Tie Mifglied- schast der Gewählten und ernannten Mitglieder dauert fünf Jahre. Wählbar sind nur Neichsangehörige, die in Elsaß-Lothringen ihren Wohnsitz haben und mindestens 35 Jahre alt sind. Die zweite Kammer soll aus allgemeinen und direkten Wahlen mit gehe i m e r Abstimmung nach Maßgabe des gleichzeitig der Vorlage gelangten Wahlgesetzes hervorgehen. Der Wahlgesetz^nt- wurs erklärt in voller Uebereinstimmung mit dem bestehenden Gemeindewahlrecht für wahlberechtigt, die männlichen Einwohner Elsaß-Lothringens, fofern sie im Besitze der Reichsangehörigkeit sind, das 25. Jahr zurückgelegt haben, und in der Gemeinde oder in dem Wahlkreise, zu dem die Gemeinde gehört entweder drei Jahre wohnen oder bei einjährigem Wohnsitz ein Grundstück besitzen oder ein ständiges Gewerbe oder eine landwirtschaftliche Selbständigkeit betreiben oder ein öffentliches Amt bekleiden, oder als Rechtsanwälte, oder im Ausschuß oder Kirchendienst tätig sind. Wahlberechtigten im Alter von mindestens 35 Jalwen stehen zwei Stimmen — im Alter von mindestens 45 Jahren brci Stimmen zu. Die Zahl der Mitglieder des Landesausschusses, gegenwärtig 58, wird auf 66 festgesetzt. Die Wahlkreise sollen durchschnittlich 30 000 Einwohner umfassen, mit der Maßgabe, daß 25 000 die geringste und 35 000 die höchst zulässige Einwohnerzahl darstellt. Von dem Grundsatz. daß ein Abgeordneter in jedem Wahlkreise gewählt wird, soll eine Ausnahme statthaft sein bezüglich der vier großen Städte Straßburg, Metz, Colmar und Mülhauien. Falls sich bei der ersten Wahl keine absolute Mehrheit ergibt, findet am siebenten Tage nach der Hauptwahl eine Nachwahl statt, wobei gewählt ist, wer die meisten gültigen Stimmen erhalten hat. Die Wahl- Prüfungen sollen dem Obersten Verwaltungsgerichtshof übertragen werden. Kinematograph: Neuer Spielplan, Biograph: Neuer Spielplan. Weihnachts-Ausstellung der Koch- und HauS- hallungsfchule Sonntag von 11—5 Uhr. Anlageinufik am Sonntag mittag 12 ITf'" in der Süd- Anlage. Epielplan: 1. CuDeiiure zur Oper »Ton Juan* von W. Ä. Mozart; 2. Fantasie a. d. Over.Lohenqrin" von R. Wagner: 3. »Lieb' mich und die Welt tfl mein!" Lied für Trompete von E. Ball; 4. Armcemarfch Nr. 27 (Coburger Josias-Marsch). — Landes Universität. Der Großherzog hat den ordentlichen Proseffor in der philosophischen Fakultät der Landesuniversität Geh. Hofrat Dr. Moritz Pasch in Gießen unter 9lncifennimq ferner langjährigen mit Treue und Eifer geleisteten sehr ersprießlichen Dienste auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. April 1911 ab in den Ruhestand versetzt. •• Finanzasfessoren. Durch Entschließung des Ministeriums der Fmauzen wurden die Fmanzreferendare Fritz Kümmel aus Darmstadt und HanS Blaß aus Alzey zu Finanzasicssoren ernannt. Techn. Hochschule. Der Großherzog hat den ordentlichen Professor für Maschinenbaukunde an der Technischen Hochschule Geh. Baurat Felix Li n cke in Darmstadt auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen mit Treue imö Eifer geleisteten ersprießlichen Dienste in den Ruhestand versetzt. •• Die Versteigerung deS Platzes, aus dem das Obst hau sch en Ecke der Bahnhofs« und Liebt g- straße steht, sand heute aus der hiesigen Bürgermeisterei statt. Die inzwischen verstorbene Frau Benner zahlte jährlich 90 Mk., während heute der Platz von ihrem Ehemann vundesrarsdeschlirfse. In der am 15. Dezember unter dem Vorsitz des Staatssekretärs des Innern abgehaltenen Vollsitzung des Bunde s r a t s wurde dem Entwurf der deutschen Arznei t a x e für 1911 sowie der Vorlage, betreffend eine ander- weite Festsetzung der Gesamtmenge des Absatzes von Kalisalzen für Die Zeit vom 1. Mar bis 31. Dezember 1910 Die Zustimmung erteilt Annahme fanden die Vorlage betr. die Aenderung der Zündwaren st euer-Ausfüh- rungsbestimmungen bezw. der Zündwaren-Kvntin- gentierungsordnung, die Vorlage betr. die Aenderung der Zuckersteuerausführungsbestimmungen, die Vorlage wegen Aenderung und Ergänzung der Branntweinsteuerbe,reiungs- ordnung, die Vorlage betr. die Herabsetzung der von der 23er- gättungspflicht befreiten Vranntweinmenge für das Ve- triebsjahr 1910/11, die Anträge des zuständigen Ausschusses wegen der Feststellung bestimmter Grundsätze über die Behandlung der Anträge auf die Einreihung von Orten in eine höhere Orlsllasie des Ortoklassenverz.ichnissrs sowie die Vorlage betr. die Verwaltung. Der Betriebsauslage von Brarrntwein stimmte die Versammlung zu, außerdem wurde über mehrere Eingaben Beschluß gefaßt Die Wahlen in England. London, 16. Dez. (6 Uhr 15 Min.) Gewählt sind 259 Liberale, 264 Unionisten, 42 Vertreter der Arbeiterpartei, 67 Red- monbiften, 9 lObrienisten. Die Liberalen gewinnen 22, die Unionu Üen 26, die Arbeiterpartei 4 Sitze. Die Obrienisten geroannai 6 Sitze in Southoork. Studentenunruhen in Rußland. Petersburg, 16. Dez. Heute nacht wurden fünfzehn Studenten wegen revolutionärer Um - triebeverhaftet. Es wurden viele Haussuchungen Dörgen o mm en. Die Polizei glaubt einer weitverzweigten Ver- ichwörerbande aus der Spur zu sein. Eine von Studierenden des hiesigen Polytechnikums abgehalteite Versammlung sollte von der Polizei aufgelöst werden. Da die Studierenden der Aufforderung der Schutzleute, auSeinanderzugchen, nicht Folge leisteten, wurden sie von den Polizisten einzeln aus dem Saale hinausgeführt In Moskau wurde eine Stu- dentenversammluna, in der reootihsnare Lieder gesungen wurden, von der Polizei zerstreut Die Reich sd um a verhandelte über ben Dringlich- keitsantrag für die Anfragen über die Studentenunruhen und über das Verbot für die Zeitungen, Meldungen über diese Unruhen zu veröslentlichen. Der Dring.ichkeitsantrag wurde nach erregten Erörterungen abgelehnt. Aus Hessen. Darm stadt, 16. Dez. Eine allgemeine Wähler- veriammlung für den Reichstagswahlkreis Darmstadt-Groß- Gerau roirb am nächsten Montag, den 19. ds. Mts, abenbs Sy» Uhr, im Saal des SchützenhoseS ftattfmben. Der Vertreter dieses Wahlkreises im Reichstag, Herr Abg. Tr. Osann, nnrb in dreier Versammlung über die allgemeine politische Lage und die inngsten Rerchstagsverhandlungen einen Vorttag halten. Zur La nb tags-Ersatzwahl in Worms. Ober- bürgermelster Köbler, der der nationallideralen Par- ter angehort, war schon ftüher Mitglied der hessischen Zweiten Kammer. Er wurde während des 32. Landtags anstelle des verstorbenen Abgeordneten Wolfskebl als Mgeordneter der Stadt Tarmitadt gewähft und war als solcher bis 1902 Mitglied der Kammer. Ta er inzivischen seine Beigeordnetenstelle in Darm- ftaDt mtt der des Oberbürgermeisters in Worms vertauscht hatte, bewarb er sich 1902 nicht mehr um das Mandat. Während feiner früheren Landtagstätigkeit war er Mtglied des Finanzausschusses und zuletzt Vorsitzender dieses wichtigen Ausschusses. Tie Kammer gewinnt an rhm eine tüchtige Arbeitskraft, die namentlich auf dem finanziellen und auf dem Verwaltungsgebiet wertvolle Dienste leisten wird. Deutsches Ncicb. Ter preußische Landtag ist auf den 10. Januar 1911 ttnberufen worden. 3n Sch werin ist es -wischen Regierung und Landtag zu einem Streit gekommen, der vielleicht zur- Auf- loiung des Landtags führt. Tie Regierung hatte zu den Stollen des Landesregiments einen Zuschuß von 1 803 000 Mk ge, ordert, die Bürgerlichen lehnten jedoch die Bewilligung dieser ^umme ab, weil ihnen das Haushaftsrecht nicht gewährt werde. Tie RiUenchaft bewilligte alsdann einen Zuschuß von 1 200000 Mark; damit ist die Regierungsvorlage gefallen. 2hidlanö. Aus Fez wird gemeldet, Einbrecher seien in das dortige veutfche Postamt eingebrochen und Hüften alle vorge.un- baien Gelder geraubt Das französische „Amtsblatt" veröfsentlicht den Erlaß des franzomchen Ministers des Innern, durch den die nächste Äolks- zählung auf den 5. März 1911 festgesetzt wird. Aus StaOt uns Luns. Gießen, 17. Dezember 1910. - Tageskalender: ©tabttbeater: Samstag nach- ftuttag 8*|, Uhr: Ziinder BorstclUlng: »Die Mäilselönigin/ Sonntag nachmiltogs Uhr: »Tie Mäujetötugm*, abends 71/. Unr: »Ter fidele Bauer.- ft o l o H e u m: Täglich Vorstellung. für 256 Mk. gesteigert wurde. — Margarine. Eine polizeiliche Revision der hiesigen Geschäfte ergab, daß Margarine unter der Bezeichnung „Backa, r2ouifa* und .Frischer Mohr^ von der Firma 9lÜonacc Margarine Werke Mohr u Co., G. m. b. H. z l Altona-Ottensen, auf deren Genuß Erkrankungen in verschiedenen Städten des Reiches zuruckzufuhren sind, hier nicht feilgehalten wird. •• Ein wertvoller Fund. Im letzen Amtsblatt des NeichSposlamtS wird barauf aufmerksam geniacht, daß beim Postamt in Limburg ein Einpfennigstück gefunden worden sei. Nachfragen sind an die Oberpostdirektion Frankfurt a. Main zu richten. •* Die Maul- und Klauenseuche ist festgestellt in A r h e i l g e n, KreiS Darmstadt; Bischofsheim, KreiS Groß- Gerau; Klein-Winternheim, Kreis Mainz. Feri,er sind neue AuSbrüche der Seuche gemeldet aus 1. Markow, Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin; 2. Furstenried, Re- gietungsbezirk Oberbayern. Landkreis Gießen. = Großen-Bujeck, 17. Dez. Auf Ersuchen des Finanzanitsgehilsen Friedrich Merz von hier sei mit- gcteilt, baß er nicht der Verfasser des E. F. M. unterzeichneten Eingesandt in Nr. 294 des Gieß. Anzeiger ist. Kreis Büdingen. Nidda, 16. Dez. Als Mitglied der Handelskammer Friedberg wurde am Donnerstags für den Bezirk Nidda Kom. nierzienrat H. W. Cloos, Vftdda, wiedergewählt. ™ Bernsburg, 16. Dez. Dieser Tage wurde ein Handelsmann von Homberg a. d. Ohm, der mit seiner Frau auf feinem Fuhrwerk von Wahlen hierher fuhr, abends zwischen 4 und 5 Uhr am Waldrand von einem U n betau n t e n überfallen. Später belästigte derselbe Mann das Ehepaar in einer hiesigen Wirtschaft, wurde aber von dem Wirt gewaltsam entfernt Der Mann, der ein Korbflechter sein jo 11, hat auch anderwärts Frauen belästigt. Kreis Wetzlar. --- Kinzenbach, 16. Dez. Auf der Treibjagd des Jagdreviers Atz dach - Ktnzeitbach wurden 165 Hafen gefchossen. (ßcridusfaaL Mülhausen (Elsaß), 16. Dez. In dem heutigen Prozeß wegen Beleidigung der deutschen Veteranen wurde der Herausgeber der satirischen Zeitschrift ..Durchs Elsaß", Zis- l i n, zu zwei Atonalen Gefängnis, der Verfasser des Artilels, Buchhalter Weber in Straßburg, zu 200 Mark Geldstrafe bezw. 20 Tagen Gefängnis verurteilt. Tie vom Staatsanwalt beantragte sofortige Verhaftung Zislins wurde abgelehnt. Tie Tragung der Kosten wurde beiden Angeklagten auf erlegt Den Beleidigten wurde des Recht zugesprochcn, das Urteil in sämtlichen Mülhausener Blättern zu verössentließen. Das modrrne Capri. Rs. Capri, Anfang T-ezemb. Das kleine Dampfschiff, das uns von Sorrent stach der Insel bringt, hat weder bei Viro Eauense, noch bei Meto und Massa anlegen können, roeil die hochgehende See die steile Tufs-Felstüste peiticht und die Naclst hereinzud rechen droht Es wirft al io früher als sonst vor der Marina Grande Anker; dennoch ist es schon inster, als das tanzende Boot uns an dem winzigen Molo ans Land setzt, auf dem sich lärmend die Fischerweiber und Kinder drängen und ein marinato mit einem Holzkästchen die Bootsgebühr eüikassiert Gleich darauf besinden wir uns in einer Gasse von dunkeln, gestikuliereiiden Gestalten, uni) wir glauben auf einem Seeräuberlande ausgesetzt zu sein. Zwanzig, dreißig Stimmen brüllen uns von rechts und links etwas in die Ohren; es sind einzelne Worte, die immer wiederholt werden, und wir unterscheiden endlich deutsche, englische, französische, ftalienijche Hotelnamen! Heftiger Gregorovins! Wo ist der einsame Fischerftrand geblieben, an dem ein paar nacktbeinige braune Gestalten das Boot, das die wenigen Fremdlinge brachte, mit krästigen Armen auf das Ufergeröll zogen, bei starkem Wellenschlag die Ankömmlinge auf der Sckiulter ans Land trugen? Wo sind die hocl>- geichürzten, barfüßigen Dirnen mit dem tief im Nacken ge- liwtelen Haarschopf, den vielgeflickten bunten Nöcken und dem flammenden Kopftuch, dem mucadvre, die Kisten und Koffer am den Kopf hoben und mit elastischen Schriften die steinigen Saumwege und Treppen nach dem hocksthroiienben Städtchen hinauf- eiften, so daß wir ihnen kaum folgen konnten? Wo sind die paar bescheidenen Gaststätten, die vor zwanzig, dreißig Jahren ben Nordläiider wie einen von der ganzen Familie erwartest Freund und Gast^ausnahmen und ftm bald die örtlichen Sitten und Gebräuche, Speisen und Tradiiionen lieben lehrten? Heute zählt die Insel an zwanzig Hotels vom Allerweltstypus. Bon der Marina führt eine Seilbahn zum Städtchen hinauf, in denen dläftes, graues, engstraßiges Häusergewirr sich überall Gesä)äfle und Läden mit allem modernen Krimskrams der Fremden- unb Kurorte eingedrängt haben. Alles geht auf den Fang uni) die Ausbeutung der Fremden aus und ist mit Erfolg bemüht, den originellen Charakter Capris von 3alyr zu Jain: mehr zu oer* äicdern. Die Bauernhäuschen und -Gütchen in weitem Umfrcik verschwinden unter den Villenbauten und -Gärten der Neapolitaner und Fremden, die sich hier niedergelassen haben. An der Piazzetta liegen Cafös, Teestuben, Friseur- und Bijonterie- laden mit fremdsprachigen JniHriften, in denen minderwertiger und Arrdenlentram zu höheren Preisen als in Neapel und Rom fellgeboten wird. Nur die Bauermnädcyen, die aber otäS die alten selbstgewebten Stoffe durch Kattunsähnchen ersetzt hab»! gehen noch barfuß; die Städterinnen ahmen die fremden Modi» nach und werden zu raffinierten licnerinnen der Frcmdenindustrft Man sieht ihnen auf hundert Schritte Entfernung die Wirkung Huldigungen an, mit denen ein großer Teft des männliche» Fremdenpublikums die „Capreseoin mit dem griechischen Biiu und Profil" auszeichnen zu müssen glaubt. Eine jede, die über eme schlanke Figur und schwarze Haarfülle verfügt, bildet sich ein auf ben Verlobungsring eines deutschen Malers oder englischen Rentiers Anspruch zu haben; die Ladenmamsell lächelt dich, wenn du noch keine grauen Haare haft, kokett an und bedient dich mit der Würde einer Prinzessin. Ein Schaden für die Insel würde es wahrscheinlich nicht sein wenn einige der vornehmen Hotels wieder eingingcn und ein Teil Der auf dem Wege nach Aegypten befindlichen Snobs, die für wenige Stunden auf die Insel kommen, sortblieben. Es würde dafür das Rul)e und Erholung suchende, ein einfaches ländliches Tasein vorziehkTide, durch die Naturschönheiten und geschichtlichen Erinnerungen des Eilandes angelockte Publikum wieder zunehmen, das am Ende doch bei längerem Aufenll-aft mehr Geld aus der Insel läßt, als die zur Tadle d'hote-Stunde einfallendeu Euuaas. fliegen. Es soll nicht verschwiegen werden, daß unsere Landsleute mij besonderem Erfolg dafür tätig sind, aus Capri ein deutsch-itrlie» nisches Zwitterding zu machen, ohne zu bedenken, daß der Reiz des Eilandes doch in seiner nationalen, geschichtlichen, volkstüm. lieben Eigenart besieht und daß der Fremde hier nicht Deutschland, sondern eben Capri finden will. Viktor Scheffel hat ikber nicht beabsichtigt, daß daS alte gute Albergo Pagano zu einem Ableger von München und Berlin werden, daß deutsches Bierphilistcrtunr den Diddigeigei zu seinem Wahrzeichen machen und einige Cun- köpfe die Wege und Mauern mit geradezu blödsinnigen deuischen ..Sinniprüchen" bepflastern sollten. Ter Verein „Pro Capri" sollte rücksichtslos dieser Versckxindelung entart] en freien. L>CX'Ui • Der gesü rchtefte Mann von Newhork. Jq zweiten Stockwerk des Newyorker Zollpalastes residiert drr nützlichste, aber auch der meiftgesürchtete von den 300 000 amcritan nischen Staatsbeamten: William Loeb, einst Roosevelts Privatsekretär, heute höchster Zollbeamter dcS größten Hafens Amerikas, Aus seinen Händen empfängt die amerikanische Staatskasse wöchentlich rund 25 Millionen; von 5 Dollars, die dem Staatsichug zusließen, stammen fast zwei von William Loeb, der im Jahre einem Ansturm von 300 000 Reisenden trotzt; eine Million Einwanderer von seinen Beamten visitieren läßt und viele Tausenden Tonnen von Gütern der wll am Hieben Revision unterzieht, William Loeb ist in wenigen Monaten berühmt und berüchtigt geworden, sowohl durch die vielen Millionen, die der Staat durch ihn verdiente, als durch die Strenge, mit der der neue Zollkönig von Newyork gegen die reichen Schmuggler vorging. Was hat er in seiner kurzen Amtszeit nicht schon alles entdecken müssen! Ii, dem Zylinderhute eines würdigen alten Gentlemen, so wird bnn Mnnsey Magazine erzählt, fand man Dutzende von silbern« Löffeln; in den Aermeln eines Volksvertreters kostbare Pelze, William Loeb hat es erleben müssen, daß man bei ihm 20 lebende Löwen als „persönliche Reiseeffekten" deklarierte und unter bat rauschenden Toiletten einer reichen Dame entdeckte man ganze Berge von kostbaren Spitzen, die eingeschmuggelt werden sollte^ Was geschah m solchen Fällen nicht alles im Augenblick der Ent- deckung. „Es ist Schuld meines Dieners," erklärte ein reicher Bürger ans Cincinatti, dessen Koffer mit Edelsteinen gepolstert war, „ich werde ihn entlassen". „Ich habe es ganz vergesse^ ich wär so seekrank", seufzte die Millionärin, die in ihrem Kosfer ein Tutzend Pariser Toiletten zu deklarieren vergessen hafte. Aber William LoebS Strenge hat bereits gewirkt und eine ängstliche Ehrlichkeit in Zolldingen ist hereingebrochen: kürzlich dcllacierte ein Reisender sogar aus Vorsicht, daß er drei falfthe Zähne mit Goldplomben habe. * Ei n Massenaufgebot „gekrönter Häup^ ter" wird bei den kommenden KrönungSfeftlichketten in London die Augen der Bürger mit ihrem Glanze blenden^ denn die Lords, deren parlamentarische Vorreckte durch die liberale Negierung gefährdet sind, haben trotz oer Hitze deS Wahlkampfes nicht versäumt, bei den Londoner Juwelieren, die Kronen zu bestellen, die sie als Peers von England bei; der Krönung tragen werden. Denn alle Standesherren des Britischen Reick)es werden in ihren farbenprächtigen mittelalterlichen Trachten an der großen Krönungsseier in Westminster teilnehmen und auf Den Häuptern ihre Kronen tragen. Als Eduard VII. vor 10 Jahren gekrönt wurde, ließ sich der Graf von Rosebery ein Prachtstück von einer Krone machen: sie war mit Perlen, Rubinen und Smaragden besetzt und kostete nicht weniger als 520 000 Mark. Allein es war ihm doch nie vergönnt, sein Haupt damit zu zieren, denn der Zeremonienmeifter, so weiß die Evening Times zu erzählen, verbot dem Grasen das Tragen einer Krone, die kostbarer fei als die Krone der Königsfamilie. Aber trotz dieser Bestimmung hat der Luxus doch noch Gelegenheit zur Entfaltung; je nach Laune und Vermögen legen die Peers von England heule für ihre Kronen 2000—80UU0 Mk. an. Die meilten werden freilich in Silber gearbeitet, dann vergoldet uno mit reichem Schmuck von bunten Steinen versehen, doch dabei kommen in der Regel nur dlachbil- bungen zur Verwendung. Eme bequeme Kopfbedeckung sind diese Meisterwerke der Goldschmiedekunst freilich nicht, sie haben ein recht ansehnliches Gewicht. Ein greifet Lord hat bas Vorrecht seines Slanoes sogar schon einmal mit feinem Leben bezahlen müssen. Er hatte die schwere Krone zioei Stunben lang ohne llnlerbrechung auf bem Haupte getragen, würbe plötzftch schwinblig, sank bann nieder und die schnell herbeigeholten Aerzte konnten nur noch den Tod feststellen; ein Schlaganfall hatte ihn dahingerafft. * Auch ein Grund. Von Den Wahlen zum Unter* hause, die Großbritannien unD Irland in Atem halten, werden natürlich die verschiedensten Anekdoten erzählt; insbesondere sucht man nicht nur für ben Ausgang der Wahlen selbst, sondern auch für die bisher ermittelte, durchgehends schwache Beteiligung der Wählerschaft allerlei Gründe anzuführen. So lefen wir im „Daich Chronicle" von einem Grunde zur Wahlenthaltung, der gewiß eigenartig seini dürfte. Der Kandidat und Landrichter des betr. KreiseS besucht auf feiner Propagandareife auch einen Einwohner- dem er vor längerer Zeit wegen Diebstahls freie Wohnung auf Gemeindekosien gegeben hatte, und ersucht chn um seine Stimme — vergeblich. „Sie tragen mir die kleine Geschichte von damals nach — lassen wir das doch vergessen sein!"' sagt er begütigend. Der Wähler schüttelt den Kvvf. „Um der paar Tage Haft willen — das ist es nicht: daS hielte mich nicht ab, für Sie zu stimmen." „Nun also", meint dec Richter hof.nungsfroh, „was für ein Grund liegt sonst gegen mich vor'?" „Wissen Sie — weil damals — Sie haben gesagt, ich hatte em Kaninchen gestohlen", sagt endlich bet gefragte, „und es ist doch ein — Hase gewesen! Sehen Sie, wer nicht einmal bas unterscheiden kann, der ist nach meiner Ansicht nicht geeignet, ins Unterhaus gewählt -u, id erb en!" Kleine Tageschrouik. Einer Meldung Londoner Blätter zufolge unter* zieht sich General Dooth, das jetzt saft gänzlich erblindete Oberhaupt der Heilsarmee, trotz feiner 82 Jahre noch einer neuen Staroperation. Im Weinorte Niederemmel an der Mosel hat ein Erdrutsch 250J Qucdcatm.ter Weinberge veruich* ter. Menschen sind nicht zu Schaden getommen. Die Erfindung des dänischen Ingenieurs T h o m a s e n, l mittels deren Ferngespräche im Typendruck auf der Empfangstcue eintresfen, soll in den nächsten Wochen 'wischen Kopenhagen und Derlin erprobt werden. ? Ein heftiger Sturm wütet im Kanal. Gerücht- : verlautet, daß das deutsche Schiss „Preußen" ' schwere Beschädigungen erlitten hat. In Worthing und ■: mehreren Badeorten der Südküste ist großer Schaden angerichtet worden. Ueberfchwemmuugen werden aus M al(C71 Teilen deS Landes gemeldet. Die Lane in Warwick- ! shire ist beunruhigend. Städte und Dörfer sind abge- chnitten und daL Wasser ist noch im Steigen de- vücherllfch. ^-Deutsche - Jugendbuch. Unter Mitarbeit namhafter Schrift steiler und Künstler herausZegeben von Wilhelm Kotzde. Baicd 2. Ein starker Band, 185 Seilen in Ganzleinen. Verlag von Jos. Scholz in Mainz. „Tas ist ein Festgeschenk für Kinder, wie wir es uns besser und billiger kaum denken können." Tiefem Urteil der „Rundschau aus dem Gebiete der Jugendliteratur" können wir uns nur anschließen. Es wird in diesem, ; fgr Kinder jeder Altersstufe bestimmten stattlicl>en Buä-e, nur Gediegenes geboten, unsere besten Schriftsteller und Künstler be- : leitigen sich daran. In buntem Wechsel bringt es Märchen, Geschichten, Lieder, Reime, farbige Bilder und Zeichnungen, Rätsel. Spiele inib Aufgaben mancherlei Art geben dem Kinde Gelegen- J heir zu heiterer Besdläjligrurg. — Karl Weyprecht, ein deutscher N ordpolar- fahrer. Von Alex. Burger. Mit einem Bildnis Weyprechts I und 2 Abbildungen. Verlag E. Grieser, Frankfurt a. M. In J Diesem Büchlein wird zum erstenmal eine zusammenyängende T-ar- stellung des Lebens und der Reisen Karl Weyprechts gegeben. ! W., der in Darmstadt geboren war (fein Vater stammte aus Gießen), gehörte zu den deutschen Mannern, die in ben sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts für Deutschland den Kamps er'jocfi in seinem Eingesandt: .Ohne voransgegangenen etflti* lichen Streit, bloß nach einem nichts bedeutenden Wortwechsel . Ter Einsender hätte sich erst bester informieren sollen, bevor er Vorwürfe macht. Sind doch Leute, die in unmittelbarer Nahe des Tatorts wohnen, bis zum nächsten Morgen von dem Vorfall nichts gewahr geworden. Also kann der Krawall vorher nrcht so be- deutend gewesen sein. Littgesaudt. (Für Form und Inhalt aller unter bicfer Rubrik stehenden Artikel übernimmt bie Redaktion dem Publik-im gegenüber keinerlei Verantwortung.) Grosten - Bltseck. Auf das erste Eingesandt aus Großen« Buseck in Nr. 293 des .Gieß. Anz.* sei folgendes erwidert. Ter Einsender macht am Ende feines Eingesandt die Polizei ver- amworllieh über dieien höchst bedaueUlchen Vorgang. Atan muß alio glauben, daß die Polizei alles drunter und drüber gehen ließe und ihren Tienft vernachlafsigte. Ja, wurde sich, wenn es so wäre, die hiesige Gemeindevertretung das gefallen lassen? Hat die tuesige Polizei ,emals fdion ihre Schuldig'eit nicht getan? Tie Polizei kann nicht zu gleicher Zeit überall fein. Deshalb darf man miet) der Polizei keinen Worumrf machen. Bei der Größe unseres Dorfes kann die Polizei nicht zu gleicher Zeil überall fein, hat man , J L k c . doch von einem b,s ziiin anderen Ende 2d Minuten zu gehen. VISI7KAR7 EN ln JecUr Ter Einsender schreibt zwar, es märe vorher schon eine halbe > ■ — sowie mit Zirkeln aller stiidentischen Ver- Stunde Kra,oall gewe-en, doch er widerspricht sich selbst, fdireibt1 änigungen liefert zu mäßigen Preisen die B rühr sehe Univ.-DruckzreL irm t>en Nordpol mfnahmrn: rinnt Rantpf, in dm onMre DSMr sich [dx>n lännft oeftüqt frittm. Ad-r »rcht rchanl-sl.sch-n 8/,2 Uhr üon der Kapelle des neuen Friedhofes aus statt. 6875 Statt besonderer Anzeige. Heute morgen entschlief sanft nach langem, schwerem Leiden unsere liebe Tante und Schwägerin LUDWIG ALTER Hof - Möbelfabrik DARMSTADT Telephon 35 Grossh. Hess. Hoflieferant Kaiser!. Rum. Hoflieferant Allen Denen, die uns ihre trostvoUe Teilnahme bei unserem unersetzlichen Verluste bekundeten, besonders dem Vorstand und den ~ Bekanntmachung. ’3dr.: Abwehr der Maul- u. Klauenseuche. in b mü. d/»u!,.mhn.e aus unsere Bekanntmachung vom l^reiSblatt Nr. 96) gelten al« neuvcrscucht die tleovmz Starkenburg und Rheinhessen. Tic Ortspolizeibehörden haben Vorstehende» ortsüblich bekannt zu machen. (Sieben, den 17. Dezember 1910 Großh. Kreisamt (Lieben. Dr. Uftnger. iflri|d|= Hilft Wn|d|i)iittfii Giessen Direktion: Hermann Stelngoetter. Sonntag den 18. Dezbr. 1910, , nachmittags 3*/v Ubr Kleine Preise Kleine Vreip Die Mäusekönigitt _. . oder ffiirörrM in hie Stillt fm Weihnachtsmärchen mit Musik v. &. A. Geissler. Ende 6 Uhr. ror , Abends 7V1 Ubr Kleine Preise Kleine Preise Der fidele Bauer Operette in 3 Akten von L#. s>aN. Ende 10 Uhr. (a»7/u Montag den 19. Dezember abends 8 Ubr Erhöhte Preise. Abonnenten -ahlen gegen Ablieferung des S. ^rmöhigungSkuponS gemöhni. Preise. Gastspiel Rita Saechctto in ihren Tanzpoeuen dazu Kollegen Charakter-Komödie in 1 tot Don Neumann-Hofer. Ende 10 Uhr. :