Nr. 164 Erstes Blatt Samstag 16. Juli 1910 Bezugspreis: Die heutige Nummer umfaßt 14 Seiten. 160. Jahrgang den üblichen Neuigkeitserfolg bei den zahlreichen Provinzlern hatten, mit denen Paris gegenwärtig gefüllt ist. Die große Ueberraschung kam erst des Abends, als der junge Aviatiker Guillaume Busson an Bord eines Bleriot-Monoplans aus Port-Aviation bei Juvisy aufstieg itnb auf einem kleinen Umwege über Arcueil, Bandes und Jssy nach dem Eiffeltürme flog, diesen umkreiste und dann auf das Bois de Boulogne lossteuerte, wo er auf o»er Wiese vor dem Schlosse Bagatelle zu landen gedachte. Da der Apparat aber vortrefflich funktioierte, machte Busson Idehrt und flog in fast gerader Linie nach Port-Aviation Mrrück, nachdem er die 52 Kilometer lange Strecke in 46 Min. mb in §iner Durchschnittshöhe von 400 Metern zurücb- gxlegt hatte. Der allgemeine Eindruck, den man von dem letzten Nationalfeste in Paris empfängt, ist der, daß die Beteiligung, die in den letzten Jahren erheblich nachgelassen hatte, wieder eine viel lebhaftere war, wozu allerdings das Gefühl der Befriedigung darüber beigetragen haben mag, daß der Sommer endlich mit einer mehrwöchentlichen Verspätung feinen Einzug gehalten hat. Leitung des Kriegsministers General Brun erfolgte, der von einem glänzenden Generalstabe und den fremden Militärattaches umgeben war, verlief mit der gewohnten Prä- e und dem üblichen Enthusiasmus der Zuschauer, denen .al Gelegenheit geboten wurde, auch den Marinetruppen ihre Huldigungen darzubringen, die sich während der letzten großen Wassersnot in Paris in so hervorragender Weise an den Nettungsarbeiten beteiligt hatten. Die vierhundert Marine-Füsiliere, die eigens aus Lorient zu der Truppenschau nach Paris gekommen waren, wurden für die lange mühevolle Fahrt reichlich durch die stürmische Kundgebung entschädigt, die ihnen in Longchamp bereitet wurde. Die Berlin, 15. Juli. Wie der Pariser Professor Masclaux dem „Journal d'Allemagne" mitteilt, ist es dem leitenden Arzt der dermatologischen Abteilung am Birchow-ükrankenhause, Dr. Wechselmann, gelungen, das Ehrlichsche S Y'V h i l i s - H e i l - mittel, Ehrlich Hata 606, derartig zu verändern und in der Weise anzuwenden, daß die bisher sehr heftigen Schmerzen der Injektion gänzlich wegfallen. Das Mittel wurde in dieser Form schon an mehr als 50 Pattenten mit bestem Erfolg erprobt. London, 15. Juli. Der Forschungsreifiende Filchner batte gestern in Edinburg mit Dr. Bruce, dem Leiter der schottischen antarktischen Expedition, eine Unterredung. Das Ergebnis der Besprechung war, daß der zwanzigste Längengrad die Grenze beider Expeditionen bilden soll. Filchners Ge- biet ist die Weddellsee, Bruce wird östlich hiervon vorgehen. 3x Ehren Filchners gab Bruce heute ein Frühstück, wobei die bedeutendsten schottischen Geographen und andere Gelehrte anwesend waren. Das französische Nationalfest. O Paris, 15. Juli. Das französische Nationalfest verlief diesmal in Paris mit ganz besonderem Glanze, wozu in erster Linie die Anwesenheit des belgischen Künigspaares und dann wohl auch die Tatsache beigetragen haben mag, daß die Pariser endlich durch volle vieruudzwanzig Stunden von dem zur Landplage gewordenen Regen verschont blieben und sogar die Sonne in ihrer sommerlichen Pracht zu sehen bekamen. Ter Morgen war allerdings noch etwas nebelig, allein das hinderte nicht, daß ungezählte Tausende schon gegen sieben Uhr die Tribünen des Rennfeldes von Long- chämp belagerten, wo um neun Uhr die große Truppenschau in Anwesenheit der Staatsoberhäupter Belgiens und Frankreichs stattfinden sollte. Punkt neun Uhr verkündete ein Kanonenschuß die Ankunft des Präsidenten der Republik, der mit seiner Gemahlin die königlichen Gäste vom Aüs- wärttgen Amte abgeholt hatte. Die Staatsoberhäupter und ihre Gemahlinnen nahmen die Revue in den ä la Daumont bespannten Wagen ab und dann erfolgte die Dekorierung der Fahnen des 1. Kolonial-Jnfanterie-Regiments und der Standarte des 1. Kolonial-Artillerie-Regiments mit dem Kreuze der Ehrenlegion, das diesen Regimentern von der Regierung verliehen worden war. Entblößten Hauptes trat Präsident Fälliges auf die gesenkten Fahnen zu und hielt dabei folgende Ansprache: „Durch die Verleihung des Kreuzes der Ehrenlegion an die Fahnen des ersten Kolonial-Jnfanterie-Regiments und die Standarte des ersten Kolonial-Artillerie-Regiments gibt die Regierung als treuer Dolmetsch des einmütigen Gefühles des Landes der gesamten Kolonial-Armee ein glänzendes Zeichen von Gerechtigkeit und Dankbarkeit. Seit den fernsten Zeiten bis auf umere Tage, auf allen Punkten des Erdballes, wie auf dem mit Krieg überzogenen Landesgebiete hat der Heldenmut der Kolonial-Truppen unvergängliche Blätter für unsere glorreiche Militärgeschichte geliefert. Mögen diese edlen Abzeichen, die ich mit Stolz der Hut zweier ihrer Regimenter anvertraue, für alle die Bürgschaft Jahrhunderte alter Tugenden sein, die die Stärke unserer Waffen ausmachen und der Stolz unserer Nation sind." Diese Ansprache des Präsidenten wurde nur von den Umstehenden vernommen, als aber Herr Fallieres mit sichtlicher Bewegung die Fahnen küßte, an die er das Kreuz der Ehrenj)olitische Wochenschau. Gietzen, 16. Juli. Int Zeughaus der inneren Politik klirrt es noch von den Schwertern erhitzter Parteimänner und Wahlkämpfer, von den Rüstungen, die für die künftige Gestaltung der Dinge herbeigeschleppt werden. In das laute Rücken der Ministersessel ist die Rücktrittsverkündigung des Erbprinzen zu Hohenlohe-Langenburg noch hineingeschallt. Wir können oiesem Rücktritt aus dem Präsidium des Reichstags beim besten Willen keine besondere Bedeutung bellegen. Auch wir möchten das polittsche Leben in Deutschland vor der Vorherrschaft des Zentrums bewahrt wissen — einer Partei, die in dem Wein staatspolitischer 'Arbeit nur immer die Würze einseitiger konfessioneller Interessen schmecken will — aber wir können es nicht für eine Großtat halten, wenn ein Erwählter auf hohem Sitz in allzu rührendem Einklang mit Vollsstimmnngen — die nicht erst von gestern sind — seine Laufbahn mit einer praktisch doch nur wenig wirksamen, papiernen Kundgebung beschließt. Solche Knalleffekte lösen sich am Ende lautlos auf, wie Schaum, der nichts zurück- läßt. Der Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg ist nie, etwa wie Dernburg, ein Mcmn von unbeugsamem Willen und festen Zielen gewesen. Ueberall horcht man auf die Anzeichen der nächsten Zukunft, sieht man nach den Fäden, Die für die nächsten Reichstagswahlen gesponnen werden sollen. Tas P'ä schern des roten Meeres vor den Stufen des Reichstagsgebäudes hat viele ein wenig zur Besinnung gebracht. „Sind sie nicht unser, diese Saaten, diese Ulmen, von Reben umsponnen, sind sie nicht Kinder unserer Sonnen?" Die „von der Sonne rötlichem Untergang" aus dem „Meerschiff" auf- gestiegenen „Genossen" sollen nicht mehr gastlich ausgenommen werden; nur einige Wasserstiefler linksliberaler Großblockfreunde waten ihnen willkommend entgegen. Mer auf der Rechten ist man sich noch lange nicht einig. Das Parfüm des päpstlichen Hirtenbriefes ist noch nicht verduftet, und Die verlegenen Zentrumskämpen ringen in ihrer Presse mit dem sie beklemmenden Gedanken, daß sie bei der allgemeinen Abwehr der sozialdemokratischen Gefahr nicht voll in die Front ausgenommen werden sollen. „Für die. christ- ttch-monarchische Ordnung im . wahrhaft paritätischen Staate!", so ruft die „Köln. Bolksztg.", und sie versichert, es gelüste das Zentrum keineswegs, „tn der Politik Pas ganze Reich zu tyrannisieren". Wenn die Parole für eine solche starke Armee posittv schaffender Kräfte ihre rechte Zugtraft erhalten solle, Dann müßten die Regierenden sich auch zu ihr bekennen, sie dürften es Dann nicht Dem blinden Zufall überlassen, ob das Gute sich Bahn bricht oder nicht. Während so das rheinische Zentrums!) latt dem Reichskanzler, der sich, über seinen Kurs nach den Ministerwechseln noch immer in Schweigen hüllt, gute Ratschläge und Ermahnungen erteilt, hallt es aus der gesinnungsverschwisterten „Germania" von lauten Schreckschüssen. Im Eisenbahnwagen erster Klasse sollen reisende Zentrumsabgeordnete, durch lautes Politisieren „aktiver und inaktiver Minister" aus süßem Schlummer erweckt, schwarte Plane Der Regierenden erhorcht haben. „Herr v. Bethmann-Hollweg und sein Generalstabschef, der neue Landwirtschaftsminister von Schorlemer-Lieser" sollen übereingetoatmen sein, Den Riß im Zentrumsturm künstlich zu erweitern, nämlich Die gou- vernementalen Elemente Der Zentrumspartei für sich zu „Charge" Der gesamten aufgebotenen Kavallerie, mit der Das militärische Fest seinen gewohnten Mschluß fand, wurde diesmal mit tadelloser Präzision durchgeführt, und der Jubel wollte gar kein Ende nehmen. Von sttirmischen Hochrufen begleitet verließen die Staatsoberhäupter die offizielle Tribüne, nachd-em sie sich von den vollzählig erschienenen Mitgliedern des Diploma- ttschen Korps verabschiedet hatten. Eine, allerdings gründliche Enttäuschung wurde dem Publikum dadurch bereitet, daß diemitBestimmtheit erwarteten Lenkballons und Aeroplane bei der Revue fehlten. Der Morgennebel war anscheinend zu dicht, als daß die Lenker Der Luftschiffe nnd Flug- apvarate es wagen tonnten, die Fahrt nach dem Manövcr- seloe zu unternehmen. Vielleicht trug auch Die noch frische Erinnerung an Die Katastrophe des „Erbslö h" und das tragische Ende mehrerer Aviattker dazu bei, um in Der letzten StunDe diesen „elou" der Parade auszuschalten. Eine kleine Entschädigung wurde den im Bois de Boulogne Zurückgebliebenen und den per pedes nach den Boulevards Heimkehrenden dadurch geboten, daß der Lenkballon ,Lo- diac III", geleitet von dem bekannten Luftschiffer de la Baulx, der die Uniform eines Gouie-Leutnants trug, kurz nach 11 Uhr oberhalb Des Rennfeldes von Longchamp erschien, das Bois de Boulogne durchquerte, über Don Arc de Triumphe hinweg nach dem Elysee-Palaste lossteuerte, wo der König der Belgier seinen Bttvegungen mit großer Auf- Gietzener Anzeiger für di- Redaktion 112, sXJr WÜJP Verantwortlich für den Seneral-Mzeiger für Sdtkhch« SW-k Annahme von Anzeigen V *7 ! • I 1 u.Land" und „Gerichts. bis vornüttag?19*TiRotationsdruck und Verlag der vrühl'schen Unw.-Vuch- und Steintniderei R. Lange. Redaktion. Expedition uns Druckerei: Zchulftratze 7. gewinnen und die süddeutschen Zentrumsdemokraten abzu?- stoßen. „Regierung, Scharfmacher und Hansabund arbeiten sich stark in die Hände, um das Zentrum zu reinigen, das heißt zu sprengen". Eine wundervolle Mär, Die ein noch wirrer, schlaftrunkener Zentrumsmann in so MenDenDe Form gegossen hat! Ob Dieses Ergebnis einer nächtlichen, abenteuerlichen Eisenbahnfahrt Die Leute um Spahn und Erzberger nun von Herrn v. Bethmann-Hollweg völlig abtrünnig machen wird? Man erkennt auch aus diesen Schmerzen des Zentrums die Unsicherheit unserer ganzen politischen Lage. Einige Blätter, so die „Hamburger Nachrichten", haben den Kanzler aufgesordert, endlich etwas Programmatisches verlauten zu lassen. In der Tat, es ist Die höchste Zeit, Dttß Die gegenwärtige Regierung allgemeine Klarheit schafft über Die Wege, Die fortan gegangen werden sollen. Man hat Herrn v. Bethmann-Hollweg bisher schon überreichlich der Schwäche und Tatenlosigkeit geziehen, hüllt er sich noch iveiter in Schweigen und läßt er auch ferner die Dinge gehen wie sie gehen, so werden der allgememe Mißmut unb Die Unzufriedenheit mit Der Leitung Der Reichsgeschäfte noch weiter um fisch greifen. Vielleicht gibt. Fürst Bülow Dem jetzigen Kanzler bei ihrer Zusammeniuwft den Rat, endlich geschickte Verhandlungen mit den PartÄsührern anzuknüpfen, das Eisen zu schmieden, solange es noch warm ist. Nicht das konservativ-ultramontane Bannsr darf das Siegeszeichen der Zukunft werden, sondern „die christlich-monarchische Ordnung", von der die „Köln. Volksztg." sprach, müßte auch einer gemäßigt liberalen Auffassung Raum und Luft geben. Es läge jetzt an Der leitenden Stelle, naues Vertrauen zu erwecken, eine positiv arbeitende Mehrheit zusammenzuschweißen, Die Den bedrückenden Staub Der vergangenen Tage endlich hinwegfegt. Die Parteiführer der Rechten wie oer Liberalen müssem sich sagen, daß starrer Eigenwille nicht zum Ziele geholfen hat und nicht zum Ziele führen wird. Die Zeit scheint geiommen zu sein, wo ein Staatsmann von Energie und Temperament über müde Parteipolitiker hinwegscyreiten tonnte. Das Volk will nur Gewißheit, daß nichr starre, rüdEftiänbige Tendenzen die lebendige Kraft liberalen Wollens einschnüren. Harr von Bethmann-Hollweg, Der schon manche Sympathien einyebüßt hat, müßte sich rasch und entschieden aufraffen, um dem Volke endlich einen überlegenen und entschiedenen Willen zu zeigen. Rasch und tapfer, denn bald stehen die Wahlen vor der Tür. Die Ereignisse draußen gruppieren sich um Das russisch-japanische Abkommen, Das im Anfang Dieses Monats abgeschlossen worDen ist. Der Statusquo soll in Der Mandschurei aufrecht erhalten werden, und in den veröffentlichten Grundlinien des Verttages wird noch von einer Verbessettung der Verkehrswege gesprochen, bei der sich die beiden Staaten gegenseitig unterstützen wollen. Wahrscheinlich ist also der Vertrag darum entstanden, um amerikanischen EinmischuriHs- aelüsten und „Neutralitätsvorschlägen" ein Ziel zu setzen. Das junge Japan erhält eine neue Befestigung seiner Macht, weitere Antriebe, seinen Machtbereich auszudehnen. Die Russen haben die kleinen Mongolen fürchten gelernt. Was die übrigen Mächte von Der Wirkung Des neuen Vertrages zu erwarten haben, liegt wohl hauptsächlich auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs. Es ist zu besorgen, daß Ru,ß- land und Japan die offene Tür in der Mandschurei in ihrem Angeln eingeölt haben, so daß sie öfter geräuschlos auch geschlossen werden kann. Von freundschaftlichen Zusicherungen, die von Den Diplomaten Petersburgs und Tokios etwa abgegeben werden solllen, darf ntan .sich nur wenig versprechen. Die phantastischen Perspektiven, die für die Aenderung in den Beziehungen der Weltmächte von dem Vertragszeitpunkt gezogen worden sind, haben noch weniger auf sich. Mit großer Weisheit wird da gedeutet und kombiniert, beinahe ebenso zuverlässig, wie um den Gesundheitszustand der Frau v. Schönebeck-Weber. Rußland soll sich jetzt mehr als bisher wieder Der Westmächte-Polittk zu- wenden können. Die Wien-Petersburger Beziehungen sollen daher wieder gespannter werden. Vielleicht wird int Gegenteil das neue Vertragspapier ein Anlaß werden, daß Die Russen argwöhnisch auf der Lauer sitzen müssen, ob Die Japaner an den schwankend bemessenen Tagesrationen im Statusquo sich begnügen werden. Die gegenseitige „Unterstützung" im Ausbau der Verkehrswege könnte sogar leicht neue Keime des Mißtrauens und Der Streitigkeiten erwecken. Der Abschied des Herrn v. Aiderlen Wächter von Sntarest. Der neue Staatssekretär von Kiderlen-Wächter scheint auf seinem bisherigen Posten in Bukarest sich Beliebtheit und Achtung erworben zu haben. Davon zeugen Die Trinksprüche, Die bei seinem Abschied gewechselt wurden. Indessen enthalten diese Trinksprüche keine Anhallspunkte dafür, welche Richtlinien dem Staatssekretär für Die große auswärtige Polllik vorschweben: Bukarest, 15. Juli. Der Minister des Aeußern D j u- vara aab ein Frü.hstück zu Ehren Des scheidenden Deutschen Gesandten v. Kiderlen-Wächter, an Dem Der deutsche Militärattache Major v. Massow, Der deutsche Konsul, Legationsrat Dr. Jentzsch und hohe Beamte tellnahanen. In seinem Trinkspruch sagte Der Minister: „Ich erhebe mein Glas auf das Wohl des Deutschen Kaisers. Wir hegen die auftichtigsten und herzlichsten Wünsche für fein Wohlergehen, für eine lange Dauer seiner Regierung, sowie für das Wohlergehen der Kaisettn und Der kaiserlichen Familie. Sie aber, Herr Minister, bitte ich zu glauben, daß das Gefühl Der Trauer über Ihr Scheiden ausgelöscht wird Durch die mächtigere Empfindung der Freude über den neuen Betteis hohen Vertrauens des Kaisers, der Sie zum Staatssekretär Des Aeußern ernannt hat. Wir wünschen Ihnen aufrichtigen Herzens Die Gesundheit und Arbeitskraft, welche nötig ist, qm Ihre bereite so glänzende Laufbahn weiter fortzufetzen. Wir sprechen Ihnen nochmals unser lebhaftes Bedauern über Das^ Scheiden eines so sympathischen Vertreters eines großen und mächtigen Reiches aus, dessen Freundschaft uns so wertvoll ist, und hegen die Hoffnung, daß-die langen Jahre, welche Sie in unserer Mitte verbracht haben, ein herzliches Gedenken hinterlassen, das wir tief im Herzen bewahren. Dieses Band wird zur Verknüpfung der Vergangenheit mit der Zukunft dienen, als Unterpfand für Ihre, für uns und unser Land so wertvolle Freundschaft. Ich trinke auf die Gesundheit des deutschen Staatssekretärs des Aeußern v. Kiderlen-Wächter!" v. Kiderlen-Wächter antwortete, nachdem er zunächst feinem Danke für Die dem Kaiser gewidmeten Wünsche Ausdruck gegeben hatte: „Ich bin von den liebenswürdigen unb gütigen Worten tief gerührt. Ich habe in Rumänien zehn Jahre verlebt und bin dessen aufrichtiger Belounderer und ergebener Freund. Ich .lernte hier viel kennen: Meses junge Volk/ dessen politische Einrichtungen ganz aus eigener Kraft aufgebitui sind. Ich konnte den Fortschritt bewundern, den das Land dstrch seine unablässtge Arbeit und durch die Entwicklung seiner natürlichen Reichtümer gemacht hat, ebenso die beständige Vermehrung seiner moralischen und geistigen Kräfte, die es den leitenden Klassen der gaiizen legion geheftet hatte, ertönten von allen Seiten stürmische» merksamkeit folgte und dann nach Jsys-les-Moulineaux zu- Hochrufe auf die Armee, die Kolonialtruppen, auf Frankreich rückkehrte. Im Laufe des Nachmittags zeigten sich auch oie und Herrn Fallier es. Das Dsflle, das nunmehr unter der Lenkballons „Ville-de-Bruxelles" und „Ä)lonel-Renard", Die : ■ 2luslaito. Aus London hnrb gemeldet: 'Der deutsche Botschafter stattete dem Premierminister Asguith einen Besuch ab und hatte eine längere Unterredung mit ihm, die sich wahrscheinlich um die Flottenbesprechung im Unterhause drehte. 'Das belgische Königspaar wurde am Freitag-vormittag im Pariser Rathaus feierlich empfangen und hat dann im Elysee an einem intimen Frühstück tcilgenommen. 'Das Königspaar ist nach dem Besuch des Louvremuseums um 4,20 Uhr vom Jnvalidenbahnhof abgereist. Präsident Fallieres begleitete sie zum Bahnhof. Der türkische F in anzmi nistcr Dschavid-Bey erklärte einem Mitarbeiter des „Temps", er habe mit seiner Reise vor allem den Zweck verfolgt, sich persönlich über die neueii Bedingungen Rechenschaft zu geben, unter welchen die französischen und die türkischen Interessen in Zukunft Zusammengehen können. Kein Land steb e der Türkei moralisch naher als Frankreich, welches mit der Türkei auch politisch in vollständiger Eintracht lebe. In materieller Hinsicht habe kein Land soviel Kapitalien in der Türkei engagiert wie Frankreich. Der Zweck seiner Reise sei keine finanzielle Ver- handlungeir. Er fasse nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft ins Auge. Aus Stadt und Land. Gießen, 16. Juli 1910. * * D a g eskalender. 1b. Ruderregatta auf der Lahn, veranstaltet von der RudergeseNschait 1877.' Anfang Sonntag nachmittag 3% Uhr. Vorrennen Samstag nachmittag 5* l/a Uhr und Sonntag vormittag 8 Uhr. K i n e m a t o g ra p h: Täglich Vorstellung. Biograph: Täglich Vorstellung. * 'Nation verdankt Der ausgezeichnete Empfang, den ich hier -stets gefunden habe, ist eine kostbare Stütze für mich gewesen, denn außerhalb der amtlichen Beziehungen fand ich hier immer eine freimütige, lovalc Freundschaft, die ich von ganzem Herzen erwidere. Es betrübt mich, Rumänien verlassen zu müssen, aber in meinem neuen Amte .wird es meine Aufgabe fern, die auge- bahnten Beziehungen fortzusetzen und das Band zwischen beu beiden Ländern enger zu knüpfen. Ich bin tief gerührt von der besonderen Gnade, die der König mir erwiesen hat, dieser Souverän, dessen edle Weisheit ganz Europa ehrt, und der nicht allein das Ideal der Staatsmänner, sondern auch der Diplomaten ist. Ich kann meiner Dankbarkeit nur dadurch Ausdruck geben, daß ich mein Glas erhebe und auf die Gesundheit des Königs von Rumänien und der Rumänen trinke?" Ramens der persönlichen Freunde des Stcutts- sekretärs sprach Ministerpräsident Bratianu. Jedermann in Rumänien schätze den Freimut, die Klarheit und Sicherheit des Gefeierten, die ihm die Sympathie aller verschafft habe. „Ich tvünsche Ihnen," sagte der Ministerpräsident, „daß Sic das von Ihrem großen Vorgänger zwischen Deutschland und Rumänien begonnene Werk in Berlin fortsetzen. Ich spreche von Bismarck, dessen Schüler und Nachfolger Sie, speziell was die Beziehungen zwischen den beiden Ländern anlangt, gewesen sind. Es lebe v. Kiderlen- Wächter." Der Scheidende erwiderte: „Ebenso wie ich ein Epigone dessen bin, dessen Interesse für Rumänien Sie Erwähnt haben, so werde ich seine edle Aufgabe durch die Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern in dem Amte sortsetzen, das der Kaiser mir allergnädigst übertragen hat." politische Tagesschau. Disziplinlose Genossen. Der Nürnberger sozialdemokratische Parteitag hatte sich bekanntlich mit großer Majorität gegen jede Bud^etbewilli- gung durch die Sozialdemokratie ausgesprochen: es sollte damit den süddeutschen Genossen strikte Weisung gegeben werden, die cs schon in früheren Jahren gewagt hatten, für das Budget zu stimmen, obgleich sie damit gegen den Geist der Entschließung der Parteitage von Lübeck und Dres^- den verstießen. Der Zweck des Nürnberger Beschlusses war, in dieser Beziehung jeden Zweifel auszuschließen: „Angesichts der Tatsache, daß die Gesamtabstimmung über das Budget als Vertrauensvotum für die Regierung aufgefaßt werden muß, ist j e d e r gegnerischen Regierung das Staatsbudget bei der Gesamtabstimmung zu verweigern." Trotz dieses Beschlusses hat jetzt die badische sozialdemokratische Fraktion für das Budget gestimmt; ihr Führer, Abg. Dr. Frank-Mannheim, erklärte, daß seine Freunde „mit Rücksicht auf die besonderen politischen Verhältnisse" auf die „Demonstration" der Ablehnung verzichten und für das Finanzgesetz stimmen. In dieser Tat erblickt der „Vorwärts" eine Mißachtung der Beschlüsse der Gesamtpartci, und er hält denn auch bereits den disziplinlosen Genossen eine fast drei Spalten lange Vorlesung über ihren Fehltritt. Insbesondere wendet er sich gegen die Auffassung, daß die Budgetverweigerung eine bloße Demonstration sei, sie fließe vielmehr unmittelbar aus der sozialdemokratischen Grundanschauung, weil darin das Bekenntnis zum sozial!stischeu Endziel liege. Der „Vorwärts" 'kündigt an, daß auf dem nächsten Parteitag diese Frage endgültig gelöst werden müsse. Wie er mit- teilt, wird die badische Fraktion sich sogar bei der nächsten, am Samstag stattfindenden feierlichen Schließung der Kammer, bei der der Minister v. Dusch das übliche Hoch auf den Groß Herzog ausbringen wird, beteiligen. Besondere politische Verhältnisse gibt es nach dem „Vorwärts" überhaupt nicht. Der Klassenkampf des Proletariats dürfe nicht abgeschwächt und nicht verschleiert werden; denn jede derartige Abschwächung „vermindert auf die Dauer unsere Anziehungskraft auf die Massen". Dieses offene Eingeständnis verdient immer wieder festgehalten zu werden, weil es denen die Augen öffnen muß, die sich der Illusion hingeben, die Sozialdemokratie werde zu positiver politischer Arbeit herangezogen werden können. gteicht Bernhard Dernburg am Meisten seinem mütterlichen Großvater, dem Pfarrer Karl Stahl, und feinem Oheim Heinrich 'Dern- burg. Das Haus, in dem Bernhard Dernburg seine Jugend verbrachte, war, während ich als Parlamentarier und Ehefredakteur der „Nationalzeitnng" tätig v>ar, ein vielaufgesuchter politischer und literarischer Mittelpunkt hervorragender Leiter und Abgeordneter der nationalliberalen Partei, wie Stauffenberg, Lasker, Bamberger, Schriftsteller wie Berthold Auerbach und Friedrich Spielhagen, die Künstlerschaft war reich vertreten, die Mitarbeiter und Korrespondenten der Zeitung kamen und gingen. Fremde aller Länder stellten sich ein. Herr v. Holstein brachte die Bis- marcksche Atmosphäre in das Haus. Alle literarischen, parlamentarischen und polttischen Vorgänge wurden unausgesetzt verhandelt. Als ein ungemein frühreifer Knabe nahm Bernhard Dernburg hieran lebhaftes Jntercksse. Unter diesen vielseitigen Interessen litt natürlich in erster Reihe die Schule. Die Mehrzahl seiner Lehrer hatte für die eigentümliche Begabung und Geistesrichtung des jungen Manneis kein Verständnis, selbst da, wo er an Fassungskraft und Scharfsinn seine Mitschüler überragte, wurde bei ihm nur Ucberhebung konstatiert, er paßte nicht in das Schema des Joachimstaler Gymnasiums. Mtt einem raschen Entschluß warf er das Gymnasium /hinter sich, nachdem er das Reifezeugnis für Prima erlangt hatte. Es war für ihn wie für die Schule eine Erlösung, als er diese verließ. Trotz dieser Schulerlebnisse ist er ein Freund der humanistischen Studien geblieben. Bis heute bilden klassische Autoren fene Lieblingslektüre, Homer, Livius, Demosthewes und Aeschilos, Thukidides, Tacitus und Sallust sind ständige Begleiter für ihn, felbst auf seinen Reisen. Sonst teilen sich Bismarck, Shakespeare und Goethe und die von ihm hochverehrte Bil>el in seine freien Momente. Auf seine Militärzeit sieht Bernhard Dernburg mit großer Befriedigung zuttick. Er biente als Einjähriger beim zweiten Gardefeldartillerieregsiment und hat sich auch hier trotz mancher Schwierigkeiten, bie rhm entgegentraten, burchgesetzt. Er bekam rechtzeitig die Tressen. Als es sich indessen um Erlangung der Offiziersaualisikation handelte, erklärte sein Batteriechef, der die Einjährigen überhaupt auf dem Strich hatte, er hätte keinen zu empfehlen. Das paßte dem Regimentskommandeur nicht, der bestimmte Vorschläge verlangte. So nannte er denn auch Bernhard Dernburg, der im Exarwcm die höchste erreichbare Zahl von Punkten gewann. Er erhielt die Offitziersqualifikation und machte die vorgeschriebenen Hebungen .in der Spandauer Festungsartillerie. Er erhielt die ungewöhnliche Qualifikation „Vorzüglich". Zur Offizierswahl hat er sich nicht gestellt, da er nach Beendigung der Hebung alsbald nach Amerika ging. Für die Art, wie ein patriotischer Mann seine Pflicht gegen das Vaterlamd erfüllt, schweben Bernhard Dernburg die amerikanischen Staatsmänner als Meister vor. Wie diese nach zurück- gelegter Amtsperiodc wieder ,in das einfache bürgerliche Leben zurücktreten, so ist auch Bernhard Dernburg im Begriff, den gewohnten Beruf wieder aufzunehmen. Schon vor Jahresfrist teilte er insr mit, daß er zu Ofeern sein „Dienstbuch fordern werde", oder wie er im Scherz sagie: „Cincinnatiis kehret zn seinem Pfluge zwcück". Bis zu jenem Termin glaubte er die in seinem dem Kaiser unterbreiteten Antrittsprogramm vorgesehenen organisatorischen Maßnahmen durchführen zu können; eine lediglich verwaltende Tätigkeit entsprach weder seiner Veranlagung, noch konnte sie ihn politisch befriedigen; dies um so weniger, als die Staatssekretäre pes Reiches ohne jeden Einfluß und häufig selbst ohne Kenntnis bezüglich der Ziele der Regierung und ihrer oft wechselnden Beziehumgew zu den Parteien sind, ein für ihre parlamentarischen Aufgaben undurchführbares Verhältnis. Seiner ganzen Veranlagung nach, kann Bernhard Dernburg von einer Regierung S ch wä che am wenigsten ertragen. Die Preisgabe des kaiserlichen Ansehens unter Fürst Bülow hat er für einen schweren Fehler gehalten. Man nennt ihn oft eine „Herrennatur". In dieser Bezeichnung liegt indessen ein Zug von egoistischer Selbstherrlichkeit, die ihm fremd ist. Aber als Mpmn der Autorität verlangt er eine feste Hand; seine Devise ist: Wer in schwankenber Zeit schwankend gesinnt ist, der ver/mehret das Hebel. Was er in einer rückschauenden Selbstkritik 'bei sich am stärksten beanstandet, ist, daß er die Zeit als entscheidender Faktor nicht hoch genug eingeschätzt und von seinem starken Temperament verfahrt, manchmal den Augenblick zu sehr belastet hat. Was er daher gegenüber den mancherlei Wünschen für seine weitere JBetätig-nmg, die an ihn herantreten, auf das ernftefte begehrt, ist, daß ihm nach der atemlosen Arbeit an der Darmstädter Bank und in der Organisation der Kolonien eine Zett gegönnt werde, sich selbst und die Dinge ausreifen zu lassen. SoMen sich wieder einmal Aufgaben finden, für die er sich speziell begabt glaubt, so würden seine «Dienste dem Vaterlande nicht sehken. Der hamburgische Staat und die Heilsarmee. Im Jahre 1907 erregte es einiges Aufsehen, als der hamburgische Staat der Heilsarmee auf drei Jahre je 5000 Mk. zur Verfüjgung stellte. Er verfolgte bamit jedoch einen sozialen Zweck, denn das Geld war für das Männer- h eim der Heilsarmee in Hamburg bestimmt. Diese Männerheime entsprechen ungefähr den Asylen für Obdachlose. Bettler, Obdachlose, entlassene Gefangene — alles findet dort Unterfunft. Die Heilsarmee hat heute 10 solcher Heime .in Deutschland. 1907, nach der Dotation, eröffnete sic in Hamburg das zweite Heim. Mit diesem Jahre war nun die Dotation abgelaufen. Die Leitung der Hamburger Heime vertraute jedoch auf die Munifizenz und soziale Einsicht der Hansestadt und-erbat lühn 10 000 Mk. jährlich. Gie konnte in ihrer Eingabe mit Stolz darauf Hinweisen, daß Dorn' 1 Oktober 1907 bis zum 31. März d .I. in ihren beiden, Heimen 102 214 Mann Unterfunft gesunden hatten, daß in. dieser Zeit 320136 Mahlzeiten verabreicht, daß ihr 794 Männer von Hamburger Behörden überwiesen wurden und' daß 1586 Männer Stellung gefunden hatten. Nach eingehender Prüfung der Polizeibehörden, der Armenverwal- tung und der Finanzdeputation beschloß der Senat, das! Gesuch der Bürgerschaft zugehen zu lassen. Diese verhandelte nun in diesen Tagen darüber in einer interessantem Sitzung und bewilligte mit Überwältigender Majorität die 10000 Mk. auf drei Jahre. Die 5)eilsarmee will nun sofort ein drittes Männerheim einrichten. Das erste vergrößert sie augenblicklich, so daß sie 300 Betten zur Verfügung haben wird. Hamburg ist die erste Stadt, dH in dieser Weise die soziale Tätigkeit der Heilsarmee durrh laufende Beiträge unterstützt. Deutjcdes Der Reichskanzler traf am Freitag morgen in Berttn etn. Im Laufe des' Vormittags trat unter seinem Vorsitz das Staatsministerium zu einer Sitzung zusammen. — Der Reichskanzler stattete nachmittags dem Fürsten und der Fürstin von Bülow in dessen Hotel einen Besuch a?b. Der Reichskanzler nahm bei seinem zweistündigen Be- ilch bei dem Fürsten und der Fürstin Bülow auch den D e e bei diesen ein. Abends machte Fürst Bülow einen Längeren Spaziergang im Tiergarten und stattete mehrere Besuche ab. Aus B a l c st r a n d wird gemeldet: Der Kaiser unternahm Donnerstag vormittag einen längeren Spaziergang und besuchte den hier in Balholm wohnenden Maler Hans Dahl, der mit feiner Familie, ebenso wie her eingetroffene Bildhauer Professor Unger, zur Abendtafel geladen wurde. Nachmittags verblieb der Kaiser wegen der großen Wärme an Bord. Freitag vormittag besichtigte der Kaiser das Schulschiff „Hansa" und unternahm mit den Herren der Umgebung bei schönstem Wetter eine Fahrt auf dem „Sleipner". Die Umgebung der Ankerstelle bei Balholm gehört besonders bei diesem Sonnenschein zu dem Schönsten, was Norwegen bieten kann. Samstag geht die „Hohenzollern" in See nach Olden, wo die Ankunft zirka 7 Uhr abends r z Dernburgs Persönlichkeit. Die „Koloniate Rundschau" bringt eine Dernburiz- Nummer, in der auch ^Friedrich Dernburg, der Vater beS früheren Siaatsselretärs, über seinen Sohn, der. wie gteidy falls mitgeteilt wird, von der staatswissenschaftlichen Fakn!,- tät der Universität München und von der Universität Mnigs-- berg zum Ehrendoktor ernannt lnorden ist, das Wort ergreift. In di'ser Schilderung von Dernbnrgs Werdegansj steckt manches Neue. Friedrich Dernburg schreibt u. a.: In einer Zett, wo jo viel von Rasse und Rassenpolttik dies Rede ist, wird die B l u t m i s ch u n g , die hier vorliegt, des Interesses nicht entbehren. '2>er väterliche Großvater stammt aus einer jüdischen Gelehrtenfamilie, die feit Vorzeiten im Harz angesessen war imd an den Rhein verzog. Hartioig Jakob Dcrn-- 6urg trat in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhundert-: Bum Christentum über, galt als hervorragender Jurist und ftarb als Richter am obersten Gerichtshof in Darmstadt. Auf mütterlicher Seite zeigt sich eine eigentümliche Zusammensetzung Dew Großvater, selbst Pfarrer, stammt aus einer Pfarrersainttie, die bis zur Reformation in Schweinfurt a. M. nachweisbar seßhaft ist. Die Großmutter ist her bekannten Frankfurter Bankierfamilie von Heyder-Mctzler entsprossen. In der äußeren Erschintmiiig ” Vom Großherzoglichen Hofe. Das Groß- herzogSpaar, das feit dem 15. Juli im Seebade Filey verweilte, begab sich am 15. ds. Mts. nach London. Die beiden Prinzen bleiben in Filey zurück. Die Abreise von England erfolgt am 28. d. Mts. über Ostende—Brüssel und die Ankunft in Wolfsgarten, n. d. „Darmst. Ztg.", am 31. ds. Mts., vormittags. **Ordensangelcgenheitcn. S. KH. der Groß-- Herzog fyat nachstehenden Personen die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen für die ihnen von dem deutschen Kaiser verliehenen Auszeichnungen erteilt: dem Postdirektor Simm er in Bingen für den Kronen-Orden 3. Klasse, dem Oberpostsekretär, Rechnungsrat Grimm in Darmstadt für den Roten Adler-Orden 4. Klasse und öcm Oberbriefträger S ch r ö d e r in Mainz für das Preußische Allgemeine Ehrenzeichen. Der Kaiser hat dem Proviantamtsdirektor a. D. Rechnungsrat Kieselbach zu Demmin, bisher Vorstand der Armee-Konservenfabrik in Mainz, den Kronen-Orden 3. Klasse verliehen und dem Oberlt. Frhrn. Schaeffer v. Bernstein im 5. Rhein. Jnf.-Regt. Nr. 65 die Erlaubnis zur Anlegung des Ritterkreuzes 2. Klasse des Hessischen Verdienst-Ordens Philipps des Großmütigen verliehen. * * Anonyme Zuschriften an die Redaktion sinden in feinem Fall Berücksichtigung. ** Neue Gesellenprüsungsausschüsse wurden von der Handwerkskammer bei der freien Fleischer-Innung Alsfeld lVorfitzender I. F. Gundrum, Metzgermeister zu Alsfeld; Stellvertreter B. Duchardt, Metzgermeister zu Alsfeld) und beim Ortsgewerbeverein Allendarf a. d. Lumda ! Vorsitzender E. Ranft, Weißbindermeister zu Mendorf a. d. L.; Stellvertreter H. Bergen, Schreinermeister zu Allendorf a. d. L.) gebildet. ** Für blinde Handwerker. Der hessischen Handwerkskammer sind durch Vermittlung der Bank für Handel und Industrie 38,75 Mk. überwiesen worden, die der Bank anonym von Hildesheim zugegangen waren mit der Bestimmung zur Erholungsreise für blinde Handwerker. Ein früher überwiesener Betrag mit 20 Mk. und diese 38,75 Mk. wurden auf Vorschlag der Blinden-Anstalt zu Friedberg an drei blinde Korb- und Stuhl- flechter verteilt. Siegatta. Es fei darauf hingewiesen, daß am Sonntag abend nach Schluß der Negatta für die Mitglieder und auswärtigen Gäste der Ruder-Gefellschaft in Steins Garten ein Gartenfest mit Tanz stattfindet, bei dem die gesamte Homburger Militärkapelle konzertiert. — Die sehr wertvollen Preise, die am Sonntag auf der Lahn unstritten werden, sind im Schaufenster der Firma Aug. Oßmann, Seltersweg, ausgestellt. Besonders hervorzuheben sind die vom Großherzog, von dem Prinzen Eitel Friedrich, von der Universität und von der Stadt Gießen gestifteten Preise. — Die wegen der zahlreichen Meldungen erforderlichen Vor- rennen beginnen heute nachmittag um 5 Uhr und Sonntag früh 8 Uhr. — Die Inhaber von Eintrittskarten zur Regatta Haden freien Zutritt. Da auch bei den Vorrennen sehr spannende Kämpfe zu erwarten sind, dürfte ihr Besuch schon recht lebhaft werden. ** Weibliche Lehrlinge. Die Gewerbeordnung macht keinen Unterschied im Geschlecht, so daß deren Vorschriften über das Lehrlings wesen sowohl auf männliche wie weibliche Lehrlinge anzuwenden sind. Aus den Kreisen der Beteiligten heraus sind daher an die hessische Handwerkskammer Anträge ergangen, die Lehrzeit für weibliche Lehrlinge im Handwerk zu regeln und zwar für Weißnäherinnen, Weißstickerinnen, Putzmacherinnen und Damenfriseusen 2 Jahre, in den übrigen Handwerkszweigen für weibliche Lehrlinge 3 Jahre Lehrzeit festzusetzen. * • Beim Kaiser Wilhelm-Regiment find abermals etwa 300 Landwehrleute auf 10 Tage zur Hebung ein- gezogen worden. Sie üben in zwei besonderen Kompagnien. ** Fun d einer unbekannten Leiche. Am 10. Juli wurde in RodHeim v. d. H. im Walde verborgen die etwa 188 Atm. große Leiche eines unbekannten 60—70 Jahre alten Mannes gefunden. Der Schädel wies ein nahezu einpfenniggroßes 'Loch auf, das von einem Schuß aus einer großkalibrigen Pistole herrührt. Eine Schußwaffe wurde nicht bei der Leiche gefunden, weswegen der Verdacht eines Verbrechens begründet ist. Die Leiche, die ganz verlvest war und offenbar schon sehr lange im Walde liegt, war bekleidet mit kleinkariertem, schwärzlick>em Sackrock, Weste und ebensolchem Beinkleid, doppeltem Hemd von hellgrauer Farbe, braunwoklenerHuter- hose, braunen Strümpfen und gut erhaltenen Schnürschuhen. Die Hose war befestigt mit noch gut erhaltenen Unterhosen- trägem von Gunrmi mit Schnallen. In der linken äußeren Brusttasche fand sich! ein früher Weißes, jetzt ganz schmieriges Taschentuch. Auf dem Kopse fand sich ein schwarzer weicher Mzhut ohne Futter mit schwarzem Baude. Nachrichten über die Persönlichkeit des Verstorbenen an die Polizeibehörden sind im Interesse der Aufklärung der Sache sehr erwünscht. = Hess. Veteranen-Appell in Darmstadt. Es dürfte wohl von Interesse fein, zu erfahren, daß die Eisenbahn- direktioneir Mainz und Frankfurt für den 13. und 14. August Verwaltungssonderzüge entlegen werden zu dem ermäßigten Preise von 1,75 Mk. für den Kilometer in der 3. Klasse, so daß die Reisekosten sich bedeutend erniedrigen werden Am 14. werden voraussichtlich solche Züge ab Worms, Bingen, Erbach, Heppenheim und Gießen abgelassen werden. Für Nachmeldungen von Teilnehmern wurde ein Termin zum 1. August festgesetzt. Abmeldungen mit Rückzahlung des eingesandten Beitrags werden bis zum 10. August einschließlich angenommen. Hungtzn, 15. Juli. Die l>essisck)e Staatsregierung hat an die hiesige Stadt das Ansinnen gestellt, die Kosten für Erhaltung unserer höheren Bürgers chule aus eigenen Mitteln aufz'ubrmgen. Mtt Entziehung des Staatszuschusses ist unsere Schule vor die Frage des Seins ober Nichtseins gestellt; sollte oer Stacttszuschuß für die Folge nickst gewährt werden, so wird mc Stadt Hungen kaum in der Lage fein, diese Kosten aufzu- bnngen. Der gemeinnützige Verein befaßte sich in einer allge- mEn'Versammlung mit dieser Frage. Der Vorsitzende Rechtsanwalt Sandmann wies auf die Bedeutung der Sache hin, während Lehramtsreferendar Köhler in eingehender^ Weife dastir eintrat, daß die Schule der Stadt auf jeden Fall erhalten bleiben müsse. Man könne das Schulgeld entsprechend erhöhen und die Schulerzahl werde sich voraussichtlich vermehren. Lehrer Leh- n i n g hält den Zeitpunkt für' gekommen, die Schule noch weiter ausznbauen. Lehrer Staubach weist darauf hin, daß man vor zwei Jahren die Obertertia ohne irgend welche Mel)rbelastung der otabt hätte einrichten können; ferner tritt er für bie Errichtung einer l andwir t scha f tl. Realschule ein ?(ber abgesehen htervon müsse man beftrebt fein, die hiesige höhere Bürgerschule auf bie Höhe ber Einjährigen-Bereckstiguirg zu brin- ocn. . 3m Vergleich zu Schotten sei Hungen mit seiner äußerst gutniügcm Lage minbestens ebensogut in der Lage, die hiesige hoher» Schule auf diese Höfe- zu bringen. Dekan Hainer evkennt ^vorerst noch nickst an, daß der Staat sich völlig ab- lehnend auf eilte bezüglickf-e Eingabe verhalte. Die sogen Schul- fahtten mtt der Bahn habiu für die jungen Leute verschiedene Nachteile intb Gefahren im Gefolge, auf die die Lehrkräfte tlller- dmgs keilten Einfluß haben^ Er hoffe, daß sich der Geineinderat bezüglich der Erhaltung der schule entgegenkommend zeige Lehrer aak tritt für die Gründung eines Schittvereins ein mit jähr» ftd) 10 Mark Beürag, rote bre-s m einer Versammlung in Wöll" fleht beschlossen roorbeit sei. Lehrer Sta u b-a ch ist dafür, da Hirngen sich nt der günstigen geographischen Lage besinnet, die höhere Schule ipeitrr crusztrbauen imd roeißt ebenfalls auf "die Gefahren des Bahnfahrens der Schüler hin. Bürgermeister Fendt versichert, daß man die Bürgerschule unter allen Umstanden zu erhalten suchen wird: man solle jedoch heute keine diesbezügl. Beschlüsse fassen, sondern die Antwort der Regierung abwarten. Aus den Aussirhrungen vcrschiedeirer Redner und namentlich aus denen des Bürgermeisters ist die erfreuliche Tatsache festzustellen, daß alle dafür eintreten, die höhere Bürgerschule zu erhalten. -Bad-Nauheim, 15. Juli. Bis zum 14. Juli sind 19 451 Kurgäste angekommen, wovon art genanntem Tage noch 7236 anwesend waren. Bäder wurden bis zum 14. Juli 223 574 abgegeben. R. B. Darmstadt, 15. Juli. Gestern abend wurde im hiesigen Noßdprfer Wald ein Mann erhängt aufgefunden, dessen Persönlichkeit sich als diejenige des Aufsehers Obl vom Arbeitshaus Dieburg ergeben hat. Ein gegen ihn anhängiges Strafverfahren dürfte die Ursache der Tat sein. — Effolderbach, 15. Juli. Die Eisenbahnverwaltung beabsichtigt das in dem Effolderbacher Tunnel, zwischen km 42,891 und 43,564 der Bahnstrecke Gießen—Gelnhausen zu Tage tretende Wasser zu sammeln und in einer geschlossenen Rohrleitung nach dem Bahnhof Stockheim zu leiten, woselbst es zur Speisung der Lokomotiven und als Wirtschafts- und Trinkwasier .Verwendung finden soll. = Rodheim a. d. B., 15. Juli. Ein Wahrzeichen unseres Dorfes, die a l t e S ch u l e, wird demnächst von der Bildfläche verschwinden, sie soll auf Abbruch versteigert werden. Sie hat vielen Geschlechtern, früher auch den Kindern von Bieber und Vetzberg als Bildungsstätte gedient, das Jahr ihrer Erbauung äst nicht genau festzustellen. Die älteste Schule Rodheims hat in der Nähe der Kirche und des Pfarrhauses gestanden. Mit Schluß der Herbstferien gedenken sämtliche Klassen und die Gewerbeschule in die neue Schule überzusiedeln. Sie ist nach den Plänen des Kreisbaumeisters Achenbach-Biedenkopf durch Maurermeister L. Steinmüller erbaut worden. Auch bei der inneren Ausgestaltung wurden einheimische Handwerker in erster Linie berücksichtigt. Frankfurt, 15. Juli. Die heutigen Stadtverordnete n-Stichwahlen in den Vororten ergaben: Bonames- Berkersheim-Niederursel: Nipps (Fortschr. Volksp.) 213, Braumann (Soz.) 162; Eckenheim-Preungesheim: Lehr (Fortschr. Volksp.) 407, Bender (Soz) 406; Eschersbeim- Ginnheim: Wendel (Soz.) 488, Feldmann (Fortschr. Volksp.) 414. Gewählt sind also die fortschrittlichen Volks- parteiler Lehr und Ripps und der Sozialdemokrat Wendel w. Fulda, 16. Juli. (Tel.) Die Wagenfabrit von Flamme wurde durch eine Feuersbrunst vollständig zerstört. Univcrsitäts-Nachrictzten. Heidelberg, 15. Juli. Zum 100jährigen Stiftungsfeste überreichte das hiesige Studentenkorps S u e v i a heute vormittag durch eine Abordnung dem engeren Senat der Universität 15 0 0 0 M a r k als Fonds zu wissenschaftlichen Zwecken unter dem Namen „S ch w a b e n st i f t u n g". Heidelberg, 15. Juli. Der Direktor der hiesigen Luisen- heilanstalt, Professor Dr. Emil Feer, hat einen Ruf als ordentlicher Professor und Nachfolger des Professors Wyß nach Zür.ich erhalten. * Aus Marburg wird uns geschrieben: Auf Grund einer Schrift: „Der religiöse Wahrheitsbegriff in der Philosophie Rudolf Euckens" habilitierte sich Sic. theol. Karl Bornhansen in der hiesigen theologischen Fakultät. Sein Spezialgebiet ist die svstematische Theologie. Seine bisherigen Arbeiten betreffen hauptsächlich die Religionsbehandlung in der heutigen Philosophie. Sic. Bornhausen ist 1882 zu Frankfurt a. M. geboren. Landwirtschaft. * Besichtigung von Feldversuchen. Auf Veranlassung des Sandwirtschaftskammer-Ausschusses finden in nächster Zeit öffentliche Besichtigungen von Demonstrationsdüngungsversuchen statt. Die erste dieser Veranstaltung findet Sonntag, 17. d. M., nachmittags 23/4 Uhr in Altenstadt, die nächste Dienstag, 19. d. M., vorm. 8 Uhr in Rohrbach und eine weitere Dienstag, 19. d. M., nachmittags 2Uhr in Beuern statt. Die Landwirte können sich bei dreier Gelegenheit über die verschiedenartige Wirkung der Düngemittel, das Düngerbedürfnis des Bodens und über die Art und Weise, wie man einfache Feldversuche durchführt, leicht informieren. Die nötigen Aufschlüsse und Erläuterungen werden durch die Versuchsansteller und dem Leiter der Versuche, Herrn Kreutz, erteilt. Die Teilnehmer treffen sich für Altenstadt nachmittags 2^ Uhr in der Wirtschaft Holzapfel, für Rohrbach am Bahnübergang Rohrbach um 8 Uhr vormittags: für Beuern nachmittags 2 Uhr in der Wirtschaft Wagner daselbst. 1902 1852 3934] Der Vorstand. Der Vorstand. v16/7) Wir erfüllen hiermit die traurige Pflicht, die Altersgenossen von dem Ableben unseres Kollegen, des < Herrn Ludwig Friedrich geziemend in Kenntnis zu setzen. Die Beerdigung findet Sonntag nachm. 3 Uhr von der Kapelle des neuen Friedhofs aus statt. wandern und Reisen. *• Gin Besucher Nordecks schreibt uns: Beim Nahen des Sommers wählt sich jeder sein Reiseziel: der sucht Erholung Concordia. Wir erfüllen hiermit die traurige Pflicht, unsere Mitglieder von dem Ableben unseres Ehren-Mitgliedes Herrn Ludwig Friedrich geziemend in Kenntnis zu setzen. Die Beerdigung stndet Sonntag nachmittag 3 Uhr statt. Gesellschaft Turn-Mub. Wir erfüllen hiermit die schmerzliche Pflicht, unsere Mitglieder von dem Ableben unseres laugiähr. Ehrenmitgliedes Herrn Louis Friedrich geziemend in Kenntnis zu setzen. Die Beerdigung findet Sonntag nachmittag 3 Uhr von der Kapelle des neuen Friedhofs aus statt und ersuchen wir unsere Mitglieder, dem Verstorbenen recht zahlreich die letzte Ehre zu erroetfen. 3916 Wieben, 15. Juli 1910. Der Vorstand. an oer Dee, jenee oerem ote iznpen, em Dritter zieht tn oen Schwarzwald, ein anderer strebt au den Rhein. „Worum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nahe!" Man lost sich in Gießen für 65 Reichspfennige eine Karte nach Atlendors an der Lumda. Von dort erreicht man in knapp Dreiviertelstunden Dorf und Burg N o r d e ck. Wem es zu beschwerlich ist, der kamr sich Fahrgelegenheit aus Nordeck kommen lassen; sparsame teilte benutzen den Milchwagen. Nach Norden uub Osten gegen rauhe Winde geschützt, liegt Nordeck an den Abhang des Oberwaldes geschmiegt, zu dessen Fuße sich das anmutige Lumdatal, die Rabenau, ausdehut. Trüben erblickt man Londorf und Allendorf, weiterhin Treis a. d. Lumda: in der Ferne grüßt der Gleiberg. O, dieser Oberwald 1 Unmittelbar hinter der Burg öffnet sich der herrlichste schattige Buchendom, der weiterhin mit Nadelholz abwechselt. Breite Fußwege durchziehen ihn in der Richtung nach Londorf, nach Roßberg, nach Treihausen, nach Ebsdorf. Bequeme Ruhebänke laden zum Verweilen. Jeder fiuDet da, was er sich wünscht: der Erholungsbedürftige tiefe Ruhe, die herrlichste, ozonreiche Lust; der Romantiker uralte Felsblöcke mit MooS und Epheu bewachsen, eine düstere, tannenbestandene „Teufelsschlucht mit Teufelsbrücke". Für große und kleine Leckermäuler gibts Erdbeeren und Himbeeren, später auch Brombeeren, Steinpilze und Pfefferlinge. In den alten Steinbrüchen regen sich gelbe und schwarze Salamander. Muntere Eichhörnchen schaukeln sich im Geäst, beäugen erstaunt den fremden Gast und lassen ihren Warnungsruf ertönen. Im tiefen Forst girrt die Waldtaube und der heisere Schrei des Hähers schrillt durch die weiten Hallen. Da blühen ganze Teppiche von Weidenröschen. Goldgelber Ginster und roter Holler glühen am Basaltgestein und zarte Glockenblumen nicken am Wegrande. In den Wiesengründen prangen rosa und weiße Knabenkräuter: im hohen Gras des Rains versteckt sich die liebliche Pyrola. Und zwischen den hohen Buchen erfreuen Nestorchis und Fichieuspargel das Herz des Botanikers. In Nordeck selbst, so klein es ist, gibts allerlei zu kaufen, was den Ferieiiausenthalt auf dem Lande erleichtert : Schönen, unverfälschten Honig zum Beispiel. Sogar gute Ehokolade und Cakes als Proviant für Fußwanderungen führen die Kolonialwarenläden. Zweimal täglich Briesbestellung und eine Postagentur mit Telephonanschluß vermitteln den Verkehr mit der Außeiiwelt. Und in der neu geschaffenen Fremdenpension in den Mauern der alten Burg findet man behagliche Räume uiid gute Verpflegung. Wer sich erholen will, der gehe nach Nordeck l * D ie Niesenbahn eröffnet. Am 15. Juli wurde die neue Drahtseilbahn auf den Niesen bei Spiez am Thunersee dem Publikum eröffnet. Damit hat auch die Jnter- essentengruppe des südlichen Thunerseeufers, sowie der Kurorte des Kander- und Simmentals einen nahe durch Bahn zugänglichen Mittelpunkt erhalten. Niesen-Kulm ist von Bern in zwei Stunden, von Interlaken und Thun in l3/4 Stunden und von Spiez in einer Stunde erreichbar. Die Talstation Mülenen wird durch die Sektion Spiez-Frutigen der Lötschbergbahn bedient. Da diese in nächster Zeit den elektrischen Betrieb erhält, werden von Spiez aus neben den eigentlichen Talzügen in kurzen Zwischenräumen elektrische Tramzüge eingeschaltet. Nach Eröffnung der Bern er alpenbahn durch den Lötschberg wird der Niesen an eine großartige Durchgangsbahn gerückt sein und von 22 Zügen täglich bedient werden können. Der Niesen ist seit 1352 urkundlich bekannt — der älteste Aussichtsberg des Berner Oberlandes, dem sich bereits seit 1560 die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt zuwandte. Seit> 1856 besteht droben ein Wirtshaus, das nun zur Bahnerösfnung umgebaut, mit elektrischem Sicht und Wasserheizung versehen worden ist. Das für den Bau der Niesenbahn verwendete Gesellschaftskapital beläuft sich mit den Anleihen auf 1858 000 Fr. Davon entfielen 26 715 Fr. auf Sandentschädigungen und 94 000 Fr. auf Erwerb der Niesenkulm und Hegerenalp-Besitzung. Der Unterbau der Bahn kam auf 1 037 903 Fr., Brücken und Durchlässe 129 000 Fr., Uferbauten 28 40.3 Fr., Oberbau 119 000 Fr., Hochbau 145 242 Fr., Rollmaterial 179 830 Fr. zu stehen. Die Taxen sind: Bergfahrt 6 Fr., Talfahrt 3 Fr., Hin- und Rückfahrt 7 Fr. Den Inhabern von festen und zusammenstellbaren Rundreisebilletten, sowie von schweiz. General- abonnementen wird ein Rabatt von 10 Proz. gewährt. Die Taxermäßigung für Gesellschaften und Schulen beträgt 25 bis 45 Proz., bezw. 50—60 Proz. Sonntagsbillette a 5 Fr. in Vor- und Nachsaison. Quellwasser, das einen laufenden Brunnen auf dem Gipfel speist, wird vom Bad Heustrich hinaufgepumpt. Die Niesenbahn ist insofern ein technisches Unikum, als sie in ihren beiden Sektionen den größten Höhenunterschied irgend einer schweizerischen Bergbahn, nämlich 1 600 Meter überwindet und die läirgsten Drahtseile aufweist. * Ein irrsinnig er Familienvater. Die Blätter melden aus Neapel: Ein vermögender Weinhändler hielt seine Frau und 11 Kinder fnt Sandhause ein gemauert und zwar jedes Familienmitglied in einer besonderen Zelle. Durch ein kleines Schaufenster verabreichte er den Unglücklichen täglich Nahrung. Bis an die Bählne bewaffnet und von Hunden umgeben wachte er, daß niemand der Villa nahe komme. Der Mann war verrückt geworden, weil er glaubte, seine Frau und seine Söhne würden sein Vermögen verschleudern. Nur mit Anwendung großer Sift gelang es, den gefährlichen Narr zu überwältigen und die unglückliche Familie zu befreien, * Der Ertrag der Zölle in 190 8. So liest man jetzt leider immer häufiger in amtlichen und nichtamtlichen Schriftstücken. Tas ist aber französische und englische Art, nicht deutsche. Deutsch kann es nur heißen „im Jahre 1908", und wem das zu mühsam scheint, der schreibe und drucke „t. I. 1908". In den meisten Fällen aber können wir es im Deutschen noch kürzer haben als in den anderen Sprachen, denn es ist durchaus gutes Deutsch, zu sagen: „1908 haben die Zölle wesentlich mehr eingebracht als 1907" — undeutsch aber ist: „In 1908 mehr als in 19Ö7". - HI5 Der Ct5mann aus 'Jtx. 5 t yeraustam, fano er entert kleinen Jungen auf einem seiner Eisblöcke sitzen. „Heda!" weiterte er. „Was hast du da zu sitzen? Runter mit dir!" Der kleine Junge hob sein von Tränen feuchtes Antlitz. „Waren Sie auch mal ein Junge?" fragte er mit leiser Stimme. — „Natürlich!" antwortete der Eismann. „Aber ..." — „Und haben Sie niemals einen dummen Streich gemacht?" unterbrach ihn her Junge. — „Das versteht sich!" entgegnete der Eismann. „Na, jetzt aber ..." — „Und wenn Sie dann nach Hause kamen, hat Ihr Vater denn knie einen Stock genommen und . . ." Dem Eismann stieg langsam ein Kloß im Halse auf. „Bleib sitzen, wo du bist, mein kleiner Mann!" stieß er hervor. „Ich verstehe!" Kleine Tnaeschronik. Donnerstag abend ist der Zug Nr. 8 der Halle-Hettstedter Eisenbahn vor Polleben infolge Dammbruches durch Wolkenbruch entgleist. Der Maschinenführer und der H-eizer wurden durch Verbrühung verletzt, aber nicht lebensgefährlich. Der Materialschaden ist gering. Die Strecke Burgsdorf- Gerbstedt ist durch mehrere Dammbrüche auf ungefähr dret Tage gesperrt. Zwei Vizefeldwebel der Metzer Garnison, die Frau eines dieser beiden und ein Kind hatten Donnerstag abend spät eine Kahnfahrt auf der Mosel unternommen. Gegen Mitternacht kippte der Nachen um, die Insassen fielen ins Wasser. Beide Vizefeldwebel ertranken, während die Frau und das Kind gerettet werden konnten. Die beiden Ertrunkenen sind der Negimentsschneider Riedenburg vom 4. Magdeburgischen Infanterie-Regiment Nr. 67, aus Ostpreußen stammend, und der Regimentsschneider Viethen aus Cörrenzig bei Baal (Rheinland) vom Infanterie-Regiment Nr. 144, bei dem Versuch, sein Kind zu retten. Alls Ehristiania wird gemeldet: In Frederikstad ist eine bösartige Milchvergiftung ansaebrochen. Gegen 7 0 Fälle wurden festgeflellt; man vermutet, daß einige tödlich verlalisen. Eine Feuersbrunst zerstörte sieben Häuserkomplexe in Portland (Oregon). 200 Pferde verbrannten und ein Manil wurde getötet. Amtlicher Wetterbericht. Oeffentliche Wetterdienststelle Gießen. Verlauf der Witterung seit gestern früh: Bon Westen her ist der Hobe Truck in langsamem Vorrücken, während der tiefe Truck im Osten zurückweicht. Unser Gebiet steht unter dem Einfluß des hohen Druckes, so daß heiteres, warmes Wetter bevorsteht. Wetteratlssichtell in Hessen am Sonntag Dem 17. Juli 1910: Warm lind heiter, südliche bis östliche Winde. Grkginal-DrahtinelSungen. Karlsruhe, 16. Juli. Der badische Landtag wurde heute vormittag 10 Uhr int Namen des Großherzogs von Staatsminister von Dusch geschlossen. Bei dem auf den Großherzog ausgebrachten Hoch erhoben sich auch die anwesenden Sozialdemokraten. Metz, 16. Juli. Z. 1 flieg um 61/2 Uhr in der Richtung nach Diedenhofeu auf, kehrte nach einer Stunde zurück und wandte sich dann abermals nach Diedenhofeu. zu, in dessen Umgebung er um 9 Uhr kreuzte. Paris, 16. Juli. Bei Udschda fand ein blutige^ Gefecht zwischen einer französischen Kolonne und Eingeborenen statt, das nach hartnäckigem Kampf mit dem Rückzug der Eingeborenen enbete. Die Franz 0 sen hatten 11 Tote und 43 Verwundete, während der Feind. allein 40 Tote auf dem Gefechtsfeld zurückließ. London, 16. Juli. Die Londoner Handelskammer hat den Beschluß gefaßt, der Regierung dringend vorzustellen, daß eine weitere Entwicklung von Bahnen und kommerziellen Unternehmungen seitens britischer Untertanen in der Mandschurei wünschenswert sei. London, 16. Juli. Auf einer Zusammenkunft der Arbeitgeber und Arbeiter der B a u m w 0 l l e u-I ndu st r i e , die gestern abend in Manchester stattgefunden hat, hat man einstimmig den Beschluß gefaßt, die Regelung der Lohn frage anzuemp- । fehlen dadurch, daß die Arbeitgeber ihre Forderung um Ermäßigung um 5 Prozent unter der Bedingung zurückziehen sollen, daß innerhalb der nächsten fünf Jahre keine Forderung auf eine Erhöhung oder Verminderung erhoben werden soll. Diese Regelung hat in Laneashire große Befriedigung hervorgerufen. London, 16. Juli. Auf dem Bankett der Bankiers und Kaufleute von London sagte Llovd George, alle Nationen schienen von der epidemischen Verschwendung angesteckt zu sein. England habe die Führung hierin übernommen, aber es habe auch das größte Reich zu verteidigen. Alle Nationey^ trügen die Verantwortung. Man müsse auf den Tag hoffen, an welchem ein besseres Verstehen unter den Völkern Platz gegriffen haben würde. rn WI "J399 -qeineqjdmFa MnW.iWWLIMJ«B» ■jim )(uqej[dqQi< •upin.j ‘anqog j®n»s ‘ja03 uözaaaaje?j ep< • ä| IfejeqülsBj -ei)(rejt?£) -jun 3unuqoj^ reij -jerj ‘bsq-iS R •pueuqoi -n ^jeAieaeqes iqouui^-jemcniz qdraoo o«? J®qÖ nm sjoSei R ■quqEj qqoijeflme -sun -Srnpradg -eqiejgo •Jjue^so^ qjeA ‘([im R najnEif -8I91J ■ leqOK'Ilsun^ iiuiisneii npstapsmi si|isjw| | 8. F. F. F. G. F. W Hierdurch erfüllen rotr die traurige Pflicht, unsere «j Mitglieder von dem Ableben unseres Kameraden Ludwig Friedrich U geziemend in Kenntnis zu setzen. Die Beerdigung findet Sonntag den 17. Juli, nach- A mittags 3 Uhr, statt. F Zusammenkunft 2s/< Uhr am Eingang zum neuen R Friedhof. Uniform: Tuchrock und Helm. (v16/7 Das Kommando: Wigand t. Wacker. Versteigerung. Montag den 18. d. M. sollen dahier, ^Watttorstr. 6 (Darmst. Haus), 1 Ladeneinrichtung, ein Klavier,! Kassenschrank, 1 Schreibtisch, 3 Särge, 1 Musikautomat u. 2 Säcke Horn, 2 Lllille Zigarren, 50 Spazierftöcke u. 30 Pfeifen, ein Fahrrad, 2 Auslegekasten, 5 Palin. u.5Zimn:ertan., 100 Mislbeetfenst., mehr Pferde u. Wagen, Sattler^ waren, soivie HanS- u. Küchengeräte aller Art zwangsweise versteigert werden. [05935 Gießen, nm 16. Juli 1910. Seipel, Gerichtsvollzieher. Heie Kartoffeln vorzüglich kochend, liefert zu bill. Tagespreisen 3931 Kartoffelbandlurrg Drechsler Stemstr. 48. — Telephon 581. Mieter Friihlfflloiielo Perle und Frührosen versendet per Ztr. zu 3.75 Mk. inkl. Sack unter Nachnahme K Haub, 3917 Echzell (Wetterau). Frühkartoffeln Kaiserkrone, per 50 Kilo 3.90 Mk. [ss,5/’ mit Sack versendet geg. 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