für die Redaktion 113, Verlag ». Expedition 61 Adresse für Depeschen: jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pfl auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für „Feuilleton", „Vermischtes" und Nr. 268 Der Giehener Anzefgrr erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SietzenerKamilienblütter; zweimal wöchentl.Nretr« blatt für öen Kreis ßtefoen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land- wirtschaftliche Seitfrageu Fernsprech - Anschlüsse: vezugSpreis: monatlich 75 Pfl viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk. 2.—viertel- 8Iött lbv. Zahrgang Dienstag, j5. November MO GietzenerAnzeiger Anzeiger Gictzen. General-Anzeiger für Oberhessen n""ö!el‘iofleenumnle? Rotationrdnick mdVerlag tervrühl'schen Univ.,Such- und Steinöruderei R. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei: Schulstratze 7. rach; ^für .Stadt und “* wnninafl» 9 Uhr. Expedition für vüdingen: Sahnhosstrahe |6a. - Telephon Nr. 50. Die heutige Nummer umfaßt 16 Seiten. Die innere Krife in England. Am heutigen DienZtag wird das englische Parlament, das sich am 29. Juli vertagt hatte, wieder zusammentreten. Daß ihm aber noch ein längeres Leben beschieden sein sollte, ist wohl ausgeschlossen, nachdem die Verhand- lrmgen der Vetokonferenz am Donnerstag endgültig gescheitert sind. Man hat in England über diese Acht- männer-Konferenz, die am 7. Juni unter dem Eindruck des Todes König Eduards und im Zeichen eines aNge- meinen Friedensbedürfnisses eingesetzt wurde, sehr viele gute und noch mehr schlechte Witze gerissen. Denn das stand von vornherein fest: eher könnten Feuer und Masset zusammenkommen, als Konservative und Liberale, als Lords und Gemeine sich einigen würden in der Frage einer Beschränkung des Vetorechts des Oberhauses gegenüber den Beschlüssen des Unterhauses. Und so gewinnen heute, namentlich da die Regierung jede Auskunft über Inhalt und Gang der Einigungsverhandlungen verweigert, wieder die Stimmen Oberwasser, die da schon vor einiger Zeit behaupteten, daß die ganze Episode der Vetokonferenz nur ein Theaterkoup gewesen sei, allein dazu bestimmt, beiden Parteien während der Parlamentsferien Zeit zu lassen, ihre Kräfte für die nun wahrscheinlich unausbleiblichen Neuwahlen zu sammeln. Denn jetzt steht die englische Verfassungsfrage auf demselben Fleck, wie sie vor Ausschreibung der Januarwahlen stand; oder näher umgrenzt: ebenso wie zur Zeit des Todes König Eduards. Das heißt: Das Oberhaus beharrt, wenn es auch vielleicht — der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb — bis zu einem gewissen Grade zu einer Reform seiner Zusammensetzung auf Grund der Roseberyschen Vorschläge bereit ist, auf seinem Vetorecht. Das Unterhaus dagegen steht auf dem Standpunkt der Re- gierungsentschließunaen vom 22. März dieses Jahres, die, in die Form einer Bill gebracht, bereits ihre erste Lesung hinter sich haben. Mit ihr will man dem Oberhause das Recht nehmen, das Budget abzulehnen oder mit Zusätzen zu versehen, man will ferner bei den übrigen, nicht finanziellen Gesetzesvorlagen die Befugnisse des Oberhauses dahin beschränken, daß jede Vorlage auch ohne Zustimmung der Lords Gesetz wird, die in drei aufeinander folgenden Sessionen vom Unterhause angenommen und dem Oberhause wenigstens einen Monat vor Sessionsschluß zugegangen ist, und man will drittens die Dauer des Parlaments auf 5 Jahre statt der jetzigen 7 Jahre beschränken. Da es nun feststeht, daß das Oberhaus dieser Bill nun und nimmer beitreten wird, weil es sich damit eines großen Teils seines politischen Einflusses entäußern würde, aus der anderen Seite aber die Mehrheit des liberalen Kabinetts Asguith im Unterhaus infolge der Januarwahlen viel zu wenig politisches und moralisches Gewicht besitzt, um die Krone dazu veranlassen zu können, durch einen liberalen Pairsschub den Widerstand des Oberhauses gegen die Wünsche des Unterhauses in der Verfassungsflage zu brechen, so bleibt dem Ministerium Asquith nichts anderes übrig, als an das englische Volk zu appellieren, das Parlament also aufzulösen und Neuwahlen auszuschreiben, in der Hoffnung, damit die jetzige Zusammensetzung des Unterhauses (273 Konservative, 275 Liberale, 40 Arbeit er- parteiler, 82 irische Nationalisten) im Sinne einer größeren liberalen und von Arbeiterparteilern und Iren möglichst unabhängigen Mehrheit zu verbessern. Die Frage ist nun: wird Asquith, falls König Georg sich nicht doch zu einem Pairsschub entschließt, das Parlament sofort auflösen, nachdem es die Vetobill verabschiedet hat, oder es noch erst das Budget erledigen lassen? Wahrscheinlich dürfte erst der am Dienstag vormittag zusammentretende Kabinettsrat darüber eine Entschließung fassen. Doch spricht die Tatsache, daß Arbeiterparteiler und Iren ihre Zustimmung zum Budget von der gleichzeitigen Lösung der Verfassungsfrage abhängig machen, Asquith mithin schwerlich das Budget unter Dach und Fach bringen kann, mit größter Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Auflösung des Unterhauses schon kurz nach seinem Wiederzusammentritt erfolgt, nachdem es die Vetovorlage erledigt und das Oberhaus sie zurückgewiesen hat. Möglich, daß man, falls das Oberhaus die Entscheidung verschleppt, inzwischen noch in der Bubgetberatung weiter fortschreitet und auch die Vorlage über die Bezahlung der Wahlkosten und die Honorierung der Parlamentsmitglieder durchpeitscht; jedenfalls dürfte die Auflösung des Parlaments spätestens am 10. Januar erfolgen und die Neuwahlen fetbft zwischen dem 14. und 29. Januar stattfinden. Die Wahlaussichten für die Liberalen stehen diesmal, wie es scheint, günstiger, als im Januar dieses Jahres. Denn dadurch, daß das KMnett Asquith für die englische Flottenrüstung mehr getan hat, als jedes ihm voraufgegangene, ist diesem Abitationsmittel der Konservativen im allgemeinen die Spitze abgebrochen. Verstaatlichung des Notariats in Hessen? Darmstadt, 14. Novbr. Zur Frage der Verstaatlichung des Notariatswesens in Hessen, die schon im vorigen Frühjahr in unserm Blatte eingehend erörtert worden ist — und wobei besonders darauf hingewiesen wurde, daß durch die Einführung des amtlichen Notariates, wie es in Baden sich sehr gut bewährt hat, dem Staat eine recht ansehnliche neue Einnahmequelle eröffnet werden würde — hat jetzt auch der B ü r g e r- ü erein in Nierstein-Oppenheim das Wort genommen. Er richtet eine Eingabe an die Zweite Kammer, worin er unter besonderem Hinweis auf den Fall Hubert-Oppenheim an die Kammer das Ersuchen richtet, die alsbaldige Verstaatlichung der iltotariate im Grobherzogtum in Erwägung zu ziehen und bis zum Erlaß eines diesbezüglichen Gesetzes schärfere Kontrollbestimmungen bei den Notariaten ourchzuführen. Ter Bürgerverein weift darauf hin, daß durch die Veruntreuungen des Notars Hubert mehr als hundert Familien aufs schwerste geschädigt worden feien und viele Tausend Mark verloren haben, ja daß eine ganze Anzahl der Geschädigten in ihrer Existenz bedroht, refp. ganz runiert werden würden, wenn nicht schleunige Hilfe eintrete. Es bestehe leider keine Aussicht, daß eine Staatshüie für die Geschädigten eintreten werde; die Versteigerung der Grundstücke der Betroffenen werde kaum zur Deckung der Hypotheken ausreichen. Durch diese Eingabe aus dem Kreise der Geschädigten wird die Frage der Verftaatlrchung des Notariatswssens in Hessen zweifellos von Neuem in die öffentliche Erörterung gezogen werden. Die Regierung hat dem Vernehmen nach bisher keine Neigung verspürt, auf die ganze Frage näher einzugehen. Lin badischer nationalliberaler Parteitag. In Karlsruhe wurde am Sonntag der badische nationalliberale Parteitag in Anwesenheit von etwa 500 Vertretern abgehalten. Ten Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Dr. Ob* kircher, für die Gesamtpartei lvohnte Reichstagsabgeordneter Tr. Stresemannden Verhandlungen bei. Den Mittelpunkt der Tagung bildete die Rede des Geh. Hofrats Rebmann über „Tie politische Sage im Reich und in Baden". Abg. Rebmann entwickelte in längeren Ausführungen den bekannten Standpunkt der badischen Großblockpolitik. Von einer Beschlußfassung sah der Parteitag ab, nachdem der Vorsitzende Tr. Obkircher erklärt hatte, daß die Rede des Abg. Rebmann die Zustimmung des gesamten Parteitages gefunden habe. In der Sitzung des engeren Ausschusses wurde Lcmdtagsabg. Rebmann einstimmig zum Chef der Partei gewählt. Dr. Wilckens, Dr. Binz und Dr. Obkircher wurden zu Ehrenmitgliedern des engeren Ausschusses gewählt. Tie weiteren Wahlen führten zu folgenden Ergebnissen: In den Vorstand des jungliberalen Landesverbandes wurden gewählt als Vertreter: Quenzer-Heidelberg, Rebmann-Karlsruhe, Thobias Bäuerle-St. Georgen; als Stellvertreter Kötting-Freibura, Sönger-Diersheim, Dr. Schneider-Karlsruhe. In den geschästs- führenden Ausschuß: Rebmann-Karlsruhe, Gauggel-Karlsruhe, W. Frey-Karlsruhe, König-Mannheim, Lang-Pforzhnm, Rombach- Offenburg, W. Mayer-Baden, Odenwald-ZLonstanZ. In den engeren Ausschuß wurden zugewählt: Ostertag-Karlsruhe, K. Ueberle-Heidelberg, L. E. Mayer-Mosbach, Heckmann-Karlsrühe, Günther-Karlsruhe. politische Tagesschau. Die Gerichtsverhandlungen über die Unruhen in Moabit. Die Augen weiter Kreise sind augenblicklich auf die Gerichtsverhandlungen in Moabit gerichtet. Aus Anlaß jener Vorgänge ist aufs neue die Frage aufgetaucht, ob gegen den Mißbrauch der Koalitionsfreiheit der Arbeiter Schutzmaßreaeln zu ergreifen und notwendig find, insbesondere, ob es etwa erforderlich sei, Maßregeln zu treffen, die derartigen Tumulten vorbeugen. Ob und inwieweit die streikenden Arbeiter sich an den Unruhen beteiligt haben und ob nicht mehr oder weniger lichtscheues Gesindel aus bloßer Lust am Unfug den Polizeibeamten entgegengetreten ist und die Unruhen herbeigeführt hat, "bie die Anwohnerschaft Berlins, bald darauf auch Bremens und darüber hinaus im Reiche mehrere Tage in Atem hielt, werden die Verhandlungen zeigen. Die mehrfach gewünschte Maßregel aber, auf gesetzgeberischem Wege weitere Garantien zu bieten, um solche Unruhen ein für allemal unmöglich zu machen, wird in einem zeitgemäßen Aufsatze des Senatspräsidenten am Kammergerichte Dr. Koffka in der „Deutschen Juristen- Zeitung" zum Gegenstand eingehender Untersuchung gemacht. Der Verfasser beleuchtet die Vorgänge an der Hand der Gesetzgebung und Rechtsprechung; er kommt auf Grund seiner langjährigen Erfahrung zu der Ueberzeugung, daß eine weitere Verschärfung der Gesetze auf Grund der Unruhen nicht erforderlich ist, auch ein Erfolg, wie die Reichstagsverhandlungen von 1899 erweisen, in denen bekanntlich die verbündeten Regierungen einen Entwurf zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses vorgelegt hatten, der aber in zweiter Lesung glatt abgelehnt wurde, nicht zu erhoffen wäre. Koffka erwartet, daß die Rechtsprechung es ermögliche, daß solche Begebenheiten sich nicht wieder ereignender befürwortet aber keineswegs eine weitere Verschärfung des geltenden Rechts. Dagegen steht er auf den: Standpunkte, daß das Streiks o^tenstehen untersagt werden müsse und daß in ccklen solchen Fällen die BAtrafung der Tat so schnell als möglich auf dem Fuße folgen müßte, wie das auch in Frankreich anläßlich des ÄseiibahnauS^ standes geschehen sei. A«» Hessen. Aus dem Wahlkreis Gießen-Grünßerg- Nidda. In Annerod sprach am Sonntag in der Wirtschaft „Zur Krone" der deutschsoziale Schriftleiter Th. Reuther aus Gießen vor etwa 25 Zuhörern über Reichspolitik. Er rechtfertigte, bezw. entschuldigte die Haltung seiner Partei in der Finanzreform und empfahl Kum Schlüsse, seiner Partei unifc ihrem Kandidaten bei der nächstjährigen Reichstagswahl treu zu bleiben. Als man den Redner aus der Versammlung heraus darauf aufmerksam machte, daß Professor Gisevius It Zeitungsbericht vom Abgeordneten Köhler-Langsdorf die Zusage erhalten habe, daß er (Köhler) nicht mehr kandidieren werde, verwies Herr Reuther auf eine diesbezügl. Kundgebung Köhlers in einem Friedberger Blatte. Die auf den Vortrag folgende lebhafte Aussprache hielt sich in sachlichen Grenzen. Lin besuch bei der Gräfin Tolstoi. Das rätselvolle Verschwinden Leo Tolstois aus Jaßnaja Poljana, dem Wohnsitz seines Lebens und dem Stammsitz seiner Väter, das Auffinden des 82jährigen Greises im Schamardinsky-Kloster, wo seine geliebte Schwester als Nonne lebt, sein augenscheinlicher Entschluß, noch am Spätabend seines Daseins den heiligen Beruf eines allem Irdischen entfremdeten Pilgers nach dem Göttlichen au'zu- nehmen —- all das find Phänomene, die ein neues, überraschendes Licht in die Seele des Dichters, des großen Bekenners, des leidenschaftlich religiösen Menschen werfen. In einer seiner Volkserzählungen hat er ein armes Bäuerlein geschildert, das ohne viele Mittel nach einem fernen Wallfahrtsort auszieht, auf dem Wege aber in werktätiger Liebe in einer Hütte bleibt, dort helfend in das Schicksal der elenden Bewohner eingreift und nun nicht minder glücklich, ja selig ist als die Gefährten, die nach dem Ort des Heiles gewallfahrtet. Nach einer solchen Pilgerfahrt der guten Werke hat sich der Gras immer gesehnt; der Stachel, der in seiner Seele haftete, war der Zwiespalt zwischen seinem Predigen und Lehren und seinem Handeln und Leben, die er nie in der gleichen rücksichtslosen Konsequenz harmonisch miteinander verbinden konnte. Die Flucht aus dem eigenen heim ist ein letzter Markstein auf diesem Wege, auf dem er in verschiedensten Versuchen sein Ideal des asketischen Pilgers und des hingebenden Hel,ers zu verwirklichen suchte, ^n diesen extremsten Folgerungen, die Tolstoi immer wieder ans seinen Schriften gezogen, stand er stets im Gegensatz zu seiner Familie. Birutow hat in seiner großen Biographie die s ch w e r e n K o n f l i k t e geschildert, die sich z w r s ch e n ihm und seiner Frau erhoben, als der große Gedanke der.Erleuchtung ihn zuerst erfüllte und er jicg aus inbrünstigem Bibellesen fdn eigenes Christentum auferbaute. Aber die beiden, die ein ganzes Leben gemeinsamer Liebe und Treue miteinander verbunden, fanden )id) wieder zusammen: die Frau brachte ihr größtes Opfer, indem sie sich selbst und ihr widerstrebendes Empfinden aufgao und das schwere Amt übernahm, die praktische Wirklichkeit zu vertreten und die Dinge der Welt im Auge zu behalten, während der Gatte für die höchsten Ideale' der Menschheit lebte und sich die Güter des Himmels erwarb. So steht die Gräfin trotz mancher Vorwürfe, die gegen sie erhoben wurden, doch als eine imponierende und großartige Erscheinung neben ihrem Manne, als die Hüterin seines Herdes, als die treu sorgende Frau, die zumeist gegen den Willen des Dichters für seine Gesundheit und sein Wohl ihre Pflichten durchsetzte, ja auch als die großherzige Verwalterin seiner geisttgen Schätze, die das reichhaltigste Material zur Biographie Tolstois gesammelt und es schon bei Lebzeiten zum Teil der Oessent- lichkeit übergeben. Die Dissonanzen, die in der Seele des Grasen fortbestanden, die nun zu einem schrillen Mißakkord geführt, indem sie ihn in offenen Gegensatz zu seiner Familie stellten, sind von ihr wohl am schwersten empfunden worden; sie ist die eigentlich tragische Persönlichkeit in diesem intimen Konflikt, der sich vor der Oessentlichkeit abspielt. Sie mußte nun einsehen, daß es ihr doch nicht gelungen war, ihn glücklich zu machen, daß das Ziel ihres Lebens verfehlt. . . Es wird gerade jetzt interessant sein, an einige Aeußerungen zu erinnern, die die Gräfin vor kurzer Zeit in einem längeren Gespräch einem französischen Besucher gegenüber getan. Ihre gvpße Bescheidenheit tritt da zunächst hervor: sie will nichts sein als die Frau ihres Mannes. ,Lch selbst bin nichts, gar nichts", wiederholte sie immer wieder. „Ick) habe kein anderes Verdienst, als das, die ergebene Gefährtin des Grafen zu sein, die Mutter seiner Kinder. Was kann ich Ihnen von meinem Leben sagen? Es ist ja so einfach. Den Grafen habe ich pon meiner Kindheit an gekannt, als ich geboren wurde, war er schon ein großer Junge von 16 Jahren; meine Mutter war nur. zwei Jahre älter als er. Er hat mich als Kind auf den Armen getragen und auf seinen Knien reiten lassen. Ich bin groß geworden in der Liebe zu ihm. Als ich achtzehn Jahre war, verheiratete man uns. Es scheint, daß manche Leute mid) so darstetten, als wäre ich seinen Ideen feindlich. Dief'e Menschen wisse- nichts von uns. Wie lallten wir nicht einig sein, da wir uns feit immer lieben? Wir leben fast das ganze Jahr aus dem Lande; unsere Tage, unsere Stunden sind gemeinsam. Wir leiden dieselben Leiden, genießen dieselben Freuden. Ich will nicht sagen, daß ich die Ideen des Grafen alle begreife. Am Abend glaube ich seinen Gedanken ersaßt zu haben, und am anderen Morgen ist er mir wieder entschlüpft. Soll ich Ihnen noch mehr gestehen? Von allen Tolstoianern, die ich kenne, sehe ich auch nicht einen, der wirklich glücklich ist. Aber ist das nicht das Schicksal aller derer, die danach stteben, dem Guten und Rechten möglichst nahe zu kommen? Was ich Ihnen wiederholen will, ist, daß ich mein ganzes Leben meinem.Mann und meinen Kindern geweiht habe. Ich habe sie fast niemals verlassen. Den größten Teil des Jahres sind wir in Jaßnaja Poljana, hier ist mein Mann geboren, in dieser Einsamkeit hat er geträumt, gedacht, seine Werke geschrieben. Hier sind meine dreizehn Kinder zur Welt gekommen. Ich habe zehn von ihnen genährt, und ich hatte das Unglück, vier zu verlieren. Als unser Letztgeborener starb, glaubte ich wahnsnmig zu werden. Wie hat der Graf damals gelitten! Er wollte selbst den kleinen Sarg auf feinen Schultern tragen." Die Gräfin spricht dann von den Lasten der Verwaltung, die ganz auf ihr ruhen. Die Sorge für die Häuslichkeit, für ihre Kinder, für die vielen Besucher, die kommen, nimmt ihre ganze Zeit in Anspruch. Sie schreibt auch alle Mmruskripte ihres Gatten ab. „Wir leben ein sehr einfaches und sehr regelmäßiges Leben. Man hält uns für reich, worin man sich täuscht. Die Besitzung wirst uns kaum etwas ab; es sind hauptsächlich Waldungen, und man schlägt möglichst wenig. Kein Luxus, kaum ein wenig Komfort! Sie wissen, daß seine Bücher meinem Mann nichts bringen. Er hat seit langem auf Rechte jeder Art verzichtet. Das ist bei ihm Prinzip. Er geht davon wohl einmal ab, aber nur, um den Ertrag für einen menschenfreundlichen Zweck zu verwenden, wie er z. B. größere Summen der verfolgten Sekte der Duchoborzen zu ihrem 2lns- zug nach Kanada zugewendet hat. Petersburg, 14. Nov. Tolstoi war bei seinem Eintreffen im Schamardinskykloster außer von seinem Arzte auch von seiner Tochter Alexandra begleitet. Nach Besuch seiner , Deutscher Neich. Ter r,R«chsanz " veröffentlicht eine Bekanmmachung de- Reich-- kanzlers, wonach wegen de- Ausbruchs der Peü in Lissabon sie aus dem Hasen von Lissabon nach deutschen Häfen kommenden Schisse und .1 nsassen bis aus weitere- vor der Zulassung tunt freien Verkehr ärztlich zu untersuchen sind — Zn einer anderen Bekanntmachung des Reichskanzlers wird die Anordnung, daß Schisse und Schiffspassagiere aus Neapel und den Provinzen Barl und Foggia vor der Zulassung zum freien Verkehr ärztlich zu untersuchen sind, ausgehoben, da nach amtlichen Berichten die .Cholera an den genannten Orten erloschen ist. 2luslaitö. Au- Prag wird berichtet: Die Beratungen des Ausgleichs- vusschusseS haben am Montag sowohl im deutschen als auch tschechischen Lager die Erkermtnis gezeitigt, daß eine Ausgleichs- aktion vorläufig als ergebnislos zu betrachten ist. Man will anm versuchen, das bisher gewonnene Ergebnis durch Schaffung eines Pl-rmanenzauSfchusses zu retten, dem die Ausgleiäwvorlagen vorzulegen sind. Die Tschechen verlangen ledoch vorherige Erledigung der Steuervorlagen, wozu bei bat Dorischen keine Nciaung vorhanden ist, weil dadurch die Obstruktwns Waffen aus der Hand ‘gegeben würden, lieber diesen Punkt wird nunmehr verbandelt. Der Prager Stadt rat nahm einstimmig gegen den deutschen Sprachenvorschlag betreffenb zweisprachige Amtierung in Prag Stellung. lieber die vom Marineausschuß der f r a n ö s i s ch e n Kammer beschlossenen Forderung, daß der Bau zweier weiterer Panzerschiffe in Angriff genommen werden möge, wird gemeldet, daß die Regierung beabsichtige, ebenso wie im lausenden Fahre auch im Jahre 1911 die Kiellegung zweier Dreadnought- zu beginnen und zu diesem Zwecke, fall- da- Marineprogramm nicht rechtzeitig erledigt werden sollte, zu einer diesbezüglickm Bestimmung de- Finanzgesetze- ihre Zuflucht zn nehmen. Man glaubt, daß die zuständigen Marinebehürden, die demnächst diese Frage zu prüfen haben loerbcn, sich für den 23 000 Tonnen-Tvv mit zehn 34 Zentimeter-Geschützen in fünf Panzertürmen in der Längsachse au-sprechen dürften. Aus dem Katholikentag in Lyon hielt der Erzbischof Coadjuter von Cambry de la Maire eine überaus heftige Rede gegen den Minister der Arbeiten und der öffentlichen Fürsorge Laferre, „das Oberhaupt des infamen Freimaurer- eegimcS, das jetzt in dem ehemaligen erzbischöflichen Palast residiere". Die Versammlung nahm diese Angriffe mit stürmischem Beifall auf und stieß den Rus auS: Nieder mit Laferre! Wie die Londoner Blätter melden, schreibt die britische Admiralität den Bau eine- neuen Kriegsschiffes au-, das größer, schneller und mächtiger sein soll als irgend ein bereits bestehendes, oder im Bau befindliches Schiff der englischen Flotte. Es soll den Panzer-Kreuzer „Lion" noch über- treifen, eine Wasserverdrängung von 28 000 Tonnen, eine Länge von 720 Fuß und eine Geschwindigkeit von 30 Seemeilen haben gegen 26 500 Tonnen, 600 Fuß und 28 Seemeilen „Lion". Der russische Minister des Innern Stolypin hat in einem Schreiben an den Präsidenten der Duma darauf aufmerksam gemacht, daß der kaukasische Abgeordnete Tscheidse, ein einflußreicher Führer der Sozialdemokratie, auf Grund falscher Dokumente in die Duma gewählt worden sei. Eine dreißig Mann starke Bande, deren Mitglieder meist *bie Uniform türkischer Soldaten trugen, überfiel, wie aus Saloniki gemeldet wird, das Haus des Ortsvorstehers von Pantphar unb ermordete dessc n Tochter. Die Behörden erklären, daß dis b u l g a r i s ch e B a n d e, welche sich der Militär- uniform bediene, um die Bevölkerung irre zu führen und gegen die Türken aufzuwiegeln. die Tat verübte. Starke Militärabteilungen sind zur Verfolgung ter Bande abgegangen. Aus Cardiff wird berichtet: In einer am Montag abgehaltenen Versammlung der Bergwerksbesitzer von S ü d w a l e s wurde beschlossen, die Forderung der Arbeiter, betr, die allgemeine .Erhöhung der Löhne zu bewilligen. Au» Stadt und Land. Gießen, 15. November 1910. " TageSkalender für Dienstag, 15. Nov. Stadt- theater: ,T a t f u n\ Anfang 8 Uhr. Ä * Landesuniversität. Otto Kuffler, Assistenzarzt au der Univ.-Augenklinik, der sich für das Fach der Augenheilkunde an unserer Universität zu habilitieren wünscht, hält am Dienstag, 15. November, 6'/, Uhr nachm., in der kleinen Aula eine öffentliche Probevorlesung über das Thema: .Serodiagnostik und Servtherapie in der ?lugenheilkunde. " Ordensangelegenheit. Der Groß Herzog hat dem Kommerzienrat Clemens Reitmayer zu Brüssel das Ritterkreuz 1. Klasse beß Verdienstordens Philipps des Groß- mutigen zum 14. November verliehen. •• Erledigte Lehrerstelle: Eine evang. Schulstelle zu Kel sterbach, mit der die Halste des Organistendienstes verbunden ist. ** Säuglingsfürsorge. Die Kaiserin vonNuß- land hat dem Patronat der Zentrale für Mutter- und Säuglingsfürsorge in Hessen 5000 Mark überwiesen. im Scharmardinskyksoster lebenden Scknvester ist Tolstoi gestern nach Koselsk abaereist, von wo er sich nach Moskau begibt. Tula, 14. Novbr. Tolstoi stieg, da er unterwegs erkrankt, mit seinem Arzt und seiner Tochter Alexandra in Asta - powa, im Gouvernement Rjaesan aus und liegt zurzeit im Stationsgebäude, Temperatur 40 Grad, DiebrcrrnendcGasaucllebctNeuengamme AuS Hamburg wird gcmclbct: Tie nut unverminderter Heftig 'kit brennende Gasauelle N.'i!enfl"Mi"e » ir uii Sonnt i' d |3UI vieler Tausende. Mehr als 50 Sonderzüge waren kaum unitanbc, den -oericpr zu veiumtijen. ütiuueton i.. Nr, 266.) — Maeterlinck im $ ilbe feinet Frau. Georgette Leblanc-Maeterlinck gibt in der „Contemporary Review" tut Porträt von ihrem Qlattai, in dem sic Leden und Schaffen des Dichters fein analysiert. „Wenn ich Ihnen erzähle," schreibt sie, „daß er, den Sommer in der Hchrmandie veroringt und beu Winter im Süden, daß er früh ausstcht, seine Blumen und Früctüc, seine Bienen, feinen Fluß und feine Bäume besucht, sich dann an seine Arbeit setzt und danach wieder in seinen Garten zurucl- kehrt: daß er nach dem Mittagessen sich seinem geliebten Sport ergibt, Rudern, Automobil- und Radfahren, großen Spaziergängen, und daß er früh zu Bett geht — so wissen Sie damit noct) nicht viel, denn diese kleinen Gewohnheiten des Tages jilid ia nur das Gefäß, das den Inhalt seines Lebens um>chließt " Bon seiner Lügend erzählt sic, daß er nährend her Schulzeit viel auszustehen gehabt habe. „Er wird den Iesuitenpaicrit der <5djulc vpn St. Barbara, wo er aufgezogen wurde, iyre Tyrannei nietnals vergessen. Ich l-abe ihn ost sagen hören, er möchte sein Leben nicht noch einmal beginnen um den Preis dieser sieben Schuljahre. Nach seiner Meinung gibt es nur ein Berbreäien, welches niemals verziehen werden kann; es ist das, das die Freuden der -linder vergiftet nnd ihr junges Lächeln zerstört." Nachdem er bic Schule verlassen hatte, sollte er die Rechte studieren. Er ging nach Paris: aber was ihm hier vor allem zum Weiterleben not tat, n>ur überhaupt erst Mut und Entschlußfähigkeit für die Aufgaben des Daseins zu gewinnen. Er kräftigte seinen Willen: seine Träume wurden klarer und Heller. Er las viel, besuchte die Museen, und so entstand all- mählich in ihm Has Bewußtsein seines Tlchterberuss. Sem ** ReichStagSfandidatur. Auf unsere Anfeäge teilt uns Herr Professor GisevruS folgendes mit: Die Angaben, die ich in Grünberg über die mir Mitte Juli in LangSdorr gemachte Eröffnung bei Herrn KSb- ler mitteilte, halte ich vollinhaltlich aufrecht. •• Die Stadt verordneten wählen finden am 2 2. November, also heute in 8 Tagen, statt, nachdem der eine Einspruch wegen Nichtaufnahme in die Wählerliste, der erhoben worden war, wieder zurückgezogen worben ist. — Gestern abend nahm der Verein der fortschrittlichen Volkspartei in einer gut besuchten Hauptversammlung Stellung gii der Stadtverordnetenwahl. Nach längerer Besprechung billigte die Versammlung gegen 6 Stimmen und bei einer Stimmenthaltung das vom Vorstand mit der sozialdemokratischen Partei getroffene Abkommen unb die vom Vorstand bei den Wahlvorbereitungen eingenommene Haltung, grundsätzlich feine politische Richtung, feinen Stand unb keine Stadtgegend auSzuschließen. Ter fortschrittliche und der sozialdemokratische Waalzettel werden die Namen der vier auSscheldenden fortschrittlichen Stadtverordneten (Fabrikant Herrn. Eichenauer, Spenglermeister K. A. Jaber, Justizrat Wilh. Grünewald und Architekt Ludw. Huhn), vier sozialdemokratische Kandidaten (den seith. Stadtverordneten Lagerbaltec Karl Crbig, den Kontrolleur bei der Ortskrankenkasse Gg. Beckmann, Privatbeamten Franz Schnell und Redakteur Friede. VetterS), zwei weitere fortschrittliche Kandidaten (Rentner Mar Friedberger und Prof. Otto Urstadt) und zwei weitere Kandidaten enthalten, deren Parteistellung nicht bekannt ist (Landgerichtsrat Eduard Holzapfel unb Professor Dr. Robert Sommer). Der fortschrittliche Zettel enthält außerdem den Namen dcS ausscheidenden national- liberalen Stadtverordneten Kommerzienrat Ludiv. Em meliuS. während der sozialdeiuokratische Zettel nur die anderen zwölf Namen enthält. ** Vom 18. Armeekorps. Zahlmeister Menger wurde der 2. Ableitung deS 2. hessischen Feldartillerie- Regiments Nr. 6J, zugeteilt. ** Der Männer-Turnverein veranstaltete am Sonntag einen Ausflug nach dem Philosophenwald, der außerordentlich gut besucht war. Aaum vermochte der große Saal die Teilnehmer alle zu fassen. Die .Stimmung war vorzüglich unb eS wurde auch recyt unterhaltendes geboten. Der zweite Sprecher Schwarz hielt cm die Anwesenden eine kernige Ansprache. Gesang und Musilvorträge wechselten mit Couplets ab. Mit ersterem erfreuten die Turner Nennstiel und Weis, während die Turner Heß, Dechert und Langer mit gelungenen Couplets Lachsalven errangen. Herr Ionas spielte die Fantasie über ,/D schöne Zeit" von Pvppe, für Fiöte^Solo und Herr Kissel eine Romanze von Swcndsen, für Violin-Solo, beide Herren ernteten stürmischen Dank. Die Musik unter des Klavierlehrers Gutjahr Leitung ist besonders lobend zu erwähnen, sie war vorzüglich und unermüdlich. Munter tanzte daraus die Jugend, und Mitternacht war vorüber, als die Letzten den heimatlichen Penaten zusteuerten. ** Die Gießener sreiw. Feuerwehr feierte am Samstag in der Turnhalle ihr 55jähriges Stiftungsfest, das sehr gut besucht und dessen Programm sehr unterhaltend war. Brandmeister Dickorä und Obmann Neuling, die schon über 30 Jahre der Wehr angehören und heute noch im Tienste sind, wurden zu Ehrenmitglieder ernannt. Die Kameraden H. Gleißener und K. Neuling II. erhielten von der Stadt das Diplom für 15jährige Dienstzeit. Tie Auszeichnung für 10- und 20- jäyrige Dienstzeit erhielten H. 5lad), C. Guntrum, W. Mohr, W. Noll II., W. Riest, L. Stiehl, A. Bourgeois, I. Dickorö, F. Bud)berger, G. Kraus und N. Rödiger. **Maul- und Klauenseuche. Neue Ausbrüche der Seuche sind gemeldet aus Holzhausen, Jürstentum Lippe. Landkreis Gießen. = Rödgen, 14. Nov. heute trug man den nach langem schweren Leiden verstorbenen Gemcindeemnchmer Christian Keßler zu Grabe. Tie große Ad)tung und Be- liebtyeit kam in der großen Beteiligung an der Beerdigung aus allen Kreisen der Bevölkerung deutlich zum Ausdruck. Pfarrer Groth würdigte in seiner Trauerrede die gewissenhafte und hingebcnde Amtsführung Keßlers, der ein Vierteljahrhundert hindurch das Amt dcS Genieinderechners und die Stelle des staatlichen Untererhebers seit Einführung dieses Amtes versah. Bürgermeister Stein ehrte des Entschlafeneii Lcrdisnste um unsere Gemeinde durch Niedcrlegung eines Kranzes. Übrige- Leben ist die Geschichte seiner Werke. „Was ist bie innerste Natur von Maeterlincks Wesenheit", fragt Mme. Georgette, und sie antwortet: „Es ist Nadrdcuken über sich selbst^ Er arbeitet wenig, wenn wir unter Arbeit nur die des Schaffeiis verstehen, denn er würbe es für kurdisch hallen, zu lange über feimw Aufgabe zu zaudern. Wenn man jähig ist, dem Wesen Maeterlincks Scliritt für 'ödjritt zu folgen, so erhält man eine Enthüllung über bie außerordentliche Rolle, bic das Unbewußte in unserem Geiste spielt. Sein Werk ist nicht nur daS Resultat einer intellektuellen Absicht: es wird ausgestrahlt von einer Macht, bic in einer beständigen Bewegung ist, immer wachsam, bic^ ihm uubekannl, außer iljm wirkt unb ihm mit msnschlicher stimme die tiefsinnigsten Betrachtungen zu diktieren febeint, die er über den Anteil geschrieben hat^dcn da- Unbewußte an unseren O)cban(en bat." lieber bie philosophische Entwicklung, bie sich in Maeterlincks Werken suchet, sagt feine Gattin: „Wenn wir in feinen frühesten Dramen feine Helden mitterdslos blinden Gewalten unterworfen fehcn, unheilbar zermalmt unter der Last ihrer Leideii, wenn das Uiiuefaiuue bie Form pes Todes annimmt, wenn wir in den Tiefen dieser Düsternis tue Idee des chrifüicl>en Gottes vermischt mit dem SchicksalSgedaiiken der Alien crtcnnai, so hat in der späteren Periode seines Schafßms der Tiä)ter die peiuvolle Ungewißheit nicht durch trügerische Gewißheiten ersetzt. Er bat erkannt, wie er uns ohne Falschheit aus den Pfad der Heiterkeit fuhren kann, uns Hosßrung geben ohne leere Versprechungen Er hat erkannt, wie er durch das einfache Schauen des LebcnS, Wie es ist, uns Zuversicht darin einflößt, Schonyciten suchet nn Niedrigsten, Freuden unier den (jkiuciiCn, Adel unter den Millelinatzigsten. Auf luftiger Höhe hat er einen Tempel der Sächnheil, der Liebe und Wahrheu gebaut. Shine Pforte verbietet den Eintritt, feine Gottheit des Tages Hal yier ihren Wohnsitz." — Kurze Nachrichten aus Kunst u. Wissen schäft. Aus Darmstadt bcriduci man uns: Der Herzog von Sachsen- Kobnrg^olha verlieh dem bekannten G e i g e r o i r t u o s e n P r o- f e f f o r Willy B u r in c ft c r den Titel Geheimer Hofrat. — Tie schwedische Akademie hat den Nobelpreis für Literatur Paul Hey je zuerkamtt. — Wie aus Landau ^Iwr- gemeldet wird, ut das schloß ÜSildthuvm noch aus der Romerzeü skammeich, mit sämtlichen Lekonomicgebäuden nieder- gebrannt. Sa lon Wilbiynim war Eigentum der AUicngcfeilichasl Hille u. Dietrich in .Schoenlinde bei Tresden, ** KrriS Büdingen. 8 Büdi«gem, 14. Rov Auf vielseitige Anregung bin soll hier rote in anderen Landstädten nn freiWilliaer. । kostenloser Samariterkursus für Tarnen durch den | praktischen Arzt Tr Brettel obgehalten werden. In idm ( erhalten die Teilnehmerinnen Anleirung in der Krankenpflege, in der Anlegung von Verbänden und ersten Hilfe- > leiftung bei Unglückssailen. x Bindsachsen, 14 Nov. Hier Wurde der seitherige Bürgermeister Cschenbrenner einstimmig ; wiedergewählt. Kreis Lauterbach. n. Schlip, 14. Nov. Am 23. d. M. am Borabend j der Hochzeit der Gräfin Anna zu Schlitz f ndet auf Schloß Hallenburg hier eine Soiröe statt, zu der zahl- | reiche Einladungen an die Beamten- und ftergerfcbafl er- j gehen werden. f. H e r bstei n, 14. Nov. Bei dem vor drei Jahren biet - wütenden großen Brande wurde auch unser altes ehrwür-- » digeS Rat-undStadtwirt-hau-! im< I men An dessen Stelle ist nun wieder ein neue-, dem alten ■ Zweck entsprechende- Gebäude errichtet worben, daS in den ; nächsten Tagen vollendet wird und seinen Bestimmungen i übergeben werden soll. Der Bau wurde unter der Ober- s leitung deS Großh. Ministeriums nad) den Plänen de- Regierungsbaumeister- Zang au5 Darmstadt, dem auch die i Bauleitung übertragen war, angeführt Im unteren : Stock ist die eine Hälfte für die Bürgermeisterei bestimmt, währetid in der anderen die Lokale de- Stadtwirtshauses \ und ein Laden für Meygereibetrieb vorgesehen sind. Tie | Bürgermeisterei umfaßt außer dem Zimmer des Bürger- ; meister- eine Schreibstube, Sitzungssaal, Trau- und Barte- ] znnmer. Im oberen Stock sind auf der einen Seite xrod ! Dehnungen für verheiratete Lehrer, auf der anderen Seite die des Wirte-. 2ll- Nebengebäude wurden noch ein Schlachthaus und Stallgebäude errichtet. Tas StadtwiNs« Haus mit Metzaereieinrichtung soll am 22. d MtS. öfientlidj verpachtet werden. Kreis Schotten. O Laubach, 14. Nov Gestern abend hielt vor einet sehr gut besuchten Versammlung deS Evang. Bundes Pfarrer D e i t b r e ch t aus Wimpfen im Saale des „Solm- ser Hof" einen Vortrag über „Luther in seiner Familie^. ES schlossen sich daran mehrere Gesänge deS Kirdiengefang- vereins und Deklamationen von Schulkindern der ooeren Klassen der Volksschule. Pfarrer Dolp, der die Versammlung leitete, sprach dem Redner den Tank der «n« wesenden aus. Kreis Friedberg. — Bad-Nauheim, 14. Nov. Tem Lehrer August Wagner in Dad-Nauheim wurde von dem Kaiser von Rußland die Große silberne Medaille für Eifer am Bande deS Wladimirorden- verliehen. -nd. Torheim, 13. 9iov. Bon dem Verein ehemaliger Angehöriger de- Infanterie-Regiment- Kaiser Wilhelm hatten sich heute nachmittag hier zur Hauptversammlung so viele Kameraden eingefun^ den, daß der geräumige, schön geschmückte Saalbau voll besetzt war. AuS etwa 45 Orten zu beiden Seiten der Wetterauer Eisenbahnen waren die Mitglieder gruppenweise erschienen und Einzelne hatten sich auch aus ferner gelegenen Gemeinden eingestellt. Der Verein zahlt jetzt etwa 900 Mitglieder. Die Torheimer Ortsgruppe und der , Präsident Apotheker Hempel führten die Eintresfendew von der Bahnstation zum Versammlungslokal. Daselbst herrschte bald eine ausgezeichnete Stimmung. Tie Bühne war von Mitgliedern der Haperte des Gießener Regimentbesetzt, die lebyasten Beifall fand. Kamerad Faber-Tor- heim begrüßte die Versammlung und brad)te ein dreifache- Hurra auf den Ches des Regiment-, Kaiser Wilhelm rt., aus. Der Präsident, Herr Hempel, begrüßte bic drei da- Fest besuchenden aktiven Offiziere deS Regiments im Namen aller Kameraden, worauf Major HooS der Derfamm- lung den Gruß des Regiments und besonder- den bei Obersten v. Müller übermittelte. Danach hielt Herr Hempel eine längere Ansprache, die er mit einem Hoch auf : ben Landesherrn einleitete. Starkenburg unb Rheinhessen. R. B. Darmstadt, 14. Nov. Der Abschied bet russischen Kaiserfamilie auS Hessen erfolgte heu« nachmittag 3 Uhr 55 Min. Schon lange vor der Abfahrtszeit wurden hunderte von Gepäckstücken aller Art auf dem i Bahnsteig niedergelegt, und -ahlreidie frcmNänbifdye Oe- statten fanden sich ein. Um »,4 Uhr traf der rufjifche Hof- ] -ug aus Darmstadt auf Station Egelsbach ein, m dem j alSbald das gesamte rufsifche Hofpersonal Platz nahm. Tann kamen um ^4 Uhr zuerst bie vier Großfürstinnen nur dem Thronfolger und den beiden hesfischen Prinzen, und darnach die Zarin mit der Großherzogin und PrinzefsiiH Heinrick), der Zar, der Großhcrzog und Prinz Heinrick' in Automobiler! aus WolsSgartcn an. Zum Empfang hatten i fid) u a. der russische Gesandte, Baron von Hitorrmg^ Hosmarjchall Freiherr v. Ungern-Sternderg, Generaladju, i tant General Hahn, Flügeladjmant Frhr. v. Mafsenbach. i Geh Habinettsrat Röml-etd, Krecsrat Plochmann u. a. ein- gefunden. Tre Berabjchiedung erfolgte im Fürstenzimmer, - wo sich die Zarin nach inniger Umarmung und Hü(|en vom Großherzog, der Großherzogin und Prinzesfin Heinrich i trennte. Ais die Zarin auf dem Bahnsteig erfchien, überreichte ihr der Nea -Kommandeur des Leu)g.-Trag.-RegtS. ? Nr. 24, Oberst v. Jlfemann, einen großeri Strauß frischet Maiblumen, woraus die Kaiserin af.cn Naherstehenden bi< Hand zum Abschied reichte. Tann bestieg zuerst sie ben Salonwagen, und als dabei das Publicum lebhafte Hachrujs - auSbrachtc, bantte sie durch Äopincigen. Ihr folgte rasch : der Zar, der noch einmal den Grogyerzog umarmte, der kleine Thronfolger und die vier GroiZsurftinnen. Als sich gleich darnach der von zwei Lokomotiven geführte Hofzug in Bewegung setzte und die letzten Abschiedsgruße zugewintt wurden, ertuniCTtjDon neuem Hochrufe der Vorstehenden, wie l des weit in der Straße versammelten Pub.itums. 'Jiaäjben? ! der Zug in der Ferne nicht mehr sichtbar war, begaben «ich -bic sürstlichen Herrschaften nach Wolssgarteu zurück. w. Darmstadt, 14. Nov. Der Kaiser von Rußland verlieh dem Siaatsminister Tr. Ewald den Weiten Adlerordcn, dem Finanzminister Dr. Braun und dem Minister deS Innern v. H o m b e r g I zu Bach den Sk. Annen- orden. Auch der Vorstand und zai-lreiche Beamte der PO- ttzei erhielten OrdenSauSzeichnunaen. Darmstadt, 14. Nov. Ter Zar, der Großherzog von He,,cn und Prinz Heinrich von Preußen ließen sich gestern im^H o f t h c a te r künstlerische Szenen vorführen, die naa) der „Franks. Ztg." von „lebenden" Alabaster-Figuren aut eine: von dem Berliner Optiker Mcßtcr tonfmener Mlmatur-Bühne dargestellt würben. ch Bingen, 14, 9iov. Der Stadtverordnete Karl Ludw. Bretz, der seit langen Jahren der Stadtverordnetenversammlung angehörte und. erst bei bei Neuwahl am 10. November wieder- gewählt worden war, ist gestern gestorben. Er hatte am Abend des Wahltages einen Schlaganfall bekommen, der den rüstigen Mann rasch dahmraffte. Herr Bretz tvar sehr beliebt, weshalb er bei der Wahl in der vergangenen Woche die meisten Stimmen auf sich vereinigte. Kreis Wetzlar. -z-. Wißmar, 14. Nov. Infolge der äußerst regen Bautätigkeit ist die Bahn Hofs st raste soweit ausgebaut, dazu ist an dem Weg nach Launsbach manches schöne Haus entstanden. Dank des Gcmeindemaldcs von 690 Hektaren, der die Haupteinnahmequelle abglbt, wurden Güterverlade- stelle, QueUwasserversorgung uff. angelegt, welche segensreiche Einrichtungen niemand mehr entbehren möchte. x Hohensolms, 15. Nov. Die Zusammenlegung der hiesigen Feldmark ist zum Abschluß gekommen und die 'Uebergabe der Ländereien cm die neuen Besitzer erfolgt. Unsere Gemarkung ist bergig und daher die Ausführung der Regulierung mit großen Schwierig.erten verbunden. Hohensolms hat bei 463 Einwohnern ein Sollaufkommen an >StaatsLrnlommcnsteui;r von 659 Mk., aus den Klopf der Bevölkerung 1.42 Mk., 250 Proz. Zuschläge zur Staatseinkommensteuer und 200 Proz. zu den Realsicuern. Hefscn-Nasfau. ( ) Marburg, 14. Nov. Zu dem Konflikt zwischen der hiesigen Ortsrrankenkasse und dem M a g i st r a t als Auftichtsbehörde, welche bei dec Jahresabrechnung etwa 490 Mk. für Beschickung von Delegiertentagen usw. verwandte Gelder als nicht zu den Vecwaltungstosten gehörig, für die Kasse zucückverlangt und den Vorstand regretzpfliQ)- tig macht, haben jetzt auch die Stadtverordneten 'Stellung genommen. Sie gaben heute abend der Führung eines Prozesses gegen den Vorstand der Kaste die Zustimmung, um eine endgültige Entscheidung in dieser Frage herbetzusühren. (In einer Smdt Thüringens ist türzlrch ein solcher Prozeß zu Ungunsten der Auffrchtsbehörde aus- gefallen. Hat doch das Kammergericht am 12. Dezem- iber 1907 entschieden, daß zu den Verwaltungstosten eurer 1 Krankenkasse auch solche Ausgaben zu rechnen sind.) W .Wieso aoen, 14. Nov. Gräfin nertha von 'Keyserling ist gestern im Alter von 102 Jahren gesrorben. Dre Verstorbene, eine geborene Hameler, ist eine Tante des Generarfetdmarschalls und eine Großtante des Generalintendanten Grafen Hülsen-Häseler. Sängerkranz-Uonzert. G re tz en> 15. Nov. Aus Anlaß des 100jährigen Geburtstages von Rob. Schumann gelangte am letzten Sonntag im Konzert des „Sänger- kcanzes" ein Wert dieses großen Meisters zur Aufstchr^no, d.s unveroienterwelse falt volluniujig in oergenenheit geraten ifi. ,Der Rose Pilgerfahr t", komponiert für Soli, Ehor und Klavierbegleitung in im Jahre 1851 entuanden, und wurde 1852 zum eilten Male in Düsseldorf int kleinen Kreise aufgesührt. Die auveroroenuuye rwirtuug. Die oas Wert leinerzeit aus die Zuhörer und aucy auf Schumann selbst ausübte, veranlaßte ihn, ein halbes Jahr ipäter aucy Orchesterbegleitung dazu zu schreiben., . Tie Handlmrg ist, kurz gefaßt, folgende: Eine Elfe (Rosa) bie den Wunsch hegt, der Liebe Lust kennen zu lernen, wird auf ihre Bitte zur Joyanniszeit von der Ellenfürstin in eine liebliche Jungfrau verwandelt. Gleich zu Anfang ihrer Pilgerfahrt macht sie eine bittere Erfahrung: Eine alte Frau weist |ie von ihrer Tür, als Rofa sie um Obdach bittet Ihr nächster Weg führt sie zum Friedhof, auf dem ein Greis ein Grab gräbt Bon ihm erfährt sie, daß das Grab für des Müllers Töchterlein j— das an „georocyenem verzen' geiwrven ift — bestimmt sei. Der Leichenzug naht und unter Trauergesang findet das Begräbnis statt. Wie festgebannt bleibt Rosa am Grabe ihrer Schwester, deren Schicksal sie tief beklagt. Auf dringendes Bitten des Totengräbers bringt sie die Nacht in seinem Häuschen zu. Am nächsten 'Tage wird |ie von ihm den Müllersleuten als Ersatz für ihre Tochter zugeführt; letztere nehmen sie mit Freuden auf, da ste der Verstorbenen auffatlenb ähnlich sieht. Dato lernt sie den Sohn des Forsters kennen; beide verlieven sicy und reichen zum Bunde des Lebens einander die Hände. Uebers Jahr wird Rosa von einem Töchterchen entbunden. Das höchste irdische Glück ' wird ihr hierdurch zuteil und sie scheidet „beseligt" aus dem Leben. Pon Engeln wird sie zur ewigen Seligkeit eingeführt. Auyerordenuich üerounbetsiuert qt, was Scyumann aus diesem immerhin etwas fadenscheinigen Märchen gemacht hat. Verdient „Der Rose Pilgerfahrt" dock) ebenso wie „Paradies und Peri" zu i feinen Meisterwerken gezählt zu werden. — lieber die Aufführung , herrschte wohl nur eine Stimme: die des uneingeschränkten Lobes. Es war aber auch alles getan, das Werk würdig zu gestalten. Sämtliche Solopartien waren vorzüglich besetzt; die Partie der Rosa sang Frau Emmy K ü ch l e r - Weitzbrod ans Frankfurt a. M. in idealer Weise mit lieblicher Stimme und völligem Aufgehen in ihrer Rolle. Als Partnerin stand ihr Frau Landgericytsrat Schudt aus Gießen, — die schon so oft in liebenswürdigster .Weise eine Aufführung ermöglichen half — ebenbürtig zur Seite. ! „Im Wald gelehnt am Stamme" war eine Glanzleistung ersten ,Ranges. Ferner wurden die herrlichen Tuette der beiden Damen, besonders „Ei Mühle, liebe Mühle" herzinnig gesungen; beide Stimmen paßten sich vorzüglich einander an. Die Partie des Erzählers sowie des Fürftersohnes hatte Herr Alb. Münch aus Frankfurt a M. übernommen. Herr Münch verfügt über einen schönen, lyrischen Tenor und wurde seiner schwierigen Aufgabe völlig gerecht; den Höhepunkt bildete das Liebesduett mit Rosa, in welchem beide Solisten ihr Bestes gaben. Als Totengräber kam die Stimme des Herrn K a u s (Baß-Bariton) aus Wiesbaden nicht recht zur Geltung, jedoch war auch die Leistung dieses Solisten sehr anerkennenswert. Nicht vergessen sei das erste Terzett, in dem Frau K u d) I d r, Frau Schnd't un5 Frl. L effr das Lob des Frühlings mit heller Stimme fangen, ferner das Soloauartett, bei dem Herr Loy, der die Partie des Müllers übernommen, sich in vortrefflicher Weise den Übrigen Solisten anpaßte. Die rhythmisch schwierigen Chöre wurden sämtlich fein ausgearbeitet vorgetragen und umrahmten die Sologesänge in würdiger Weise. Ganz besonderes Lob gebührt dem Damenchor, dem die lieblichen Elfenchöre in vollendet schöner Weise gelangen. Auch der gemischte Chor „Hock-zeit wird gefeiert", der durch seine eigentümliche synkopische Deklamation besondere Schwierigkeit bereitet, war sehr zu loben. Ter prachtvolle Jägerchor, der in der gesamten Musikliteratur nicht seinesgleichen hat, wurde vom Männerchor frisch und klangvoll zu Gehör gebracht. Tie schwierige Klavierbegleitung führte Herr Fischer aus Gießen in bester Weise aus. Zu Beginn des Konzertes sang Frau Küchler drei weniger bekannte Lieder von Schumann, von denen „Sturmnacht" und „Flügel, Flügel, um zu fliegen!" am besten gefielen, und wobei sie Gelegenheit hatte, ihre klangvolle Stimme voll zu entfalten. Vor allem aber sei des Dirigenten Musiklehrer Kasten mit besonderem Tank gedacht. Er hat das interefsante Werk ausgesucht im Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit des von ihm geleiteten Chors und es ist ihm gelungen, das schwierige Unternehmen durch seine hingebende Tätigkeit in bester, allfeitig hoch befriedigender Weise durchzuführen. Alles in allem ein Konzert, von dem viele Zuhörer be- behaupteten, daß es das bestgelmigenste war, das je im Sängerkranz aufgesührt wurde. Ter große Saal des Gesellschaftsvereins war völlig besetzt und der überaus reiche Beifall, den die Zuhörer spendeten, legte Zeugnis davon ab, daß das reizende Werk feine Wirkung getan hat. Ter Sängerkranz würde sich den Dank vieler Muiikfreulide verdienen, wemi er sick) zu einer Wiederholung — etwa als Volks- k o n z e r t — verstehen würde. <ßcrid>tsfaal. Insterburg, 14. Novbr. Das Schwurgericht verurteilte wegen Raubmordes, begangen im August an dem ruf fischen Saisonarbeiter Sekelowski, die angeklagten Arbeiter M o r a w s k i und Galat zum Tode. vermischtes. * Das das Regieren kostet. Ein französischer Statistiker hat herausgebracht, daß in dem Maße, in dem alles teurer geworden ist, auch das Regieren sich verteuert hat. Währeno noch unter dem Konsulat und Kaiserreich die Staatsausgaben 115 000 Franken in der Stunde ausmachten, stiegen sie zur Zeit der Restauration aus 119 LOO Franken, um unter Louis Philippe die Summe von 150000 Franken zu erreichen. Zur Zeit der Republik, im Jahre 1848, kostete eine Stunde Regierungszeit schon 172 000 Franken. Doch selbst diese Summe ist noch gering im Vergleich zu der heutzutage auszuwendenden, die 4u3 000 Franken in oer Stunde beträgt. * Galgenhumor. Zuschauer: „Wie ist's möglich, daß Sie sich nicht verletzt haben, der Sturz sah recht gefährlich aus!" — Sonntagsreiter : „Wissen Sie, das macyt bei mir die Gewohnheit!" Kleine Tageschronik. In Berlin vernichtete am Sonntag ein großes S ch ad en- f e u e r bie Mälzerei der Weißbierbrauerei Gabriel & Jäger, wobei gegen 40 000 Zentner Malz ein Raub der Flammen wurden. In dem Waadländischen Marktslecken B o z (Rhonetal) sind in der Nacht auf Montag infolge Brandstiftung bei heftigem Föhnsturm 25 Häuser niedergebrannt. 30 Familien sind obdachlos. Fast gleichzeitig wurden in dem Dorfe Biere mehrere Häuser durch Brandstiftung eingeäschert, darunter das Haus des Gemeindevorstehers. Aus M o n e a l i e r i wird gemeldet: Die Vermählung des Prinzen Viktor Napoleon mit der Prinzessin Clementine von Belgien hat am Montag vormittag im Schlosse der Prinzessin Klotilde, der Mutter des Prinzen, statt- gesunden. An der Feierlichkeit nahmen teil: die Königin-Mutter von Italien mit mehreren italienischen Prinzen und Prinzessinnen, Prinzessin Laetitia Bonaparte, die Gräfin von Flandern, sowie in Vertretung des Königs der Belgier Herzog v. Signe. Aus Gent wird gemeldet: Der morgens 5 Uhr 50 Min. von hier abgegangene Personenzug stieß am Montag bei Wetteren a. d. Schelde mit einem Güterzug zusammen. Die Lokomotive wurde auf das Nachbargeleise geworsen in dem Augenblick, wo der S ch ne11 z u g Kö ln—O stende einfuhr. Tödlich verletzt wurde niemand; der zweite Zusammenstoß verursachte großen Materialschaden. Der Verkehr ist völlig gestört. In Petersburg wurden ein Schneidermeister, seine Ehefrau und seine drei Gesellen ermordet und beraubt. HandeU ** Spanische Zolltarifreform. Nach dem Gesetze vom 20. März 1906 betr. Grundsätze für die Zolltarifreform sollen die Zollsätze von 5 zu 5 Jahren unter Berücksichtigung der Aenderungen, die die ihnen zugrunde liegenden Werte erfahren haben, einer Revision unterzogen werden. Die Handelskammer macht darauf aufmerksam, daß die 5 Jahre des geltenden Tarifs im näajften Jahre ablausen und daß nach einem Erlasse des spanischen Finanzministers vom 18. Oktober d. I. Interessenten ihre Wünsche und Beschwerden Vorbringen können. Die Eingaben find unter Beifügung von Bewelsunterlagen innerhalb einer Frist von 2 Monaten vom Tage des Erlöstes an bei dem Finanzministerium in Madrid einzureichen. Eingesandt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Als Gießener Bürger kann ich es nicht unterlassen, an dieser Stelle einen Uebelstand zu rügen, der sich der Entwicklung unserer.Haupt- und Univeriitacssiad^ nicht gerade anpaßt. — Wer durch die Neustadt und Marktstraße geht, kann dort des öfteren beobachten, wie Passanten, hauptsächlich Landleute, von einigen Ladeninhabern der Manufaktur- und Konfektionsbranche in einer Weise zum Kaufen animiert werden, die jeder Beschreibung spottet. Es wird dabei nicht nur die Güte der Waren usw. auf die Straße hin angeprie^-n, sondern die Leute werden auch zu Kaffee und Kuchen oder sonstigen Leckerbissen eingeladen, und wenn dies nicht zieht, sogar mit Gewalt von der Straße in den Laden transportiert. Solche Szenen sind keine Seltenheit, und wirken auf jeden reell denkenden Menschen geradezu abstoßend. Jeder Geschäftsmann wird und muß f. .hen seine Ware an den Mann zu bringen,, jedoch darf dies nicht in einer Weise gejchehen, die jeden anständigen Menschen verletzen muß. Könnte hier nicht, wie in anderen Städten auch, ein Ortsstatut geschaffen werden, wodurch ein solches Treiben unmöglich gemaa.. würde, im Interesse des Ansehens und guten Rufes unst Stadt. — merken will ich noch, daß ein persönliches Interesse nicht in Frage kommen kann, da ich Handwerksmeister bin. Gin Gießener Bürger. biiiihcqcr Verlauf der Wltleruiig seit gestern früh: Tas gestern über England lagernde Ties yal sich unter Verflachung ausgedehnt. Aui feiner Nordieue wehen in Teulfchland sudönliche Winde. Infolge eines nusgebelmien Hochdruckgebiets über Rußland gewinnt es keinen Einfluß auf unsere Witterung Wir können höchstens mit zunehmender Bewöckung und strichweise geringem Regen rechnen. Wetteransuchten m peilen um Mulwoch dem 16. viovbr. 191u: Wolkig, nur strichweise geringe Reg^n, südliche Winde, etwas wärmer. Letzte Nachrichten. Auslösung deS eugltscyen Parlaments. London, 15. Nov. „Daily Chronicle" ist zu der Mib« teilung ermächtigt, daß die Regierung beschlossen habe, das Parlament unverzüglich aufzulösen. * Wien, 15. Nov. Wie die „Neue Freie Presst aus P o l a meldet, wurde ein Torpedoboot, das aus Patrouille war, vom Sturme überrascht. Eine Welle riß drei Mann ins Meer. Einer konnte gerettet werden, da er sich an einer Kette festhielt, brach jedoch beide Beine. Die anderen Matrosen tonnten bisyer trotz aller Nachforschungen nicht gefunden werden. London, 15. Nov. Wie das Reutersche Bureau aus Teheran erfährt, bot die K a i s e r l i ch P e r s i s ch e B a n k der Regierung eine fünfprozentige Anleihe im Betrage von 1250 000 Pfund Sterling zum Kurs von 8?y2 an. Die Operation umfaßt die Konvertierung der gegen- wärttgen konsolidierten Schuld. Außerdem hat die Bank der Regierung bereits 100 000 Tomans geliehen; man glaubt, daß die Summe unverzüglich dazu verwendet wet>. den soll, die Ruhe im Süden wieoer herzustellen. 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