Nr. L81 Zweites Blatt 160. Jahrgang Mittwoch 17« August 1910 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Gießener Famllienblättrr" werden dem .Anzeiger" ötennal wöchentlich beigelegt, das „Lreirdlatr für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit fragen" erscheinen monatlich zweimal. Gießener' Weiger EenerÄ-Anzeiger für Gdrrhessen Rotationsdruck und Berlag der Brühl'schea UnwerfitätS - Buch- und Steindruckeret. 9L Lange, Gießen. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^ÖL Redaktion: ^^112. Tel.-Adru AnzeigerGießen. Die staatliche Pensionsversicherung der privat- . angestellten. Der Hauptausschuß für staatliche Pensionsversicherung der Privatangestellten schreibt uns: Durch die deutsche Presse sind in der letzten Zeit Nachrichten gegangen, welche geeignet sind, über den Stand der Angelegenheit der staatlichen Pensionsversicherung der Privatangestellten eine irrige Meinung aufkommen zu lassen. Es entspricht durchaus nicht der Meinung der Privatangestellten, wenn es heißt, daß es nicht möglich wäre, die Vorlage des Gesetzes in der jetzigen Tagung des Reichstages zu erledigen, und daher wird von den Privatangestellten bestimmt nicht, wie dort erwähnt, der Wunsch geäußert, daß die Vorlage zurückgestellt werde. Im Gegenteil, die Privatangestellten haben schon seit langer als 9 Jahren in Erwartung des kommenden Pensionsgesetzes sich immer wieder vertrösten lassen. Das Mißtrauen, das durch die exsten, noch unbestimmten Äußerungen des Staatssekretärs des Innern vom 17. Januar 1910 erweckt wurde und später schwand, würde durch eine Verschiebung der Angelegenheit von neuem geweckt werden. Tie Angestellten würden sich der früheren Haltung des Staatssekretärs erinnern und eine Bestätigung der damals erwachten Besorgnis erkennen. Die Regierung Hut aber auch alle Ursache, eine so starke Verstimmung eines großen deutschen Berufsstandes zu vermeiden und sie wird sicher ein derartiges Mißtrauen gar nicht auskommen lassen. Außerdem ist an Vorbereitungen für dieses Gesetz schon so viel geschehen, daß die Fertigstellung des Gesetzentwurfs keine besonderen Schwierigkeiten bieten kann, zumal der Reichstag bereit ist, der dringenden Forderung der Privatangestcllten Rechnung zu tragen. Vollständig verfehlt ist es, wenn gewisse Kreise der Privat- angestellten, welche nicht die Grgänzungskassc, sondern den sogen. Ausbau der Invalidenversicherung fordern, in dieser Nachricht eine Bestätigung ihrer Ansicht zu erkennen glauben. Der Ausbau der jetzt bestehenden Invalidenversicherung im Rahmen der Neichs- versicherungsordnung ist in der gegenwärtigen Reichstagsperiode völlig ausgeschlossen. Man hat nur nötig, die Begründung des Entwurfs der R.-V.-O. zu studieren und wird, wie es auch aus den bisherigen Verhandlungen des R.-V.-O.-Ausschusses zu ersehen ist, die Schwierigkeiten erkennen, die jede Aenderung im Entwürfe, auch nur einer Zeile, mit sich bringt. Man wird unter diesen Erwägungen dem Hauptausschusse Recht geben, wenn er auf seiner Forderung einer Ergänzungskasse besteht und wenn er sagt, daß die Anträge der Minderheit, welche den Ausbau der Invalidenversicherung fordert, nur geeignet sind, die baldige Schasstlng einer ausreichendei^Alters- und Hinterbliebenen-Ver- sicherung der Privatangestellten auf unbestimmte Zeit hinauszu- schieben, umsomehr, als es die Minderheit bisher unterlassen hat, ihre Forderung durch versicherungstechnisch begründete Beitragsberechnungen zu stützen, so wie es der Hauptausschuß schon längst getan hat. Nach Meinung aller Sachkenner wird ein Ausbau der Invalidenversicherung, der .ausreichende Renten für die . Privatangestellten zur Voraussetzung hat, Beitrage erfordern, die, wenn auch nicht größer, so doch tatsächlich nicht geringer sein werden, als sie für tue vom Hauptausschusse geforderte Ergänzungskasse notwendig sind. Aus diesen Erwägungen heraus hat auch die Reichsregierung es vorgezogen, sich allen Anträgen der Minderheit gegenüber ablehnend zu verhalten und das kommende Gesetz auf der vom Hauptausschusse geschaffenen Grundlage auszubanen. Die Privat- angestellten haben zu der Regierung das volle Vertrauen, daß die langersehnte Sicherung der Zukunft der Privatangestellten durch eine ausreichende Pensionsversicherung jetzt endlich Gesetzeskraft erlangt. Die Denkseiern um Metz. Metz, 16. August. Der heutige zweite Tag der Denkfeier um Metz war vorn schönsten Wetter begleitet und daher war die Zahl derer, die nach den Schlachtfeldern von Grave- lotte und St. Hubert hinausAogen, noch größer als an dem vorhergegangenen Tage. Am Denkmal der 42 und bei St. Hubert hatten sich gegen 3 Uhr die Spitzen der Militär- und Zivilbehörden eingefunden. Die Gedenkfeier, an der sich 23 Vereinsabordnungen beteiligten, begann mit dem Vortrag eines Chorals der Musikkapelle des Metzer Jns.-Regts. Nr. 98. Dann folgte ein Vortrag einer Original- pomposition, vorgetragen von dem Metzer Männergesang- verein mit Orchesterbegleitung, mit dein Namen „Bater- landssöhne". Der Bürgermeister Dr. Böhmer-Metz hielt alsdann die Gedächtnisrede, in der er nach einer Würdigung der Bedeutung des Tages die Schlachtlage und das heiße Ringen um den Sieg schilderte und den Mut und die Ausdauer der Soldaten, die sie hier gezeigt hätten, beschrieb. Er führte aus, es sei die Pflicht der Männer, welche die Geschäfte und Leitung des Staates und derjenigen Städte, welche mit deutschem Blute erstritten wurden, in Händen hielten, diese $u verteidigen und zu erhalten, und bat, die ernste Mahnung nicht zu vergessen,, daß all ihr Handeln und ihre Entschließungen vom nationalen Gesichtspunkte geleitet sein müßten. Es gäbe für sie nur ein Ziel: Fort mit Schwäche und Weichheit, Vorwärts für Kaiser und Reich! Nach Absingen der Nationalhymne und einem weiteren Vortrag des Metzer Männergesangvereins, teilte der Vorsitzende des Kreiskriegerbundes von Lothringen, Corn-- brix, das Antworttetegramm des Kaisers auf das gestrige Huldigungstelegramm mit. Nach einigen weiteren Schilderungen von Veteranen über den Verlauf der Schlachten und nach einem Hoch auf die -Offiziere und besonders den Grasen Häseler, begrüßte dieser auch hier die Veteranen im Auftrage des Kaisers. Die Feier schloß mit dem ambrosianischen Lobgesang. Hieran anschließend folgte ein Vorbeimarsch der Veteranen vor dem Grafen Häseler an der Schlucht — fast zu gleicher Zeit veranstaltete der Sou- venir-francaise in Borny eine kirchliche Feier zu Ehren der gefallenen französischen Krieger; danach ^og man zum Denkmal der französischen Krieger, wo nach Ansprachen .Kränke niedergelegt wurden. Eine Abordnung wurde dann nach dem nächsten deutschen Kriegerdenkmal entsandt, um dort ebenfalls einen Krantz niederzulegen._______ Der diesjährige Deutsche Katholikentag. i4- Augsburg, 16. Aug. In her schönen Stadt am Lech wird am kommenden Sonntag Die Hauptversammlung der Katholiken Deutschlands zu ihren diesjährigen Beratungen zusammentreten. Von besonderem Interesse ist es, daß der Katholikentag diesmal an einem der Herde der sogenannten modernistischen Bewegung Zusammentritt, die auch im benachbarten München, namentlich an der dortigen Universität ihre Vertreter hat. Es ist daher nicht ausgeschlossen, daß diese Bewegung in die Verhandlungen des Katholikentages hineinspielen wird, selbstverständlich nur in die. der Ausschüsse und der ebenfalls unter Ausschluß der Oefsentlichkeit tagenden Ausschüsse. Für die Oefsentlichkeit sind wieder vier geschlossene und vier öffentliche Hauptversammlungen bestimmt, die jeweils an den Vor- und Nachmittagen des Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag vor sich, gehen werden. In den gesckstossenen Hauptversammlungen wird man die zahlreich vorliegenden Anträge zur sozialen Frage, zur christlichen Charitas, zu den Themen: Presse, Kunst und Literatur sowie zur Papstfrage erörtern, während in den öffentlichen Versammlungen eine große Anzahl Redner über die verschiedenen wirtschaftlichen und politischen Tagesftagen sprechen wird. Der Tagung geht voran eine Massenversammlung der katholischen Arbeitervereine Bayerns in der großen Festhalle des Katholikentages, zu der etwa 500 Vereine, darunter 181 Arbeitervereine, 101 Gesellenvereine, 75 Männer- und 38 Lehrlings- und Jünglings-Vereine angemeldet sind, neben 74 sogenannten Burschen-Vereinen, die seinerzeit der Abgeordnete Dr. Heim aus katholischen Baucrnburschcn organisiert hat. Insgesamt rechnet man auf eine Beteiligung an dem großen; Festzuge von 25 000 Personen; es sollen in ihm 500 Fahnen und 50 Musik- und Tambourkorps mitgeführt werden. Am Dienstag findet außerdem die Hauptversammlung des Volksvereins für das katholische Deutschland statt, in welcher dessen Vorsitzender Fabrikbesitzer Brands- M.-Gladbach und die Reichs- tagsabgeordneten Trimborn, Gröber und Prälat Dr. S ch ä d l er als Redner austreten werden. Der Volksverein für das katholische Deutschland ist bekanntlich, die Organisation, die nach der Sozialdemokratie die meisten eingeschriebenen Anhänger zählt und dem Zentrum die Wahlschlachten schlagen hilft. Ihr geistiger Urheber ist der Reichstagsabgeordnete Dr. P i e p er-M.-Gladbach, in dessen Heimatsstadt sich auch die Zentrale der gewaltigen Organisation befindet. Mit dein Katholikentag ist ferner eine gemeinsame Wallfahrt der Teilnehmer zum Grabe des Heiligen Bischofs Ulrich und ein Besuch von Oberammergau^verbunden. Als Vertreter des pävstlichen Stuhles wird diesmal F r ü w i rth (München) den Verhandlungen beiwohnen. Man rechnet auch mit dem Erscheinen einer ganzen Anzahl von Bischöfen und anderen hervorragenden kirchlichen Würdeuträgern. Tas Ehrenpräsidium des Kaibolikentages habeii übernommen : Der Bischof von Augsburg Maximilian Ritter v o n Lingg, der Kronobersthofmeister Albrecht Fürst zu Oettmgen-Oetkingen unb Oettingen-Spielberg, Karl Friedrich Fürst zu Oettingen-Oetlingen und Oettmgen-Wallerstein, Erwin Fürst v. d. Loyen, Bertram Fürst voii Quadt-Wykradt-Jsiiy und Karl Ernst Graf Fugger von Glött. Die F e st h a l l e erhebt sich in den städtischen Rosenauanlagen. Die Valle gewährt Raiim für 7500 Personen und wird auch die zahlreichen Nebenversammlungen des Katholikentages in sich aUsnehiiien, von denen besonders die Versamnilung der katholischen Lehrer und Lehrerinnen Deutsch- laiids zu erwähnen ist. Ter Straßburger Universitälsprofessor Dr. Martin Spahn, der Sohn des bekannten Zentrumsführers, wird über „Tas Amt des Lehrers und seiiie Weltanschauung" reden. In einer weiteren Nebenversammlting des Vereins katholischer Priester Deutschlands soll Stellung zu .den mancherlei Preßangriffen genommen werden, die sich in letzter Zeit gegen katholische Priester gerichtet haben, und eine Abwehrbewegung beraten werden. Auch der Augustinus-Verein §ur Pflege der katholischen Presse, die katholischen kaufmännischen Vereine, der katholische Mäßigkeitsbund, der Borrornäusverein, der Deutsche Verein vorn Heiligen Lande, die Bonifaciusvereine, ein Gegenstück zum Evangelischen Verein der Gustav-Adolf-Stiftung, sowie die verschiedenen katholischen Studentenverbände werden ihre Sonderversammlungen abhalten. Die Yassagierfahrten der Parseval-Lustschiffer. 4 München, 16. Aug. Die Eröffnung der ersten Schweizer Luftschiffstation in Luzern hat anscheinend den Bann gebrochen, der über den deutschen. Ballonunternehmungen lag, soweit die Frage in Betracht kam, ob Luftfahrten mittels lenkbarer Ballons mit Passagieren und gegen Entgelt zu veranstalten seien. Passagierfahrten ähnlich den schweizerischen wurden ja schon seit einiger Zeit auch bei uns ausgeführt, doch fehlte es bisher noch an einem festen Tarife und Fahrplan dafür. Das Vorgehen der schweizerischen Unternehmer, die gegenwärttg mit ihren Flügen in Luzern großes Interesse erwecken und noch größere Einnahmen erzielt haben, hat nun auch der Parseval-Luftschiffahrtgesellschaft zur Veranstaltung solcher Passagierfahrten zu feststehenden Tarifen Veranlassung gegeben. Als offizielle Vergnügungsfahrt mit einem Parseval- luftschiff figuriert der am Sonntag veranstaltete Aufstieg des von Bitterfeld nach München unter schwierigen Verhältnissen überführten „P. 6", der als Gebrauchsschiff zu Aus- slugsfahrten von München nach Oberammergau und in das Bayerische Hochland überhaupt gedacht ist. Die Parseval-Gesellschaft ist auch bei diesem Luftschiff ihrem alterprobten (unstarren) System treu geblieben. Das Luftfahrzeug ist von allen bestehenden Systemen das leichteste, da es weder unnötige Versteifungsgerüste, noch über ein bestimmtes Maß an Gewicht hinausgehende Gondeln besitzt, das betriebssicherste, das schnellste und das handlichste. Das zur Füllung nötige Wasserstoffgas wird in 1300 eisernen Gasflaschen, deren jede 5 Kubikmeter komprimiertes Wasserstoffgas enthält, geliefert. Zur Nachfüllung des Luftschiffes sind täglich etwa 100 Kubikmeter Wasserstoffgas erforderlich. Die Herstellung der Hülle erfolgte unter Berücksichtigung der neuesten Erfahrungen und Versuchsergebnisse der Modell-Versuchsanstalt der Motorlustschiff- Studiengesellschaft in Berlin. Die Abmessungen des Luftschiffes sind folgende: Länge ca. 75 Meter, größter Durchmesser 12,5 Meter, größte Breite einschließlich der Stabilisierungsflüchen 17 Meter, Rauminhalt 6700. Die Hülle enthält zwei Lustsäcke, einen vorderen und einen hinteren, im ganzen auf ca. 25 Prozent des Rauminhaltes der Luftschiffhülle selbst bemessen. Ihnen fällt eine doppelte Aufgabe zu. Da- durck), daß sie mit Lust aufgeblasen werden, bewirken sie die Prallerhaltung des Gasraumes und geben ihm einen derartigen inneren Druck, daß der Tragkörper die Gondel nebst Insassen zu halten vermag, ohne durchzuknicken. Die zweite Aufgabe der Luftsäcke ist die Höhensteuerung. Je nachdem man dem vorderen oder hinteren Lustsack etn Uebergewicht durch Einströmen von Luft gibt, senkt sich'das betreffende Ende und eine Schrägstellung des Luftschiffes wird erreicht. Diese Lustsäcke werden durch einen an die beiden Motore einzeln angeschlossenen Ventilator aufgeblasen. Zu beiden Seiten am Hinterende der Hülle befinden sich je eine Gleichgewichtsfläche und unter dem hinteren Ende ein ähnlich gebautes Seltensten er mit davorgelagerter, mrbeweglicher senkrechter Fläche als Kiel. Die Gondel besteht aus einem Stahlrohrgehänge, ist sehr tief uni> durch eine besondere Art der Takelung unter dem Gasraume aufgehängt. Die bewegliche Goirdelanfhängung gewährleistet einen gleichmäßigen und ruhigen Lauf des Luftschiffes bei Ausschaltung der Stampfbewegungen. Die Gondel bietet genügend, R a u m für die Aufnahme von 16 Personen und ist ferner für die bequeme und sachgemäße Unterbringung von Betriebsstoffen für 16 Stunden eingerichtet. Die Triebkraft wird gegeben durch zwei hintereinander in die Gondel eingebaute Motore von je 100 Pferdekräften, die auf eine zehn- bis zwölfstündige Betriebsdauer geprüft sind. Die Luftschrauben sind auch für Rückwärtsbewegung eingerichtet und können von beiden Motoren angetriebcw werden. Als größte Strecke ohne Zwischenlandung wurden von einem solchen Parseval-Luftschiff 3 61 Kilometer zurückgelegt, wobei eine größte Höhe von 1100 Meteny erreicht wurde. £iebiglaboratonum und Zahnärztliches Institut. Von Professor Dr. Sommer, Gießen. Der Arbeitsausschuß für die Erhaltung des Li^iglabvrcv- toriums hatte an die Bürgermeisterei und die Stadtverordneten^ Versammlung Gießen das Gesuch gerichtet, ihm die unteren Räume des alten Laboratoriums hinter der Säulenhalle mietweise $it Lasten des schon vorhandenen Fonds zu überlassen, der zurzech ca. 12 000 Mark beträgt und täglich wächst. Auf dieses Gesuch hat die Stadtverordneten-Versammlung in einer geheimen Sitzung am 4. August 1910 beschlossen: 1. Das Gesuch abzulehnen, 2. sich mit dem Verkauf des Laboratoriums für 60 000 Mk. einverstanden zu erklären, falls noch im Laufe dieses MonatÄ eine bindende Zusage vorliegt, 3. falls dies nicht geschieht, das Laboratorium dem Verein Hessischer Zahnärzte zur Einrichtung eines Institutes abzutretLL« Da dies in geheimer Sitzung beschlossen wurde, läßt sich, die Begründung dieses bedauerlichen Beschlusses nicht ersehen^ Vor der Sitzung war sämtlichen StMverordneten der in der Zeitschrift für angewandte Chemie erschienene, mit über 200# Unterschriften bekannter Persönlichkeiten aus dem Gebiet bet Chemie und der Nachbarwissenschaft versehene Aufruf zuge-^ sandt worden. Da es sich um eine öffentliche! Angelegenheit haudät^ die meines Erachtens für die Erhaltung einer geschichtlich interessanten Stätte in Gießen von Wichtigkeit ist, so ist an dieferw Beschluß vor allem zu beanstanden, daß er in einer geheimen Sitzung gefaßt wurde, so daß die öffentliche Meinung zu den. Gründen überhaupt keine Stellung nehmen kann. Der einzige Bericht, der über diese geheime Sitzung an Md Oefsentlichkeit gekommen ist, ist die im Gießener Anzeiger vomj 6. August abgedruckte Notiz, ferner ein entsprechender der Frankfurter und Wetzlarer Zeitung aus Gießen eingesandter Berichs der lebhafte Bedenken über die aTrdeutungsweise erkennbaren sprechungen in der Stadtverordneten-Versammlung erweckt. Es heißt da: „Nachdem der Staat es ab'gelehnt hat^ ein derartiges (das Zahnärztliche Institut) an der Landes-Universität zu errichten, hält es die städtische Verwaltung für ihre Pflicht, hier einzuspringen und die Abwanderung zahlreÄhy- Studenten her Zahnheilkunde zu verhindern." Hier wird offenbar der Versuch gemacht, die VerMrtworllichkeiü für den höchst bedauerlichen Beschluß auf i>en © t a a t abzuwälzen^ der angeblich seine Pflicht nicht getan haben soll. Dabei handelt es sich meines Wissens um eine durchaus falsche Angabe, dry der Staat es nicht abgelehnt hat, ein derartiges Institut einzurichten, sondern trotz völliger Anerkennung seiner Notwendig^ Feit infolge von dringenden Ausgaben noch nicht in der Lage mar, dasselbe einzurichten. Außerdem enthält dieser Artikel eine sehp schön klingende Phrase über die Abwanderung zahlreiche? Studenten der Zahnheilkunde, die an der Hand deÄ Personalbestandes der Universität vom Sormser 1910 geprüft werden muß. Nach diesem haben im ganzen ZahnheLkunde ne Gießen 13 Personen studiert, davon 9 Hessen (!). Davon nxrren mit Reifezeugnis vom Gymnasium 3, vom Realchimnaftum 2^ für das Fach 8. Angesichts dieser Zahlen erscheint der offene bar inspirierte Artikel in den genannten Zeitungen als eine maßlose Uebertreibung und es kann dem hessischen Staat' angesichts dieser Zahlen, wobei es sich im ganzen um 9 Hessen: und 4 Nichthessen handelt, nicht verdacht werden, wenn er bisher! die sehr beträchtliche Aufwendung für den Neubau eines solchen Institutes nicht gemacht hat. Angesichts der in ben genannten Artikeln enthaltenen unzureichenden Begründung für einen 23e* schluß, in welchem eine für die Stadt Gießen und die ErhaltuMl einer chemischen Erinnerungsstätte nützliche Besttebung in dieser' Weise ignoriert wurde, ist es kein Wunder, daß der Besckstuß ba? Stadt eine Entrüstung in weiten Kreisen hervorgehoben hat intbl daß diese in die Frankfurter Zeitung (vergl. Abendblatt tiora, 11. August) übergegangen ist. Das Komitee für die Erhaltung des Liebiglaboratoriums sicht diesem Artikel durchaus fern, auch hat das Komitee ate solches bei der vorhandenen Sachlage davon Abstand genommen, gegen, den Beschluß der Stadt vorläufig weitere ^Anträge zu stellen, wohk^ aber ergreife ich als Gießener Bürger dce Gelegenheit meine Meinung über das Verfahren der Stadt auszudrücken und' es auszusprechen, daß der offenbar aus chemischen Kreisen ftaiifr mende Artikel der Frankfurter Zeitung, soweit er das Urteil über den obigen Beschluß betrifft, durchaus richtig erscheint Sicher ist, daß die Stadt Gießen durch diesen in weiten Kreisen einen wenig angenehmen Ruf wegen des Mangels an Fürsorge für eine geschichtlich interessante Erinnerungsstätte erhalten mirh< -Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn man die Einzelheiten tej Beschlusses betrachtet. Inhaltlich enthält derselbe eine völlig unmö gliche Bedingung, nämlich die Aufbringung von 60 000 Mark inner» halb von 24 Tagen. In Amerika mit feinen vielen reichen- für wissenschaftliche Zwecke opferwilligen Bürgern wäre die Ausbringung einer solchen Summe in so kurzer Zeit vielleicht möglich^ in Deutschland erscheint sie als eine von vornherein fast völlig! ausgeschlossene Forderung, die in Wirklichkeit nur die völlige Ablehnung von feiten der Stadt unter der Formi- einer scheinbaren Zusage bedeutet. Allerdings sind in der kurzen Zeft seit Erscheinen des Aufrufs Anfang Juli 1910 bisher schon über 12 000 Mark für unsre Zwecke gestiftet nrorben^ was als ausgezeichnetes Resultat erscheint, das entschieden Hofte nung auf das Gelingen des Werkes erweckt, andererseits ist hie Frist zur Erlangung der geforderten 60 000 Maik entschiedey zu kurz. Der dem Komitee angegebene Grund, daß die! Zahnklinik zu) Beginn des nächsten Wintersemesters ins Leben treten muß, ist meine# (^.achtens ein durchaus unrichtiger, da es völlig ausgeschlosseir, erscheint, daß jetzt in den Universitätsfcrien die Berufung eines akademischen Lehrers der Zahnheilkunde von feiten der be» teiligten Korporationen und Behörden bis zu dem Beginn des Wintersemesters ausgeführt wird. Die Stadtverordneten, welche unter dieser Voraussetzung abgestimmt haben, haben sich über bat Gang einer akademischen Berufung getäuscht. Die Einrichtung einer Zahnklinik erscheint jedenfalls nicht als ausreichender Grund/ um ein für die Stadt Gießen meines Erachtens sehr zweckmäßiges Unternehmen in der geschehenen Weise in den Hintergrund zu drängen. Ich halte es für einen großen Fehler, daß die Stadt! Gießen, nachdem die Erhaltung des Liebiglaboratoriums in her’ geschehenen Weise mit Erfolg eingeleitet lvorden ist, das Gelände nun nochmals für einen völlig fremdartigen Zweck tx-riuenbcxi will. Sicher hätten sich von feiten der Stadt evtl, and) andere Räume für die gewünschte Zahnklinik finden lassen. Auch hätte - sich, da das Komitee nur die unteren Riiumr erbeten batte, leicht ein Kompromiß schließen lassen. Die Verlegung einer zahnärztlichen Klinik in Has alte Liebiglaboratorium ist ein bedauer-, ß&r Fehler, der Vvnder Stadt, toemTirgenb möglich, jetzt noch rück- göngig gemacht werden sollte. Ku'rz vor Abdruck des vorstehenden Artikels erhalten wir die hoch erfreuliche Nachricht, daß von einem sehr an -gesehenen Vertreter der chemischen Jndu st rie die Garantie für di e Aufbringung der Nestsnmme übernommen worden ist. Somit erscheint das Werk, falls nunmehr dieStadt Gießen entgegen- kommt, gesichert. 2lus Stadt und Land. Gießen, 17. August 1910. Aussterbende Vögel unserer Heimat. Schon oft hat man die Wahrnehmung gemacht uno In Wort und Schrift darauf hingewiesen, daß die Vogelwelt unserer Gegend immer mehr abnnnmt. Landwirte und Forstleute klagen über die Zunahme Mr schädlichen Insekten, die namentlich der gedeihlichen Entwickelung unserer Forst- und Obstkulturen arg zusetzen. Man bemüht sich durch Anbringung von Nistkästen, durch Bepflanzung der Bahndämme mit Dornsträuchern und durch verschärfte Maßregeln gegen die Zerstörer von Brutstätten der immer mehr um sich greifenden Abwanderung unserer einheimischen Vogelwelt Einhalt zu tun. Wenn in dieser Weise Staat und Gemeinde Hand in Hand gehen, dann kann zum Schutze unserer lieben Sänger in Feld und Wald viel geschehen, ihnen das fernere Verbleiben in ihrer alten Heimat weiter zu ermöglichen. Eine Abwanderung mancher Vogclarten hat bereits stattgefunden, so daß man von einem Älssterben in unserer Gegend wohl reden darf. Drei Vögel sind es namentlich, die bei uns auf dem Aussterbeetat stehen — der Wiedehopf, der Eisvogel und die Elster. Der Wiedehopf, ein Höhlenbrüter, braucht zur Herstellung seines Nestes meist Kuhdünger. Durch das Eingehen des Weidebetriebes in unserer Gegend sind ihm zwei Lebensbedingungen genommen worden, der frische Kuhdünger und die dabei sich sammelnden Mistkäfer. Wo noch Viehherden auf die Weide gehen, da ist auch der Wiedehopf anzutresfen. Der Eisvogel baut sein Nest an die Ufcrränder unserer Bäche, da, wo die Bodenart das Auswühlen einer höhlenartigen Vertiefung es zuläßt. Die Höhlung ist schräg am Uferrand cingegraben mit der Neigung nach dem Bache, so, daß bei Regen oder Hochflut das cingedrungene Wasser wieder leicht abfließen kann. Seitdeni man aber — um immer mehr Land zu gewinnen — die Bachläufe möglichst gerade gelegt und die Uferrändcr mit Stcinschichtung befestigt hat, ist der Eisvogel überall da verschwunden, wo ihn: seine Nistgclegenheit für immer genommen ist. Die Elster, auch Ätzei genannt, war in früheren Jahren der Verfolgung durch Buben ganz besonders ausgesetzt. Man hielt sie nämlich für einen argen Dieb, der namentlich Gold- und Schmucksachen aus den Häusern hole und in seinem Nest aufbcwahrc. Mit der Zerstörung der Nester und der Ausforstung des Erlenbestandes an den Bächen und Flußläufeu ist auch der Elster ihre frühere Heimat verleidet worden. Sie hat sich dahin verzogen, wo der Wilde, nicht der Kulturmensch, ihr als der bessere Mensch erscheint. B. * ** Erledigte Leh rerstelle. Eine Lehrerstelle an der katbol. Schule zu Dieburg ist erledigt. ** Billige Briefe nach Amerika. Folgende Schiffe befördern Briese nach den Vereinigten Staaten von Amerika zum Preise von 10 Pfg. für je 20 Gramm: „Prinz Friedrich Wilhelm" ab Bremen 20. August, „Kaiser Wilhelm II." ab Bremen 23. August, „Cleveland" ab Hamburg 25. August, „Kaiser Wilhelm der Große" ab Bremen 30. August, „Amerika" ab Hamburg 1. September, „George Washington" ab Bremen 3. September, ,Kronprinzessin Cecilie" ab Bremen 6. September, „Cincinnati" ab Hamburg 8. September, „Kronprinz Wilhelm" ab Bremen 13. September, „Kaiserin Auguste Victoria" ab Hamburg 17. September, „Kacker Wilhelm II." ab Bremen 20. September, „Deutschland" ab Hamburg 24. September, „Kaiser Wilhelm der Große" ab Bremen 27. September. Alle diese Schisse außer „Cincinnati" und „Clevcland" sind Schnelldampfer oder solche, die für eine bestimmte Zeit vor dem Abgang die schnellste Besörderungsgclegenheit bieten. Es empfiehlt sich, die Briese mit einem Leitvermerk wie „direkter Weg" oder „über Bremen oder Hamburg" zu versehen. Die Portoermäßigung erstreckt sich nur auf Briefe, nicht auch auf Postkarten, Drucksachen usw. und gilt mir im Verkehr mit den Vereinigten Staaten von Amerika, nicht auch mit anderen Gebieten Amerikas, z. B. Kanada. ** Der Gesangverein,Harmonie" (gegr. 1846) veranstaltet am Sonntag ein W a l d f e st im Hardtwäldchen. ed. Bingen, 15. Aug. Da§ in Coblenz liegende 3. Telegraphenbataillon, sowie das Fernsprechkommando, das sich aus Angehörigen sämtlicher Truppengattungen zusammensetzt, wurde mit sämtlichen Kriegssa bezeug en nach Erfurt, Berlin, Köln und Frankfurt a. M. befördert. Es handelt sich um eine große Nachrichtenübung, bei der man feststellen will, welche Gliederung im Ernstfälle am verwendungsfähigsten sein wird. Auch die Kavall.-Telegr.-Abteil., sowie der kaiserliche Fernsprechtrupp, der in den Kaiser- manöoern zum erstenmal in Tätigkeit tritt, befindet sich bei den: Park. Sämtliche vier Telegraphenbataillone beteiligen sich an der Hebung. Auch die fahrbaren Stationen der Funken-Telegraphen-Abteilung werden zur Verwendung gelangen. + Wißmar, 15. Aug. Am. Sonntag beging unser Turnverein bei herrlichstem Wetter sein Fahnenweihfest verbunden mit Schauturnen. Vormittqgs um 7 Uhr traten die Turner zum Preisturnen an, das gegen 10 Uhr sein Ende erreichte. Um 2 Uhr wurden dann unter Musikklang der hiesigen Kapelle die einzelne-: Vereine ab- aeholt und um 3 Uhr bewegte sich ein großer und schöner Festzug durch die Straßen des Ortes. Aus dem Festplatze angekommen begrüßte Turner Euler die erschienenen Vereine und Festgäste, und dankte den vielen Spendern, die ihr Scherflein zum Fahnensonds beigetragen hatten; er feuerte dann die Turner zu weiterer turnerischer Arbeit an und schloß mit einem Gut Heil auf das Turnen. Fräulein Körber trug dann ein Festgedicht vor und überreichte dem Fahnenträger die enthüllte Fahne. Nun trat unter Leitung des 1. Turnwarts Drommershausen die Damenriege zu den Freiübungen an, die großen Beifall fanden. Um 6 Uhr fand die Preisverteilung statt. Der Abend wurde mit Tanz und geselliger Unterhaltung begangen, wobei die Turner Pyramiden stellten, die großen Beifall sanden. ICtrcbc uttö Schule. = Kirch-GönS, 15. Aug. Letzten Sonntag wurde hier das J a h r e S f e ft bc-3 Tetanols Gießen iür Innere Mission ge« ieierl. ,e zahlreich versammelte Festgemeinde lauschte aufmerksam der von piarrer Roll, aus Butzbach gehalteneu Predigt, sowie den^ Mitteilungen der Pfarrer Glock aus Nieder-Ramstadl, D. schlosser aus Gießen und Groth aus Rödgen über Ausgaben und Zwecke der genannten Mission. Durch Mitwirkung der Posaunenchöre L a n g °G ö n s und G a m b a ch und des gemischten Chores jener Gemeinde, dirigiert von ihrem Leiter Boller, wurde das Fest verschönt. Die Kollekte ergab 83 Mk. 15 Pfg., die dem Krüppelheim bei Nieder-Ramstadt zugute kommen. ** Die Landwirtscbattskammer für das Großherzogtum Hessen bittet uns um Aufnahme der folgenden Mitteilung: Die dieses Jahr z u m Teil sehr u n g ü n st i g e Ernte wird es manchem Landwirt schwer machen, das zur zeitigen Aussaat seines Herbst- getreides nölige Saatgut in der Güte zu geivumeii, wie es heute verlangt werden muß. Er wird daher gerne Gelegenheit nehmen, sich bestes Saatgut aus solchen Quellen zu beschaffen, die zur Gewinnung und Herstellung von Saatgut unserer ertragsreichsten Getreidesorlen berufen und auch eingerichtet sind. Die mehrjährige Tätigkeit der S a a t b a u st e l l e ii der Landivirtschastskanmier für das Großherzogtilm Hesseii hat diese diirch die vielfachen Ersahr- ungen, unter den verschiedcnsteli Boden-- iind Witterungsverhält- iiissen in den Stand gesetzt, den Aiibail derjenigen Sorten zu be° treiben, die heute für die gegebenen Verhältnisse die ertragsreichsten silid. Es trifft dies sowohl zii für den Roggen wie für den W i n t e r w e i z e n imb die Wintergerst e. Sport. — Leichtathletik. Der Gießener Sportverein von 190 • erzielte am vergangenen Sonntag auf dem Verbandssest in München- Gladbach , wo sämtliche Verbandsmeisterschaften im Lausen, Springen und Werseii zum Aiistrag gelangten, sehr gute Erfolge. Durch sein Mitglied Hrch. Noll geivann er das 100-Meter-Junior- Laufen m der vorzüglichen Zeit von 11,3 Sekunden. Im Hoch- svrung wurde Noll mit 1,60 Meter Zweiter und im Stabhochsprung mit 3 Meter Dritter. Im Dreikampf, der aus 100-Meter-Laufen, Weitsprung und Kugelstoßen bestand, belegte Noll den 2. Platz, obgleich er un Weitsprung infolge Uebertretens keinen Punkt erzielte. Noll wird voranssichlllch auch um die deutschen Meisterschaften in Frankfurt n. 9)L starten, wo auch der Gießener Sportverein von 1900 mit seinen Stafetten Mannschaften antreten wird. LMchiMtt. Neberlar.dflug Frankfurt—Mainz—Mannheim. d. Mainz, 17. Ang. (Privattelegramm.) Der Flieger T h c c (€ n ift heute früh 554 Uhr in Begleitung v. Gorrissons als Fahrgast vom Griesheimer Sand aufgestiegen und kam um 6-6 Uhr hier in Sicht. Er flog den Rhein entlang, um unterhalb der Stadt nach dem Großen Sand abzubiegeu. Er fuhr eine schöne Schleife und flog um 63- Uhr nach Worms weiter. Am Hechts Heimer Berg wurde Theeleu durch einen Zylinderbrach gezwungen, niederzugehen. Der Zhlinder wird in Mainz ausgewechselt. Tic Flieger begaben sich nach Frankfurt zurück. Frankfurt a. M., 17. Aug. Nach dem Abflug Robert Theelens unternahm P loch mann mit seinem Gradeapparat einen Probeflug auf dem Flugplätze. Plochmann hat die Fahrt nicht angetreten. Vermutlich wird vor heute nachmittag 5 Uhr nicht mehr gestartet, für diese Zeit hat sich von M n m m zum Aufstieg gemeldet. Die genaue Startzeit von Theeleu ist 5 Uhr 54 Min. Er hat somit 32 Minuten für die Fahrt nach Mainz gebraucht. d. Mainz, 17. Llug. Thelen kehrte um 10 Uhr im Automobil von Frankfurt zurück und beauftragte die hiesige Automobil- fachschule, den Zylinder a u s z u w e ch s e l n. Im Laufe des Nachmittags wird Thelen die Weit er fahrt nach Mannheim antreten. Die französischen Ueberlandflüge. Paris, 16. Aug. Die offizielle Klassiftzierung der 5. Etappe des Circuit be L'Est: Douai-Amiens, 78 Kilometer, ist folgende: Erster: Leblanc: 1 Stunde 7 Min. 31 Sek.; Gesamtzeit: 10 Stunden 13 Min. 59 Sek. Zweiter: Alubrun: 1 Stunde 24 Min. 24 Sek.; Gesamtzeit: 11 Stunden 36 Mm. 14 Sek. Paris, 16. Aug. Bei schönem Wetter trat heute früh um 51/2 Uhr der Flugtechniker L a t h a m vom Flugfelde Jssy-les-Mou- lineaux eine Lla streife nach England tnt und hofft ohne Zwischenlandung London zu erreichen. Paris, 17. Aug. Die letzte Strecke der großen Flugfahrt, der 120 Kilometer lange Wege Amiens —Paris, wurde heute ausgefahren. Unter dem Jubel der Bevölkerung traf Leblanc um 62/4 Uhr in Paris ein, nachdem er um 5,03 Uhr aufgestiegen war. Leblanc hat mit diesem Fluge den Preis des „Matin", der 100000 Franks Petra gt, gewonnen. Der Lisenbahnunfall bei Saujon. O Paris, 16. August. Ein furchtbarer Eisenbahnunfall hat die Freude des schönen Sommersonntags gestört, der, da er unmittelbar dem Feste Mariä-Himmelfahrt vorausging, eine ivochre Auswanderung von Erholungsbedürftigen ans den großen Städten veranlaßt hatte. Das Unglück will, daß wieder, einmal das Staatsbahnnetz diesen traurigen Zwischenfall zu verzeichnen hat, wodurch die Angriffe gegen die Verstaatlichung, die jetzt auch von Anhängern dieser Reform mehrfach ausgehen, noch verschärft werden müssen. Tatsächlich läßt die Darstellung der Katastrophe auf eine große Unordnung im Dienste und einen Mangel an Disziplin schließen, wie sie bei den anderen Eisenbahngesellschaften in diesem Maße wohl kaum Vorkommen dürften. Bei der Station Saujon, der Linie von Bordeaux nach Pons, wo die Linie nach Royan abzweigt, war gegen H Uhr vormittags des Sonntags ein Güterzug cingetrossen und auf ein Nebengeleise geleitet worden. Nur die Lokomotive manövrierte, was völlig unverständlich ist, auf dem einzigen Geleise der Strecke Saujon—Royan. Plötzlich kam der überbeladene Extra zu g von Bordeaux nach Royan, der wegen der Feste abgelassen worden war, herangerast, und obgleich der Zugführer beim Anblicke der manövrierenden Lokomotive sofort Gegendampf gab, ließ sich ein furchtbarer Zusammenprall nicht vermeiden. Tie Lokomotive des Personenzuges und die ersten Wauen wurden fast aus bem Geleise gehoben, zertrümmert und niedergeworfen. Dabei waren die Wagen übereinander geschoben worden, so daß ein großer Teil der Passagiere buchstäblich platt gedrückt wurde. Trotz der Verwirrung wurden die Hilfeleistungen recht schnell organisiert, so daß die Bergungsarbeiten sofort beginnen konnten. Mit unendlicher Mühe wurden die Körper aus den zerspitterten Eisen- und Holzstücken herausgezogen, die meisten furchtbar verstümmelt. D r e i u n d d r e i ß i g Personen hatten ihr Leben bereits ausgehaucht und vier andere starben noch während der Bergungsarbeiten. Unter den Opfern befinden sich besonders zahlreiche junge Mädchen eines Lehrerinnen Seminars von Barsac, die einen Bergnügungsausflug nach Royan unternehmen wollten. Außerdem sind acht- undfiinfzig Personen größtenteils schwer verletzt worden. Nach den letzten ^Ermittelungen wird der Weichensteller zur Verantwortung gezogen werden, der allen Vorschriften zuwider die Bahn für den heranbrausenden Persvuenzug aus Bordeaux freiließ, während das eine Ende des Gütcrzugs, Lokomotive, Tender und Gepäckwogen, das Hauptgleise noch nicht verlassen hatte. Der Weichensteller Desasit versucht auch gar nicht, seine furchtbare Faffrlässrg'keit zu leugnen und ist unter der Wucht der entsetzlichen >Veranttvvrtung, die er auf sich genommen hat, buchstäblich zusammen gebrochen. Was den Zugführer betrifft, der von dem Güterzuge abgestiegen war und dessen Führung dem' .heiHer zeitweise anü er traut hatte, p wird gegen ihn nichts unternommen werden können, da sein Absteigen während des an sich unbedeutenden Manövrierens zum Zwecke des Wassereinholens durchaus nicht gegen die Reglements verstieß. Won den Verwundeten sind inzwischen noch zwei ihren entsetzlichen Verletzungen erlegen. Dcrinitcbre». * Anch ein Gedenktag! In frischer Erinnerung steht wohl noch die Feier, die das deutsche Volk int letzten Herbste am Armindentmal bei Detmold veranstaltete, um die Wiederkehr jener Tage festlich zu begehen, an denen vor 1900 Jahren unsere germanischen Vorfahren das Joch der römischen Erobercs: abschüttelten. Aber jetzt, da man allenthalben die Erinnerung an die kriegerischen Taten vor 40 Jahren wachruft, durfte der 16. August eigentlich nicht vorübergehen, ohne daß man auch cme§ andern, friedlichen Ereignisses gedächte, das sowohl mit der Varusschlacht als auch dem letzten glorreichen Kriege und seinen Folgen in innigstem Zusammenhänge steht: am 16. August 1875, also vor 35 Jahren, wurde das Armindenkuial in Gegenwart des deutschen Kaisers, des Kronprinzen und vieler deutschen. Fürsten und fürstlichen Vertreter unter Teilnahme von Abordnungen des ganzen deutschen Volkes und aller Deutschen auf Erden feierlich enthüllt. „Ernst von Bandel", der Schöpfer des Denkmals fertigte im 19. Lebensjahre die ersten Skizzen an, im ^ahre 1838 erließ er den ersten Aufruf an das deutsche Volk mit der Bitte um Spenden und um Gründungen von Denünals- vereinen zur Unterstützung seines Unternehmens. Am 9. Juli 1838 wurden die Vorarbeiten für den Unterbau begonnen, aber ^0 ungünstigen politischen Verhältnisse, die Gleühgültigkeit der großen Mehrheit des Volkes, persönliche Anfeindungen und böswillige Schikanen verschiedener Denlmalsvereine zogen die Ausführung und Vollendung des Werkes immer weiter in die Länge, bis es endlich im Juli 1875 infolge tatkräftigen Eingreifens bc» Reiches und des Kaisers fertiggeftellt werden fonntc. — Am 8. September 1841 hatte eine feierliche Grundsteinlegung ftatt- gefunden, wobei eine große Anzahl von Widmungen (Votivtafeln und dergl.) in das Grundsteingewölbe eingemauert worden waren. Dazu enthält Schmidts Schrift über E. v. Bandel folgende für Hessen bemerkenswerte Mitteilung: „Der Darmstädter Llrmin- verein hatte außer ansehnlichen Geldspenden zum Denkmalslmu — darunter eine vom Großherzog bewilligte bedeutende £5imune — Zum Einschluß bei der Grundsteinlegung in sinniger Weise il a. auch eine Flasche Rheinwasser und eine Flasche Rheinwein geschickt, um damit symbolisch anzudeuten, daß der Rhein und das Rheinland mit der Gesamtfülle seiner materiellen und geistigen Segnungen und in Hinsicht auf die patriotische Idee seines germanischen Besitzes den Manen Armins gewecht und dem Schutze seines Genius empfohlen werde. Darauf zielte auch die beigegebene, vom Oberstudienrat D. Dilthey berfaßte Inschrift: Ueber den Rhein hast Du einst Roms Legionen getrieben, Und Germanien dankt Dir, daß es heute noch ist. Schwinge auch ferner Dein Schwert, wenn Frankreichs plündernde Horden Gierig lechzend des Rheines heimische Gauen bedrohn! — Derselbe Dilthey (fährt Schmidt fort) machte — was aus dem Munde eines Veteranen der Befreiungskriege gut klang — in bezug auf das Armindenkmal einen weiteren Vorschlag, der am ganzen Rheine, vorzüglich aber bei E. M. Arendt in Bonn großen Anklang fand, nämlich: Die Anwohner des Rheins, also die Bewohner von Baden, Rheinbayem, Hessen, Nassau, Rheinpreußen und Luxemburg, sollten das von der Rechten Armins getragen« Sck)»vert, das die Rheinlande nicht durch (Eroberungen er wettern, sondern gegen ungerechte Angriffe schützen solle, an'sertigen lassen — ein wahrhaft patriotischer Vorschlag, der aber leider nicht zur Ausführung gekommen ist." niärfte. th. Gießen, 16. Aug. Der heutige Rindviehmarkt hatte einen Vorrat von etwa 1300 Stück Großvieh und 450 Imitiere und Kälber. Das drohende Ausftchrverbot für Schlachtvieh in Oesterreich-Ungarn hatte eine außergewöhnlich starke Nachfrage und damit höhere Preise als am Markt vor 14 Tagen für alle Viehgattungen gebracht. Schon gestern war eine zahlreiche Kundschaft aus Bayern, Württemberg und Baden, aus Thüringen, vom Main und Rhein, von der Mosel und Nahe am Platz, welche in den Stallungen bereits mehr wie den halben Vorrat ankaufte, so daß sich nm den Rest des Bestandes heute eine förmliche Hatz am Markt abspielte, wodurch das Geschäft sehr abgekürzt und schon gleich nach 9 Uhr zu Ende war. Die Verkäufer klagen, daß der Nutzen beim1 Viehhandel, trotz der enormen Preise, nur klein ist, weil die Viehproduzenten mit ihren Forderungen für die Tiere der Konftinktur vorauseilen, wobei die vielen Speesen und Lasten einen erheblichen Teil des Verdienstes ab- orbteren. Bezahlt wurden für das Stück Kühe frischmelkend und tragend 1. Qual. 575 bis 625 Alk. (einzelne extraschwere Stücke bis 675 Nlk.), 2. Qual. 475 bis 550 Mk., 3. Qual. 380 bis 450 Mk. Jungtiere fiir Mast und Zuchtzwecke je nach Alter, Form und Qualität 140 bis 240 Mk. Gehandelt wurde der Zentner Schlachtgewicht: Fette Rinder 1. Qual. 84 bis 86 Mk., 2. Qual. 80 bis 82 All., fette Bullen 76 bis 78 Mk., fette Kühe 1. Qual. 68 bis 73 Mk., 2. Qual. 63—66 Mk., 3. Qual. 59 bis 62 Mk. K a [ b e r 1. Qual. 88-92 Mk., 2. Qual. 79 bis 84 Mk., 3. Qual. 70 bis 75 Mk. Fette Ochsen, die sehr schwer aufzutreiben sind, werden in der Gegend m 1. Ware mit 88 bis 89 Alk., in 2. Ware mit 84 bis 86 Mk. der Zentner Schlachtgewicht gehandelt. Verantwortlich für „Aus Stadt und Land" und „Gerichtssaal" i. V.: Karl Neurath. Meteorologische Beobachtungen der Station Siehen. Aug. a rr e> ■B'ä c ~ S 5 13. 8" 750,6 21,5 12.4 66 16. 9« 751,8 15,6 11,5 87 17. 7« 752,5 11,5 9,0 89 Windrichtung Windstärke »1-5 1 COjs Wetter W 2 5 Sonnenschein W 2 6 Bew. Himmel SW 2 8 Sonnenschein I I I Höchste Temperatur am 15. bis 16. August — -p 21,8 • 3. Niedrigste , , 15. , 16. „ = + 13,8 °0. Niederschlag: — 0,0 mm. Brechdurchfälle und Sommerdiarrböeu verhüte! man am leichtesten durch die Ernübrung der Kinder mit „Kufeke", welches leicht verdaulich ist, den Magen und Darm schont und den Darmbak' tenen einen schlechten Nährboden darbietet._________________ (hv14/w iErkSärct mir, <*rat ©erindur d'esen Zwiespalt der Natur: Hochsommer,- herrliches Weiter: ,,llb bm doch erkältet wie int tiefsten Winter. Was tut man da? — Einfach genug! Sommerkatarrhe sind doch (P-dM nnr, u'chts Seltenes. Hat man sie aber, dann kauft man sich ,'W einfach eine Schachtel Fays ächte Sodener Mmeral War'. Pastillen und jagt dainit den Katarrh zum Kuckuck. Fans ächte Sodener wirken sicher und angenehm, sie machen n/Vr Schwitzkuren und andere Unbegliemlichieilen unnötig, und S,n , öc billig: 85 Pfg die Schachtel, die man in jeder Apotheke, Drogerie oder Mlneralwasserhandlung bekömmt. SsVj Kuverts mit Firma liefert billigst die Bröhl’sche Universitäts-Buch- und Stein- druckerei, Gießen, Schulstr.7