160* Jahrgang Erstes Blatt Donnerstag 13. Oktober 1910 ä VezagSpretZ. monatlich 7bPf., viertel- ▲ T A AA jährlich Mk. 3.20- durch A AA Abhole- u. Zweigstellen BI M gM f BT monatlich Pf.; durch lrr. »io Der Stetzener »njelget rscheint täglich, außer sonntags. - Beilagen: »iermal wöchentlich stehenerKanülienblStter; ivennalwöchentl.ttrelL- >latt für den Xreir Hießen Dienstag und Freitag); iveimal monatl. Land' oirlfchafttiche Seitfragen jentjprech - Anschlüsse: iir die Redaktion 113, Üerlag u. Expedition 51 Übrefit für Depeschen Anzeiger Gieße». rKriiri /■ iiiriiiri v IIVIIV L w 111V lUVV ÄßfWKIS: ■ B ■ ^lr " ▼ ÄB Chefredakteur: A Goetz. M D M Verantwortlich für den —« w _ e < politischen Teil: August Seneml-Anzelger fur Gberhessen -tzM « iÄFTuJJ Botafionsörnct mtb Verlag der vrühl'schen Unlo.-Vuch- und Steindruckerei TL Lange. Redaktion. Lrpedition und Vrnckerel: Schulftrahe 7. Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten. Der Lisenbahn-Ausstand in Frankreich. O Paris. 11. Ott. Der Eisenbahn-Ausstand Tonnte, bis diese Zeilen ver- fsentlicht tverden, bereits ans sämtliche srcrnKösischen Netze öergegriffen haben, da unheimliche Drohungen dieser Art ie Stadt durchschwirren. Aus dem Nordbahn-Netze ist *"den- ills schon der Verkehr so gut wie ganz eingestellt. "Der iordbahnhof wurde am Nachmittag, nachdem er bereits orher größtenteils abgesperrt worden war, ganz ac- Hlossen, weil der Zudrang einen kolossalen Umfang annahm nd besonders, weil die Züge weder einlaufen noch ab- chren konnten. Mit Not und Mühe konnten einige wenige auptsächlich für die Bannmeile in Betrieb gesetzt werden, hne daß die Gesellschaft die Verpflichtung zu übernehmen ermochte, daß sie auch ihr Ziel erreichen würden. Und so eginnt es unter den zahlreichen Bewohnern der Bann- teile, die in Paris beschäftigt sind, gewaltig zu gären. Das sentral-Komitee für den Ausstand dürfte deshalb mit seinem wfrufe an Arbeiter und Angestellte, den Streikenden ihre Sympathie zu zeigen, kaum Glück haben. Was die maßlosen lussälle dieses überall angeschlagenen Schriftstückes gegen ie Regierung, das Parlament und die Bourgeois betrifft, o mutz sein unverhüllt revolutionärer Ton den widerstand aller herausfordern. Das ist kein Ruf mehr n die Solidarität der Werktätigen, sondern eine Heraus- orderung zum gernaltsamen Umstürze. Deshalb hat die iegierung ihren Maßregeln sofort die nötige Energie gerben. Ministerpräsident Briand stand deshalb nicht an, em Streikausbrüche einen mehr politischen und revolu- ionären, als Berufscharakter zuzuschreiben. Zunächst wird as „Journal Officiel" ein Dekret veröffentlichen, dem- usolgc die Eisenbahnen militärisch organisiert werden. Der ereits längst im Hinblicke auf einen Streik vorgesehene Zlan für den Po st di en st wurde gleich am .Dienstag norgen zur Ausführung gebracht und sind nähere ein- ,ehende Bestimmungen zwischen dem Minister des Innern ind dem der Arbeiten vereinbart worden. Es sind auch ie umsassendsten Maßregeln zur Sicherung der Verprovian- ierung von Paris ergriffen worden. Unter den Eisenbahn- Angestellten wirken die revolutionären Aufhetzungen in be- -enklichster Weise, so daß man auf die schlimmsten Heber- ''chunger vorbereitet ist. Es wird ganz offen erklärt, >aß man der militärischen Einberufung nicht Folge leisten -erde, weil sie gesetzlich nicht begründet sei. Bemerkenswert ist, daß fast sämtliche Telegraphen-und Dele- - Hon-Verbindungen des Nordbahnnetzes durch- ch n i t t e n wurden. Es ist begreiflich, daß bei dieser jähen md gefährlichen Unterbrechung eines der wichtigsten Lebens- »rgane der Nation die Beschwerden gegen die „zu nach- stebige" Politik der letzten Jahre sehr heftig werden. Das ,Journal des Debats" weist sehr ausführlich nach, iaß in allen anderen Kulturländern die strengsten Bestim- nungen gegen willkürliche Unterbrechungen des Eisenbahn- üensles bestehen, während in Frankreich gar nichts daaegen zetan wird. Der „Temps" seinerseits greift in heftigen Ausdrücken das den Eisenbahnern gewährte Streikrecht an unb hält der Regierung und dem Parlament vor, daß sie geradezu eine moralische Bürgschaft dafür übernommen hätten, ein solcher Streik würde nre ausbrechen. Er verlangt dann die Anwendung der Bestimmungen des Strafgesetzbuches für die Attentate gegen die Sicherheit des Staates und schließt: „Wer könnte leugnen, baß solche Vorgänge wegen des all- gemeinen Charakters der Bewegungen selbst mit) wegen ihrer politischen und revolutionären Färbung wahre Attentate gegen die Nation bedeuten? Man darf nicht die Arme kreuzen und sich darauf beschränken, die materielle Ordnung zu sichern. Man muß handeln, kräftig handeln." Die Befürchtung unseres Pariser Mitarbeiters, der Ausstand werde einen großen Umfang annehmen, wird durch die neuesten Meldungen bestätigt. Wir erhielten folgende Drahtnachrichten: Die Ausdehnung des Ausstandes. Paris, 12. Okt. Achttausend Angestellte der ft a a t l i ch e u W e stb a hn g e s e l l s cha f t entschieden sich in der gestrigen Abendversammlung für den Generalstreik bis zur vollständigen Befriedigung ihrer Forderungen. Es wurde beschlossen, auch bei ihren noch in Dienst befindlichen Kameraden dahin zu wirken, daß sie ebenfalls im Stadtgebiet die Arbeit' einstellen. Man rechnet auf Unterstützung auch in der P r o- in$et Ausschuß des Syndikats der städtischen Untergrundbahn-Angestellten hat für heute abend eine Versammlung einberufen, um über die „gegenwärtigen Ereignisse" zu beraten. Man befürchtet, daß in dieser Versammlung der Anschluß an den Eisenbahnerstreik beschlossen wird. Tie Versammlung der Eisenbahnbedien steten des östlichen Schienennetzes beschloß heute mittag gleichfalls, in den Streik einzutreten. Nach den Feststellungen des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten erfolgte am Bahnhof Mont Parnasse keine Arbeitseinstellung. In den Werkstätten von Batign olles fehlt kein Arbeiter. Der Dienstbetrieb im Bahnhof des Invalides ist normal. Der Postverkehr im Nordbezirk war gesichert; Automobile waren nach Bedarf eingestellt. Der telegraphisch Verkehr ist wiederhergeftellt. Der Ausstand auf der staatlichen O st b a h n sch in auf das MeichbildderSkadtbeschränkt zu sein; nrchlsdestoweuiger verließen mchrece Maschinisten und Heizer der großen Linien den Dienst. Mehrere Beamte, welche aufgefordert waren, den Dienst wieder aufzunehmen, rveigerten sich, dies zu tun. Heute nachmittag IV2 Uhr verließen alle Heizer den JN- validenbahnhof. Der Zugverkehr ist infolgedessen eingestellt, der Bahnhof geschlossen. Auch auf dem Bahnhof St. Lazare ist der Zugverkehr eingestellt. Die Telegraphen- und Telephonlinien sind durchschnitten. Der Jnvalidenbahw- hof und der Bahnhof St. Lazare gebären zum Netze der staatlichen Weftbahn. Die Nordbahngesellschaft hat ungefähr 3 0 Bell m t e entlassen. Paris, 12 Oct. Der Streikführer Patand unterbreitete heute dem Seinepräfekten die bereits vor zwei Monaten formulierten Forderungen der Elektrizitätsarbei- t c r in Form eines Ultimatums. Ausschreitungen der Ausständigen. Paris, 12. Okt. Auch heute werden wieder verschiedene „Sab 0 tage"-Akte gemeldet. In der Nähe der belgischen Grenze sollen auf eine Strecke von zweihundert Metern die Schienen herausgerissen worden sein. Bei den Eisenwerken von Mentataire an der Nordbahn wurden fünfzig Telegraphen-und zwei Sianaldrähte zerschnitten. In Ereil wurde ein Heizer verhaftet, Der seine Lokomotive auf der Fahrt verließ und aus der Strecke stehen ließ. Zahlreiche Fremde haben angesichts des drohenden Gesamtausstandes ihre Abreise beschleunigt. Zwei transatlantische Züge, die erst heute nach Havre abgehen follten, wurden vom Htaatsbahnhof St. Lazare bereits gestern abend 9 Uhr 20 abgelassen. Im Bahnhof von Colombes wurden heute vormittag mehrere von Lisieux, Havre unb Nantes ankommende Züge von Ausständigen an der Weiterfahrt verhindert. Als ein Lokomotivführer sich weigerte, seine Maschine zu verlassen, wurde er von den Streikenden mit Revolvern bedroht. Die Lokomotive wurde sodann quer über das Meis gestellt, so daß der Verkehr unmöglich mürbe. In St. Quentin wutben zwei Lokomotiven in verbrecherischer Weise gegeneinander in Fahrt gesetzt. Die Maschinen stießen zusammen; einiger Schaden wurde angerichtet. Die Maßregeln gegen den AuSstanb. Paris, 12. Okt. Ministerpräsident Briand kam mit dem Verkehrsminister und dem Kriegsminister überein, daß tmrd) die Ausdehnung der Ausstandsbewegnng noch eine Reihe weiterer Maßnahmen erforderlich geworden ist. Ferner hatte der Ministerpräsident mit dem Justizminister, dem Oberstaatsanwalt, dem Staatsanwalt und dem Ches der Kriminalpolizei eine Besprechung, um vom allgemeinen Gesichtspunkte aus die Frag« der Verantwortlichkeiten für den Ausstand zu prüfen. Tie Maßregeln, die sich aus dieser Prüfung ergeben haben, such getroffen worden. Das „Amtsblatt" wird morgen einen Erlaß veröffentlichen, durch welchen vom 14. Oktober an die Beamten allerBah - neu, ausgenommen der Südbahn, soweit sie wehrpslicl-tig such, auf 21 Tage zum Militär einberufen werden. Für die Ueberwachung der Nordb ahn-Linien werden gegenwärtig 1500 Mann verwendet, die unter den Befehl eines Brigadegenerals gestellt wurden. Das M in i st e r i u m d e r öffentlichen Arbeiten, das um Mitternacht von beut Ausstandsbeschluß der West bahn-Bedien st eien benachrichtigt worden war, hat Maßnahmen getroffen, um den Verkehr, ioeiut auch in sehr beschränktem Maße, aufrecht erhalten zu können. Für die Elektrizitätsftation der Westbahn wurden 4 6 Gen i e s 0 lda - ten requiriert. Die telegraphischen Verbindungen zwischen Versailles unb dem St. Lazare-Bahnhof sind unterbrochen. Privatunternehmer haben einen Au tomobilv er< kehr nach den Großstädten Ost- unb Westfrankreichs eingerichtet, doch wird er wegen der übermäßigen Preise nur wenig in Anspruch genommen. Ein Amerikaner zahlte einem Automobilchauffeur für die Fahick von Boulogne fur Mer 3000 Franks. Eine der Fragen, welche die Regierung gegenwärtig am meisten beschäftigt, ist die der Verproviantierung von Paris, Es heißt, daß hierzu vor allem die W a s s e r w e g e benutzt werdet sollen, und daß die Schiffahrtsbehörden mit dem Kriegsministerium zu diesem Behufe bereits einen detaillierten Plan ans gearbeitet haben. An der Börse, welche in einer auffallend festen Stimmung; war, war bas Gerücht verbreitet, die Negierung habe bch den Bahngesellschaften durchgesetzt, baß sie die L ö h n e i h r er Bediensteten erhöhen. Dafür seien die Gesellfthasten zur Erhöhung ihrer Transporttarife ermächtigt worden. Ter Präsident der Republik hat infolge des Eisenbahn erstteiks seinen Ferienaufenthalt auf seinem Landgute Loui- pillon abgebrochen unb ist gestern abenb mittelst Sonberzuges von Borbeaux nach Paris abgereift, wo er heute eintrifft. Einzelne Lebensrnittel, namentlich Eier, NLÜch mch Butter haben toeiter eine Preissteigerung von etwa 20 Prvz. erfahren. In ber Bevölkerung gibt sich auch in dieser Hinsicht lebhafte Beunruhigung kund unb die großen Geschäft« sinb mit Kunben überfüllt, welche süh für längere Zeit mit Nahrungsmitteln versorgen wollen. Eine Rede des Ministerpräsidenten. Paris, 12. Okt. Gestern abend sand ein Ban^ fett des republikanischen Komitees für Han-, Die Senioren der Berliner Universität. Professor D. Adolf H a rnack veröffentlicht im „Tag^^ einen interessanten Aufsatz über die Aeltesten der Berliner Universität, dem wir folgende Ausführungen entnehmen: In den Tagen der Jubelfeier unserer Universität schauen mir vor allem rückwärts auf die Anfänge der Hochschule. Die Kette großer Gelehrter und wahrhaft verehrungswürdiger Männer ist an unserer Universität niemals abgerissen, auf welche ^atultät wir auch schauen mögen. Wie viele Namen wären hier zu nennen von Neanber. Johannes Müller, Boeckh iinb Hegel an bis zu Gneist, Treitschke, Virchow, Helmholtz, Curttus und Mommsen! * Von diesen unvergeßlichen Männern aber richtet sich unser Blick auf die Gelehrten, die zurzett die Träger der Ueberliese- rung unter uns sind, nämlich auf die gegenwärtigen Senioren ber Universität. In ihnen ist für uns die Vergangenheit noch lebendig; aber nicht nur deshalb verehren wir sie, sondern auch um dessentwillen, was sie unserer Hochschule geleistet haben, und so mögen sie es sich gefallen lassen, daß Üy den zahlreichen Äedenkblättern, die in diesen Tagen erscheinen, ein frisa>es Blcht hinzufüge, welches den Lebenden unter uns gilt, die zwei Zeitaltern angehören. Der Alterssenior der Universität an ihrem Jübeltage ist der Professor der Theologie Dr. Bernhard Weiß. Er hat in diesem Sommer fein 83. Lebensiahr vollendet, aber et setzt noch letzt die akademische Lehrtätigkett fort, die er im Jahre 1852 in Königsberg begonnen hat, und auch als Schriftsteller wirkt er mit ungeschwäclster Kraft. Sein wissenschaftliches Arbeitsfeld ist das neue Testament. Mit zwei der wichtigsten Erkenntnisse auf diesem Gebiete ist sein Name für immer v«rknüpft: er vor allem bat der Einsicht zum Siege verholfen, daß das Evangelium des Markus das älteste Evangelium ist und den anderen zugrunde liegt, daß aber von Matthäus unb Lukas eine noch ältere Quelle benutzt worden ist, die sich in ihren Grundzügen aus diesen Evangelien noch ermitteln läßt. An unserer Universität wirkt Professor Weiß seit dem Jahre 1876; aber die Hochschule hat einen Kollegen in ihrer Mitte, dec ihr bereits 52 Jahre angehört, also als Berliner Dozeitt ihr Senior ist — den Astronomen Wilhelm Förster. Am 22. Mai 1858 hat sich Förster habilitiert unb ist seitdem ununterbrochen bei uns geblieben -— im Jahre 1858, d. h. zwei >zahre vor dem fünfzigiährigen Jubiläum der Universität, ein Jahr vor Alexander 0 Humboldts Tode, als von den ersten Lehrern ber Hochschule noch Boeckh, v. Raumer und Bekker tätig waren! So verbindet Förster in seiner Person die Gründungszeit der Universität mit der Gegenwart! Der junge Pnvatdozent, dem er heute die Hand schüttelt, soll wissen, daß diese Hand schon in ber Alexander v. Humboldts unb Boeckhs geruht hat ! Die Universitäten zählen nicht die Lebensiabre du Professoren, sondern vor ihnen die Dienstjahre. Der Aellefte als I Ordinarius unter uns und als solcher ber Senior ist nicht Weiß, auch nicht Förster, sonbern der llassische Philologe Johannes | Bahlen. Wett über fünfzig Jahre ist es her, seitdem ihm in jungen Jahren eine ordentliche Professur übertragen worden ist, und er ist, wenn ich nicht irre, jetzt der älteste aktive Ordinarius in Deutschland überhaupt. Soeben haben wir seinen 80. Geburtstag gefeiert, aber wer seinen Geburtsschein nicht kennt, könnte meinen, es wäre fcie Feier des sechzigsten gewesen. Von Wien ist er zu uns gekommen, wo er eine der größten wissenschaftlichen Unternehmungen der Gegenwart^ie Herausgabe der Werke der lateinischen Kirchenväter, begründet unb in die Wege geleitet hatte. Wahlen ist seit dem Jahre 1874 der nnsrige; aber die Universität hat einen Kollegen in ihrer Mitte, der sck>on seit dem Jahre 1870 dem akademischen Senat in Berlin angehört unb daher der älteste Ordinarius der Berliner Anciennität nach ist — Adolf Wagner. Wer eine Umfrage halten wollte, welcher Professor der Berliner Universität heute der populärste sei, würde die einstimmige Antwort erhalten: Adolf Wagner. Er hat sich um unsere ganze soziale Gesetzgebung die größten^ unvergänglichen Verdienste erworben. Zu ihr hat er aufgerufen in einer Zett, da uh ein Prediger in der Wüste war; aber er durfte es aß Regierung und Parlament ihm folgten. Die soziale t stets innegehalten, indem er einen Kampf nach zwei rte. In diesem Kamps hat er Freund und Feind oft l ’enn er wie Bileam segnete, während man seinen F. te, unb umgekehrt. Diese Paradoxie seiner Haltung Iteu in seiner freudigen Kampfeslust begründet; sie hat ieln. Dieser Sieger ist der geborene Anwalt jeder Min. ’ er nur irgend etwas Berechtigtes in ihr zu entbei und jeder Erkenntnis, wenn sie ihm mißachtet er wendet sich augenblicklich gegen seine eigene Meinuu . ihm von anderer Sette entgegengetragm wird und die igen fehlen, deren Notwendigkeit ihm gerade in solchen aufleuchtet! — In dieser Weise hat dieser Kämpfer s 'n geschlagen, immer zum Schutz der Unterdrückten, a ..er geleitet von dem obersten Grundsatz, daß das Wohl l Vaterlands, des ganzen Deutschlands, über alles geht unb auch bas Maß ber sozialen Fürsorge nach ihm bestimmt werden muß. Die zeier der Universität Berlin. $3 erlitt, 11. Okt. Die heutige zweite Festsitzuttg in der neuen Aula der Universität wurde eingeleitet durch den unter Fanfaren erfolgten Einzug der Professoren und die Begrüßung ber Prinzen Rupprecht von Bayern unb August Wilhelm. Darauf hielt Professor Max Lenz einen ein- stündigen Vortrag über die Geschichte der Universität Berlin, Nach der Festrede wurden die Ehr eupromotion e& verkündet. Die juristische Fakultät hat u. a. zil Ehrendoktoren ernannt: den Kaiser, den Prinzen Rupprecht von Bayern. In seiner Rede bemerkte der Dekan ber juristischen FakultätzurVerleihungberWürdeeinesEhre^ d 0 ktors an den Kais er: Daß Se. Maiestät der Kaiser, die Würbe eines Doktors beider Rechte in Gnaden anzunehmen geruht haben, betrachten wir mit ehrerbietigem Dank als eine ber ganzen Universität erwiesene Auszeichnung unb Ehre. — Der Dekan schritt sodann zur Verkündigung weiterer Ehrenpromotionen und fuhr fort. Ich beginne mit dem edlen Sproß eines erlauchten Hauses und dem künftigen Erben seiner Krone, Se. königlichen Hoheit Prinz Rupprecht von Bayern. Zwanzig Jahre sind es her, daß er selbst als studiosus juris an der Berliner Universität immatrikuliert war; der erlauchte Kommckitone hat unb die Ehre und die Freude erwiesen, bei unserer heutigen Feier anweseud zu sein unb damit bezeugt, daß er jener Zett stets eingedenk blieb und daß sein Aufenthalt an unserer Alma mater ein ständiges Gemeinschaftsband mit uns geknüpft hat. Unsere Ehrenpromotion sei die Beurkundung ber unauslöschlichen Einheit vo n Süd und Nord im Deutschen Vaterlonde unb des g e-, m einsamen Geistes, der alle deutschen Stämme durchdringt. Das Ehrendiplom für den Kaiser schließt folgendermaßen: imperatorum germanorum borussi ea regem Guillelmum II., der 22 Jahre lanp mit erhabener Kraft das Steuer des Reiches geführt, ber durch eine große Gesetzgebung weise unb gerecht für das Heil Deutschlands unb Preußens gewirkt, unter dessen Regierung das heißersehnte Bürgerliche Gesetzbuch nach Jahrhunderte langem Mühen ins Leben gerufen ist docterem cereo rectum renuncte renunceatun proclame. Darauf erfolgte bann die Verlesung der übrigen Ehren-. Promotionen, aus denen wir folgende erwähnen: ben Unterftaatä- sekretär im Kultusministerium, Schwartzkopf und Oberbürgermeister Kirschner-Berlin Die Professoren Schrader-« Breslau, Hirschfeld-Berlin, S e r i n g - Berlin, Generaldirektor des preußischen Staatsarchivs Keser, ben wüitttembergi- schen Staatsminister von Schmidlin, den Direktor im Reichs- justizamt Muegel, den Reichsgerichtsrat Strecker-Leipzig, den Senatspräsidenten bes Kammergerichtes Schapers, bat Senatspräfibenten am Oberverwaltungsgericht Genzmer. Die theologische Fakultät ben Kultusminister von Trott zu Solz, Ministerichbirekchr im Kultusministerium. Naumann, sowie den Oberkonsistorialrat L a h u s e n, Bürgermeister Burchard - Hamburg, die Professoren von W i l l a m 0 -> io 16-2)10eilenborf, Schiel-Tübingen, Niehergall-Heidel- ZT< "c. r -utHiuiu/unu VCL Vl/LCJl4H.UmDlL0n . /öen drespottelnd. eMenge, utbtm sie ifpr den Phtto^ r s, äer des Im Kaiser D ei- cüßung n), ant= ophischen rifall und chast. Mit Finken- berg, Diele- Breslau, Lehmann-Köttingen, Wirklicher Ober- konsistorialrat ,M o e l l e r. Die medizinische Fakultät: den Oberpräsidenten Freiherrn v. Rhcinbabcn, den Vizezeremonienmeister von dem Knesebeck, den Maler Professor Hans Thoma-Karlsruhe, den Musiker Professor Max R e a e r - Leipzig und den Schriftsteller Wilhelm Raabe-Braunschweig, die Professoren Buchner-Breslau, Stumpf-Berlin, Kahl-Berlin, der Präsident des Reichsversicherungsamtes Kaufmann Die philosophische Fakultät: Reichskanzler von Bethmann-Hollweg, Staatssekretär Dr. Delbrück Generaloberst Graf v.on Schliessen, Reichstagspräsident Graf von Schwerin, Geheimrat Rathenau, James Simon die Pros. Guerke-Berlin, Ziehen-Berlin, Cosima Wagner- Bayreuth, Prof. Gras Kalckreuth, Pros. Tauaillon- Berlm, Geh. Oberfinanzrat Schwarz- Berlin, Engelbert Humperdinck, Geh. Baurat Thür, Berthold Bern, früher Direktor der Kaiser-Wilhelm-Akademie, Prof. Querno-Paris, Eli er y-Haie, Direktor des Observatoriums auf dem Wilson- berg in Kalifornien, Prof. Bailey Willis-Chicago, Prof Chuguet-Paris, Prof. Jackson Canterbury, Pros Lei l k e O n n a s - Leyden, Prof. Alexander d' A n c o n a - Pisa, Ennl Boutroux-Paris, Lazarus Fleischer, Direktor des Naturwissenschaftlichen Museums in London, Björn Lolland H a n - sen, Direktor der biologischen Station zu Bergen, Pros. Per- xrn-Paris, Prof. Emil Picard-Paris. Die Promotion des Reichskanzlers. Deutsches Reich. Die Berliner Blätter veröffentlichen einen Aufruf des Hansabundes zürn Zwecke der Unterstützung de* Wahlsonds. Zu einem politischen Ereignis. Der Mirristerpräsident erklärte, er glaube, immer das Vertrauen der Republikaner verdient zu haben, suf die er in den gegenwärtigen schwierigen Zeiten und am Vorabend des Wiederzusainmentritts des Parlamentes müsse zählen können. Er sei Republikaner und die Politik der Regierung beruhe auf wahrhaft republikanischen Grundsätzen. Daher werde er nicht gestatten, daß man ihn zur Mochten dränge, vielmehr werde er an dem Tage sein Amt Trieb erlegen, an dem seine Freunde sich von ihm trennen sollten. Er habe niemals davon gesprochen, daß die Republikaner die Waffen niederlegen sollten; dies würde auch töricht fein, da den Gegnern die Waffen verblieben. Briand erklärte, er brauche hinsichtlich seines Verhältnisses Mischen Kirche und Staat feinen Freunden keine Sicherheiten zu geben, alle Handlungen seines politischen Lebens seien auf die Wahrung der Rechte des Staates gegenüber der Kirche gerichtet gewesen, er versichere dem Parlament und dem Lande, tue Regierung werde uner- schütterlich auf diesem Standpunkte verharren. Wir haben je$t, so fuhr Briand fort, ein neues Werk zu vollenden, zunächst die Wahlrefvrm, sodann das Beamtenstatut, die D^entralisation der Justizverwaltung, die Steuerreform auf der Grundlage der Gleichheit und Gerechtigkeit. Sie müssen den Arbeitern Mittel an die Hand geben, aus dieser fieberhaften, gefährlichen Erregung herauszukommen, die das Land jeden Augenblick in Angst versetzt und die Regierung im Interesse ihrer Autorität zu Maßregeln treibt, die ihr so schmerzlich sind, daß nur die stärksten Gewissens- gründe sie dazu bestimmen können. Sie müssen ferner den Syndikaten die Rechtsstellung der juristischen Persönlichkeit geben, das alles müssen sie tun. Sie bringen ihre Zeit damit hin, die Regierung zu verdächtigen, ich für meine Person bewahre mein Vertrauen zur Republik. Der Redner schloß mit einem Hoch auf eine republikanische Regierung des Fortschrittes, der Ordnung, der Sicherheit, der Gerechtigkeit, sowie der Freiheit für alle. (Beifall.) Der Ministerpräsident erllärte mehreren Vertretern der Presse: Heer und Flotte. Berlin, 12. Okt. Heute vormittag wurde in der Jnva- Irdenkrrche eine Trauerfeier für den verstorbenen frühe- V 69 * 5 c K.1*” n Berdy abgehalten, der sich die Benetzung anschloß. Die Beteiligung war sehr groß Unter anberen waren anwesend: Der Kommandant des Kaiserlichen Hauptauartieres, Generaloberst von Messen, der Krieg sminister. Staatssekretär von Tirpitz, der Gouverneuer von Berlin, General von Kessel, der Kommandat von Berlin, von Bvehu und der kommandierende General von Loewenfeld Aus Hessen. Der hessischen Zweiten Kammer ist eine Regierungsvorlage zugegangen betreffend Verkauf des dem SanlT .enei9entuni des Großh. Hauses gehörigen Hofguts Boxheimer Hof in der Gemarkung Bürstadt. Die Regierung v _ In die Ernennung des Reichskanzlers zum Ehrendoktop xnupfte der Dekan folgende interessante Ausführungen: Volksmeinung und Parteikritik haben den ersten Beamten des Reichs als den Philosophen auf dem Ministersessel bezeich- net sHetterkett.) Wir haben das Scherzwott ernst gemacht Die philowphische Ueberlegenheit, Tagesmeinungen und Ma- iontdten_ nach ihrem Werte zu schätzen, geziemt dem Mann, der berufen i|t, das Vaterland Goethes und Wilhelm v. Hom- boldts politisch zu leiten. Es ist Herrn v. Bethmann Holl weg nicht vergessen, wie er, stets ein hochgebildeter und selb- Üändiger Redner vor wenigen Jahren den ersten internattonalen Hlswrlkerkongreß auf deutscheni Boden mit Watten eines wissenschaftlichen Geistes begrüßte, die aus diesem Munde besonderen Einruck machten. Wir ehren den alten Zögling unserer Hochschule, den Enkel eines unserer ausge zeichnetlten Rechtslehrer, den Förderer unserer Arbeiten der Staatssekretär des Innern Mittel des Reichs für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung gestellt hat, und freudig er öltenen wir mit dem Kanzler des Reichs den philosophischen Ehrendoktorreigen. 'Stürmischer Beifall.- \ V T e n b 10 m t är b c n Reichskanzler ent bei und Industrie statt, an dem etwa 2500 Personen teilnahmen, unter ihnen die meisten Minister; das Bankett wurde durch die Rede des Ministerpräsidenten Briand Aus Stadt und Land. Gießen, 13. Oktober 1910. T a g e s k a l e n d e r für Donnerstag, 13. Okt.: Vortrag deS Kauim. und des Ortsgewerbevereins. Hauvtmann Härte l-Vetpxig J'n Firnenglanz des Ober-Engadin. Abends 81/, Uhr in der Reuen Universitäts-Aula. e •• In Audienz empfangen wurde vom Groß- Herzog gestern u. a. der frühere Direktor deS städtischen Gas- und Wasserwerks Bergen von Gießen. "Veränderungen im 18. ArmeekorpS. v.Tümp- ling, Oberlt. im 2. Großh. Hess. Feld-Art.-Regt. Nr. 61, vom 19. d. M. ab bis auf weiteres zur Dienstleistung beim NeichS-Kolonialamt kommandiert. — Herwig, Oberzahlmstr. vom 1. Nass. Feld-Art.-Regt. Nr. 27 Oranien, bei feinem Ausscheiden aus dem Dienst mit Pension der Charakter alS Rechnungsrat verliehen. Lehrerpersonalien. Ueb ertrag en wurde dem Lehrer Theodor Zimmermann zu Wald-Amorbach eine Lehrerstelle an der evang. Schule zu Lampertheim. " Fenster zu! Ein Wirt in der Bahnhofstraße hatte m den letzten Tagen ein nach dem Hofe führendes Fenster nachts offen gelassen. Diesen Umstand benutzte ein Dieb und stieg ein. Er erbrach die Kasse am Buffett und leerte sie gründlich auS. "Ertappt. Ein Agent aus Großen-Linden hielt 'ich gestern mittag zwischen 12 und 2 Uhr als einziger Gast längere Zeit in einer Wirtschaft in der Kaiser-Allee auf. Hier ivurde er vom Dienstmädchen überrascht, als er sich hinter der Theke an der Kasse zu schaffen machte. Es fehlten auch 7 Mk. in der Kasse. Er wurde festgenommen und eine alsbaldige Durchsuchung seiner Wohnung ergab, daß er im Besitz einer Pattie Zigarren war, die jedenfalls aus einem Diebstahl herrühren. Gegen den Mann schwebt auch noch ein Verfahren, weil er in Bieber in einer Wirt- ^af**aU§ bcc cin Zehnmarkstück entwendet haben soll. Falschmünzer. Vor einigen Tagen machten !vir daians aufmerksam, baß falsche Zweimarkstücke in Umlauf aebraerjt wer den, die von den echten nur durch ihre schwärzere Farbe und schlechten Klang zu unterscheiden suid. Heute wird uns mügeteilt, daß in einem Zigarrengeschäft Die neue Regierung in Portugal. Lissabon, 12. Okt. Die Regierung beabsichtigt einen Erlaß über die Einführung der allgemeinen Wehripflicht. Die Zivilbehörden nehmen Besitz von den Ge- «bäuden der Kongregationen; sie nehmen Inti e n t a r auf und legen dann die Siegel an. Die monarchi- sttscken Zeitungen erscheinen wieder; ihre Sprache ist gest mäßigt. Einige anerkennen die Republik. Gegen den Neri- lalen Parteiführer Tourenes Maltes ist ein Haftbefehl ergangen. Die Polizei und die Muniz'ip algard e tvurde nach den alten Grundsätzen neu gebildet Zahlreiche Munizipalgardisten, die bei der Revolution das Königsturn verteidigt hatten, wurden wieder eingestellt. Die höheren Offizierstellen der auf dem Tajo liegenden Kriegsschiffe wurden neu besetzt. sopheu auf dem Ministersessel nennt, einen damit gegen ihren -Sillen anerfennt als des höchsten Amtes beson- ut ^xexn Staate, der seine ^aft in der rech- hS fr1!“ Bürger suchend, auf Veranlassung des Philosophen Wühelm Humboldt, eingedenk seiner Pflicht diese Universttät gegründet hat. ber BekanMgabe der Ehrenpromotionen der juristischen Fakultät verttindete der Dekan: Beschlossen war zur Zett, chs er noch tm Amte war, die Promotion des tatkräftigen Reorqani- ^ranIeraCr^b-Än Kolomalpolitik, des ehemaligen Staats- lekretars des Reichskolonialamtes, Bernhard Dernburg- eine andere Fakultät ist uns mit dieser Ehrung zu vorgekommen. Der Festkommers. Es handelt sich nicht um einen Ausstand im gesetzlichen ©inne des Wortes. Die Umstände, unter denen die Bewegung vor- bereütt wurde und die Sttafhandlungen, welche dieselben verzeichnen, zeigen, daß sich die Regierung eines verbrecherischen UnternehmensvollGewalttätigkeit, Unordnung und Sabotage gegenüber befindet. Diese Bewegung fei eine rein aufrührerische und vollständig dem Eisenbahnpersonal selbst entglitten, welches zu spät einsehen werde, daß man es den schlimmsten Ausschreitungen entgegentreibt. Der Ausstand sei ohne jeden Grund ausgebrochen nach einer Unten redung, welcher die 93errietet der Heizer und Lokomotivführer sowie des Eisenbahnersyndikates mit mir und dem Minister der Ceffentlüten Arbeiten batten. In dieser Unterredung ist vereinbart woroen, daß die Syndikats gruppe mir ihre Forderungen sämtlich bezüglich der Lohnerhöhung in eingehender Weise darlegen sollten. Ich hatte, mich verpflichtet, diese Forderungen den Direktoren der Bal)ngesellschasi?en zu übermitteln, damit ich auf Grund ihrer Antwort eine gütliche Unterredung zwischen den Vettrttem der Eisenbahn imd der Eisenbahnbediensteten vermit. tdn könnte, die gewiß zu einem Ergebnis geführt hätte. Schon vorher war der Minister der Oeffenttichen Arbeiten und ich bei den Eisenbahndirektoren dafür eingerieten, daß dem Personal alle berechtigten Verbesserungen bewilligt würden. Die Oft-, Nord-, Orleans- und Paris—Lion-Mittelmeerbahn hatten bereits in einzelnen Punkten den Forderungen der Eisenbahner Reck>nnng getragen. Speziell in der Frage der rütfroirfenben Kraft der Ruhegehälter hatten sich die Bettreter des Bahnpersonals von dem Vorgehen des Ministers der Oeffenttichen Arbeüen für befriedigt erflärt. So war der Stand der Dinge, als plötzlich der Streik verchndtt wurde und sofott die schlimme Wendung annahm. Ich wiederhole, die Regierung beftndet sich nicht einem Streif, sondern einem verbrecherischen Unternehmen gegenüber. Die Rebellion der HeereSpflichtigen. Paris, 12. Okt. Eine stark besuchte Versammlung der Eisenbahner in der Arbeiterbörse faßte eine Widerspruchsentschließung gegen die militärische Einberufung der Eisenbahner und beschloß, diesem Befehl nicht zu gehorchen. Wien, 12. Okt. Heute nachmittag fand die konstittiie- rende Sitzung der beiden Delegationen ftatt. Rach der Konstituierung der D Negation erklärte Genf B a t t h y a n yi namens der Unet worden: „Auf das Rathaus gehött keine Politik." Diese Ansicht ist insofern richtig, als weder eine freisinnige, noch national liberale, noch deutsch- oder christlich-soziale, kurz eine spezielle Parteipolitik? auf das Rathaus gehött. Es darf allerdings nicht verschwiegen werden, daß es bürgerliche Kreise gibt, die sogar in unseren! Laudorten ihre Patteipolitik bei Aufstellung der Kandidaten in den Vordergrund stellen, wie z. B. ein Artikel im Gieß. Alnz. vor einigen Tagen beyigL der Gemernderatswahl in Taubringvn Leigt. Ich billige daS wicht. Die Politik wird also bei uns nicht von) den bürgerlichen Patteien und sonstigen Körperschaften in den kommunalen Wahlkampf und auf das Rathaus getragen, sondern von der Sozialdemokratie. Gegen ihre Politik muß sich daher das gesamte „Bürgertum" zusammenschließen, es muß also Politik gegenüber der Sozialdemokratie treiben, eine „bürgerliche", und zwar in zielbewußter, energischer Form. Der Hinweis auf Offenbach müßte schon genügen. Indessen zum Beweise dafür daß die Sozialdemokratie die Politik auf das Rathaus trägt, wenige Ausführungen sozialdemokratischer Veröffentlichungen: 1 „Vor allem aber dürfen wir 1 n der Gemeinde- arbeit die großen Grundgedanken unserer Partei nie vergessen. Wir müssen uns in der Gemeinde- vettretung und in deren Verhandlungen immer bewußt sein, daß wir Sozialdemokraten sind und die Pflicht haben, auch an dieser Stelle nach den Grundsätzen! undForderungen der Partei zu handeln." (Singer auf der Konferenz der sozialdemokratischen Stadtverordneten und Gemeindevertteter Groß-Berlins am 6. Mai 1906, Protokoll S. 60). 2. „Al s V 0 rp 0 sten der Arbeiterbewegung! müssen wir in den Gemeindeparlamenten tätig sein, es muß unsere Wirksamkeit erfüllt sein vom Geiste der Sozialdemokratie" (Nitzsche, Emil, „Gemeindepolitik und Sozialdemokratie", Dresden 1906, S. 340). 3. „So bedeutsam eine einzelne kommunalpolitische Frage für die Allgemeinheit fein kann, wichtiger i ft für uns die Geschlossenheit der Arbeiterbewegung, von derjede sozialdemokratischeGemeindever- tretungnureinTeili st." lNitzsche, ebenda S. 341). 4. „Die Sozialdemokratie wird unentwegt ihrem Ziel z u - streben, der Ausgestaltung der Gemeinde zu einer wuchtigen Waffe im Befreiungskämpfe des Proletariats." („Die Sozialdemokratie i.5. Gemeindevertretungen", Berlin 1907, Verlag Buchhandlung „Vorwärts", S. 16). Diese Beweise genügen vorerst. Wenn weiter die Vertreter der Fortschrittlichen Volkspartei in der Montagsitzung nach dem Bericht im Gieß. Anz. ihre Stellungnahme bezügl. Zulassung der Sozialdemokratie Kur Vorbereitung und Durchführung der Stadtverordnetenwahlen damit begründet haben, „daß es nicht angängig sei, bei einer allgemeinen Einigung eine Partei unberuck- sichttgt zu lassen, die nach ihrer stärke auf sieben Sitze Anspruch habe", so sei doch kurz folgendes mitgeteilt. Vor wenigen Jahren gab eines der führenden Mtglieder der hiesigen sozialdemokratischen Organisation einem Mitglied der bürgerlichen Parteien auf den Vorhalt, daß die beiden sozialdemokrattschen Stadtverordneten ihre Mandate wesentlich der Unterstützung der bürgerlichen Kreise verdankten, die Antwort: Das ist richttg. Ich bedauere das. Denn ich stehe auf dem Standpunkt, daß wir in das Stadtverordnetenparlament nur eintreten wollen, wenn wir stark genug sind, uns selbst hinein zu helfen. Ein Wähler. In der hiesigen sozialdemokratischen Zeitung stand am 6. Oktober: „Einen schönen Erfolg erfochten unsere Patteigenossen bei der Gemeinderatswahl in Steinbach im Taunus, das politisch zum Kreis Offenbach gehört, die am Dienstag stattfand. Sämtliche Kandidaten der Sozialdemokratie wurden geroäfdt, so daß der Gemeinderat jetzt ganz aus „Roten" besteht." — Dann folgen die Stimmen der Kandidaten der Sozialdemokraten und der Bürgerlichen, die nur einen Unterschied von 7 Stimmen zugunsten der erstgenannten Pattei aufweisen. Nun heißt es weüer: „Nie zuvor hatte Steinbach einen solchen Wahlkampf wie den gefingen; standen doch fünf Bürgerliche dem Wahlverein gegenüber. Es sollte absolut verhindett werden, daß sämtliche Gemeindevertreter nebst dem Beigeordneten vom Wahlverein gewählt sind usw." Diese Sätze bedürfen keiner Erläuterung. In Isenburg in demselben Kreise wurden kürzlich gleichfalls nur Sozialdemokraten gewählt. Dort waren die bürgerlichen Kandidaten bisher von dem dortigen Bürgerverein auf- gestellt worden. Diesmal gingen die dortigen Fortschrittler nicht mit, sondern stellten eine eigene Liste daneben auf. Ergebnis —Durchfall der beiden bürgerlichen Listen und Sieg der Sozialdemokratie. Kleine Taoeschronik. In Stendal wuöde von bisher nicht ermittelten Tätern in die Jakobikirche eingebrochen: die Diebe erbrachen die Behälter, in denen sich die Sakramente und der Abend- mahlswein befinden, sowie mehrere Sammelbüchsen, erbeuteten jedoch nur wenige Mark. Auf der Terrasse des in Hamburg eröffneten Cafes Marklof, das nach den Entwürfen van Bruno Paul gebaut ist, wird das Heine-Denkmal aus Corsu aufgestellt werden. In Hamburg neckten mehrere .Kinder einen angetrunkenen Arbeiter, der einen Revolver zog und auf die Kinder schoß; ein 15jähriger Junge, Sohn eines Weichenstellers, dem eine Ku gel durch den Kopf ging, wurde sofort getötet. Amtlicher Wetterbericht. Wetteraussichten in Hessen am Freitag dem 14. Oktober 1910 Zeitweise heller, frischer Nordost, kühl, nachts kalt bis zu Frost trocken. Griginal-Vrahtmeldunge«. Die Störung des deutsch fra«;öfiichen Eisenbahuverkehrl. :/: Köln, 13. Okt. (Privattelegramm.) Der deutsch- französische Eisenbahnverkehr ruht vollständig. Seit vorgestern werden feine Güter und auch leine Personem mehr zur Beförderung über Köln—Aachen nach Frankreich mehr angenommen. Heute wird auch den. Reisenden, die über Metz fahren wollen, mitgeteilt, daß eine Garantie zur Beförderung nicht übernommen werden könne. An den deutschen Grenzbahnhöfen haben sicht große Massen Gepäck angesammelt, wenngleich es auch der deuffchen Eisenbahnverwaltung gelungen ift, beim Bekannt- werden des Ausstandes einen 'großen Teil nach Belgien abzuschieben. Reisende, die aus Frankreich hier anfommen, und im Kraftwagen an die belgische Grenze befördert worden 'waren, erklären, daß ein ungeheuerer W irrwa rr an der Grenze herrsche. Die Autofahrten dürften wenig Helsen, da sie wegen der Bedrohungen durch die Ausständigen zu gefährlich seien und wegen der außerrwdent- lich hohen Kosten von zu wenigen Leuten benutzt werden könnten. Paris, 13. Oki Die Maurer beschlossen gestern abend, sofort in den Aus stand zu treten. Die transatlantische Kompagnie beschloß, die Reisenden, die in den nächsten Tagen in Havre in See gehen wollen, auf dem Flußweg nach Havre zu befördern. Der Streikausschuß veröffentlichte heute nacht einen Aufruf, in dem er die Mobilisation als ungesetzlich und vergeblich bezeichnet. Kein Eisenbahnangestellter werde dem Mobilisierungsbefehl Folge lei st en. Der Streik auf der Ostbahn begann heute morgen um 6 Uhr. Lyon, 12. Oft. Der Exekutiv ausschuß des nationalen Syndikates der Paris —Lyon —Mittelmeerbahn, dessen Hauptfitz Lyon ist, beschloß heute abend, auf dem gesamten Netz um Mitternacht den Generalstreik zu beginnen. Paris, 13. Oft. Die Staatsanwaltschaft leitete gegen die Führer der ausständigen Bahnangestellten ein Verfahren ein; dem Vernehmen nach sind 22 Haftbefehle für Paris und weitere für die Provinz erlassen worden. Auf der Nordbahn macht sich ein geringes Nachlassen des Streiks bemerkbar, das — wie man annimmt — wettere Fortschritte machen wird. Eine Ausständige sind zur Arbeit zurückgekehrt, so daß vierzig Züge abgehen konnten. Andererseits tarnen einige Akte von Sabotage vor. Das Gericht von Ponteise verurteilte einen Maschinisten, der gestern seinen Dienst verließ, zu 2 Monaten Gefängnis. Die Direktion der Ostbahn erfüllte verschiedene Forderungen ihrer Angestellten. Wie das Ministerium der öffentlichen Arbeiten mitteilt, sind im Laufe des gestrigen Tages im Nordbahnhofe 128 Züge ein- und ausgegangen. In Li lle zeigt sich eine merkliche Besserung der Lage. Vom Pariser Oft- bahnhofe sind alle Züge fahrplanmäßig abgegangen. Von 260 Ausständigen nahmen 110 die Arbeit wieder auf. Alle Dehegraphenleitungen nach dem Osten und dem Auslande find im Betrieb. 700 Säcke mit der letzten Post aus den Vereinigten Staaten, die in Havre liegen geblieben waren, wurden mit Dampfern auf der Seine nach Paris geschafft. Drohende Revolution in Spanien. Madrid, 13. Okt. (Privattelegramm.) Wegen des für heute angesetzten Putsch es sind außerordentliche Maßregeln getroffen worden. Die Truppen bleiben den ganzen Tag über in Bereitschaft. Der Ministerpräsident erklärte, daß er nichts fürchte, indes sei Vorsicht geboten, da die Revolutionäre Ueberraschungen geplant hatten. Die GrenzenachPortugalbleibe abaesperrt. In Oporto, Barcelona und anderen Städten wurden mehrere Personen festgenommen. In Oporto wurde eine revolutionäre Versammlung aufgehoben und zahlreiche Schriften beschlagnahmt. ♦ X Ostheim i. d. Rhön, 13. Okt. (Privattelegramm). Seit der Nacht vom 11. zum 12. Oktober ist der 60jährige Stadtkämmerer Winzer unter Mitnahme von 15 000 Mark Kassengelder flüchtig gegangen. sS. Offenbach, 13. Oft. (Privattelegramm.) In den gestern abgehaldenen Bezirks Versammlung en des Vereins zur Wahrung der städtischen Interessen wurden 40 Herren als Kandidaten vorgeschlagen. Heute abend werden diese Vorschläge vom Wahlausschuß geprüft Am Montag werden sie dem sog. Hunderter ausschuß unterbreitet. Die ent- gültige Bekanntgabe erfolgt am Dttttwvch in öffentlicher Versammlung. Braut-Seide v.1.35.b — Schon verzollt! — Verlangen Sie Muster! — D19Aol___________________________€?. Henneberg. Zürich hBj ' Augsburg 6 . * v sei EhUri^cwerken Wichtig für Frauen und Mer! Zuschneide-Fr ei-Kursus i.Giessen im Saale des „Hotel zum Einhorn“, Lindenplatz 1 Von Anfang nächster Woche an findet hier ein Fuschneidekuttus statt für sämtliche Damen- und Kinder-Kleider nac^neuefier Mode Geeignet auch für Damen ohne.Vorkenntnisse. Der Unterricht ist kostenlos und wird von Fachlehrerinnen erteilt mittags von 2-5 Uhr nerl Tüchtige [ssia/u, Handformer auf Ofenguß sofort nach auswärts gesucht. 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Sonntagskarte. Giessest Direktion: Hermann Steingoetter« Freitag den 14. Oktober, avendS 8 Uhr 2. Freitag-Abonnem.-Vorstellung Buridans Esel Lustspiel in 3 Akten von Flers und Caillavet. Ende gegen IO1/. Uhr. ais/w