Nr. 212 Zweites Blatt 16V. Jahrgang Tamstag 10« September 1910 Gießener Anzeiger Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. General-Anjeiger für Gberheffen Die „»ietzener ZamlliendlStter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Krcisblatt für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: Redaktion: 112. Tel.-Adru An-ergerGießen. politische Lagesschau. Deutscher Kolonialkougreß 1910. Das enbgültige Programm: des Deutschen Kvlonial- Kongresses 1910 hegt Dor.~ Danach werden Dorträge in Plenarsitzungen halten: 1. Schinckel, Max, Präses der Handelskammer Hamburg: „Die Kolonialwirtschaft als Ergänzung der heimischen Volkswirtschaft"; 2. Meyer, Geh. Hofrat Professor Dr. H., Leipzig: „Uebersicht über die Ergebnisse der Expeditionen der landeskundlichen Kommission des Reichs-iKolonialamtes" - 3. Balder, Geh. Oberbaurat, Vortragender Rat im Reichs-Kolonialamt: „Die Fortschritte des Eisenbahnbaues und der Technik in den Kolonien"; 4. Schilling, Professor Dr., Leiter der Abteilung für Tropen-^ krankheiten im Kgl. Institut für Infektionskrankheiten, Berlin: „Welche Bedeutung haben die neuen Fortschritte der Tropenhygiene für unsere Kolonien?": 5. Zoepfl, Regierungsrat Dr., ao. Professor an der Universität Berlin: „Die Entwickelung und Aussichten des Handels der Kolonien"; 6. Richter, Pfarrer D. Jul., Schwanebeck: „Das Problem der Neger seele und die sich daraus für die Entwickelung des Negers ergebenden Folgerungen"; 7. Köbner, Wirkt. Admiralitätsrat Professor Dr., Berlin: „Die Reform des Kolonialrechts"; 8. Graf von Götzen, Preußischer Gesandter, Hamburg: „Ueber die Besieöelunasfrage in den Kolonien"; 9. Rackette, Dr., Staatsvetermär, Mllitär- Veterinär-,Akademie, Berlin: „Die Seuchen der Haustiere in ihrer Bedeutung für unsere Schutzgebiete"; 10. Said« Ruete, R., London: „Die gemeinsamen Interessen Deutsche lands und Englands in der Kolonialpolitik und auf dem Weltmärkte". In den Sektionen sind 63 Vorträge über die verschiedensten Themata aus dem Bereiche der kolonial-, Politik und Kolonialwirtschaft vorgesehen. * Ein Zentrumsstückchen. Ein nettes Zentrumsstückchen wird aus Aschaffenburg gemeldet. Die wohllöbliche Stadtverwaltung hat es dort nicht ermöglichen können, für eine wenn auch noch so einfache Sedanserer einige Mark zu erübrigen, geschweige denn, den bedürftigen Veteranen eine kleine Ehrengabe zu- ' lammen zu lassen. Wir würden uns über diese blamable Knickerigkeit nicht weiter aufhalte-n, wenn nicht zufällig auch gekannt würde, welchem Geiste sie entsprungen ist. Die .,Aschaffenburger Zeitung" teilt aus der Sitzung des .Gemeindekollegiums vom 14. Juni d. I. folgenden Satz aus Zentrumsmund mit: „ . . . Auch sehe ich nicht em, daß das, was das große Deutsche Reich nicht fertig bringt, wir in Aschaffenburg, wo wir beinahe vor dem Bankerott stehen, machen. Wir Aschaffenburger habenkeinenNutzen geha bt von den Siegen, den stutzen hat das Deutsche Reich gehabt. Ich bin der Ansicht, daß man den Antrag Roth (liberal! D. Red.) ablehnt!" Das genannte Blatt fügt ausdrücklich hinzu, daß sich gegen diese eine beispiellose Traurigkeit der Gesinnung verratende Aeußerung keine einzige Zentrumsstimme erhob. Ganz abgesehen von dem recht bezeichnenden Eingeständnis des Banterotts der schwarzen Rathauswirtschuft bann man die Veteranen Aschaffenburgs nur bedauern, nicht etwa, weil sie die paar Groschen nicht bekommen haben, die ihnen schließlich bei halbwegs anständiger Geldwirtschkeit des sianzö- sischen Mathematikers Henri Poincar6, der z. B. einmal große Unannehmlichkeiten hatte, weil er aus Versehen im Hotel auch die Bettwäsche in seinen Koffer packte. Der Mitentdecker des Radiums, Pierre Curie, ist sogar durch seine Zerstreutheit ums Leben gekommen. Er ging xin tiefer Versonnenheit mitten auf der Straße, als ein Lastwagen herankam und ihn überfuhr,. Fixe (Ideen, die an Wahnsinn grenzen, finden sich ebenfalls bei großen Gelehrten. So erzählt man von der Hammelkeule des Philosophen Malebranche. Dieser finge Logiker bildete sich nämlich ein, wenn man den über ihn verbreiteten Geschichten trauen darf, er trage eine rohe Hammelkeule an der Spitze seiner Nase. Wenn er sich dem Feuer näherte, so fühlte er, wie sie zu kochen anfing. Eine ähnliche Wahnidee schreibt man Huyghens, dem Begründer der Wellentheorie des Lichts, zu. Er soll sich eingebildet haben, daß er aus Butter bestehe, unb hütete sich deshalb, sich jemals zu erlfttzen, aus Furcht, daß er sonst schmelzen könne. Dem älteren Alexander Dumas war es unmöglich, Samt 'zu berühren, während fein Freund, der Maler Girand, einen unüberwindlichen Abscheu dagegen hatte, seine Finger mit Federn in Berührung zu bringen. Zola litt an einer Zähl- manie: er zählte beftänoig auf der Straße die Gaslatemen, im Eisenbahnzua die Telegraphenstangen, im Zimmer die ausge- hängteii Bilder und verknüpfte damit abergläubische Vorstellungen. Wunderlich sind die Arbeitsmethoden, durch die maitche Große aus ihre genialsten Ideen gekommen sind. Pascal unb Newton blieben lange im Bett liegen, weil sie da beffer denken konnten. Mark Twain schrieb bekanntlich viele feiner Erzählungen im Bett. Der Musiker A u b r a n komponierte am besten im Omnibus, Haydn kamen seine besten Einfälle beim Lärm des Marktes und in geräuschvoller Gesellschaft. Auch von Buffon wird berichtet, daß ihm der Besuch von großen Gesellschaften, der andere zerstreut, die wissenschaftliche Sammlung brachte. ES sei auch an Ibsen erinnert, der auf seinem Arbeitstisch kleine Holzfiguren hatte, von denen man behauptet, ec habe M ftfl iMe.n bie Situationen in den .Szenen -seiner Dramen klar gemacht. Viel sonderbarer verfuhr der seinerzeit sehr beliebte Romanfabrikant Ponson du Terrail. Um sich /unter den zahllosen Figuren seiner endlosen Romane zurecht- zufinden, schnitt er für jeden seiner Helden eine Papierpuppe an3 und setzte sie alle auf einen Faden, den er vor seinem Arbrits-, tisch aufspannte. Ereilte eine der Figuren im Roman der Tod^ so schoß er mit einer kleinen Pistole die betreffende Puppe her-, unter und hielt so Ordnung 'unter den Gestalten seiner Phantasie * — Vorstellung im Wiesbadener Hostheater für die Kriegervereine. Aus Anlaß des 40jährigen Gedenktages der Schlacht von Sedan hat das Hostheater den Kriegerund Militärvereinen in Wiesbaden für die gesttige Erstaufführung und für die zweite in der nächsten Woche slatkfiudeade Aufführlmg von Wrldenbruchs Schauspiel „Der de»usche König" Freikarten zur Verfügung gestellt und dabei den Wunsch ausgesprochen, daß die Karten in erster Linie den Kriegsoeterauea überlassen werden möchten. Die Knegervereine haben von diesem dankenswerten Anerbieten gern Gebrauch gemacht und der Vorstellung wohnten etwa 300 Veteranen bet. — „6 0 6" und Tolmatschow Ans Petersburg schrribL man uns: Professor Ehrlichs Heilmittel „606" hat triumphierend^ die ganze Welt durchzogen, bis es in Odessa auf den berüd>tigtm General Tolmatschow stieß und hier enblidj seine Wirkungskraft; verlor. Die komische Affäre wird von den hauptstädtischen Zc»i hingen — die lokalen dürfen etwas derartiges nicht ausplaubenr —i folgendermaßen geschUbcrt: Versuche mit dem von Ehrlich entdeckten Heilmfttel werden in Odessa schpn seit langem mit Erfolg, gemacht. Als nun im städtischen Kranken Hause der Arzt, der däe Abteilung für Syphilitiker leitet, diese Versuche ebenfalls an» stellen wollte, mußte er sich ^vorschriftsmäßig an den •CberarjtJ wenden. Dieser wollte die Coache nicht aus sich nehmen und tüanbte sich seinerseits ans Sanitätsamt. Unter der streng ent Odessaer Knute wollte auch bas SanitätSamt keinen Entschluß fassen unb nahm bie Kompetenz des universellen Generals Tolmatschow in Anspruch. Erst dieser, tapfer entschlossen wie immer, traf auf Grund seiner allseitigen Sachkenntnis die er hr der Militärschule geschöpft hatte, bie Entsck)eidung, baß baS Ehrlickr-Präparat eine Charlatanerie sei, weswegen man feine Versuche mit dem Teufelsbing machen solle. So blieb das große Odessaer städtffche Krankenhaus, das dem Verwaltungstalent des braven Stabthauptmanns unterstellt ist, ohne Ex- perimente mit bent Heilmittel „606". Glücklicherweise gibt es noch in Odessa andere Anstalten, nämlich bas Militärhospital und die Universitätslliniken, bie vom General Tolmatschow nicht ganz abhänaen. Unb biefe unterzogen sich ber Aufgabe, Experimente mit dem Ehrlich-Hata-Präparat zu machen, ohne baß bestehende .Staatsordnung kuüit eMützeri worbe» wto, Sept. Wetter 1910 ÖD NW 2 Märkte. 8. 49 87 81-84 44 82 76—79 39 77 80-87 47 83 75-80 41 77 80-82 40 81 71—73 56 71 71—73 56 Blockstraße 10 Telephon 656 4039 Chautienrkurse. 68—73 64-66 71 70 70 65 15,7 12,4 11,4 86 97 98 Bew. Himmel Bed. Himmel vor von des 100-108 87-98 78—86 104 92 82 2” 9" 748,5 748,8 750,3 2 2 7 10 10 36 31 11,4 10,3 9,8 W 8 16,9 •0. 9,3 °O. 62 55 49 Höchste Temperatur am Niedrigste , , Niederschlag: — 3,8 mm. L« a. & 9. 9. 10. kund verschiedene andere ständen in Aussicht. Der Statthalter Elsaß-Lothringen hat für den Fall des Zustandekommens Wettfliegens einen Ehrenpreis gestiftet. L. Z. 6 beschädigt. 8? Auszug a. Standesamtsregistern der Stadt Siehe«. Aufgebote. Sept. 2. Heinrich Hillgärrner, Taglöhner, mit Katharine Bevler, beide in Klein-Linden. — Reinhold Welcker, Apotheker in Aliendorf a. d. Lda., mit Helene Sievers in Gießen. — 3. Rudolf Petry, Großh. Finanzassessor in Darmstadt, mit Friederike Kühn in Gießen. — Louis Wassmann, Ingenieur in Düsseldorf, nut Elisabeth Pfeiffer in Gießen. — 5. Karl Keitzer, Gerichtsschreiber-Aspiranl, mit Emma Schreiner, beide in Gießen. — Heinrich Kammer, Registrator in Darmstadt, mit Henriette Nagel in Gietzen. — Wilhelm Atzbach, Großh. Geometer I. Klaffe, mit Anna Mulch, beide in Gießen. — 6. Wilhelm Johanning, Kaufmann in Bielefeld, mit Anita Gilbert in Gießen. — Franz Hermann Steingoetter, Theater- direktor, mit Pauline Balz, beide in Ems. — Karl Heinrich Reh, Tapezier in Gießen, mit Elisabethe Gregorius in Büdesheim. — 7. Heinrich Decher, Bahnbediensteter in Burg, mit Luise Krauskops in Gießen. — Hermann Weiß, Schneider, mit Mmna Unverzagt, beide in Gießen. — 8. Heinrich Nagel, Fabrikant in Gießen, mit Marie Jung in Klein-Linden. — Karl Becker, Schmied in Gießen, mit Maria Euler in Heblos. — 9. Fritz Großmann, Vizefeldwebel in Biebrich, mit Marie Heller in Gießen. Eheschließungen. Sept. 3. Heinrich Wagner, Telegraphenleitungs-Aufseher, mit Elisabetha Gebauer, beide in Gießen. — Adolf Hörhammer, Werkmeister in Mehlem, mit Rosa Burrichter in Gießen. Geborene. Ang. 29. Dem Eisenbahnassistenten Jakob Petry eine Tochter, Maria Else. — 31. Den: Kaufmann Johann Heinrich Driesch eine Tochter, EUriede Ottilie Else. — Dem Eisendreher Karl Martin Schäfer eine Tochter, Marie. — Sept. 1. Dem Eisenbahnschaffner Johannes Honig eine Tochter, Marie Elisabethe. — Dem Dachdecker Wilhelm Hedderich ein Sohn, Wilhelm. — 2. Dem Anlagearbeiter August Granilich ein Sohn. — 3. Dem Handelsmann Alexander Baum eine Tochter, Sophie. — 5. Dem Hilisbremstt Wilhelm Müller eine Tochter, Anna Margarete Wilhelmine. Gestorbene. Sept. 2. Eva Kremer, geb. Weishahn, 97 Jahre alt, Kaiser- Allee 22. — 3. Walter Strohwig, 1 Monat alt, Großer Steinweg 24. — 6. Balthasar Rockel, Bahnwärter t. P., 53 Jahre alt, Kaiser-Allee 36. — 7. Wilhelmine Lehrmund, 4 Atonale alt, Lindengasse 2. 13. 51oifbecf bei Londorf, 9. Sept. Nächsten Sonntag nachmittag findet im hiesigen Burgwald unser diesjähriges Missionsfest statt, das alljährlich ein starker Anziehungspunkt für viele Hunderte von Missionsfreunden aus nah und fern zu sein pflegt. Festprediger sind die Pfarrer Heermann- Marburg und Ausfeld-Gießen. — Bad-Nauheim, 9. Sept. Bis zum 8. Sept, sind *30 7 60 Kurgäste angekommen, wovon an genanntem Tage noch 5249 anwesend waren. Bäder wurden bis zum 8. September 392110 abgegeben. Friedb erg, 9. Sept. Dfe „Hessische Jugend-, Helfer-Vereinigung" hatte am Mittwoch ftn Hotel „Drei Schwerts ihre erste Ausschußsitzung. Unter dem Vorsitz von Prof. Schöll-Friedberg wurde hauptsächlich über das Arbeitsprogramm für den kommenden Winter beraten. Es wurde einstimmig beschlossen, im Laufe des Winterhalbjahres in allen drei hessischen Provinzen v,Borstoßversammlungen" abzuhalten, in denen durch Vorträge das Interesse weiterer Kreise für die Jugendarbeit geweckt und auf die Notwendigkeit der Arbett hingewiesen werden soll. Die Jugendhelfer-Vereinigung hofft auch, die verschiedenen bisher unabhängig von einander unternonn menen Fürsorgebestrebungen für die Irgend mit einander in Fühlung bringen zu können. Vor allem aber will sie auch in Laienkreiesn zur Mitarbeit an den bestehenden Einrichtungen und Vereinen werben, oder auch die Lust zu neuen LVersuchen zur Lösung der Erziehungsfrage der Schulentlassenen wecken. N. Mainz, 9. Sept. Im Oktober finden die Wahlen für die Stadtverordn eten statt, die entweder nach Ablauf ihrer Amtstätigkeit, durch Austritt oder durch Todesfall ausgeschieden sind. Im ganzen sind 23 neue Stadtverordnete zu wählen, unter denen 9 der fortschrittlichen Volkspartei, £> den Sozialdemokraten, 5 den Nationalliberalen, 3 dem Zentrum angehöcen, während einer unparteiisch ist. Die Bürgermeisterei hat den 26. Oktober als Tag der Neuwahlen in Aussicht genommen. F.C. Wiesbaden. Viehhof-Marktbericht vom 9. Sept. Auftrieb: Rinder 107, Kälber 94, Schafe 46, Schweine 241. Tendenz: Rinder, Kälber, Schafe, Schweine mittelmäßig. Preis Durch- pro 100 Pfd. schnittspreis Lebend. SÄlacht. pvo 100 Pfund _gcroidjt Lebend. Schlacht- aewtchc Vollfleischige, ausgemästete, höchsten von-blsvon-brs Schlachtwerles, höchstens 6 Jahre alt 47—52 85—90 Junge, fleischige, nicht ausgemästete und ältere ausgemästete......42—46 Mäßig genährte junge und gut genährte ältere.........38—41 amt die Antwort eingegangen, daß das Wettfernfliegen gesichert sei. Drei Meldungen von ersten Aviatikern lägen bereits ssWi) Festes Gehalt, Tagesspesen, Provisionen und 24261 2- u. 3-Zimmerwohnungen, sowie ein Laden mit Wohnung zu verm. Näh. Ebelstr. 39 vt. 4564! Die von Herrn Rechtsanwalt Müller mnegebabten Bureau- Räume sind ab L Oktober anderweitig zu vermieten. Hotel Einhorn. 4227| 4 Zimmer m. Zub. zu ver- mieten. Frankfurter Str. 43 v. 3659] ÄZilhelmstr. 8 sch. Parterre Wohnung, besteh, aus 4 Zimmern, 2 Entreesolzimmern, Bad u. allem Zubehör p. 1. Okt. zu vermieten. 9tnb. Frankfurter Straste 29. 1663) Wohn. Ältcestr. 11 Uh, vier Zim., 2 Kam. u. Zub. per sofort zu vermieten. Näh. 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