Nr. 209 Zweites Blatt 160. Jahrgang Mittwoch 7, September 1910 Giehener Anzeiger General-Anzeiger für Gberhessen Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Redccktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: Redaktion: ^^112. Tel.-AdruAnzeigerGießen. Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Giehener Zamiliendlätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Xrrirdlatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit, fragen" erscheinen monatlich zweimal. Handwerker und Reichsverficherungsordnung. Der Deutsche Handwerks- und Gew erbe kämm er tag, der gegenwärtig in S t u t t g a r t tagt, beschäftigte sich auch mit dem Gesetzentwurf über die Reichsversicherungsordnung. Folgende Entschließung wurde nach längerer Besprechung angenommen: „Ter Deutsche Handwerks- und Gewerbetag ist auf das äußerste befremdet darüber, daß der dem Reichstag ooraelegte Entwurf einer Reichsverficherungsordnung trotz der einmütigen Ablehnung die der frühere Entwurf in den Kreisen der selbständigen Erwerbsstände gefunden hat, in seinen Hauptpunkten diesem ersten Entwürfe entspricht. Er wiederholt indessen seine den verbündeten Regierungen übermittelten Abänderungsvorschläge in der bestimmten Erwartung, daß der Reichstag diesen wohl begründeten Bedenken eine den berufenen Interessenvertretungen des Handwerks entsprechende Würdigung zuteil werden läßt. Unbedingte Voraussetzung für die Zustimmung zu dem neuen Gesetzentwürfe ist die Berücksichtigung folgender Forderungen: 1. Der Vorsitzende der Krankentassen-Organisationen muß in ledern Falle dem Stande der selbständigen Gewerbetreibenden entnommen werden. 2. Die Halbierung der Stimmen ist bei allen Abstimmungen unbedingt zu gewährleisten. Nur wenn diese Forderungen voll erfüllt werden, vermag der Deutsche Handwerks- und Gewerbe- kamuiertag die Halbierung der Beiträge für die Krankenversicherung und weiterhin dem Gesetz überhaupt zuzustimmen. Er erwartet indes,en mit Bestimmtheit noch die Berücksichtigung derjenigen Abänderungsvorschläge, die bereits der 10. Deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag zu Königsberg für notwendig erachtet hat, soweit diese Vorschläge auf den neuen Entwurf noch zutreften. -il 3U. I: Gemeinsame Vorschriften. Die Schaffung der Versicherungs- und Oberversicherungsämter ist als ein erheblicher Eingriff in die Selbstverwaltung zu betrachten. Sch wrrd patt der erhofften Vereinfachung und Verbilligung des seit-» herigen Verlahrens dasselbe nur erschweren, verlangsamen und erheblich verteuern. Die Einrichtung einer derartigen neuen Be- Horden-Orgamsgtion ist daher als unzulässig zu bezeichnen Da- gegen sollen die unteren Verwaltungsbehörden besser als bisher mit Beamten ausgestattet werden, die sich mit dem Versicherungswesen Praktisch vertraut gemacht haben. Auch wäre den Schiedsgerichten, deren Vorsitz einem Versicherungspraktiker anzuvertrauew wäre, eine selbständige Stellung einzuräumen. 2- Zu Buch II: Krankenversicherung, a) Es ist anzuerkennen, daß durch die Erweiterung des Kreises der.Krankenversicherung .in der Form, daß die Invaliden- und Kranken-Ver- sicherten dieselben Personenkreise bilden, ein bisher sehr mißlich empfundener Zustand beseitigt wird. — b) Das in dem Entwürfe vorgeschlagene Verfahren bet der Versicherung der Hausgewerbetreibenden ist als annehmbar zu bezeichnen. — c) Die Errichtung von ^nnungskrankenkassen ist in jeder Weise zu erleichtern und zu fordern. Deshalb sind in dem § 263 Ziffer 2 und (gemäß § 268) im § 267 Ziffer 3 die Worte „mindestens" zu streichen Ebenso soll den Jnnungsausschüssen und mehreren Innungen gemeinsam die Errichtung von Innungskrankenkassen gestattet werden. — d) Den einer Innung freiwillig beigerretenen Personen ist zu gestatten, sich bei der Jnnungskranlentasse zu versichern. — e) Vor der Errichtung einer Jnnungskrankenkasse ist auch die Handwerkskammer gutachtlich zu hören. (§ 264 des Entwurfs ) — f) Die Errichtung von Betriebskrankenkassen erst bei eines Arbeiterzahl von mindestens 500 zu gestatten, erscheint in Erwägung baß die Mehrzahl dieser Kassen zwar unter 500 Versicherte besitzt, trotzdem anerkannt gut arbeitet, als viel zu weit gegangen. — g) Den organisierten Aerzten gegenüber sind ausreichende Kautel en zu schaffen, die freie Apothekenwahl ist abzulehnen. < » 111Unfallversicherung, a) Falls die lokalen Verslcherungsamter eingeführt werden sollten, gegen deren Errichtung nochmals entschieden protestiert wird, so wird jebe Mitwirkung derselben an dem Rentenfestfetzungsverfahren als ungeeignet abgelehnt. — b) Daß der Entwurf eine-wesentliche Besse- gegenwärtig geltenden Bestimmungen des § 34 Gew.- Unf.-Vers.-Ges. darstellt, ist anzuerkennen, wenn auch die 8§ 741 bi» 747 des Entwurfs der wiederholt geäußerten Ansicht des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages, die Höhe des Reservefonds nach dem alten Gesetze (das Eineinhalbfache der Cnt- schädigungslast) wieder herzustellen, nicht nachgekommen ist. — c) Gegen die Erweiterungen der Versicherungsleistungen werden trotz der Mehrbelastung Einwendungen nicht erhoben. — d) Die ArUcherungspflicht ber int § 569 bezeichneten Betriebsunternehmer itt gesetzlich festzustellen. — e) Zuzustimmen ist der Uebertragung der Erstattungspflicht an die Berufsgenossenschaft nach 8 596 des Entwurfs. — f) Fraglich ist die Zweckmäßigkeit der Bestimmungen über die sogenannten „Klemen Renten"; die Bestimmung, Unfallrenten unter 15 Prozent überhaupt nicht mehr zuzulassen, erscheint geeigneter, Mißbräuche zu verhüten. — g) Gegen die qd'lni?n9 bon Ausländern, welche im Deutschen Reiche keinen Wohnsitz haben, mit einem entsprechenden Kapitale, ist Einspruch erheben, da das Ausland deutschen Arbeitern entsprechende Gegenleistungen nicht gewahrt. Renten sind an Ausländer, welche iin Auslande wohnen, nur zu zahlen, wenn durch Staatsverträge gleichwertige Vorteile den deutschen Arbeitern verbürgt sind. 4. Zu Buch IV: Jnv aliden- und Hinterbliebe- nen-Versicherung. a) Die freiwillige Zusatzversicherung bei der Invalidenversicherung ist als zufriedenstellende Lösung des Wunsches der selbständigen Handwerker nach Erlangung einer höheren Rente zu bezeichnen. Sie kann aber nur ihren Zweck erfüllen, wenn 1. mittels der projektierten Zusatzversicherung nicht nur für den Versicherten, sondern auch für seine Angehörigen gesorgt ist, 2. in feinem Falle eine Gegenleistung für gezahlte Beiträge ausbleibt, 3. die Zusatzrente anstatt erst bei Eintritt der Invalidität schon von einem bestimmten Lebensalter ab gewährt wird. — b) Die Bestimmungen des Entwurfs über das Wiederaufleben der Rechte bei der freiwilligen Weiterversicherüng nach Aufgabe einer Versicherung sind zu schroff; eine Jnkraftbelassung der diesbezüglichen bisherigen Vorschriften ist wünschenswert. — c) Der Ablehnung der Herabsetzung der Altersgrenze wird im Interesse der sonst eintretenden Mehrbelastung in der Erwartung zugestimmt, daß die Reichsregierung diesem Sparsamkeitsprinzip in allen Zweigen der sozialen Versicherung nachkommen wird. — d) Gegen die Einführung der Hinterbliebenen-Versicherung wird Einspruch erhoben, falls die Arbeitgeber die Beiträge hierfür zur Hälfte mit tragen sollen." 5,. Allgemeiner Genossenschaftstag. rb. Bad-Nauheim, 6. Sept. Nachdem bereits seit mehreren Tagen eingehende Beratungen des Enteren Ausschusses und der Vorstände der verschiedenen Kassen stattgefunden hatten, nahmen heute früh um 9 Uhr unter Vorsitz des Verbandsdirektors des mittelrheinischen Verbandes, Justizrats Dr. Alberti, die Verhandlungen ihren Anfang. Nach den bereits telegraphisch mitgeteilten Begrüßungen erstattete zunächst der Anwalt, Prof. Dr. (Erüger, den Jahresbericht. Wie m früheren Jahren bezog der Anwalt in seinen Bericht die Vorgänge aus dem Gebiet des gesamten deutschen Genossenschaftswesens ein. Er begann mit dem Hinweis auf die großen Feiern der letzten beiden Genossenschaftstage (Feier des 100 jährigen Geburtstages Schulze-Delitzschs, Feier des 50- jährigen Jubiläums des Allgemeinen Verbandes), die in weiten Kreisen Widerhall gefunden haben. Mehr und mehr brächen sich die Schulze-Delitzschen wirtschaftlichen Grundsätze Bahn. Freilich müßten außer Betracht bleiben die Genossenschaften, die der Massengründerei ihre Existenz verdanken. Dem genossenschaftlichen Idealismus und der ftrengen Durchführung geschäftlicher Grundsätze wäre die staatliche Förderung ein Hindernis gewesen. Auf sie fti es zurückzuführen, daß bei vielen Genossenschaften die Vermögensbildung zurückblieb. Die gesamten geschäftlichen Erträgnisse lder Genossenschaften, seien bedeutend. Es beständen 23 309 Genossenschaften, deren geschäftliche Leistungen auf rund 20 Milliarden Mark zu bewerten feien. Der Löwenanteil entfällt auf die Genossenschaften des Allgemeinen deutschen Genossenschaftsverbandes. Betrage ihre Zahl auch nur 1363, so seien sie doch am Gesamtergebnis mit 12y2 Milliarden Mark beteiligt. Das eigne Vermögen aller bestehenden Genossenschaften wäre auf 573 Millionen Mark zu schätzen, das der Genossenschaften des Allgemeinen deutschen Genossenschaftsverbandes betrage 341 Millionen Mark. In diesen Ergebnissen siebt der Anwalt einen Beweis dafür, daß die „Selbsthilfe^ doch wohl der zuverlässigste Träger der genossenschaftlichen Arbeit fei. Dank der Selbsthilfe hätten die Schulze-Delitzschen Kreditgenossenschaften auch Organisationen geschaffen, die der Fürsorge für ihre Beamten dienen. Der Anwalt kam dann auf die Kritik zu sprechen, die er in früheren Berichten geübt und wies darauf hin, daß die Erfahrungen den kritischen Bemerkungen recht gegeben hätten. Vollkommen sei freilich in der Welt nichts. Auch bei den Schulze- Delitzschen Genossenschaften käme gelegentlich ein Vertrauensrniß- brawd) wor. Kein System böte absoluten Schutz gegen Mißwirt- schaft, aber jedes System müsse so geschaffen sein. daß Schädig ungen auf das klein ste Maß beschränkt Werdern Gegen diesen einfachen Grundsatz würde vielfach ver- stoßen. Eigenartig mache es sich, daß im preußischen Abgeord- netenhause jetzt ein Antrag eingebracht wäre auf Errichtung genossenschaftlicher Lehrstühle. Man erkenne in bey Streifen, von denen dieser Antrag ausgehe, etwas spät, daß man onenbar erst hatte studieren müssen, ehe man an das Probieren ging. Der Anwalt ließ sich näher über den Wert der verschiedenen! Haftarten aus, besprach die eigenartigen Mittel verschiedener Ge- nosienjchaften, Mitglieder zu gewinnen und behandelte dann die „Unabhängigkeit von wirtschaftlichen und politischen Organisatio-. ^nt'r ?ob^ er interessante Zahlen mitteilte über die genossen- jcbaftlube Organisation des Bundes der Landwirte und sich dann gegen die Bestrebungen des Hansabundes wandte, genossenschaftliche Organisationen zu schaffen. Der Anwalt be- mtigte sich weiter mit der Stellung der sozialdemokratischen Partei zum Genossenschaftswesen und verurteilte auf das entschiedenste, wenn eine politische Partei Stellung nimmt zu den Genossenschaften unter dem Gesichtspunkt, welche Vorteile ihr die Genossenschaften bringen können. Der deutsche und der intern nationale sozialdemokratische Parteitag würden sich mit der Ge- uosienschaftsfrage beschäftigen. Jetzt kämpften die Radikalen und die Revisionisten miteinander, ob die Genossenschaften „n e*u t r a V* fein sollten oder nicht. Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei habe darauf verwiesen, daß das Gesetz Genossenschaften zur Neutralität zwinge, aber er habe auch erklärt, „die Haffen* benutzte Arbeiterschaft hat dennoch den politisch neutralen Konsum- Vereinen ein reges Interesse entgegengebracht". Der 2luwalt: wandte sich dann gegen das Aufsaugungssystem deck Hamburger Groß-Einkaufsgesellschaft, unter deren - .bie großen Konsumvereine die Heinen verschlingen und» lelbständige Produktivgenossenschaften ihr Leben lassen' müssen^ Alle, diese Bestrebungen seien Wasser auf die Mühle der Gegner: der Kon, um vereine. Der Kampf gegen die Konsumvereine loben; immer wieder auf. Man sollte endlich die Konsumvereine in allem und jedem den Gewerbetreibenden gleichstellen, damit wäre beiden Teilen am besten gedient. Die Händler seien unvorsichtig! mit „ihrer Agitation gegen die Konsumvereine, sie schmiedeten Waften, die dieselben gegen sie selbst gebrauchen würden. Dia Genossenschaften der Kleinhändler wären den Groftisten genau ebenso verdächtig, wie die Konsumvereine den Kleinhändlern. In Bayern nehme man für die Genossenschaften der Händler sogar finanzielle Subventionen in Anspruch — kein Wunder, daß die Handelskammer dagegen Stellung nimmt. Es scheint doch heute schon recht schwer zu fein, Subventionen abzulehnen. Man soll den Kampf der Grossisten gegen die Organisationen der Kleinhändler nicht unterschätzen. Tas sei der gleiche Kampf, der auch zum Teil das Aufkommen der Handwerker- genosseuschaften erschwere. Der Anwalt ließ sich dann naher über die Entwicklung des Handwerkergenoffen schastswe-, sens in den einzelnen Staaten aus und brachte interessantes. Material bei über die Erfahrungen in Bayern, wo man int weitesten Umfange direkte Staatsbeihilfen den Genossenschaften gewahrt hatte. Hier habe sich so recht gezeigt, daß dies der verkehrteste Weg zur Förderung der Handwerkergenossenschaften fei,. Der Rechner hob hervor, daß sich leider auch vielfach nock> Handwerkskammern und Innungen ablehnend verhielten. Bedenken hat er gegen die in Köln ins Leben gerufene Gewerbeförde- rungs an statt. Recht erfreulich sind die Ergebnisse der Handwerkergenossenschaften in Württemberg. Ausgeführt sei das Freiburger Versprechen, herausgegeben seien die „Grundlehren uudj Erfahrungen der Handwerkergenossenschaften auf Grund der Beschlüsse und Verhandlungen der Allgemeinen Genossenschaststage"^ Tie diesjährige Tagung werde sich mit der Bedeutung der Genossenschaften für das S nb rn i s si o n s w e s e n beschäftigen. Wohl' wisse man, daß die Genossenschaft nicht jedem Handwerker zumi Wohlstände verhelfen könne, aber für die kaufmännisch und technisch ausgebildeten Handwerker sei die Genossenschaft ein überaus wertvolles Hilfsmittel. Hierbei wird auch die Mittelstands- kreditnot erörtert und mitgeteilt, daß die Zahl der bei allem Kreditgenofsenichaften (aller Systeme) angeschlossenen Handwerker und Kleinkaufleute sich auf etwa 4000 belaufe und die Befriedigung) des Kreditbedürfnisses ergebe die Summe von 650 Millionen. Mark. Von einer Mittelstandskreditnot könne daher gewiß nicht gesprochen werden. Ganz anders als im Handwerk liegen die Verhältnisse bei der Landwirtschaft. Hier lieget die Gefahr in der leichtsinnigen Gründung von Genossenschaften; und ihrer staatlichen Förderung. Denn mit Hilfe der genossenschaftlichen .Organisation sollen dem Landwirt heute die Gewinne der Händler, Bäcker, Schlächter zu Füßen gelegt werden. D^s Napoleon-Erinnerungen aus Ajaccio. Das „Echo de Paris" erhält von feinem Korrespondenten in Ajaccio folgenden interessanten Aufsatz: „Eine Marseiller Zeitung erzählte Letzthin, daß Napoleon bei seiner Krönung in Mailand am 26. Mai 1805 aus die Gegenwart eines seiner Jugendfteunde bei dieser Zeremonie gedrungen hatte und daß /dieser Freund Etienne Conti gewesen wäre. Bei leinem Eintreffen hätte ihm Napoleon im korsischen Dialekt gesagt: ,,O |te! Ehe l'amisse bita; In Ajaccina!" (Stephan, wer hätte le zu sagen gewagt, ein Sohn Ajaccios Kaiser!") Tie Tatsache trifft zu; nur war es nicht Etienne Lontt, der der'Krönung beiwohnte, sondern Etienne Po. Napoleon hatte nicht viel Freunde in seiner Vaterstadt, wie überhaupt auf der ganzen Insel. Man nannte ihn selbst verächtlich: „Jl tignoso" lder Kahle), seitdem er nach dem Feldzuge in Italien das Haar ftrrzgeschoren trug. Die Lokalchronik zeigt ganz deutlich, daß Napoleon in seinen ersten Erfolgsjahren tief eingewurzelter Feind- leligkeit unter den Hauptfamilien von Ajaccio begegnete und daß diese Feindseligkeit auch trotz seines Ruhmes weiter andauerte. Aber neben unversöhnlichen Widersachern bewahrte Napoleon Jugendfreunde, die er nie vergaß. Etienne Po wurde besonders von demKai- 1er geliebt. Er betrieb ein Bankgeschäft mit einem gewissen Gregory aus Bastia. Der Advokat de Negri, der mit einem Fräulein Po verheiratet ist, hat uns zum Beweise dieser Freurchschaft zwei unveröffentlichte Briefe Napoleons an Po übermittelt, die aus den Familienarchiven stammen. Der erste ist aus Paris, vor der Abfahrt zur Expedition nach Aegypten datiert und lautet: „Lieber Etienne! Ich sende Dir die Summe von 180 000 Franks für den Fall, daß das Glück meine Waffen nicht begünstigen sollte. Diese Summe, die ich Dir anvertraue, sollst Du meiner Mutter über« Mitteln. Der Deine Bonaparte." Ter zweite Brief ist gleichfalls aus Paris, aber nach der Rückkehr aus Aegypten datiert, bei der Napoleon im September 1799 in Ajaccio angelegt hatte, das einzige Mal, daß er in fein Heimatland zurückkehrte. Tas Schreiben wurde von Saliceti, dem Spezialkommifsär der Regierungs, übermittelt und lautet: „Lieber Etienne! Tu wirst Saliceti die Summe von 100 000 Franks übergeben unb die 80 000 äußeren behalten, um ein Haus nach den Ptänen Lu bauen, die wir zusammen kombiniert haben. Der Deine Bonaparte.^' Das Haus, das Po bauen ließ, trägt augenblicklich die Nummer 26 des Cours Napoläon. Diese beiden Briefe beweisen, daß Napoleon; über .Geld verfügte, als. er aus Aegypten wach Frankreich zurückkehrte, was bisher von zahlreichen Geschichtsforschern bestritten worden ist. Hinzugefügt sei noch zum Beweise der großen Zuneigung Napoleons für Etienne Po, daß der Kaiser ihn mit feiner ältesten Schwester verheiraten wollte. Etienne lehnte aber diesen Vorschlag ab, indem er feine Jugend vorschützte. Später hat er das oft bedauert. Der Kaiser wollte auch die Nichte Etienne Pos, Fräulein Paravicini, mit dem Marschall Drouot verheiraten^ Dieser kam selbst inkognito nach Korsika, aber zu spät. Die Schönheit Fräulein Paravicinis hatte den General Sebastiani verführt, der sie schleunigst zum Altar geführt hatte. -» — Das Rhein-Mainische Verbandstheater wird seine diesjährige Winterspielzeit mit einer Vorstellung von „Was Ihr wollt" am 28. September in Wetzlar beginnen. Die Vorstellung dient als Beispielveranstaltung bei der Volksakademie des Rhein-Mainischeu Verbandes, einem Kursus für Bolksbildungs- arbeit für die ständigen Mitarbeiter des genannten Verbandes und andere Interessenten. Der diesjährige Theaterspielplan weist an llassischen Stücken das genannte Shakespearesche Lustspiel ferner Lessings Minna von Barnhelm und Nathan der Weise, außerdem Maria Stuart auf. Von neueren Dichtern sind Ibsen mit „Die Stützen der Gesellschaft", H e y s e mit ,D>aus Lange" und Freytag mit den „Journalisten" vertreten. Einen besonderen Erfolg verspricht sich der Verband von der Aufführung des „Gutmütigen" von Oliver G o l d s m i t h, der eigens für das Verbandst Heater ins Deutsche übertragen wurde und der am 4. Oktober seine Uraufführung für Deutschland in Frankfurt a. M. erleben wird. Gleichfalls interessante Aufführungen dürften die des „Fremden" von Jerome werden. Dieses Stück ist in London und Newyork unzählige Male gegeben worden und hat bei seiner erfte-u Aufführung in Wien gleichfalls großes Aufsehen erregt. Das Theater wird wieder außer in Frankfurt auch in zahlreichen größeren und Heineren Orten des Rhein- Main-Gebietes spielen. Anfang Ottober und Anfang November sind je noch einige Tage frei. Anfragen sind zu richten an die Geschäftsstelle des Rhein-Mainischen Verbandes für Volksbildung, Frankfurt a. M., Stiftstraße 32. — Ehrlich-H ata 606inKopen Hagen. Dem Kopenhagener Blatte „Politiken" zufolge ist der erste in Dänemark mit dem neuen Heilmittel behandelte Poti em ettoa 8 Tage nach erfolgter Einspritzung unter allen Symptomen der Arsenikvergiftung gestorben. Behandelnder Arzt war Professor Ehlers. Die von Prosektor Dr. med. Victor Scheel vorgenommene, im Augenblick noch nicht beendigte Obduktion der Leiche hat bisher eine andere Todesursache nicht ergeben können. Freilich handelt es sich um erneu sehr fchwierigeu Fall. Der Patient, ein reichlich 50 jähriger Mann, litt an einer sehr alten, Krankheit, die in den btziden letzten Jahren in zunehmender General-- Parese mit kurzen Perioden auftauchendcr Intelligenz zum Ausdruck kam. Nichtsdestoweniger wird dieser Fall die dänischen; Aerzte in der Anwendung des neuen Mittels vorsichtig machen Professor Ehlers war auch nur auf dringendes Ersuchen der Ehefrau zur Behandlung des im übrigen aufgegebenen Patienten geschritten. Auch die Aerzte Dr, Rasch und Professor Pontoppidan beabsichtigten die prakttsche Prüfung des neuen Heilmittels, das übrigens ebenfalls auf Island an Aussätzigen versucht werden wird. — Reines Radium. Der Pariser Akademie der Wissenschaften wird von der bekannten Professorin der Chemie Cur ritz mitgeteilt, daß es ihr gelungen sei, Radium in reineml metallischen Zustande herzustellen. Man weiß, daß es! bis jetzt nicht möglich war, Radium rein herzustellen, sondern ess fand sich stets in Verbindung, entweder mit Brom oder mit Chkn^ Frau Currie und ihr Mitarbeiter de Msrne haben ein Dezigramms Radiumsalz durch Amalgamation auf elektrolytischem Wege in einen metallischen Gegenstand umgewandelt und dadurch remess' Radium erhalten. Dieses neue Metall sieht weiß aus, oxid^rk sehr schnell an der Luft und wird schwarz. Papier, das mit ihvy. in Berührung kommt, verbrennt. — „Ich, der König!" — Interessante Erin n er ungenau den Verkehr König Ludwigs II. von Bayern mit feinem Kabinettschef von Ziegler veröffentlicht Freiherr von stiunnnel im Septemberheft von Velhagen und Klasingsi Monatsheften. Ein guter und hilfsbereiter Freund ist Ludwig II. so manchen gewesen. Allbekannt ist ja seine hin- aevende Freundschaft für Richard Wagner. Später, in den siebziger Jahren, erkalteten die Gefühle für die Person des Meisters, nie für dessen Werk. Als Ludwig 1876 zur ersten Gesamtaufführung des Mnges nach Bayreuth kam, war er freilich einige Zeit sehr ärgerlich über den Dichter- Komponisten. Dieser hatte den König an der Bahn emp- fangen und stieg, ohne eine Aufforderung seitens des ?No- * narchen abzuwarten, in dessen Wagen, nahm neben ihm Platz und fuhr mit der Majestät nach der Eremitage. Erst als die Bayreuther Tage einen so überaus glänzenden Verlauf nahmen, vergaß Ludwig allmählich diesen Etikettfehler. Eine zweite Beunruhigung entstand dem Monarck-en in Bayreuth dadurch, daß er eine Einladung zu einer Soiree ,im H«use Dmglwjen, Die auf den Allgemeinen Genossenschaftstagen über die genossenschaftlichen Experimente der Landwirte gestellt seien, haben sich als richtig ergeben, so bet den Kornhausgenossenschaften — jetzt bei den W i n z c r g e n o s s e n s ch a f t e n. Den Unkundigen berühre es merkwürdig, wenn ein bayerischer Minister den Städten die M i l ch v e r s o r g u n g auf genossenschaftlicher Grundlage empfiehlt und eilt sächsischer Minister die Fleisch/ .Versorgung, obgleich mit beiden Genossenschaftsarten die schlechtesten Erfahrungen gemacht sind. Im landwirtschaftlichen Genossenschaftswesen ergeben sich schwere Komplikationen aus der Zentralisation. Dich mit genossensckwftlichen Aktiengesellschaften würden inzwischen Rattenkönige gebildet. Straßburg, Eltville, Nürnberg usw. böten wichtiges Material für derartige Rattenkönige. Neuwied habe nun endlich die, Verbindung von W a^r e n - und Kreditgeschäft aufgegeben ji nb in dem gleichen Augenblick führen die tz a m b u r g e r Groß- Ei n k a u f s g e s c l l s ch a f t das Kreditgeschäft und die B a y - rische Zeniral-Darlehnskasse das Warengeschäft ein. Immer bunter würde das Bild des Genossenschaftswesens. Die Gewerkschaften griffen jetzt in die Konsumvereinsbewegung Tin und gründeten neben den bestehenden Konsumvereinen G c- w e r k sch a f t s k o n s u m v e r e i n e. Ob der Zentralverband deutscher Konsumvereine auch hierbei ,,neutral" ist? Der Klassencharakter der Konsumvereine trete immer schärfer in die Erscheinung, unterstützt durch die Agitation gegen die Konsumvereine. Tie Schwierigkeiten, die den Konsumvereinen bereitet würden, dienten diesen nur als Reklame. Map greife zu den verfehltesten Mitteln. Der Anwalt bespricht dann Die Lage der.Konsum- .vereine, weist darauf hin, daß die Beschlüsse der Allgemeinen 'Genossenschaftstage mehr Beachtung finden müssen, kritisiert die Geschäftsberichte, bespricht den Einfluß der Lebens- mrittelverteuerung mnb der wirtschaftlichen De - p refften. Letztere wäre vor allem von den Kreditgenossenschaften empfunden. Diese hätten infolge der Reichsfinanzreform ein besonders arbeitsreiches Jahr hinter sich. Man hätte vor allen Dingen den nachteiligen Einfluß Iber Reichsfinanzreform auf die Organisation befürchten müssen. Ter Scheckstempel habe die Entwickelung des Scheckverkehrs gehemmt. Auch der P o st s ch e ck v e r k e h r mache sich bereits vielfach bemerkbar. Wollte man die Verzinsung der Postscheckkonten ein- führen, würde man die Genossenschaften schwer schädigen. Interessante Mitteilungen macht der Anwalt dann über die Konkurrenz, die den Kreditgerrvssen- schäften bereitet wird durch die Kreissparkassen und er weist -darauf hin, wie man für die Bayerische Notenbank agitiere auf Kosten der Kreditgenossenschaften. Auch das Reichsschuldbuch dürfte, nachdem jetzt in kleinen Dörfern durch Plakate zu Einzeichnungen von 100 Mark aufgefordert würde, ein Konkurrent werden. Die Konkurrenz würde sich in der Geldoerteuerung bemerkbar machen. Der Anwalt wendet sich zur gesetzlichen Regelung des Deposit e n v er ke h r s und zur L i g u i d i t a t s f r a g e. Er stellt .fest, daß die Liquidität der Kreditgenossenschaften des Allgemeinen Verbandes eine durchaus normale fei. Dann geht er über zur Befriedigung des Realkreditbedürfnisses seitens der Kreditgenossenschaften, vor dem er dringend warnt. Nach Be- 'sprechung verschiedener Geschäftszweige behandelt der Anwalt die Frage der Diskontierung von Buchforderungen, die -durchaus keinen neuen Geschäftszweig für die Kreditgenossenschaften dar stelle, die sich aber nicht mit besonderen Genossenschaften nach 'einem Schema lösen lasse. Für sehr bedenllich hält er die Einbeziehung der Genossenschaften in die Entschuldungsaktion und die Pflege des Güter Handels durch die Genossenschaften. .Da dürste es wohl dazu kommen, daß schließlich Grundverwertungsgenossenschaften von ländlichen Darlehnskassen gegründet werden -müssen. Entschieden Stellung nimmt der Anwalt gegen den Vorwurf, daß die volksbankmäßige Entwicklung der Kreditgenossew- 1 schäften die Veranlassung für die Umwandlung einzelner 'Genossenschaften in Aktiengesellschaften geworden wäre. Hier hätten nur finanzielle Nebenabsichten einzelner Personen mitgesprochen. Tas zeige sich auch in den Fällen, in denen die Gemeinden Kreditgenossenschaften einverleibt haben. Ein be- .benlliches Zeichen für das soziale Verständnis der betreffenden. . Bürgermeister. — Die Gegner der Baugenossenschaften hätten sich wieder stark bemerkbar gemacht. Uebereifrige Freunde der Baugenossenschaften hätten ihnen Material geboten. Vorgänge im letzten Jahr hätten aber gezeigt, wie vorsichtig die Bedürfnisfrage geprüft werden müßte. Das A und O der Baugenossenschaft -aber wäre die Mietenkalkulation. Der Grundsatz der ; llnfteigerbarteit der Mieten habe sich natürlich nicht aufrecht er- ' halten lassen. Nun kämen sogar Ereignisse wie die Erhöhung der Zinsen durch die Versicherungsanstalten. Hoffentlich würde es . gelingen, hier zu einer Verständigung zu kommen. Der Anwalt 'läßt sich über die „ehrenamtliche" Verwaltung aus bei den Baugenossenschaften, er glaubt, daß die großen Unternehmungen ge- ^schäftskundiger Leitung bedürfen. Erfreulich fei es, daß außerhalb der verschiedenen Baugenofsenschastsverbände die Ansichten sich immer mehr ausgleichen. Das zeigte sich kürzlich wieder bei der Behandlung der Liguidität und des Sparkassenverkehrs. Die Haus- und Grundbesitzer überschätzen doch ganz bedeutend die '.Gefahren, die ihnen durch die Baugenossenschaften entstehen können. Die Wohnungsfrage sei eins der wichtigsten Probleme, und ob- - gleich die Baugenossenschaften nur einen bescheidenen Teil an der .Lösung hätten, würde ihr Mitwirken doch bedeutungsvoll. Hier ^Richard Wagners erhielt. Es war dem menschenscheuen König ein unangenehmer Gedanke, einen Abend „unter lauter Leuten mit langen Haaren" verbringen zu müssen; er war so unglücklich, daß Kabinettschef v. Ziegler die Absage an den ; Meister in die Hand nehmen mußte. Manchen Brief herz- 'lichster Freundschaft hat der König seinem Kabinettsches von .Ziegler, wenn dieser nicht am Hoflager anwesend war, geschrieben. Eigenartig berührt es, wenn in dem einen oder 1 anderen dieser Freundschaftsbriefe irgend welche ganz unerwartete Wendung kommt, die zeigt, wie der König die Bereicherungen seiner Freundschaft seinem „sonst sehr berech- Ltigten Stolze" abriugeu muß, wie er ab und zu auch die t Befürchtung ausspricht, der „von seiner 'Gunst Begnadete ' könne sich überheben, was er nie vertragen würde". Bon 5 geschäftlichen und staatlichen Dingen schreibt der Monarch persönlich sehr selten. Greift Ludwig einmal selbst zur Feder, ist das einzige, ihrer würdige Thema „seine treue Freundschaft", die, wie er oft schreibt, „bis zum Tode währen werde"! Mitteilungen geschäftlicher Natur läßt er einen Lakaien zu Papier bringen, diktiert sie auch manchmal ganz und unterschreibt dann mit „Ludwig", „König Ludwig", ab und zu auch in ärgerlicher Stimmung oder um seinen Befehlen erhöhten Nachdruck zu verleihen, mit „Ich, der König". So lautet ein am 23. September 1876 vom König Ludwig einem Lakaien diktierter und von ihm selbst unterschriebener Bries an feinen Kabinettsches wörtlich: „Aus dem llmstand, daß Ich weder Ovationen, noch Mich zu. zeigen liebe, ist jener Schluß nicht zu ziehen. Ich verlasse Mich fest daraus, daß dies geschieht. Ich, der König." — Balzacs Autographen. Die französische Akademie ' ist in den Besitz einer wertvollen Sammlung von Briefen Balzacs gelangt, die ihr der Gras von Lowenjoul in seinem Testament vermacht hat. Dieser war auf seltsame Weise in den Besitz der kostbaren Autographen gelangt. Er sah eines Tages einen Schuhflicker, der sich seine Pfeife mit einem zusammengefalteten Brief anzündete. Die Tinte, mit der der Brief geschrieben war, war bereits alt und verblaßt und die Schriftzüge hatten ein charakteristisches Gepräge, so daß der Gras den Mann bat, sich das Papier ansehen zu dürfen. Zu seiner Ucberraschung erkannte er Balzacs Handschrift und Unterschrift, und er gab dem Mann 20 Francs für seinen Brief. Jetzt erzählte ihm der Schuhflicker, daß er noch eine ganze Anzahl von diesen Briefen hätte und brachte dann auch einen ganzen Haufen in einem Korbe ange- schlevpt, die er natürlich gern dem Grafext um einen geringen Prers Überließ. lasse sich aber nichts gewaltsam betreiben, es gehörte daher in das Reich der Utopie, wenn man irach Organisationen suchte etwa unter Zuhilfenahme der Staatsgarantie, um den Baugenosfen- schasten jeden notwendigen Kredü zur Verfügung zu stellen. Für die Stellung der Genossenschaften im wirtschaftlichen Leben sei kennzeichnend, daß keine großen Aktionen erfolgen, ohne daß ihrer gedacht würde. So seien Vertreter zu- gezogen zur Bankenquete, zu der Konferenz, die im Reichsjustizamt über Wechselrecht stattfand. Der Anwalt läßt sich dann noch über verschiedene genossenschaftliche Experimente aus, kritisiert die Rechtsprechung, die eine recht bdeutliche Entwicklung für die Genossenschaften genommen. Der Anwalt schließt mit dem Hinweis daraus, welche Bedeutung der Allgemeine deutsch Genossenschafts- verband für die gesamte Entwicklung des Genossenschaftswesens habe. Niemand werde sie ut Zweifel ziehen können. Die Ge- nosfenschasten des Allgemeinen Verbandes beweisen, was die eigne Kraft vermöge. Jene ideale Begeisterung aus großer Zeit sei allerdings vielfach verschwunden; Platz gemacht habe sie einer nüchternen geschäftlichen Erwägung, doch auch diese sei auf diesem Gebiet von Vorteil. Die „nüchterne geschäftliche Arbeit der Genossenschaften" stehe nicht im Dienste einseitiger Jnteressen-Bestre- ibnngen, an denen unser Vaterland schwer leidet, sondern im Dienste der Gesamtheit des deutschen Voltes. Die Arbeit erscheine als eine Oase in dem Zeitalter, in dem Materialismus und eigener Vorteil nur allzu sehr die Richtschnur für Handlungen und Entschließungen abgeben. Den Anforderungen jederzeit ge- red)t zu werden, betrachten der Allgemeine deutsche Genossenschafts- verband und seine Genossenschaften als ihre Aufgabe. Der zwei Stunden andauernde Jahresbericht wurde von der Versammlung mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Nach dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Jahresbericht folgte noch ein kurzer Bericht des Vorsitzenden des Engeren Ausschusses über dessen Tätigkeit, worauf die beiden ausscheideirden Mitglieder, Direktor Oppermann -Magdeburg und Stadt- ältester Klettke-Breslau, durch Zuruf wiedergewählt wurden. Der dritte Punkt der Tagesordnung betraf folgenden A n -- trag des .Vorstandes und Aufsichtsrats über die Fürsorge für Privatangestellte: „Nachdem von der Reichsr^ierung ein Gesetzentwurf zur Pensions- und Hinterbliebenen-Fürsorge für Privatangestellte auf Grund der zweiten amtlichen Denkschrift zu dem Gegenstände in sichere Aussicht gestellt ist, richtet der Allgemeine deutsche Genossenschaftstag an die Reichsregierung und den Reichstag die Bitte, bei der gesetzlichen Regelung der Pensions- und Hinter- bliebenen-Fürsorge für Prioatangestellte die auf Grundlage der Selbsthilfe errichteten privaten Versicherungsunternehmungen als Ersatzinstitute zuzulassen, falls sie dem Kaiserlichen Aussichtsamt für Privatversicherung unterstellt sind und eine der staatlichen Versicherung gleichwertige Fürsorge in Leistung und Gegenleistung aufweisen. Gleichzeitig spricht der A. G. die Erwartung aus, daß die besonderen Vorschriften für Ersatzinstitute die Bewegungsfreiheit und Existenzfähigkeit derselben gewährleisten werden." Dieser Antrag, den Direktoö Jäger-Berlin eingehend 'begründete, wurde nach längerer Aussprache einmütig angenommen. Es folgt darauf der Bericht des Direktors Oppermann über die Prüfung der Jahresrechnung, in der sich die Einnahmen auf 77 493 Mark, die Ausgaben auf 77 485 Mark stellen. Der Vermögensbestand beträgt 125 473 Mark. — Weiter wird noch der Verband der Baugenossenschaften für Niedersachsen als Unter» verband des Allgemeinen Verbandes anerkannt. Mehrere neue Genossenschaften werden ausgenommen, zwei Genossenschaften dagegen ausgeschlossen. Nachdem noch auf Einladung des Direktors Kürz als nächstjähriger Ort des Genossenschaftstages Stettin bestimmt ist, wird die erste Hauptversammlung gegen 1 Uhr geschlossen. — Am Nachmittag fanden dann noch zwei weitere Versammlungen statt, die sich mit Angelegenheiten der Handwer ker-Ge- no ss en schäften und der Baugenossenschaften beschäftigten. Gerichtsfaal. R. B. Darmstadt, 6. Sept. Das Kriegsgericht verurteilte den aus Vilbel gebürtigen Dragoner Hermann Greiling vom Leib-Drag.-Regt. Nr. 24 wegen unerlaubter Entfernung zu 2 Monaten Gefängnis und Versetzung in die 2. Klasse des Soldatenstandes. Er hatte sich ohne Urlaub eines Sonntags nachts in der Wirtschaft zur Ludwigshalle aufgehalten und als man ihn zuletzt entfernte, durch fein Verhalten auf der Straße die Verbringung auf die Schloßwache veranlaßt. Das Gericht kam zu der hohen Strafe, weil der im dritten Jahre dienende Angeklagte eine sehr schlechte Führung aufmeift und schon mehrmals wegen gleichen Vergebens bestraft worden ist. d. Mainz, 6. Sept. Der „Rh. Volksbote" in Gau-Alges- heim hatte einen an ihn gerichteten Brief des Lehrers Keil in Heidesheim veröffentlicht. In Nr. 127 vom 4. Juni des „Mainzer Journal" wurde in einer Erwiderung des Briefes behauptet, der Lehrer Keil habe sozialdemokratische Gesinnung betätigt, außerdem wurden in dem Artikel noch andere beleidigende Aeußerungen gegen den Lehrer gebraucht. Keil strengte gegen den Redakteur des „Mainzer Journal", Köppen, Privat- beleidigungsllage an, die heute am Schöffengericht zur Verhandlung kam. Bevor in die Beweisaufnahme eingetreten wurde, wurde folgender Vergleich abgeschlossen: Nach den heutigen Erllärungen des Privatllägers Keil hat sich der Redakteur deA „Mainzer Journals" davon überzeugt, daß der Privatkläger weder Sozialdenwkrat ist, noch sozialdenwkratische Gesinnungen betätigt hat. Redakteur Köppen nimmt daher den in der Nr. 127 vom 4. Juni des „Mainzer Journals" gegen den Privatkläger enthaltenen Vorwurf sozialdemokratischer Gesinnungen, sowie die weiteren formellen. Beleidigungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück unb'übernimmt sämtliche Kosten. Lustschiffahrt" Drahtlose Telegraphie für Luftschiffe. Ans New°Pork wird berichtet: Die Märeoni-Gesellschaft hat einen besonderen Apparat für drahtlose Telegraphie gebaut, der für vas lenkbare Lnitschiff Verwendung finden soll, mit dem Walter Wellman seine uerroegene Fahrtüber den Atlantischen Ozean antretei: will. Der Apparat ist besonders leicht gebaut und hat daher auch nur geringe Kraft, so daß die Botschaften nicht über 6 i englische Meilen gesandt iverden können. Das Jnstrinnent soll in einem Rettungsboot untergebrarbt werden, das an dem Luftschiff aufgebängt ist; als Telegraphist wird ein Beamter der Gesellschaft, I. R. Irwin, vom Dampfer St. Louis, angestellt. Irwin wird währeitd des Flllges von Atlantic City nach Osten ftäubig Botschaften senden, die von ben vorüber fahrenden Dampfern aufgeiiommeii iverden sosten. So >vird es and) möglich sein, bei einem etwaigen Unfall mit Hilfe der drahtlosen Telegraphie Dampfer, die in der Nahe und gleichfalls mit diesen Apparaten ausgerüstet sind, zur Hille herbeizurufen. Herr A. G. Weber und die presse. Wir haben in Nr. 206 des Gieß. Anzeigers bereits die Forderung ausgesprochen, daß der Schriftsteller A. O. Weber unbedingt die von ihm angeblich bestochenen Zeitungen nennen müsse. Jetzt nimmt auch die Köln. Ztg. Stellung zu dieser Angelegenheit. Sie schreibt: „Herr A. O. Weber, der Gatte der ehemaligen Frau von Schönebeck, hat abermals 'die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung auf sich gelenkt. Er hat am 30. August vor dem Berliner Landgericht III, vor dem er zur Rechnungslegung über die Verwendung des Vermögens seiner Ehefrau angehalten wurde, u. a. einen Posten von 3000 Mark aufgeführt, der „für die Presse" ausgegeben worden sei, um sie durch „Zuweisung von Anzeigen" zu „beruhigen" und zu bewegen, bereits gegen ihn geschriebene „Schmäh- arkitel" zu „unterdrücken". Es gibt nicht viele Beziehungen in denen man eine Gemeinsamkeit der durch parteipolitische Weltanscha.uungs- und alle möglichen ändern Gegensätze zerllüsteten deutschen Presse feststellen kann. Herr Weber jedoch hat mit dem Finger auf diejenige Stelle gewiesen, die unserer ganzen ernsthaften Presse, ohne Unter- schied der Partei, bisher als point d'honneur gegolten hat: ihre Unbestechlichkeit und Nichtkäuflichkeit. Diese Unbestechlichkeit besteht darin, daß sich im redattionellen Teile keine versteckten Inserate, sondern nichts als die mehr oder weniger richtige und aufrichtige, niemals aberbezahlte M einung der Redaktion findet. Sie bildet einen Grundpfeiler des Vertrauens, das jede Zeitung mit ihrem Leserkreise verbindet, und eine Vorbedingung dafür, daß die Journalistik ein ehrliches Handwerk bleibt und daß auch Leute, die etwas auf sich halten, ihr Wissen und Können der Presse zur Verfügung stellen können. Weil wir den Anfang vom Ende des Zeitungswesens darin sehen würden, wenn Herr Weber recht hätte, so sehen wir uns berufen, von. dem Ankläger haarscharfe Beweise für seine Anklage zu fordern, deren Tragweite ihm selbst freilich nicht voll zum Bewußtsein gelangt zu sein scheint. Bis jetzt hat er nichts erwiesen. Kann er es, was wir einstweilen nicht glauben* so hat die anständige Presse ein Recht darauf, die Namen dieser Bundesgenossen zu erfahren, damit sie weiß, wen sie, zu meiden hat." A. O. Weber lehnt Beweise ab. Berlin, 5. Sept. Der Schriftsteller A. O. Weber, der Ehemann der Frau Schönebeck, lehnt aus Anfrage ab, die Natnen der ostpreußischen Zeitungen bekannt zu geben, die er durch '-Aufgabe von Inseraten im Allen st einer Prozeßerfolgreich b e ft o d) e n haben will. Gegen A. O. Weber werden nunmehr.die Verleger- und Journalistenvereine Ostpreußens die Verleumdungs- klage e i n b r i n g e n , da die Behauptungen des Herrn Weber nachweislich glatt crfuyden sind. War das vielleicht ein neuer Retlametrick? Es ist nicht ausgeschlossen, da Herr A. O. Weber „sein Geschäft" zweifellos versteht. vermochte«. * Von der heiligen Sieben. Ein öffentliches Aufgebot ergebt an die Welt, erlassen vorn Königlichen Amtsgericht Berlin-Mitte betreffend sieben Pfennige. Nämlich: seit dem 29. September A. D. 1879 lagern selbige, wo sie als gerichtlich niederzulegende Gelder ordnungsgemäß zu lagern haben: bei bet Ministerial-, Militär- unb Baukommiffion zu Berlin. Denn^ : sie waren bamals der Rest eines Versteigerungserlöses aus der 1 Versteigerung des Auktionskommissars Krieger in Sachen Otto ■ Modo Buchholz kontra Bielitz, weil Frau Flauter Jnterventions^ ansprüche angemeldet hatte. Aber so war nun die Frau Flautet: ' Erst, tat sie das, und dann hob sie das Geld nicht ab! Nunmehto fordert das Amtsgericht alle Beteiligten auf, ihre Ansprüche und Rechte auf bemeldete sieben Pfennige spätestens in dem auf den 29. Oktober 1910, vormittags 11 llhr anberaumten Aufgebotstermin vor dem Gericht in Berlin C., Neue Friedrichstraße 12/15, 3immer 113/115, anzumelden. Androhung: Im Falle nicht er« folgender Anmeldung wird die Ausschließung der Beteiligten mit ihren Ansprüchen auf die sieben Pfennige gegen die Staatskasse erfolgen. Sollte etwa unter unfern Lesern einer, dieweil er vielleicht auch Flauter heißt, denken: wer weiß, vielleicht läßt sich hier zur Aufbesserung deiner Vermögensverhältnisse im Trüben fischen — so sei er indessen ernstlich gewarnt. Denn wir unserseits! fragen: wer weiß, wie viel des heiligen Bureaukratii Spesen betragen? Als welche ettoanigen Falles auch der glaubhaft als zur Entgegennahme des lagernden Kapitals berechtigt ausgewiesene Bewerber feinerfeitig zu berichtigen hätte? * Cholera und Aberglaube. Trotz aller energischen Bekämpfung ist die Cholera in Apulien noch keineswegs zum Erlöschen gebracht worden, und sie findet einen Bundesgenossen in dem Aberglauben der Bevölkerung, die in ihrem Schrecken doch weniger Angst vor der Krankheit als vor dem Hospital hall Jeder Kranke, der den Keim der furchtbaren Seuche in sich fühlt, hat nur die eine Bitte an seine Angehörigen: „Laßt mich hieü sterben! Ruft nicht den Arzt!" Und die Verwandten geben sich oft genug wirklich alle Mühe, den neuen Krankheitsfall zu verheimlichen und den Leidenden mit Weihwasser zu heilen. Aber es gibt auch, wie der Gazzetta del Popolo geschrieben wird, noch andere Mittel, die nach der festen Ueberzeugung des Volkes gegen die Cholera wirken, sie sogar ganz verhindern. Man braucht nur etwas Knoblauch am Halse zu tragen, und man wird damit ein ganzes Heer von Mikroben in die Flucht schlagen. Völlig sicher ist auch ein Horn aus Korallen ober Knochen als einzige Vorsichtsmaßregel in biefen Zeiten der Epibemie. Das Unheil oerbreitdl sich nicht etwa burch verborbene Melonen oder durch schmutzige Lappen, wie die Aerzte das behaupten, sondern vor allem durch den „bösen Blick". Man kennt ja eine ganze Anzahl solcher Leute mit bösem Blick und man kann ihnen aus dem Wege gehen, wenn man sie nur von fern, erblickt: aber das Unglück ist, daß man bei weitem nicht alle kennt, und gerade in diesen Cholerazeiten sieht man durch das Land gewisse Gestalten ziehen, vott denen keiner weiß, wo sie so plötzlich hergekommen sind. Sie sehen verdächtig aus, haben eine gewisse honigsüße Art und verstecken immer die Hände. . . . Wenn die Frauen eine solche gefahrbringende Erscheinung sehen, so zittern sie vor Angst, pressen ihre Kinder an sich und stürzen eiligst in das Haus, dessen Tür sie hinter sich schließen, und auf den Türpfosten setzen sie eine Flasche mit heiligem Manna und den geweihten Oelzweig. Wehe denen, die zu offnen wagten, wenn jener Fremde klopft! Unglück und Tod würden sofort ihren Einzug in das Haus halten. * Gefängnis idy Ile in Monkenegro. Tie schöne Einfachheit der Sitten, die für das jüngste Königreich charakteristisch ist, erstreckt sich auch auf das Gefängmswesen. In Cettinje gehen die wegen gemeiner Verbrechen Verurteilten in bestinnnten Stunden des Morgens und des Vormittags gemütlich umher, rauchen ihre Zigaretten und taufen Lebensmittel und alles andere, dessen sie benötigen, ein. Ganz ohne Aussicht bleiben freilich auch in Montenegro die Gefangeneil nicht; ein Wächter geht mit ihnen, lind überdies ist ihnen die Fllid)l erschivert durch mächtige, großmascküge Ketten die sie am Fuße nachschlepven. Diese Kette steht dabei in ihrer Größe in einem bestimmten Verhältnis zu ihrer: Vergehen unb Strafen: manche haben nur an einem Fuß die Kette, anbere wieder an beiben. Das Nachschleppeir der Ketten verursacht einen Höllenlärm, aber die Sträflinge fühlen sich baburd) nicht allzusehr beschwert. Es sind ihrer,, wie das „Giornale d'Jtalia" berichtet, gegenwärtig auch nur acht oder zehn, und zwar alles junge Männer. Wenn der Staat ihnen das Ouartier gibt, so müssen sie selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen und arbeiten, aber dafür kaufen sie sich aud) die Nahrungsmittel, die sie moUen und essen nach ihrem Belieben. Die (Straftaten, um bereu willen diese Gefangenen Der- urteilt wurden, waren immer nur Verbrechet: gegen das Leben, niemals Räubereien. Jt: den meisten Fället: handelt es sich um Vendetta. Seit 6 Jahren tst in Montenegro kein Einbruch begangen worden. Als bet bet: jetzigen Festen ein Gast von seinem Wirte bet: Hattsscküüssel erbat, antwortete dieser ihn: mit gutmütigen: Lächelt:: „Wir habet: feine Schlüssel, und die Haustür bient nur zum Schutze gegen die Kälte unb gegen die Hunde". * D i e Unschuld vom Lande — in Marokk o. Eine Abteilung von Zuaven begegnete, wie ein in Casablanca erscheinendes französisches Blatt schreibt, auf dem Wege, der vov dieser Stadt nach Rabat führt, zwei jungen Marokkanern. Sie fallen beim Vorbeimarsch der Truppe aufs Knie und spreche« unter lebhaften Gebärden inbrünstige Gebete, uni alsdann die Hand zur Entgegennahme milder Gaben ^auszustrecken. Die Zuaven weisen die Bettelei mit derben Scherzworten zurück. Unverzüglich laufen die beiden schwarzbraunen Gesellen zum Chef des benachbarten Militärpostens und behaupten frech, sie feiert von den Zuaven geschlagen, ihrer Burnusse und ihrer Barschaft im Betrage von 50 Turos beraubt worden. Der französische Offizier untersucht den Fall unb läßt die beiden verlogenen Burschen kurzerhmrd emfteden. Am nächsten Tage kommt ber Vater eines von ihnen, um die Freilassung seines Sohnes zu verlangen. „Du hast Hand an meinen Sohn gelegt," schreit er den Offizier an. „Das hast du gewagt! Weißt du nicht, daß er ein Heiliger, ein Marabut ist?" — „Wie," sagt der Offizier, „er ist ein Heiliger und verleumdet?" — „Was willst du," versetzt der andere in sanfterem Ton, „man muß es nicht so genau nehmen. Er ist eben ein Heiliger vom Lande." Kleine TageSchronik. .Aus Essen wird amtlich gemeldet: Nachdem gestern abend um 11 Uhr 49 Min. der Personenzug 343 (Honnef—Dortmund) auf dem Bahnhof Essew-Hb. sich zur Abfahrt in Bewegung gesetzt hatte, mußte er nochmals zum Halten gebracht werden, weil sich Reisende auf den Trittbrettern befanden, die auf den fahrenden Zug gesprungen waren. Infolge dieses Haltens fuhr der unmittelbar hinter dem Personenzug 343 an dem Bahnsteig vorziehende Leerzug des Personenzuges 827 (Essen-Hb.—Hattingen) auf den Schluß des Personenzuges 343. Vier Reisende wurden leicht verlebt. Der Materialschaden ist sehr gering. Untersuchung wurde eingeleitet. In Münster in Westfalen wurde auf dem Postamte in der Nacht zum 1. September ein Wertpaket mit 12 000 Mark während der Expedition entwendet: der Verdacht, der sich gegen den Postassistenten Schroeder lenkte, wurde durch die Haussuchung bei diesem bestätigt; es fehlen nur 300 Mark. Schroeder wollte das Geld für eine militärische Hebung verwenden. In Silberb ach wurden bei einem Kirchenb-au durch E in- sturz des Hochaltars fünf Mann verschüttet; sie erlitten schwere Verletzungen. Das Leiden des Schauspielers Kainz, das anfangs für gutartig gehalten wurde, hat sich, nach Wiener Zeitungen, vls bösartig erwiesen. Eine Reeidive, die in den letzten Tagen ein- getreten ist, läßt das Schlimmste für den KünsUer befürchten. In Wilhelmsdorf (Mittelfranken) wurde der Lehrer Körper nachts auf dem Heimwege von halbwüchsigen Burschen gesteinigt und so schwer verletzt, daß er bewußtlos liegen blieb. Zehn Gebote für Fuhrleute und eines für Automobilisten. Die berühmten zehn Gebote des hessischen Automobilklubs sind von einem Fußgänger unter Beifügung eines elften für Automobillenker in folgende Reime gebracht worden: 1. Fahre stets nur rechter Hand, Links wirst du leicht angerannt! 2. Ueberholt dich ein Geführt, Tut's dies links, rechts wär' verkehrt! 3. Kommt ein Wagen dir entgegen, Fahre rechts, rechts allerwegen! 4. Niemals fehl' btr die Laterne, Sei der Abend auch noch ferne! 5. Wird es dunkel, mache Licht, Das man vorn und hinten sicht! 6. Schlaf nicht auf dem Wagen ein, 's könnt' dein letzter Schlaf sonst fein! 7. Gassenjungen sollst du sagen: Werft nach Pferden nicht und Wagen! 8. Fährst bu rechts um^ eine Ecke, Nimm, so kurz es geht, die Strecke! 9. Wenn du aber links biegst ein, Soll's in weitem Bogen fei»! 10. Gibt ein Auto ein Signal, Streng beacht' es allemal, Sonst gibt es Zusammenstöße Und die Polizei wird böse. Man zitiert dich vors Gericht, Das dich Armen schuldig spricht! Das elfte und wichtigste Gebot. Erst ein Fuhrmann werden müßte Jeder Automobjliste, Zehnmal zehn Gebote kennen Vor dem ersten Straßenrennen! Drum sollst du im Autowagen Jedes Dünkels dich entschlagen! Nicht allein ist dir die Straße Nur zum Kilometersraßel Mußt auf deiner Fahrt, der tollen. Nicht als Teufel fliegen wollen, Sonst geht's einmal zu behende Und es nimmt ein böses Ende, Wie inan stets an vielen Orten Hälse bricht nebst den Rekorden! Handel. ** Neuerung imP v stsch^ckverkehr. Nach dem Muster der seit dem 1. Juli d. Js. un Verkehr befindlichen Nachnahme- karten und Nacknrahme-Postpaketadressen mit anhängender Postanweisung werden vom 1. Oktober ab auch Nach! nah me- Tarten und -Paketadressen mit anhängender Zahlkarte eingeführt zur Erleichterung der Inhaber von Postscheckkonten, welche die für sie eingezogenen Nachnahmebeträge auf ihr Konto überwiesen haben wollen. Die Neuerung wird von den Kontoinhabern, die häufiger Nachnahmekarten oder Nach- nahmcpakete zur Post geben, mit Freuden begrüßt werden. Die Verwendung der billigen Zahlkarte zur Ueberweisung von Nach- nahmebeträgen auf das Postscheckkonto des Absenders ist seit dem 1. April d. Js. zulässig. Bisher mußte jedoch bei, jeder Nachnahmesendung der Absender die mit einer Klebeliste versehene Zahlkarte auf die Rückseite der Postkarte, der Paketadresse usw. kleben und an der Sendung mittels Siegelmarke oder dergl. befestigen, um sie vor einer Beschädigung während der Beförderung zu bewahren. Dem wird nun, soweit es sich um die häufigste Art der Nachnahmesendungen handelt (d. s. Karten und Pakete) durch das neue Formular abgeholfen. Die auf hellbraunem Kartonpapier hergestellten neuen Formulare werden vom 1. Oktober ab von den Postscheckämtern an die Kontoinhaber zum Preise von 5 Pfg. für je 10 Stück abgegeben. Auch werden sie beim Postscheckamt auf Antrag des Kontoinhabers mit seinem Namen und mit der Nummer seines Kontos bedruckt. Am Schalter der Postanstalten werden sie nicht verkauft. Die beiden Formulare mit an Hangender Zählkarte, also sowohl die Nachnahmekarten als auch die Paketadressen können durch die Privatindustrie hergestellt werden. Sie müssen alsdann mit den amtlichen Mustern in Papier, Farbe, Format und Druck genau übereinstimmen. Firmen, die die Formulare für ihren Gebrauch durch Privatdruckereien Herstellen lassen wollen, werden von den Ober-Postdirektionen auf Wunsch Probe-Formulare geliefert. Märkte. F.C. Wiesbaden. Viehhof-Marktbericht vom 5. Sept. Auftrieb: Rinder 73, Kälber 72, Schafe 47, Schweine 252. Tendenz: Rinder, Kälber, Schafe, Schweine mittelmäßig. Ochsen. Dollsieischige, ausgemästete, höchsten Preis pro 100 Pfd. Gebend- SÄlachl» gewicht von-bisvon-biS Durchschnittspreis pro 100 Pfund L'cbcnb» Schlachk- aewichc Schlachtwertes, höchstens 6 Jahre alt 47—52 85—90 49 Junge, fleischige, nicht ausgemästete und ältere ausgemästete...... 42—46 81—84 44 Mäßig genährte junge und gut genährte ältere......... 38—41 76—79 39 Färsen, K ü h e. Vollfletschige ausgemästete Färsen höchst. Schlachtwertes........ 44—50 80—87 47 Vollfleischige auSgemästete Kühe höchst. Schlachtwertes bis zu 7 Jahren. . 39—44 75—80 41 Aeltere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte si'mgereKühe u. Färsen 34—38 68—73 36 Mäßig genährte Kühe nnd Färsen . . 29—33 64—66 31 Kälber. Feinste Mast- (Vollmilchmast) und beste Saugkälber......... 60-65 100-108 62 Mittlere Mast- und gute Saugkälber . 52—59 87—98 55 Geringere Saugkälber..... 47—51 78—86 49 Schafe. Mastlämmer und jüngere Masthammel 40—41 80 — 82 40 Schweine. Vollfleischige Schweine bis zu 2 Zentner Lebendgewicht........ 56—57 71—73 56 Vollfleischige Schweine über 2 Zentner Lebendgewicht........ 56—57 71—73 56 Fleischige Schweine ...... 55—00 70—00 55 87 82 77 83 77 70 65 104 92 82 81 71 71 70 X Kirchhain, 6. Sept. Ter Auftrieb zum heutigen V i e h- markt stellte sich auf rund 100 Ochsen, Kühe, Rinder und Kälber. Die Preise waren hoch. — Auf dem S ch w e i n e m a r k t, der mit über 600 Ferkeln und Läufern befahren war, wurden für Ferkel 32—40 Alk., für Läufer 50—90 Mk. das Paar bezahlt. Tie Preise zogen nicht an. Vüchertisch. — Paul Lincke-Heft. In dem soeben erschienenen neuesten Hefte der „M u s i k für Alle" kommt Berlins beliebtester Komponist Paul L i n ck e zu Wort. Die größten Schlager dieses erfolgreichen Tonsetzers sind zum Mdruck gelangt: „Donnerwetter tadellos!", „Madame Inkognito", „Das Glühwürmchen-Idyll", „Lunawalzer". An Märschen und Couplets finden wir das ulkige „Geh'» wir noch ins Cafe" und den Marsch „Jahrmarktsruntmel", sowie das echt berlinische Couplet „Gustav, Gustav, ärgere dich nicht!". In dem mit lustigen Berliner Typen illustrierten Textteil schildert Dr. Erich Urban die Persönlichkeit Linckes. Meteorologische Beobachtungen der Station Sietzen. Sept. 1910 Barometer auf 0e reduziert Temperatur N der Lust ö Absolute Feuchtigkeit Relative Feuchtigkeit Wind- rtchttmg «c C s CBr*ib 1 bex Bewölkung in gehn»! der । fichtb. Hinirnelrsi. Wetter 6. 27b 747,8 15,8 10,8 81 NW 2 10 Bed. Himmel 6. 9“ 748,4 13,2 10,8 96 WNW 2 8 Aew. Himmel 7. 7’4 <48,8 12,4 10,3 97 WSW 2 10 Bed. Himmel Hö 9lt chste D adrigste 1 rmperatur ar n 5. 5. )is 6. „ 6. 1 Septbr. — 4- 16,5° 6. 4- 10,8 °C. Niederschlag: — 0,3 mm. Bei Ueberniüdmrg Reihe, so daß ich meinem schwereit Berufe wieder völlig in der nachgehen konnte. Ihr Präparat habe ich vielfach empfohlen und überall wurde mir gern der Erfolg bestätigt." (gez.) Schwester Elise. Wer bei Entkräftung, Abgespcmntheit oder Erschöpfung zur Unterstützung der Ernährung eines Stärkungsmittels bedarf, greife zu Scotts Emulsion, denn diese enthält in vollkommen leicht verdaulicher und bekömmlicher Form wertvolle, kräftigende Bestandteile. Verlangen Sie aber ausdrücklich Scotts Emulsion und lassen Sie sich keine der vielen Nachahmungen aufdrängen, die dem Originalpräparat auch nicht entfernt gleichkommen. infolge von beruflichen Anstrengungen nehme man Scotts Emulsion, die sich zur Wiederauffrischung der gesunkenen Körperkräfte in vorzüglicher Weise eignet. Dresden, Mathildenstr. 29III, 30. 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