Nr. 208 Erscheint tSglkch mit Ausnahme des Sonntags. Die „Siebener Lamilienblätter" werden dem «Anzeiger- viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis -letzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag: eo&1. Red aktiv in 112. Tel.-Adr^ Anzeig erGießen. politische Lcrgesscharr. ein Privat-Beawten-Streik möglich? Die Frage, ob mit dem Fortschreiten der Organisation der Berufe und Stände zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen nach dem Vorbild der Arbeiterschaft auch die Merkmale der Kampsesweise dieser Klasse übernommen werden könnten, ist in der letzten Zell vielfach erörtert worden. Die Möglichkeit, daß bald and) einmal mit einem Beamten-Streik zu rechnen sein werde, ist kürzlich in einer Korrespondenz ernstlich zum LUlsdruck gebracht worden. Es dürfte als ausgeschlossen anzuschen sein, daß öffentliche Beamte von diesem Mrttel jemals Gebrauch machen werden. Hinsichtlich der Privat-Beamten äußert sid) hierüber ein sehr beachtenswerter Artikel der „Privat-Beamten-Zeitung". Der Aussatz gibt zunächst eine Charakteristik und die Ursachen des Streiks an und hebt hervor, daß für die lediglich physische Arbeit leistenden Arbeiter der Streik eine wirksame Waffe im wirtschaftlichen und soziale Kampfe und das gegebene Mittel für die Durchführung ihrer Forderungen sein könne. Er stellt dann eine Untersuchung darüber an, ob ein Streik der Privat-Beamten oder einzelner Berufe dieses Standes Aussicht auf Erfolg haben würde. Derartige Untersuchungen seien schon an sid) geeignet, ein wenig wünschenswertes Moment in das Verhältnis zwischen Beamten und Arbeitgeber zu bringen. Ferner sei aber entschieden zu verneinen, daß der Streik als Kampfmittel zur Besserung seiner Lage für den Privat-Beamten überhaupt geeignet sei. Diese Ansicht wird hautsächlich damit begründet, daß die Unterschiede zwischen dem Charakter der vorwiegend geistige Tätigkeit leistenden Privat-Beamten und dem der Handarbeiter, der Lebens- und Dienstverhältnisse beider groß seien und ein erheblicher Teil der Privat-Beamten seiner Bildung und sozialen Anschauung entsprechend stzch schwerlich dazu verstehen würde, sich proletarischer Kampfesweise zu bedienen. Es liege im wohlverstandenen Interesse des Privat-Beamten, wenn er nicht mit brutaler Gewalt einseitig seine Forderungen durchzusetzen suche, sondern in lieber- einftimimmg mit dem Arbeitgeber an der Besserung seiner Lage arbeite, auf dessen Serie er auch seiner sozialen Stellung nach stehen solle. Um dre an und für sich schon täglich schärfer sich zuspitzenden Gegensätze int wirtschaftlichen Leben nicht noch schroffer auszupragen, sei zu wünschen, daß unter den Privat-Beamten der Gedanke an ein derartiges Kampfmittel Platz greife. folgen; oder aber: es möchten denen, so ihn verstanden, die Haare zum Berge gestanden haben ob der überraschenden Entdeckunaen, die Herr Molkenbuhr, der „Arbeitervertreter", bei dem Ritt in das sozialpolitische Land machte. Wir finden hier einerseits die „Aermsten und Elenden" erdrückt von der ganzen Last der Kosten für die Arbeiter-, Versicherung. Unmittelbar darauf aber marschieren die deutschen Kapitalisten — ebenfalls laut jammernd — auf, nunmehr sind sie es, welche die Geschichte bezahlen, indem sie jährlich 375 -Millionen hergeben; in den letzten zwanzig Jahren vier Mlliarden. Wer nun noch nicht weiß, ob eigentlich die Arbeiter oder die Unternehmer die Leidtragenden sind, der wird zuletzt doch noch des bangen Zweifels enthoben: die Unternehmer sind's zwar, die zahlen. Aber wie diese verrotteten Kerle nun einmal sind, so ver- stehen sie es auch, mit einem weinenden und — zwei lachen- den Augen zu zahlen. Sie haben sich die Sache so einzurichten verstanden, daß sie allerdings 375 Millionen Mark ausgeben, dafür aber auch 420 Millionen einnehmen; so daß den deu^chen Kapitalisten aus der Arbeiterversicherung ein jährlicher Profit von 45 Millionen erblüht! Eigentlich von 420 Millionen, da sie ja ihre Ausgaben den „Käufern mit in Rechnung stellen". So sind es zuletzt also die Kapitalisten doch wieder nicht, welche zahlen; denn sie machen ja ein Millionengeschäft dabei. Die „armen und elenden" Arbeiter sind es — wenigstens nach dem zweiten Teil der Molkenbuhrschen Rede — auch nicht. Also sind es die „Säufer"? Denn sie zahlen an die Unternehmer 420 Mill. Mark, von denen diese 45 Millionen für sich behalten und den Rest von 375 Millionen für die Arbeiterversicherung weitergeben. Was will denn &err Molkenbuhr nun noch? Wenn diese von ihm entdeckten Leute, die er „Käufer" nennt, und die äußerordentlich begabt zu sein scheinen, alles bezahlen, dann ist die Geschichte doch auss schönste eingerichtet! Run wird uns auch die Begeisterung verständlicher, welche die Kongreßteilnehmer am Schlüsse der achttägigen Redeschlacht befiel. Sie werden in ihren verschiedenen Heimatländern ebenfalls „Käufer" ä la Molkenbuhr auf- treiben und so mit einem Schlage in der gesamten Kultur- welt die schwierige Frage der Finanzierung der Arbeiterversicherung und damit die soziale Frage überhaupt lösen. So hat der Kopenhagener Kongreß zum Schluß doch noch ein praktisches Ergebnis gehabt und die internationalen Arbeiter werden nicht mehr klagen können, daß ihnen ihre „Intellektuellen" immer nur Steine statt Brot bieten. Ans Statt unt Land. Gießen, 6. Sept. 1910. Die Ernteergebnisse des Vorjahres in Hessen. Die diesjährige Ernte ist int allgemeinen beendet. Aller- meist ist das Korn in den Scheuern geborgen oder steht in großen Diemen aus dem Felde, des Erdrusches harrend. Schon hört man hier und da das Klipp-Klapp des Dreschflegels und das der Dampfdreschmaschine, und Sack auf Sack gefüllt mit köstlichem Korn wandert auf den Getreideboden. Angesichts dessen mag e3 von Interesse sein, wie sich das Endergebnis der Ernte Großherzotum Hessen waren 1909 73 801 fceftar mit Roggen bestellt und von dieser Anöau- slache wurden 168 727 Tonnen (zu je 1000 Klg.) geerntet Das bedeutet auf den Hektar einen Durchschnittsertrag von 22,9 Doppelzentnern, eine erfreulich hohe Ziffer, die sich über den im Reiche erzielten Durchschnitt um 4,4 Dz. erhebt und gegen den in Hessen im Jahresdurchschnitt von 1899—1908 pro Hektar gewonnenen Ertrag um 3,1 Dz. größer geworden ist. Das gleick) günstige Ergebnis bezüglich der Ertragfähigkeit unseres landwirtschaftlich bebauten Bodens und ihrer Steigerung läßt sich beim Weizen, konstatieren. Mit Weizen, der vornehmsten aller Körnerfrüchte waren im Großherzogtum 28 977 Hektar besät und die von ihnen gewonnene Erntemenge betrug 66 528 Tonnen oder 23 Dz auf den Hektar, während im Jahrzehnt von 1899—1908 nur 21,4 Dzj vom Hektar geerntet wurden und im ganzen Reiche im Vorjahre durchschmttltch nur 20,5 Dz. Die Ertragfähigkeit des Bodens, war noch etwas größer beim Anbau von Sommerger st e die auf dem Hektar ein Erdruschresultat von 23,9 Dz. lieferte (1899 bU 1908 nur: 22,5), im Neichsdurchschnitt nur 21,2 Dz. Insgesamt betrug int Großherzogtum Hessen die Anbaufläche für Gerste un Vorjahre 52 499 Hektar und die Gesamterntemenge 125 337 Tonnen. Was schließlich die Kultur des Hafers angeht, so sind wir auch in dieser Beziehung gut gestellt; denn während in ganz Deutschland der durchschnittlrche Ertrag eines mit Hafer bejäten Hektars 21,2 Doppelzentner ausmachte, ernteten die hes- Mchen Landwirte von den 55835 Hektar mit Hafer bestandenen Feldern 134 993 Tonnen Körner oder auf den Hektar 24,2 Dz Im Durchschnitt der Jahre von 1899—1908 wurde nur eiq Durschnrttsertrag von 20,8 Dz. erzielt. Die Statistik beweist^ daß sich die Landwirtschaft Hessens auf einer erfreulich hohen Entwicklungsstufe befindet; anders wäre es trotz mancher ungünstiger Verhältnisse nicht möglich, solche hohen Durchschnitts- «rträge herauszuwirtschaften. ♦ **OefsentlicheLesehalle. Im August wurden 1983 Bande ausgeliehen. Davon kommen aus: Erzählende Literatur 1040, Zeitschriften 230, Jugendschristen 223, Vers- dichtungen und Dramen 39, Literaturgeschichte 23, Länder- und Völkerkunde 46, Kulturgeschichte 38, Geschichte und Biographien 113, Kunstgeschichte 6, Naturwissenschaft und Technologie 86, Heer- und Seewesen 31, Haus- und Landwirtschaft 20, Gesundheitslehre 21, Religion und Philosophie 29, Staatswissenschast 9, Sprachwissenschaft 14, Fremdsprachliches 15 Bände. Nach auswärts kameu 71 Bände. ** Warnung. Der Vertrieb des als „Natürlicher Gesundheitshersteller" angepriesenen Geheirnmittels ber M. A. Winter Co. in Washington erfolgt unter ausdrückliche angegebener Umgehung der Apotheken ausschließlich durch. Agenten, obwohl es nach der Kaiserlichen Verordnung vom. 22. Oktober 1901 eine den Apotheken vorbehaltene Zubereitung (Pulver oder eine Art Pastillen) darstellt, die als Heilmittel außerhalb der Apotheken nicht feilgehalten oder verkauft werden darf. Warnungen, die von mehreren: Bundesregierungen vor dem Mittel erlassen wurden, haben keinen merklichen Einfluß auf seinen Absatz gehabt. Es- wurde deshalb im Jahre 1907 bei der Revision der Vor- chriften über den Verkehr mit Geheimmitteln das Mittet, durch Einreihung in die Anlage B der Geheimmittelvor-! christen dem Rezeptzwang unterworfen. Aber trotz dieses Vorgehens ist der frühere Zustand im Vertrieb und Absatz! des Mittels fast unverändert geblieben. Die Firma F. 9L1 Winter ist nach wie vor eifrig bemüht, Agenten für den Vertrieb ihres .Natürlichen Gesundheitsherstellers" zu ge* Kopenhagener Entdeckungen. Der Kongreß der roten Internationale in KopenKaaen ist am Samstag geschlossen worden. ,^8egeistert erhoben sich die Delegierten und Tribünenbesucher, und mächtig erschallten aus tausend Kehlen die Internationale, der So- zialistenmarsch, dänische, schwedische und englische Freiheits- lieber." So ging man begeistert auseinander, nachdem man eine volle Woche die Zett totbeschlagen hatte mit jenen alten Ladenhütern. Antimilitaristische Agitation, Badget- ftrcit, Taktik, Abrüstung, dazwischen Klampenborg, Lange Linie und Tivoli —, es war für Abwechslung unb Unterhaltung gesorgt, da die Beratungen selbst alles andere als unterhaltend waren. Wozu diese Kongresse eigentlich ab- gehalten werden? Die Arbeiter daheim werden über die Sache vielleicht anders denken, als die Elitegenossen, zumal sich von jeder solchen .Versammlung dasselbe sagen läßt, was der „Vonoärts" seinerzeit dem deutschen Parteitag von Dresden nachrief: „Steine statt Brot." Nun ist es allerdings um das Brot namentlich der deutschen Arbeiter nicht so trostlos bestellt, wie die Sozialdemokratie es glauben machen möchte. Allein daraus sollten die Internationalen doch nicht die Berechtigung herleiten, ihnen auf diesen Kongressen nichts als Steine zu bieten. Wer sich die Mühe macht, diese acht Tage nach einem Samenkorn, einem einzigen neuen Gedanken zu durch» forschen, wird feine Arbeit nicht belohnt finden. Aber er wird eine Beobachtung machen, die zu denken gibt, da sie sich in Amsterdam, in Stuttgart und jetzt in der dänischen Hauptstadt wiederholt: Von dem Arbeiter, feinen Nöten und täglichen Sorgen wäre überhaupt nicht die Rede, wenn man sich nicht regelmäßig noch ganz kurz vor dem Auseinandergehen seiner erinnerte, um das Dekorum durch die schleunige Annahme einer Resolution zu retten, deren Länge für ihre Jnhaltlosigkeit entschädigen soll. So war's auch jetzt in der Sund stad t. Als aus Niorgen und Wend der siebente Tag geworden war, besah man sich das Werk vielsprachiger Phrasen und siehe: man sand es so gut, daß man in die eingangs geschilderte Begeisterung geriet. Nur eines fehlte. Diese Delegierten hatten für die Arb etter - gesetzgebung keine Zeit gehabt. Darum hiell flugs noch am Samstag Herr Molkenbuhr als Berichterstatter der „sozialen Kommission" eine Rede, aus der einige Sätze der Nach well behalten zu werden verdienen: ,Zedes Land muß aud) heute schon (für die Arbeiterversiche- rung) zahlen, aber es bürdet die Lasten jcht den Aermsten und Elendesten auf. (Lebhafte Zustimmung.) Was wir jetzt tragen müssen, das soll die ganze Gesellschaft nicht tragen können? (Er- neuter Beifall.) Das ist ein lächerlicher Einwand. Sehen wir uns einmal an, welche gewaltigen Opfer auf dem Schlachtfelde der Arbeit fallen. In einem Jahre fielen in Deutschland 7000 Tote und 518000 Verwundete. (Lebhaftes Hört, hört!) Sollen deren Witwen und Waisen, die Krüppel und Verletzten ohne Hilfe bleiben? Die Frage stelleir, heißt sie beairtwvrten. Dasselbe gilt für die Allen und Invaliden, für Schwangere, Wöchnerinnen, und Arbeitslose. Die deutschen Kapitalisten jammern, daß sie 375 Miillianen Mark für die Arbeiternersicherung ausgeben. Das ist gewiß eine große Summe, und wenn man bei der Einführung her Arbeiterversicherung gewußt hätte, daß sie in 20 Jahren vier Milliarden dafür aufwenden müßten, dann hätten sie sich viel- leicku noch heftiger dagegen gesträubt. Aber hat die deutsche Industrie diese vier Milliarden nicht ruhig bezahlt, ohne daran zugrunde zu gehen? (Sehr richtig^) Ja, fein Land hat einen solch gewaltigen Aufschwung seiner Industrie in diesem Zeitraum erlebt wie gerade Deutschland. Und die Arbeiterversicherung hat dazu wesentlich beigetragen. Die Kapftalisten bezahlen ihre Kosten nicht selbst, sondern stellen sie den Käufern mit in Rechnung. Sie nehmen lährlich für die Arbeiterversicherung 420 Millionen Mark ein und geben 375 Millionen Mark dafür aus. Den Unternehmer kostet Die Versicherung für jeden Arbeitstag eines industriellen Arbeiters 12 Pfg. Das macht, wenn wll so rechnen, im Jahre bereits 310 Millionen Mark aus. Für den Landarbeiter bei 200 Arbeitstagen kostet die Versicherung 5 Pfg. pro Tag, so kommen wir auf 112 Millionen Mark. Das gibt zusanunen 422 Millionen Mark, also erheblich mehr, als die Kapitalisten tatsächlich gezahlt haben", usw. Das ist aus dem Bericht des „Vorwärts", der das gröbste schon ausgemerzt haben mag. Wenn man aber diesen gelauterten beau reste besieht, dann bleibt nur noch die Hoffnung, die Bersammellen möchten nicht genug Deutsch verstanden haben, um dem glorreichen Gedcmkenfluge zu Zweites MM Jahrgang Dienstag 6« September 1910 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen H Ww. ft WZ O 0 0 fty W AW ilzoHfilOr UmversitätS-Bnch. und Steindruckerei. vJivgviivi mijviyvi General-Anzeiger für Gberhessen Die Passion in Oberammergau. Im Jahre 1633 war es. Neben dem Schrecken, den der große Glaubenskrietz in den deutschen Landen Verbreitete, ging, zum Teil in fernem Gefolge, noch ein anderer Schreckett her: der „schwarze Tod". Auch in dem lieblich am Fuß des nördlichen Alpenwalles gelegenen Dörfchen Oberammergau, das schon damals durch seine „Herrgottsschnitzer" bekannt war, hielt die Pest Einkehr und raffte in diesem Jahr 84 Leute hinweg. Der fromme Sinn der Einwohner des toeltentlegenett Gebirgsdörfchens sah in der Heimsuchung eine Strafe des Himmels, und wie der Sohn der deutschen Alpen überhaupt stets in seinem Kampfe mit den Gefahren der unwirtlichen Bergwelt seinen Trost und seine 5)ilfe in der Religion sucht, so geschah es auch hier. Zum Dank für das Erloschen der Seuck)e und zum ewigen Gedächtnis an sie legten die Dorfbewohner das Gelübde ab, von zehn zu zehn Jahren die Leidensgeschichte Jesu Christi in Wort und Bild darzustellen. Oberammergau ist nicht der einzige Ort, in dem aus diesem oder anderen Anlaß Passion gespielt wurde. Aber während anderwärts das Spiel im Laufe der Zeit wieder einging — teils durch eifernde Priester, die von einer derartigen Darstellung eine Benveltlichung der Religion fürchteten, teils unter dem Einfluß der Aufklärung oder aus Gleichgülligtell — erwuchs das fromme Tun hier zu immer schönerer Blüte. Noch heute ist dem Oberammergauer, selbst das Spiel eine religiöse Handlung und vor jeder Aufführung versammelt sich die Spielgemeinde um ihren Dorfgeistlichen, um im Gebet den Segen Gottes auf ihr Unternehmen herab- zuslehen. Aber daneben ist es eine Quelle des Wohlstandes, der Bildung und des Fortschritts für den freundlichen Ort geworden, der unter seinem Einfluß zu einem der schönsten oeutfdjen Alpendörfer geworden ist. And) wenn kein Passionöjahr ist, wird ein Besuch des jetzt leicht mit der Bahn zu erreichenden Dörfchens dem, der mit offenen Augen die Eigentümlichkellen einer Gegend ift sich aufnimmt, einen großen Genuß gewähren. Das Dorf liegt in dem reizvollen Tale der Ammer, an der alten Heer- und Handelsstraße, die von Augsburg aus über den Brenner ins Wälschland führte. Die Schönheit der Natur ist noch vorhanden, dagegen sind die Spuren, die sonst derartige mittelalterliche Verkehrswege noch heute bezeichnen, verschwunden. Es sei denn, daß man die alten behäbigen Bürgerhäuser Oberammergaus als solche Spuren ansehen will, die in ihrer freundlichen Bemalung dem Dorfe ein stattliches Gepräge geben. Im übrigen ist es die Holzschnitzkunst und die Passion, die den Charakter des Dorfes beftimmen. Alle zehn Jahre spiell man die Leidensgeschichte und fünf Jahre spricht man von ihr, um dann die nächsten fünf Jahre die neue Spielzeit vorzubereiten. Das Spiel ist eine Angelegenheit btr ganzen 1800 Einwohner zählenden Gemeinde, die dazu eine Art freien Verein biwet. Gut ein Drittel ist aktiv an der Passion beteiligt und daneben sind noch mehrere hundert als Hilfs-, Aufsichts- und technisches Personal tätig, während die übrigen Einwohner wenigstens wirtschastlick) an den Spielen stark interessiert sind. Die Spieler werden gewählt und es ist der höchste Ehrgeiz des Oberammergauers, zu einer der .Hauptrollen bestimmt zu werden, trotzdem das materielle Erträgnis des Spieles für den einzelnen Darsteller nicht groß ist. Für 1910 kamen in Betracht: 1 Spielleiter, 1 Stellvertreter, 98 sprechende männliche Rollen, 32 Soldaten, 18 Mann bei der Rotte (Tempelwache), 14 sprechende weibliche Personen, 2 Souffleure, 25 Leute bei den Requisiten, 11 Kassierer, 61 Aufseher, 1 Musikdirektor, 1 Stellvertreter, 1 Sprecher des Prologs, 12 Sopranistinnen, 12 Mtistinnen, 8 Tenoristen, 8 Bassisten, 40 Musiker, 200 Personen beim „Volk" und 300 Schulkinder u. n. a. m. Eine stattliche Schar, deren richtige Auswahl allein schon alle Anerkennung verdient. Der heute den Aufführungen zu Grund liegende Text beruht ganz auf dem ursprünglich gebräuchlichen. Er ist aber zeitgemäß fortgeb Übet worden, so daß er heute, bei aller Wahrung ber Trabllion, gewissermaßen modern axv» mutet. Der vorletzte Dorfgeistliche, Geistl. Rat Deifen-- berget (f 1883) hat ihm in geschickter Weise die heutige Form gegeben. Auch die entsprechende Passionsmusik ist das Werk eines Oberammergauers, des 1822 gestorbenen Schullehrers Rochus D e d l e r. Das Passionsspielhaus ent* hält Raum für 4000 Zuschauer. Das Zuschauerhaus ist ellv gewalttges Tonnengewölbe; von allen Plätzen kann maor den Vorgängen auf der Bühne gut folgen und auch die Akusttk ist recht gut. Die Bühne ist 42 Meter breit, zunächst dem Zuschauerraum ist sie offen, während dahinter die 10 Meter breite Hauptbühne, sowie Jerusalemer Bauten sich befinden. Die von L aut e ns chlä g er-?Nünchen (einem geborenen Darmstädter) geschaffenen technischen Einrichtungen der Bühne sind mustergültig. Schon am Tage vor einer Aufführung geht es in Ober*- anrmergau lebhaft zu. Von allen Seiten, mit der Bahn,. Autos, Stellwagen unb zu Fuß strömen bie Leute bazu undi man fühlt sich in einen internationalen Badeort versetzt. Alle Kulturstaaten schicken ihre Vertreter, lvenn aud) das- amerikanische Element überwiegt. Denn wer von jenseits^ des großen Wassers in diesem Jahre eine Europareise macht,, nruß auch in Oberammergau gewesen sein, wenn er fernerhin gesellschaftlich für voll genommen werden will. Außßr diesen, deren Dasein mehr der Mode zuzuschreiben ist, isti vor allem die katholische Geistlichkeit aller Länder start ver-, treten. Neben diesen Extremen ber Mode mib des Glaubens! ist die große Schar derer, die aus künstlerischen und Volks* kundlichen Interessen dein einzigartigen Schauspiel beiwohnen. Aber was auch den einzelnen nach Oberammergau geführt haben mag, alle werden sicher einig sein in ber Be* Wanderung des Gesehenen und niemand wird sid) des er* greifenden Eindrucks erwehren können, den die schlicht* einfache und habet doch vollendet künstlerische Siebergabc der Leidensgeschichte des Stifters der christlichen Religion vom rein menschlichen Standpunkt ans macht. Die Darstellung setzt mit dem Einzug Jesus in Jeru^ salem ein unb enbet mit ber Auferstehung und einem sich anschließenben „Schlußtableau"^ In 17 einzelnen winnen. In welcher Art und Meise sie vorgeht, um sich Agenturen zu verschaffen, dafür ist bezeichnend, daß an eine Person, die um einen Prospekt und eine Probe deS Mittels gebeten hatte, sofort unter Zusendung von Prospekten mit dem Alifdruck deS Namens und der Adresse des Betreffenden an diesen seitens der Firma die Bitte um Uebctnahnie einer Agentur gerichtet wurde. Dadlirch aber, daß der Vertrieb dieses Mittels ausschließlich durch Agenten besorgt wird, ist es nlöglich, daß eS sich dec Kontrolle der die Tllrchführung der Geheimmittelvorschriften überwachenden Organe entzieht. Erschwert wird die Kontrolle überdies noch dadurch, daß die Sendungen der Firma als Muster ohne Wert oder in Briefform, zum Teil ohne Hinweis auf die herstcllende Firma in Washington, nach Deutschland verschickt werden. — Es empfiehlt sich, dieser Warnung in den KreiSblättcrn möglichste Verbreitung zu geben und dabei darauf hinzuweise.n, daß sich die Agenten durch den Vertrieb des Mittels strafbar machen. **5>cr Verein ehem. JägerundSchützen hielt sein diesjähriges Preisschicßen, das wie alljährlich mit Konzert und Tanz beschlossen wurde, in Rodheim a. B. ab. Preise erhielten: 1. Preis Förster Miche, Frankenbach a. D., 2. W. Erle, Klein-Linden, 3. Jul. Boos, Gladenbach, 4. Förster Möhringer, Bieber, 6. E. Marquardt, Gießen, 6. W. Blank, Gießen, 7. Jak. Kahn, Gießen, 8. R. Posch- mann, Gießen, 9. Herm. Ulrich, Gießen, 10. Fr. Werner, Gießen, 11. E. Höhn, Rodheim, 12. Fr. Jullmann, Gießen, 13. Ehr. Magnus, Gießen, 14. W. Wienhold, Gießen, 15. Fritz Euler, Gießen. Die erste Ehrenscheibe, die vom 2. Vor-i sitzenden W. Erl, Klein-Linden, gestiftet war, erschoß zugleich nrit dem 1. Preis Fr. Werner, Gießen, 2. Preis Jul. Boos, Gladenbach, 3. Förster Möhringer, Bieber. Die zweite 1 Ehrenscheibe, die von E. Höhn, Rodheim, gestiftet wurde, erschoß zugleich mit dem 1. Preis Jul. Boos, Gladenbach, 2. Preis Förster Möhringer, Bieber. Die Ehrenscheibe für Kriegsteilnehmer, die ebenfalls vom 2. Vorsitzenden ge*, stiftet worden war, erschoß Jak. Kahn, Gießen. )( Hungen, 3. Sept. Am Montag, 26. September, findet dahier unter Mitwirkung des Landunrtfchaftskckmmer- Ausschusses für Oberhessen der alljährliche Bullens, Zuchtvieh- und Ziegen markt statt. Mit diesem Markte, auf dem dieses Jahr zum erstenmal auch Ziegen ■ ausgetrieben werden, ist eine Prämiierung der schönsten Tiere, sowie eine Verlosung von Zuchtvieh, landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten usw. verbunden. Die Haupttreffer sind 10 Rinder. 1^. Friedberg, 5. Sept. Das russische Zarenpaar - nebst dem Großfürsten-Thronfolger und sämtlichen Prinzessinnen, sowie die Großherzogliche Familie und Prinzessin von Battenberg besuchten heute in vier Automobilen die Ruine Münzen berg und kehrten gegen abend wieder zurück. 14. Mainz, 5. Sept. Der Unglücksf allam Bahnübergang bet Gustavsburg, bei dem der Bahnwärter Kunz von einer Maschine überfahren wurde, soll auf Fahrlässigkeit des diensttuenden Stationsbeamten in Bischofsheim beruhen. Die Maschine fuhr nicht fahrplanmäßig von Bischofsheim nach Mainz, und hätte also von dem Beamten in Gustavsburg sowohl gemeldet werden müssen, als auch dem Bahnwärter Kunz. Die Station Gustavsburg wurde auch benachrickstigt, Kunz wußte jedoch nichts ' von dem Herannachen der Lokomotive. Der Führer 6er Maschine ist auch nicht zu beschuldigen, da ihm von Gustavsburg aus die Strecke sreigegeben war. Als er die offene Schranle Und den durchfahrenden Wagen gewahrte, war es bereits zu spät, um die Maschine zu stellen. Kunz wollte den Wagen zurückschieben und es wäre iljni vielleicht auch gelungen, wenn er sich nicht in den Strängen des Pferdes verwickelt hätte. Einen Augenblick darauf mjar das Unglück geschehen. Kunz wurde durch die Maschine furchtbar entstellt; fast alle Glieder wurden ihm ein- oder mehrmals gebrochen und der Brustkorb eingedrückt. Das Pferd wurde durch die Maschine zur Seite geschleudert und brach durch den furchtbaren Stoß das Genick. Der Milchhändler (Edlersprang vom Wagen ab, sonst wäre auch er womöglich umgekommen. Der Beamte, ein sonst gewissenhafter Mann, soll einstweilen vom Dienste suspendiert sein; wie weit er schuldig oder unschuldig ist, wird die Untersuchung ergeben. Die Großh. Staatsanwaltschaft traf bald am Platze ein und nahm den Tatbestand aus. t ! Mainz-Kastel, ü. Sept. Gestern morgen wurde der Pionier Bick er II., der beim Freischwimmen seiner Uebung infolge Krampfanfalles ertrank, unter militärischen Ehren beerdigt. X. H a n a u, 5. Sept. Unter der Anklage, seine Ehefrau vergiftet zu haben, hatte sich im Juni 1907 der Steinschläger und Privat-Aagdaufseher Friedrich Schwaar aus Breitenborn vor dem Schwurgericht zu verantworten, doch endete die Verhandlung mit seiner Freisprechung. Da die jetzige Weichenstellersfrau Jost in Hailor als Belasttrngszeugin. gegen ihn aufgetreten war, schieb er ihr int Mai d. I. einen Brief, in dem er ihre Aussage vor dem Schwurgericht als unwahr bezeichnete und ihr neben anderen kränkenden Beleidigungen den Vorwurf des Meineids machte. Auch forderte er von ihr unter Drohung mit dem Staatsanwalt 2000 Mark als Ersatz für den Schoben, der ihm durch die Untersuchungshaft erwachsen sei. Die Strafkammer bedachte ihn heute wegen Beleidigung und Verübung eines Er- pressungsversuchs mit v i e r M o n a t e n G e f a n g n i s. — Die in Soden bei Salmünster beschäftigten Schreinergesellen Z e l l, W o i d a r s k i und Dietz hatten auf ihrer Arbeitsstätte bei der Frühstückspause in Gegenwart von vier Arbeitskollegen Einrichtungen und Gebräuck)e der katholischen Kirche beschimpft. Die Strafkammer verurteilte Woidarski und Zell zu je 1 Monat, Dietz zu 14 Tagen Gefängnis. Sedanfeiern. r. Langsdorf, 5. Sept. Herr Pluvius, der alte Heide, der burd) feine wenig berühmten Heldentaten während dieses sommers in argen Verruf gekommen, hatte sich zuletzt dock) vergeblich bemüht, unser schönes prächtiges S e d a n f e st, das wir mit unserer lieben Einquartierung, der 6. und 8. Kompagnie des 87. Infanterieregiments nun heule doch gefeiert haben, zu verderben. Am Samstag hatte schon die Einwohnerschaft aufs beste gerüstet. Münniglich, richtig allweiblich, hatte mit leckerem Sd)maus auss Fest Anstalten getroffen und mancher trefflicher „Quetschen"-kuchcn erfreute, von zarter Hand dargcbotcn, des Kriegers Magen und Herz. Doch der obengenannte allerberüchtigte Herr Pluvius wollte am Sonntag nichts gelingen lassen. Endlich doch (?.n Montag leuchtete uns der Sanne liebes Licht. Am Montag mittag bewegte sich, „B i s m a r cf", unser trefflicher Poli- z eichener an der Spitze, das Offizierkorps, die Veteranen von 1866 und 1870, die Schulkinder, die strammen jungen Krieger der 6. und 8. Kompagnie, die hübschen Mädels und Jungfräulcins, Krieger , Gesang- und Turnverein, gefolgt von Krethi und Plethi, angeführt von einem Teil der Regimentstapelle, ein prächtiger Fcstzug durch die Straßen des Dorfes: man sagt, keine alte Frau wäre zu Haus geblieben. Auf dem Festplatz gruppierte sid) die Menge um das Offizierkorps, das in seiner Mitte die Veteranen von 1866 und 1870 ausgenommen hatte. Herr Major Neuhof hielt die trc. Eröffnungsrede und Herr Hauptmann van Langsdorf, richtiger humorvoller Alt-Langsdorfer, ergänzte sie mit markig, n Warten uni) Weise. Allerlei Spiele, Kletterbaum und fröhlicher Tanz, Wetturnen der Mannsdiaften, füllten den Nachmittag aus. Und erst in sehr später Nachtstunde endete das frohe Fest. So sahen wir, einen jeden Vaterlandsfreund mußte das zur höchsten Begeisterung stimmen, Heer und Volk in herzlichster Eintracht vereinigt. Möchte dod) diese Liebe immer wachsen; kein Zwang von außen könnte je erreichen, was hier die Herzen geschaffen. Tas OsfizierkorpS der 87 er, die Mannschaften dieses Regiments stehen in Achtung und Liebe eingezeichnet in der Langsdorfer Gedenken. Das war c i n Ton, der harmonisd) das alles beherrschte. Das war in ituce das in Achtung und Liebe geeinte Volk in Waffen. «■= Nidda, 4. Sept. Das Sedanfest wurde in diesem Jahre besortders festlich begangen. Am Abend flammte auf der „Beunde" ein mächtiger Holzstoß auf, ebenso auf den benachbarten Höhen. Am heutigen Sonntag sand Festgottesdienst statt. Dann wurde ein Festzug nad- dem Kriegerdenkmal veranstaltet, wo Oberst Weiner eine Ansprache hielt. O Laubach, 5. Sept. Die Sedan feier begann am vorigen Freitag. Von dem benachbarten hochgelegenen Rainsbcrg und dem gegenüberliegenden Rote,iberg brannten von der Stadl errichtete Holzstöße. Bürgermeister Ritter hielt auf dem Rains- berg vor zahlreicher Zuhörermenge eine begeisterte Sedansrede. Am Sonntag wurde unter großer Beteiligung die eigentliche Sedanfeier im „Solmfer Hof" abgehallen. Tie Festrede hielt Pfarrer V o l p, eine patriotische Ansprache Bürgermeister Ritter. Größere Gefangsvorträge führten die Schüler des Gymnasiums, owie die der Obertlassen der Volksschule ans. Lln die Schuljugend wurden Festbretzeln verteilt. Eine anslvärtige Musikkapelle begleitete die allgemeinen Gesänge und spielte am Abend zum Tanze auf. Fellingshausen, 5. Sept. Unser Kriegerverein feierte am 3. September den Gedenktag der Schlacht bei Sedan. Gegen 9 Uhr abends bemegte sid) ein Facke 1 zug durch das Dorf. Die Veteranen von 1870 fuhren dem Zug im Wagen voran; es folgten dann: Schuljugend, Musik, Turnverein, Gesangverein, Kriegervercin und ein großer Teil der festesfrohen Bevölkerung. Am Fuß des Dünsbergs loderte ein mächtiges Feuer, um das man sich versammelte. Nach dem Choral „Lobe den Herren" trug ein Knabe ein Gedicht vor. Lehrer Feix hielt darauf eine Ansprache. Nad) dem gemeinschaftlichen Liede „Deutschland, Deutschland über . schnitten (1. Einzug in Jerusalem; 2. Mordanfchläge des \ hohen Rates; 3. Abschied in Bethania; 4. letzter Gang nach Jerusalem; 5. das letzte Abendmahl; 6. der Verräter; <, 7. Jesus am Oelberg; 8. Jesus vor Annas; 9. Jesus vor Kaiphas; 10. des Judas .Verzweiflung; 11. Christus vor Pilatus; 12. Christus vor HcrodcS; 13. die Geißelung und Dornenkrönung; 14. Jesus zum Kreuzetod verurteilt; 15. der Kreuzweg; 16. Jesus auf Golgatha; 17. die Auferstehung) zieht sich die Handlung in plastischer . Form vor dem. Auge des Zuschauers hin, indem sie von Abschnitt zu .Abschnitt sich steigert. Namentlich gegen den Schluß hin erhebt sich die Darstellulig zu dramatischer Wucht, so daß wohl nientand trotz der acht Stuirdeli Dauer Ermüdung verspürt. Die Regieführung des Fachschuldircktors Lang von der Holzfchnitzerfchule bat ein einheitliches Ganze geschaffen, das namentlich in den Volksszenen, bei denen über 600 Personen gleichzeitig die Bühne beleben, großartig klappt. Am wirkungsvollsten ist unstreitig die Kreu-zigungs- szene, deren ergreifende Darstellung viele der Zuschauer bis zu Tränen rührt. Tie einzelnen Abschnitte werden, eingeleitet durch einen Prolog, Chorgesänge und lebende •* Biloer, deren Gegenstand dem alten Testament entnommen ist und jeweils auf den Inhalt der sich aitschließenden Handlung hinzielt. Unter den Darstellern ist vor allem Anton Lang zu nennen, der den Christus in schlichtmenschlicher, tiefinnerlicher Weise spielt. Seine Wiedergabe ist eine Meisterleistung, die wohl auf keinen Zuschauer ihre Wirkung verfehlt. Ihm ebenbürtig zur Seite steht der Judas des Johann Zwink, der in Charakter und Maske vollkommen . ist. Von den Darstellern sind weiter zu nennen Andreas ' Lang (Petrus), Alfred Bierling (Johannes), Bürgermeister Leb. Braun (PilatuS), Hans Mayr (herodeS), Sebastian Lang (Hohepriester Annas) und Gregor Breit- s am ter (Hohepriester Kaiphas). Von den lveiblichen Dar- steilem ist Ottilie Zwink zu nennen, die die Maria mit schlichter Natürlichkeit unb tiefer Frömmigkeit gab. Bloß schien mir die Darstellerin für die Rolle zu jung zu sein, wie denn die Besetzulig der weiblich-en Nollen überhaupt darunter leidet, daß nur Unverheiratete zu weiblichen Rollen genommen werden. Vorzüglich ist der Sprecher des Prologs (Anton Lechner), ivogegen der Chorführer (Jakob Reitz) wohl infolge seines hohen Alters stimmlich nicht ausreichte. Chor und Musik (Dirigent Lehrer Ludwig W i 11- mann) standen auf der Höhe ihrer Aufgabe. Noch ein Wort über die materielle Seite der Sache. Im Jahre 1900 betrugen die Einnahmen 1068000 Mk. Die Unkosten betrugen 320 000 Mk., die Mitwirkendeu erhielten 410000 Mk. und zu gemeinnützigen Zwecken wurden 335 000 Mark verwendet, so daß nicht ganz 3000 Mk. in Reserve blieben. Die 47 Aufführungen des Jahres 1910 wurden im ganzen von 173 669 zahlenden Personen besucht. Die Entschädigungen, die die Mitwirkenden erhielten, schwankten zwischen 1500 und 50 Mk. Letzteren Betrag erhielten die Schulkinder, ersteren die Hauptdarsteller. Man wird zu- geben müssen, daß dieses Spielhonorar äußerst bescheiden ist. Größer als die direkte Einnahme ist allerdings der Geldstrom, den die tausende von Besuchern für Wohnung und Verpflegung zu zahlen haben. Denn die Preise sind int Passionsjahr in Oberammergau nicht billig, wenn auch den Umständen angemesseit. Die Unterbringung von 4000 bis 5000 Leuten erfordert natürlich besondere Aufwendungen und diese bleiben 9 Jahre lang unbenutzt. Immerhin kann Wohnung und Verpflegung für einen Tag mit etwa 15 Mk. bestritten werden. (In den Mchtpassionsjahren ist, wie nebenbei bemerkt fei, Oberammergau eine entschieden billige alpine Sommerfrische.) Groß sind auch die Summen, die bei der Passion für Reiseandenken, Postkarten usw. umgesetzt werden und eine ganze Industrie stürzt sich auf den Passionsbesucher, um ihn mit Textbüchern, Abbildungen, Operngläsern und Sitzkissen zu versehen. So ragt die Passion (ober, wie der Oberammergauer sagt, „der" Passion,) in die Gegenwart hinein als ein lebendiges Zeugnis frommen Volksglaubens, aber auch als Zeugnis der Bildungsfähigkeit des deutschen Landvolkes. Un- beeilisliißt von oen großen Kulturstätten haben die Oberammergauer ein eigenartiges hervorragendes Kunstwerk geschaffen, das auch aus den religiös unempfänglichen Beschauer durch die rein menschliche Seite des behandelteli Stoffes eine starke Mirlung allezeit ausüben wird. Die Treue, mit der and) diesmal wieder die sämtlichen Beteiligten dem Erbe ihrer Väter erwiesen haben, läßt erhoffen, daß dieser frisch sprudelnde Quell echteii deutschen Voltstums unserm Volle iivch lange erhalten bleiben wird. E. H. alles" ging der Zug wieder dem Dorfe zu, wo ein KommerD die Feier beendete. Der Turnverein hatte am Walprande deS Dünsbergs Pyramiden gestellt. Schlutzverhandlling und Urteil gegen den Wunderdoktor von Hartenrod. s^M a r b u r g, 5. September. freute nachmittag um 4 Uhr wurde die Verhandlung gegen du Inhaber des Hartcnrodcr Heilinstitutes, Dikomeit und Zimmermann, wieder ausgenommen. Als die Türe zum Zuhörerraum geöffnet wurde, gab es einen solchen Ansturm seitens des Publikums, daß Bänke und Stühle umflogen. Der Raum war in kurzer Zeit dicht gefüllt, und viele mußten unverrichteter Sache wreder um kehren. Bei Eintritt in die Verhandlung nahm zunächst der Staatsanwalt wieder das Wort. Er wies die Vorwürfe, welche der Verteidiger Justizrat Törffler am Sonnabend gegen Dr. Haun erhoben und die wir ja, auch in unserem Berichte kurz erwähnten, zurück. Letzterer habe üur das getan, was seine Pflicht gewesen, und diese habe darin bestanden, Leute, die ihm als Betrüger erschienen, vor den Strafrichter zu bringen. Was Dr. Haun in der Verhandlung voraebracht, habe er ruhig und sachlich vorgetragen. Was die Inserate anlange, so sei durch diese baS Feld für die Tätigkeit der Angeklagten verbreitet worden. Der erste Besuch bei ihnen sei immer entscheidend gewesen, die Pattenten seien dadurch veranlaßt worden, Geld zu bezahlen. Beide hätten wohl in der Absicht gehandelt, s,ch einen Vermögcnsvorteil^ zu verschaffen. Er halte die Strafe keineswegs für zu hoch, wenn man bedenke, daß die Angeklagten Leben und Gesundheit ihrer Mitmensd)en gcsd)ädigt hätten. Der Angeklagte Dikomeit, der nunmehr das Wort nahm, bestritt, falsd-e Diagnosen gestellt zu haben; seine 4000 Geheilte feien dafür der beste Beweis. Wie er die Krankheiten so schnell erkannt habe, sei seine Sad;e, daS könne er niemand beschreiben. Er kam bann suf die einzelnen Falle, bet denen ihm strafbare Handlungen vorgeworsen wurden, zu sprechen und fügte hinzu, daß er unheilbar Kranke, denen er auch nicht hätte helfen* können, unterstützt habe. Als er verhaftet worden sei, habe er 600 Mark verdient gelebt, und wenn seine Frau nicht durch'Dr.^ Steiner unterstützt worden wäre, hätte sie Not leiden müssen..- Seine Medikamente hätten Heilkraft gehabt — Beweis 4000 Geheilte —, er habe auch den Baunscheidt'schen Apparat nach jeder Benutzung gereinigt. Der Angeklagte Zimmermann wies den Vorwurf der Gemeinschaft mit Dikomeit zurück. Die Inserate habe er zwar verfaßt, aber durch diese sei doch niemand ge* kommen. Seine Drogerie habe einen Wert von 2000 Mark gehabt, Witwen und Waisen habe er gratis die Medikamente gegeben und dann sei aud) der Borwurf der Beleidigung und des Widerstandes völlig haltlos. Den Baunscheidtismus habe er feit einem halben Jahr studiert und bei Bekannten und Verwandten in Kassel viel angewandt. Er habe den Patienten auch feine falschen Vorspiegelungen gemacht. Vielfach habe er aus christ- lici; Liebe und Barmherzigkeit gehandelt und keine Geschäfte bann, gemacht. Er halte die verbüßte Untersuchungshaft für genügend Bestrafung. Das abends um 10 Uhr verkündete Urteil lautete gegen Dikomeit auf 1 Jahr 2 Monate Gefängnis und 500 Mk. Geldstrafe, gegen Zimmermann auf 10 Vtonate Gefängnis und 3 00 Mk. Geldstrafe. 5 Monate Untersuchungshaft kommt bei beiden in Anrechnung. Gerichtsjaa». -o. Wiesbaden, 4. Sept. Eine arme Betrogene stand 1 gestern vor der hiesigen Straskammer, die Frau des früheren,] sehr beliebt gewesenen H o f s ch a u s p i e l e r s Konrad Marte r^ steig. Von Stufe zu Stufe ist die Arme gesunken, wohl nichts ohne Schuld, aber in der Hauptsache ein Opfer der gewissenlosen Mimen. Sic war 18 Jahre alt, als sie sich an den Schauspieler Martensteig, den sie schließlid; gegen den Willen ihrer Eltern heiratete, und zwar in London, wohin sie der Schauspieler ent» führt batte. DaS unerfahrene Mädchen hoffte, nach der vollzogenen Trauung die Verzeihung ihrer Eltern zu erlangen, das ellernliche Haus blieb ihr aber für immer geschlossen. Ihr mütterliches Erbteil wurde von ihrem Mann in wenigen Jahren durchgebracht und bann ließ sie Martersteig mit ihren zwei Kindern im Elend sitzen und verschwand nach Amerika. Bis dahin konnte sich die Frau durch ihre Schauspielkuicst notdürftig ernähren, sie machte sid) aber eines geringen Betrugsfalles schuldig und dies hatte ihren dlussdstuß aus dem Verein deutscher Bühnenangehörigen zur Folge. Damit war für sie jeder Halt verloren, die Frau wurde zur gewohnheitsmäßigen Betrügerin, reiste von einem Ort zürn anbern und logierte sich auf einige Tage in den Hotels ein, um schließlich, ohne zu zahlen, zu verschnsinden. So trieb sie es in den Rheinlanden, bann hielt sie sich in Brüssel auf und kam enblid) nad) Diez und Wiesbaden, luo der gewohnte Hotelbetrug zu ihrer Verhaftung führte. Im Gefäicgnis wollte sie sich durch Oesfnen der Pulsadern töten. Für 14 Betrugsfälle erhielt jie 1 Jahr 6 Monate Gefängnis. ■ J ^Mschifiahtt. Die „verbotene" Zeppelinfahrt. Straßburg, 5. Sept. 9tad)bem bis vor kurzem das Luftschiff „Z. 6" von Baden-Oos nach Straßburg Zielfahrten unternommen bat, wurden sie nun b i S auf iv e c t e r e S von B e r- lin verbotene?), weil in letzter Zeit viele Ausländer, bo-, sonders Franzosen, mit dem Lufttchisi' Fahrten unternommen haben,, und die Gefahr besteht (?), daß sie vom Luftschiff aus Photo-, graphische Aufnahmen maajen. Tw bereits bezahlten Pasfagrer- fahrpreise wurden den Teilnehmern wieder zur Verfügung geftellt.. Hierzu wird aus Friedrichshafen gemeldet: Von Straßburg, aus verbreitete gestern bas Hirichschc Telegraphen-Bureau die Nachricht, daß die Passagierfahrten des „L. Z. 6" dorthin von Berlin miS verboten feien. Auf Anfrage telegraphiert DirektoÄ C o l s m a n n: „Von Fahrverbot hier nichts bekannt Garnisonverwaltung Straßburg hat nur abgelehnt, einen Landungsplatz zur Verfügung zu stellen." Nt Paris, 5. Sept. Naä) einer Blättermeldung hat de< K r i e g s m i n i st e r 30 Flug)naschinen, unter ihnen zehn föin*; beder und zwanzig Zweidecker, bestellt, die noch vor Ablauf dieses Jahres zu liefern sind. Diese Luftfahrzeuge müssen ein Mindestgewicht von 300 Kilogramm tragen, eine Mindestgeschwindigkeit von sechzig Kilometer in der Stunde besitzen und in einem Finge mindestens 300 Kilometer zurücklegen. Für jede Maschine, bereit Geschwindigkeit sechzig Kilometer in der Stunde übersteigt, werden die Erbauer mit der Kilometerzahl wachsende Prämien erhalten. Jeder der Zwei- flädier soll so gestaltet fein, daß er außer dem Lenker noch zwei Personen aufnehmen kann. Bis Ende dieses Jahres wird die französische Armee im ganzen fedizig Flugmasdnnen besitzen.^ Paris, 5. Sept. Präsident FalliereS hat für die Flugwoche von Bordeaux einen Preis gestiftet, der nut einer Flugmafchine französischer Herkunft zugesprochen werden! kann. Ter Preis befiehl in einer Bronze, die einen Geier mit Qu5gcbrcitctcn Flügeln darstellt. Boston, 5. Sept. Heute begann die bis zum 13. September währende Flugwoche. Von ausländischen Fliegern sind die Franzosen Massen und bc Lesieps, sowie die Engländer Grahame White und Roe amoefend; es kommen Preise in einer Gesamthöhe von 40 000 Dollars zur Verteilung, darunter einer für das beste Werfen von Bomben aus Flugmaschinen aus eine gegebene Fläd>e und ein anderer vom Boston „Globe" in Höhe von 10 000 Dollars, gestiftet für einen Flug vom UniversitätSgelände zu Eambridgr nad) dem Bostmicr Haiengeviel und zurück. vke Lholera. Rom, 5. ^ept. Im apulischen Choleraaebiet tourben während der letzten 24 Stunden vierzehn Er- ?r a n ku n g e n und acht Todesfälle festgestellt. Wien, 5. Sept. Die ,.Neue Freie Presse" meldet aus Lemberg: In Kamionkastrumilowo sind geftent nacht eine Kaufmannsfrau Und eine Taglöh'nerin unter cholera- verdächtigen Erscheinungen gestorben. Der Kaufmann sowie der Mann der Taglöhnerin sind gleichfalls erkrankt und befinden sich in hoffnungslosem Zustande. Berlin, 5. Sept. .Die in eurigen Blättern auf- aetauchte Meldung, daß in den niederländischen Binnengewässern Cholerabazillen entdeckt worden seien, ist, wie der „dLordd. Allg. Ztg." von zustärr- diger Seite mitgeteilt wird, durchaus unbegründet. Seit dem Herbst des Vorjahres ist in den Niederlanden kein einziger Fall asiatischer Cholera vorgekommen. Vor geraumer Zeit ist nicht auf niederländischem Boden, sondern an Bord eines in Delfzijl in Quarantäne liegenden russischen Schiffes ein Cholerafall aufgetreten, der aber ohne Folgen blieb. Verinischtes. * lieber einen Kampf mit Wegelagerern meldet uns ein Privattelegramm aus Trier: Der Buchhalter Krüger und der Bauführer Mosignari wurden am Sonnabend nachmittag zwischen Irrel und Nieder- Weiß von drei ausländischen Bahnarbeitern angefallen und einer Summe von dreitausend Mark, die zur Lohn-^ zahlung bestimmt waren, beraubt; ein Schuß auf den Buchhalter Krüger war sehlgegangen. Militär, das dort einquartiert ist, Gendarmen und Arbeiter nahmen sofort bie Verfolgung der Räuber auf, deren einer einen Schuß in den Kopf erhielt, doch mit seinen Kumpanen in den Wald entkommen konnte. Gestern wurde einer der drei Räuber, als er bei Ralingen über die Brücke ins Luxemi burgische entfliehen wollte, verhaftet. * Ein Leutnant als Dieb. Der Diebstahl eines Offiziers bildet in Ehrenbreitstein das Tagesgespräch Vor einigen Monaten wurde bei einem Uhrmacher eine goldene Damenuhr im Werte von etwa 75 Mk. gestohlen; an jenem Tage hatten nur zwei Kunden den Laden betreten, ein Jnfanterieosfizier der Ehrenbreitsteiner Garnison und ein Mann von außerhalb. Der Verdacht gegen den auswärtigen Kunden fand keine Bestätigung. Vor einigen Tagen wurde nun einem Juwelier eine Damenuhr zur .Gravierung eines Monogramms gegeben, die sofort als die erkannt wurde, die seinerzeit dem Uhrmacher gestohlen worden war. Der Bestohlene schickte nun, um Weiterungen zu vermeiden, dem Offizier, dem Leutnant Langer des 28. Jnf.-Regts., die Rechnung über die Uhr mit dem Ersuchen, sie zu bezahlen. Der Leutnant lehnte aber die Bezahlung ab, ja er drohte sogar mit einer Beleidigungsklage. Die nunmehr gegen Leutnant Langer eingeleitete Untersuchung er» gab so schwerwiegende Verdachtsmomente, daß zu seiner Verhaftung geschritten werden sollte. Als diese aus- gesührt-werden sollte, war der Offizier verfchwunden. Leutnant Langer ist ein blutjunger Offizier, der erst seit einem Jahre das Portepee trug. Es wurde sofort ein Steckbrief hinter ihm erlassen. * „König der Bvh 6 me". Danny Gürtler wurde kürzlich wegen Verächtlichmachung der katholischen Kirche und des Papstes zu vier Wochen Gefängnis ü er urteilt, die er in Darmstadt zu verbüßen hat. Auf der Reise erhielt er die Aufforderung zum (Strafantritt, die er schon durch Spässe in einem .Telegramm an die Staatsanwattschaft glossierte. Am Samstag aber kündigte Gürtler im Anzeigenteil eines Darmstädter Blattes dis Stunde an, wo er mit seinem, Freund, dem Naturapostel Waßmann bierspannkg am Gefängnis borsahren werde. vaäiUg geschah dies auch der Anzeige gemäß: sogar zwei La- keien hatte er hinten auf der Droschke aufgestellt. Eine größere Menge erwartete den EtAug Dannys vor dem Gefängms und die fugend ließ ihn tromich hochleben. * Wie man heutzutage reist. Viel Aufsehen erregte, wie wir der „Reise" entnehmen, an der holländischen Grenze eine größere englische Reisekarawane. Die Gesellschaft, bestehend aus Damen und einem Reisebegleiter, reiste in vier sog. Wohnwagen, in denen sie, aus Holland kommend, eine Reise durch Deutschland machen wollen. Die Wagen sind mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet enthalten Wohnzimmer, Küche usw., sowie Schlafräume für das Personal. Um von den einzelnen Aufenthaltsorten Ausflüge unternehmen zu können, standen der .Gesellschaft Reitpferde und Fahrräder zur Verfügung. Die Reise aina über Jülich nach Köln. 1 11 a * Die Lebensversicherung und die Flieger. Aus Paris wird berichtet: Die französischen Lebensversicherungen haben gemeinsam den Beschluß gefaßt, keine Versicherungen von Flugmaschinenführern gegen Unfälle anzunehmen, da die Lebensgefahr zu groß ist. Sie nehmen nur Versicherungen gegen Verletzungen, die anderen Leuten von Fliegern zngefügt werden, an; so können die Veranstalter von Flugwochen sich für deren Dauer mit einer Prämie von 4000 Mk. für 400 000 Mk. versichern. Eine spanische Versicherung, die Flugkünstler versichert hatte, hat dabei schwere Verluste erlitten. Sie hatte bei einer Prämie von 1200 Mk. pro Jahr eine Police über 40 000 Mk. ausgestellt. Dabei hatte sie in weniger als Jahresfrist drei Mal 40000 Mk. an Witwen von Aviatikern auszuzahlen. Seitdem nimmt auch diese keine Versicherung mehr an. * Ausrede. Obstpächter: ,Hedct, mein Junge! — Was tust du denn da droben in meinem Apfelbaum'?"' — Junge: „Ein Apfel war vom Baume gefallen, und den binde ich wieder fest!" * Reflexion. Lebemann (mit seiner' alten, reichen Brant auf der Hochzeitsreise einen stockfinsteren Tunnel passierend) : „S.g gefällt sie mir am besten!" Kleine Taqeschronik. Auf dem Fürsllich Bismarckschen Gute Silk bei Friedrichs- ruh brach am Samstag Feuer aus. Eine große Anzahl Rinder und Schweine kamen in den Flammen um, die Ernte und die Heuvorräte wurden vernichtet, die Ent- stehungsnrsache ist unbekannt. Ein Kaufmann, der in Berlin mit einem Mädchen den Luna- park und mit einem anderen Mädchen in der Friedrichstraße mehrere Weinlokale besuchte, wurde während dieser Zeit feiner Brieftasche mit 24800 Mark beraubt; der Bestohlene setzt auf die Herbeischaffung des. Geldes eine Belohnung von 10 Prozent aus. In München stürzte sich der zwanzigjährige Notariatsbuchhalter Reitz von der Kuppel des nördlichen Frauenturms auf den Frauenplatz herab, wo er zerschmettertliegeu blieb. Das Befinden des gegenwärtig im Meraner Krankenhause untergebrachten Astronomen Wilhelm Meyer hat sich wesentlich gebessert, so daß er jetzt außer Lebensgefahr ist. Bei dem Brande eines Schulgebäudes in Förde kamen die Schwiegermutter und drei Kinder des Rektors in den Flammen um. Die Frau und ein anderes Kind des Rektors erlitten Brandwunden. In Cleve wurde am Samstag früh der Bergmann Oste aus Utfort bei Mörs hingerichtet. Oste hatte im November in Hülserberg den Jagdaufseher «Ellmann aus Krefeld erschossen. In Grünberg (Schlesien) entstand in dem Keller einer Tischlerei ein Feuer. Als die Feuerwehr in den Keller eindrang, fand sie die halbverkohlte Leiche der Ehefrau des Tischlers neben einer zerbrochenen Petroleumlampe Hegen. Die Frau ist offenbar mit der Lampe hingestürzt pnd hierdurch ist der Brand entstanden , . , , , ; ; _____, ; 3ü Reumark wurde beim Salutschießen mit einer Kanone alteren Systems ■ der das Geschütz bedienende Preißer durch einen borsetfrg losgehenden Schuß so schwer verletzt, daß er heute morgen gestorben ist. , u ‘ .. tsch e Monats este. Septemberheft. (Süd- deutsche Monatshefte G. m. b. H. München. Zum achtzigsten Geburtstag .Marie von Ebner-Eschenbachs bringt der Altmeisterin die von ihr am höchsten geschätzte Dichterin der jüngeren Gene- ration, G n ri c a von H a n d el - M a z z e t t i, eine Huldigung bar m der Skizze „Meine zwei liebsten Bücher". Adolf Hil- debrand, der berühmte Münchner Bildhauer, äußert sich über ^eFlor^uste. Ungedruckte Brief e Gottf r iedKellers teilt EmU Ermatinger tn einem Aufsätze über Kellers Beziehungen 3u £eutbplb Mit. Ludwig GaNghofer beschließt die Geschichte seiner Jugend und verspricht den Lesern der Monatshefte, 1 lin Jahrgang die Geschichte seiner Mannesjahre zu erzählen. Wir nennen aus dem übrigen Inhalt der immer wertere Kreise ziehenden Münchener Monatsschrift die Novelle „Der Leutnant" von Hans Kyser, die Plauderei „Die Rückkehr zur Natur von Oscar A. H. Schmitz, eine Auseinandersetzung über Schachten, ur der Dr. Heinrich Ehrentreu den schächt- fteundlichen und Gewerberat Dr. von Schwartz den schächtgeg- nerrfchen Standpunkt vertritt, und Dr. Paul Buschings Kritik der sozialdemokratischen Budgetverweigerungen. Märkte. Gießen, 6. Sept. Marktbericht. Auf heutigem Wochenmarkte kostete: Butter pr. Pfd. 1.20—L30 Mk^ Hühnereier 1 St 8—9 Vfg., Enteneier 1 Stück 0 Pfg., Käse pr. St. 6—8 Pf. Kasematte pr. St. 5—6 Pfg., Tauben pr. Pr. 0,80—1,00 Mk ' Hühner pr. St. 1,00—1,60 Alk., Hahnen pr. Stück 0,80—1,80 Mk" Enten pr. Stück 1,80—2,20 3)1 L, Ochsenfleifch pr. Pfd. 84—92 Pfa'' Rindfleisch pr. Pfund 80—84 Psg^ Kuhfleisch 70 Pfg., Schweinefleisch pr. Pfstnd 80—96 Pfg., Kalbfleisch pr. Pfd. 86—88 Pfg Hammelfleisch pr. Pfd. 60—84 Pfg. Kartoffeln (neue) pr. 100 Kg. 7 00 bis 8.00 Mk., Zwiebeln per Ztr. 6,00—8,00 Mk., Milch per Liter 20 Pfg.,.Gurken per 100 Stück 2^0—3.00 Mk. Birnen per Pfd 10 bis 15 Pfg., Aepsel per Pfd. 8-15 Pfg., Zwetfchen per Pfd. 20 Pfg., 9lüffe 100 Stück 50 bis 00 Pfg., per Ztr. 0—00 Mk Bohnen per Pfd. 10-12 Pfg. Weißkraut das Stuck 20-30 Pfa Marktzeil von 7—1 Uhr. Meteorologische öeobachtungen -er Station Sichen. Sept. 1910 Barometer auf 0* reduziert Temperattlr der Luft Absolllte Feuchtigkeit Relative Wuchtigkeit Windrichtung Windstärke | (Brat» II der Bewölkung in gehnrel der ßchtv. Himmele fijj Wetter 5. 2» 745,0 17,0 10,1 70 W 4 5 Sonnenschein 5. 746,3 13.9 10,6 91 NW 2 10 Bed. Himmel b. 7U 747,1 11,7 9,9 97 WNW 2 10 ■ w Hö Hste X rmpera ur m n 4. t iS 5. E Sept br. — 4- 17,5*0. Rtedrtgste 4. , 5. f 9,5*0. llttederschlag: — 0,7 mm. Ern Frauen-Urteil! Weichselmünde, 12. Febr. 1910. Für die seinerzeit von Ihnen verlangte und erhaltene Probe bestens dankend, teile ich Ihnen heute mit daß ich „Biofon" bei großer Schwäche nach dem Wochenbett angewandt habe, Der Erfolg war ein überraschender. Schon nach kurzem Gebrauch trat Weiterung ein, Lebenslust und Freude kehrten wreder. Fch ziehe „Biofon" allen ähnlichen Präparaten vor und farm es auch ledermann beitens empfehlen. Ich füge noch hinzu, daß die Nahrung welche bereits im Verstechen war, sich bet dem Gebrauch von Biofon Wieder m solcher Menge einstellte, daß ich mein Kind noch längere Zett stillen konnte, «schachtend! Frau M. Ruth, Mittelstr.80. Unterfchrlst bealaubigt: Lewinsky, Notar. Biofon ist das beste u. billigste Krastigungsnuttel. Paket 3 Mk. tu Apotheken, Drogerien. Verlangen Sie von dem Liofomverk Frankfurt a. M. eine Gratlsprobc und die Broschüren. Beftagen Sie Ihren Hausarzt.