Nr. 150 Drittes Blatt 150. Jahrgang Mittwoch 30. Juni 1909 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die ..Gtehener KamllienblStter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich be,gelegt, das „Krcisblatl für dev Kreis Gietzen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal. Gießener AMtzer Seneral-Anzeiger für Gberhchen Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UniversilätS - Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: es@5L Redaktion:e^Kl12. Tel.»Adr.:AnzeigerGießen» 9 Auhergerichtliche Schlichtung von RechtLstreitigterten. . Wie ein begonnener Prozeß schließlich ausgeht, das kann ost auch ein vecsiändiger Anwalt seiner Partei nicht mit Sicher beit Voraussagen Daran ist zunächst dec Umstand schuld, daß ni,cht für jeoen Rechtsfall eine Gesetzesbestimmung bestehen kann, sondern der Rechter aus den allgemeinen Rechtsregeln den Kernsatz herausfinden muß, der aus den einzelnen Fall zutrifft. Das tretet wegen der niöglichen Zweifel ost erhebliche Schwierigkeiten. Sodanil täuscht sich 'die Partei häufig in der Beurteilung ihrer Beweismittel. Bis zum Gerichtstore wissen die Zeugen oft alles bestimmt und genau. Stehen sie aber dann vor der Schranke lind werden vernommen, dann sind sie nicht selten zweifelhaft und unbestimmt und verwickeln sich in Widersprüche. Auch der Inhalt von Urkunden läßt mitunter eine verschiedene Auslegung zu. An solche ungewisse Ergebnisse wird oft von den Parteien viel Geld gehängt. Das schädigt die kleinen Landwirte, Kaufleute und Handwerker, die manchmal in zehn Jahren nicht herausarbeiten können, was sie ans einen verlorenen Prozeß verwendet haben. Schlimmer noch ist die Untergrabung der Schaffensfreude, die ein übereilt begonnener Prozeß vielfach nach sich zieht. Haß und Feindschaft sind weitere üble Folgen der Prozesse. Deshalb sollte ein besonnener kluger Mann einen Prozeß nur führen, menn- er ihn nicht vermeiden kann. Rieht alle, wohl aber sehr viele Pwzesse könnten durch den Abschluß von Vergleiclien vermieden werden. Darauf weist schon die Zivilprozeßordicung hin, nach dec zum Sühneversuch 'vor das Amtsgericht geladen wird und der Richter jederzeit den Weg der Güte versuchen kann. Auch die preußische Schiedsmanns- ordnung, die seit dem Jahre 1879 auf die ganze preußische Monarchre ausgedehnt 'ist, strebt die gütliche Erledigung von Rechtsstreitigkeiten an. Wenn dem Richter ein Vergleich vielfach mißlingt, so ist daran schuld, daß oft schon erhebliche Gerichtsund Anwaltskosten entstanden sind. Keiner will diese Kosten übernehmen, sondern jeder glaubt, sich durch ein Zugeständnis in diesem Punkte etwas zu vergeben. Daß auch die preußische Schiedsmannsordnmrg nur verhältnismäßig geringe Erfolge hat, liegt daran, daß niemand vor dem Schiedswann zu erscheinen braucht. Einen neuen Weg, um Prozesse durch Vergleich zu vermeiden, bieten nun die sogenannten Fr i e d e ns v er e i n e, wie sie seit einigen Jahren in Oldenburg bestehen. Der Schöpfer dieser Friedensvereine ist der Reichsgerichtsrat Burlage, und nach einem Referate, das er im Februar dieses Jahres in der Versammlung des dcutsclwn Landwirtschaftsrats erstattet hat, sind die Ergebnisse der Oldenburger Friedensvereine sehr erfreulich. Die vor die Vereine gebrachten Beleidigungssachen sind fast alle, von den bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten 80—90 Prozent durch Vergleich erledigt worden. Bon einem Vereinsmitgliede wurde ihm geschrieben, daß die Einrichtung überall, wo sie bestehe, großartig wirke. Auch hat man in mehreren Gemeinoen, wo ein Friedensverein besteht, beobachtet, daß die Rechtsstreitigkeiten überhaupt abnehmen. Offenbar sagen sich die Vereinsmitglieder, sie könnten, anstatt des Vereins, den Vergleich auch selber besorgen. Die guten Erfahrungen, die man mit den Friedensveceineni in Oldenburg gemacht hat, lassen es erhoffen, daß man diese Einrichtung auch anderorts nachahmt. Burlage meinte in seinem Referat: In den Städten sei für die Fried'ensvereine kein Feld, da sich dort die Menschen innerlich zu fern stünden. Wohl aber stünden sich auf dem flachen Laude die Gerne indcbürger nahe genug, um sich eng zu einem Friedensvereine zusammen- zufügen. Selbst in einer Gemeinde von 5000 Einwohnern könnte nach den gemachten Erfahrungen ein solcher Verein noch sehr heilsam wirken. Den Kern der Satzung her Friedens v e r c i n e, so führte Burlage weiter aus, bildeten die Paragraphen 0, 7 und 10. Darin werde jedem Vereinsmitgliede zur Pflicht gemacht, nicht an die Gerichte zu gehen, bevor es dem Verein Gelegenheit gegeben habe, die Vermittelung auf gütlichem Wege zu versuchen. Innerhalb des Monats, den zu diesem -ßroerf das Mitglied von der Anzeige an mit dem Beginn gerichtlicher Schritte warten müsse, habe es erforderlichenfalls zwei Ladungen des Friedensgerichts nachzukommen. Erfahrungsgemäß sei aber eine zweite Ladung nur in seltenen Ausnahmefällen nötig. Meist gelinge die Beileguno im ersten Termine und häufig sei der Fall schon halb dadurch erledigt, daß beide Parteien einmal vor angesehenen Männern frei von der Leber reden könnten. Selbstverständlich eigneten sich nur die eigentlichen Streitigkeiten für dc'.r ^-r'.edcns- verein Habe der Schuldiler kein Geld und der Gläubiger wolle nur einen VollstrcckungStitel haben, um zu rechter Zeit sugrctren zu können, so dürfe ihm dec Weg ans Gericht nicht verzögert werden Ebensowenig dann, wenn dem Gläubiger eine, Frist laufe uni) er sein Recht verlieren könne. Nur in Rechtsstreitigleitcm, die einen Aufschub gestatteten, müße nach dem Paragraphen 10 der Verein Gelegenheit haben, einzugreifen _ Zn erstreben und erfahrungsgemäß möglich sei, daß^tuiilichst alle Haushaltungsvorstände einer Landgemeinde dem Friedciis- verein derselben beitreten. Denn wenn auch manchmal em.'cicht- Vereinsuiitglied vor dem Friedensgericht er,cheine, )o laste ,ich der Erfolg doch nur dann garantieren, wenn beide Streitteile als Vereinsmitglieder der Ladung Folge zu leisten hätten. Den Vorstand des Vereins bilde der Friedensrat (8 3). Das glückliche Arbeiten eines Vereins hänge davon ab, daß in dem Friedensräte sämtliche Erwerbsstäude der Gemeinde vertreten feien: der größere und kleinere Gruirdbesitz, Pächter, Kaufleute, Handwerker, Arbeiter usw. Seien nicht alle Klaffen der Gemeinde ; beoölfeiung .vertreten, so schwinde das Vertrauen zu der Sache. Wenn im Paragraphen 3 auch der Zutritt des Pfarrers vorgesehen sei, so bilde das keine wesentliche Bestimmung der Satzung. Wo eine Entfremdung zwischen Gemeinde und 'Pfarrer bestehe, möge man won seiner Mitwirkung absehen. Wo man aber glaube, daß er der Sache nützen könne, solle man ihn bitten, sich zu beteiligen. Besonders wesentlich sei, daß 'man die Vereinsmitglieder nicht nötige, sich einem Lchiedsgerichte zu unterwerfen. Man solle vielmehr von ihnen nur fordern, daß'sie sich zu Vergleichsverhandlungen stellten. Komme ein.Vergleich nicht zustande, dann solle man der Partei, die sich den Vermittelungsvorschlägen nicht anschließe, den Weg zum Gericht ganz offen lassen. Jedes Mehr schieße über das Ziel hinaus und habe, wo es versucht worden ist, den Erfolg in Frage gestellt. Beiträge würden in Oldenburg nicht erhoben und kein Pfennig von Vereins wegen bezahlt. Sei hier und da ein kleiner Betrag nötig für die Ladungen durch die Post oder für einen Brief, so finde sich schon irgend einer, der ihn hergebe. Besonders aber sei in Beleidigungsjachen Gelegenheit geboten, von dem Beleidiger, der sich mit dem Gegner geeinigt habe, einen freiwilligen Beitrag für die Vereinskasse -zu erheben._________________ Reichsgerichtsbricf. Nachdruck verboten. I. S. Leipzig, Juni 1909. D i e Duldung fahrlässigen Verhaltens beim Fensterputz entstellt ein d i e Haftpflicht des D i e u st- Herrn begründendes Verschulden dar. Dec Fabrikarbeiter H. in Wesel hatte gegen die Witwe des Kommerzienrats N. Klage ans einem Unfall erhoben, den seine Frau beim Fensterputzen in den Räumen der Beklagten erlitten hatte. Die Frau des Klägers putzte die im ersten Liockwerk be- legenen Fenster der Beklagten ständig von der äußeren Fensterbank ans, von der sie eines Tages abgerutscht und ans die Straße gefallen war. Das Landgericht, wie auch das OberlandeSgerichl hatten auf Abweisung der Klage erkannt. Tas Oberlandesgecicln legt dar, daß die Beklagte besondere Sicherheitsvorkehrungen für das Fenster- putzen nicht habe zu treffen brauchen, da das Putzen der Fensterscheibe des Oberlichtes von einem an die äußere Feusterbank bcrangerücfteii Stuhle aus sehr wohl möglich war. Deshalb sei es auch fein Verschulten der Beklagten gewesen, wern sie sich um die Art des Feusterputzens nicht besonders gekümmert habe, denn die Gefährlichkeit des Putzens von der äußeren Fensterbank ans habe jedem Dienstboten von selbst klar sein müssen. Gegen dieses Urteil des Oberlandesgerichls Düsseldorf hatte der Kläger Rev i sio u beim Reichsgericht besonders mit dem Hinweis daraus eingelegt, daß die Beklagte das übliche Feusiervutzsystem seiner Ehefrau gesehen und gekannt habe. Das Reichsgericht er- kannte diese Behauptung, sür welche Beweis angeboten war, als erheblich an und kam znr Aushebung des oberlandesgericht- licken Urteils, weil sie von diesem nicht gewürdigt worden war. Tenn wenn jene Behauptung des Klägers auf Wahrheit beruhe,, dann habe der Beklagten nach § 618 des B. G.-B. die Pflicht pb= gelegen, die Fensterpützarbeit der Ehefrau des Klägers zum mindest e u durch ein unzweideutiges ernstes Verbot des HinaustretenS auf die äilßere Fensterbank zil regeln. Die Unterlassung dieser Regelung sei dann ein Verschulden der Beklagten geivesen. (Berg!. Entscheidiing des 3. Zivilsenats vom 21. Februar 1907 in der Juristischen Wochenschrift 1907, Seite 249.) Vermischtes. * D i e Pläne des Majors v. Parseval, an der Müritz oder an einem anderen größeren See in Mecklenburg eine Station für Luflschiffahrt zu errichten, werden in kürzester Zeit verwirklicht iverden und bereits im September Sie notwendigen Baulichkeiten in Angriff genommen. Major v. Parseval bereiste am Samstag und Sonntag das mecklenburgische Seengebiet in einem Motorboot und verweilte in den Städten Plan, Malchow, Waren und Röbel und konferierte hier mit den Bürgermeistern. Es handelt sich um eine Luftschiffstation, auf der nicht Luftschiffe des starren ober Halbstarren Systems verwendet werden sotten, sondern um eine sogen. Flieger- slation, deren Zentcalpunkt entweder nach Plaii oder Waren kommt, für die aber auch an anderen nahegelegenen Seen zwei Stationen vorgesehen sind. Für die bet den Flugversuchen zur Verwendung kommenden Flugmaschinen, die mit Schwimmern ausgerüstet iverden, ist ans weiteres sowohl das Starten, als auch das Landen auf dem Wasser Voraus" setzung und aus diesem Grunde ist das secnreichc Gebiet gewählt worden. * Das große Los als Störer einer Theater- Vorstellung. Aus einem eigenartigen Grunde wurde dieser Tage die Aufführung am Stadttheater in Marien bad plötzlich unterbrochen. Der Bühnenarbeiter K. erhielt während der Aufführung des Stückes „Die geschiedene Frau" von seinem Kollekteur die Nachricht, daß ihm ein Hauptgewinn der österreichischen Staatslotterie in der Höhe von 40 000 Kronen zugesallen sei. Der glückliche Geivinner war beim Empfang der Freudenbotschaft derart fassungslos, daß er mitten im ersten Akt den Bühnenvorhang plötzlich niederließ. Als der Regisseur dem Publikum -über die Ursache dieses Zwischenfalles Aufklärung gab, erfüllte das Theater stürmische Heiterkeit. Kleine Tageschronik. Zur Errickstung eines Lehrstuhls für L u f t s ch i f f a h r t au der Universität Paris niid eines Instituts für Aeio-Technik stiftele der bekannte 'DUUfanäv Deutsch d e la Meurthe 500 003 Francs, sowie eine Rente von 15 000 Francs. Ein Grieche spendete 700 000 Francs. E i n s u r ch t b a r e s A n t o m o b i l u n g l ü ck hat sich während des vorgestrigen Wetlfahrens kurz vor Moskau ereignet. Der bekannte Petersburger Millionär und Sportsmann W e t s ch i r i n sauste 41/, Nieter lief in den Fluß Schuscha. Weljchirin und sein Chauffeur Goetz wurden getötet. In einer Spielhölle zu Marin (Spanien) forderte ein unglücklicher Spieler mit dem Revolver in der Hand die beiden Bankhalter auf, ihm sein Geld zurückzuerstatten. Die Bedrohten zogen ebenfalls ihre Revolver, woraus zahlreiche Schüsse gewechselt wurde». AIS die herbelgerufeue Polizei cintrnf, wurden drei Tote und fünf Verletzte auigeiuuben. 125 000 Francs würben beschlagnahmt. Als Weltmann am Samstag auf seiner „Fram" von T r o m s o e nach Spitzbergen abreisen wollte, traf Weltmanns Schiff „A>rctic" mit schlechten Nachrichten ein. Es hatte eine schwierige Reise gehabt mib wäre am 11. Juni burch Feuer im Maschnienranme beinahe zerstört worben. Es erreichte Birg o- h a f c ti am IS. Juni mib sand das BallonhanS durch einen Orkan, der am zweiten Weihnachtsfeiectage geherrscht hatte, zertrümmert. Die Aussicht auf einen Ausstieg im Lause des Sommers ist sehr vermindert. Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. Wetter s bis Höchste Temperatur am 28. 28. Niedrigste Beb. Himmel Regen JltNl 1909 e & 29. Juni = + 18,9° 6. 29. „ = + 8,30 C. p Unübertroffen zur Haarpflege ist Dr. Dralle’s • Birken- Haarwasser im Gebrauch mit Kopfwaschpulver „Kopfrein 29. 2» 741,7 18,7 9,3 58 E 2 29. 9" 739,9 13,3 11,0 97 NE 4 30. 7» 740,0 12,2 10,3 98 W 2 V7SITKA R TEN in Jec*er beliebigen Schriftart und Kartonsorte, — sowie mit Zirkeln aller studentischen Vereinigungen liefert zu mäßigen Preisen die Brühl'sehe Univ.-Druckerei. Das Urbild von Goethes Mignon. Da Dichten und Erleben bei Goethe so eng verbunden sind, tote wohl kaum bei einem anderen Dichter, da er |o gern Knfa Vorbilder mit dem Schimmer und der Schönheit famer MjffntajiC' arf^a^tenrumt^cibcte, so ist es stets eine dankbare Ausgabe gei^sen, in der Umgebung und im Leben des Richters Urbrlder fadtcr Figuren aufzusuchen. Für Mignon, die.es rätselhafteste und doch ^^anschaulich lebendig geschilderte Kind .einer Mu.e, war das bislwr m^in ger-ingeni Maße geglückt. Man hat aus eine elnaycige Seiltänzerin Petronette hrngeiviesen, bte sur ein verkauftes Kind SrÄWs ä -Ar., feibcntoaftli» entflammte nnb hä baJ'wiqiwn« Gestalt magisch MN letzten Tage, des h'nbc ich recht schöne Data zu »I uSub Ö gcstaltung des Wilhelm Meister-Korn ?mj d ’ bf bcr vorführt. Aus dem Geiste dec Mu it ,«o°^ i Zeit waren Gotthes muftkalischc^Ecinneru.men Gegenwart zusammeirstellende, Verse dec Erinnerung widmete, dachte gern zurück, wie er „als ein erregbares Sttidentchen der Ml le. Schmcling wütend applaudiert hatte". Als die das heilige Jerusalem mit der Seele suchende Kaiserin Helena ans Hasses Oper war sie ihm im Gedächtnis geblieben, und so machte ihm ihr sehnsüchtig feierliches Bild, als er fie in Leipzig wieder sah und hörte, mit feinen damaligen Gedanken znsaimnensließen, in denen „Italien jederzeit als das neue Jerusalem wahrer Gebildete., betrachtet und ein lebhaftes Streben dahin, n>ie es nur Mignon misdrücken konnte, sich immer in Herz und Sinn erhielt". Die wundersame Jugendgeschichte dieser Sängerin, die so große Aehn- lichkeit mit dem Schicksal Mignons aufroeift, war Goethe durch nahe Freunde von ihr, besonders durch Ihren schwärmerischsten Verehrer Matthäi bekannt geworden, zumal damals auch alle Zeittinge.r sich mit dieser „ersten Künstlerin Europas", ihrer romantischen Flucht aus Berlin, ihrer unglücklichen Ehe mit dem Geigenvirtuosen Mara beschäftigten. Es wurde von ihr erzählt, paß' sie als Sängerin sckwn in ihren Kinderiahren mit dem Vater, dcc Harfe aespielt l-abe, herumgezogen sei; man berichtete von der sklavischen Abhängigkeit, in der sie zuerst von ihrem Vater und dann von ihrem Manne gehalten wurde, von ihrer tiefen unerfüllten Sehnsucht nach Italien, die wie eine Krankheit auf ihr zu lasten schien. Aber neben diesen Gerüchten boten auch die Tatsachen ihres Schicksals einem Dichter reichen Stoss zur künstlerischen Beseelung. Als Kind hatte sie lange an der englischen Krankheit gelitten und so machte ihr Körper wie der Mignons, auch als sie erwachsen war, noch einen mädchenhaften, zurückgebliebenen Eindruck. Früh zeigte sich ihre Begabung sür das Zitherspiel unb schon mit lieben Jahren erregte sie als Wuuder- kmd in Frankfurt a. M. das größte Auffahen. In einem traurigen Wanderleben schleppt sie nun der Vater durchtanz Europa und das traurige Kind mit den großen dunklen Sehn- suchsaugen entfesselt überall Bewunderung unb Mitleid; freundliche Leute wollen sich ihrer annehmen und sie aus dem elenden Virttws'mlebcn befreien. Durch ihre Stimme, durch ihr Spiel bezaubert sie alle. „Mit der Unschuld ihres Alters, ein solch melancholisch sanftes Instrument, eine solche Stimme!" ruft der Philologe Heine aus, als er sie hört, und fühlt sich wieder jung. Gesang und Zitherspiel, die beiden Ausdrucksmittel Mignon, sind auch die einzigen Aeußerungen ihres Gefühls; sonst zc> sie sich verschlossen, schüchtern, scheu und unzugänglich. Hin- i ihrer künstlerischen Ausbildung war die körperliche und geistiv völlig vernachlässigt worden. Wie Mignon erhält sie Sdjr-"-. stunden und wird in der deutschen Sprache unterrichtet, aber u wehrt sich dagegen: „Plagt mich nicht, ich will eine Sänge-, werden und weiter nichts." Wie Mignon sagt sie: „Ich Lai gebildet genug, um zu lieben und zu trauern." Ihr linkisch wunderliches Benehmen, ihre bescheidene, säst ärmliche K'leidu fallen jedem auf. Eine geheimnisvoll tragische Stimmung um sie gewoben. Während sie ihr eigener Vater mißhandelt u, aussaugl, tritt sie zu dem Musiker-Hiller in ein kindliches V hälttiis und verehrt in ihm einen Vater. Sie erscheint „als das unschuldigste, gefühlvollste, naivste Mädchen"; auch in ihrem Aeußeren, das nicht Grazie, aber Gefälligkeit atmet, ist sie Mignon ähnlich. Dazu kommt ihre lange hartnäckige Abneigung gegen das Theater, ein Zug, den Goethe ebenfalls benutzt hat. Nur gezwungen und widerwillig überwindet sie ihre Schüchternheit unb betritt in Dresden zum erstenmal die Bühne. Ihre Sehnsucht nach Italien, die stets in ihr geschlummert, wird immer Härter; alles drängt sie nach dem gelobten Lande des Gesanges und der Kunst. Aber in Berlin wird sie von Friedrich dem Großen fast mit Gewalt zurückgehalten und muß wie Goethe unter dem Zwang äußerer Verhältnisse ihren höchsten Wunsch lange unerfüllt sehen. Dazu kommt noch das tragische Geschick ihrer Ehe mit einem gemeinen und rohen Menschen, dessen Macht sie völlig erliegt. So tonnte sie Goethe wie dem ganzen Deutschland als Symbol jener düster genialen, sehnsüchtigen, feierlichen Stimmung erscheinen, die sie in ihrer Kunst Io ergreifend zum "Ausdruck brachte. Die gefeiertste deutsche Sängerin und doch eine tief unglückliche Frau, vom Hauch des Geheimnisvollen und Dämonischen umwittert! Züge ihres Wesens gingen auf Mignon über und so hat es eine tiefere Bedeutung, wenn Goethe im Alter von einem „vieljährigeu, sich unsichtbar fortfpinuenden Verhältnis" spricht, das ihn mit der berühmten Sängerin Schmeling-Mara verbunden. Inventur - Ausverkauf zu bedeutend ermässigten Preisen. 3478 KD 33 H:r<)5 i«ibttrui«r»r aui«ezetehn«t* ScbnlttAhtrkelt. <11 ; -d «H lene* 6 M online wen tat (fmmcliuo, Nhrrbcnuorücber. *1'. title, Mtrdjcnuov fieber. V. Aubr. Mirdicnuorftcbcr. Pianola, Phono1aunadrikale m - Oberlehrer Dr. v bhUL (Meb. Oroßh. Hess. Hoflieferant Giessen d «Mr •9::»t«McH*dee ’jlnwd» I v kcissrit MtibM i.i 4»iH4cMIm jtladc Gve«1* Zoftekeekn« Wirk 2 50 lesflett »mJkit «*1 -»1 Sehnenepr «et 3» Pirte « Pfwet- Meu. PrenhiU frei WiedtnerUa'er pialt Vglcito Fabrik Paul MUller * Co.. Sollagee f» -SJoikr Clio", der oDcrbehc S-iUcruttov. iit aber aurti niirfhtf) aur 1*1 lanflima > mn c* iu.idei: und fernicbmfitertDen XaOc .van. uret’ibtbrlid) - das merken schon die Riemen Bekanntmachung. "llathbcm die unter dem Schwei nebcstnnd des Moses Keßler zu Gießen, Aeueuweg Nr. 33, ausgebrocl>ene Rot- laufsenche erloschen ist, wird die unterm 15. Januar 1909 angeordnete Sverre aufgehoben. Gießen, den 28. Juni 1909. Großherzogi mies Polizciamt Gießen. Reinhart. Klavierstimmcn :: Aufpolieren von Pianos Vergebung von Bauarbeiten. Folgende zur äußeren Herstellung des Buditorieu- gcbätidcs der Landcsunivcrfität nötigen Arbeiten und Lieferungen, nämlich: Titel 1 Maurerarbeiten: Herausnehmen verschiedener Jensteroerdachnngen usio. Titel II Ltcinhauerarbeiten: ca. 8 cbm grün-gratie Sandsteine, sowie Taglohnarbeitcn ca. 1000 Gesellcnstunden Titel III Dachdcckcrarbcitcn: 220 lfd. m Tachfuß auszubrechen nnb wieder beizudeeken Titel IV Lpcuglcrarbciten: Neuherstellung von 220 lfd. m Vngcrfnnbel und 200 lfd. m ?lbfallrohre Titel VI rscißbindcrarbciten: 3800 qm Gerüststellung, 950 qm Hausteinreinigung, 2000 qm äußeren 93er« .putz, 490 qm Jensteranslrich, 225 lfd. m DachgesimSanstrich werden hiermit auf Grund de8 Ministerialerlasses vom 16. Juni 1893 öffentlich ausgeschrieben. Tic Angebolünnterlagen können auf unserem Amte, Stcphanstraßc Nr. 18, eingesehen, Angebotsformulare und Hack- u. Häufelpflüge mit und ohne Aeberitcthiup, Handhadge- räte, Pfcrde- haden in nennt. 8otl firutiionen empfiehlt Wilh. Dürbeck :: Giessen Ne—wf 18.____ Pianos zu vermieten auch Harmoniums; monatliche Mietpreise 2 bis 12 Mk. Bei Ankauf eines gemieteten Instrumentes Gutschrift der Miete laut besonderen Bedingungen. Bekanntmachung. Tie freiwillige Versteigerung der dem tVlüllcr Jriebnch Wilhelm Wetz beziv. ihm und seiner Ehefrau Mathilde geb. GottivalS in Münzcnberg im Grundbuchc der Gemartung Miinzenbcrg zugeschricbenen Mühle, die Kettermühle, nebst den dazu gehörenden, sowie sonstigen Grundstücken findet Montag, 5. Juli 1909, nachmittags 2'/. Uhr ans dem Rathansc zu Münzenbcrg nätt. Die VersteigernngSbcdingungcn können auf dem Orts- gcrichtSburean in Niünzcnbcrg ivährend den gewöhnlichen PIANINOS 380 bis 1700 Mk. Kraftborn feinstes Malzkraftbier aus der Dortmunder Ritterbrauerei A.-G. empfiehlt Orlginnlfilllnng per Fl. 20 Pf. exkl. Glan Gotth. Röhrle, Bier-Großliüüiiluog Otto Rathschla^ Spezialgeschäft für Wäsche und Ausstattungen Nur anerkannt gute Fabrikate s Höchster Bar-Rabatt Kleinste Raten Langjährige Garantie s Probe-Lieferung überallhin > ✓ T* z .> z Geer- Seit! verdienen! 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Vnnonciidiivrot Aeuenhaaeii, Kirchen Vorsteher, «leb. Schulrat Dr. Rausch, Kirchenvoriteher ^k'ugnmti Niiel'el.Kirchenvorsiehcr. Professor D. Schmu. Pfarrer D. schlosser. Vnnbncvtdik'vni Sdmiedenbecher. Oberledrer SrimwU. Piarrer Schwabe, «ich. Schiilrat D. Smmm. Direkior Dr. Stoeriko. Dekan 2norf, Vcihncitcm. Professor Dr. Strahl, Rektor der Untveriimi. Stuhl, Kirchenvorsteber. Qberkonsistorlalrat Waaö, Knchenvor iteher. Straüenivart Weller, II. Bor üvender des Evang. Arbeiter Vereins. i^eh.^orsNat Dr.Wimliienauer. Kirchenvorsteher, v. Wmn, Kirchenvoriteher V. Wolff, KnchenVorsteher. Arnulcin V. Wor« wann, Borfiven"e des (Hm'inu Adoli ,>ranei>vereiuv.. I. Giessener i-87 Reiiigmgs-Ioslilii! Wilhelm Gral <»<*ßT. 1*^*2 Telephon 742 Bureau: Marktplatz 15 übernimmt alle Arten Rcinignncm bei prompter Bedicnum- Konkurs - tadsul Kraan Dominicas Möbcllugcr ^aplans^asse Nr. 1S Vom 1. Juli an täglich geöffnet nachmittags 3 blS 7 Uhi. 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