Nr. 103 Samstag, 2. Mai 1908 Erscheint «gNE mtt Bnfwibmi bef «anntaa«. 158. Jahrgang ÄotattoitBbrud anß fcetiaa btt Vrüh^chen UntDtrjtiätf • anb Cutnbrudtttt. 8t 8eege, (Bitten. Redaktion. Eypebittim and Druckerei! Schul» stratz« 7. Ervedttton and Iterlag i 6L Redaktion: 113, IeL-2Q>tj An-eiqerGießen. Di» „Gleßenet FamiNendlStter- werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich betgelegt das „Xretsblatt für ötn Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Der ^hesststhe Landwirt erscheint monatlich einmal. Giehener Anzeiger General-Anzeiger für Gberhessen Deutscher Reichstag. 147. Sitzung. Freitag, den 1. Mat Am Tische des Bundersats: Dr. Sydow. Vizepräsident Dr. Paasche eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Minuten. Zweite Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend Aende- rungen im M u n z w e s e n. Die wesentlichsten Bestimmungen der Vorlage betreffend die Einführung eines 25 Pfennigstücks und die Erhöhung der Silber-Kopfquote von 15 auf 20 Mk. Berichterstatter ist Dr. Mayer-Kaufbeuren (Zentr.). Tie Kommission beantragt zwei Resolutionen. Die eine ersucht den Reichskanzler, darauf hinzuwirken, daß den Reichs münzen künftighin eine den Anforderungen in t ü n st l e r i s ch e r H i n - sicht mehr wie bisher entsprechende Ausstattung gegeben und zur Erlangung künstlerischer Entwürfe ein allgemeines Prei s.a usschreiben veranlaßt werde. Hierbei soll insbesondere eine handlichere Form der Fünfmarkstücke angestrebt werden. Die andere Resolution ersucht den Reichskanzler um eine neue Kodifikation der Münzgesetze. Die Abgg. Weber (nl.), Dr. Arendt (Np.) und Ortel (nl.) beantragen eine Resolution, die den Reichskanzler um eine handlichere Form der Fünfmarkstücke ersucht. Die Abgg. Raao (wirtsch. Vgg.), Henning (kons.) und Dr. Arendt (Rp.) beantragen die Ausprägung von Dreimark st ücken. Vom Abg. v. Strombeck (Ztr.) liegt ein Antrag vor, wonach bei den 25-Pfennigstücken der Reichsadler Lurch eine andere Darstellung ersetzt werden soll. Abg. Mayer-Kaufbeuren (Ztr.): Die Mehrzahl meiner Freunde hat sich in der Kommission davon überzeugt, daß ein Bedürfnis für die E i n f ü h r u n g d e s A.' Kt e n n i g st ü ck e s vorliegt, sie wird deshalb dafür stimmen Die Süddeutschen befurchten aber dadurch eine Preiserhöhung für Waren ,m Werte von 20 bis 24 Pfg., sie werden deshalb gegen das 25-Pfennigstück stimmen. Der Erhöhung der Silberquote und den anderen Bestimmungen des Entwurfs stimmen wir geschlossen un allgemeinen Interesse zu. Auch wir halten eine handlichere Gestaltung der Fünfmartstücke für notwendig. Ein Teil meiner Freunde wird auch der Wiedereinführung der Dreimarkstücke zu- siimmen, da d'cse älteste Reichssilbermünze sich großer Beliebtheit erfreut. Abg. Dr. Arendt (Rp.): Wir stimmen dem Entwurf in der Kommissionsfassung zu. Tas 25-Pfennigstück wird von der Bevölkerung gefordert, muß also eingeführt werden. Freilich müssen wir dafür sorgen, daß unsere Münzen wie in anderen Ländern eine gefälligere Form haben. Daß nicht zu viel Silbermünzen ausgeprägt werden, dafür sorgt schon der Schiffahrtsverkehr und der Verkehr mit den Kolonien. Der Silbervorrat ist gegen früher geringer geworden. Im Jahre 1892 hatte die Reichsbank einen jährlichen Silbervorrat von 326 Millionen Mark, im Jahre 1907 betrug er mir noch 209 Millionen Mark. Es herrscht geradezu ein MangelanSilber münzen Bei Lohnzahlungen müssen schon vielfach das Zehnmarkstück oder Papierscheine verwendet werden, die wohl in das Portemonnaie wohlhabender Leute passen, aber nicht in den Geldbeutel des Arbeiters. Prinzipielle Gründe gegen die Einführung des Dreimarkstücks liegen nicht vor. Es würde von weiten Kreisen des Volkes lebhaft begrüßt werden, wenn der alteTaler wieder in den Verkehr kommen w ü r'd e. Bei der Ausprägung der Silbermünzen muß natürlich die deutsche Silberproduktion vorzugsiveise berücksichtigt werden. Der Prägegeloinn wird den Geldmarkt erheblich entlasten. Abg. Orte! (natl.): Wir halten die Schaffung eines 25 Pfennigstückes für zweck- mäßig und legen großen Wert auf eine künstlerische Ausschmückung ber Münzen. Da sie von Hand zu Hand gehen, so sind sie geeignet, den Künstler Populär zu machen. Es ist zu Ivünschen, daß der Schatzsekretär mit dem zum Zweck der Verschönerung der Münzen in Aussicht gestellten Preisausschreiben mehr Glück haben werde, als die bayerische Regierung bei ihrem Preisausschreiben für Postwertzeichen. Mit der Erhöhung der Kopfquote auf 20 Mark sind wir einverstanden. Dem Antrag Raab auf Wiedereinführung des Talers kann ein großer Teil meiner Freunde nicht beistimmen. Abg. Singer (Soz.): Wir werden für das Gesetz stimmen. Allerdings stehen wir der Einführung des 25 Pfennigstückes nicht sympathisch gegenüber, da es sicherlich die Preise für die kleinen Leute erhöhen wird. Die Wiedereinführung des Talers hat absolut keinen Zweck. Abg. u. Gamp (Rpt.): Früher waren die Sozialdemokraten mit der Beibehaltling des Talers einverstanden. Ich verstehe nicht, warum sie ihn jetzt nicht wieder einführen wollen. Das Dreimarkstück wird die Lohnzahlungen außerordentlich vereinfachen. Ich appelliere an den Praktischen Sinn des Reichstags. Abg. Henning (kons.)' Wir sind mit dem 25 Pfennigstück einverstanden, ebenso mit ber Erhöhung der Silber-Kopfguote. Vielleicht werden 20 Mark als Kopfquote gar nicht ausreichen und wir werden über kurz oder lang dazu kommen, 25 Mark festzusehen. Die Befriedigung des vorhandenen Bedürfnisses an Silbermünzen wird sicherlich auch zur Stärkung unseres Goldvorrats beitragen. Mit der Wiedereinführung des Talers sind wir durchaus einverstanden. Abg. Kaempf (freif. Dpt.): Tas Dreimarkstück wieder einzuführen, fcheint keine Notwendigkeit zu fein. Daß durch das 25 Pfennigstück Lebensmittel und sonstige Gegenstände verteuert würden, kann ich nicht ein» sehen. Solange man 25 Pfennig durch zwei 10 Pfennigstücke und ein 5 Pfennigstück hergeben kann, wird eine Verteuerung nicht eintreten Dringend gewarnt muß aber werden vor einer über, mäßigen Ausprägung von silbernen Scheidemünzen. Man müßte dann Silber für die Ausprägung der Scheidemünzen vom AuSlande beschaffen und dieses Silber mit Gold bezahlen. Wenn in einem zu schnellen Tempo Silbermünzen ausgeprägt werden, so geht in demselben Tempo Gold nach dem Auslande, und wir bekommen die G o l d k n a p p h e i t, die sich la im letzten Jahre so außerordentlich nachteilig für unser Wirtschaftsleben bemerkbar gemacht hat. Meine politischen Freunde stimmen auch nur der Vorlage zu in dem Vertrauen, daß die Zu- sage in der Vorlage, daß nicht mehr Silbermünzen ausgeprägt werden sollen, als der Verkehr braucht, auch tatsächlich innegehalten wird, möge kommen, was da wolle. (Beifall links.) Abg. Naab (wirtsch. Vergg.): Jeder wird es zu würdigen wissen, wenn Männer der Praxis, wie der Vorredner, gegen die Vorlage Bedenken haben. Auch wir haben verschiedene Bedenken, werden aber trotzdem dem Gesetz zmtimmen, denn die drohenden Gefahren sind sehr übertrieben. Ich bitte um Einführung d e s D r e i m a r k st ü ck s, das der Verkehr braucht. Die Talerfrage ist keine Währungsfrage mehr, sondern eine Zweckmäßigkeitsfrage. Recht sonderbar ist es, daß wtzl die Sozialdemokraten gegen den Taler sind, der bei Lohnzahlungen doch recht brauchbar ist. Den Verkehr mit Papierschnitzeln vollzustopfen, ist eine sehr bedenkliche Methode. Stimmen Sie der Einführung des Talers heute zu, dann schaffen Sie die Erinnerung an einen wirklich schönen 1. Mai. (Heiterer Beifall.) Schatzsekretär Dr. Sydow: Die meisten Redner haben sich mit der Vorlage einverstanden erklärt. Grundsätzliche Fragen sind in der Debatte im allgemeinen nicht mehr berührt worden. Bei der Abmessung der jährlichen Prägung wird das Vcrkehrbedürfnis bezüglich der Silbermiinzen selbstverständlich an erster Stelle in Betracht gezogen werden. Was das 25 Pfennig-Stück anlangt, so soll dem reinen Nickel deshalb ber Vorzug gegeben werden vor den sonst bisher beliebten Legierungen, weil das reine Nickel härter fft als die Legierung, imb weil c§ auf diese Weise möglich wird, der neuen Münze eine dun. nere und dadurch leichter unterscheidliche Form zu geben. Der Schutz imferer inländischen Kupferproduktion hat mit ber Frage wenig zu tun, ganz abgesehen davon, daß wir ja unseren Bedarf an Kupfer im Jnlande nicht decken können, sondern auf jeden Fall aus dem Auslande Kupfer einführen müssen. Wenn eine Reichsbanknebenstelle mehr Silbermünzen bei sich aufgesammelt hat, als sie vergeben, konnte, so widerspricht das den aufgestellten Grundsätzen. Nun ist die Frage aufgeworfen: Woher sollen lvirdas Silber nehmen, das für die Ausprägung der neuen Münzen nötig ist? Nach dem jetzigen Pro- dilktionsmaße wird der Bezug des Metalls aus dem Jnlande auf Schwierigkeiten stoßen, weil die ganze gegenwärtige Produktion überwiegend zu industriellen Zwecken verwendet wird. Immerhin will ich den Versuch machen, mit den deutschen Produzenten in Verbindung zu treten über die Frage, ob sie bei einer regelmäßigen Abnahme zu rationellen Preisen in den nächsten Jahren ihre Pro. d u k t i o n zu st e i g e r n in der Lage sind. Der Wimsch, d i e abgenutzten Zehnpfennig st ücke mehr wie bisher aus dem Verkehr zu ziehen, findet unsere Zustimmung. Ich habe be. reits an die Landesregierungen das Ersuchen gerichtet, die abge- i.utzten Stücke einzuziehen. Die Resolutionen, die uns auffordern, den Versuch zu machen, denFünfmark st ücken eine handlichere Form zu geben, werden Berücksichtigung finden, unter Umständen dlirch ein Preisausschreiben. Eventuell werde ich auch wegen der Gestaltung des 25 Pfennigstücks den W e g d e s P r e t s° aus schreibens beschreiten, weil mir bisher keine mir geeig. net erscheinenden Vorschläge gemacht worden sind. Bezüglich des Antrages Raab auf Zulassung von Dreimarkstücken muß ich zunächst erklären, daß mein Amtsvorgänger, als er im Jahre 1904 eine Enquete in dieser Hinsichr in die Wege leitete, mit seinem Rundschreiben keine suggestive Wirkung ausüben wollte. Er war ein viel zu praktischer Mann, als daß er solche Wege einschlagen würde. Die Enquete hat ergeben, daß die Handelskammern gegen das Dreimarkstück sind, die Landwirtschaft ist dafür und die Handwerkskammern sind geteilter Meinung. Interessant ist, daß von den Warenhäusern Jandorf und Gerson auf feiten des Herrn Raab stehen, während Aschinger und Kempinski dagegen sind. (Heiterkeit. ) Die Talerfrage ist aber keine prinzipielle Frage mehr, da ja das Dreimarkstück nur noch als Scheidemünze in Frage kommt. Mg. v. Strombeck (Zentr.) begründet seinen Antrag, wonach bei den 25 Pfennigstücken ber Reichsadler durch eine andere Darstellung ersetzt werden soll. Schatzsekretär Dr. Sydow: Ich halte es nicht für möglich, daß der Bundesrat dem Anträge zustimmen wird, den Reichsadler von den 25 Pfennigstücken fortzulassen, denn der Reichsadler ist das, ivas unsere Münzen als Reichsmunzen im In- und Auslande kenntlich macht. Seitdem wir Reichsmünzen haben, ist er immer ihr Kennzeichen gewesen. Eine Aenderung in dieser Beziehung wird schwerlich eintreten. Auch einer Durchlochung werden die Verbündeten Regierungen nicht zustimmen. Sie können sich mit dieser Sitte aus dem fernsten Osten nicht befreunden. Abg. Mommsen (freis. Vgg.): Der Antrag Strombeck sieht sehr harmlos aus. aber wir haben Bedenken, dem Bundesrat die Ermächtigung zu geben, statt des bisherigen Hoheitszeichens aus den Münzen ein anderes einzuführen. Wir könnten da sehr unliebsame lieber» raschungen erleben. (Sehr richtig! links.) Wir sollten es ruhig beim Alten belassen. Auch wir haben einzelne Bedenken gegen ba§ Gesetz, werden ihm aber trotzdem zustimmen. Mit der Einführung eines Dreimarkstücks sind wir nicht einverstanden. Wenn die Silbermünzen zu viel zerstückelt werden, so führt das immer dazu, daß eine oder die andere Münze ganz umsonst ausgeprägt ist. Wenn wir noch ein Dreimarkstück bekommen, dann haben wir unter allen Ländern der Welt die meiste Stückelung unter den Silbermünzen. Ein Bedürfnis für ein Dreimarkstück besteht nicht. Seine Einführung würde nur dazu führen, daß das Fünfmarkstück verdrängt wird. Dieses wäre bann also ganz umsonst ausgeprägt. Abg. Kirsch (Ztr.) bedauert, daß der Schatzsekretär keine klare Erklärung abgegeben habe, wie er sich zu der Frage der Einführung des Dreimarkstücks stelle. Damit schließt die Debatte, Der Antrag Raab auf Einführung des Dreimark st ücks wird mit knapper Mehrheit angenommen. (Lebh. Beifall.) Dagegeri stimmen die freisinnige Fraktionsgemeinschaft, die Sozialdemokraten und ein Teil de§ Zentrums. Der Antrag Strombeck wird abgelehnt. Angenommen Joetben bie Resolutionen der Kommission und bie Resolution Weber, die an bie Reichsmünzen größere Anforderungen in künstlerischer Hinsicht stellen, und die eine handlichere Form des Fünfmarkstücks verlangen. Die Petitionen werden auf Antrag Bassermann für erledigt erklärt. Im übrigen wird das Gesetz in der Kommissionsfassung angenommen. Ter Postüberweisungs- und Scheckverkehr. Zur zweiten Beratung steht sodann der zweite Nachtrag zum Reichshaushaltsetat, dessen grundlegende Bestimmung lautet: „Der Reichskanzler wird ermächtigt, den Post- : Ueberweisungs- und Scheckverkehr einzuführen. Die Bestimmungen über die Benutzung des Verkehrs werden durch eine vom Reichskanzler zu erlassende Verordnung getroffen." Die Kommission hat hinzugefügt: „Die Verordnung ist dem Reichstage zur Kenntnisnahme vorzulegen". „Die grundsätzlichen Vorschriften über den Post-Ueberweisungs- und Scheckverkehr sind biszum 1. Avril 1912 (im Regierungsentwurf stand: 1914) auf dem Wege der Gesetzgebung zu regeln." Abg. Bcck-Heidelberg (nl.) erstattet den Kommissionsbericht, lieber die Gebühren be* antragt die Kommission folgende Resolution : Die Gebühren sollen betragen: bei Bareinzahlungen für je angefangene 500 Mk. 5 Pfg.; für jede Bareinzahlung neben einer festen Gebühr von 5 Pfg. ein Zehntel vom Tausend der auszuzahlenden Betrage; für jede Uebertragung von einem Konto auf ein anderes Postscheckkonto 3 Pfg.; und außerdem in jedem Falle eine Zuschlaggebühr von 7 Pfg. für jede weitere Buchung, wenn der Kontoverkehr eines Kontoinhabers jährlich mehr als 600 Buchungen erheischt. Diese Zuschlaggebühr beantragt die freisinnige FraktionS- gemeinschaft, Dr. Ablaß u. Gen., zu streichen. Eine Resolution der Nationalliberalen Beck (Heidelberg) und Dr. Weber ersucht den Reichskanzler um Anordnung dahin, baß, sofern unb fobalö bie Einnahmen aus bem Postscheckverkehr bie Betriebskosten voraussichtlich bauernb übersteigen, bie aus bem Postanweisungsverkehre den Scheckkonten zugeführten Beträge spesenfrei behanbelt werben und eine Verbilligung der Gebührensätze eingeführt wird. Die Einziehung der Gebühren sowie der für Formulare zu zahlenden Preise soll nach dem Kommissionsantrag durch Abschreibung von dem zur Zahlung verpflichteten Konto geschehen. Abg. Nacken (Ztr.): Wir stellen unsere Bedenken, die wir nach wie vor haben, zurück, obgleich wir unsere Forderung einer gesetzlichen Festlegung ber Gebührensätze und ihrer Verbilligung bei ocr Negierung nicht haben durchsetzen können Wir wollen das Gesetz nicht wieder wie im Jabre 1900 im Sande verlaufen lassen, aber wir erklären schon jetzt daß wir, wenn im Jahre 1912 bie gesetzliche Regelung erfolgt, an ber Forderung der gesetzlichen Festlegung der Gebühren festhalten werden. Den Antrag Ablaß lehnen wir ab, einmal um bas Gesetz nicht zum Scheitern zu bringen, dann aber, weil er nur den stärkeren Schultern Vorteil und Erleichterung bringen würde auf Kosten ber Reichskasse. Dagegen stimmen wir der Resolution Weber zu. Die ganze Sache soll ja nur ein Versuch fein bis zum Jahre 1912; dann hat der Reichstag ein Wort mit- zusprechen und werden Erfahrungen vorliegen. Abg. Weber (nl.): Wir wollen lieber später eine Abschwächung bet Gebühren, als ben umgekehrten Weg unb haben es deshalb für richtig gehalten, auf unserer Forderung der Gebührenverbilli- gung jetzt.nicht zu bestehen, sondern cs in Form einer Resolution anzuregen. Nach den Erklärungen des Staatssekretärs in ber Kommission dürfen wir ja erwarten, baß in bem Moment, wo bie Betriebseinnahmen bie Ausgaben übersteigen, ber U eberschuß zur Ermäßigung ber Gebühren verwendet werben soll. Der Redner bringt bie Wünsche bes Ausschusses des Handelstages zum Vortrag: Portofreiheit für Schecksenbungen, Anschluß des Postscheckverkehrs an den Giroverkehr der Reichsbank und Befreiung ber Postanweisungen im Scheckverkehr von der Zuschlagsgebühr. Die Postverwaltung sollte über den Scheck- unb Postanweisungsverkehr Monatsausweise veröffentlichen. Abg. Krcth (kons.): Die Kommissionsberatung hat unseren ablehnenden Standpunkt nicht ändern können. Wir befürchten, daß der Postscheckverkehr den Sparkassen Einlagen entziehen wird, und baß schließlich bie Postsparkasse im Hintergründe steht, wenn auch unter Vermeibung des Namens. Wollte man die Reichsbanknebenstellen zur Annahme von Depositen befähigen, dann würde es heißen: Ja, Bauer, das ist ganz was anderes I Es ist ja richtig, baß bas Publikum zu einer Neichsanstalt größeres Vertrauen hat als zu einer kleinen Genossenschaft, aber mit derselben Motivierung könnte man bann auch die Verstaatlichung des ganzen Depositenwesens verlangen. Wir befürchten, daß ourch ben Postscheckverkehr die Gelder aus den kleinen Genossenschaftsbanken in den großen Verkehr abfließen unb nicht den Kreisen wieder zugute kommen, aus denen sie stammen. Der Postscheck- Verkehr wird eingeführt werden, er wird marschieren, die V e r • zinsung der Einlage wird kommen. Hier gilt es: prin- cipiis obsta! Wenn Herr Nacken die ganze Sache als Versuch ansicht, so fürchte ich, ist es ein strafbarer Versuch. Wir wollen jedenfalls ein Warnungssignal aufrichten, damit cs nicht nachher heißt: der Reichstag hat ja zugestimmt, da können wir weitergehenl Abg. Kaempf (freif. Dpt.): Zweck des Scheckverkehrs soll sein, die baren Zirkulationsmittel zu sparen. Mit den hier vorgeschlagenen zaghaften Mit- t e l n wird niemals ein großer Erfolg zu erzielen fein. Ein Er- folg kann nur erzielt werden, wenn man nicht abwägt, was kostet der Post der Scheckverkehr und was für Gebühren sind zu erheben? Es muß in Betracht gezogen werden, was nützt der Postscheck- verkehr der Gesamtheit auf indirektem Wege? Ein inniger Zu- fammenhang dieser Vorlage besteht mit der vorhin beratenen, be- treffend bie Ausprägung von Silbermünzen. Werben vermöge be3 Postscheckverkehrs nickt so viel Silbermünzen als Zahlungsmittel nötig, bann braucht man auch nicht Silbermünzen mehr auszu- prägen. Um das aber zu erreichen, muß man den Postscheck- ver kehr populär machen. Die rechte Seite sagt, der Handel soll sich selbst helfen, das fei nicht Sache der Post. Ist der Rechten nicht bekannt das; der Handel gerade in letzter Zeit für die Verbreitung des Scheckwesens tätig gewesen ist und mit Erfolg? Der Verkehr hilft sich schon selbst. Hat denn aber bie Rechte auch beim Telephon gesagt, das sei nicht Sache der Post, der Verkehr solle es selbst machen? Da stand ber Verkehr im Be- griff, es privatim zu machen. Vielleicht wäre cs bann billiger gekommen. Durch den Postscheckverkehr wird auch eine Ver. btlligung des Zinsfußes im ganzen Lande erreicht werden, und somit werden auch die Gewerbetreibenden und die Genossenschaften den allergrößten Nutzen davon haben. Allerdings ist Vorbedingung, daß die Gebühren billig sind. Diese sieben Pfennig für mehr als 600 Buchungen sind geradezu eine Strafe darauf, baß jemand den Postscheckverkehr in großem Umfange benutzt. (Sehr richtig' links.) Diese hohen Gebühren können c8 dahin bringen, baß au? ber ganzen segensreichen Einrichtung des Scheckverkehrs nichts weiter wird als ein neuer Geschäftszweig der Post. Wir sollten dem Zustande in England nachstreben, mög. I i ch st wenig Barmittel in Umlauf geben zu lassen. Diese sieben Pfennige müssen fallen. Nur wenn die ganze Be- völksrung mit Vergnügen sick des PostsckeckverkehrS bedient, können wir erreichen, was wir damit wollen: eine Verbilligung be§ Zinsfüße-. (Lebhafter Beifall linkst Staatssekretär Kractkc: Fluch den verbündeten Regierungen liegt ja daran, den Barver, kehr einzuschränken. Daß einerseits Herr Kaempf, andererseits die Rechte feine große Zustimmung äußert, bestärkt mich eigentlich darin, daß wir den richtigen Weg eingcschlagen haben. England erhebt allein an Stempelgebühr einen Pfennig pro Scheck. Wir haben ein, gehend geprüft, ob es möglich ist, ohne Gebühren auszulommcn, aber es geht nickt. Wir haben mit Len Vertretern der verschiedenen Osteressen verhandelt, auch Vertretern der Genossenschaften, Spar, kaffen usw. Der Staatssekretär bezieht sich auf eine Resolurwn des Bundestags der Raiffeisen-Genossenschaft unter dem Vorsitz des Geheimrats Haas, in der die vom Abg. Krerh geäußerten Befürchtungen für unbegründet erklärt werden. Es wäre nicht geschäftlich klug, die Taxen sofort so niedrig zu setzen, daß man in kurzer Zeit sie doch erhöhen muß. Wir sind da gebrannte Kinder mit der Erhöhung des Qrtsportos; da wird ja gegen uns auch geb, tend gemacht, daß wir rückständig und verkehrsfeindlich sind. Nun haben wir auf diesem Gebiet keine Erfahrungen, Hecken uns an das Beispiel von Oesterreich und der Schweiz halten müffen und unsere Gebühren sind modriger. Wir müssen damit rechnen, daß die Warenhäuser, Lotteriekollekteure usw. uns große Mühe machen werden, hierfür ist der Zuschlag angebracht., Im übrigen hat ja die ganze Sache keine Gefahr, da nach drei Jahren sowohl die rechte wie die linke Seite des Hauses mit zu reden haben wird. Ich kann Herrn Weber eine größere Portofreiheit, als sie in der Vorlage beabsichtigt ist, nicht in Aussicht stellen. OTe Nachrichten der Post sind ja portofrei, nur die Zusendung des Schecks an das Scheckamt wird portopflichtig sein. Der Anschluß an den, Giroverkehr der Reichsbank ist selbstverständlich; es besteht auch die Absicht, des Anschluffes an die Länder, die den Postscheck hckben. Abg. Singer (Soz.): Dieser Postscheckverkehr ohne Verzinsung ist ein totgeborenes Kind. Die Verzinsung ist ein Stimulus für das Publikum. Man kann ja eine ganz mäßige einführen. Wir werden für das Gesetz stimmen, toenn es auch ein untauglicher Versuch ist. Abg. Mommsen (freis. Vgg.): Rechts ffnd Gegner, links sind Gegner, also — sagt der Staatssekretär, muß die Sache doch richtig sein. Nein, so liegt die Sache doch nicht; Herr Nacken ist doch auch im Grunde nicht da- fihc, und die Nationalliberalen haben doch auch erst in der Kommission nachgegeben. Es wäre bcffer gewesen, sie wären fest ge. blieben, dann würde der Widerstand der Negierung vielleicht leid), ter besiegt werden können. Gewiß ist es nicht gut, tocmi man die Gebühren nachträglich erhöhen mutz, aber noch weniger klug ist es, die Gebühren so hoch zu bemessen, datz nichts Vernünftiges herauskommt, und diese Befürchtung kann ich hier nicht unterdrücken. Deshalb sehe ich in der Vorlage eine Gefahr für b e n Scheckverkehr. Wir sind selbstverständlich gerne bereit, dem Staatssekretär als Ausgleich für die niedrigere Gebühr bei einem gröberen Scheckumsatz Mich ein größeres Bankguthaben zu konzedieren. Die Gebührenfestsetzung im Gesetz ist aber ganz verkehrt. Staatssekretär Krätke: Wir haben noch keinen festen Boden für unsere Ei .'schließun. gen, der eine hält das für richtig, der andere das ©^enteil. Die Herren hier machen sich die Sache recht leicht, denn sie haben keine Verantwortung. Ick halte es für rick,tiger, datz man eine kleine Gebühr zahlt, als datz man dem Mittelstand auferlegt, eine höhere Einlage zu machen. Die Zukunft wird beweisen, wer recht hat. Nach kurzer weiterer Erörterung wird die Postscheckvorlage angenommen, mit ihr die Resolutionen der Kommission und die Resolution Weber. Die Resolution Ablatz wird abgelehnt. Da8 Gesetz über bett rsicherungSvertrag. Zur zweiten Beratung stehen sodann der Gesetzentwurf über den Versicherungsvertrag, das zugehörige Einführungsgesetz und die Novelle zum Handelsgesetzbuch über die Seeversicherung. Die Kommission, deren Berichterstatter Dr. Porzig (kons.) ist, hat einen Druckbericht erstattet, der nicht weniger als 222 Seiten stark ist. In Rücksicht auf den überaus großen Umfang des Beratungsgegenstandes wurde bereits am Schluß der Kommissionsberatung der Vorschlag gemacht. Beim Plenum en dloc-Annahme der Korn- missionsbeschlüffe zu beantragen. Abg. Winkler (kons.) stellt diesen Antrag. Es liegt nur ein sozialdemokratischer Antrag zu den Schluß- Vorschriften vor, die um einen neuen Paragraphen vermehrt werden sollen in der Richtung einer Kommissionsresolution. Das ganze Gesetz mit Au snahme der Schluß- Vorschriften wird mit den zugehörigen Gesetzen en bloc angeno mmen. Die Resolution der Kommission ersucht den Reichskanzler, dabin zu wirken, datz auch die dem Gesetze nicht unterstehenden öffentlick)en Versicherungsuntemehmungen einer schleunigen Revision unterzogen und ihre Ergebniffe alsbald zur Kenntnis des Reichstags gebracht werden. Der Antrag der Sozialdemokraten will in einem § 189a und einem Zusatz zu § 191 die Reckte der Versicherten in Betriebs- lassen, denen Angestellte und Arbeiter eines Betriebes angeboren müffen, solange sie sich im Dienstvertrag befinden, sichern. U. a. sollen die Arbeitgeber verpflichtet werden, mindstens ein Drittel der Beiträge zu zahlen, und sollen die Versicherten auch nach Lösung ds Arbeitsvertrages das Versicherungsverhältnis unter Zahlung ihrer früheren Beiträge fortsetzen, oder, soweit sie mehr als 200 Wochen Beiträge gezahlt haben, die Rückzahlung be- anspruchen können. Abg. GiesbertS (Zentr.): Auf zwei Punkte will ich die Aufmerksamkeit lenken, um die Regierung zu veranlassen, toenn auch nicht in diesem Gesetz, so doch in allernächster Zeit schwere Mitzstände zu beheben. Der eine betrifft das Abonnenten- und Jnserentenversiche- rungswesen. Diese unlautere Geschichte mutz beseitigt werden. Schließlich werden noch alle Teile des Versicherungswesens mit dem Zeitungswesen verknüpft werden. Ein reelles Versiche- rungsgeschäst und em reelles Zeitungsgeschäft dürfen sich auf solche Dinge überhaupt nicht einlaffen. Die Versicherung wird hier geradezu zum Hausknecht für d i e Presse gemacht, sie dient zum Abonnenteneinfang. Tausende werden um eine gute reelle Versicherung geradezu betrogen. Eine Zeitschrift „Nach Feierabend" hat z. B. 500 000 Abonnenten, die sie gegen Unfall versichert, und denen sie Sterbegeld gewährt. Ihre Verpflichtungen betragen 80 Millionen Mark, toenn alle Versicherten zu ihrem Rechte kommen sollen. Natürlich ist gar nicht daran zu denken, datz diese 80 Millionen Mark ettoa gesichert sind. Für 10, 40 Mark im Jahre wird das alles gewährt. Das ist nicht mehr unlauterer Wettbewerb, das ist Volksbetrug und Schwindel. (Beifall.) Eine Zeitschrift mit dem schönen Namen „23ier", die natürlich in München erscheint, versichert ihre Abonnenten für 4,SO Mark jährlich mit 1000 Mark und liefert das Blatt dazu. Das ist einfach Unsinn. Eine Zeitschrift für Dienstmädchen versichert diese mit 100 Mark, toenn diese ein einziges Inserat aufgeben. Diese grellen Mitzstände müssen beseitigt toerbeu. Klipp und klar sollte folgender Paragraph angenommen werden: „Die 23er- guickung von Versicherungsgeschäft und Zeitungsgeschäft ist verboten." Man zwingt die Leute, irgend ein unsinniges Blatt ihr ganzes Leben lang zu halten, ober die Versicherung fallen zu taffen. Dieses Unwesen schädigt auch die Presse schwer. Wenn eine Zeitung mit Versicherungen anfängt, dann mutz oft eine andere folgen. Irgendwo muff aber doch das Geld toieoer erspart werden und so geht schließlich der geistige Inhalt der Presse herunter, denn gewöhnlich wird an den Honoraren der Korrespondenten und Mitarbeiter geknausert. Die Presse muß aber als siebente Großmacht auch stets geistig auf der Höbe stehen. Daran haben nicht nur die Abonnenten, sondern auch die Verleger und Redakteure das höchste Interesse. Wir behalten uns vor, zu gelegener Zeit einen Antrag einzubringen, der sich klar gegen jede Abonnentenversicherung ausspricht. Der Redner wendet sich bann gegen bie Pensionskasse'n an einzelnen großen Werken in Rheinland-Westfalen, durch die die Arbeiter schwer benachteiligt würden. Besonders sei das bei der Firma Krupp der Fall. Hier müßten die Arbeiter 2,5 Proz. ; ihres Lohnes als Beitrag zahlen. Sie verlieren aber jeden Anspruch an die Kasse, toenn sie daS Werk berlaffen. DaS feien unhaltbare Verhältnisse, die der Regelung bedürfen. (Beifall.) Abg. Severing (Soz.) begründet den sozialdemokratischen Antrag. Besonders bei den Kruppschen Kassen werden die Arbeiter schwer geschädigt. Sie haben alle Lasten zu tragen, während die Unternehmer alle Reckte haben. Diese Kassen sind keine Wohlfahrtseinrichtungen,' sie sollen nur die Arbeiter an die Werke fesseln. Bei jeder Gelegenheit wird ihnen die zustehende Pension entzogen. Der Red. ner bespricht bann bie Entwicklung der gelben Gewerk- schäften, bie von den Unternehmern ins Leben gerufen würden. Die Nationalliberalen und die Freisinnigen sollten sich hüten, dem Liebeswerben dieser gelben Gewerkschaften Gehör zu schenken. Staatssekretär Dr. Nieberding: Was die Abonnentenversicherung anlangt, so bin auck ich bet Ansicht, baff in den letzten Jahren auf biesem Gebiete Erscheinun- gen hervorgetreten sind, die nicht nur befremden, sondern die auch lebhaften Unwillen erregen müffen. Der Abg. Giesberts hat mit Recht bie Geißel seines Unmuts über diese Dinge geschwungen. Wir haben alle Veranlassung, die Ausartungen, bie auf biesem Gebiete hervortreten, mit großer Sorgfalt zu verfolgen. Ich kann hier feststellen, baff die Regierung, namentlich auch bas AufsichtS- amt für Versicherungswesen, jetzt sckon ihre Aufmerksamkeit bieten Erscheinungen zugewendet haben. Die Rechtsprechung hat bei der Bekämvfung dieser Erscheinungen, bie bas Volkswohl schädigen, eine zeitlang versagt. Jetzt ist es anders geworden. Die Rechtsprechung des Reichsgerichts Bat in einem Falle eine Verurteilung ausgesprochen. In einem anderen Falle ist gleichfalls eine 23er- urteilung durch ein anderes Gericht erfolgt. Wir haben die Hoffnung, baff die Unternehmer derartiger Spekulationen sich dadurch warnen lassen werden. Ich bin freilich der Ansicht, baff mich bie Presse nach dieser Rickitung wirken sollte, ba diese Erscheinungen sich in ihrer eigenen Mitte zeigen. Ein anständiges literarisches Unternehmen darf sich mit solchen Dingen überhaupt nicht be» fassen. Eine Abhilfe würde wohl erfolgen, wenn aus den Reihen der Presse heraus, diese Mitzstände energisch bekämpft würden. Sollte mit Hilfe der Rechtspreckung und mit Hilfe der durch die Presse vertretenen öffentlichen Meinung auf diesem Gebiete sich eine voll, ständige Abhilfe nicht erzielen lassen, bann wirb nichts anderes übrig bleiben, als den Weg der Gesetzgebung zu beschreiten. Wollen wir aber diesen Weg betreten, bann dürfen Ivir nicht ein Gesetz schaffen, das sich nur mit der Regelung der privatrechllichen Be. Ziehungen besaßt, bann müssen wir weiter gehen. Das Haus kann überzeugt sein, baff die Regierung diese Dinge mit Sorgfalt weiter verfolgen wird. Da die Handhabung der Verwaltung der Gewerks« lassen vielfach Unzuftiedenheit erregt hat, so hat die Regierung Veranlassung genommen, sich mit dieser Frage zu befassen. Die Unternehmungen sind zum großen Teil Wohlfahrtseinricktungen. Das Krnppscke Werk hat in den letzten 22 Jahren 16 Millionen Mark für die Kassen ihrer Arbeiter anfgetoenbet. Daher haben nicht nur bie Landesverlvaltungen, sondern auch die Reicksverwal. tung den berechtigten Ansprüchen der Arbeiter ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Der Staatssekretär des Innern hat sich mit der preußischen Verlvaltung in Verbindung gesetzt. Es werden baran 23er. Handlungen mit den übrigen Regierungen sich knüpfen, deren Re. sultat hoffentlich eine reichsgesehlicke Regelung sein wird, Augenblicklich ist bet Zeitpunkt einer solchen reicksgesetzlichen Regelung noch nickt gekommen. £er Antrag Albrecht bittet keine gecig. ncte Grundlage f ü r eine gesetzliche Regelung. Auch ist eine gesetzliche Regelung im Anschluß an bas vorliegende Gesetz nicht möglich, weil Bestimmungen getroffen werden müssen, die auf privatrcchtlichem Gebiet gar nicht liegen. Daher wird ein besondere? Gesetz zur Regelung dieser Angelegenheit notwendig fein. Auf Grund dieses Gesetzes wird das Aufsichtsamt in der Sage sein, Abhilfe zu schaffen, toenn bei einzelnen Kassen bie Arboi, ter nicht zu ihrem Rechte kommen. Auf Antrag Singer (Soz.) erfolgt Vertagung. Sonnabend 11 Uhr: Wechselprotest, Tierhalter, Gewerbe. Novelle, Unterstützungswohnsitz, Wahlprüfungen. Schluß gegen 8 Uhr. politische Wochenschau. Gießen, den 2. Mai. Die Sclntlden des Reiches , wachsen ins Unheimliche, so datz selbst der neue Schatzsekretär Sydow und mit ihm bie einzelstaat- lichen Finanzminister ihr Erschrecken nicht mehr verbergen tonnen. Eine neue Milliarde Schulden stehen uns für die nächsten fünf Jahre in Aussicht. So liest man es in dem Bericht über die letzten Beratungen der Budgetkommission des Reicl)stages vom Donnerstag. Viel Tröstliches haben auch die Anträge nicht, die der Budgetkommission von den Abgeordneten Paasche und Erzberger in dieser Sitzung unterbreitet wurden; das ließ die Antwort des Reichs-Schatzsekretärs erkennen. Einig war man sich in der Kommission nur darüber, datz man von der bisherigen Anleihewirffchaft im Reiche unter allen Umständen (oskommen müsse. Aber wie? In der Budgetkommission scheint man bisher leider noch Nichts von der neuen sensationellen Entdeckung des gewesenen japanischen Finanzministers Sakata n i gehört zu haben. Mancher besorgte Staatsbürger und Steuerzahler wird gewißlich erleichtert aufatmen, «wenn er von dieser Entdeckung Sakatanis hört. Dieser findige Japaner ist der Mann der Zukunft, und seine Entdeckung gleicht wirklich bem berühmten Ei des Kolumbus. Sakatani hat seine neue Entdeckung am 30. März d. Js. vor der Oekonomischen Gesellschaft in Tokio bekannt gegeben. Er meint, daß ein findiger Finanzminister sich nicht damit begnügen müsse, Ersparnisse in den Ausgaben des Staates zu nrachen, er müsse es auch verstehen, mit Geld zu wirtschaften, das in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Um diesen Gedanken verständlich zu machen, weift Sakatani daraufhin, datz Baron Schibisuwa und Marquis Jnouyo srch von der Kontrolle der japanischen Finanzen zurückgezogen hätten, weil sie der Meinung waren,, baff nationale Unternehmungen der Entwickelung der Erwerbsquellen des Volkes folgen, aber nicht vorhergehen müßten. Dieser negativen Politik stellt Sakatani die positive der Fürsten Ito und Jamagata gegenüber, die mit nationalen Unternehmungen nicht erst so lange warte bis die Erwerbsquellen des Volkes sich entwickelt haben. Nach Sakatani müsse ein kluger Finanzmi nister beide Systeme zu gebrauchen verstehen, je nach den Umständen. Auf den geschickten Gebrauch von Fonds, die nur in der Theorie existieren, komme alles an. Man sieht, die Sache ist außerordentlich einfach, aber es wird doch, wie man gleichzeitig erkennt, seine Schwierigkeiten haben, diese japanische Entdeckung bei uns im Deutschen Reickie nutzbar zu machen. In Japan liegen die Verhältnisse eben anders, und der Jokohamaer Korrespondent der ,L3oss. Ztg.", der die Entdeckung des ehemaligen japanischen Finanz Ministers mitteilt, meint, daß Japan schon seit einiger Zeit stark mit solchen nur in der Theorie existierenden Fonds arbeite. Z. B. „mit dem Fonds von 8(1 Rtillionen, der aus einer noch erst aufzunehmenden Nationalanleihe bestand, die nicht aufgenommen werden konnte, so baff dieser rein theoretische Fonds wieder durch andere theoretische Fonds ersetzt werden muffte und heute wohl nur wenige sagen können, wo sich noch ein Nestchen greifbarer goldener Praxis befindet. Die Negierung muff für das Baumaterial zu der neuen papiernen Brücke, die ihr über die Em- lösung der neulich erwähnten 100 Millionen nationalen Kriegsanleihe-Bonds, alles in allem gerechnet, 8.56 v. H. Zinsen zahlen oder vielmehr anbieten, um das ihr fehlende bare Geld — das auch nur wieder Papier ist — zu bekommen." Schade, wirklich fchade, daß ein solches System nicht in jedem Staate anwendbar ist, um aus Finanztalamitaten herauszutommen. Bei uns im Deutschen Reiche wird man doch wohl auf andere Mittel und Wege sinnen müssen, um die Milliarden Schulden allmählig zu tilgen und den Neichsfinanzen eine sichere Grundlage zu geben. Mit diesen Fragen wird sich der Reichstag, der nun nach Beendigung der Osterferien seine Arbeiten wieder ausgenommen hat, natürlich nicht mehr beschäftigen. Es sind in den wenigen Tagen bis zu den großen Ferien, die schon am 8. Aöai be ginnen sollen, nur noch einige kleinere Vorlagen zu erledigen. Daß aber auch bei diesen Beratungen die Finanzfrage gestreift wird, ist nicht zu vermeiden, und sie wurde in der Sitzung am Donnerstag bei der Teuerungsvorlage sogar recht ergiebig erörtert. Zn finanziellen Erörterungen der verschiedensten Art gab in der verflossenen Woche auch die Herabsetzung des Dis- konts Veranlassung. Die Einen begrüßten sie als ein Zeichen normaler Zustände auf dem deutschen Geldmärkte, die Andern bemängelten das verhältnismäßig geringfügige der neuen Diskontherabsetzung, die uns gegenüber dem Auslande noch immer benachteiligt erscheinen lasse. Welche dieser Ansichten die richtige ist, mögen die Theoretiker und Praktiker des Finanzwesens entscheiden. Als ein Streit zwischen Theoretikern und Praktikern haben sich im Grunde genommen auch die Verhandlungen des liberalen Wahlvereins in Frankfurt a. M. erwiesen, und die Praktiker haben dort recht behalten. Die theoretische Formel eines Barth und Gerlach wirkt in einem gewissen Sinne recht dekorativ, aber es läßt sich mit ihr nicht immer praktische Politik treiben. Diese mutz allezeit das politisch Erreichbare mit in Rechnung ziehen. Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, haben Naumann und seine politischen Freunde auch das Nichtige getroffen. Diesen selben Geist atmet auch der gemeinsame W a h l a u f r u , der Freisinnigen zur bevorstehenden Landtagswahl in Preußen. Noch deutlicher als in diesem freisinnigen Wahlaufrufe ist die Politik des Erreichbaren im Wahlaufrufe der Nationalliberalen unterstrichen worden. Die Wahlaufrufe der preußischen Konservativen und Sozialdemokraten ist natürlich auf ganz anderen Grundlagen auf gebaut, und so sind die Kampsesstellungen der einzelnen politischen Parteien für die bevorstehenden Wahlschlachten schon jetzt ziemlich genau fixiert. In Berlin ist es jetzt nach langwierigen Verhandlungen endlich glücklich zu einer gewissen Einigung über die Lohnver- hältnisfe im Baugewerbe gekommen, damit ist der Friede im Baugewerbe wenigstens für die allernächste Zeit, auf zwei Jahre, gesichert. Der Schiedsspruch, denn um einen solchen handelt es sich bei dieser Einigung, besteht in der Hauptsache darin, daß Verschlechterungen in der Entlohnung nirgends eingefuhrt werden dürfen, und baff in allen Provinzen und felbständigen Lohnbezirken besondereSchiedsgerichte errichtet werden sollen, vor denen alle strittigen Fragen bis zum 16. Mai erledigt werden müssen. Die Einigung, wie sie durch diesen Schiedsspruch für zwei Jahre gesichert ist, kann als Vorläuferin eines Reichs- tarifs für das Baugewerbe angesehen werden, der denn hoffentlich bei den neuen Verhandlungen im Jahre 1910 erreicht wird. In der auswärtigen Politik bat es in der abgelaufenen Woche an aufregenden Momenten nicht ganz gemangelt. Während man sich in der Hauptstadt der habsburgischen Lande für die in den nächsten Tagen dort stattfindende einzig da- ftcheude Fürftenversammlung rüstet, zeigen die innerpolit. Verhältnisse Oesterreich-Ungarns wieder einmal ein sehr ernstes Gesicht. Es kriselt ganz bedenklich. Die Beziehungen zwischen Cis- und Transleithanien sind wieder einmal sehr gespannr, und die Lage in Galizien ist noch immer äußerst ernst. Es hat nicht den Anschein als wenn der zum Nachfolger des von ruthenischer Mörderhand gefallenen Statthalters Polocki ausersehene Bvbrczynski der Mann fei, einen friedlichen Ausgleich zwischen den Polen und Ruthenen herbeizuführen. Die Ruthenen sind aufs äußerste gegen ihre polnischen Unterdrücker erbittert, und es kann da leicht zu schlimmen Zusammenstößen kommen. Sehr gespannt sind neuerdings auch die Beziehungen zwischen Italien und Frankreich. In dem Konflikt, den Italien neulich mit der Türkei hatte, und der dank der deutschen HUfe sich so schnell und glatt erledigte, hatte Frankreich das befreundete Italien keineswegs unterstützt; ja, man glaubt in Noin berechtigten Grund zu der Annahme zu haben, daß Frankreich ui Konstantinopel der italienischen Diplomatie direkt entgegengearbeitet hat. An der Seine hatte man eine Zeittang wohl die Hoffnung, den Dreibung sprengen zu können, und die Freundschaftsbeteuerungen zwischen Frankreich und Italien ließen damals an lieber)diwang nichts zu wünschen übrig. Die Italiener sind indessen trotz ihrer Liebe zur französischen Schwesternation dem Dreibünde treu geblieben, und so scheint man denn in Frankreich der bloß platonischen Freundschaft zu Italien bald müde geworden zu sein. Um so heißer ist denn jetzt wieder die Liebe der Franzosen zu England. Nicht umsonst ist der sranzösische Ministerpräfident Clemenceau persönlich nach England geeilt, um seinem verstorbenen englischen Kollegen Campbell- Ban« nerman die letzten Ehren zu erweisen. Daß dieser Reise trotz .aller Ableugnung doch eine gewisse politische Bedeutung zukommt, darüber ist man sich wohl nirgend im Zweifel. König Eduard hat inzwischen seine Rundreise bei beit skandinavischen Höfen beendet und will nun auch noch dem Herrscher aller Reußen einen Besuch abstatten. Wo und wann, weiß man allerdings nicht, und es wäre auch gewißlich nicht ganz ungefährlich, so etwas in Rußland vorzeitig bekannt zu geben. Ohne politische Bedeutung wird diese Zusammenkunft zwischen König Eduard und dem Zaren nicht sein. Gerade jetzt gibt es der aktuellen Fragen genug, über die England und Rußland eine Verständigung zu suchen hätten. Man denke nur an Mazedonien und an die Unruhen an den Grenzen Persiens und Indiens. ______ «KerichtstzaaL. fc. Frankfurt a. M., 30. April. Der Unterzahlmeister Wilhelm Z ö r b vom 16 6. Regiment in Hanau verwaltete vom 10.—23. Dezember v. I. in Vertretung des beurlaubten Zahlmeisters Sachse die Kasse des 1. Bataillons. Am 21. Dezember, am Löhnungstage, hotte er 3765 Mk. auf der Reichsbank. Zirka 2300 Mk. davon zahlte er an die vier Feldwebel des Bataittons aus, mit dem Rest von 1500 Mk. beglich er ff’* genannte Stadtrechnungen. Wahrend Zörb noch mit der Umrechnung der Stadtrechnungen beschäftigt war, kam Feldwebel Spieß zurück mit dem Bemerken, er habe 100 Mk. zu viel erhalten, einem der anderen Feldwebel würden sie wohl fehlen. Nachdem Zörb mit der Auszahlung der Stadtrechnungen fettm War, sagte er zu einem Schreiber: „Die Sache mit den 100 Mk. hat sich aufgeklärt, sie fehlten mir selber." Nachdem aber der Feldwebel Krüger, der einen Teil seiner KornpagnieinanmaM des Osterurlaubs halber schom am Tage vorher aus eigens Mitteln entlohnt hatte, nach der entmutigen Entlohnung Kaist machte, sand er, daß ihm 100 Mk. fehlten. Am selben Zage, es war ein Samstag, konnte er den Unterzah'lmeister nckst mehr treffen, weil dieser nach Frankfurt gefahren war. Als Krüger am Won tag zu Zörb kam, stellte dieser in Abrede, datz er noch 100 Mk. habe, die dein Feldwebel gehörten, erbot sich aber, die Hälfte zu ersetzen, weil ihm die Sache unangenehm sei, denn er sollte demnächst zum Zahlmeister befördert werden. Krüger war mit dem Angebot nicht zufrieden und brachste, wie der Angeklagte behauptet, auf Betreiben des Zahlmeisters Sachte, den Vorfall zur Meldung. So kam Zörb wegen Unterschlagung vors Kriegsgericht der 21. Division, das am 20. März gegen ihn verhandelte. Er bestritt jede Schuld, aber Feldwebel Kruger beschwor, daß ihm 100 Mk. gefehlt hätten. Da sich Zörb durch das Angebot von 50 Mr. verdächtig gemacht hatte und außer* dein erwiesen wurde, daß er einen Hang zum Wirtshaus und außerdem mit Alimentenzahlungen zu tun hatte, kam das Gericht zur Ueberzeugung an seiner Schuld, verurteilte ihn zu vier Monaten Gefängnis und zur Degradation und verfügte seine sofortige Festnehmung. Zörb hatte gegen das Urteil Berufung ans Oberkriegsgericht eingelegt. Auch hier beteuerte er seine Unschuld, aber das Gerichc kam aus den Gründen des Vorderrichters zur Verwerfung der Berufung. Zörb, der aus Hochelheim bei Gießen ftammi, dient im 19. Jahre. Er stand früher bei den Artillericregv» meutern 63 und 27. Nach Verkündung des Urteils legte er auf dem Sekretariat: sofort Revision ans Reichsmilttärgericht ein. Achtung 2803 am 31 Dezember 1907. Radfahrer WMm Die Zahl der Mitglieder betrug Ende 1906 304 Während 1907 gingen zu von [2014 Bleichstrasie 7. Telephon 246. Vabnbofstrake 29. Balmbosstraske 29. Aerzilich empfohlen. 44 Bahnhofstrasse 44. 1737 y?J!° t w Itr Lonnenstr. 6. Tclevbon 235. Grotzherzogmm Hessen. ss8/, D ßm entflerrehLündra mil i enbgd iiiiniiiiuifl! MEYs Stoffwäsche mey&edlich,leipzig-plagwir , echte Wäschevon Mey& Edlich Während 1907 gingen ab Daher Stand der Mitglieder Ende 1907 Mk. n 2.— an 3.— „ 3.50 „ 0.18 „ 2.80 „ in Holstein (Bahnstation) Seefahrten, Seehunds- und Enten- j agrden. Wattenlaufen. Prospekte gratis durch Badekommission. bester, wetterbeständig. Fassadenputz in allen Farben liefert Ludwig Usinger Nachfolger, Wiesbaden Baumaterialieu'Grobbaudlnng, gegr. 1873. 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